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Unstatistik des Monats: Wie eine Zahl die Wehrpflicht-Debatte prägt

Mit dem aktuellen Wachstum verfehle die Bundeswehr ihr Ziel von 255.000 Soldaten bis 2035, rechnet die NZZ vor – und folgert, die Wehrpflicht sei „nahezu unausweichlich“. Doch die Rechnung basiert auf einer einzigen, selektiv gewählten Zahl und ignoriert neuere Daten, prozentuales Wachstum und den Wachstumseffekt über die Zeit. Ein Lehrstück über Scheingenauigkeit und die Instrumentalisierung von Statistik.

Die Bundeswehr wächst – so viel ist klar. Zum 31. Juli 2026 dienten rund 186.700 Soldatinnen und Soldaten in der Truppe, so viele wie seit über einem Jahrzehnt nicht mehr. Auch die Bewerbungen steigen deutlich: Bis Juli 2026 gingen rund 47.300 Bewerbungen ein, ganze 26 Prozent mehr als im Vorjahr.Das Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) rechnet mit weiter steigenden Zahlen. 

Die Prognose: lineare Extrapolation als „Beweis“

Doch eine Analyse der Schweizer Tageszeitung NZZ kommt zu alarmierenden Schlüssen: Sie rechnet vor, dass dieses Wachstum bei weitem nicht ausreiche, um das politische Ziel von mindestens 255.000 aktiven Soldaten bis 2035 zu erreichen. Ausgangspunkt ihrer Rechnung ist der von 2024 auf 2025 vermeldete Anstieg der Bundeswehrsoldaten um 3.020 Personen. Würde die Bundeswehr weiterhin jedes Jahr um so viele Soldaten wachsen, käme sie bis 2035 auf lediglich 214.394 Soldaten. Es fehlten also mehr als 40.000 Personen. Daraus folgert der Artikel, die Wiedereinführung der Wehrpflicht sei „ab Ende der 20er-Jahre wahrscheinlich“, ja „nahezu unausweichlich“. 

Dergleichen Trendextrapolationen sind in aller Regel irreführend und sachlich nicht gerechtfertigt. Das wusste schon Mark Twain. „Binnen 170 Jahren hat sich der untere Mississippi um 240 Meilen verkürzt“, schreibt er. „Daher sieht jeder Mensch, es sei denn, er ist blind oder ein Idiot, dass vor 1 Million Jahren der untere Mississippi mehr als 1.300.000 Meilen lang gewesen ist. [...] Das ist das faszinierende an der Wissenschaft: Man erhält die tollsten Ergebnisse aus so gut wie nichts.“ (Mark Twain (1883): Life on the Mississippi)

Illustriert wird die Rechnung der NZZ von einer Trendgrafik, die das starke Auseinanderklaffen zwischen aktuellem Wachstum und dem Zielkorridor für die kommenden zehn Jahre sichtbar machen soll. Dass die Grafik mit der abgeschnittenen Y-Achse die Lücke zwischen Trend und Ziel optisch massiv übersteigert, ist ein Klassiker der Unstatistik. Viel gravierender aber ist die fragwürdige Hochrechnung zu einer scheinbar exakten Zahl. Das Ergebnis, dass die Truppenstärke bis zum Jahresende 2035 nur 214.394 Soldaten erreichen würde, beruht auf dem gerundeten Nettozuwachs eines einzigen Jahres, dem Anstieg um 3.020 Soldaten zwischen 2024 und 2025. Dieser Anstieg, der von der NZZ als „letzter verlässlicher jährlicher Nettozuwachs“ bezeichnet wird, wird linear über zehn Jahre fortgeschrieben.

Drei ignorierte Faktoren

Dabei ignoriert sie drei Dinge: Erstens gibt es bereits neuere Zahlen. Eine davon nennt die NZZ selbst: Ihren Recherchen zufolge hatte die Bundeswehr am 30. Juni 2026 etwa 185.200 aktive Soldaten, rund 3.600 mehr als im Juni 2025. Das Bundesverteidigungsministerium hat gerade den aktuellen Personalbestand offiziell mit 186.705 (Stand: 31. Juli 2026) beziffert, was einem Plus von etwa 3.700 aktiven Soldaten entspricht. Relativ gesehen sind dies Nettozuwächse von jeweils 1,98 Prozent bzw. 2,02 Prozent im Vergleich zum letzten Juni bzw. Juli des Vorjahres. Würde man den aktuellen Zuwachs von 3.600 oder 3.700 zugrunde legen und diesen genauso einfach linear fortschreiben, ergäbe sich zum 31. Dezember 2035 bereits ein Wert von rund 220.000 Soldaten. 

Zweitens gibt es keinen plausiblen Grund, ein strikt lineares Wachstum zu unterstellen. Vielmehr könnte man auch annehmen, dass die Bundeswehr jedes Jahr um einen gewissen Prozentsatz wächst. Rechnerisch ergeben sich rund 1,7 Prozent oder 2,0 Prozent pro Jahr – je nachdem, ob man die Veränderung zum letzten Jahresende oder zur aktuellen Jahresmitte heranzieht. Immerhin ein paar Tausend Soldaten wären dadurch gewonnen: 2035 läge die Spanne dann bei rund 217.000 bis 224.000.

Und schließlich könnte man sogar annehmen, dass es der Bundeswehr gelingt, ihre Attraktivität und damit ihr relatives Wachstum weiter zu steigern. Schreibt man also das Wachstum des Wachstums zwischen Ende 2024 und Mitte 2026 fort, so wäre das ein jährlicher Wachstumsschub von 0,7 Prozent – auf den relativen Zuwachs gerechnet, nicht den absoluten. Wie beim Zinseszinseffekt gilt: Die Zeit macht aus kleinen Prozentwerten große Veränderungen. Im vorliegenden Fall würde die Wachstumsrate bis zum Jahr 2035 auf ganze 8,5 Prozent ansteigen und die Bundeswehr hätte am 31. Dezember 2035 mehr als 310.000 Soldaten.

Was eine seriöse Projektion ausmacht

Keine dieser Rechenübungen ist eine seriöse Projektion. Eine solche müsste mindestens mehrere plausible Szenarien zeigen, die Abhängigkeit des Ergebnisses von der gewählten Annahme offenlegen und klar kennzeichnen, dass es sich um Modellrechnungen mit großer Unsicherheit handelt, nicht um deterministische Vorhersagen.

Stattdessen wird aus einem einzigen, selektiv gewählten Jahreswert eine scheinbar exakte Lücke abgeleitet und daraus eine politisch hochbrisante Schlussfolgerung gezogen. Genau das ist die Unstatistik des Monats: Nicht die Daten sind falsch, sondern die Art und Weise, wie aus ihnen Scheingenauigkeit und Alternativlosigkeit konstruiert werden.


Ihr/e Ansprechpartner/in dazu:

Dr. Katharina Schüller, katharina.schueller@stat-up.com 

Prof. Dr. Thomas K. Bauer, Thomas.Bauer@rwi-essen.de 

Alexander Schlösser (Kommunikation), Tel.: (0201) 8149-354, alexander.schloesser@rwi-essen.de  


Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik

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