RWI-Konjunkturbericht: Trotz Energiepreisschock: Industrie zeigt sich robust – Inflation greift auf immer mehr Branchen über
Essen, 15. Juni 2026. Die deutsche Wirtschaft setzt ihre Erholung fort, allerdings deutlich langsamer als noch zu Jahresbeginn erwartet. Das RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung prognostiziert für die Jahre 2026 und 2027 jeweils einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um 0,8 Prozent. Während die Industrie von einer Belebung der Exporte und zusätzlichen staatlichen Investitionen profitiert, belasten die Folgen des Iran-Krieges Konsum und Investitionen.

Inflationsimpuls breitet sich in der gesamten Wirtschaft aus
Die unmittelbaren Auswirkungen des Konflikts zeigen sich zunächst bei Rohöl, Kraftstoffen und Transportkosten. Nach Einschätzung des RWI werden die Folgen des Energiepreisschocks jedoch zunehmend auch in anderen Bereichen sichtbar. Unternehmen sehen sich mit höheren Energie-, Logistik- und Vorleistungskosten konfrontiert und geben diese schrittweise an ihre Kunden weiter.
Das RWI erwartet deshalb, dass die Preise vieler Waren und Dienstleistungen in den kommenden Monaten verstärkt steigen werden. Die Inflationsrate dürfte im Jahr 2026 bei 3,1 Prozent liegen. Auch im Jahr 2027 bleibt sie mit 2,9 Prozent deutlich erhöht. Besonders bemerkenswert ist, dass die Kerninflation – also die Preisentwicklung ohne Energie und Nahrungsmittel – hoch bleibt. Dies deutet darauf hin, dass sich der Preisdruck zunehmend von den Energiemärkten auf die Breite der Wirtschaft verlagert.
„Der aktuelle Inflationsschub beschränkt sich nicht auf Kraftstoffe und Energie. Die höheren Kosten arbeiten sich zunehmend durch die Wertschöpfungsketten und werden bei immer mehr Waren und Dienstleistungen sichtbar werden“, sagt Torsten Schmidt, RWI-Konjunkturchef.
„Viele Unternehmen haben ihre gestiegenen Kosten bislang nur teilweise weitergegeben. Deshalb ist davon auszugehen, dass weitere Preissteigerungen noch bevorstehen.“
Der anhaltende Inflationsdruck belastet die Kaufkraft der privaten Haushalte. Zwar sind die real verfügbaren Einkommen zu Jahresbeginn noch gestiegen, in den kommenden Monaten dürfte sich diese Entwicklung jedoch umkehren. Entsprechend erwartet das RWI eine schwache Entwicklung des privaten Konsums.
Industrie bleibt überraschend widerstandsfähig
Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen entwickelt sich das Verarbeitende Gewerbe robuster als erwartet. Die Industrieproduktion wurde im ersten Quartal ausgeweitet, die Auftragseingänge legten zu und die Exporte stiegen gegenüber dem Vorquartal um 3,3 Prozent. Damit trägt die Industrie wesentlich dazu bei, dass die deutsche Wirtschaft auf dem leichten Wachstumskurs bleibt.
Teilweise profitieren deutsche Unternehmen derzeit davon, dass asiatische Wettbewerber stärker unter den Folgen der Blockade der Straße von Hormus leiden. Lieferengpässe und höhere Energiekosten beeinträchtigen dort die Produktion. Das RWI geht jedoch davon aus, dass dieser Effekt nur vorübergehend wirkt und die höheren Energiekosten langfristig auch die deutsche Industrie belasten werden.
„Die Industrie zeigt sich bislang deutlich widerstandsfähiger, als viele nach Ausbruch des Iran-Krieges erwartet hatten“, so Schmidt. „Sie trägt zur Stabilisierung der Konjunktur bei, kann die Belastungen durch die steigenden Preise aber nicht vollständig kompensieren.“
Erholung setzt sich fort, bleibt aber schwach
Für das zweite Quartal 2026 erwartet das RWI eine Stagnation der Wirtschaftsleistung. Erst mit dem allmählichen Nachlassen des Inflationsdrucks dürfte die zugrunde liegende wirtschaftliche Dynamik wieder stärker zum Tragen kommen. Impulse werden dann insbesondere von der Industrie, einer Belebung der Exporte sowie zusätzlichen öffentlichen Investitionen in Infrastruktur, Klimaneutralität und Verteidigung ausgehen.
Ihre Ansprechpartner dazu:
Prof. Dr. Torsten Schmidt, torsten.schmidt@rwi-essen.de, Tel.: (0201) 8149-287
Dr. Niels Oelgart (Kommunikation), niels.oelgart@rwi-essen.de, Tel.: (0201) 8149-213
Alexander Bartel (Kommunikation), alexander.bartel@rwi-essen.de, Tel.: (0201) 8149-354
Pressefoto von Prof. Dr. Torsten Schmidt zum Download
Quellenangabe: Sven Lorenz/RWI
Dieser Pressemitteilung liegt der RWI-Konjunkturbericht 2/2026 zugrunde. Weitere Informationen zur RWI-Konjunkturberichterstattung: https://www.rwi-essen.de/forschung-beratung/kompetenzbereiche/wachstum-konjunktur-oeffentliche-finanzen/hightlight-themen/konjunkturprognose.
Über das RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung:
Das RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung ist ein führendes Zentrum für wirtschaftswissenschaftliche Forschung und evidenzbasierte Politikberatung in Deutschland und Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Die Forschung des RWI wird durch einen international besetzten wissenschaftlichen Beirat kritisch begleitet. Zudem wird das Institut regelmäßig durch den Senat der Leibniz-Gemeinschaft evaluiert. Die Forschungsarbeiten des RWI basieren auf neuesten theoretischen Konzepten und moderne empirischen Methoden.