Krankenhaus Rating Report 2026: Krankenhäuser, Krankenkassen und Kommunalfinanzen unter Druck
Die Erkenntnisse in Kürze:
Status quo
• Der deutsche Gesundheitsmarkt wuchs 2024 auf ein Volumen von 538 Milliarden Euro, was einem Anteil von 12,4 Prozent am Bruttoinlandsprodukt entspricht. Für 2025 wird sogar ein Anstieg auf rund 580 Milliarden Euro (13,0 Prozent des BIP) erwartet.
• Die wirtschaftliche Lage der Kliniken war im Jahr 2024 sehr angespannt: Die Hälfte der Krankenhäuser schrieben einen Jahresverlust (2020: 28 Prozent). Das durchschnittliche Jahresergebnis lag bei minus 0,6 Prozent der Erlöse und es gab deutlich mehr Insolvenzen im Zeitraum von 2023 bis 2025 als in früheren Jahren.
• In den Jahren 2025 und 2026 ist jedoch mit einer Verbesserung der Lage zu rechnen. Auch bereits geprüfte Jahresabschlüsse des Jahres 2025 von Solidaris zeigen eine Erholung. Dennoch reicht bei der Hälfte der Kliniken die Liquidität für weniger als anderthalb Wochen, erforderlich wären mindestens vier.
• Die Insolvenzwahrscheinlichkeit der Krankenhäuser stieg 2024 auf hohe 2,2 Prozent. 22 Prozent der Kliniken befanden sich im roten Bereich mit erhöhter Insolvenzgefahr, 30 Prozent im gelben und nur 48 Prozent im grünen Bereich. Im Jahr 2026 rechnen wir dagegen mit einer geringeren Insolvenzwahrscheinlichkeit von 1,7 Prozent.
• Die Zahl der stationären Fälle ist im Jahr 2024 mit 2,0 Prozent erneut stark gestiegen. Hinzu kamen erstmals eine größere Zahl an Hybrid-DRG. Im Jahr 2025 war fast 2 nur noch im Bereich der Hybrid-DRG ein Zuwachs zu verzeichnen, während die stationäre Fallzahl nahezu unverändert blieb.
• Die Investitionsfördermittel der Länder stiegen im Jahr 2024 um über neun Prozent auf 4,24 Milliarden Euro. Das ist erfreulich, reicht jedoch weiterhin nicht aus: Bezogen auf die Erlöse lag ihr Anteil lediglich bei 3,7 Prozent – erforderlich für den Erhalt und zur Weiterentwicklung der Unternehmenssubstanz wären jedoch 7 bis 8 Prozent. Die Folge ist ein Substanzverzehr, insbesondere in Ostdeutschland. Dortige Häuser haben das niedrige Substanzniveau der westdeutschen Krankenhäuser inzwischen fast erreicht.
• Kliniken in privater und freigemeinnütziger Trägerschaft schneiden im Rating deutlich besser ab als öffentlich-rechtliche Häuser. Letztere konnten bisher auf finanzielle Unterstützung von ihren kommunalen Trägern hoffen, doch deren Finanzierungssalden rutschen aufgrund der gesamtwirtschaftlichen Stagnation immer stärker ins Defizit. Wir gehen davon aus, dass 22 Prozent der kommunalen Kliniken einen Träger mit einer so hohen Schuldenlast haben, dass sie bald Schwierigkeiten bekommen werden, ihren Betrieb auf Dauer fortführen zu können.
• Personal ist ein zentraler Kosten- und Erfolgsfaktor: Im Jahr 2024 wurde die Grenze von einer Million Vollzeitkräften in Krankenhäusern erstmals überschritten. Ihre Zahl war damit um 9,3 Prozent höher als 2019, während die stationäre Fallzahl um 9,6 Prozent unter dem Niveau von 2019 lag. Damit sank gegenüber 2019 die Zahl der Fälle je Vollkraft um rund 20 Prozent.
Projektion
• Demografisch bedingt wird die Nachfrage nach Krankenhausleistungen zwar steigen, jedoch wird ein zunehmender Teil der Leistungen ambulant erbracht, sodass die stationären Fallzahlen tendenziell sinken werden.
• Im Basisszenario schreiben wir die Gewinn- und Verlustrechnungen der Krankenhäuser unter der aktuellen Gesetzeslage fort. Wir rechnen mit einer Verbesserung der Lage in den Jahren 2025 und 2026: Nur noch 31 Prozent bzw. 22 Prozent der Krankenhäuser erwirtschaften einen Jahresfehlbetrag. Unter anderem aufgrund des Wegfalls des 3,25-prozentigen Rechnungsaufschlages wird sich 2027 die Lage allerdings kurzeitig verschlechtern, bevor sich mittelfristig die positiven Effekte der Krankenhausreform (KHVVG und KHAG) zeigen.
• Die geplanten Erlöskürzungen des GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetzes (GKV-BStabG) führen hingegen ab 2027 zu einer drastischen Verschlechterung: Der Anteil der Kliniken mit einem Verlust würde auf 60 Prozent springen und bis 2030 auf 68 Prozent ansteigen. Die Umsatzrendite würde auf etwa -2 Prozent fallen. Um dies zu vermeiden, müssen Krankenhäuser ebenfalls ihre Kosten senken, insbesondere ihre Personalkosten bis 2030 um 8 bis 9 Prozent (außer in der Pflege).
• Sollte dies nicht gelingen, steht für viele Standorte die Schließung bevor. Der Report identifiziert circa 400 mittelfristig „gefährdete“ Standorte. Im Status quo ist die Erreichbarkeit der Krankenhäuser sehr gut; nur 1,7 Prozent der Bevölkerung haben einen Anfahrtsweg zu einem Allgemeinkrankenhaus von mehr als 30 Minuten. Eine Schließung der gefährdeten Häuser würde für weitere 5,2 Prozent der Bevölkerung den Anfahrtsweg auf über 30 Minuten erhöhen.
• Eine Reduktion der Betriebskosten ließe sich auch dadurch erreichen, dass Krankenhäuser mit geringeren Kosten die Leistungen der Krankenhäuser mit höheren Kosten übernehmen. Eine Überschlagsrechnung zeigt, dass 30 Prozent des Krankenhausumsatzes auf diese Weise umverteilt werden müsste, um im Gesamtmarkt wieder eine positive Umsatzrendite von 1,0 Prozent im Jahr 2030 zu erzielen. Dies beträfe ungefähr 500 Standorte.
Handlungsempfehlungen und Forderungen
• Aufgrund der seit längerer Zeit prekären gesamtwirtschaftlichen Lage müssen die Ausgabenzuwächse der Sozialversicherungen, darunter der GKV, spürbar vermindert werden. Eine damit verbundene Reduktion der Erlöse der Krankenhäuser muss jedoch durch eine entsprechende Reduktion ihrer Betriebskosten aufgefangen werden, wenn man Betriebsaufgaben in großem Stil vermeiden bzw. die Transformation zu effizienteren Strukturen aktiv gestalten will.
• Um die Transformation der Krankenhausstrukturen zusätzlich zum KHVVG anzuregen, schlagen wir als weitere konkrete Maßnahme vor, den bis Oktober 2026 befristen Rechnungsaufschlag in einen Strukturzuschlag umzuwandeln, der abhängig von der in einem Bundesland erzielten Bettendichte ausgezahlt wird. Er würde einen Anreiz für Bundesländer schaffen, eine günstigere Krankenhausstruktur anzustreben. Eine damit erzielbare Reduktion der stationären Fallzahlen könnte sogar dazu führen, dass sich der Strukturzuschlag selbst finanziert.
• Ein stetiger Aufwuchs von regulatorischen Vorgaben und die Anhebung von Standards in Kombination mit bürokratischen Erfordernissen haben die Fixkosten von Krankenhäusern steigen lassen, insbesondere im Personalbereich.
• Wir sehen es daher als dringend geboten, den Krankenhausbetrieben mehr Gestaltungsfreiheit zu geben, um aus eigener Kraft ihre Betriebskosten senken zu können. Der Fokus sollte künftig stärker auf Ergebnisorientierung anstatt auf Struktur- und Prozessvorgaben, wie beispielsweise bundesweit einheitliche Pflegepersonaluntergrenzen (PPUG) auf Abteilungsebene, liegen. Dies muss durch einen konsequenten Abbau von Bürokratie flankiert werden. Beispiele hierfür sind das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz und Anerkennungsverfahren für internationale Talente aus Drittstaaten. Denn in einer seit dem Jahr 2019 stagnierenden Volkswirtschaft können mangels Ressourcen Standards nicht hochgefahren werden. Stattdessen braucht es eine Rückbesinnung auf Standards der 2010er Jahre.
• Schließlich müssen starke Kostentreiber wie das auf Selbstkostendeckung beruhende Pflegebudget neu justiert werden.
„Die wirtschaftliche Lage der Krankenhäuser dürfte sich aktuell verbessert haben“, sagt RWI-Gesundheitsexperte Boris Augurzky. „Aber mit dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz stehen im nächsten Jahr erhebliche Erlöseinbußen der Krankenhäuser an“. „Bis zum Jahr 2030 rechnen wir bei rund 70 Prozent der Kliniken mit einem Jahresverlust. Dem müssen die Häuser mit einer entsprechenden Reduktion ihrer Betriebskosten begegnen können. Dazu benötigen sie mehr Gestaltungsfreiheit. Alternativ geschieht dies dadurch, dass Standorte mit hohen Betriebskosten schließen“, so Augurzky.
„Die Politik muss dabei Leitplanken setzen, um Versorgungsengpässe für die Bevölkerung zu vermeiden“, ergänzt Adam Pilny, Gesundheitsökonom der hcb.
Datengrundlage des Reports ist eine Stichprobe von 430 Jahresabschlüssen aus dem Jahr 2024 sowie eine Sonderauswertung von 125 geprüften Jahresabschlüssen aus dem Jahr 2025. Sie umfassen zusammen 864 Krankenhäuser.
Ihre Ansprechpartner:
Prof. Dr. Boris Augurzky (RWI), Tel.: +49 (0)201 81 49-203
Dr. Niels Oelgart (Kommunikation RWI), Tel.: +49 (0)201 81 49-213
Dr. Adam Pilny (hcb), Tel.: +49 (0)201 29 39 3000
Dieser Pressemitteilung liegt die Studie "Krankenhaus Rating Report 2026 – Flucht nach vorne“ zugrunde. Sie enthält unter anderem zahlreiche grafisch aufbereitete Darstellungen und Krankenhausbenchmarks. Die Studie kann für 369 Euro inkl. 7 Prozent MwSt. beim Verlag medhochzwei (www.medhochzwei-verlag.de) bestellt werden (Buch inkl. eBook, ISBN 978-3-98800-213-6). Sie ist auch als reines eBook (329 Euro, ISBN 978-3-98800-214-3) oder im Online-Abonnement (329 Euro, inkl. Archivmaterial seit 2012, ISBN 978-3-98800-215-0) erhältlich. Sämtliche Grafiken und Tabellen sind auch separat als Download verfügbar (898 Euro, Bestell-Nr. 386216073).
Über das RWI:
Das RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung ist ein führendes Zentrum für wirtschaftswissenschaftliche Forschung und evidenzbasierte Politikberatung in Deutschland und Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Die Forschung des RWI wird durch einen international besetzten wissenschaftlichen Beirat kritisch begleitet. Zudem wird das Institut regelmäßig durch den Senat der Leibniz-Gemeinschaft evaluiert. Die Forschungsarbeiten des RWI basieren auf neuesten theoretischen Konzepten und moderne empirischen Methoden.