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Unstatistik des Monats: „Statistische Taschenspielertricks“ in der Armutsberichterstattung

„Armut in Deutschland nimmt zu" – so lauteten die Schlagzeilen von ARD und ZDF Anfang Juni. Doch was dahintersteckt, ist kein Befund zur tatsächlichen Armut, sondern ein Maß für Einkommensungleichheit: Wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verdient, gilt als armutsgefährdet – unabhängig davon, wie hoch dieses Einkommen absolut ist. Die aktuelle Unstatistik des Monats erklärt, warum diese Methodik in die Irre führt und wie Armut stattdessen seriös gemessen werden sollte.

„Ein statistischer Taschenspielertrick, der nichts mit der Realität zu tun hat.“ So nennt Ex-Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin die Methodik hinter aktuellen Medienberichten zur Armut in der Bundesrepublik. „Armut in Deutschland nimmt zu“, meldete die Tagesschau am 2. Juni.

Armutsgefährdung ist nicht Armut – und der Unterschied zählt

Was war geschehen? In einem seiner regelmäßigen Armutsberichte hatte der Paritätische Wohlfahrtsverband eine Zunahme der Armutsgefährdung in der Bundesrepublik konstatiert. Dass hier nur von Armutsgefährdung und nicht von Armut die Rede ist und diese Begriffe in den Medien oft verwechselt werden, soll hier nicht weiter interessieren. Der Dreh- und Angelpunkt der ganzen Debatte ist die Einkommensgrenze von 60 Prozent des mittleren Einkommens (im Sinn des Medians; die aktuelle Grenze liegt für Einzelpersonen bei 1.550 Euro im Monat), ab der die Alarmglocke schrillt.

Das Gedankenexperiment: Wohlstand für alle – und trotzdem arm?

„Man stelle sich etwa vor, alle Menschen erhalten ab morgen in Deutschland ein Realeinkommen, das zehnmal so hoch ist wie heute“, schreibt Nida-Rümelin. Eine an der Armutsgrenze lebende Einzelperson hätte also im Monat 15.500 €. Das entspricht dem Gehalt eines Ministerpräsidenten. „Man möchte erwarten, dass dann Armutsphänomene völlig verschwinden oder jedenfalls drastisch reduziert werden. Wie hoch aber wäre die Armutsgefährdung in dieser Überflussgesellschaft? Nun, sie wäre exakt so hoch wie heute. Das zeigt, wie abwegig das Kriterium für Armutsgefährdung gewählt wurde.“

Dieses Argument hat schon mehrere Armutsberichte zuvor zur Unstatistik des Monats gemacht. Es ist so simpel wie einleuchtend und wird deshalb wohl so konsequent von gewissen, an wachsender Armut interessierten Kreisen ignoriert. „Ich bin entsetzt darüber,“ schreibt Nida-Rümelin, „dass seriöse Wissenschaftler solch einen Unfug treiben – und darüber, wie unkritisch dies in der Öffentlichkeit und auch in der Politik hingenommen wird.“

Wie Armut seriös gemessen wird: Teilhabe statt Einkommensquote

Die sogenannte Armutsquote, so wie in Deutschland diskutiert, ist allenfalls als Maß für die ökonomische Ungleichheit zu gebrauchen. Aber Ungleichheit und Armut sind zwei völlig verschiedene Dinge. Wie man Armut seriös bestimmt, haben mehrere, dafür mit Nobelpreisen ausgezeichnete Ökonomen wie etwa A. K. Sen oder Esther Duflo ausführlich gezeigt. Das eindimensionale Einkommenskriterium reicht dafür keinesfalls – und natürlich erst recht nicht in der 60-Prozent-vom-Durchschnitt-Version. 

Worauf es ankommt, ist die Möglichkeit zur Teilnahme am sozialen Leben einer Gemeinschaft. Sen nennt das auch „Capabilities“. So hat etwa das Bundessozialgericht vor dem Internetzeitalter einmal entschieden, dass ein Fernseher für die Teilnahme am sozialen Leben in Deutschland unerlässlich sei. Allerdings reiche dazu ein Schwarz-Weiß-Gerät. Heute ist soziale Teilhabe ohne Zugriff auf das Internet möglicherweise nicht möglich. Diese Kriterien zu diskutieren und darüber einen Konsens herbeizuführen, wäre eine lohnende Aufgabe für den Paritätischen Wohlfahrtsverband. Möge sein aktueller Bericht Anlass sein, die Methodik der Armutsberichterstattung in Deutschland endlich grundlegend zu überdenken. 


Ihre Ansprechpartner dazu:

Prof. Dr. Walter Krämer, walterk@statistik.tu-dortmund.de 
Alexander Schlösser (Kommunikation), Tel.: (0201) 8149-354, alexander.schloesser@rwi-essen.de  


Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik

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