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Unstatistik des Monats: Auf den Kontext kommt es an

Eine Tabelle zu drei VW-Werken wird als selbsterklärend verkauft, obwohl wesentlicher Kontext fehlt. Doch auch ihre Kritiker – ein LinkedIn-Kommentator und der VW-Betriebsrat – arbeiten mit fragwürdigen Schlüssen.

Nicolai Tangen, Chef des norwegischen Staatsfonds, postete auf LinkedIn eine offenbar selbst erstellte, auf Englisch übersetzte Tabelle mit Zahlen aus einem internen Volkswagen-Papier, über das zuerst die BILD-Zeitung berichtet hatte. Inspiration für Tangens Kommentar – „This table speaks for itself!“ – war wohl ein Beitrag vom Account World of Statistics auf der Plattform X, der diese Zahlen ohne weitere Einordnung präsentiert. Die Tabelle vergleicht drei VW-Werke: Emden, Palmela in Portugal und Tianjin in China. Ein Beschäftigter im deutschen Emden fertigt pro Jahr 29 Fahrzeuge, im chinesischen Tianjin 51,3 – knapp 80 Prozent mehr!

Quelle: Nicolai Tangen, LinkedIn: https://lnkd.in/p/etBkc9nj. 

Ein vielfach gelikter Kommentar unter dem Post hält dagegen: Ohne Kontext spreche diese Tabelle gerade nicht für sich; man müsse ganz anders vergleichen. Damit hat der Verfasser nicht ganz unrecht. Er rechnet die Werte auf Arbeitsstunden um und setzt die Kostenlücke ins Verhältnis zum Verkaufspreis – wie auch ein Artikel auf dem französischen Vergleichsportal JeChange. Doch auch die Gegenvergleiche erzählen nur einen Teil der Wahrheit.

Fehler 1: Unklare Verhältnisse

Die Zeile „Fahrzeuge pro Beschäftigten“ legt nahe, dass in Tianjin fast doppelt so schnell gearbeitet wird wie in Emden. Teilt man aber die Stunden durch die produzierten Fahrzeuge, braucht Emden etwa 44 Arbeitsstunden pro Auto, Tianjin etwa 40 und Palmela etwa 36.

Zudem ist Tangen offenbar ein Übersetzungsfehler passiert: Die Tabelle spricht von „annual effective working hours“, die deutschen Medien von „angebotenen Arbeitsstunden“. In den 1.282 Stunden ist also der Krankenstand noch nicht abgezogen. Geleistet werden in Emden dann rund 1.150 Stunden (10,5 Prozent weniger), in Tianjin rund 2.040. Somit werden im deutschen wie im chinesischen Werk jeweils 40 Stunden für die Produktion eines Autos benötigt. Die Produktivität pro Stunde ist dann praktisch gleich (39,6 gegenüber 39,9 Stunden je Auto) und unterscheidet sich nicht um den durch die Tabelle suggerierten Faktor 1,8.

Andererseits passen die 29 Autos pro Kopf nicht zu den Werksdaten. Emden hat rund 7.700 Mitarbeitende und fertigte 2025 rund 147.000 Fahrzeuge, also 19 pro Kopf. VW hat zudem die Kapazität in Emden im Frühjahr 2026 gedrosselt und fährt sie seit September wieder hoch. Ein schwach ausgelastetes Werk verteilt seine Fixkosten auf weniger Autos. Wie stark sich Auslastung, Variantenzahl und Anlaufphasen auswirken, zeigt der Vergleich innerhalb Deutschlands: Nach einer Darstellung des VW-Betriebsrats hat das günstigste der acht deutschen Pkw-Werke etwa ein Drittel der Kosten des teuersten, obwohl die Tariflöhne für alle gelten. Dieser Abstand ist sogar größer als der zwischen Emden und Palmela.

Fehler 2: Begriffliche Lücken

Der Kommentar folgert, die „Produktivitätslücke“ verschwinde weitgehend. Die Produktivitätslücke ja, die Kostenlücke nicht. Denn die Stunde in Emden kostet das Sechsfache. Pro Auto fallen in Emden rund 3.270 Euro Arbeitskosten an (44 bezahlte Stunden mal 74 Euro), in Tianjin rund 480 Euro (40 bezahlte Stunden mal 12 Euro). Um auf die Fabrikkosten zu kommen, die in Tianjin rund drei Viertel unter denjenigen von Emden liegen, werden auf die direkten und produktnahen indirekten Personalkosten noch Energie, Instandhaltung, Logistik und Abschreibungen aufgeschlagen – also alles außer dem Material.

Aber auch die 74 Euro lassen sich leicht missverstehen. Es sind Arbeitskosten, also Bruttoverdienste und Lohnnebenkosten, je Fertigungsstunde, einschließlich aller Sozialabgaben, Betriebsrenten etc. – und eben kein Stundenlohn, auch wenn viele Medien es so nennen. Ein erheblicher Teil davon sind Sozialversicherungsbeiträge; auch die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ist darin enthalten.

Das führt zum Thema Krankenstand. Krankenstandsquoten sind zwischen Ländern schwer vergleichbar. Deutschland erfasst seit 2022 jede Krankmeldung elektronisch, laut OECD erklärt das einen Teil des hohen Niveaus. Ein Prozent Krankenstand in Tianjin dürfte mehr über die Wirkung von Meldesystemen und Lohnfortzahlung aussagen als über die Gesundheit der Belegschaft.

Fehler 3: Schöngerechnete Kosten

Weiterhin argumentiert der Kommentator, die Lücke betrage nur rund zehn Prozent des Verkaufspreises – was ohne weitere Informationen ebenfalls keinen Schluss zulässt, ob diese Kosten tragbar sind. Bei Umsatzrenditen im niedrigen einstelligen Bereich entscheiden zehn Prozent des Preises darüber, ob ein Modell Gewinn oder Verlust macht.

Ganz ähnlich hat der VW-Betriebsrat schon im August, noch vor dem BILD-Bericht, in einem Extrablatt seiner Mitarbeiterzeitung verkürzt vorgerechnet: Die Fabrikkosten machten nur rund ein Siebtel der Gesamtkosten eines Autos aus, davon entfielen zwei Drittel auf Personal. Selbst eine Halbierung des Haustarifs würde ein Auto deshalb nur um etwa fünf Prozent billiger machen. Rechnerisch ist das korrekt, aber betriebswirtschaftlich fressen fünf Prozent der Gesamtkosten nahezu die gesamte Marge auf.

Umgekehrt fehlt ein wichtiger Aspekt: Emden baut Elektroautos für Europa, Tianjin vor allem Verbrenner für China. Für die Standortfrage kommt es auf die Kosten bis zum Kunden an, einschließlich Transport und Zöllen. Wenn der Markt für ein Auto auf der anderen Seite des Globus liegt, kann dies den Kostenvorteil einer Produktionsverlagerung deutlich schrumpfen lassen.

Der fehlende Kontext

Dass die Fertigung in Deutschland teuer ist, bestreitet niemand. Nur: Oliver Wyman beziffert die Arbeitskosten je Fahrzeug in Deutschland auf durchschnittlich 3.307 Dollar, bei einzelnen VW-Modellen auf bis zu 8.000 Dollar. Emden liegt mit rund 3.270 Euro im deutschen Durchschnitt, der VW-Konzern insgesamt weit darüber. Das Problem heißt womöglich weniger Emden als Volkswagen – was allerdings eine andere Debatte wäre.

Also alles nur Statistik-Tricksereien? 1975 erschien in London ein schmales Handbuch mit dem Titel „Statistics for Bargainers“. Karl Hedderwick hatte es für die Reihe „Trade Union Industrial Studies“ geschrieben, für Tarifverhandler, Betriebsräte und Gewerkschaftsmitglieder. Es sollte ihnen beibringen, Inflationsraten, Produktivitätsstatistiken und Unternehmensbilanzen so zu lesen, dass sie den Zahlen der Arbeitgeberseite am Verhandlungstisch etwas entgegensetzen können. Gut fünfzig Jahre später scheint das Ziel erreicht: Der Vorstand rechnet pro Kopf, der Betriebsrat pro Gesamtkosten, der Kommentator auf LinkedIn pro Verkaufspreis. Alle Seiten präsentieren diejenige Statistik, die ihre Argumentation stützt.

Wer solche Statistiken interpretieren möchte, sollte vor allem hinterfragen, was in einer Kennzahl steckt und was nicht – und welchen Kontext der Absender lieber weggelassen hat. Denn eines gilt unbedingt, nicht nur im Tarifkonflikt: Statistiken sprechen nicht für sich selbst.


Ihr/e Ansprechpartner/in dazu:

Dr. Katharina Schüller (STAT-UP), katharina.schueller@stat-up.com 

Alexander Schlösser (RWI-Kommunikation), Tel.: (0201) 8149-354, alexander.schloesser@rwi-essen.de   


Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik. 

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