Unstatistik des Monats: Sind hochbegabte Männer wirklich weniger konservativ?
DER SPIEGEL berichtet in einem aktuellen Beitrag über eine neue Studie, der zufolge „hochbegabte Männer weniger konservativ“ sind. Diese zugespitzte Botschaft hält einer genaueren Betrachtung jedoch nur eingeschränkt stand. Zwar finden die Autoren der Studie Unterschiede in den selbstberichteten Einstellungen zu konservativen Werten – allerdings nur bei Männern. Tatsächlich liegen dort alle ausgewerteten Teilgruppen zu Fragen ideologischer Subdimensionen (Ökonomischer Libertarismus, Konservativismus, Sozialismus und Liberalismus) auf einer Skala von eins bis fünf im Mittel zwischen 2,45 und 2,93. Gleichzeitig erwähnt der SPIEGEL-Bericht selbst, dass sich die Gruppen auf einer Skala zur politischen Selbsteinschätzung (von links bis rechts auf einer Skala von 1 bis 10) praktisch nicht unterscheiden: Alle Teilgruppen erreichen dort Durchschnittswerte zwischen 4,3 und 4,94. Das relativiert die Schlagzeile erheblich.
Die Daten erzählen eine andere Geschichte
Stattdessen zitiert DER SPIEGEL den Hauptautor der Studie mit den Worten: „Hier zeigte sich, dass die Gruppe der durchschnittlich begabten Männer dazu neigte, Werte zu befürworten, die mit Tradition und strenger sozialer Ordnung verbunden sind.“ Das verwundert etwas, denn die durchschnittlich begabten Männer hatten im Schnitt sogar etwas niedrigere Werte (bezüglich Tradition und Ordnung) als die Mitte der hier verwendeten Fünferskala[1]. Mit einem Durchschnittswert von 4,94 liegen sie auch einen halben Punkt links von der Mitte der Zehnerskala, auf der sie ihre politische Position zwischen links und rechts einschätzen sollten. Selbst durchschnittlich begabte Männer halten sich also – jedenfalls in der aktuellen Studie – eher nicht für konservativ und verorten sich politisch eher links als rechts.
Kleine Stichprobe, große Schlussfolgerungen
Die in der Studie analysierte Stichprobe ist mit 87 Hochbegabten und 71 Personen mit durchschnittlicher Begabung nach über 35 Jahren Paneldauer klein und selektiv, sodass die Ergebnisse mit Vorsicht zu interpretieren sind. Und selbst wenn sie verallgemeinerbar wären, sagen sie nichts über Ursache und Wirkung aus. Womöglich sind die politischen Einstellungen (auch) durch den sozialen Status oder das Einkommen der Befragten zu erklären, was wiederum mit deren Begabung und dem damit zusammenhängenden Bildungsniveau korrelieren könnte.
Signifikant, aber bedeutungslos?
DER SPIEGEL berichtet keine Effektgrößen, anders als die Originalstudie. Dort finden wir, dass sich nur ein relativ kleiner Teil der Unterschiede durch die Kombination aus Hochbegabung und Geschlecht erklären lässt. Das heißt: Die Unterschiede in den Zustimmungswerten zu konservativen Aussagen sind vorhanden, aber ziemlich gering. Was wiederum die Frage aufwirft, warum man sich ausführlich darüber auslassen muss, welche möglichen Gründe hinter diesen Unterschieden stecken – oder gar welchen politischen Einfluss es auf die Gesellschaft haben könnte, wenn Hochbegabte tendenziell in einflussreicheren Positionen sind. Vermutlich keinen.
Der SPIEGEL-Artikel behauptet auch beiläufig, „allgemeinere Studien" hätten gezeigt, dass höhere Intelligenz mit einer „linksgerichteten Orientierung" zusammenhänge. Wer dem entsprechenden Link im Online-Artikel folgt, landet allerdings wieder bei derselben Studie, die gerade besprochen wird. Eine unabhängige Quellenprüfung hat offenbar nicht stattgefunden.
Sozial, liberal, egal?
Noch aufschlussreicher ist ein Blick auf das, was DER SPIEGEL nicht berichtet, obwohl es sich aus den berichteten Ergebnissen der Studie leicht berechnen lässt. Wie verhalten sich die vier untersuchten politischen Subskalen eigentlich zueinander – und nicht nur im Gruppenvergleich? Die Antwort lautet: Sämtliche untersuchten Teilgruppen, also hoch- und durchschnittlich begabte Männer ebenso wie entsprechend begabte Frauen, erzielen signifikant höhere Werte auf den Skalen Sozialismus und Liberalismus als auf der Skala Konservatismus.
Der Liberalismus-Wert liegt zudem in fast allen Gruppen signifikant über dem Sozialismus-Wert; lediglich bei hochbegabten Frauen und durchschnittlich begabten Männern verfehlt dieser Unterschied knapp das Signifikanzniveau.
Mit anderen Worten: Alle Teilgruppen tendieren eher zum Liberalismus oder Sozialismus als zum Konservatismus – und dieser Unterschied zwischen den Skalen ist weit größer als der Unterschied zwischen den Gruppen, um den es in der Schlagzeile geht.

Zur Abbildung bei Datawrapper: https://www.datawrapper.de/_/J2gQi/
Das Beispiel der „durchschnittlich begabten, konservativen Männer“ zeigt, wie ein einzelner, statistisch signifikanter, aber praktisch kaum bedeutsamer Unterschied zur Schlagzeile wird, die suggeriert, dass höhere (männliche) Intelligenz tendenziell vor konservativen Ansichten schütze. Schon ein Minimum an kritischem Denken führt beim Lesen der Studie zu der Erkenntnis, dass sich Hochbegabte und durchschnittlich begabte Erwachsene in ihren politischen Einstellungen insgesamt kaum unterscheiden. Der eigentlich auffällige Befund bleibt hingegen unerwähnt: Alle Befragten neigen mehr zum Liberalismus als zum Konservatismus (und Sozialismus). Das wäre vielleicht sogar die interessantere Geschichte – nur nicht unbedingt die aufmerksamkeitsstärkere.
Ihr/e Ansprechpartner/in dazu:
Dr. Katharina Schüller, katharina.schueller@stat-up.com
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Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik.
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[1] Ursprünglich handelt es sich um vier Subskalen, die jeweils von 1 bis 4 reichen und dann kombiniert werden (vgl. https://zis.gesis.org/skala/Ulrich-Politische-Ideologien%28POLID%29?lang=de).