Smartphone – Wir „swipen“ uns in die Auslöschung
Eine neue Studie von Wissenschaftlern der University of Cincinnati zeigt, dass die Einführung des Smartphones mit einem Einbruch der Fertilität in 19 entwickelten Ländern einherging. Die Ergebnisse sorgten international für Aufmerksamkeit. Ein Bericht der Financial Times über diese Ergebnisse wurde in den sozialen Medien dankbar aufgegriffen und führte zu hitzigen Diskussionen über die schädlichen Wirkungen der digitalen Welt. Demnach würden Smartphones die anstrengenden interpersonellen Interaktionen durch „reibungslose, algorithmisch perfektionierte Dopamin-Snacks“ ersetzen. Die Folge seien sexuelle Dysfunktionen und damit fallende Geburtenraten. „Wo der Bildschirm das Leben übernimmt, bleibt der Nachwuchs aus“ – „wir swipen uns schlichtweg in die Auslöschung“. Andere interpretieren das als gute Nachricht – wir Menschen würden den Planeten ohnehin unbewohnbar machen. In diesem Licht seien fallende Geburtenraten eine gute Nachricht!
Was die Studie wirklich zeigt
In diesen Diskussionen wird das eigentliche Ergebnis der Studie jedoch weitgehend ignoriert. Bereits der Titel der Studie legt nahe, dass mit der Verbreitung des Smartphones die (überwiegend ungewollte) Geburtenrate von Teenagern stark zurückgegangen ist. Für die Gruppe der 15- bis 19-jährigen Frauen führte die Verbreitung des Smartphones zu einem dramatischen Einbruch der Geburtenrate, für die Gruppe der 20- bis 24-jährigen Frauen zu einem leichten Rückgang. Für Frauen im Alter von mehr als 25 Jahren, die für etwa 80 Prozent aller Geburten verantwortlich sind, fand sich hingegen kein Effekt.
Das sind also sehr gute Nachrichten: Mit dem Smartphone geht die Anzahl der ungewollten Schwangerschaften von Teenagern zurück. Das Papier zeigt jedoch auch einen anderen, bedenklichen Zusammenhang, der in den Diskussionen in Social-Media-Diskussionen weitgehend ignoriert wird: Die Verbreitung des Smartphones geht zugleich mit einem Anstieg der Selbstmordrate unter Teenagern einher.
Nicht alles, was zusammenfällt, hängt zusammen
Aufmerksame Leser der Unstatistik werden sofort anmerken, dass es sich hierbei lediglich um eine Korrelation und nicht um einen kausalen Zusammenhang handelt. Das ist richtig. Die Autoren können jedoch mit verschiedenen Daten und methodischen Ansätzen viele alternative Erklärungsansätze ausschließen. Weder politische Maßnahmen zur besseren Aufklärung von Teenagern, noch die Finanzmarktkrise, die mit der Einführung des Smartphones zusammenfiel, noch der staatlich geförderte verbesserte Zugang zu Verhütungsmitteln können die beobachteten Daten hinreichend erklären.
Die Autoren zeigen überzeugend, dass die fallende Geburtenrate mit einer durch das Smartphone veränderten Zeitverwendung von Teenagern erklärt werden kann. Dabei hat die mit dem Smartphone verbrachte Zeit durchaus zwischenmenschliche Aktivitäten verdrängt. Die Autoren zeigen jedoch auch, dass das Smartphone den Rückgang der Geburtenrate unter Teenagern zwar beschleunigt, ihn aber nicht verursacht hat.
Im Homeoffice bleibt offenbar Zeit für mehr als Arbeit
Wird sich die Menschheit mit dem Smartphone über kurz oder lang selbst auslöschen? Vielleicht – aber nicht wegen des Smartphones oder der zunehmenden Digitalisierung. Letztere ermöglicht es schließlich, mehr Zeit im Homeoffice zu verbringen. Nach neuesten empirischen Erkenntnissen erhöht mehr Homeoffice wiederum die Fertilität. Dass es sich dabei um einen kausalen Zusammenhang handelt, ist an und für sich überzeugend, denn im Homeoffice erledigt man nebenbei sicherlich nicht nur kleinere Hausarbeiten
Ihr/e Ansprechpartner/in dazu:
Prof. Dr. Thomas Bauer, thomas.bauer@rwi-essen.de
Alexander Bartel (Kommunikation), Tel.: (0201) 8149-354, alexander.bartel@rwi-essen.de
Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik.
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