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            <title>RWI Unstatistiken</title>
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                <copyright>RWI Essen</copyright>
            
            <pubDate>Wed, 16 Sep 2026 11:31:43 +0200</pubDate>
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                        <pubDate>Thu, 27 Aug 2026 08:24:50 +0200</pubDate>
                        <title>Unstatistik des Monats: Wie eine Zahl die Wehrpflicht-Debatte prägt</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/unstatistik-des-monats-wie-eine-zahl-die-wehrpflicht-debatte-praegt
                                            
                                    
                            
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                        <description>Mit dem aktuellen Wachstum verfehle die Bundeswehr ihr Ziel von 255.000 Soldaten bis 2035, rechnet die NZZ vor – und folgert, die Wehrpflicht sei „nahezu unausweichlich“. Doch die Rechnung basiert auf einer einzigen, selektiv gewählten Zahl und ignoriert neuere Daten, prozentuales Wachstum und den Wachstumseffekt über die Zeit. Ein Lehrstück über Scheingenauigkeit und die Instrumentalisierung von Statistik.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<div><p>Die Bundeswehr wächst – so viel ist klar. Zum 31. Juli 2026 dienten rund 186.700 Soldatinnen und Soldaten in der Truppe, so viele wie seit über einem Jahrzehnt nicht mehr. Auch die Bewerbungen steigen deutlich: <a href="https://www.stern.de/news/zahl-der-bundeswehr-soldaten-auf-hoechstem-stand-seit-13-jahren-38118282.html" target="_blank" rel="noreferrer">Bis Juli 2026 gingen rund 47.300 Bewerbungen ein, ganze 26 Prozent mehr als im Vorjahr.</a> <a href="https://www.bmvg.de/de/presse/personalzahlen-der-bundeswehr-auf-neuem-hoechststand-6143516" target="_blank" rel="noreferrer">Das Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) rechnet mit weiter steigenden Zahlen.</a>&nbsp;</p>
<p><strong>Die Prognose: lineare Extrapolation als „Beweis“</strong></p>
<p><a href="https://www.nzz.ch/der-andere-blick/deutschlands-militaer-warum-die-wehrpflicht-schon-bald-unausweichlich-sein-koennte-ld.10019625" target="_blank" rel="noreferrer">Doch eine Analyse der Schweizer Tageszeitung NZZ kommt zu alarmierenden Schlüssen: Sie rechnet vor, dass dieses Wachstum bei weitem nicht ausreiche, um das politische Ziel von mindestens 255.000 aktiven Soldaten bis 2035 zu erreichen.</a>&nbsp;Ausgangspunkt ihrer Rechnung ist der von 2024 auf 2025 vermeldete Anstieg der Bundeswehrsoldaten um 3.020 Personen. Würde die Bundeswehr weiterhin jedes Jahr um so viele Soldaten wachsen, käme sie bis 2035 auf lediglich 214.394 Soldaten. Es fehlten also mehr als 40.000 Personen. Daraus folgert der Artikel, die Wiedereinführung der Wehrpflicht sei „ab Ende der 20er-Jahre wahrscheinlich“, ja „nahezu unausweichlich“.&nbsp;</p>
<p>Dergleichen Trendextrapolationen sind in aller Regel irreführend und sachlich nicht gerechtfertigt. Das wusste schon Mark Twain. „Binnen 170 Jahren hat sich der untere Mississippi um 240 Meilen verkürzt“, schreibt er. „Daher sieht jeder Mensch, es sei denn, er ist blind oder ein Idiot, dass vor 1 Million Jahren der untere Mississippi mehr als 1.300.000 Meilen lang gewesen ist. [...] Das ist das faszinierende an der Wissenschaft: Man erhält die tollsten Ergebnisse aus so gut wie nichts.“ (Mark Twain (1883): Life on the Mississippi)</p>
<p>Illustriert wird die Rechnung der NZZ von einer Trendgrafik, die das starke Auseinanderklaffen zwischen aktuellem Wachstum und dem Zielkorridor für die kommenden zehn Jahre sichtbar machen soll. Dass die Grafik mit der abgeschnittenen Y-Achse die Lücke zwischen Trend und Ziel optisch massiv übersteigert, ist ein Klassiker der Unstatistik. Viel gravierender aber ist die fragwürdige Hochrechnung zu einer scheinbar exakten Zahl. Das Ergebnis, dass die Truppenstärke bis zum Jahresende 2035 nur 214.394 Soldaten erreichen würde, beruht auf dem gerundeten Nettozuwachs eines einzigen Jahres, dem Anstieg um 3.020 Soldaten zwischen 2024 und 2025. Dieser Anstieg, der von der NZZ als „letzter verlässlicher jährlicher Nettozuwachs“ bezeichnet wird, wird linear über zehn Jahre fortgeschrieben.</p>
<p><strong>Drei ignorierte Faktoren</strong></p>
<p>Dabei ignoriert sie drei Dinge: Erstens gibt es bereits neuere Zahlen. Eine davon nennt die NZZ selbst: Ihren Recherchen zufolge hatte die Bundeswehr am 30. Juni 2026 etwa 185.200 aktive Soldaten, rund 3.600 mehr als im Juni 2025. Das Bundesverteidigungsministerium hat gerade den aktuellen Personalbestand offiziell mit 186.705 (Stand: 31. Juli 2026) beziffert, was einem Plus von etwa 3.700 aktiven Soldaten entspricht. Relativ gesehen sind dies Nettozuwächse von jeweils 1,98 Prozent bzw. 2,02 Prozent im Vergleich zum letzten Juni bzw. Juli des Vorjahres. Würde man den aktuellen Zuwachs von 3.600 oder 3.700 zugrunde legen und diesen genauso einfach linear fortschreiben, ergäbe sich zum 31. Dezember 2035 bereits ein Wert von rund 220.000 Soldaten.&nbsp;</p>
<p>Zweitens gibt es keinen plausiblen Grund, ein strikt lineares Wachstum zu unterstellen. Vielmehr könnte man auch annehmen, dass die Bundeswehr jedes Jahr um einen gewissen Prozentsatz wächst. Rechnerisch ergeben sich rund 1,7 Prozent oder 2,0 Prozent pro Jahr – je nachdem, ob man die Veränderung zum letzten Jahresende oder zur aktuellen Jahresmitte heranzieht. Immerhin ein paar Tausend Soldaten wären dadurch gewonnen: 2035 läge die Spanne dann bei rund 217.000 bis 224.000.</p>
<p>Und schließlich könnte man sogar annehmen, dass es der Bundeswehr gelingt, ihre Attraktivität und damit ihr relatives Wachstum weiter zu steigern. Schreibt man also das Wachstum des Wachstums zwischen Ende 2024 und Mitte 2026 fort, so wäre das ein jährlicher Wachstumsschub von 0,7 Prozent – auf den relativen Zuwachs gerechnet, nicht den absoluten. Wie beim Zinseszinseffekt gilt: Die Zeit macht aus kleinen Prozentwerten große Veränderungen. Im vorliegenden Fall würde die Wachstumsrate bis zum Jahr 2035 auf ganze 8,5 Prozent ansteigen und die Bundeswehr hätte am 31. Dezember 2035 mehr als 310.000 Soldaten.</p>
<p><img class src="/fileadmin/user_upload/RWI/Presse/Unstatistik/wachstum-der-bundeswehr-bis-2025-fuenf-szenarien.png" data-htmlarea-file-uid="13290" data-htmlarea-file-table="sys_file" width="750" height="707" title alt data-title-override="true" data-alt-override="true" data-htmlarea-zoom="true" style></p>
<p><strong>Was eine seriöse Projektion ausmacht</strong></p>
<p>Keine dieser Rechenübungen ist eine seriöse Projektion. Eine solche müsste mindestens mehrere plausible Szenarien zeigen, die Abhängigkeit des Ergebnisses von der gewählten Annahme offenlegen und klar kennzeichnen, dass es sich um Modellrechnungen mit großer Unsicherheit handelt, nicht um deterministische Vorhersagen.</p>
<p>Stattdessen wird aus einem einzigen, selektiv gewählten Jahreswert eine scheinbar exakte Lücke abgeleitet und daraus eine politisch hochbrisante Schlussfolgerung gezogen. Genau das ist die Unstatistik des Monats: Nicht die Daten sind falsch, sondern die Art und Weise, wie aus ihnen Scheingenauigkeit und Alternativlosigkeit konstruiert werden.</p>
<hr>
<p><strong>Ihr/e Ansprechpartner/in dazu:</strong></p></div><p>Dr. Katharina Schüller,&nbsp;<a href="mailto:katharina.schueller@stat-up.com">katharina.schueller@stat-up.com</a>&nbsp;</p>
<p>Prof. Dr. Thomas K. Bauer,&nbsp;<a href="mailto:Thomas.Bauer@rwi-essen.de">Thomas.Bauer@rwi-essen.de</a>&nbsp;</p>
<p>Alexander Schlösser (Kommunikation), Tel.: (0201) 8149-354,&nbsp;<a href="mailto:alexander.schloesser@rwi-essen.de">alexander.schloesser@rwi-essen.de</a> &nbsp;</p><div><hr>
<p><i>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter&nbsp;</i><a href="https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik" target="_blank"><i>https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik</i></a><i>.&nbsp;</i></p></div><p><i>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik&nbsp;des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle „Unstatistik des Monats“ zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter&nbsp;</i><a href="mailto:presse@rwi-essen.de" target="_blank"><i>presse@rwi-essen.de</i></a><i>. Das Urheberrecht bleibt bestehen.&nbsp;</i></p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Thu, 30 Jul 2026 08:29:53 +0200</pubDate>
                        <title>Unstatistik des Monats zum Hausarztmodell: Welchen Wert hat die Reform?</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/unstatistik-des-monats-zum-hausarztmodell-welchen-wert-hat-die-reform
                                            
                                    
                            
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                        <description>160 Millionen Euro Mehrkosten oder 169 Euro Ersparnis pro Kopf? In der Debatte um die „Hausarztzentrierte Versorgung&quot; (HZV) verwirren derzeit zwei scheinbar unvereinbare Studienergebnisse die Öffentlichkeit. Die „Unstatistik des Monats“ erklärt, was hinter den Zahlen steckt und welche Erkenntnisse für die anstehende Gesundheitsreform relevant sind. </description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Im Juli sorgten zwei Zahlen für Verwirrung in der Diskussion um die Zukunft der hausärztlichen Versorgung: 160 Millionen Euro Mehrkosten und 169 Euro Ersparnis. Die erste Zahl stammt von der <a href="https://www.tk.de/presse/themen/medizinische-versorgung/ambulante-versorgung/hzv-evaluation-der-tk-2217612" target="_blank" rel="noreferrer">Techniker Krankenkasse</a> (TK): So viel koste sie das Programm „Hausarztzentrierte Versorgung" (HZV) jährlich zusätzlich – ohne erkennbaren Nutzen. Die zweite Zahl stammt vom <a href="https://www.haevbw.de/News/2026_07_10_GKV-Spargesetz~n-20825" target="_blank" rel="noreferrer">Hausärzteverband Baden-Württemberg</a> und besagt, dass dasselbe Programm pro Versichertem und Jahr 169 Euro einspare. Die eine Zahl sagt: Die HZV lohnt sich nicht. Die andere: Sie lohnt sich sehr wohl. Was stimmt denn nun?</p>
<p><strong>Worum es geht</strong></p>
<p>Bislang können gesetzlich Versicherte weitgehend frei entscheiden, welche Praxis sie aufsuchen. Die Hausarztzentrierte Versorgung (HZV) nach § 73b SGB V ist ein freiwilliges Gegenmodell: Wer sich dafür entscheidet, bindet sich für mindestens ein Jahr an eine Hausarztpraxis, die die Behandlung koordiniert, bei Bedarf an eine Facharztpraxis überweist und dafür besser vergütet wird. Bereits über zehn Millionen Menschen nehmen daran teil. Dieses Prinzip will die Bundesregierung mit dem geplanten Primärarztsystem verbindlich machen. Beschlossen ist dieses Gesetz noch nicht, wohl aber das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz vom 10. Juli, das laut Hausärzteverband eine „Versorgungsbremse" für ebenjene HZV enthält. Das Programm soll also gleichzeitig Vorbild und Sparposten sein. Kein Wunder, dass über seine Wirkung gestritten wird.</p>
<p><strong>Zwei Zahlen, zwei verschiedene Verträge</strong></p>
<p>Die Rechnung über 160 Millionen Euro stammt aus einer Untersuchung der TK-Verträge in 13 Bundesländern durch das Hamburg Center for Health Economics (HCHE). Diese Verträge honorieren die Hausarztpraxis besser, lassen den Versicherten aber den direkten Weg zum Facharzt offen. Die zweite Zahl – eine Ersparnis von 169 Euro pro Versicherten und Jahr – stammt aus der <a href="https://neueversorgung.de/index.php/evaluation-der-hzv-2" target="_blank" rel="noreferrer">Evaluation des baden-württembergischen AOK-Vertrags für HZV durch die Universitäten Heidelberg und Frankfurt</a>.&nbsp;</p>
<p>Im Unterschied zum TK-Vertrag bindet der AOK-Vertrag seit 2010 13 Facharztrichtungen fest ein. In den beiden Evaluationsstudien wird somit gar nicht die Wirksamkeit desselben Instruments verglichen, sondern zwei unterschiedliche Versorgungsmodelle unter identischem Namen.</p>
<p><strong>Wie die Modellzahlen wirklich entstehen</strong></p>
<p>Aufschlussreicher ist jedoch die Frage, wie die jeweiligen Zahlen entstehen. In den Rohdaten der AOK-Evaluation kosteten HZV-Versicherte im Jahr 2021 im Schnitt 4.038 Euro, die Vergleichsgruppe hingegen nur 3.975 Euro. Die HZV war also 63 Euro pro Kopf teurer. Die Ersparnis von 169 Euro erscheint erst nach einer statistischen Bereinigung. Denn HZV-Versicherte sind im Schnitt kränker. Berechnet werden daher reine Modellkosten: Was würden HZV-Versicherte kosten, wenn sie so gesund wären wie die Vergleichsgruppe?</p>
<p>Ähnliches gilt für die 160 Millionen Euro Mehrkosten in der HCHE-Studie der TK: Auch dies ist ein Modellwert, der jedoch auf einem anderen Verfahren zur Konstruktion der Vergleichsgruppe basiert.</p>
<p>Beide Verfahren sind in der Versorgungsforschung etabliert. Das Heidelberger Verfahren vergleicht Niveaus und bereinigt um das, was in den Abrechnungsdaten der AOK beobachtbar ist. Das Hamburger Verfahren vergleicht Veränderungen vor und nach dem Eintritt in eine HZV mit zeitgleichen Veränderungen in der Kontrollgruppe. Es nutzt die neuesten statistischen Verfahren zur Bestimmung kausaler Effekte (einen Differenz-in-Differenzen-Ansatz, genauer: „stacked DiD“) und bereinigt um unbeobachtete, gleichbleibende Unterschiede zwischen den Gruppen. Annahmen und Grenzen diskutiert der Bericht transparent.</p>
<p><strong>Interessant ist, was nicht gesagt wird</strong></p>
<p>Auffallend ist die Wahl des Vergleichsjahres in der AOK-Analyse. <a href="https://neueversorgung.de/images/PDF/2025_11_05_HZV-Evaluation-Broschuere.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">Die Kostentabelle bezieht sich auf das Pandemiejahr 2021, in dem sich das Ausgabenmuster „besonders deutlich" gezeigt habe.</a> Die meistzitierte Kennzahl des Berichts stammt damit aus dem Jahr, in dem der Effekt am deutlichsten ausfiel; neuere Ergebnisse werden nicht berichtet.</p>
<p>Eine zweite offene Frage ergibt sich aus dem zentralen Erfolgsindikator der AOK-Evaluation, den Facharztbesuchen ohne Überweisung. In der Vergleichsgruppe steigen sie zwischen 2012 und 2013 erheblich an, während die HZV-Gruppe fast unverändert bleibt. Der Vorsprung der HZV wächst dadurch schlagartig von 10 auf 36 Prozent. Dafür sind mehrere Erklärungen denkbar; etwa wurde zum 1. Januar 2013 die Praxisgebühr abgeschafft. Der größte Teil des Vorsprungs entstand jedenfalls nicht dadurch, dass die HZV besser wurde, sondern dass sich die Vergleichsgruppe veränderte.</p>
<p>Aufschlussreich ist schließlich eine Zahl, die es in keine Schlagzeile geschafft hat. Der TK-Bericht findet für Versicherte ab 80 Jahren keine Mehrausgaben, sondern sogar eine bessere Versorgung bei geringeren Kosten. Entsprechend empfiehlt er am Ende nicht, die HZV abzuschaffen, sondern sie <a href="https://www.tk.de/resource/blob/2218020/ab1f758366ae089f43df86cf64e10e27/hche-evaluation-der-tk-hzv-bund-vertraege-data.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">„auf chronisch erkrankte und ältere Versicherte zuzuschneiden"</a>. In der Pressemitteilung der Kasse, die den Bericht bezahlt hat, steht davon allerdings kein Wort.&nbsp;</p>
<p><strong>Fazit</strong></p>
<p>Zwei Zahlen, die sich zu widersprechen scheinen, messen tatsächlich verschiedene Verträge in verschiedenen Regionen mit verschiedenen statistischen Verfahren: Beide von Akteuren des Gesundheitssystems im Rahmen ihrer jeweiligen Versorgungskontexte beauftragt, beide Ergebnisse von Rechenmodellen, deren Annahmen und Grenzen man kennen muss. Wer wissen will, ob sich ein flächendeckendes Primärarztsystem ökonomisch lohnt, erfährt es aus keinem der beiden Berichte – bestenfalls erhält man Hinweise darauf, unter welchen Bedingungen es sich lohnen könnte. Das ist weniger griffig als „160 Millionen Euro“, aber es ist die differenzierte Information, auf die es bei der anstehenden Reform ankommt.</p><div><hr>
<p><strong>Ihr/e Ansprechpartner/in dazu:</strong></p></div><p>Dr. Katharina Schüller,&nbsp;<a href="mailto:katharina.schueller@stat-up.com">katharina.schueller@stat-up.com</a>&nbsp;</p><div><p>Prof. Dr. Thomas K. Bauer,&nbsp;<a href="mailto:Thomas.Bauer@rwi-essen.de">Thomas.Bauer@rwi-essen.de</a>&nbsp;<br>Alexander Schlösser (Kommunikation), Tel.: (0201) 8149-354,&nbsp;<a href="mailto:alexander.schloesser@rwi-essen.de">alexander.schloesser@rwi-essen.de</a> &nbsp;</p></div><hr>
<p><i>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter&nbsp;</i><a href="https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik" target="_blank"><i>https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik</i></a><i>.&nbsp;</i></p>
<p><i>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik&nbsp;des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle „Unstatistik des Monats“ zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter&nbsp;</i><a href="mailto:presse@rwi-essen.de" target="_blank"><i>presse@rwi-essen.de</i></a><i>. Das Urheberrecht bleibt bestehen.&nbsp;</i></p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Tue, 30 Jun 2026 08:27:27 +0200</pubDate>
                        <title>Unstatistik des Monats: „Statistische Taschenspielertricks“ in der Armutsberichterstattung</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/unstatistik-des-monats-statistische-taschenspielertricks-in-der-armutsberichterstattung
                                            
                                    
                            
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                        <description>„Armut in Deutschland nimmt zu&quot; – so lauteten die Schlagzeilen von ARD und ZDF Anfang Juni. Doch was dahintersteckt, ist kein Befund zur tatsächlichen Armut, sondern ein Maß für Einkommensungleichheit: Wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verdient, gilt als armutsgefährdet – unabhängig davon, wie hoch dieses Einkommen absolut ist. Die aktuelle Unstatistik des Monats erklärt, warum diese Methodik in die Irre führt und wie Armut stattdessen seriös gemessen werden sollte.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<div><p><a href="https://www.welt.de/debatte/plus69bd5ffd8f57616717159d9b/armutsquote-das-maerchen-von-der-armutsgefaehrdung.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Ein statistischer Taschenspielertrick, der nichts mit der Realität zu tun hat.“</a> So nennt Ex-Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin die Methodik hinter aktuellen Medienberichten zur Armut in der Bundesrepublik.<a href="https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/armutsbericht-2025-100.html).%20" target="_blank" rel="noreferrer"> „Armut in Deutschland nimmt zu“</a>, meldete die Tagesschau am 2. Juni.</p>
<p><strong>Armutsgefährdung ist nicht Armut – und der Unterschied zählt</strong></p>
<p>Was war geschehen?&nbsp;<a href="https://www.der-paritaetische.de/fileadmin/user_upload/Schwerpunkte/Armutsbericht/doc/Armutsbericht_2026_Wachsende_Armut_Schrumpfende_Sicherheit.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">In einem seiner regelmäßigen Armutsberichte hatte der Paritätische Wohlfahrtsverband eine Zunahme der Armutsgefährdung in der Bundesrepublik konstatiert</a>.&nbsp;Dass hier nur von Armutsgefährdung und nicht von Armut die Rede ist und diese Begriffe in den Medien oft verwechselt werden, soll hier nicht weiter interessieren. Der Dreh- und Angelpunkt der ganzen Debatte ist die Einkommensgrenze von 60 Prozent des mittleren Einkommens (im Sinn des Medians; die aktuelle Grenze liegt für Einzelpersonen bei 1.550 Euro im Monat), ab der die Alarmglocke schrillt.</p>
<p><strong>Das Gedankenexperiment: Wohlstand für alle – und trotzdem arm?</strong></p>
<p>„Man stelle sich etwa vor, alle Menschen erhalten ab morgen in Deutschland ein Realeinkommen, das zehnmal so hoch ist wie heute“, schreibt Nida-Rümelin. Eine an der Armutsgrenze lebende Einzelperson hätte also im Monat 15.500 €. Das entspricht dem Gehalt eines Ministerpräsidenten. „Man möchte erwarten, dass dann Armutsphänomene völlig verschwinden oder jedenfalls drastisch reduziert werden. Wie hoch aber wäre die Armutsgefährdung in dieser Überflussgesellschaft? Nun, sie wäre exakt so hoch wie heute. Das zeigt, wie abwegig das Kriterium für Armutsgefährdung gewählt wurde.“</p>
<p>Dieses Argument hat schon mehrere Armutsberichte zuvor zur Unstatistik des Monats gemacht. Es ist so simpel wie einleuchtend und wird deshalb wohl so konsequent von gewissen, an wachsender Armut interessierten Kreisen ignoriert. „Ich bin entsetzt darüber,“ schreibt Nida-Rümelin, „dass seriöse Wissenschaftler solch einen Unfug treiben – und darüber, wie unkritisch dies in der Öffentlichkeit und auch in der Politik hingenommen wird.“</p>
<p><strong>Wie Armut seriös gemessen wird: Teilhabe statt Einkommensquote</strong></p>
<p>Die sogenannte Armutsquote, so wie in Deutschland diskutiert, ist allenfalls als Maß für die ökonomische Ungleichheit zu gebrauchen. Aber Ungleichheit und Armut sind zwei völlig verschiedene Dinge. Wie man Armut seriös bestimmt, haben mehrere, dafür mit Nobelpreisen ausgezeichnete Ökonomen wie etwa A. K. Sen oder Esther Duflo ausführlich gezeigt. Das eindimensionale Einkommenskriterium reicht dafür keinesfalls – und natürlich erst recht nicht in der 60-Prozent-vom-Durchschnitt-Version.&nbsp;</p>
<p>Worauf es ankommt, ist die Möglichkeit zur Teilnahme am sozialen Leben einer Gemeinschaft. Sen nennt das auch „Capabilities“. So hat etwa das Bundessozialgericht vor dem Internetzeitalter einmal entschieden, dass ein Fernseher für die Teilnahme am sozialen Leben in Deutschland unerlässlich sei. Allerdings reiche dazu ein Schwarz-Weiß-Gerät. Heute ist soziale Teilhabe ohne Zugriff auf das Internet möglicherweise nicht möglich. Diese Kriterien zu diskutieren und darüber einen Konsens herbeizuführen, wäre eine lohnende Aufgabe für den Paritätischen Wohlfahrtsverband. Möge sein aktueller Bericht Anlass sein, die Methodik der Armutsberichterstattung in Deutschland endlich grundlegend zu überdenken.&nbsp;</p>
<hr>
<p><strong>Ihre Ansprechpartner dazu:</strong></p></div><p>Prof. Dr. Walter Krämer,&nbsp;<a href="mailto:walterk@statistik.tu-dortmund.de">walterk@statistik.tu-dortmund.de</a>&nbsp;<br>Alexander Schlösser (Kommunikation), Tel.: (0201) 8149-354,&nbsp;<a href="mailto:alexander.schloesser@rwi-essen.de">alexander.schloesser@rwi-essen.de</a> &nbsp;</p>
<hr>
<p><i>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter&nbsp;</i><a href="https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik" target="_blank"><i>https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik</i></a><i>.&nbsp;</i></p>
<p><i>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik&nbsp;des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle „Unstatistik des Monats“ zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter&nbsp;</i><a href="mailto:presse@rwi-essen.de" target="_blank"><i>presse@rwi-essen.de</i></a><i>. Das Urheberrecht bleibt bestehen.&nbsp;</i></p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Thu, 28 May 2026 17:13:12 +0200</pubDate>
                        <title> Smartphone – Wir „swipen“ uns in die Auslöschung</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/smartphone-wir-swipen-uns-in-die-ausloeschung
                                            
                                    
                            
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                        <description>Eine neue Studie bringt die Verbreitung des Smartphones mit sinkenden Geburtenraten in Verbindung. In sozialen Medien wurde daraus schnell die These vom „Aussterben durch Digitalisierung“. Die Unstatistik des Monats Mai zeigt jedoch: Vor allem ungewollte Schwangerschaften unter Teenagern gingen zurück, während sich zugleich Hinweise auf zunehmende psychische Belastungen finden.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Eine neue <a href="https://homepages.uc.edu/~moscoshn/Personal_webpage/papers/Smartphone_web.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">Studie von Wissenschaftlern der University of Cincinnati</a> zeigt, dass die Einführung des Smartphones mit einem Einbruch der Fertilität in 19 entwickelten Ländern einherging. Die Ergebnisse sorgten international für Aufmerksamkeit. Ein Bericht der <a href="https://www.ft.com/content/fba35eca-df3a-4ad6-b42d-eb08eb7c9ad3?shareType=nongift" target="_blank" rel="noreferrer">Financial Times</a> über diese Ergebnisse wurde in den sozialen Medien dankbar aufgegriffen und führte zu hitzigen Diskussionen über die schädlichen Wirkungen der digitalen Welt. Demnach würden Smartphones die anstrengenden interpersonellen Interaktionen durch „reibungslose, algorithmisch perfektionierte Dopamin-Snacks“ ersetzen. Die Folge seien sexuelle Dysfunktionen und damit fallende Geburtenraten. „Wo der Bildschirm das Leben übernimmt, bleibt der Nachwuchs aus“ – „wir swipen uns schlichtweg in die Auslöschung“. Andere interpretieren das als gute Nachricht – wir Menschen würden den Planeten ohnehin unbewohnbar machen. In diesem Licht seien fallende Geburtenraten eine gute Nachricht!</p>
<p><strong>Was die Studie wirklich zeigt</strong></p>
<p>In diesen Diskussionen wird das eigentliche Ergebnis der Studie jedoch weitgehend ignoriert. Bereits der Titel der Studie legt nahe, dass mit der Verbreitung des Smartphones die (überwiegend ungewollte) Geburtenrate von Teenagern stark zurückgegangen ist. Für die Gruppe der 15- bis 19-jährigen Frauen führte die Verbreitung des Smartphones zu einem dramatischen Einbruch der Geburtenrate, für die Gruppe der 20- bis 24-jährigen Frauen zu einem leichten Rückgang. Für Frauen im Alter von mehr als 25 Jahren, die für etwa 80 Prozent aller Geburten verantwortlich sind, fand sich hingegen kein Effekt.</p>
<p>Das sind also sehr gute Nachrichten: Mit dem Smartphone geht die Anzahl der ungewollten Schwangerschaften von Teenagern zurück. Das Papier zeigt jedoch auch einen anderen, bedenklichen Zusammenhang, der in den Diskussionen in Social-Media-Diskussionen weitgehend ignoriert wird: Die Verbreitung des Smartphones geht zugleich mit einem Anstieg der Selbstmordrate unter Teenagern einher.</p>
<p><strong>Nicht alles, was zusammenfällt, hängt zusammen</strong></p>
<p>Aufmerksame Leser der Unstatistik werden sofort anmerken, dass es sich hierbei lediglich um eine Korrelation und nicht um einen kausalen Zusammenhang handelt. Das ist richtig. Die Autoren können jedoch mit verschiedenen Daten und methodischen Ansätzen viele alternative Erklärungsansätze ausschließen. Weder politische Maßnahmen zur besseren Aufklärung von Teenagern, noch die Finanzmarktkrise, die mit der Einführung des Smartphones zusammenfiel, noch der staatlich geförderte verbesserte Zugang zu Verhütungsmitteln können die beobachteten Daten hinreichend erklären.</p>
<p>Die Autoren zeigen überzeugend, dass die fallende Geburtenrate mit einer durch das Smartphone veränderten Zeitverwendung von Teenagern erklärt werden kann. Dabei hat die mit dem Smartphone verbrachte Zeit durchaus zwischenmenschliche Aktivitäten verdrängt. Die Autoren zeigen jedoch auch, dass das Smartphone den Rückgang der Geburtenrate unter Teenagern zwar beschleunigt, ihn aber nicht verursacht hat.</p>
<p><strong>Im Homeoffice bleibt offenbar Zeit für mehr als Arbeit</strong></p>
<p>Wird sich die Menschheit mit dem Smartphone über kurz oder lang selbst auslöschen? Vielleicht – aber nicht wegen des Smartphones oder der zunehmenden Digitalisierung. Letztere ermöglicht es schließlich, mehr Zeit im Homeoffice zu verbringen. <a href="https://www.ifo.de/pressemitteilung/2026-03-18/paare-im-homeoffice-bekommen-mehr-kinder" target="_blank" rel="noreferrer">Nach neuesten empirischen Erkenntnissen</a> erhöht mehr Homeoffice wiederum die Fertilität. Dass es sich dabei um einen kausalen Zusammenhang handelt, ist an und für sich überzeugend, denn im Homeoffice erledigt man nebenbei sicherlich nicht nur kleinere Hausarbeiten</p>
<hr>
<p><strong>Ihr/e Ansprechpartner/in dazu:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Thomas Bauer,&nbsp;<a href="mailto:thomas.bauer@rwi-essen.de">thomas.bauer@rwi-essen.de</a><br>Alexander Bartel (Kommunikation), Tel.: (0201) 8149-354,&nbsp;<a href="mailto:alexander.bartel@rwi-essen.de">alexander.bartel@rwi-essen.de</a> &nbsp;</p>
<hr>
<p><i>Mit der „Unstatistik&nbsp;des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter&nbsp;</i><a href="https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik" target="_blank"><i>https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik</i></a><i>.&nbsp;</i></p>
<p><i>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik&nbsp;des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle&nbsp;„Unstatistik&nbsp;des Monats“&nbsp;zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter&nbsp;</i><a href="mailto:presse@rwi-essen.de" target="_blank"><i>presse@rwi-essen.de</i></a><i>.&nbsp;Das Urheberrecht bleibt bestehen.&nbsp;</i></p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Fri, 24 Apr 2026 09:07:00 +0200</pubDate>
                        <title>Unstatistik des Monats: Sind hochbegabte Männer wirklich weniger konservativ?</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/unstatistik-des-monats-sind-hochbegabte-maenner-wirklich-weniger-konservativ
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Ergebnisse einer Panelstudie werden zu einer Aussage über den Zusammenhang von Intelligenz und politischer Haltung zugespitzt. Wie kleine Unterschiede und die Fixierung auf Signifikanz zu einer Schlagzeile führen, zeigt die aktuelle „Unstatistik des Monats“. </description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/hochbegabte-maenner-sind-laut-deutscher-studie-weniger-konservativ-a-799eba92-bce2-4ec9-b59a-158cdee1b7db" target="_blank" rel="noreferrer">DER SPIEGEL</a> berichtet in einem aktuellen Beitrag über eine neue <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0160289625000893?via%3Dihub" target="_blank" rel="noreferrer">Studie</a>, der zufolge „hochbegabte Männer weniger konservativ“ sind. Diese zugespitzte Botschaft hält einer genaueren Betrachtung jedoch nur eingeschränkt stand. Zwar finden die Autoren der Studie Unterschiede in den selbstberichteten Einstellungen zu konservativen Werten – allerdings nur bei Männern. Tatsächlich liegen dort alle ausgewerteten Teilgruppen zu Fragen ideologischer Subdimensionen (Ökonomischer Libertarismus, Konservativismus, Sozialismus und Liberalismus) auf einer Skala von eins bis fünf im Mittel zwischen 2,45 und 2,93. Gleichzeitig erwähnt der SPIEGEL-Bericht selbst, dass sich die Gruppen auf einer Skala zur politischen Selbsteinschätzung (von links bis rechts auf einer Skala von 1 bis 10) praktisch nicht unterscheiden: Alle Teilgruppen erreichen dort Durchschnittswerte zwischen 4,3 und 4,94. Das relativiert die Schlagzeile erheblich.</p>
<p><strong>Die Daten erzählen eine andere Geschichte</strong></p>
<p>Stattdessen zitiert DER SPIEGEL den Hauptautor der Studie mit den Worten: „Hier zeigte sich, dass die Gruppe der durchschnittlich begabten Männer dazu neigte, Werte zu befürworten, die mit Tradition und strenger sozialer Ordnung verbunden sind.“ Das verwundert etwas, denn die durchschnittlich begabten Männer hatten im Schnitt sogar etwas niedrigere Werte (bezüglich Tradition und Ordnung) als die Mitte der hier verwendeten Fünferskala<a href="#_ftn1" title>[1]</a>. Mit einem Durchschnittswert von 4,94 liegen sie auch einen halben Punkt links von der Mitte der Zehnerskala, auf der sie ihre politische Position zwischen links und rechts einschätzen sollten. Selbst durchschnittlich begabte Männer halten sich also – jedenfalls in der aktuellen Studie – eher nicht für konservativ und verorten sich politisch eher links als rechts.</p>
<p><strong>Kleine Stichprobe, große Schlussfolgerungen</strong></p>
<p>Die in der Studie analysierte Stichprobe ist mit 87 Hochbegabten und 71 Personen mit durchschnittlicher Begabung nach über 35 Jahren Paneldauer klein und selektiv, sodass die Ergebnisse mit Vorsicht zu interpretieren sind. Und selbst wenn sie verallgemeinerbar wären, sagen sie nichts über Ursache und Wirkung aus. Womöglich sind die politischen Einstellungen (auch) durch den sozialen Status oder das Einkommen der Befragten zu erklären, was wiederum mit deren Begabung und dem damit zusammenhängenden Bildungsniveau korrelieren könnte.&nbsp;</p>
<p><strong>Signifikant, aber bedeutungslos?</strong></p>
<p>DER SPIEGEL berichtet keine Effektgrößen, anders als die Originalstudie. Dort finden wir, dass sich nur ein relativ kleiner Teil der Unterschiede durch die Kombination aus Hochbegabung und Geschlecht erklären lässt. Das heißt: Die Unterschiede in den Zustimmungswerten zu konservativen Aussagen sind vorhanden, aber ziemlich gering. Was wiederum die Frage aufwirft, warum man sich ausführlich darüber auslassen muss, welche möglichen Gründe hinter diesen Unterschieden stecken – oder gar welchen politischen Einfluss es auf die Gesellschaft haben könnte, wenn Hochbegabte tendenziell in einflussreicheren Positionen sind. Vermutlich keinen.</p>
<p>Der SPIEGEL-Artikel behauptet auch beiläufig, „allgemeinere Studien" hätten gezeigt, dass höhere Intelligenz mit einer „linksgerichteten Orientierung" zusammenhänge. Wer dem entsprechenden Link im Online-Artikel folgt, landet allerdings wieder bei derselben Studie, die gerade besprochen wird. Eine unabhängige Quellenprüfung hat offenbar nicht stattgefunden.</p>
<p><strong>Sozial, liberal, egal?</strong></p>
<p>Noch aufschlussreicher ist ein Blick auf das, was DER SPIEGEL nicht berichtet, obwohl es sich aus den berichteten Ergebnissen der Studie leicht berechnen lässt. Wie verhalten sich die vier untersuchten politischen Subskalen eigentlich zueinander – und nicht nur im Gruppenvergleich? Die Antwort lautet: Sämtliche untersuchten Teilgruppen, also hoch- und durchschnittlich begabte Männer ebenso wie entsprechend begabte Frauen, erzielen signifikant höhere Werte auf den Skalen Sozialismus und Liberalismus als auf der Skala Konservatismus.&nbsp;</p>
<p>Der Liberalismus-Wert liegt zudem in fast allen Gruppen signifikant über dem Sozialismus-Wert; lediglich bei hochbegabten Frauen und durchschnittlich begabten Männern verfehlt dieser Unterschied knapp das Signifikanzniveau.&nbsp;</p>
<p>Mit anderen Worten: Alle Teilgruppen tendieren eher zum Liberalismus oder Sozialismus als zum Konservatismus – und dieser Unterschied zwischen den Skalen ist weit größer als der Unterschied zwischen den Gruppen, um den es in der Schlagzeile geht.</p>
<p><img class src="/fileadmin/user_upload/RWI/Presse/Unstatistik/Unstatistik_des_Monats_April_2026.png" data-htmlarea-file-uid="13151" data-htmlarea-file-table="sys_file" width="600" height="830" title alt data-title-override="true" data-alt-override="true" data-htmlarea-zoom="true" style></p>
<p><span class="text-muted">Zur Abbildung bei Datawrapper: </span><a href="https://www.datawrapper.de/_/J2gQi/" target="_blank" rel="noreferrer"><span class="text-muted">https://www.datawrapper.de/_/J2gQi/</span></a><span class="text-muted">&nbsp;</span></p>
<p>Das Beispiel der „durchschnittlich begabten, konservativen Männer“ zeigt, wie ein einzelner, statistisch signifikanter, aber praktisch kaum bedeutsamer Unterschied zur Schlagzeile wird, die suggeriert, dass höhere (männliche) Intelligenz tendenziell vor konservativen Ansichten schütze. Schon ein Minimum an kritischem Denken führt beim Lesen der Studie zu der Erkenntnis, dass sich Hochbegabte und durchschnittlich begabte Erwachsene in ihren politischen Einstellungen insgesamt kaum unterscheiden. Der eigentlich auffällige Befund bleibt hingegen unerwähnt: Alle Befragten neigen mehr zum Liberalismus als zum Konservatismus (und Sozialismus). Das wäre vielleicht sogar die interessantere Geschichte – nur nicht unbedingt die aufmerksamkeitsstärkere.</p>
<hr>
<p><strong>Ihr/e Ansprechpartner/in dazu:</strong></p>
<p>Dr. Katharina Schüller,&nbsp;<a href="mailto:katharina.schueller@stat-up.com">katharina.schueller@stat-up.com</a>&nbsp;&nbsp;<br>Alexander Bartel (Kommunikation), Tel.: (0201) 8149-354,&nbsp;<a href="mailto:alexander.bartel@rwi-essen.de">alexander.bartel@rwi-essen.de</a> &nbsp;</p>
<hr>
<p><i>Mit der „Unstatistik&nbsp;des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter&nbsp;</i><a href="https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik" target="_blank"><i>https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik</i></a><i>.&nbsp;</i></p>
<p><i>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik&nbsp;des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle&nbsp;„Unstatistik&nbsp;des Monats“&nbsp;zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter&nbsp;</i><a href="mailto:presse@rwi-essen.de" target="_blank"><i>presse@rwi-essen.de</i></a><i>.&nbsp;Das Urheberrecht bleibt bestehen.&nbsp;</i></p><div><hr><div><p><a href="#_ftnref1" title>[1]</a> Ursprünglich handelt es sich um vier Subskalen, die jeweils von 1 bis 4 reichen und dann kombiniert werden (vgl. <a href="https://zis.gesis.org/skala/Ulrich-Politische-Ideologien-%28POLID%29?lang=de" target="_blank" rel="noreferrer">https://zis.gesis.org/skala/Ulrich-Politische-Ideologien%28POLID%29?lang=de</a>).</p></div></div>]]></content:encoded>
                        
                            
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                    </item>
                
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                        <pubDate>Tue, 31 Mar 2026 08:48:03 +0200</pubDate>
                        <title>Unstatistik des Monats: Wenn PR die „Gehirne verkümmern“ lässt</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/unstatistik-des-monats-wenn-pr-die-gehirne-verkuemmern-laesst
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Ergebnisse einer Befragung von 200 britischen Führungskräften zu ihren Einschätzungen gegenüber KI werden verallgemeinert und als Warnung vor kognitiven Schäden dargestellt. Dabei werden Selbstauskünfte einer kleinen Stichprobe zu kausalen Aussagen über „den Menschen“ umgedeutet. Wie methodische Mängel und PR-Interessen eine wissenschaftlich anmutende Gesellschaftsdiagnose erzeugen, zeigt die aktuelle „Unstatistik des Monats”. </description>
                        <content:encoded><![CDATA[<div><div><p class="text-justify">Die Bertelsmann Stiftung versteht sich als einflussreiche Stimme in zentralen gesellschaftlichen Feldern wie Bildung, Demokratie, Wirtschaft, Gesundheit und Digitalisierung. Sie tritt dabei nicht nur als Produzentin von Studien auf, sondern auch als Instanz, die Forschungsergebnisse für Politik und Öffentlichkeit einordnet. Gerade deshalb ist es wichtig, wie sorgfältig sie mit der Einordnung externer Studien umgeht.&nbsp;</p></div><div><p class="text-justify">In ihrem aktuellen KI-Newsletter „<a href="https://www.reframetech.de/2026/03/19/newsletter-erlesenes-70-von-ki-resignation-cognitive-offloading-und-ki-im-krieg/" target="_blank" class="Hyperlink SCXW151017982 BCX0" rel="noreferrer noopener"><u>reframe[Tech]</u></a>“ wird eine „neue Studie“ zu Führungskräften und KI-Nutzung aufgegriffen und zugespitzt zusammengefasst – unter anderem mit der Aussage, das Auslagern von Denkarbeit an KI könne dazu führen, dass kritisches Denken verloren gehe oder sogar „das Gehirn verkümmern“ lasse. Grundlage ist der sogenannte <a href="https://www.confluent.io/resources/report/quick-thinking-2026/" target="_blank" class="Hyperlink SCXW151017982 BCX0" rel="noreferrer noopener"><u>Quick Thinking 2.0 Report</u></a>. Er wurde vom Unternehmen Confluent in Auftrag gegeben. Befragt wurden 200 Führungskräfte in Großbritannien. Der Report berichtet unter anderem:&nbsp;</p></div><div><ul class="list-normal"><li data-list-item-id="ea7116808080fdd45585ca207b6691939"><p class="text-justify" style="margin-left:0px;"><span>62 Prozent nutzen KI für Entscheidungen,&nbsp;</span></p></li></ul></div><div><ul class="list-normal"><li data-list-item-id="e32f29720c75611bcec219fdbf4700eef"><p class="text-justify" style="margin-left:0px;"><span>70 Prozent stellen ihr eigenes Urteil infrage, wenn es der KI widerspricht,&nbsp;</span></p></li></ul></div><div><ul class="list-normal"><li data-list-item-id="e53fda8550f56a5210c6a862798997e0e"><p class="text-justify" style="margin-left:0px;"><span>46 Prozent vertrauen KI stärker als ihren Kollegen.&nbsp;</span></p></li></ul></div><div><p class="text-justify">Diese Zahlen basieren auf Selbstauskünften einer kleinen und spezifischen Gruppe. Methodische Details, etwa zur Auswahl der Befragten oder zur genauen Fragestellung, werden kaum offengelegt. Solche Befragungen können interessante Hinweise liefern, sie sind aber keine belastbare Grundlage für weitreichende Aussagen über Führungskräfte allgemein oder gar über „den Menschen“.&nbsp;</p></div><div><p class="text-justify"><strong>Vom selektiven Selbstbericht zur generellen Gehirndiagnose</strong>&nbsp;</p></div><div><p class="text-justify">Der Report erhebt Einstellungen und Nutzungsverhalten, nicht jedoch kognitive Fähigkeiten. Er misst weder kritisches Denken noch dessen mögliche Veränderung. Die in der Berichterstattung teilweise gezogene Schlussfolgerung, KI-Nutzung führe zum Verlust kritischen Denkens oder lasse „das Gehirn verkümmern“, geht daher weit über das hinaus, was die Daten hergeben. So endet etwa der im Newsletter verlinkte Beitrag bei <a href="https://futurism.com/artificial-intelligence/ai-executive-thinking-survey" target="_blank" class="Hyperlink SCXW151017982 BCX0" rel="noreferrer noopener"><u>Futurism</u></a> mit der Behauptung eines „breiten Konsenses“, dass das Auslagern von Denken an KI das Gehirn atrophieren lasse, ohne dass die zitierten Quellen einen solchen Konsens tatsächlich belegen. Auf diese Weise wird eine Umfrage unter einer kleinen, hoch selektierten Gruppe zu einer scheinbar wissenschaftlichen Gesellschaftsdiagnose aufgeladen.&nbsp;</p></div><div><p class="text-justify">Zwar gibt es Forschungsarbeiten, etwa von <a href="https://ed.stanford.edu/news/high-school-students-are-unprepared-judge-credibility-information-internet-according-stanford" target="_blank" class="Hyperlink SCXW151017982 BCX0" rel="noreferrer noopener"><u>Sam Wineburg</u></a> und seiner Gruppe, die sich mit möglichen Veränderungen im Umgang mit Informationen und Quellenkritik im Zusammenhang mit der intensiven Nutzung von KI beschäftigen. Diese Studien sind jedoch kontextgebunden, meist korrelativ und keineswegs ein Beleg für allgemeine kognitive Abbauprozesse durch KI-Nutzung.&nbsp;</p></div><div><p class="text-justify">Ein Blick in den Report macht zudem deutlich, dass er nicht nur neutral über Befragungsergebnisse berichtet, sondern auch ein bestimmtes Narrativ transportiert: Entscheidungsdruck und Unsicherheit werden als Problem vieler Führungskräfte dargestellt; die Nutzung von KI sei ein typischer, aber problematischer Bewältigungsansatz. Die Lösung hingegen seien bessere Dateninfrastrukturen und „Data Streaming“, also das Geschäftsmodell des Auftraggebers. Solche Interessenlagen machen Ergebnisse nicht automatisch falsch, erfordern aber eine besonders sorgfältige Einordnung von Umfragen, die vermutlich vornehmlich dem Zweck der Öffentlichkeitsarbeit (Public Relations, PR) dienen.&nbsp;</p></div><div><p class="text-justify"><strong>Überverallgemeinerung erzeugt die Unstatistik</strong>&nbsp;</p></div><div><p class="text-justify">Der Fall erfüllt mehrere klassische Merkmale einer Unstatistik:&nbsp;</p></div><div><ol><li data-list-item-id="e618b1c0cb25046f10f20b5352f7d14c6"><p class="text-justify" style="margin-left:0px;"><span>Eine eng begrenzte Stichprobe wird verallgemeinert,&nbsp;</span></p></li><li data-list-item-id="e25b388d25aeecbfbc8ae3cab529f8dee"><p class="text-justify" style="margin-left:0px;"><span>Selbstauskünfte werden kausal interpretiert,&nbsp;</span></p></li><li data-list-item-id="e954bb41ded4a25d9c96053a5b6d33fa8"><p class="text-justify" style="margin-left:0px;"><span>Prozentwerte suggerieren Genauigkeit ohne methodische Transparenz,&nbsp;</span></p></li><li data-list-item-id="e3bf0f89688d4f12602770874483b6f81"><p class="text-justify" style="margin-left:0px;"><span>die Interessen des Auftraggebers bleiben im Hintergrund,&nbsp;</span></p></li><li data-list-item-id="e4c1acc060a23a97914fe137848a70156"><p class="text-justify" style="margin-left:0px;"><span>mediale Zuspitzung verstärkt die Aussagen weit über die Daten hinaus.&nbsp;</span></p></li></ol></div><div><p class="text-justify">Die Unstatistik liegt hier nicht in einer einzelnen falschen Zahl, sondern in der Transformation einer limitierten Befragung in eine weitreichende Erzählung. Dieses Muster ist übrigens typisch für KI-generierte Texte: Eine <a href="https://royalsocietypublishing.org/rsos/article/12/4/241776/235656/Generalization-bias-in-large-language-model" target="_blank" class="Hyperlink SCXW151017982 BCX0" rel="noreferrer noopener"><u>aktuelle Studie</u></a> zeigt, dass KI bei der Zusammenfassung von Studien dazu neigt, wissenschaftliche Ergebnisse zu überverallgemeinern – etwa durch kleine sprachliche Änderungen, die aus „ist assoziiert mit“ ein „führt zu“ machen oder aus „70 Prozent der Teilnehmenden“ ganz generell „Menschen“.&nbsp;</p></div></div><div><p class="text-justify">Wir wissen nicht, ob die Berichte über den Quick Thinking Report mit Hilfe von KI entstanden sind. Auffällig ist jedoch, dass genau dieses Muster auch hier zu beobachten ist: Übergeneralisierung und mangelnde Differenzierung führen dazu, dass aus einer PR-Umfrage eine scheinbar wissenschaftlich abgesicherte Aussage über menschliche Kognition wird.&nbsp;</p></div><div><p class="text-justify"><strong>Fazit</strong>&nbsp;</p></div><div><p class="text-justify">Eine angemessene Aussage wäre: Eine kleine Befragung deutet darauf hin, dass einige Führungskräfte KI intensiv nutzen und ihr Vertrauen entgegenbringen. Daraus wird jedoch: KI lässt unser Gehirn verkümmern.&nbsp;</p></div><div><p class="text-justify">Zwischen diesen beiden Aussagen liegt kein kleiner Interpretationsspielraum, sondern ein grundlegender Unterschied zwischen empirischer Beobachtung und dramatisierender Erzählung. Gerade Institutionen wie die Bertelsmann Stiftung, die für sich in Anspruch nehmen, Orientierung zu geben und Zukunftskompetenzen zu fördern, sollten diesen Unterschied besonders sorgfältig wahren.&nbsp;</p></div><div><hr>
<p><strong>Ihr/e Ansprechpartner/in dazu:</strong>&nbsp;</p></div><div><p>Dr. Katharina Schüller, <a href="mailto:katharina.schueller@stat-up.com" target="_blank" class="Hyperlink SCXW151017982 BCX0" rel="noreferrer noopener"><u>katharina.schueller@stat-up.com</u></a> &nbsp;&nbsp;<br>Alexander Bartel (Kommunikation), Tel.: (0201) 8149-354, <a href="mailto:alexander.bartel@rwi-essen.de" target="_blank" class="Hyperlink SCXW151017982 BCX0" rel="noreferrer noopener"><u>alexander.bartel@rwi-essen.de</u></a>&nbsp;&nbsp; &nbsp;</p></div><div><hr>
<p><i>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </i><a href="https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik" target="_blank" class="Hyperlink SCXW151017982 BCX0" rel="noreferrer noopener"><i><u>https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik</u></i></a><i>. </i>&nbsp;</p></div><div><p><i>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle „Unstatistik des Monats“ zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter </i><a href="mailto:presse@rwi-essen.de" target="_blank" class="Hyperlink SCXW151017982 BCX0" rel="noreferrer noopener"><i><u>presse@rwi-essen.de</u></i></a><i>. Das Urheberrecht bleibt bestehen. </i>&nbsp;</p></div>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <guid isPermaLink="false">news-2599</guid>
                        <pubDate>Thu, 26 Feb 2026 08:54:23 +0100</pubDate>
                        <title>Unstatistik-Check zur Darmkrebs-Vorsorge: Wie hoch ist der Nutzen wirklich?</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/unstatistik-check-zur-darmkrebs-vorsorge-wie-hoch-ist-der-nutzen-wirklich
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Simulationen versprechen eine enorme Senkung der Sterblichkeit durch Darmkrebs-Screenings von über 80 Prozent. Doch ein Blick auf klinische Studien mit echten Patienten zeigt: Die Zahlen aus dem Computer halten der Realität nicht stand. Wir erklären, warum die wichtigste Kennzahl für Patienten oft fehlt.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Eine im Deutschen Ärzteblatt veröffentlichte <a href="https://api.aerzteblatt.de/pdf/123/2/m40.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">Simulationsstudie</a> aus Heidelberg berichtet, dass Screening mit Stuhlbluttest oder Koloskopie die Darmkrebssterblichkeit jeweils um 82 Prozent verringern könne, die Kombination beider Methoden sogar um 89 Prozent. Die Autoren schlussfolgern, dass die beiden Verfahren hochwirksam seien und man die Bevölkerung durch wiederholte Einladungen zur Teilnahme bewegen sollte.</p>
<p>Über diese Studie mit hypothetischen 100.000 Männern und 100.000 Frauen im Alter von 50 bis 85 Jahren ist viel Positives zu sagen: Die Autoren erläutern, was die <i>relative</i> Reduktion von 82 bzw. 89 Prozent in <i>absoluten</i> Zahlen bedeutet. Die höchste Reduktion von 89 Prozent heißt konkret: Das Risiko, an Darmkrebs zu sterben, sinkt von 4,5 Prozent (ohne Screening) auf 0,5 Prozent (mit Screening). Das bedeutet: Vier Prozent der Teilnehmenden haben diesen Nutzen, 96 Prozent nicht. Positiv hervorzuheben ist auch, dass die Annahmen der Simulation transparent gemacht werden. Dazu gehören etwa die geschätzten Prävalenzen der verschiedenen Stadien in der Entwicklung von Krebs, deren Übergangswahrscheinlichkeiten, sowie die Annahme, dass alle Personen zu sämtlichen vorgesehenen Screeningterminen erscheinen – was bei Weitem nicht der Fall ist.</p>
<p><strong>Wenn Simulationen die Realität überholen&nbsp;</strong></p>
<p>Allerdings handelt es sich um eine Simulation, die zeigt, was sein könnte, nicht um eine empirische klinische Studie, die zeigt, was ist. Als beste empirische Evidenz gelten randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) mit echten Menschen. Und dort sind die Effekte deutlich geringer.&nbsp;</p><ul class="list-normal"><li data-list-item-id="eef00b73a71bee95ba63fd576e77ad8d2">Stuhlbluttest: Die vier RCTs, die im <a href="https://doi.org/10.1002/14651858.cd009259.pub2" target="_blank" rel="noreferrer"><span>Cochrane Collaboration-Review</span></a> analysiert wurden, berichten lediglich von einer relativen Senkung der Inzidenz um 5 Prozent und der Darmkrebsmortalität um 14 Prozent.</li><li data-list-item-id="e8edf3d289048e564c765b68906582720">Koloskopie: Wie die Autoren selbst anmerken, fand der erste RCT zur Koloskopie eine relative Sterblichkeitsreduktion von <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36214590/" target="_blank" rel="noreferrer"><span>lediglich 10 Prozent</span></a>.<span>&nbsp;</span></li></ul><p>Hier besteht also eine beträchtliche Diskrepanz zwischen randomisierten Studien mit realen Menschen und Simulationen mit hypothetischen Personen. Dieser Unterschied lässt sich zum Teil durch die Besonderheiten der RCTs – etwa unvollständige Teilnahme an den Screeningterminen – sowie durch die Abhängigkeit der Simulationsergebnisse von ihren spezifischen Annahmen erklären.</p>
<p><strong>Die Zahl, über die niemand spricht: Null</strong></p>
<p>Der Hauptgrund, warum wir diese Studie zur „Unstatistik des Monats“ gewählt haben, ist jedoch eine Zahl, die weder in Informationsbroschüren noch in dem ansonsten vorbildlich dokumentierten Artikel im Ärzteblatt auftaucht. Es ist die Zahl „0“.</p>
<p>Eine <a href="https://doi.org/10.1001/jamainternmed.2023.3798" target="_blank" rel="noreferrer">Metaanalyse</a> von RCTs aus dem Jahr 2023 mit über zwei Millionen Teilnehmenden untersuchte die entscheidende Frage: Leben Menschen, die an der Krebsfrüherkennung teilnehmen, insgesamt länger als jene, die nicht teilnehmen? Für den Stuhlbluttest wurde eine durchschnittliche Verlängerung der Lebenserwartung von genau 0 Tagen gefunden – unabhängig davon, ob der Test jährlich oder zweijährlich durchgeführt wurde (Abbildung 1).&nbsp;</p>
<p>Für die Koloskopie wurde ebenfalls kein Beleg gefunden, dass ein Tag gewonnen würde. Der Wert lag zwar im positiven Bereich, war jedoch statistisch nicht signifikant von 0 Tagen verschieden. Lediglich die Sigmoidoskopie (kleine Koloskopie), die in Deutschland nicht zur Routine-Früherkennung von Darmkrebs gehört, zeigte eine mögliche Verlängerung der Lebenserwartung um 110 Tage.</p>
<p><strong>Abbildung 1: Sieben verbreitete Krebsfrüherkennungs-Untersuchungen.&nbsp;</strong></p>
<p><img class src="/fileadmin/user_upload/RWI/Unstatistiken/Krebsfrueherkennung.png" data-htmlarea-file-uid="13049" data-htmlarea-file-table="sys_file" width="500" height="349" title alt data-title-override="true" data-alt-override="true" data-htmlarea-zoom="true" style></p>
<p>Quelle: <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/fullarticle/2808648" target="_blank" rel="noreferrer">Michael Bretthauer et al. (2023), JAMA Internal Medicine.</a>&nbsp;</p>
<p>Hinweis zur Abbildung: Die schwarzen Rauten zeigen die beste Schätzung, um wie viele Tage jede Methode das Leben verlängert oder verkürzt. Die Pfeile geben das 95%-Konfidenzintervall an. Enthält es die Null, wird von keinem gesicherten Effekt ausgegangen. Beim Stuhlbluttest (FOBT) liegt der Wert exakt bei null – auch bei jährlicher Durchführung. Die einzige Methode mit möglicher Lebensverlängerung (das 95%-Konfidenzintervall schließt jedoch die Null ein) ist die Sigmoidoskopie.&nbsp;</p>
<p><strong>Die blinde Stelle: Gesamtmortalität</strong></p>
<p>Dieses Ergebnis – dass Screening die Gesamtlebenserwartung nicht verlängert, sondern lediglich die krebsspezifische Mortalität senkt – ist nicht nur für Stuhlbluttest und Koloskopie dokumentiert, sondern auch für Mammographie, PSA-Test und Niedrigdosis-CT zur Lungenkrebsfrüherkennung (siehe Abbildung 1). Warum ist das so?</p><ol><li data-list-item-id="e9950360fbb502d00db32b13452f9c690">Unklare Todes-Ursachen: Die Bestimmung der exakten Todesursache ist oft schwierig. <a href="https://doi.org/10.1111/j.1465-5101.2003.04402.x" target="_blank" rel="noreferrer"><span>In einer Prostatakrebs-Studie beispielsweise waren sich Experten in 17 Prozent der Fälle nicht einig, ob Männer an Prostatakrebs oder einem anderen Krebs verstorben sind.</span></a><span>&nbsp;</span>Daher ist die Gesamtmortalität ein verlässlicheres Kriterium als die krebsspezifische Mortalität.</li><li data-list-item-id="e9f811ca3681fed2d5d41e2bb37fc7a8c">Nebenwirkungen: <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/fullarticle/2808648" target="_blank" rel="noreferrer"><span>Die Gesamtmortalität berücksichtigt auch die negativen Folgen der Vorsorge. So können Darmperforationen bei Koloskopien oder Herzinfarkte bei radikalen Prostatektomien das Leben verkürzen.</span></a> Diese Todesfälle fließen nicht in die berichtete Reduktion der Darmkrebssterblichkeit ein.</li></ol><p><strong>Fazit: Ehrlichkeit statt Überredung</strong></p>
<p>Wenn wir das Vertrauen in das Gesundheitssystem erhöhen wollen, sollten wir der Bevölkerung vollständige Informationen geben – und nicht jene Teile weglassen, die die Teilnahmequoten am Screening senken könnten. Bereits 2015 kündigte der Nationale Krebsplan einen entsprechenden Kurswechsel an: <a href="https://pure.mpg.de/rest/items/item_2156092_6/component/file_2156091/content" target="_blank" rel="noreferrer">Das Ziel der informierten Entscheidung sei nun wichtiger als die bloße Erhöhung der Teilnahmeraten.</a></p>
<p>Die Menschen sind nicht so leichtgläubig. Nicht alle verstehen statistische Details, aber viele spüren, wenn sie überredet werden sollen und Informationen primär der Steigerung von Teilnahmequoten dienen. Eine ehrliche Kommunikation, die auch die „Null“ beim Lebenszeitgewinn nicht verschweigt, wäre ein wichtiger Schritt, um mehr Vertrauen zu gewinnen.</p>
<hr>
<p><strong>Ihre Ansprechpartner dazu:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Gerd Gigerenzer,<a href="mailto:gigerenzer@mpib-berlin.mpg.de"> gigerenzer@mpib-berlin.mpg.de</a><br>Alexander Bartel (Kommunikation), Tel.: (0201) 8149-354,<a href="mailto:alexander.bartel@rwi-essen.de"> alexander.bartel@rwi-essen.de</a> &nbsp;</p>
<hr>
<p><i>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </i><a href="https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik" target="_blank"><i>https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik</i></a><i>.&nbsp;</i></p>
<p><i>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik&nbsp;des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle „Unstatistik des Monats“ zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter </i><a href="mailto:presse@rwi-essen.de" target="_blank"><i>presse@rwi-essen.de</i></a><i>. Das Urheberrecht bleibt bestehen.&nbsp;</i></p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                    <item>
                        <guid isPermaLink="false">news-2568</guid>
                        <pubDate>Tue, 27 Jan 2026 08:28:00 +0100</pubDate>
                        <title>Weniger Wintervögel?</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/weniger-wintervoegel
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Seit 15 Jahren lädt der Naturschutzbund Deutschland (NABU) Bundesbürger zur „Stunde der Wintervögel“ ein. Im Rahmen dieser bundesweiten Aktion werden Naturfreunde gebeten, im Januar eine Stunde lang Vögel in ihrem Garten oder in der freien Natur zu zählen und die Ergebnisse dem NABU zu melden. Das Medieninteresse ist groß – wer möchte nicht gerne wissen, welche Vögel sich bei uns auch im Winter wohlfühlen und wie viele es davon gibt? </description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Um allerdings aus den gemeldeten Zahlen auf die&nbsp;Gesamtpopulation der Wintervögel&nbsp;zu&nbsp;schließen, sind eine Reihe statistischer Fallstricke zu beachten, die ein solches Hochrechnen behindern. „<a href="https://www.nabu.de/news/2026/01/36858.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Bislang wurden im Durchschnitt 2,3 Prozent weniger Vögel pro Garten gezählt als im Vorjahr</a>“,&nbsp;meldete der NABU am 14. Januar.&nbsp;Diese Meldung&nbsp;wurde in einigen Medien als Indiz für einen Rückgang der Wintervögel interpretiert. Aber die Besuchsfrequenz eines Vogelhäuschens hängt&nbsp;von&nbsp;vielen&nbsp;Faktoren&nbsp;ab, beispielsweise&nbsp;dem Wetter oder der Lage des Vogelhäuschens.&nbsp;Wird&nbsp;es&nbsp;in die Nähe der Hundehütte verlegt, kommen&nbsp;mutmaßlich&nbsp;weniger Vögel vorbei. Deshalb ist auch die vom NABU gemeldete Rangliste der Wintervögel nur mit großer Vorsicht auf die Gesamtpopulation übertragbar: „Der Haussperling verteidigt nach dem spannenden Kopf-an-Kopf-Rennen mit der Kohlmeise knapp den ersten Platz. Damit bilden Haussperling, Kohlmeise, Blaumeise, Amsel und Feldsperling die Top 5 der gemeldeten Wintervögel.“&nbsp;</p>
<p><strong>Eichelhäher: Wenn das Mastjahr die Statistik verzerrt</strong></p>
<p>Aber&nbsp;gilt das&nbsp;für&nbsp;alle&nbsp;Wintervögel? Warum diese Liste möglicherweise in die Irre führt,&nbsp;erklärt&nbsp;der NABU anhand des Eichelhähers selbst: „Der Eichelhäher wurde im Vergleich zum Vorjahr seltener gesichtet. Vermutlich sorgte das Eichelmastjahr mit einer Rekordmenge an Früchten für genügend Wintervorräte in Wäldern, sodass die Vögel seltener Gärten und Futterstellen aufsuchten.“ Auch die Abnahme der gemeldeten Wasservögel und die Zunahme der Kraniche hat wohl, wie der NABU wiederum selbst bemerkt, andere Gründe als Verschiebungen in den jeweiligen Populationen:&nbsp;„Viele kleinere Teiche und Dorfgewässer sind zugefroren, sodass sich die Tiere vermutlich an noch offenen größeren Seen und Flüssen sammeln.“ Ganz anders verhält es sich bei den Kranichen: „Im Vergleich&nbsp;[…]&nbsp;zum Vorjahr wurden mehr von ihnen gesichtet. Offenbar zieht es die majestätischen Vögel aktuell bei einer sogenannten Winterflucht weiter in Richtung Südwesten.“&nbsp;</p>
<p>Also,&nbsp;liebe Vogelfreunde: Eine Stunde Vogelzählen in der Wintersonne ist gesund und fördert das&nbsp;Naturverständnis,&nbsp;aber bitte&nbsp;ziehen Sie&nbsp;keine vorschnellen Schlüsse auf alle Wintervögel insgesamt.&nbsp;</p><div class="well"><p><strong>Ihre&nbsp;Ansprechpartner&nbsp;dazu:&nbsp;</strong></p>
<p>Prof. Dr.&nbsp;Walter Krämer,&nbsp;<a href="mailto:walterk@statistik.tu-dortmund.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener">walterk@statistik.tu-dortmund.de</a>&nbsp;&nbsp;&nbsp;<br> Alexander Bartel&nbsp;(Kommunikation),&nbsp;Tel.: (0201) 8149-354,&nbsp;<a href="mailto:alexander.bartel@rwi-essen.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener">alexander.bartel@rwi-essen.de</a>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p></div><p>Mit der „Unstatistik&nbsp;des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter&nbsp;<a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">www.unstatistik.de</a>&nbsp;und unter dem Twitter-Account&nbsp;<a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer noopener">@unstatistik</a>.&nbsp;Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data&nbsp;Literacy&nbsp;Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter&nbsp;<a href="http://www.data-literacy-charta.de/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">www.data-literacy-charta.de</a>&nbsp;abrufbar.&nbsp;</p>
<p>Zuletzt&nbsp;erschienen:&nbsp;<a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</a>,&nbsp;das zweite&nbsp;Unstatistik-Buch&nbsp;(ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von&nbsp;22&nbsp;Euro.&nbsp;</p>
<p>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik&nbsp;des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle&nbsp;„Unstatistik&nbsp;des Monats“ (<a href="https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik</a>)&nbsp;zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter&nbsp;<a href="mailto:presse@rwi-essen.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener">presse@rwi-essen.de</a>.&nbsp;Das Urheberrecht bleibt bestehen.&nbsp;</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Wed, 17 Dec 2025 14:56:00 +0100</pubDate>
                        <title>Unstatistik des Monats: Wenn der Weihnachtsmann evidenzbasiert entscheiden müsste</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/unstatistik-des-monats-wenn-der-weihnachtsmann-evidenzbasiert-entscheiden-muesste
                                            
                                    
                            
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                        <description>Was, wenn der Weihnachtsmann evidenzbasiert entscheiden müsste? Von widersprüchlichen Online-Shopping-Zahlen über dramatisierte Insekten-Statistiken bis hin zu fragwürdigen Stress-Messungen – die weihnachtliche Datenlage würde selbst ihm Kopfzerbrechen bereiten.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Was wäre, wenn der Weihnachtsmann – sofern es ihn denn wirklich gibt – seine Entscheidungen an wissenschaftlichen Standards messen müsste? Was er wem unter welchen Weihnachtsbaum legt, hat schließlich großen Einfluss auf Nachhaltigkeit, Gesundheit und psychisches Wohlbefinden. Er urteilt über „liebe“ und „böse“ Kinder und trägt maßgeblich zum wirtschaftlichen Wohlstand bei. Eine Autorität, die eine solche gesellschaftliche Verantwortung trägt, dürfte im Grunde keine Bauchentscheidungen treffen, sondern sollte die vom <a href="https://openjur.de/u/2530464.html" target="_blank" rel="noreferrer">Bundesgerichtshof</a> kürzlich geforderten Evidenzansprüche erfüllen: Regulierende Eingriffe – ob durch das Gesetzbuch oder die Wunschliste – müssen auf methodisch hochwertigen „statistischen Daten oder vergleichbar validen Fakten“ beruhen, nicht auf Annahmen, Willkür oder Moral.</p>
<p>Doch die weihnachtliche Studien- und Statistiklandschaft macht es dem Weihnachtsmann alles andere als einfach. Bereits beim Geschenkkauf führen Studien ihn in die Irre. Eine <a href="https://yougov.de/consumer/articles/53713-yougov-umfrage-jeder-funfte-kauft-weihnachtsgeschenke-bei-chinesischen-online-shops" target="_blank" rel="noreferrer">YouGov-Umfrage</a> behauptet, jeder Fünfte kaufe online bei den Plattformen Temu oder Shein – und suggeriert damit, dass für diese Käufer bei Geschenken eher der Preis zählt als Qualität oder gar Nachhaltigkeit. Eine <a href="https://www.chip.de/news/laut-studie-jeder-siebte-kauft-weihnachtsgeschenke-bei-temu-und-co_41cd42d1-6019-49e7-bfd6-2b7699d23167.html" target="_blank" rel="noreferrer">NIM-Studie</a> berichtet hingegen nur von jedem Siebten.</p>
<p><strong>Geschenkkauf: Widersprüchliche Zahlen zu Online-Shopping</strong></p>
<p>Bei den genannten Stichprobengrößen der Studien sind mehrere Prozentpunkte Fehler normal. Die Differenz läge im statistisch Erwartbaren – wenn es sich denn um vergleichbare Messverfahren und Zufallsstichproben handeln würde. Doch die Studien nutzen nur Selbstauskünfte aus selbst rekrutierten Panels, die auf verschiedenen Grundgesamtheiten beruhen, und stellen auch noch unterschiedliche Fragen. Menschen erinnern sich zudem schlecht an vergangene Einkäufe und schätzen zukünftige falsch ein. Belastbare Evidenz über Geschenkbudgets und Qualitätsstandards kann der Weihnachtsmann daraus jedenfalls nicht ableiten.</p>
<p>Beim Thema Nachhaltigkeit wird es nicht besser. Immerhin 20 Prozent der Fisch-Esser bevorzugen beim Weihnachtsmenü den „nachhaltigeren und heimischen Karpfen“. Dabei muss sich der Leser der <a href="https://www.boyens-medien.de/artikelansicht/fleisch-fisch-veggie-was-an-festtagen-auf-den-tisch-kommt-1764338222.html" target="_blank" rel="noreferrer">Studie im Auftrag von MSC</a> – einer Organisation, die ein Gütesiegel für nachhaltigen Fisch vergibt – selbst ausrechnen, dass dies lediglich 7,4 Prozent aller Befragten entspricht, etwa halb so viele wie die vegetarischen und veganen Weihnachtsesser. Eine <a href="https://www.presseportal.de/pm/38715/6177192" target="_blank" rel="noreferrer">girocard-Umfrage</a> berichtet, fast die Hälfte der Deutschen kaufe bevorzugt im stationären Handel – nutzt dafür aber ein selbst selektiertes Online-Panel. Eine <a href="https://www.nordkurier.de/panorama/nummer-eins-an-weihnachten-deutsche-setzen-hier-klar-auf-die-tradition-4114861" target="_blank" rel="noreferrer">Studie im Auftrag des Verbands natürlicher Weihnachtsbaum e.V.</a> findet heraus, dass der natürliche Weihnachtsbaum die „Nummer eins in deutschen Wohnzimmern“ sei, denn er sei „echt, nachhaltig und unersetzlich“. Weil die Auswahl der Antwortoptionen, die Fragenformulierung und die Selbstselektion der Teilnehmer die Ergebnisse beeinflussen, kann der Weihnachtsmann nur eines mit Sicherheit sagen: Dass es vor Verzerrungen in diesen Daten nur so wimmelt.</p>
<p><strong>25.000 Insekten im Baum: Wenn Extremwerte Schlagzeilen machen</strong></p>
<p>Apropos „wimmeln“ und „natürlicher Weihnachtsbaum“: In norwegischen Untersuchungen zeigte sich, dass sich in einem Baum „<a href="https://www.infranken.de/ratgeber/feiertage-tradition/weihnachten/gruseliger-weihnachtsbaum-so-viele-tiere-schleppst-du-damit-ins-haus-art-4577725" target="_blank" rel="noreferrer">bis zu 25.000 Insekten</a>“ tummeln könnten. Keine der gefundenen Insekten sind aber ein ernstzunehmendes Gesundheitsrisiko. Die meisten von ihnen überleben nicht einmal den Transport. Aber wer will sie schon im Wohnzimmer, geschweige denn auf seinem Schlitten haben? Zum Glück sind solche Extremwerte definitionsgemäß selten und sagen nichts über Normalfälle aus. Eine saubere Aussage bräuchte vielmehr Durchschnittswerte, Verteilungen und eine Risikobewertung. Auch hier muss also der Weihnachtsmann nach Erfahrungswerten entscheiden, ob er Fichte, Tanne oder doch ein Plastikbäumchen aufstellen soll.</p>
<p><strong>Weihnachtsstress: Stimmungen statt harter Daten</strong></p>
<p>„Weihnachtsstress“ ist ein ebenfalls beliebtes Medienthema in der „besinnlichen Jahreszeit“. Ein Gesundheitsportal warnt gar vor weihnachtsbedingten Herzinfarkten und Todesfällen („<a href="https://baptisthealth.net/baptist-health-news/christmas-coronary-effect-is-holiday-stress-putting-your-heart-at-risk" target="_blank" rel="noreferrer">Christmas Coronary</a> Effect"). Zumindest sagen das die zitierten Experten, liefern aber keine Daten dazu. Eine <a href="https://www.cleankids.de/2025/11/20/webtipps/90492/" target="_blank" rel="noreferrer">Civey-Umfrage</a> meldet, Kinder seien mit dem „emotionalen Stress“ überfordert, wieder mit einem selbst selektierten Online-Panel. Vorsorglich empfiehlt Super Chill, der Auftraggeber der Studie, seine Achtsamkeits-App für Kinder. Befragt wurden allerdings die Eltern, nicht deren Kinder, und „Überforderung“ bleibt ein vager Begriff, da validierte Messinstrumente fehlen. Schließlich wurden die Teilnehmer drei Monate vor Weihnachten befragt, sodass eher Stresserwartungen erhoben wurden statt der tatsächlichen Belastung.</p>
<p>Menschen mit Kindern sind an Weihnachten stärker gestresst als Kinderlose, behauptet eine andere <a href="https://web.de/magazine/wissen/psychologie/bestimmter-aspekt-nervt-dritten-weihnachten-41634290" target="_blank" rel="noreferrer">Civey-Umfrage</a>. Beim genaueren Hinschauen muss der Weihnachtsmann aber feststellen, dass Eltern lediglich zwei bestimmte Gründe für Stress und Ärger häufiger angeben. In einer Grafik werden die Prozentzahlen dafür auch noch addiert, was bei Mehrfachantworten ziemlich unsinnig ist, aber die Zahlen zumindest möglichst dramatisch „verpackt“ – eindrucksvoller hätte es der Weihnachtsmann auch nicht geschafft. Dass Weihnachtsstress existiert, weiß niemand besser als er, der sich darum kümmern muss, dass alle andern möglichst wenig davon haben. Schön wäre, wenn er wüsste, wodurch der Stress verursacht wird, wie stark er ist und was dagegen hilft. Eine Studienbasis, die Ursache-Wirkungs-Beziehungen methodisch sauber untersucht, bleibt aber auch dieses Jahr auf seinem Zettel der unerfüllten Weihnachtswünsche.</p>
<p><strong>Was der Weihnachtsmann wirklich bräuchte</strong></p>
<p>Unsere unstatistische Weihnachtsgeschichte zeigt: Will der Weihnachtsmann evidenzbasiert handeln, braucht er weitaus bessere Datengrundlagen. Repräsentative Stichproben, geeignete Studiendesigns, sinnvolle Operationalisierungen, validierte Instrumente: All das fehlt meist.</p>
<p>Gute Daten sind eben wie hochwertige Geschenke: Man muss sich viele Gedanken über die Zielgruppe machen, sorgfältig planen, Zeit und oft auch Geld investieren – und in Kauf nehmen, dass am Ende doch nicht die Begeisterung erzeugt wird, die man sich selbst gewünscht hat. Trotzdem schenken wir jedes Jahr aufs Neue, um unsere Liebsten ein bisschen glücklicher zu machen. Und genauso werden wir Unstatistiker uns auch im kommenden Jahr bemühen, einmal im Monat ein wenig kritisches Denken zu verschenken, um Sie, unsere Leser, ein bisschen kompetenter im Umgang mit Daten und Statistik zu machen.</p><div class="well"><p><strong>Ihr/e Ansprechpartner/in dazu:</strong></p>
<p>Dr. Katharina Schüller, <a href="mailto:katharina.schueller@stat-up.com">katharina.schueller@stat-up.com</a></p>
<p>Prof. Dr. Thomas K. Bauer, <a href="mailto:Thomas.Bauer@rwi-essen.de">Thomas.Bauer@rwi-essen.de</a></p>
<p>Alexander Bartel (Kommunikation), Tel.: (0201) 8149-354, <a href="mailto:alexander.bartel@rwi-essen.de">alexander.bartel@rwi-essen.de</a> &nbsp;&nbsp;</p></div><p><em>Für die Recherche dieses Beitrags haben wir Künstliche Intelligenz genutzt. Die Prüfung und Ausformulierung erfolgte durch das Autorenteam.</em></p>
<p><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>.</em><em> Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> </em><em>abrufbar.</em></p>
<p><em>Zuletzt erschienen: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro.</em></p>
<p><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter </em><a href="mailto:presse@rwi-essen.de"><em>presse@rwi-essen.de</em></a>.<em> Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Tue, 25 Nov 2025 08:59:00 +0100</pubDate>
                        <title>Die „gefährlichsten Straßen Deutschlands“</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/die-gefaehrlichsten-strassen-deutschlands
                                            
                                    
                            
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                        <description>Medien verkünden: NRW und Bayern haben die gefährlichsten Straßen. Eine Allianz-Studie soll das belegen. Tatsächlich verwechselt sie Verkehrsaufkommen mit Unfallrisiko – und macht aus harmlosen Häufigkeiten Schein-Gefahren.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://www.bild.de/leben-wissen/auto/verkehrsunfaelle-das-sind-die-gefaehrlichsten-strassen-deutschlands-691457310407e2fef73ca032" target="_blank" rel="noreferrer">„DAS sind die gefährlichsten Straßen Deutschlands!“</a>, titelte BILD. Die Frankfurter Rundschau formulierte es so: <a href="https://www.fr.de/frankfurt/frankfurt-neue-analyse-zeigt-deutschlands-gefaehrlichste-strasse-liegt-in-94034962.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Neue Analyse zeigt: Deutschlands gefährlichste Straße liegt in Frankfurt.“</a> Im November berichteten viele Medien über eine <a href="https://www.allianzdirect.de/kfz-versicherung/gefaehrlichste-bundeslaender-unfallstatistik/" target="_blank" rel="noreferrer">Unfallstatistik von Allianz Direct</a>, die auf den Daten der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt), des Statistischen Bundesamtes und des Deutschen Unfallatlas beruht und nach eigener Aussage zeigen soll, wo das Risiko für Verkehrsunfälle am höchsten sei. Heraus kommen wenig überraschende, aber auch kaum entscheidungsrelevante Schlüsse: In bevölkerungsreichen Bundesländern gebe es mehr Unfälle und die häufigste Unfallursache seien „Unfälle zwischen Fahrzeugen auf der Fahrbahn“.</p>
<p>Schon dieser letzte Satz zeigt: Wir haben kein Statistik-, sondern ein Logikproblem.</p>
<p><strong>Logikfehler statt Statistikfehler</strong></p>
<p>Die Allianz stuft Nordrhein-Westfalen und Bayern aufgrund ihres „erhöhten Risikos“ als besonders gefährlich ein. Begründung: große Bevölkerung, viele Pendler, hohes Verkehrsaufkommen. Diese Begründung ist so überraschend wie die Erkenntnis, dass in großen Supermärkten mehr Joghurt verkauft wird als in kleinen.</p>
<p><strong>Absolute Zahlen statt echtes Risiko</strong></p>
<p>Was hier als „erhöhtes Risiko“ bezeichnet wird, ist lediglich eine absolute Zahl. Wo mehr Menschen fahren, passieren statistisch gesehen mehr Unfälle. Das macht die Straßen jedoch nicht gefährlicher.</p>
<p>Um Risiken zu vergleichen, sind Bezugsgrößen notwendig, etwa Unfälle pro gefahrenem Kilometer. Idealerweise werden diese noch um die Art der Straßen, das durchschnittlich gefahrene Tempo, vorhandene Baustellen, die Witterung, die Ampeldichte usw. adjustiert.</p>
<p>Nichts davon wird untersucht. Die Daten beschreiben daher somit kein Risiko, sondern lediglich den Verkehrsdurchsatz mit mehr oder weniger großer Präzision. Die Aussage der Allianz Direct, welche Straßen besonders hoch mit Unfallrisiken behaftet seien, ist daher wenig sinnvoll: „Ein genauer Blick auf die Straßen mit den meisten Unfällen zeigt, dass einige besonders gefährdet sind.“ Straßen können nicht „gefährdet“ sein – und sie sind auch nicht gefährlich. Gefährlich ist das Verhalten der Verkehrsteilnehmer.</p>
<p>Eine viel befahrene Stadtautobahn produziert zwangsläufig mehr Unfälle als eine kaum befahrene Landstraße. Das macht sie jedoch nicht zwangsläufig zu einer Problemstrecke. Ähnlich wäre es, wenn Krankenhäuser mit den meisten Infektionen als „gefährlich“ eingestuft würden. Tatsächlich haben diese häufig einfach nur viele Patienten. Somit wird ein Mengeneffekt fälschlicherweise als Risikoeffekt fehlinterpretiert.</p>
<p><strong>Unfallkonstellation ist keine Ursache</strong></p>
<p>Weiter heißt es: „Die häufigste Unfallursache variiert je nach Bundesland, wobei jedoch in den meisten Bundesländern Unfälle zwischen Fahrzeugen auf der Fahrbahn am häufigsten vorkommen.“ Das ist keine Ursache, sondern eine Unfallkonstellation. Mit derselben Logik könnte man sagen: „Die häufigste Krankheitsursache beim Menschen ist: Krankheit.“</p>
<p>Eine Ursache erklärt, warum etwas passiert – nicht, mit wem oder wo. Mögliche Ursachen sind zum Beispiel eine zu hohe Geschwindigkeit, eine missachtete Vorfahrt, Alkohol am Steuer, Übermüdung, technische Defekte oder schlicht Ablenkung. Die Allianz Direct hat zwar Daten über die Unfallursachen ausgewertet, aber nicht nach Bundesländern differenziert. Dies macht sie nur für die Unfallkonstellationen, die sie jedoch als Unfallursachen bezeichnet.</p>
<p>Das Ranking der Bundesländer mit den angeblich schwersten Verkehrsunfällen in Deutschland ist besonders irreführend. Zwar führt Nordrhein-Westfalen die Liste in absoluten Zahlen deutlich an. Betrachtet man allerdings den Anteil von Unfällen mit Schwerverletzten und Toten an allen Unfällen, so liegt das bevölkerungsreichste Bundesland mit 8,6 Prozent nur auf Platz 6, während Thüringen mit 13 Prozent an erster Stelle steht. Es folgen Sachsen (10,1 %), Sachsen-Anhalt (9,1 %), das Saarland (9,0 %) und Hessen (8,6 %).</p>
<p><strong>Was die Daten wirklich zeigen</strong></p>
<p>Was die Statistik tatsächlich zeigt: Wo viele Autos fahren, passieren viele Unfälle. Die vermeintlichen Erkenntnisse sind nichts anderes als eine Beschreibung des Verkehrsaufkommens. Für alles Weitere fehlen die Daten. Medien greifen solche Rankings dankbar auf, weil sie sich gut klicken lassen. Aber sie erzeugen eine Scheinpräzision, die es nicht gibt. Sie vermitteln den Eindruck, bestimmte Bundesländer seien voller Verkehrsrowdys und auf bestimmten Straßen oder in der Umgebung bestimmter Orte drohe ein besonderes Unfallrisiko.</p>
<p>Nichts davon ist durch die Daten gedeckt. Damit werden aus simplen Häufigkeiten vermeintliche Risikoeinschätzungen – ein klassischer Fall für die „Unstatistik des Monats“.</p><div class="well"><p><strong>Ihr/e Ansprechpartner/in dazu:</strong></p>
<p>Dr. Katharina Schüller, <a href="mailto:katharina.schueller@stat-up.com">katharina.schueller@stat-up.com</a><br> Alexander Bartel (Kommunikation), Tel.: (0201) 8149-354, <a href="mailto:alexander.bartel@rwi-essen.de">alexander.bartel@rwi-essen.de</a> &nbsp;&nbsp;</p></div><p><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>.</em><em> Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> </em><em>abrufbar.</em></p>
<p><em>Zuletzt erschienen: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro.</em></p>
<p><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter </em><a href="mailto:presse@rwi-essen.de"><em>presse@rwi-essen.de</em></a>.<em> Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Wed, 29 Oct 2025 14:15:00 +0100</pubDate>
                        <title>Schlafstörungen nehmen zu. Wirklich?</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/schlafstoerungen-nehmen-zu-wirklich
                                            
                                    
                            
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                        <description>Regelmäßig vor der Zeitumstellung werden in der Presse Zahlen zur Zunahme von Schlafstörungen diskutiert.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>So auch dieses Jahr: <a href="https://www.kkh.de/presse/pressemeldungen/wachliegen" target="_blank" rel="noreferrer">Daten der KKH Kaufmännische Krankenkasse zeigen angeblich, dass der Anteil von Personen mit psychisch bedingten Schlafstörungen von 2014 bis 2024 von 10,3 Prozent auf 17,9 Prozent gestiegen sei – ein Anstieg von 73,5 Prozent</a>. Beachtlich! Vor allem die Generation Z leide zunehmend an Schlafstörungen. Der <a href="https://www1.wdr.de/fernsehen/hier-und-heute/service-schlafstoerungen-100.html" target="_blank" rel="noreferrer">WDR</a>, die <a href="https://www.pharmazeutische-zeitung.de/schneller-altern-wegen-schlafstoerungen-159420/)." target="_blank" rel="noreferrer">Pharmazeutische Zeitung</a> und andere Medien griffen – wie nicht anders zu erwarten – diese Meldung prompt auf.</p>
<p><strong>Drei Gründe für Skepsis</strong></p>
<p>Die Datenbasis für die Analyse bilden die Versicherten der KKH. Unabhängig davon, ob diese eine repräsentative Stichprobe der Bevölkerung darstellen oder nicht, stellt sich die Frage, inwiefern es seit 2014 tatsächlich einen stetigen Anstieg von Schlafstörungen gegeben hat. Es gibt zumindest plausible Hinweise darauf, dass dieser Anstieg zu einem nicht unerheblichen Teil auf Änderungen in der Diagnostik, der Versorgung und der Erfassung der Krankheit zurückzuführen ist.</p>
<p><strong>1. Ärzte kodieren anders</strong></p>
<p>Zwar gelten Schlaf-Wach-Störungen erst mit der 11. Version der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-11) im Jahr 2022 als eigenständiges Krankheitsbild. Die vollständige Umsetzung in Deutschland erfolgt sogar erst im Jahr 2027. Doch allein die Fachdiskussionen darüber kann dazu geführt haben, dass Ärzte vermehrt auf Schlafstörungen achten und anders kodieren. Folglich bekommen mehr Patienten die Diagnose "Schlafstörung" – nicht, weil mehr Menschen schlecht schlafen, sondern weil Ärzte öfter danach fragen und sie als Krankheitsbild erfassen.</p>
<p><strong>2. Mehr Schlafmediziner arbeiten</strong></p>
<p>Kommt hinzu: Die schlafmedizinische Versorgung in Deutschland hat sich im vergangenen Jahrzehnt verbessert, zumindest gemessen an der <a href="https://www.springermedizin.de/somnologie/schlafbezogene-atmungsstoerungen/schlafmedizinische-qualifizierung-in-deutschland-eine-bestandsau/19110412" target="_blank" rel="noreferrer">Anzahl schlafmedizinisch qualifizierter Ärzte und schlafmedizinischer Einrichtungen wie Schlaflabore</a>. Laut Bundesärztekammer nahm die <a href="https://www.bundesaerztekammer.de/baek/ueber-uns/aerztestatistik/2024" target="_blank" rel="noreferrer">Anzahl der praktizierenden Ärztinnen und Ärzte mit der Zusatzqualifikation „Schlafmedizin“ von 1.060 im Jahr 2014 um knapp 37 Prozent auf 1.450 im Jahr 2023 zu</a>.</p>
<p><em>Hinweis: Die offizielle Zusatzqualifikation zur Schlafmedizin existiert seit der Einführung der Muster-Weiterbildungsordnung der Bundesärztekammer im Jahr 2018. Zuvor gab es seit dem 19. Oktober 1995 einen freiwilligen Qualifikationsnachweis der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM).&nbsp; </em></p>
<p><strong>3. Menschen werden aufmerksamer</strong></p>
<p>Und nicht zuletzt ist das Bewusstsein für Stress, psychische Belastungen und gesunden Schlaf in Deutschland gewachsen. Smartwatches, die unseren Schlaf messen, helfen dabei, Auffälligkeiten und mögliche Störungen frühzeitig zu bemerken.</p>
<p>Fazit: Es gibt sehr bedeutsame Indizien dafür, dass der gemessene Anstieg von Schlafstörungen nicht nur auf eine tatsächliche Zunahme der Erkrankung, sondern vor allem auf eine verbesserte Diagnostik, ein verbessertes Versorgungsangebot und eine höhere gesellschaftliche Aufmerksamkeit zurückzuführen ist. Bei der Zeitumstellung am vergangenen Wochenende hat mir meine Smartwatch jedenfalls ein „Like“ gegeben: Ich habe eine Stunde mehr als sonst geschlafen.</p><div class="well"><p><strong>Ihre Ansprechpartner dazu:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Thomas Bauer, Tel.: (0201) 8149-264,&nbsp;<a href="mailto:thomas.bauer@rwi-essen.de">thomas.bauer@rwi-essen.de</a></p>
<p>Alexander Bartel (Kommunikation), Tel.: (0201) 8149-354, <a href="mailto:alexander.bartel@rwi-essen.de">alexander.bartel@rwi-essen.de</a> &nbsp;&nbsp;</p>
<p>Dr. Niels Oelgart, Tel.: (0201) 8149-213, <a href="mailto:niels.oelgart@rwi-essen.de">niels.oelgart@rwi-essen.de</a></p></div><p><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>.</em><em> Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> </em><em>abrufbar.</em></p>
<p><em>Zuletzt erschienen: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro.</em></p>
<p><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter </em><a href="mailto:presse@rwi-essen.de"><em>presse@rwi-essen.de</em></a>.<em> Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <guid isPermaLink="false">news-2473</guid>
                        <pubDate>Tue, 30 Sep 2025 12:07:00 +0200</pubDate>
                        <title>Femizid-Statistik: Von 0 auf 360 – warum präzise Zahlen Frauen besser schützen</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/femizid-statistik-von-0-auf-360-warum-praezise-zahlen-frauen-besser-schuetzen
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Gewalt gegen Frauen ist ein gravierendes gesellschaftliches Problem. Um die richtigen Schutzmaßnahmen zu entwickeln, brauchen wir präzise Statistiken.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Unsere Unstatistik des Monats September befasst sich mit der Femizid-Statistik in Deutschland. Die Zahlen stammen aus dem „<a href="https://www.bka.de/DE/Presse/Listenseite_Pressemitteilungen/2024/Presse2024/241119_PM_BLB_Straftaten_gegen_Frauen.html" target="_blank" rel="noreferrer">Bundeslagebild 2023: Geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen</a>“ des Bundeskriminalamts (BKA). Am 5. September 2025 hat der Satiriker Jan Böhmermann im ZDF diesem Bericht fast eine komplette <a href="https://www.zdf.de/play/shows/zdf-magazin-royale-102/zdf-magazin-royale-vom-5-september-2025-100" target="_blank" rel="noreferrer">Sendung</a> gewidmet, in der die ehemalige Bundesinnenministerin Nancy Faeser gezeigt wird. Auf einer Pressekonferenz sagte sie: „Fast jeden Tag wird in Deutschland eine Frau oder ein Mädchen getötet. Das bedeutet, fast jeden Tag ein Femizid.“</p>
<p>Diese Gleichsetzung ist problematisch. Sie verwischt wichtige Unterschiede und erschwert gezielten Schutz.</p>
<p><strong>Was genau ist ein Femizid?</strong></p>
<p>Ein Femizid liegt <a href="https://www.who.int/publications/i/item/WHO-RHR-12.38" target="_blank" rel="noreferrer">definitionsgemäß</a> vor, wenn eine Frau vorsätzlich getötet wird, weil sie eine Frau ist. In den meisten Fällen weiß man das jedoch nicht so genau. Der Lagebericht des BKA weist auf diese Unsicherheit bereits auf den ersten Seiten hin. Eine Möglichkeit ist es, alle Fälle zu zählen, bei denen bekannt ist, dass ein Täter aus Frauenhass getötet hat. 2023 gab es keinen einzigen solchen Fall.</p>
<p>Eine weitere Möglichkeit ist die statistische Ableitung. Delikte, die überwiegend Frauen treffen, gelten als „geschlechtsspezifisch motiviert“: „Zunächst wurden die Delikte identifiziert, die immer überwiegend Mädchen und Frauen betreffen, dann die Delikte, die erst bei Berücksichtigung weiterer Aspekte dieses Kriterium erfüllen (so betrifft bspw. Körperverletzung erst im Kontext Häuslicher Gewalt überwiegend weibliche Opfer).“ Die Daten stammen aus der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS). Laut BKA-Bericht gab es 938 weibliche Opfer versuchter oder vollendeter Tötungsdelikte, davon 360 tatsächlich getötete Mädchen und Frauen.</p>
<p><strong>Von der Definition zur Statistik</strong></p>
<p>Insgesamt werden leicht überwiegend Männer Opfer von vorsätzlichen Tötungsdelikten. Innerhalb von Ehe, Partnerschaft oder Familie sind allerdings Frauen deutlich öfter betroffen. Es mag Zweifelsfälle geben: Ein Partner oder Familienmitglied tötet aus Überforderung, etwa wegen Drogenmissbrauch, Alter oder Krankheit des Opfers. Aus der PKS ergibt sich die Gesamtzahl solcher Fälle, aber nicht, in welcher Beziehung Tatverdächtiger und Opfer standen – neben Angehörigen könnten etwa auch Pflegekräfte die Täter gewesen sein.</p>
<p>Wenn eine Frau bei einem Sexualdelikt getötet wurde oder der Täter (genauer: der Tatverdächtige) ihr Ehe- oder Lebenspartner oder ein anderer Familienangehöriger war, kann man plausibel annehmen, dass sie wegen ihres Geschlechts getötet wurde. Es wäre allerdings ebenso plausibel anzunehmen, dass in vergleichbaren Fällen das Geschlecht auch dann eine Rolle spielt, wenn ein Mann das Opfer ist.</p>
<p>Wir haben daher die <a href="https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/PolizeilicheKriminalstatistik/pks_node.html" target="_blank" rel="noreferrer">PKS 2023 und die seit Anfang April dieses Jahres vorliegende PKS 2024</a> entsprechend ausgezählt. Als „mutmaßlich geschlechtsspezifische, gegen Männer bzw. Frauen gerichtete, vorsätzliche Tötungsdelikte“ werten wir:</p>
<p>- Mord in Zusammenhang mit Sexualdelikten (PKS-Schlüssel 012000)</p>
<p>- Sonstiger Mord (010079), Totschlag (020010), minder schwerer Totschlag (020020) und Körperverletzung mit Todesfolge (221010) jeweils nur, wenn Tatverdächtiger und Opfer in einer familiären Beziehung standen („Häusliche Gewalt“). In derartigen Konstellationen waren die Opfer in rund zwei Dritteln aller Fälle weiblich.</p>
<p>So gezählt, ist die Anzahl weiblicher Opfer für das Jahr 2023 erheblich niedriger als die im BKA-Bericht genannten 938 Femizide, wie die folgende Grafik zeigt.</p>
<p><img alt data-alt-override="true" data-htmlarea-file-table="sys_file" data-htmlarea-file-uid="12743" data-title-override="true" src="/fileadmin/_processed_/f/8/csm_Unstatistik_September_2025_803ff16b15.png" style width="794" height="345" class="rte_imagepresent"></p>
<p><span class="text-muted">Quelle: Eigene Darstellung basierend auf Daten des Bundeskriminalamts (2023, 2024). <a href="https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/PolizeilicheKriminalstatistik/pks_node.html" target="_blank" rel="noreferrer">https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/PolizeilicheKriminalstatistik/pks_node.html</a>. </span></p>
<p><strong>Femizide, die vermutlich gar keine sind</strong></p>
<p>Der BKA-Bericht definiert, dass vorsätzliche Tötungsdelikte an Frauen als Femizide zu werten sind, wenn sie Frauen überwiegend betreffen, und ergänzt korrekterweise, dass dies bei den oben angeführten Straftaten der Fall ist, wenn es sich um Fälle Häuslicher Gewalt handelt. Gezählt wird dann aber anders, nämlich alle vorsätzlich getöteten Frauen (bzw. diejenigen, die den Angriff überlebt haben).</p>
<p>Richtig ist: 2023 waren 938 Frauen und Mädchen Opfer von vorsätzlichen Tötungsdelikten; 360 davon starben. Das bedeutet, fast jeden Tag eine getötete Frau. Falsch hingegen ist die Aussage: „Das bedeutet, fast jeden Tag ein Femizid.“ Richtig ist vielmehr, dass – wenn man sich der BKA-Definition anschließt – im Jahr 2023 maximal 530 Tötungsdelikte Femizide waren, davon 249 vollendete.</p>
<p>Drei von zehn vollendeten und fünf von zehn versuchten „Femiziden“ waren sehr wahrscheinlich keine. Vielleicht sogar mehr, aber diese Fälle dürften unstrittig sein.</p>
<p>Diese Unterscheidung ist nicht akademisch. Sie zeigt, wo der Schutz ansetzen muss.</p>
<p><strong>Häusliche Gewalt trifft vor allem Frauen</strong></p>
<p>Die Statistik offenbart das eigentliche Drama: Frauen werden vor allem von Partnern und Familienmitgliedern getötet.</p>
<p>Im Jahr 2024 sind die Fälle mutmaßlich geschlechtsspezifischer, vorsätzlicher Tötungsdelikte gegenüber Frauen zurückgegangen, gegenüber Männern gestiegen. Das Geschlechterverhältnis hat sich also etwas angenähert. Unverändert geblieben ist die Geschlechterverteilung bei vorsätzlichen Tötungsdelikten in der Partnerschaft. In vier von fünf Fällen ist dabei das Opfer eine Frau. Bei mehr als jeder zweiten Frau, die Opfer eines vorsätzlichen Tötungsdeliktes wurde, war der Täter ein Familienmitglied; bei mehr als jeder dritten war es der Partner oder die Partnerin. Bei den Männern war es knapp in jedem siebten Fall ein Familienmitglied bzw. in knapp jedem zwanzigsten die Partnerin oder der Partner.</p>
<p>Viele, zu viele Mädchen und Frauen sind von tödlicher Gewalt betroffen – überwiegend durch Familienmitglieder. Wie viele von ihnen getötet werden, weil sie Frauen sind, wissen wir nicht. Es gibt große Probleme bei der Definition und noch viel größere Probleme dabei, die Definition in eine Statistik zu überführen. Die Lösung kann jedoch nicht sein, diese Unsicherheit zu ignorieren und mit voller Überzeugung jedes weibliche Opfer als Femizid darzustellen. Das BKA wäre gut beraten, in Zukunft eine andere Bezeichnung zu wählen. Nicht um zu verharmlosen, sondern um darauf aufmerksam zu machen, dass wir erschreckend wenig darüber wissen, wie viele Frauen und Mädchen in Deutschland tatsächlich von geschlechtsspezifisch motivierter Gewalt betroffen sind.</p><div class="well"><p><strong>Ihr/e Ansprechpartner/in dazu:</strong></p>
<p>Dr. Katharina Schüller (STAT-UP), Tel.: (089) 34077-447</p>
<p>Dr. Niels Oelgart (Kommunikation RWI), <a href="mailto:niels.oelgart@rwi-essen.de">niels.oelgart@rwi-essen.de</a>, Tel.: (0201) 8149-213</p>
<p>Alexander Bartel (Kommunikation RWI), <a href="mailto:alexander.bartel@rwi-essen.de">alexander.bartel@rwi-essen.de</a>, Tel.: (0201) 8149-354</p></div><p><a href="https://open.spotify.com/show/1ODf4cDgcFrXn08YSIVpDm?si=45339fb4981840c4" target="_blank" rel="noreferrer"><em>Jetzt neu: Unstatistik des Monats – der Podcast zum Blog auf Spotify.</em></a><em> </em></p>
<p><em>Hinweis: Die Podcastfolgen wurden mit KI generiert.</em></p>
<p><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>.</em><em> Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> </em><em>abrufbar.</em></p>
<p><em>Weiterführende Literatur: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro. Es wurde im Oktober 2023 mit dem „getAbstract-International Book Award 2023“ in der Kategorie Business Impact ausgezeichnet. Das Unternehmen getAbstract hat sich auf die Zusammenfassungen von Wirtschaftsbüchern und Klassikern der Weltliteratur spezialisiert und vergibt seine Awards jährlich im Rahmen der Frankfurter Buchmesse. Speziell mit der Bewertung von Risiken beschäftigt sich das Buch </em><a href="https://www.amazon.de/Risiko-Wie-richtigen-Entscheidungen-trifft/dp/3570101037" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“</em></a> <em>von Unstatistik-Autor Prof. Dr. Gerd Gigerenzer. </em></p>
<p><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe „Unstatistik des Monats“ muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter </em><a href="mailto:presse@rwi-essen.de"><em>presse@rwi-essen.de</em></a>.<em> Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Wed, 20 Aug 2025 15:59:00 +0200</pubDate>
                        <title>Wenn Statistik zum Politikum wird: Wie unbegründete Manipulationsvorwürfe der Demokratie schaden</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/wenn-statistik-zum-politikum-wird-wie-unbegruendete-manipulationsvorwuerfe-der-demokratie-schaden
                                            
                                    
                            
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                        <description>Statistiken sind die Grundlage wichtiger Entscheidungen in Politik und Wirtschaft. Wenn ihnen ohne Beweise Manipulation vorgeworfen wird, gerät mehr ins Wanken als nur Zahlenreihen. Zwei aktuelle Fälle zeigen, wie leichtfertig in Deutschland mit Vorwürfen gegen das Statistische Bundesamt umgegangen wird – und warum Sachlichkeit jetzt wichtiger ist denn je.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Wem nicht gefällt, was Zahlen zeigen, der kann die Zahlen ändern – oder die Statistikerin feuern. So geschehen in den USA: Anfang August hat US-Präsident Trump die Leiterin des Bureau of Labor Statistics (BLS), Erika McEntarfer, entlassen, weil ihm die jüngsten Arbeitsmarktdaten nicht gefielen. Trump sprach gar von „Fälschung“. Seine Begründung: Die Arbeitsmarktzahlen wurden mehrfach revidiert.</p>
<p>Die Opposition warf dem Präsidenten autokratisches Gebaren vor. Viele sehen die Integrität der Statistikbehörde bedroht. Es geht um Neutralität, Methodenkompetenz und politische Unabhängigkeit der amtlichen Statistik.</p>
<p class="MsoSubtitle"><strong>Statistische Behörden müssen unabhängig bleiben</strong></p>
<p>Können statistische Indikatoren, die politisches Gewicht haben, unpolitisch sein? Sie können es nicht nur, sie müssen es sogar! Doch vor allem dann, wenn größere Revisionen durchgeführt wurden, sei es aufgrund von geänderten methodischen Standards oder infolge verbesserter Daten, steht dieses Spannungsverhältnis zwischen politischer Relevanz und faktischer Neutralität regelmäßig auf dem Prüfstand – eine große Herausforderung an die Statistik zur transparenten Kommunikation, ebenso aber auch an die Nutzer zur sachlichen Kritik.</p>
<p>Die Vorgehensweise der US-Administration gegenüber dem BLS ist ein Beispiel dafür, wie mit ungerechtfertigten Unterstellungen und Vorwürfen der Manipulation essenzielles Vertrauen zerstört wird. Damit wird <a href="https://isi-web.org/statement/statement-about-dismissal-bureau-labor-statistics-bls-commissioner-erika-mcentarfer" target="_blank" rel="noreferrer">nachhaltiger Schaden</a> angerichtet, der wichtigen Entscheidungen in Politik und Wirtschaft und dem öffentlichen Diskurs die Evidenzbasis entzieht.</p>
<p>Leider sind wir auch in Deutschland nicht mehr sicher vor faktenfreiem Manipulationsgeschrei, das gezielt die Glaubwürdigkeit der amtlichen Statistik untergraben soll. Zwei aktuelle Fälle dürfen zum Schutz unserer Demokratie nicht unwidersprochen bleiben.</p>
<p class="MsoSubtitle"><strong>Fall 1: der angebliche BIP-Rechenfehler</strong></p>
<p>Der Medienunternehmer Gabor Steingart hat dem Statistischen Bundesamt in einem <a href="https://www.focus.de/finanzen/4-statistische-fehler-warum-das-bruttoinlandsprodukt-die-buerger-taeuscht_3fd13b6f-15c2-47e4-b617-730f125952d9.html" target="_blank" rel="noreferrer">Meinungsbeitrag auf Focus Online</a> vorgeworfen, sich beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) „verrechnet“ zu haben. Das würden nachträgliche Korrekturen des BIP für die Jahre 2023 und 2024 beweisen. Sein Fazit: „Die Statistiker betrügen nur uns, aber nicht sich selbst.“</p>
<p>Unstatistik-Autorin Katharina Schüller hat in einem <a href="https://www.focus.de/finanzen/news/deutsche-wohlstandsillusion-so-zeigt-das-bip-unsere-wirtschaftskraft-auf_64dcfbea-6de7-4d5e-a506-8bc95f7172a6.html" target="_blank" rel="noreferrer">offenen Brief</a> auf Steingarts Beitrag reagiert. Darin korrigiert sie zahlreiche Fehler und Fehlinterpretationen, die Herrn Steingart in seinem Meinungsbeitrag unterlaufen sind. So wird das BIP (wie auch die US-amerikanischen Arbeitsmarktzahlen) regelmäßig revidiert – das ist nichts Ungewöhnliches und nach den internationalen Vorgaben des System of National Accounts (SNA) und den rechtsverbindlichen Regeln des Europäischen Systems Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen (ESVG) sogar notwendig. Besonders pikant an der Sache: Das Statistische Bundesamt hat in seinen Pressemitteilungen zwischen <a href="https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2021/11/PD21_532_811.html" target="_blank" rel="noreferrer">November 2021</a> und <a href="https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/02/PD24_066_811.html" target="_blank" rel="noreferrer">Februar 2024</a> regelmäßig auf zu erwartende, größere Revisionen hingewiesen: „Die aktuellen Ergebnisse des BIP sind zudem weiterhin mit größeren Unsicherheiten als sonst üblich behaftet. Dies gilt insbesondere für die preis-, saison- und kalenderbereinigten Quartalswerte.“ Wie man von den jüngsten Revisionen überrascht sein kann, ist daher kaum nachzuvollziehen.</p>
<p class="MsoSubtitle"><strong>Fall 2: die verschwundenen Armen</strong></p>
<p>Das Statistische Bundesamt hat die Methode zur Berechnung der Armutsgefährdungsquote geändert. Statt des MZ-Kern (Mikrozensus Kernprogramm) verwendet es nun den MZ-SILC (Statistics of Income and Living Conditions), um die europäische Vergleichbarkeit zu verbessern. Darüber hat das Amt seine Nutzer auch <a href="https://www.statistikportal.de/sites/default/files/2025-07/Erläuterung%20zum%20Bundesmedian_2.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">transparent informiert</a>. Die bisherigen Berechnungen wurden archiviert.</p>
<p>MZ-SILC ist speziell auf EU-Vergleiche zugeschnitten und erfasst insbesondere Einkommen besser, die nicht aus der Erwerbsarbeit stammen – etwa Kindergeld, BAföG, Pflege- oder Wohngeld. Außerdem wird das genaue Einkommen in Euro erfragt und nicht nur das Einkommen nach groben Klassen, sodass insgesamt verlässlichere Daten zur Verfügung stehen als bisher. Die geringere Stichprobengröße führt allerdings dazu, dass Analysen der Armutsgefährdungsgrößen im MZ-SILC nach sozioökonomischen Charakteristika nur mit einer größeren Unsicherheit möglich sind.</p>
<p>30 Armutsforscher haben nun in einem <a href="https://gks-consult.de/armutsdaten-mikrozensus-brief-stabu/" target="_blank" rel="noreferrer">Protestbrief</a> gefordert, die Berechnung der Armutsgefährdungsquote auf Basis von MZ-Kern fortzuführen. Das Vorgehen des Statistischen Bundesamts sei „denkbar unwissenschaftlich“ und es grenze „bereits an behördliche Willkür, wenn ein Bundesamt Ergebnisse von allgemeinem wissenschaftlichem und öffentlichem Interesse zurückhält und damit die gesamte Fachdiskussion und öffentliche Rezeption beschnitten werden. Oder in eine bestimmte Richtung gelenkt werden sollen?“ Es könne doch nicht sein, dass durch die Umstellung über Nacht eine Million armutsgefährdete Menschen verschwunden sind.</p>
<p>Das sind sie auch nicht. Sie haben höchstwahrscheinlich niemals existiert, sondern waren das Ergebnis von Messfehlern durch die weniger präzise und systematisch verzerrte Erfassung im MZ-Kern.</p>
<p>Am Rande bemerkt: Über die Interpretation der Armutsgefährdungsquote kann man sich lange streiten. Wir haben im Rahmen der <a href="https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/jedes-fuenfte-kind-in-deutschland-gilt-als-arm-und-das-wird-so-bleiben" target="_blank">Unstatistik</a> mehrfach darauf hingewiesen, dass dieser Indikator mit „Armut“ im allgemeinen Verständnis wenig zu tun hat. Um ein umfassenderes Bild des Phänomens „Armut“ zu ermöglichen, veröffentlicht deshalb das Statistische Bundesamt auch den EU-weit vergleichbaren Indikator AROPE, der berücksichtigt, was Personen sich tatsächlich leisten und inwieweit Personen am gesellschaftlichen Leben teilhaben können.</p>
<p class="MsoSubtitle"><strong>Viel Lärm um nichts</strong></p>
<p>Nur in einem kleinen Nebensatz des Protestbriefs, der den meisten Medien entgangen ist, wird deutlich, was die Unterzeichner tatsächlich bemängeln: Das Statistische Bundesamt berechnet eine bestimmte Variante der Armutsgefährdungsquote nicht mehr. Die Daten des MZ-Kern existieren weiterhin und daraus werden nach wie vor umfassende, regional und soziodemografisch detaillierte Armutsgefährdungsquoten berechnet und veröffentlicht.</p>
<p>Der einzige Unterschied: Die Armutsgefährdung orientiert sich jetzt am Medianeinkommen des jeweiligen Bundeslandes statt am Bundesmedian. Das bedeutet, dass Menschen in Thüringen nun nicht mehr mit einem bundesweiten Mittelwert verglichen werden, in den auch hohe Einkommen aus dem Münchner Umland mit einfließen. Man kann diese Änderung so auffassen, dass sie einen wenig aussagekräftigen statistischen Durchschnitt zugunsten einer differenzierteren Betrachtungsweise aufgibt und damit die unterschiedlichen Lebensrealitäten in Deutschland besser abbildet. Auf das Problem der Verwendung des Bundesmedian zur Berechnung von Armutsquoten haben wir bereits in unserer <a href="https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/archiv/2012/detail/das-ruhrgebiet-als-armenhaus" target="_blank">allerersten Unstatistik im Jahr 2012</a> hingewiesen.</p>
<p class="MsoSubtitle"><strong>Fakten statt Fake News: wissenschaftliche Freiheit ist nicht eingeschränkt</strong></p>
<p>Mit gutem Grund veröffentlicht das Bundesamt nur eine „amtliche“ Armutsgefährdungsquote. Alle anderen Daten stehen der Forschung weiterhin zur Verfügung – wenn auch mit einer Verzögerung von zwei bis drei Jahren. Jeder Wissenschaftler kann über das Forschungsdatenzentrum des Statistischen Bundesamts Zugang beantragen und eigene Analysen durchführen.</p>
<p>Sogar aus den veröffentlichten Statistiken könnte ein erfahrener Armutsforscher die Armutsgefährdungsquote nach dem Bundesmedian leicht selbst berechnen. Die Unterzeichner des Protestbriefs scheinen dazu jedoch nicht in der Lage – oder nicht willens – zu sein.</p>
<p>Der Vorwurf der „Unwissenschaftlichkeit“ oder einer „Einschränkung der wissenschaftlichen Freiheit“ ist daher schlicht falsch.</p>
<p class="MsoSubtitle"><strong>Vertrauen in Statistik ist die Grundlage einer funktionierenden Demokratie</strong></p>
<p>Uns beunruhigt zutiefst, wie schnell, leichtfertig, und teilweise wider besseres Wissen inzwischen auch in Deutschland von „Manipulation“ und „politischer Einflussnahme“ geschrieben wird, wenn einigen Personen oder Institutionen eine von Statistischen Bundesamt veröffentlichte Zahl nicht passt. Noch bedenklicher: Einige Medien übernehmen diese vermeintlichen Skandale dankbar und oft unkritisch, ohne die politischen oder wirtschaftlichen Absichten der Urheber zu hinterfragen. Dadurch untergraben sie das Vertrauen in eine bedeutende demokratische Institution.</p>
<p>Das Bundesstatistikgesetz (BstatG), § 1, stellt unmissverständlich klar: „Für sie [die amtliche Statistik] gelten die Grundsätze der Neutralität, Objektivität und fachlichen Unabhängigkeit.“ Als Mitglieder der „<a href="https://www.destatis.de/DE/Ueber-uns/Leitung-Organisation/KomZS/abschlussbericht.pdf?__blob=publicationFile" target="_blank" rel="noreferrer">Kommission Zukunft Statistik</a>“ (Bauer, Radermacher, Schüller) und langjähriger Vorsitzender des Statistischen Beirats (Bauer) haben wir das Statistische Bundesamt stets als fachlich unabhängig von jeder politischen Weisung erlebt. Das scheint aber nicht mehr zu reichen. Um die Unabhängigkeit für die Zukunft zu sichern, sollte dem Statistischen Bundesamt endlich eine Rechtsstellung ähnlich der des Bundesrechnungshofes gegeben werden.</p><div class="well"><p><strong>Ihr/e Ansprechpartner/in dazu:</strong></p>
<p>Dr. Katharina Schüller (STAT-UP), Tel.: (089) 34077-447</p>
<p>Prof. Dr. Thomas Bauer (RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung), Tel.: (0201) 8149-264, <a href="mailto:thomas.bauer@rwi-essen.de">thomas.bauer@rwi-essen.de</a>&nbsp;&nbsp;</p>
<p>Prof. Dr. Walter J. Radermacher (Statistiker, Präsident des Statistischen Bundesamtes a. D. und ehemaliger Generaldirektor von Eurostat), <a href="mailto:Walter.Radermacher@stat.uni-muenchen.de">Walter.Radermacher@stat.uni-muenchen.de</a>&nbsp;</p>
<p>Alexander Bartel (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-354, <a href="mailto:alexander.bartel@rwi-essen.de">alexander.bartel@rwi-essen.de</a></p></div><p><a href="https://open.spotify.com/show/1ODf4cDgcFrXn08YSIVpDm?si=45339fb4981840c4" target="_blank" rel="noreferrer"><em>Jetzt neu: Unstatistik des Monats – der Podcast zum Blog auf Spotify.</em></a><em> </em></p>
<p><em>Hinweis: Die Podcastfolgen wurden mit KI generiert.</em></p>
<hr>
<p><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>.</em><em> Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> </em><em>abrufbar.</em></p>
<p><em>Weiterführende Literatur: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro. Es wurde im Oktober 2023 mit dem „getAbstract-International Book Award 2023“ in der Kategorie Business Impact ausgezeichnet. Das Unternehmen getAbstract hat sich auf die Zusammenfassungen von Wirtschaftsbüchern und Klassikern der Weltliteratur spezialisiert und vergibt seine Awards jährlich im Rahmen der Frankfurter Buchmesse. Speziell mit der Bewertung von Risiken beschäftigt sich das Buch </em><a href="https://www.amazon.de/Risiko-Wie-richtigen-Entscheidungen-trifft/dp/3570101037" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“</em></a> <em>von Unstatistik-Autor Prof. Dr. Gerd Gigerenzer. </em></p>
<p><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter </em><a href="mailto:presse@rwi-essen.de"><em>presse@rwi-essen.de</em></a>.<em> Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2025</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Thu, 17 Jul 2025 12:08:00 +0200</pubDate>
                        <title>Relative Risiken, absolute Verwirrung: Warum das Mammographie-Screening nicht hält, was es verspricht</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/relative-risiken-absolute-verwirrung-warum-das-mammographie-screening-nicht-haelt-was-es-verspricht
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die „Unstatistik des Monats&quot; Juli ist die systematische Fehlinformation zum Mammographie-Screening. Ein prominentes Beispiel zeigt, wie vermeintliche Erfolge überzeichnet und potenzielle Schäden verschwiegen werden – zum Nachteil informierter Patientenentscheidungen. </description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://open.spotify.com/show/1ODf4cDgcFrXn08YSIVpDm?si=45339fb4981840c4" target="_blank" rel="noreferrer"><i>Jetzt neu: Unstatistik des Monats – der Podcast zum Blog auf Spotify</i></a><i>&nbsp;(Hinweis: Die Podcastfolgen wurden mit KI generiert.)</i></p>
<p>Von der <a href="https://www.ardmediathek.de/video/daten-der-woche/daten-der-woche-12-07-2025/sr/Y3JpZDovL3NyLW9ubGluZS5kZS9EQVdPXzE1NTY1MQ" target="_blank" rel="noreferrer">ARD</a> bis zur BILD-Zeitung berichteten deutsche Medien über eine <a href="https://doris.bfs.de/jspui/handle/urn:nbn:de:0221-2025062052653" target="_blank" rel="noreferrer">neue Studie der Universität Münster zur Wirksamkeit des Mammographie-Screenings</a>. Die Pressemeldungen der Universität, des Bundesamts für Strahlenschutz und des <a href="https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/studie-mammographie-screening-pm-09-07-25.html" target="_blank" rel="noreferrer">Bundesministeriums für Gesundheit</a> feiern eine beeindruckende Zahl: <a href="https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/studie-mammographie-screening-pm-09-07-25.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Unter den Frauen, die an dem Screening teilnahmen, gingen die Brustkrebs-Todesfälle demnach zwischen 20 und 30 Prozent zurück.“</a> Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung – ein Träger des Screening-Programms – verkündet unter dem Titel <a href="https://www.kbv.de/presse/pressemitteilungen/2025/mammographie-screening-rettet-leben" target="_blank" rel="noreferrer">„Mammographie-Screening rettet Leben“</a> dieselbe Zahl. Und BILD glaubt: <a href="https://www.bild.de/leben-wissen/medizin/mammografie-rettet-leben-experten-fordern-naechsten-schritt-686e5da6e2cff87644c81c72" target="_blank" rel="noreferrer">„Seit 20 Jahren rettet das Mammografie-Screening in Deutschland nachweislich Leben.“</a></p>
<p><strong>Was die wissenschaftlichen Daten wirklich zeigen</strong></p>
<p>Die Realität sieht anders aus: Seit Einführung des Mammographie-Screenings sind Frauen über Nutzen und Schaden systematisch in die Irre geführt worden – denn nicht zuletzt ist es eine milliardenschwere Einnahmequelle für Radiologen, Kliniken und Gerätehersteller. Die 20 bis 30 Prozent sind das jüngste Beispiel. Bevor wir die Entstehung dieser Zahlen einordnen: Was sagen die besten wissenschaftlichen Studien – insbesondere die acht existierenden randomisierten kontrollierten Studien mit insgesamt rund 500.000 Frauen?</p><ol><li data-list-item-id="e55841923113cb3edff7dbe589bafab72"><a href="https://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/fullarticle/2808648" target="_blank" rel="noreferrer">Lebenserwartung:</a> Es gibt keinen Beleg dafür, dass Frauen, die am Screening teilnehmen, auch nur einen Tag länger leben als jene, die nicht teilnehmen.</li><li data-list-item-id="ee140976050147b7c1cf5ec09c1706162"><a href="https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD001877.pub5/full" target="_blank" rel="noreferrer">Krebssterblichkeit:</a> Die Gesamtsterblichkeit an Krebs – einschließlich Brustkrebs – ist in beiden Gruppen gleich.</li><li data-list-item-id="edd37f4ad3e85529044b54c5115e877e8"><a href="https://doi.org/10.1002%2F14651858.CD001877.pub5" target="_blank" rel="noreferrer">Brustkrebssterblichkeit:</a> Von jeweils 1.000 Frauen im Alter zwischen 50 und 69 Jahren sterben in einem Zeitraum von etwa elf Jahren rund fünf an Brustkrebs, wenn sie nicht am Screening teilnehmen. In der Screening-Gruppe sind es vier. Doch gleichzeitig stirbt dort eine Frau mehr an einem anderen Krebs – was erklärt, warum die Gesamt-Krebssterblichkeit unverändert bleibt (siehe Punkt 2).</li><li data-list-item-id="e315a0be09af2c722abf7a2089ea8713b"><a href="https://hardingcenter.de/sites/default/files/2024-07/Faktenbox_Mammographie_DE_neues_Design_20191012_final.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">Risiken des Screenings:</a> Neben einer (geringen) Strahlenbelastung gibt es zwei wesentliche Risiken:</li></ol><ul class="list-normal"><li data-list-item-id="e11aaf8959308e510a3c5cc949dc899a7">Etwa jede zehnte gesunde Frau erhält ein falsch-positives Ergebnis, was unnötige Ängste, weitere Untersuchungen oder Biopsien nach sich zieht.</li><li data-list-item-id="ed943c210efc9ae4776c44ac22f77f9d9">Einige Frauen erhalten eine Krebsdiagnose, obwohl sie eine sehr langsam oder nicht-fortschreitende Zellveränderung haben, die zu Lebzeiten nie Beschwerden verursacht hätte – und ihnen wird unnötigerweise Brustgewebe oder gar die vollständige Brust amputiert (siehe folgende Faktenbox des Harding-Zentrums für Risikokompetenz an der Universität Potsdam).</li></ul><p><img class src="/fileadmin/_processed_/e/7/csm_Unstatistik_Juli_2025_d82c20fb17.jpg" data-htmlarea-file-uid="12634" data-htmlarea-file-table="sys_file" width="795" height="561" title alt data-title-override="true" data-alt-override="true" data-htmlarea-zoom="true" style></p>
<p><strong>Fazit: Mammographie-Screening rettet kein Leben.</strong></p>
<p>Unser früherer Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach – der das Screening-Programm gemeinsam mit der ehemaligen Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt eingeführt hatte – äußerte sich inzwischen kritisch. Gegenüber dem SPIEGEL erklärte Lauterbach: <a href="https://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/mammografie-screening-zur-frueherkennung-von-brustkrebs-in-der-kritik-a-981994.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Alle neuen Erkenntnisse sprechen in der Tendenz eher gegen das Screening.“ Es sei an der Zeit, den Brustkrebscheck neu zu bewerten.</a> Weitere Politiker sollten diesem Schritt folgen und eingestehen, dass die Einführung ein Fehler war. Die Schweiz hat ihren Kurs bereits korrigiert. Aktuell wenden die gesetzlichen Krankenkassen jährlich etwa eine Milliarde Euro für das Programm auf. Dabei könnten sie die Mittel effektiver dort einsetzen, wo tatsächlich Leben gerettet werden.</p>
<p>Diese beiden entscheidenden Informationen – dass es keinen Nachweis gibt, dass Screening die Lebenserwartung verlängert oder auch die Wahrscheinlichkeit senkt, an Krebs zu sterben – werden Frauen in Deutschland so gut wie nie mitgeteilt. Auch die Medienberichte zur aktuellen Münsteraner Studie klärten darüber nicht auf.</p>
<p><strong>Der Trick mit den relativen Risiken</strong></p>
<p>Wie kommt man nun zu der vermeintlich spektakulären Reduktion der Brustkrebssterblichkeit in Höhe von 20 bis 30 Prozent? Diese Zahl ist keineswegs neu. Bereits bei der Einführung des Mammographie-Screenings wurde von der damaligen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt mit dieser Zahl geworben.</p>
<p>Der statistische Trick ist ebenfalls nicht neu: Man berichtet nur die Reduktion der Brustkrebssterblichkeit. Unterschlagen wird, dass sich die Sterblichkeit von 5 auf 4 in je 1.000 Frauen reduziert, also um 1 in 1.000, oder um 0,1 Prozentpunkte (siehe Punkt 3). Stattdessen präsentiert man diesen Effekt als relative Reduktion von 20 Prozent (von 5 auf 4), oft aufgerundet auf 30 Prozent. Diese Darstellungsweise überhöht den winzigen Effekt dramatisch.</p>
<p>Die kommunizierten „20 bis 30 Prozent“ in den Pressemeldungen der Universität Münster, des Bundesamts für Strahlenschutz und des <a href="https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/studie-mammographie-screening-pm-09-07-25.html" target="_blank" rel="noreferrer">Bundesministeriums für Gesundheit</a> sind damit nicht nur irreführend, sondern stellen einen klaren Verstoß gegen die seit langem etablierten Standards der evidenzbasierten Gesundheitskommunikation dar, die von vielen anderen Akteuren im Gesundheitssystem und kritischen Journalistinnen und Journalisten regulär eingehalten werden.</p>
<p><strong>Ehrliche Information</strong></p>
<p>Die Deutsche Krebshilfe warb in ihren ersten Broschüren mit der relativen Risikoreduktion in Höhe von 20 bis 30 Prozent. Unstatistik-Autor Gerd Gigerenzer arbeitete um 2010 mit der Krebshilfe zusammen: Gemeinsam wurden die relativen Risiken – ebenso wie die irreführenden Fünf-Jahres-Überlebensraten – aus dem&nbsp;<i>Blauen Ratgeber Brustkrebs</i>&nbsp;gestrichen und durch verständliche absolute Zahlen ersetzt. Heute finden sich in den Broschüren tatsächlich keine relativen Risiken mehr, und auch über Nachteile wird informiert.</p>
<p>Doch selbst die besten Informationsmaterialien überzeichnen den Nutzen des Screenings weiterhin, wie etwa die aktuelle Broschüre des Gemeinsamen Bundesausschusses zeigt, die bundesweit an Frauen verschickt wird. Dort steht nicht, dass das Screening das Leben nicht verlängert, und auch nicht, dass 1 von 1.000 Frauen weniger an Brustkrebs stirbt. Stattdessen heißt es: „3 bis 8 von je 1.000“. Wie kommt das zustande? Man rechnete anscheinend den Effekt, der für einen Zeitraum von etwa elf Jahren nachgewiesen ist, linear auf 25 Jahre hoch – ohne ausreichende wissenschaftliche Grundlage. Die einzige Studie, die den Effekt über 25 Jahre verfolgte (mit 100.000 Frauen), fand dagegen keinerlei Rückgang der Brustkrebssterblichkeit durch Screening-Programme.</p>
<p><strong>Informierte Entscheidung braucht vollständige Information</strong></p>
<p><i>Tagesschau online</i>&nbsp;betont, „jede Frau kann für sich selbst entscheiden“. Doch wie soll eine Entscheidung möglich sein, wenn Ergebnisse unvollständig und verzerrt dargestellt werden?</p>
<p>Frauen und Frauenorganisationen sollten hier einschreiten. Leitmedien wie die ARD und Institutionen wie das Gesundheitsministerium müssen sich endlich klar auf die Seite der Wissenschaft stellen – und dafür sorgen, dass Frauen wirklich informiert entscheiden können.</p>
<p><strong>Ihre Ansprechpartner dazu:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Tel.: (030) 805 88 519<br>Alexander Bartel (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-354, <a href="mailto:alexander.bartel@rwi-essen.de">alexander.bartel@rwi-essen.de</a></p>
<p><i>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </i><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><i>www.unstatistik.de</i></a><i> und unter dem Twitter-Account </i><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><i>@unstatistik</i></a><i>. Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</i> <a href="http://www.data-literacy-charta.de" target="_blank" rel="noreferrer"><i>www.data-literacy-charta.de</i></a><i> abrufbar.</i></p>
<p><i>Weiterführende Literatur: </i><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><i>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</i></a><i>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro. Es wurde im Oktober 2023 mit dem „getAbstract-International Book Award 2023“ in der Kategorie Business Impact ausgezeichnet. Das Unternehmen getAbstract hat sich auf die Zusammenfassungen von Wirtschaftsbüchern und Klassikern der Weltliteratur spezialisiert und vergibt seine Awards jährlich im Rahmen der Frankfurter Buchmesse. Speziell mit der Bewertung von Risiken beschäftigt sich das Buch </i><a href="https://www.amazon.de/Risiko-Wie-richtigen-Entscheidungen-trifft/dp/3570101037" target="_blank" rel="noreferrer"><i>„Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“</i></a> <i>von Unstatistik-Autor Prof. Dr. Gerd Gigerenzer.</i></p>
<p><i>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </i><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><i>https://www.unstatistik.de</i></a><i> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter </i><a href="mailto:presse@rwi-essen.de"><i>presse@rwi-essen.de</i></a>.<i> Das Urheberrecht bleibt bestehen.</i></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2025</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Mon, 30 Jun 2025 11:12:23 +0200</pubDate>
                        <title>Der Pfingstmontag ist 8,6 Milliarden Euro wert – ja wirklich?</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/der-pfingstmontag-ist-86-milliarden-euro-wert-ja-wirklich
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Immer wieder wird diskutiert, ob weniger Feiertage dem deutschen Bruttoinlandsprodukt einen Schub geben könnten – zuletzt am Beispiel des Pfingstmontags. Manche Schätzungen gehen von bis zu 8,6 Milliarden Euro aus. Die neue &quot;Unstatistik des Monats&quot; Juni fragt: Was ist wirklich dran an solchen Berechnungen? Und wie belastbar sind die Zahlen?</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Bevölkerungsentwicklung der kommenden Jahre stellt den Arbeitsmarkt Deutschlands vor erhebliche Herausforderungen. Da die Babyboomer in absehbarer Zeit das Ruhestandsalter erreichen werden, wird laut dem <a href="https://www.destatis.de/DE/Im-Fokus/Fachkraefte/Demografie/_inhalt.html" target="_blank" rel="noreferrer">Statistischen Bundesamt</a> die Zahl der Menschen im Erwerbsalter bis Mitte der 2030er Jahre um 1,6 Millionen Personen (bei hoher Zuwanderung) bzw. 4,8 Millionen Personen (bei niedriger Zuwanderung) sinken. Eine Möglichkeit, die mit dem Rückgang der Arbeitskräfte verbundenen Herausforderungen auf dem Arbeitsmarkt zu bewältigen, besteht darin, dass die verbleibenden Arbeitskräfte mehr arbeiten. Vor diesem Hintergrund haben wir im <a href="https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/der-mythos-von-den-faulen-deutschen-ein-remake" target="_blank">vergangenen Monat</a> bereits das Narrativ besprochen, die Deutschen seien zu faul. In diesem Monat beschäftigen wir uns mit der im Juni viel diskutierten Frage, wie viel man in Deutschland zusätzlich erwirtschaften könnte, wenn man einen Feiertag streichen würde. In der Diskussion steht dabei insbesondere der <a href="https://www.iwkoeln.de/presse/iw-nachrichten/christoph-schroeder-ein-zusaetzlicher-arbeitstag-bringt-bis-zu-86-milliarden-euro.html" target="_blank" rel="noreferrer">Pfingstmontag, dessen Streichung das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) angeblich um bis zu 8,6 Milliarden Euro steigern könnte</a>.</p>
<p>Doch wie kommt man auf diese Zahl? Eine einfache Überschlagsrechnung könnte wie folgt aussehen: Im vergangenen Jahr hatte Deutschland ein BIP von 4,31 Billionen Euro bei 249 Arbeitstagen. Das ergäbe pro Tag 17,3 Milliarden Euro oder 0,4 % des BIP. So einfach ist es jedoch nicht. Die Wirtschaftsleistung schwankt sehr stark über das Jahr. Es kommt also unter anderem darauf an, in welche Jahreszeit der Feiertag fällt. Dies wäre beim Pfingstmontag allerdings kein Problem, da er immer auf einen Montag fällt und frühestens auf den 11. Mai und spätestens auf den 14. Juni fallen kann. Es müsste daher nur geprüft werden, wie hoch der erwartete Effekt eines Arbeitstags im zweiten Quartal ausfällt. Bei der Streichung eines Feiertags sind zudem indirekte Effekte zu berücksichtigen, insbesondere, ob bei der Streichung eines Feiertags ein Brückentag wegfällt. Auch dies wäre beim Pfingstmontag nicht der Fall. Schließlich muss man sich die einzelnen Wirtschaftszweige ansehen und betrachten, wie viel trotz Feiertagen gearbeitet wird, und in<strong> </strong>welchem Umfang der Wegfall eines Feiertags nur die gegebene Arbeit gleichmäßiger verteilt. Denn hier würde bei einer Streichung nichts zusätzlich erwirtschaftet. In einigen Wirtschaftszweigen, wie beispielsweise der Gastronomie, dürfte an Feiertagen sogar mehr gearbeitet werden.</p>
<p>Doch woher kommen die 8,6 Milliarden Euro? Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) stellen diese 8,6 Milliarden die Obergrenze einer Schätzung dar, die sich ergibt, wenn man die Annahmen aus einem <a href="https://www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de/fileadmin/dateiablage/download/sondergutachten/sg1995.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">Gutachten des Sachverständigenrates (SVR)</a> zugrunde legt. Dieser hat sich in der Vergangenheit ausführlich damit befasst, welche finanziellen Auswirkungen die Streichung des Buß- und Bettags für die deutsche Wirtschaft hätte. Dieses Gutachten stammt allerdings aus dem Jahr 1995. Der SVR kommt zu dem Schluss, dass zwei simulierte Szenarien realistisch sein könnten. Sie ergeben für das Jahr 1995 eine hypothetische Steigerung des BIP von bis zu 0,15 Prozent. Rückgerechnet auf das Jahr 1980 wären es bis zu 0,2 Prozent. Und das ausschließlich für Westdeutschland. Im Jahr 2018 waren sich die Wirtschaftsforschungsinstitute einschließlich des IW einig, dass der <a href="https://www.ihk.de/blueprint/servlet/resource/blob/4042412/fba777ae37ce358a2e0e86317ddba7fa/ihkn-stellungnahme-zur-einfuehrung-eines-zusaetzlichen-feiertags-data.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">BIP-Effekt eines zusätzlichen Arbeitstags etwa 0,1 Prozent des BIP betragen dürfte</a>. <a href="https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/Zahl-der-Woche/2024/PD24_50_p002.html" target="_blank" rel="noreferrer">Dies ist auch die letzte Aussage, die das Statistische Bundesamt Ende 2024 kommuniziert hat</a>. Heute ergäbe das einem Wert von 4,3 Milliarden Euro pro Tag. Somit haben wir eine große Bandbreite der wirtschaftlichen Effekte der Streichung eines Feiertags: irgendwo zwischen 4,3 und 17,3 Milliarden Euro.</p>
<p>Aber auch diese Bandbreite ist wahrscheinlich falsch. Man kann schwerlich Berechnungen der wirtschaftlichen Folgen der Streichung (oder auch Einführung) eines Feiertags aus dem Jahr 1995 auf die heutige Situation übertragen. Nicht zuletzt die Wirtschaftsstruktur und die Arbeitsproduktivität haben sich seitdem erheblich verändert. Wenn man eine seriöse Einschätzung der wirtschaftlichen Effekte der Streichung eines Feiertags haben möchte, müsste man diese neu abschätzen und nicht einfach die historisch ermittelten 0,2% mit dem derzeitigen BIP multiplizieren.<br> &nbsp;</p><div class="well"><p><strong>Ihre Ansprechpartner dazu:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Thomas Bauer, Tel.: (0201) 8149-264, <a href="mailto:thomas.bauer@rwi-essen.de">thomas.bauer@rwi-essen.de</a><br> Dr. Niels Oelgart (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-213, <a href="mailto:niels.oelgart@rwi-essen.de">niels.oelgart@rwi-essen.de</a></p></div><hr>
<p><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>.</em><em> Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> </em><em>abrufbar.</em></p>
<p><em>Weiterführende Literatur: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro. Es wurde im Oktober 2023 mit dem „getAbstract-International Book Award 2023“ in der Kategorie Business Impact ausgezeichnet. Das Unternehmen getAbstract hat sich auf die Zusammenfassungen von Wirtschaftsbüchern und Klassikern der Weltliteratur spezialisiert und vergibt seine Awards jährlich im Rahmen der Frankfurter Buchmesse. Speziell mit der Bewertung von Risiken beschäftigt sich das Buch </em><a href="https://www.amazon.de/Risiko-Wie-richtigen-Entscheidungen-trifft/dp/3570101037" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“</em></a> <em>von Unstatistik-Autor Prof. Dr. Gerd Gigerenzer. </em></p>
<p><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter </em><a href="mailto:presse@rwi-essen.de"><em>presse@rwi-essen.de</em></a>.<em> Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2025</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Wed, 28 May 2025 15:05:00 +0200</pubDate>
                        <title>Der Mythos von den faulen Deutschen – ein Remake</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/der-mythos-von-den-faulen-deutschen-ein-remake
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die „Unstatistik des Monats“ Mai ist die verzerrte Darstellung deutscher Arbeitszeiten, die der Kanzler als Aufruf zur „gewaltigen Kraftanstrengung“ heranzieht. Die OECD warnt ausdrücklich vor solchen Ländervergleichen. Daten zur Arbeitsproduktivität zeichnen hingegen ein differenzierteres Bild: Nicht Faulheit, sondern strukturelle Hürden bremsen unsere Produktivität.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Der Mai beginnt mit dem Tag der Arbeit – einem Feiertag. Bundeskanzler Friedrich Merz ist der Meinung, dass es in Deutschland zu viele Feiertage gibt und wir Deutschen <a href="https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/debatte-arbeitszeit-deutschland-100.html" target="_blank" rel="noreferrer">„wieder mehr und vor allem effizienter“</a> arbeiten müssten. Es brauche eine „gewaltige Kraftanstrengung“ von den Menschen, um das Land wieder wettbewerbsfähig zu machen. Also raus aus der Hängematte und ran an den Schreibtisch? Oder steckt hinter dieser politischen Rhetorik eine Fehlinterpretation statistischer Daten?</p>
<p>Merz beruft sich auf eine <a href="https://www.iwkoeln.de/presse/iw-nachrichten/holger-schaefer-griechen-arbeiten-135-stunden-im-jahr-mehr-als-deutsche.html" target="_blank" rel="noreferrer">Kurznachricht des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW)</a>, die im Zentrum unserer „Unstatistik des Monats“ Mai steht. Das IW vergleicht darin Zahlen aus dem Jahr 2023 zur durchschnittlichen jährlichen Arbeitszeit in verschiedenen Industrieländern. Die Quelle ist eine OECD-Statistik, die mit einem deutlichen <a href="https://www.oecd.org/en/data/indicators/hours-worked.html" target="_blank" rel="noreferrer">Warnhinweis</a> versehen ist: „The data are intended for comparisons of trends over time; they are unsuitable for comparisons of the level of average annual hours of work for a given year, because of differences in sources and methods of calculation.“ Darauf haben wir bereits in unserer <a href="https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/der-mythos-von-den-faulen-deutschen" target="_blank">Unstatistik vom August 2023</a> hingewiesen.</p>
<p><strong>Die Zahlentrickserei hinter der Arbeitszeit-Debatte</strong></p>
<p>Das IW argumentiert nun, dass es ja nicht nur um die absolute Zahl der Arbeitsstunden je Erwerbstätigen im, laut OECD, irreführenden Ländervergleich gehe. Vielmehr sei in Ländern wie Polen, Tschechien, Griechenland und Spanien die Zahl der Arbeitsstunden je Einwohner im Erwerbsalter in den vergangenen zehn Jahren stark gestiegen. Nur in Deutschland stagniere sie. Doch diese selektive Darstellung verschleiert mehr als sie enthüllt. Warum werden gerade diese Länder zum Vergleich herangezogen? Und was sagen diese Zahlen wirklich über die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit aus?</p>
<p><strong>Statistik braucht Kontext – und dieser erzählt eine andere Geschichte</strong></p>
<p>Aber auch die Zahl der Arbeitsstunden je Einwohner im Erwerbsalter ist nicht aussagekräftig in Bezug auf die Frage, ob in Deutschland ausreichend und effizient genug gearbeitet wird. Relevant ist der Kontext: Produktivität, Erwerbsbeteiligung, strukturelle Hürden. Und in der Gesamtschau erzählen die Statistiken eine ganz andere Geschichte.</p>
<p>Ein Blick auf die Daten offenbart die eigentliche Realität: Die inflations- und kaufkraftbereinigte <a href="https://ec.europa.eu/eurostat/databrowser/view/tesem160/default/table?lang=de" target="_blank" rel="noreferrer">Arbeitsproduktivität</a> misst, wie viel BIP pro Erwerbstätigen und geleistete Stunde erwirtschaftet wird. Wir haben in einer einzigen Grafik das aktuelle Niveau der Arbeitsproduktivität, das Produktivitätswachstum und den Anstieg der geleisteten Arbeitsstunden pro Kopf dargestellt. Die x-Achse zeigt die Veränderung der geleisteten Arbeitsstunden, die y-Achse zeigt die Veränderung der Produktivität je Arbeitsstunde – jeweils über einen Zeitraum von 10 Jahren. Die Farbe und Größe der Blasen gibt die Produktivität an. Die Referenz ist 100 als Durchschnitt der kaufkraftbereinigten Arbeitsproduktivität in Europa.</p>
<p>Das Bild zeigt sehr klar die Trennung zwischen Ländern mit geringer und hoher Arbeitsproduktivität. Dass erstere im Mittel ein höheres Produktivitätswachstum aufweisen, ist grundsätzlich positiv – aber schmälert keinesfalls die Leistung von Ländern, in denen schon lange ein hohes Produktivitätsniveau vorherrscht.</p>
<p>(Am Rande bemerkt: Irland als Steuerparadies ist ein statistischer Ausreißer – das BIP dort ist hochgradig verzerrt. Mit den neu überarbeiteten Standards für die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung <a href="https://unstats.un.org/unsd/nationalaccount/sna2025.asp" target="_blank" rel="noreferrer">SNA 2025</a> wird versucht, dieser Verzerrung gegenzusteuern.)</p>
<p><strong>Die unbequeme Wahrheit über deutsche Produktivität</strong></p>
<p>Richtig ist: Im europäischen Vergleich schafft eine in Deutschland geleistete Arbeitsstunde einen überdurchschnittlich hohen Wert. Wir arbeiten seit vielen Jahren sehr effizient. Würden wir mehr arbeiten, könnte das die Wirtschaftsleistung vermutlich steigern – dafür braucht es keine Studie. Aber ist das wirklich das Kernproblem? Oder ist die Frage nach dem "Mehr arbeiten" nur ein politisches Ablenkungsmanöver von tieferliegenden strukturellen Problemen? Viel schwieriger ist die Frage zu beantworten, was uns davon abhält, mehr zu arbeiten.</p>
<p><span class="text-primary"><strong>Abbildung 1: Arbeitsproduktivität und Arbeitsstunden im europäischen Vergleich – Entwicklung zwischen 2013 und 2023.</strong></span></p>
<p class="MsoNoSpacing"><img alt data-alt-override="true" data-htmlarea-file-table="sys_file" data-htmlarea-file-uid="12700" data-htmlarea-zoom="true" data-title-override="true" src="/fileadmin/_processed_/4/d/csm_Arbeitsproduktivitaet_Korrektur_3ff2412304.jpg" style title width="794" height="613" class="rte_imagepresent"></p>
<p class="MsoNoSpacing"><span class="text-muted">Quelle: OECD, eigene Darstellung der „Unstatistik des Monats“.&nbsp;</span></p><div class="well"><p class="MsoNoSpacing"><span class="text-muted"><strong>Anmerkung der Redaktion:</strong>&nbsp;Die Abbildung in diesem Beitrag beinhaltete bis zum 19. August 2025 Ungenauigkeiten und Fehler.&nbsp;Wir haben diese Abbildung ausgetauscht, da die ursprüngliche Darstellung zu Missverständnissen führen konnte. Die ursprüngliche Version der Abbildung finden Sie <strong><a href="/fileadmin/user_upload/RWI/Unstatistiken/Arbeitsproduktivitaet.jpg"><span class="text-muted">hier</span></a></strong>.&nbsp;</span></p></div><p>Eine Vielzahl weiterer Fakten hat Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in einem <a href="https://www.linkedin.com/posts/enzo-weber_arbeitszeitrechnung-arbeitszeit-vollzeit-activity-7330490251007688704-9bIJ" target="_blank" rel="noreferrer">LinkedIn-Beitrag</a> zusammengestellt:</p>
<p>Während in Deutschland die Arbeitszeit in Vollzeit konstant geblieben ist, nimmt die Arbeitszeit in Teilzeit zu und die Erwerbsbeteiligung steigt erheblich an. Das liegt daran, dass immer mehr Menschen in den Arbeitsmarkt einsteigen, aber nur in Teilzeit. Vor allem sind es Frauen, Studierende und ältere Menschen. Laut Weber hat die „Generation Z“ die höchste Erwerbsbeteiligung seit Jahrzehnten – mehr Menschen teilen sich also die Arbeit untereinander auf, was man durchaus als einen Trend zu mehr Fairness interpretieren kann. Überstunden gehen zurück, aber nur scheinbar. Denn sie landen mittlerweile häufig auf Arbeitszeitkonten und tragen zur Flexibilisierung der Arbeitszeiten bei. Nur der Krankenstand nimmt zu – und bei genauerem Hinsehen ist das, so Weber, wohl hauptsächlich ein statistischer Effekt der elektronischen Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigung: Früher gab es eine Dunkelziffer, heute wird jede Krankschreibung digital erfasst.</p>
<p><strong>Die wahren strukturellen Probleme – jenseits der Arbeitszeit-Debatte</strong></p>
<p>Natürlich ist auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht alles optimal. Der demografische Wandel führt bereits jetzt zu Belastungen. Und in wenigen Jahren – wenn die Babyboomer in Rente gehen – werden diese Belastungen immens. Das wissen wir schon lange. Echte Lösungen, wie eine Anhebung des Renteneintrittsalters, fehlen. Sachliche Diskussionen, etwa wie man mehr Arbeitsmigranten gewinnen kann, und wie hier lebende Ausländer besser in Erwerbstätigkeit gebracht werden könnten, sind rar.</p>
<p><strong>Die Minijob-Falle</strong></p>
<p>Auch fehlt die systematische Evaluation einer Maßnahme, die regelmäßig in den <a href="https://www.bundestag.de/resource/blob/194886/696f36f795961df200fb27fb6803d83e/koalitionsvertrag-data.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">Koalitionsverträgen</a> auftaucht – und vermutlich eher schadet als nützt. Die Wirtschaftswissenschaftlerin <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s11943-024-00335-3" target="_blank" rel="noreferrer">Regina Riphahn</a> hat gezeigt, dass geringfügige Beschäftigungsverhältnisse Mütter vom regulären Arbeitsmarkt fernhalten: 24 Jahre nach der Einführung von Minijobs und fünf Reformen später weist sie nach, dass die „Minijob-Falle“ zu einer lange nachwirkenden „Motherhood Penalty“ führt. Das bedeutet: Viele Frauen, die nach der Geburt eines Kindes in einen Minijob einsteigen, arbeiten selbst nach zehn Jahren noch in geringfügiger Beschäftigung. Das Interesse an diesem arbeitsmarktpolitischen Bankrott ist mäßig. Mit Müttern gewinnt man eben keine Wahlen. Hier geht viel Potenzial für mehr Arbeit verloren.</p>
<p>Die wahre "gewaltige Kraftanstrengung" besteht also nicht darin, den Deutschen einzureden, sie seien zu faul – sondern darin, endlich die seit Jahrzehnten bekannten strukturellen Probleme anzugehen. Dazu gehört auch, mehr <a href="https://www.stifterverband.org/medien/studie-ki-kompetenzen-unternehmen" target="_blank" rel="noreferrer">Daten-, KI- und Statistik-Kompetenzen</a> aufzubauen. Diese sind in einer zunehmend von Digitalisierung und Daten geprägten Wirtschaft unerlässlich. Nicht nur zur <a href="https://www.oecd.org/en/publications/miracle-or-myth-assessing-the-macroeconomic-productivity-gains-from-artificial-intelligence_b524a072-en.html" target="_blank" rel="noreferrer">Steigerung der Produktivität</a>, sondern auch zur Senkung der Statistical Illiteracy. Wenn das gelungen ist, können wir Unstatistiker uns endlich in die Hängematte legen – nicht aus Faulheit, sondern weil wir dann unsere Arbeit getan haben.</p><div class="well"><p><strong>Ihr/e Ansprechpartner/in dazu:</strong></p>
<p>Katharina Schüller (STAT-UP), Tel.: (089) 34077-447<br> Alexander Bartel (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-354, <a href="mailto:alexander.bartel@rwi-essen.de">alexander.bartel@rwi-essen.de</a></p></div><p><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>.</em><em> Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> </em><em>abrufbar.</em></p>
<p><em>Weiterführende Literatur: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro. Es wurde im Oktober 2023 mit dem „getAbstract-International Book Award 2023“ in der Kategorie Business Impact ausgezeichnet. Das Unternehmen getAbstract hat sich auf die Zusammenfassungen von Wirtschaftsbüchern und Klassikern der Weltliteratur spezialisiert und vergibt seine Awards jährlich im Rahmen der Frankfurter Buchmesse. Speziell mit der Bewertung von Risiken beschäftigt sich das Buch </em><a href="https://www.amazon.de/Risiko-Wie-richtigen-Entscheidungen-trifft/dp/3570101037" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“</em></a> <em>von Unstatistik-Autor Prof. Dr. Gerd Gigerenzer. </em></p>
<p><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter </em><a href="mailto:presse@rwi-essen.de"><em>presse@rwi-essen.de</em></a>.<em> Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2025</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Wed, 30 Apr 2025 11:02:00 +0200</pubDate>
                        <title>„Allein die Dosis macht das Gift“ – warum Schadstofffunde oft ungefährlich sind</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/allein-die-dosis-macht-das-gift-warum-schadstofffunde-oft-ungefaehrlich-sind
                                            
                                    
                            
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                        <description>Dank moderner Analysemethoden lassen sich selbst winzigste Mengen von Schadstoffen nachweisen. Dennoch bedeutet ihr bloßes Vorkommen nicht automatisch eine Gesundheitsgefahr – entscheidend ist die Dosis. Die Unstatistik des Monats April zeigt, wie Medienberichte häufig Ängste schüren, obwohl objektiv kein Grund zur Sorge besteht.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats April 2025 ist die Meldung „<a href="https://www.merkur.de/verbraucher/verbotener-weichmacher-in-kinderurin-gefunden-erhoehtes-risiko-fuer-bluthochdruck-und-fettleibigkeit-zr-93662109.html" target="_blank" rel="noreferrer">Verbotener Weichmacher in Kinderurin gefunden</a>“ im <em>Münchner Merkur</em> vom 4. April. Es geht um ein Abbauprodukt des Weichmachers DnHexP (Di-n-hexyl-Phthalat), der seit 2019 in Kosmetik, Lebensmittelverpackungen und Spielzeug verboten ist.</p>
<p>„Trotzdem ist der Weichmacher in vielen Kinderurinproben nachgewiesen worden“, heißt es im Artikel. Zwar wird nur die Existenz des Stoffes gemeldet, nicht aber seine Konzentration – und genau hier liegt das Problem: Dank enormer Fortschritte in der Giftdiagnostik können heute selbst kleinste Mengen nachgewiesen werden. Diese sind oft völlig ungefährlich, werden jedoch häufig als Anlass für alarmierende Schlagzeilen genutzt.</p>
<p>Bereits in unserer Unstatistik vom Juni 2013 hatten wir auf diesen Mechanismus hingewiesen: Damals wurde berichtet, dass bei 70 Prozent der Großstädter das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat im Urin gefunden worden sei – eine Meldung ohne wirklichen Nachrichtenwert.</p>
<p>Früher war ein Milligramm pro Kilogramm (ppm) die Grenze des Messbaren. In den 1980er Jahren konnten Schadstoffkonzentrationen von 1:1 Milliarde, heute sogar von 1:1 Trillion aufgespürt werden – oft mithilfe modernster Methoden wie Chromatographie, Massenspektrometrie und Kernresonanz-Spektroskopie. Teilweise lassen sich sogar einzelne Moleküle nachweisen.</p>
<p>Doch eine Substanz wird erst dann zur Gefahr, wenn ihre Dosis einen gesundheitlich kritischen Wert überschreitet. In der großen Mehrheit der Fälle ist dies nicht gegeben. Unsere Analyse eines kompletten Jahrgangs der Zeitschrift <em>Ökotest</em> zeigt: In mehr als der Hälfte der Berichte wird die entscheidende Angabe zur Dosis schlicht unterschlagen (vgl. W. Krämer und G. Arminger: „Wider das Ökotest-Prinzip“, <em>Novo-Argumente</em> 117, 2014, S. 240–249).</p>
<p>Bereits der große Paracelsus wusste: „Alle Ding sind Giftt und nichts ist ohn Giftt; allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.“ Selbst bestes Trinkwasser kann in Überdosis tödlich sein – wie der tragische Fall einer englischen Hausfrau zeigt, die nach dem Konsum von zehn Litern Wasser an einer Wasservergiftung starb.</p>
<p>Bei Weichmachern liegt der <a href="https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/11901/dokumente/240325_kurz-stellungnahme_hbm-k_fin.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">Grenzwert</a> für Kinder und Erwachsene bei 60 Mikrogramm pro Liter. Der <em>Münchner Merkur</em> räumt am Ende seines Berichts kleinlaut ein: „Die Belastungen liegen jedoch für über 99 Prozent der 250 untersuchten Kinder unterhalb der Schwelle für eine gesundheitliche Besorgnis.“ Doch viele Leser kommen bis dahin gar nicht mehr.</p>
<p>Bemerkenswert: Die Zahl der Weichmacherfunde ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Eine plausible Erklärung: Immer mehr frische Lebensmittel werden verpackt verkauft. Die Abkehr von Bedientheken und der Boom von Convenience-Produkten wie Sandwiches haben die Pro-Kopf-Menge an Verpackungsmüll – und damit auch den Einsatz von Weichmachern – deutlich erhöht.</p><div class="well"><p><strong>Ihre Ansprechpartner dazu:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Walter Krämer, <a href="mailto:walterk@statistik.tu-dortmund.de">walterk@statistik.tu-dortmund.de</a><br> Alexander Bartel (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-354, <a href="mailto:alexander.bartel@rwi-essen.de">alexander.bartel@rwi-essen.de</a></p></div><hr>
<p><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem X-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>.</em><em> Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> </em><em>abrufbar.</em></p>
<p><em>Weiterführende Literatur: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro. Es wurde im Oktober 2023 mit dem „getAbstract-International Book Award 2023“ in der Kategorie Business Impact ausgezeichnet. Das Unternehmen getAbstract hat sich auf die Zusammenfassungen von Wirtschaftsbüchern und Klassikern der Weltliteratur spezialisiert und vergibt seine Awards jährlich im Rahmen der Frankfurter Buchmesse. Speziell mit der Bewertung von Risiken beschäftigt sich das Buch </em><a href="https://www.amazon.de/Risiko-Wie-richtigen-Entscheidungen-trifft/dp/3570101037" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“</em></a> <em>von Unstatistik-Autor Prof. Dr. Gerd Gigerenzer. </em></p>
<p><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter </em><a href="mailto:presse@rwi-essen.de"><em>presse@rwi-essen.de</em></a>.<em> Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></p>
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                        <guid isPermaLink="false">news-2323</guid>
                        <pubDate>Fri, 28 Mar 2025 16:12:00 +0100</pubDate>
                        <title>Deutscher Meister im Fehlurteil?</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/deutscher-meister-im-fehlurteil
                                            
                                    
                            
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                        <description>Rechtsprechung unter der Lupe: Bayreuther Gericht führt fragwürdige Negativstatistik an</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Richter des Landgerichts Bayreuth staunten nicht schlecht: Unter dem Titel „<a href="https://www.welt.de/politik/deutschland/plus255547254/Revisionen-Warum-Gerichtsurteile-aufgehoben-werden-muessen.html" target="_blank" rel="noreferrer">Warum Gerichtsurteile aufgehoben werden müssen</a>“ konnten sie in der Welt einen vermeintlich alarmierenden Befund entdecken. Das Landgericht Bayreuth führt die bundesweite Inkompetenzstatistik aller deutschen Landgerichte an – mit einer erschreckenden Quote von 100 Prozent aufgehobener Urteile durch den Bundesgerichtshof. Ein juristisches Desaster?</p>
<p>Bei näherem Hinsehen offenbart sich jedoch eine statistische Fehldarstellung. Die scheinbar vernichtende Bilanz bezieht sich ausschließlich auf jene wenigen Urteile, die überhaupt zur Revision nach Karlsruhe zum Bundesgerichtshof weitergeleitet wurden. Die hier ausgewählten vier Anträge betreffen also Fälle, die eine Instanz überspringen (Sprungrevision), was nur selten vorkommt. Üblicherweise werden Revisionsanträge ausgehend von den Landgerichten an die nächsthöhere Instanz, die Oberlandesgerichte, gestellt. Die Sprungrevision dagegen ermöglicht es, bestimmte Rechtsfragen direkt dem Bundesgerichtshof zur Entscheidung vorzulegen, ohne den Umweg über das Oberlandesgericht nehmen zu müssen.</p>
<p>Außerdem können Urteile auch auf anderem Weg angefochten und aufgehoben werden, zum Beispiel durch Berufung oder Beschwerde. Insgesamt wurde das Landgericht Bayreuth mit gerade einmal vier angezweifelten Beschlüssen konfrontiert – der niedrigste Wert unter allen deutschen Landgerichten.</p>
<p><strong>Statistische Revision: Warum Bayreuth besser dasteht als behauptet</strong></p>
<p>Die wahre Aussagekraft einer solchen Statistik lässt sich eben nur ermessen, wenn man sie ins richtige Verhältnis setzt: Wie viele Urteile wurden insgesamt gefällt? Wie viele wurden aufgehoben? Welche Instanzen wurden betrachtet? Ohne diese entscheidende Kontextualisierung bleibt das angeführte Balkendiagramm aus der Welt unsere Unstatistik des Monats März. Denn die Qualität von Richtersprüchen bemisst sich doch eher nach dem Prozentsatz aller später aufgehobenen Urteile, ob nun durch Revision oder andere Rechtsmittel.<strong> </strong>Ersteres geschieht wohl vor allem in Zweifelsfällen – und hier war das Landgericht Bayreuth sogar vorbildlich effektiv: Nur in vier Fällen wurden seine Beschlüsse angezweifelt, das ist Negativrekord. Das dann allerdings in jedem Fall zu Recht. Das Landgericht Hannover dagegen sammelte laut Welt 143 Revisionsanträge, davon waren insgesamt 40 erfolgreich (28 Prozent), zehnmal so viel wie für das Landgericht Bayreuth. Leider gibt die Welt für keines der zitierten Landgerichte die Zahl der insgesamt gefällten Urteile an. Diese Schlüsselzahl bleibt der Leserschaft vorenthalten.</p>
<p><img alt data-alt-override="true" data-htmlarea-file-table="sys_file" data-htmlarea-file-uid="12233" data-htmlarea-zoom="true" data-title-override="true" src="/fileadmin/_processed_/8/d/csm_250328_Unstatistik_des_Monats_Revisionsquoten_e38c026b17.png" style title width="795" height="486" class="rte_imagepresent"></p>
<p>Statistische Darstellungen ohne ausreichenden Kontext führen zu Fehlinterpretationen und können unberechtigte Alarmstimmung erzeugen. Sie untergraben das Vertrauen in Institutionen und verzerren unsere Wahrnehmung gesellschaftlicher Entwicklungen. Ein kritischer Blick auf beispielsweise die Grundgesamtheit und die Erhebungsmethoden von Statistiken bleibt unverzichtbar für eine fundierte öffentliche Debatte.</p><div class="well"><p><strong>Ihre Ansprechpartner dazu:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Walter Krämer, <a href="mailto:walterk@statistik.tu-dortmund.de">walterk@statistik.tu-dortmund.de</a><br> Alexander Bartel (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-354, <a href="mailto:alexander.bartel@rwi-essen.de">alexander.bartel@rwi-essen.de</a></p></div><p><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>.</em><em> Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> </em><em>abrufbar.</em></p>
<p><em>Weiterführende Literatur: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro. Es wurde im Oktober 2023 mit dem „getAbstract-International Book Award 2023“ in der Kategorie Business Impact ausgezeichnet. Das Unternehmen getAbstract hat sich auf die Zusammenfassungen von Wirtschaftsbüchern und Klassikern der Weltliteratur spezialisiert und vergibt seine Awards jährlich im Rahmen der Frankfurter Buchmesse. Speziell mit der Bewertung von Risiken beschäftigt sich das Buch </em><a href="https://www.amazon.de/Risiko-Wie-richtigen-Entscheidungen-trifft/dp/3570101037" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“</em></a> <em>von Unstatistik-Autor Prof. Dr. Gerd Gigerenzer. </em></p>
<p><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter </em><a href="mailto:presse@rwi-essen.de"><em>presse@rwi-essen.de</em></a>.<em> Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2025</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Fri, 28 Feb 2025 15:07:00 +0100</pubDate>
                        <title>Kann KI bereits Gedanken lesen?</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/kann-ki-bereits-gedanken-lesen
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats Februar ist die Berichterstattung zahlreicher Technologie-Medien über eine Studie zur Vorhersagegenauigkeit der Deep-Learning-Architektur Brain2Qwerty. </description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>„Metas KI kann Gedanken mit 80-prozentiger Genauigkeit lesen“, titelten die Online-Medien „<a href="https://futurezone.at/science/meta-ki-gedanken-lesen-80-prozentige-genauigkeit-labor-gehirnwellen-nichtinvasiv/403011513" target="_blank" rel="noreferrer">futurezone.at</a>“ und <a href="http://www.msn.com/de-at/nachrichten/other/metas-ki-kann-gedanken-mit-80-prozentiger-genauigkeit-lesen/" target="_blank" rel="noreferrer">„MSN Microsoft News“</a>. Ähnliche Schlagzeilen produzierten zahlreiche englischsprachige Nachrichtenportale, darunter „<a href="https://www.squaredtech.co/metas-ai-turning-brain-activity-into-text" target="_blank" rel="noreferrer">squaredtech.co</a>“ und <a href="https://www.techdogs.com/tech-news/td-newsdesk/meta-ai-hits-80-mind-reading-accuracy-as-neuralink-rival-paradromics-secures-neom-funding" target="_blank" rel="noreferrer">techdogs.com</a>. Manche davon erwähnten später im Text, dass es sich um eine „bis zu 80-prozentige Genauigkeit“ handeln würde. Sie alle berufen sich auf eine <a href="https://scontent-fra5-1.xx.fbcdn.net/v/t39.2365-6/475464888_600710912891423_9108680259802499048_n.pdf?_nc_cat=102&amp;ccb=1-7&amp;_nc_sid=3c67a6&amp;_nc_ohc=pSg297WLJM8Q7kNvgFR0AtX&amp;_nc_oc=Adg17U9hUClSEDrCZ5ESpF4pzZmcqYI6rgJPcpAw0ouL2sG3WK78SXCL7YNigSN0VWY&amp;_nc_zt=14&amp;_nc_ht=scontent-fra5-1.xx&amp;_nc_gid=AD4nqeaPBaz1gDCMghYYfMl&amp;oh=00_AYD8RRFQpyHo76R48-JpgWyaQvuWoI_ozhOXv8HAUsFSNw&amp;oe=67C27616" target="_blank" rel="noreferrer">Studie</a> mit 35 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die in Zusammenarbeit von Meta, dem Konzern hinter Facebook, und dem Baskischen Zentrum für Kognition, Gehirn und Sprache durchgeführt wurde.</p>
<p>Die Technologie dekodiert Signale, die mittels Elektro- (EEG) oder Magnetoenzephalographie (MEG) generiert werden, während die Teilnehmerinnen und Teilnehmer verschiedene Sätze auf einer Tastatur eintippen. Wenn es gelingt, die Sätze anhand der Signale zu rekonstruieren, entspricht das einer Art „Gedankenlesen“ durch die Künstliche Intelligenz (KI) von Meta – wenngleich nur unter stark einschränkenden Laborbedingungen.</p>
<p>Dazu mussten sich die Probandinnen und Probanden in einem magnetisch abgeschirmten Raum an einen überdimensionierten Stuhl anschließen lassen, der ihre Gehirnströme messen konnte. Sie bekamen Wort für Wort kurze Sätze eingeblendet, die sie sich merken sollten; danach wurden sie durch ein visuelles Signal aufgefordert, den Satz in eine handelsübliche Tastatur einzutippen. Im Anschluss wurde verglichen, wie viel Prozent der Buchstaben von der KI richtig vorhergesagt wurden. Brain2Qwerty dekodiert dazu einerseits die motorischen Signale, die vom Gehirn gesendet werden, um die Fingerbewegungen auf der Tastatur auszulösen. Dazu kann man ausnutzen, dass bestimmte Buchstaben aufgrund ihrer Positionierung eher mit der rechten Hand, andere eher mit der linken Hand getippt werden. Fehler beim Dekodieren passieren oft, weil benachbarte Tasten von der Dekodierungs-Technologie verwechselt werden. Im Anschluss verknüpft die KI die dekodierten Buchstabenfolgen mit einem großen Sprachmodell (Large Language Model, LLM), um sicherzustellen, dass die vorhergesagten Wörter existieren und in ihrer Abfolge plausibel sind. Damit können Tippfehler von der KI korrigiert werden.</p>
<p><strong>Von einer 80-prozentigen Gesamtgenauigkeit ist die KI (noch) weit entfernt</strong></p>
<p>Nach einer Trainingsphase, in der die Technologie die Verbindung von Signalen und getippten Buchstaben erlernte, sollten neue, der KI unbekannte Sätze vorhergesagt werden. In den besten Einzelfällen konnte die KI 81 Prozent der empfangenen Signale richtig vorhersagen, in den schlechtesten hingegen nur 29 Prozent. Im Schnitt konnte die KI nicht – wie die Schlagzeilen suggerieren – 80 Prozent, sondern lediglich 68 Prozent der mittels MEG empfangenen Signale richtig vorhersagen; bei Verwendung von EEG waren es lediglich 33 Prozent. Von einer 80-prozentigen Genauigkeit insgesamt, also nicht nur in Ausnahmefällen, ist die Technologie also noch weit entfernt.</p>
<p>Nichtsdestotrotz sind das beachtliche Ergebnisse, die weit besser sind als bloßes Raten von Buchstaben. Insbesondere mit der Verbindung mit dem LLM hat man verglichen mit früheren Dekodierungs-Technologien – die schon seit knapp zehn Jahren existieren – einen großen Fortschritt erreicht. Derartige KI-Systeme könnten beispielsweise zukünftig Patienten helfen, die ihre Fähigkeit zu sprechen oder zu tippen verloren haben, aber sich Wörter noch Buchstabe für Buchstabe vorstellen und diese gedanklich auf einer Tastatur lokalisieren können. Aber es hat wenig mit dem zu tun, was wir üblicherweise unter „Gedankenlesen“ verstehen. Insbesondere „versteht“ die KI nicht den Sinn des Gedachten.</p>
<p>Der Zeitpunkt, an dem KI Ihre Gedanken lesen kann, liegt deshalb sicher noch ein ganzes Stück in der Zukunft. Gleichwohl könnte es gut sein, dass dieser Moment früher eintritt als derjenige, an dem Tech-Journalistinnen und -Journalisten solche Studien richtig lesen und interpretieren können.</p><div class="well"><p><strong>Ihre Ansprechpartnerinnen dazu:</strong></p>
<p>Dr. Katharina Schüller (STAT-UP), Tel.: (089) 34077-447&nbsp;&nbsp;<br> Sabine Weiler-Bion (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-213, <a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de">sabine.weiler@rwi-essen.de</a></p></div><p><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>.</em><em> Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> </em><em>abrufbar.</em></p>
<p><em>Weiterführende Literatur: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro. Es wurde im Oktober 2023 mit dem „getAbstract-International Book Award 2023“ in der Kategorie Business Impact ausgezeichnet. Das Unternehmen getAbstract hat sich auf die Zusammenfassungen von Wirtschaftsbüchern und Klassikern der Weltliteratur spezialisiert und vergibt seine Awards jährlich im Rahmen der Frankfurter Buchmesse. Speziell mit der Bewertung von Risiken beschäftigt sich das Buch </em><a href="https://www.amazon.de/Risiko-Wie-richtigen-Entscheidungen-trifft/dp/3570101037" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“</em></a> <em>von Unstatistik-Autor Prof. Dr. Gerd Gigerenzer. </em></p>
<p><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter </em><a href="mailto:presse@rwi-essen.de"><em>presse@rwi-essen.de</em></a>.<em> Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2025</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <guid isPermaLink="false">news-2263</guid>
                        <pubDate>Thu, 30 Jan 2025 16:36:00 +0100</pubDate>
                        <title>Unstatistik des Monats: Fast 80 Prozent der Asylbewerber machen Urlaub in ihrem Heimatland</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/unstatistik-des-monats-fast-80-prozent-der-asylbewerber-machen-urlaub-in-ihrem-heimatland
                                            
                                    
                            
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                        <description>Elon Musk schrieb vor kurzem auf dem sozialen Netzwerk X: „Fast 80% der Asylbewerber machten Urlaub in ihren Heimatländern.“ Joe Lonsdale, Mitgründer von Palantir Technologies, kommentierte: „Millionen nutzten ‚Menschenrechte‘ um ins Land zu kommen und kostenlose Sachen zu bekommen, aber es handelt sich um einen riesigen Betrug, der von linksradikalen NGOs und anderen begangen wird.“ Empörung geht durch die Welt. Und der Algorithmus von X sorgt dafür, dass die Botschaft Musks große Verbreitung findet. Asylbewerberinnen und Asylbewerber reisen ausgerechnet in das Land, aus dem sie geflüchtet sind! Und vier von fünf davon missbrauchen unser Asylsystem! Hat Musk recht oder hat er uns hinters Licht geführt?</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Zahl „fast 80 Prozent“ (genauer gesagt 79 Prozent) geht auf eine <a href="https://www.jeremycherfas.net/listens/2025-01-12-04-21-12" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Novus aus dem Jahr 2022 in Schweden</a> zurück. Aus einem Panel von 50.000 in Schweden lebenden Personen wurden etwa 1.000 zufällig ausgewählt, die im Ausland geboren wurden. 85 Prozent davon waren in ihr Heimatland in Urlaub gefahren – kein Wunder, da viele davon von Finnland, Norwegen, Dänemark oder Deutschland nach Schweden gezogen waren. Lediglich 183 Personen sagten, dass sie vom Krieg geflohen waren oder aus politischen Gründen nach Schweden kamen, was als Hinweis darauf gewertet wurde, dass diese Asylsuchende seien. 79 Prozent davon sagten, sie seien in ihr Heimatland in den Urlaub gefahren. Das ist die Zahl, die Musk verbreitete und die in den sozialen Medien einen Sturm der Entrüstung auslöste.</p>
<p><strong>Umfrage lässt keine Rückschlüsse auf aktuelle Situation zu</strong></p>
<p>Um empört sein zu können, wurde unterstellt, dass diese Personen erst vor kurzem migriert seien. Doch das ist nicht der Fall. Die 183 Personen waren in den vergangenen 80 Jahren nach Schweden gekommen, meist in den 70er- bis 90er-Jahren, wegen des Krieges in Jugoslawien, dem Iran-Irak-Krieg der 1980er Jahre, der Flucht vor dem Chilenischen Diktator Pinochet und dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Sie lebten also in der Regel bereits 30 bis 50 Jahre in Schweden und sprachen auch fließend Schwedisch – sonst wären sie auch nicht in das Panel von Novus selektiert worden. Nur 23 davon kamen nach 2010 nach Schweden, aber woher sie kamen und was ihr Immigrationsstatus war, das hat die Umfrage nicht erfasst.</p>
<p>Also, was hat die Umfrage nun wirklich gezeigt? 79 Prozent von 183 Migranten, die in den vergangenen 80 Jahren nach Schweden gezogen sind, haben Urlaub in ihrem Heimatland gemacht. Das sind die Fakten. Der Rest ist gezielte Irreführung der Öffentlichkeit.</p>
<p>Die Lektion? Die ungehinderte Verbreitung von Falsch- und Fehlinformation, egal durch wen, schadet unserer demokratischen Gesellschaft. Facebook und X ersetzen nun institutionalisierte Faktenchecks durch Anmerkungen ihrer Nutzer, sogenannte „Community Notes“. Wie gut das Community-Notes-System wirklich funktioniert, können Sie selbst testen, indem Sie Musks obige Aussage mit einer Anmerkung versehen. In einem früheren Fall hat Musk allerdings die <a href="https://news.sky.com/story/elon-musk-fact-checked-on-x-by-his-own-system-but-claims-it-has-been-gamed-by-state-actors-13028020" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Community Notes zu einem seiner eigenen Beiträge als „Missbrauch“ bezeichnet</a>. Wir wären gespannt, von Ihnen zu erfahren, ob die Kritik diesmal angenommen wird.</p><div class="well"><p><strong>Ihre Ansprechpartner dazu:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Tel.: (030) 805 88 519&nbsp;&nbsp;<br> Alexander Bartel (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-354, <a href="mailto:alexander.bartel@rwi-essen.de">alexander.bartel@rwi-essen.de</a></p></div><p><span class="text-muted"><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>.</em><em> Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter </em><a href="http://www.data-literacy-charta.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> </em><em>abrufbar.</em></span></p>
<p><span class="text-muted"><em>Weiterführende Literatur: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro. Es wurde im Oktober 2023 mit dem „getAbstract-International Book Award 2023“ in der Kategorie Business Impact ausgezeichnet. Das Unternehmen getAbstract hat sich auf die Zusammenfassungen von Wirtschaftsbüchern und Klassikern der Weltliteratur spezialisiert und vergibt seine Awards jährlich im Rahmen der Frankfurter Buchmesse. Speziell mit der Bewertung von Risiken beschäftigt sich das Buch </em><a href="https://www.amazon.de/Risiko-Wie-richtigen-Entscheidungen-trifft/dp/3570101037" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“</em></a> <em>von Unstatistik-Autor Prof. Dr. Gerd Gigerenzer. </em></span></p>
<p><span class="text-muted"><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter </em><a href="mailto:presse@rwi-essen.de"><em>presse@rwi-essen.de</em></a>.<em> Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></span></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2025</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <guid isPermaLink="false">news-2225</guid>
                        <pubDate>Wed, 18 Dec 2024 15:55:00 +0100</pubDate>
                        <title>Ungesundes Weihnachten</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/ungesundes-weihnachten
                                            
                                    
                            
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                        <description>Ein von Adam Taylor, Direktor des Lernzentrums für klinische Anatomie der Universität Lancaster, für die europäische Ausgabe des Wissenschafts-Magazins „The Conversation“ durchgeführter „Gesundheitscheck des Weihnachtsmanns“ gibt Anlass zur Besorgnis. So leidet er offensichtlich unter Fettleibigkeit. Zwar schützt ihn sein Bauchfett vor der Kälte und vor den Folgen von Unfällen mit seinem Schlitten – aber das Übergewicht sollte nach medizinischen Erkenntnissen seine Lebenserwartung erheblich verkürzen. Seine roten Wangen sind ein Hinweis auf übermäßigen Alkoholkonsum – er sollte daher eigentlich den Schlitten nicht steuern dürfen. Und sein ständiger Aufenthalt in rußigen Schornsteinen dürfte über kurz oder lang zu einer schweren Lungenerkrankung führen.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Weihnachten scheint aber auch der Gesundheit der Beschenkten zu schaden: Weihnachtplätzchen (siehe <a href="https://www.test.de/Acrylamid-in-Weihnachtsgebaeck-5439781-0/" target="_blank" rel="noreferrer">Stiftung Warentest</a>), Adventskalender (siehe <a href="https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/archiv/2012/detail/mineraloel-in-adventskalendern" target="_blank">Unstatistik von Dezember 2012</a>), Würstchen mit Kartoffelsalat&nbsp; (siehe <a href="https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/archiv/2015/detail/wursthysterie" target="_blank">Unstatistik vom Oktober 2015</a>) enthalten potenziell krebserregende Schadstoffe und <a href="https://www.dkfz.de/de/presse/pressemitteilungen/2022/dkfz-pm-22-10-Krebsrisiko-Alkohol-auch-in-geringen-Mengen-nicht-unbedenklich.php" target="_blank" rel="noreferrer">Alkohol</a> kann selbst in geringen Mengen das Krebsrisiko erhöhen. <a href="https://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/behoerden-warnen-vor-bakterien-bei-der-zubereitung-dieser-festtagsgerichte-muessen-sie-aufpassen_id_181084125.html" target="_blank" rel="noreferrer">Raclette und Fondue</a> können zu Durchfallerkrankungen führen und <a href="https://www.peta.de/themen/weihnachtsgans/" target="_blank" rel="noreferrer">Gänse- oder Entenbraten</a> sind nicht nur ungesund, auf diese Gerichte sollte man allein schon aus Tierschutzgründen verzichten. Das alles kombiniert mit den Familienangehörigen, die sich um den Tannenbaum versammeln, führt zu einem <a href="https://www.welt.de/gesundheit/article249200028/Gesundheit-Darum-kommt-es-an-Weihnachten-so-haeufig-zu-Herzinfarkten.html" target="_blank" rel="noreferrer">steigenden Herzinfarktrisiko</a>.</p>
<p>Wie in mehreren Unstatistiken und Unstatistik-Büchern dargelegt, leiden die meisten der diesen Meldungen zugrundeliegenden Studien unter erheblichen methodischen Schwächen: kleine und häufig nicht repräsentative Stichproben, eine unzureichende Berücksichtigung von Störfaktoren oder unüberprüfbare Selbstangaben der Teilnehmenden. Viel wichtiger ist jedoch, dass die meisten dieser Studien lediglich Korrelationen und keine kausalen Zusammenhänge aufdecken. Generell lässt sich sagen: In Abwesenheit von Vorerkrankungen schaden Weihnachtsplätzchen, Würstchen und Adventskalender unserer Gesundheit nur bei übermäßigem Konsum. Denn wie schon Paracelsus wusste: die Menge macht das Gift.&nbsp;</p>
<p>Bevor wir also die Festtage gesund mit Brot und Wasser verbringen – genießen wir die kurze Weihnachtszeit. Das Unstatistik-Team wünscht Ihnen schöne und erholsame Feiertage und ein erfolgreiches, insbesondere aber gesundes Jahr 2025.</p><div class="well"><p><strong>Ihr/e Ansprechpartner/in dazu:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Thomas K. Bauer (RWI), Tel.: (0201) 8149-264<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-213, <a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de">sabine.weiler@rwi-essen.de</a></p></div><p class="MsoNoSpacing"><span class="text-muted"><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>.</em><em> Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> </em><em>abrufbar.</em></span></p>
<p><span class="text-muted"><em>Weiterführende Literatur: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro. Es wurde im Oktober 2023 mit dem „getAbstract-International Book Award 2023“ in der Kategorie Business Impact ausgezeichnet. Das Unternehmen getAbstract hat sich auf die Zusammenfassungen von Wirtschaftsbüchern und Klassikern der Weltliteratur spezialisiert und vergibt seine Awards jährlich im Rahmen der Frankfurter Buchmesse. Speziell mit der Bewertung von Risiken beschäftigt sich das Buch </em><a href="https://www.amazon.de/Risiko-Wie-richtigen-Entscheidungen-trifft/dp/3570101037" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“</em></a> <em>von Unstatistik-Autor Prof. Dr. Gerd Gigerenzer. </em></span></p>
<p><span class="text-muted"><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter </em><a href="mailto:presse@rwi-essen.de"><em>presse@rwi-essen.de</em></a>.<em> Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></span></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2024</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Thu, 28 Nov 2024 09:16:00 +0100</pubDate>
                        <title>Mehr gewalttätige Männer oder mehr Frauen, die gewalttätige Männer anzeigen?</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/mehr-gewalttaetige-maenner-oder-mehr-frauen-die-gewalttaetige-maenner-anzeigen
                                            
                                    
                            
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                        <description>Aktuell schlägt eine Pressemitteilung des Bundesministeriums des Innern und für Heimat hohe Wellen, die einen deutlichen Anstieg der Gewalt gegen Frauen diagnostiziert. „Straftaten gegen Frauen und Mädchen steigen in allen Bereichen – Fast jeden Tag ein Femizid in Deutschland.“ Und: „Jeden Tag werden mehr also 140 Frauen und Mädchen in Deutschland Opfer einer Sexualstraftat.“ Diese Zahlen sind erschütternd. Allerdings wissen wir nicht, ob und inwieweit dieser Anstieg auf mehr Gewalttaten durch (meist) Männer oder auf eine steigende Bereitschaft von Frauen zurückzuführen ist, gewalttätige Männer anzuzeigen. </description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Wie das Bundeskriminalamt als Autor des zugrundeliegenden <a href="https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/JahresberichteUndLagebilder/StraftatenGegenFrauen/StraftatengegenFrauenBLB2023.html?nn=237578" target="_blank" rel="noreferrer">Bundeslagebildes „Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten 2023“</a> an mehreren Stellen ausdrücklich festhält, ist bei vielen der hier erfassten Straftaten das sogenannte Dunkelfeld von zentraler Bedeutung. Daher bilden die gemeldeten Straftaten die tatsächlichen nur unvollständig ab; allenfalls als Untergrenze sind sie statistisch verwertbar. Speziell bei den Themenkomplexen „häusliche Gewalt“ (siehe dazu auch die <a href="https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/archiv/2021/detail/gewalttaetige-deutsche-ehemaenner" target="_blank">Unstatistik vom Dezember 2022</a>) und „verbale Gewalt im Internet“, mit jeweils beträchtlichen Dunkelfeldern, gibt es allerdings gute Indizien, dass hier die Anzeigebereitschaft in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Das bedeutet, dass es möglicherweise gar nicht mehr Straftaten gibt, sondern dass lediglich mehr davon aus dem Dunkelfeld ans Tageslicht gelangen.</p>
<p><strong>Manche Tatbestände sind schwer abzugrenzen</strong></p>
<p>Zu dieser Dunkelfeldproblematik kommt das in der Amtsstatistik besonders virulente sogenannte Adäquationsproblem hinzu: Wie definiert man eigentlich Tatbestände wie Armut, Krankheit, Arbeitslosigkeit oder hier „gegen Frauen gerichtete Gewalt im Internet“? Schon zu den traditionellen Untersuchungsgegenständen existiert eine ausführliche Literatur darüber, dass das Ergebnis entscheidend von der gewählten Definition abhängt. Auch eine unserer eigenen Unstatistiken hatte dieses Thema zum Gegenstand: Bereits im März 2014 befasste sich die „Unstatistik des Monats“ mit dem Thema Gewalt gegen Frauen <a href="https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/archiv/2014/detail/gewalt-gegen-frauen-und-zahlen" target="_blank">(„Gewalt gegen Frauen und Zahlen“</a>). In einer Umfrage der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) führten Dänemark, Finnland und Schweden die Rangliste weiblicher Gewaltopfer an, während sich am unteren Ende der Rangliste vor allem südliche Länder wie Zypern, Malta oder Portugal fanden. Dieses Ergebnis wurde von der FRA unter anderem damit begründet, dass sich Frauen in „emanzipierten Ländern“ eher als Opfer sexueller Gewalt empfinden als Frauen in Ländern mit einer eher konservativen Rollenverteilung.</p>
<p>Zusammengefasst: Die Zahlen des Bundeslagebilds Häusliche Gewalt sind erschreckend. Im Jahr 2023 waren 180.715 weibliche Opfer betroffen, eine Zunahme von 5,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Doch bleibt unklar, ob und wieweit diese Zunahme mit einem Anstieg an Gewalttaten oder einem Anstieg der Bereitschaft von Frauen, Täter anzuzeigen, zu erklären ist. Dazu bräuchte man Information über eine mögliche Veränderung der Dunkelziffer durch eine höhere Bereitschaft betroffener Frauen, Gewalttaten anzuzeigen.</p><div class="well"><p><strong>Ihr/e Ansprechpartner/in dazu:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (02307) 20 16 931<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-213, <a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de">sabine.weiler@rwi-essen.de</a></p></div><p><span class="text-muted"><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>.</em><em> Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> </em><em>abrufbar.</em></span></p>
<p><span class="text-muted"><em>Weiterführende Literatur: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro. Es wurde im Oktober 2023 mit dem „getAbstract-International Book Award 2023“ in der Kategorie Business Impact ausgezeichnet. Das Unternehmen getAbstract hat sich auf die Zusammenfassungen von Wirtschaftsbüchern und Klassikern der Weltliteratur spezialisiert und vergibt seine Awards jährlich im Rahmen der Frankfurter Buchmesse. Speziell mit der Bewertung von Risiken beschäftigt sich das Buch </em><a href="https://www.amazon.de/Risiko-Wie-richtigen-Entscheidungen-trifft/dp/3570101037" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“</em></a> <em>von Unstatistik-Autor Prof. Dr. Gerd Gigerenzer. </em></span></p>
<p><span class="text-muted"><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter </em><a href="mailto:presse@rwi-essen.de"><em>presse@rwi-essen.de</em></a>.<em> Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></span></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2024</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                    <item>
                        <guid isPermaLink="false">news-2159</guid>
                        <pubDate>Wed, 30 Oct 2024 09:17:00 +0100</pubDate>
                        <title>Glücksspielstörung: im Mittel daneben</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/gluecksspielstoerung-im-mittel-daneben
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats Oktober ist der unkritische Umgang zahlreicher Medien mit dem „Glücksspielatlas Deutschland 2023“. Basierend auf einer dpa-Meldung vom 25. Oktober 2024 schreiben beispielsweise Tagesschau.de und Zeit.de: „Demnach haben etwa 1,3 Millionen Menschen eine Störung durch Glücksspiele, weitere drei Millionen Menschen haben ein problematisches Glücksspielverhalten.“</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://www.dhs.de/fileadmin/user_upload/Gluecksspielatlas_2023_DHS.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">Der Glücksspielatlas</a> bezieht seine Daten aus einer Studie der Universität Bremen, für die rund 12.000 Menschen zu ihrem Glücksspielverhalten befragt wurden. Dieser sogenannte <a href="https://www.isd-hamburg.de/wp-content/uploads/2024/03/Gluecksspielsurvey_2023.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">„Glücksspiel-Survey“</a> wird alle zwei Jahre durchgeführt; bis zum Jahr 2019 war dafür die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) zuständig. Mit der Vergabe an die Bremer Suchtforscher stiegen die geschätzten Zahlen der Menschen mit Glücksspielproblemen dramatisch an.</p>
<p><strong>Methodische Änderungen und ihr Einfluss auf die Ergebnisse</strong></p>
<p>Was jedoch kaum thematisiert wird, ist die Abhängigkeit der Befragungsergebnisse von der Befragungsmethodik. Nach 2019 wechselte nicht nur der Auftragnehmer der Studie, sondern auch die verwendeten Fragebögen und die Art, wie die Befragten interviewt wurden. Die Befragung der BzgA war eine rein telefonische Erhebung, mittlerweile werden die Teilnehmer telefonisch und online befragt.</p>
<p>Unter den telefonisch Befragten findet der Glücksspiel-Survey insgesamt 0,4 Prozent mit leichter, mittlerer oder schwerer Glücksspielstörung, entsprechend den Kriterien des Diagnose-Instruments DSM-V. Unter den online Befragten sind es hingegen insgesamt 6,2 Prozent. Auch bei anderen Merkmalen, wie der Glücksspielteilnahme an sich, dem riskanten Alkoholkonsum oder bei psychischen Belastungen, gibt es Unterschiede, die allerdings nicht so stark ausgeprägt sind. Hinzu kommt, dass es sich bei der Onlinebefragung im Grunde um drei einzelne Erhebungen handelt, die möglicherweise unterschiedliche Zielgruppen erreicht haben. Der Glücksspiel-Survey macht dazu keine näheren Angaben, aber im <a href="https://www.esri.ie/system/files/publications/RS169.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">irischen Glücksspiel-Survey</a> variierte der Anteil der Menschen mit Glücksspielstörungen zwischen den Online-Panels statistisch signifikant zwischen 1,7 und 5,9 Prozent.</p>
<p><strong>Herausforderung „Repräsentativität“</strong></p>
<p>Es ist bekannt, dass sich online Befragte erheblich von der Durchschnittsbevölkerung unterscheiden. Auch telefonisch Befragte müssen nicht zwingend repräsentativ für die interessierende Grundgesamtheit sein. In beiden Fällen können Selektionsfehler vorliegen, weil die teilnehmenden Personen eben kein getreues Abbild der Bevölkerung darstellen. Leider gilt aber nicht einfach, dass die Wahrheit in der Mitte liegt – getreu dem alten Witz, dass der Hase schon tot sein wird, wenn der Jäger einmal links und einmal rechts vorbeischießt.</p>
<p><strong>Hohe Ausfallquote: Risiko durch „Nonresponse“</strong></p>
<p>Erschwerend kommt hinzu, dass über 80 Prozent der Befragten im Glücksspiel-Survey 2023 gar nicht geantwortet haben. Dieser sogenannte „Nonresponse“ birgt ein hohes Risiko, verzerrte Ergebnisse zu erhalten, die keine belastbaren Schlüsse mehr auf die Bevölkerung zulassen. Daher fordern seriöse wissenschaftliche Fachzeitschriften, Nonresponse zu kontrollieren und seine möglichen Auswirkungen zu evaluieren. In einer Übersichtsarbeit zur Glücksspiel-Prävalenzforschung, die vor wenigen Wochen in <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2468266724001269" target="_blank" rel="noreferrer">„The Lancet Public Health“</a> veröffentlicht wurde, zählt der Umgang mit dem Nonresponse zu den Bewertungskriterien. Der Glücksspiel-Survey wurde in dieser Übersichtsarbeit als methodisch besonders gut bewertet. Das ist insofern überraschend, als die potenziellen Auswirkungen von Nonresponse im Survey überhaupt nicht untersucht, sondern schlicht ignoriert wurden.</p>
<p>Aus dem gleichen Grund, dem unzureichenden Umgang mit möglichen Selektionsfehlern und Nonresponse, kam eine <a href="https://eprints.lse.ac.uk/121981/1/Sturgis_Assessment_of_the_gambling_survey_for_great_britain_published.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">offizielle Evaluation des britischen Glücksspiel-Surveys</a> zum Schluss, dass die Daten nur als „experimentell“ angesehen werden dürfen und mit großer Vorsicht behandelt werden sollten. Eine solche kritische Bewertung der Daten findet in der deutschen Politik bislang kaum statt.</p>
<p><strong>Fazit: statistische Expertise unerlässlich für evidenzbasierte Politik</strong></p>
<p>Leider fehlt in vielen Medien, aber auch in der Politik das Bewusstsein dafür, wie herausfordernd es ist, repräsentative Daten zu gewinnen. Nur weil Studien auf großen Stichproben beruhen, bedeutet das noch lange nicht, dass sie korrekte Ergebnisse liefern. Wenn diese Ergebnisse aber den Kreis der Wissenschaft verlassen und zur Unterstützung politischer Entscheidungen herangezogen werden, bedarf es einer sorgfältigen Qualitätskontrolle, die in vielen Fällen nicht gegeben ist. Diese Kontrolle erfordert tiefgehende Kompetenzen im Fachgebiet der sogenannten Survey-Statistik, die in der Regel nur bei entsprechenden Experten vorhanden ist. Wenn die Politik also Studien in Auftrag gibt oder als Grundlage für evidenzbasierte Maßnahmen nutzt, sollte sie darauf achten, dass neben der Fachexpertise – hier im Bereich der Suchtforschung – auch die statistische Expertise garantiert ist.</p>
<hr>
<p><strong>Anmerkung:</strong></p>
<p>Einen leichten Einstieg in typische Fehler, die bei Befragungen passieren können, gibt das neue Webinar <a href="https://www.youtube.com/watch?v=iiJd6ibKSQ4" target="_blank" rel="noreferrer">„Aus Flops lernen“</a> aus der Reihe <a href="https://www.horizont.net/planung-analyse/nachrichten/datenkompetenz-adm-und-agma-starten-mit-understanding-data-222738" target="_blank" rel="noreferrer">„Understanding Data“</a>. Diese Initiative zweier großer Marktforschungsverbände hat sich zum Ziel gesetzt, die Datenkompetenz in der Branche wie auch der Bevölkerung insgesamt zu verbessern. Im Beitrag „Aus Flops lernen“ geben die Unstatistik-Autorin Katharina Schüller und Dr. Silke Borgstedt anhand zahlreicher Praxisbeispiele Tipps für den verantwortungsbewussten Umgang mit Daten und Statistik.</p><div class="well"><p><strong>Ihre Ansprechpartner/in dazu:</strong></p>
<p class="MsoNoSpacing">Dr. Katharina Schüller (STAT-UP), Tel.: (089) 34077-447</p>
<p class="MsoNoSpacing">Prof. Dr. Gerd Antes (Gastautor), <a href="file://int.rwi-essen.de/RWI-Verwaltung/Presse/Presse/Pressemitteilung/2024/Unstatistik/10_2024/antes@cochrane.de" target="_blank" rel="noreferrer">antes@cochrane.de</a></p>
<p class="MsoNoSpacing">Alexander Bartel (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-354, <a href="mailto:alexander.bartel@rwi-essen.de">alexander.bartel@rwi-essen.de</a></p></div><p><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>.</em><em> Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> </em><em>abrufbar.</em></p>
<p><em>Weiterführende Literatur: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro. Es wurde im Oktober 2023 mit dem „getAbstract-International Book Award 2023“ in der Kategorie Business Impact ausgezeichnet. Das Unternehmen getAbstract hat sich auf die Zusammenfassungen von Wirtschaftsbüchern und Klassikern der Weltliteratur spezialisiert und vergibt seine Awards jährlich im Rahmen der Frankfurter Buchmesse. Speziell mit der Bewertung von Risiken beschäftigt sich das Buch </em><a href="https://www.amazon.de/Risiko-Wie-richtigen-Entscheidungen-trifft/dp/3570101037" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“</em></a> <em>von Unstatistik-Autor Prof. Dr. Gerd Gigerenzer. </em></p>
<p><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe „Unstatistik des Monats“ muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter </em><a href="mailto:presse@rwi-essen.de"><em>presse@rwi-essen.de</em></a>.<em> Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2024</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                    <item>
                        <guid isPermaLink="false">news-2134</guid>
                        <pubDate>Fri, 27 Sep 2024 08:38:02 +0200</pubDate>
                        <title>Eigentlich eine gute Nachricht – Weltweite Krebssterblichkeit bei Männern steigt bis 2050 stark an</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/eigentlich-eine-gute-nachricht-weltweite-krebssterblichkeit-bei-maennern-steigt-bis-2050-stark-an
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats September sind Meldungen zu einem weltweit erheblichen Anstieg der Krebssterblichkeit bei Männern.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>So titelt merkur.de „<a href="https://www.merkur.de/welt/toedliche-krebs-erkrankungen-dramatischer-anstieg-der-todesfaelle-bei-maennern-erwartet-zr-93313444.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Tödliche Krebs-Erkrankungen: Dramatischer Anstieg der Todesfälle bei Männern erwartet</a>“. Statista meldet in einer Grafik mit dem Titel <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1201305/umfrage/prognostizierte-anzahl-von-krebstodesfaellen-weltweit/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">„Prognostizierte Anzahl von Krebstodesfällen weltweit im Zeitraum von 2022 bis 2050“</a> ähnliche Zahlen.</p>
<p>Hintergrund dieser Studie ist ein in der internationalen Fachzeitschrift Cancer erschienener <a href="https://acsjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.3322/caac.21834" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Artikel</a> zur Verbreitung von 30 verschiedenen Krebsarten in 2022 in 185 Ländern bzw. Regionen. Das Autorenteam hat hierzu Daten des „Global Cancer Observatory“ der „International Agency for Research on Cancer“ ausgewertet. Der Vergleich dieser Daten über verschiedene Ländergruppen unterschiedlichen Entwicklungsstands liefert durchaus sehr interessante Einblicke. Problematisch an der Studie ist der zweite Analyseschritt, auf dessen Ergebnisse sich die obigen Meldungen beziehen. In diesem zweiten Schritt nehmen die Autoren an, dass die für das Jahr 2022 ermittelten Raten konstant bleiben, und verwenden altersspezifische Bevölkerungsprojektionen, um die im ersten Schritt für das Jahr 2022 ermittelten länder- und altersspezifischen Krebsinzidenz- und Krebsmortalitätsraten bis zum Jahr 2050 fortzuschreiben. Damit zeigt das Autorenteam letztendlich nur, dass die Lebenserwartung weltweit ansteigt, also immer mehr Menschen in die Altersgruppe 65+ hineinwachsen. Wie die Autorinnen und Autoren nicht zuletzt in ihrem ersten Analyseschritt herausarbeiten, steigt die Wahrscheinlichkeit an Krebs zu erkranken und an Krebs zu sterben jedoch insbesondere mit zunehmendem Alter.</p>
<p>Fazit: Die Nachricht, dass die weltweite Krebssterblichkeit bei Männern bis 2050 stark ansteigt, ist eigentlich eine gute Nachricht: Weltweit steigt die Lebenserwartung. Leider geht diese gute Nachricht aber mit einer schlechten Nachricht einher: Kommt es zu keinen erheblichen medizinischen Fortschritten, steigt auch die Anzahl der weltweiten Krebserkrankungen. Vor diesem Hintergrund wagen wir hier einmal eine weitere Prognose: Bis 2050 wird die Anzahl der an Demenz verstorbenen Menschen stark ansteigen. Denn Demenz ist eine weitere altersbedingte Krankheit.</p><div class="well"><p><strong>Ihr/e Ansprechpartner/in dazu:</strong><br> Prof. Dr. Thomas K. Bauer (RWI), Tel.: (0201) 8149-264&nbsp;&nbsp;</p>
<p>Sabine Weiler (Kommunikation RWI), Tel.: 0201/ 8149-213, <a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de" target="_blank" rel="noopener noreferrer">sabine.weiler@rwi-essen.de</a></p></div><p><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><em>@unstatistik</em></a><em>.</em><em> </em><em>Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de/" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a> <em>abrufbar.</em></p>
<p><em>Weiterführende Literatur</em><em>:</em> <a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro.</em></p>
<p><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter</em> <a href="mailto:presse@rwi-essen.de" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><em>presse@rwi-essen.de</em></a><em>. Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2024</category>
                            
                        
                        
                            
                        
                    </item>
                
                    <item>
                        <guid isPermaLink="false">news-2123</guid>
                        <pubDate>Fri, 30 Aug 2024 12:25:00 +0200</pubDate>
                        <title>Statistische Demenz</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/statistische-demenz
                                            
                                    
                            
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                        <description>Sowohl die Schätzung aktueller als auch die Prognose zukünftiger Demenzfälle in Bayern sind fast sicher falsch, zudem sind beide Zahlen alles andere als aktuell. Die &quot;Unstatistik des Monats&quot; zeigt, warum solchen Zahlen stets eine große Unsicherheit innewohnt.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats August ist der Umgang von Politikern und Medien mit der Prognose zukünftiger Demenzfälle in Bayern. <a href="https://www.sueddeutsche.de/bayern/bayern-demenz-ministerin-gerlach-300-000-betroffene-lux.998fCz1eyBUGg7CXxAXeRt" target="_blank" rel="noreferrer">„Ministerin Gerlach rechnet bis 2030 mit 300.000 Demenzkranken“</a>, titelte die Süddeutsche Zeitung am 25. August auf Grundlage einer Meldung der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Derzeit sollen in Bayern rund 270.000 Demenzkranke leben, bis 2040 werde ihre Zahl voraussichtlich bis auf 380.000 steigen. Auch <a href="https://www.n-tv.de/regionales/bayern/Ministerin-300-000-Demenzkranke-bis-2030-article25180441.html" target="_blank" rel="noreferrer">N-TV</a> und <a href="https://www.stern.de/gesellschaft/regional/bayern/demenz--ministerin--300-000-demenzkranke-bisv-2030-35006998.html" target="_blank" rel="noreferrer">STERN.de</a> brachten ähnliche Meldungen; beim Bayerischen Rundfunk hieß es: <a href="https://www.br.de/nachrichten/bayern/gesundheitsministerin-gerlach-demenzfaelle-in-bayern-nehmen-zu,UMS3fK5" target="_blank" rel="noreferrer">„Demenzfälle nehmen zu“</a> und das Ärzteblatt berichtet ebenfalls von <a href="https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/153783/Demenz-Steigende-Zahlen-in-Bayern-erwartet?googlenews=1" target="_blank" rel="noreferrer">„steigenden Zahlen“</a>.</p>
<p>„Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen“, soll Winston Churchill gesagt haben, vielleicht waren es aber auch George Bernard Shaw oder Niels Bohr. Genau weiß man es nicht. Auch die Prognose der Demenzfälle ist höchst unsicher, und das nicht nur, weil sie in die Zukunft gerichtet ist. Selbst die aktuelle Zahl Demenzkranker in Bayern kennt niemand, nicht einmal die bayerische Gesundheitsministerin Judith Gerlach. Genauso wenig kannte sie ihr Vorgänger, Klaus Holetschek, der gleichwohl schon im Februar 2023 verkündete: <a href="https://www.bayern.de/holetschek-will-situation-von-menschen-mit-demenz-weiter-verbessern-bayerns-gesundheits-und-pflegeminister-bayerischer-demenzfonds-wird-ausgeweitet-frderung-auch-fr-demenzsensible-ko/" target="_blank" rel="noreferrer">„In Bayern leben nach neuesten Zahlen zirka 270.000 Menschen mit Demenz.“</a> 18 Monate später ist diese Zahl unverändert – wie kann das sein?</p>
<p>Tatsächlich handelt es sich nur um eine grobe Schätzung, die schon aus dem April 2022 stammt und sich auf das Jahr 2021 bezieht. Einzelheiten dazu finden sich im Gesundheitsreport <a href="https://www.alzheimer-bayern.de/images/downloads/demenz/8_Zahlen/Gesundheitsreport_04.2022.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">„Update Demenzerkrankungen“</a> des Bayerischen Gesundheitsministeriums. Um auf die Zahl 270.000 zu kommen, multipliziert man die in Bayern lebenden Menschen mit der jeweils relativen Häufigkeit von Demenzerkrankungen, je nach Altersgruppe und Geschlecht. Der Fachbegriff für diese relative Häufigkeit heißt „Prävalenz“. Man kennt zwar die Prävalenz für Bayern nicht, aber es gibt Abschätzungen der Prävalenz für ganz Europa, die die Weltgesundheitsorganisation WHO im Jahr 2021 veröffentlicht hat. Mit dieser einfachen Rechnung kommt man nach dem Prinzip „grob rein – fein raus“ auf 270.000 Demenzkranke, davon 250.000 im Alter über 65 Jahren. Eine Gegenrechnung, die in dem Report vorgenommen wird, nimmt die Zahl der rund 215.000 diagnostizierten Demenzerkrankungen bei den gesetzlichen Krankenversicherungen. Weil, wiederum grob geschätzt, 15 Prozent privat versichert sind – eine Differenzierung nach Altersgruppen und Geschlecht wird hier nicht vorgenommen – ergeben sich insgesamt etwa 252.000 Fälle, ein gemäß dem Report „ähnliches Ergebnis“.</p>
<p>Die Prognose stützt sich nun auf die Rate der jährlichen Neuerkrankungen, die sogenannte „Inzidenz“. Mithilfe einer Bevölkerungsprognose versucht man abzuschätzen, wie viele Männer und Frauen in welcher Altersgruppe in den kommenden Jahren und Jahrzehnten in Bayern leben, und nimmt an, dass davon anteilig zukünftig exakt so viele an Demenz erkranken wie bisher. Die prognostizierten Verstorbenen werden abgezogen und am Ende steht eine scheinbar präzise Zahl: 380.000 Fälle im Jahr 2040.</p>
<p>Das Problem dabei ist nicht nur, dass die Bevölkerungsprognose unsicher ist; daher sprechen die amtlichen Statistiker auch nicht von „Prognosen“, sondern von „Modellrechnungen“. In diesen Modellrechnungen stecken zahlreiche Annahmen, die zutreffen können oder auch nicht. Solche Annahmen betreffen beispielsweise die Zu- und Fortzüge, die Zahl der Geburten oder der Todesfälle. Das <a href="https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Bevoelkerungsvorausberechnung/Publikationen/Downloads-Vorausberechnung/statistischer-bericht-bvb-bundeslaender-2070-5124205219005.html?nn=208696" target="_blank" rel="noreferrer">Statistische Bundesamt</a> kommt durch Variation solcher Annahmen auf einen Unterschied von immerhin einer Million Einwohnern, die Bayern im Jahr 2040 mehr oder weniger haben könnte.</p>
<p>Aber auch die Frage, wie viele dieser Menschen bis dahin an Demenz erkranken, ist alles andere als sicher zu beantworten. Der Gesundheitsreport erwähnt dieses Problem auch: „Studien deuten jedoch darauf hin, dass die Demenzerkrankungen möglicherweise weniger stark zunehmen (Roehr et al. 2018).“ Bemerkenswerterweise findet sich dieser Satz wortwörtlich schon im <a href="https://www.lgl.bayern.de/publikationen/doc/gesundheitsreport_2_2019.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">„Gesundheitsreport 9/2019 – Update Demenzerkrankungen“</a>, nur waren es dort noch „neuere Studien“. Schon der 2019-er Report prognostiziert für das Jahr 2030 rund 300.000 Demenzfälle. Allerdings lag die Schätzung für die Zahl der damals aktuellen Fälle bei 240.000 über 65-Jährigen, also 10.000 Fälle weniger als „heute“, oder genauer gesagt im Jahr 2022. Eine noch ältere – in der „Bayerischen Demenzstrategie“ zitierte – <a href="https://www.alzheimer-bay-ern.de/images/downloads/wir_fuer_sie/projekte/sport/Dokumentation_Fachtagung_SPD/FachtagSBD18Leike.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">Prognose des Bayerischen Gesundheitsministeriums</a> war im Jahr 2015 auf 270.000 Fälle schon im Jahr 2020 und 340.000 Fälle im Jahr 2032 gekommen.</p>
<p>Sowohl die Schätzung als auch die Prognose sind fast sicher falsch, und dazu sind beide Zahlen alles andere als aktuell. Dass die Zahl der Demenzfälle etwas zugenommen hat, dürfte wahrscheinlich sein, aber das liegt schlicht daran, dass die bayerische Bevölkerung wächst und altert. Leider scheint es vielen Medien entweder an der Kompetenz oder am Willen zu fehlen, Prognosen kritisch zu hinterfragen und insbesondere auf die große Unsicherheit hinzuweisen, die solchen Zahlen stets innewohnt. Nicht unschuldig daran ist in diesem Fall auch das Bayerische Gesundheitsministerium, das zwar andeutet, dass die Annahmen seiner Modellrechnung möglicherweise falsch sind, aber keinen Versuch unternimmt, die resultierenden Unschärfen zu quantifizieren.</p>
<p>Wie groß solche Unschärfen sein können, zeigt am Beispiel der Zuckersteuer eine kürzlich veröffentlichte Simulationsstudie mit dem sperrigen Titel <a href="https://bmcpublichealth.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12889-024-19488-5" target="_blank" rel="noreferrer">„The implications of policy modeling assumptions for the projected impact of sugar-sweetened beverage taxation on body weight and type 2 diabetes in Germany“</a>. Eine Vorgängerstudie der gleichen Autoren hatte mit der Kommunikation einer einzelnen Zahl <a href="https://www.tum.de/aktuelles/alle-meldungen/pressemitteilungen/details/zuckersteuer-koennte-bis-zu-16-milliarden-euro-einsparen" target="_blank" rel="noreferrer">(„Zuckersteuer könnte bis zu 16 Milliarden Euro einsparen“)</a> ein großes Medienecho hervorgerufen. In ihrer neuen Veröffentlichung zeigen die Autoren nun auf, wie extrem stark die simulierten Auswirkungen einer Zuckersteuer auf das Übergewicht in Deutschland von den Modellannahmen abhängen. Anders als für diese Schock-Zahl 16 Milliarden, hat sich aber für die damit verbundene Unsicherheit anscheinend noch kein einziges Medium interessiert.</p><div class="well"><p><strong>Ihre Ansprechpartner/in dazu:</strong></p>
<p>Katharina Schüller (STAT-UP), Tel.: (089) 34077-447&nbsp; &nbsp;<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-213, <a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de">sabine.weiler@rwi-essen.de</a></p></div><p><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>.</em><em> Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> </em><em>abrufbar.</em></p>
<p><em>Weiterführende Literatur: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro. Es wurde im Oktober 2023 mit dem „getAbstract-International Book Award 2023“ in der Kategorie Business Impact ausgezeichnet. Das Unternehmen getAbstract hat sich auf die Zusammenfassungen von Wirtschaftsbüchern und Klassikern der Weltliteratur spezialisiert und vergibt seine Awards jährlich im Rahmen der Frankfurter Buchmesse. Speziell mit der Bewertung von Risiken beschäftigt sich das Buch </em><a href="https://www.amazon.de/Risiko-Wie-richtigen-Entscheidungen-trifft/dp/3570101037" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“</em></a> <em>von Unstatistik-Autor Prof. Dr. Gerd Gigerenzer. </em></p>
<p><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter </em><a href="mailto:presse@rwi-essen.de"><em>presse@rwi-essen.de</em></a>.<em> Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Mon, 29 Jul 2024 08:16:00 +0200</pubDate>
                        <title>Lungenkrebs-Screening rettet Leben</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/lungenkrebs-screening-rettet-leben-1
                                            
                                    
                            
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                        <description>Etwa 90 Prozent aller Lungenkrebs-Fälle sind durch Rauchen bedingt. Lungenkrebs ist einer der tödlichsten Krebsarten: nur etwa 15 Prozent der Männer (20 Prozent der Frauen) überlebt die ersten fünf Jahre nach der Diagnose. Kann das Leben dieser Menschen durch Früherkennung mittels Niedrigdosis-Computertomographie (kurz: LDCT)-Screening verlängert werden?</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Eine Flut von Artikeln aus der Medizintechnik-Branche und von medizinischen Fachgesellschaften der Pneumologie und Radiologie argumentierte, dass LDCT für aktive und ehemalige Raucher von den Krankenkassen bezahlt werden soll. „<a href="https://pneumologie.de/aktuelles-service/presse/pressemitteilungen/durchbruch-auf-dem-weg-zu-einem-frueherkennungsprogramm-fuer-lungenkrebs" target="_blank" rel="noreferrer">CT-Früherkennung ist eine wirksame, sichere und kosteneffektive Methode</a>,“ versichert eine gemeinsame Pressemitteilung medizinischer Fachgesellschaften unter pneumologie.de. Die Radiologische Allianz berichtete: „<a href="https://www.radiologische-allianz.de/news/vorsorglicher-lungencheck" target="_blank" rel="noreferrer">In einer umfassenden belgisch-niederländischen Studie (NELSON Studie) konnte das Screening das Risiko an Lungenkrebs zu sterben, um mehr als 20 Prozent senken.</a>“</p>
<p>Die Unstatistik des Monats Juli ist die oft irreführende und manipulative Berichterstattung über die Ergebnisse der wissenschaftlichen Studien zum Krebs-Screening. Dazu haben wir uns die Ergebnisse der <a href="https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa1911793" target="_blank" rel="noreferrer">NELSON Studie</a> einmal genauer angesehen (De Koning et al. 2020, New England Journal of Medicine). Es handelt sich um eine randomisierte klinische Studie, mit je über 6500 Männern in der Screening-Gruppe und in der Kontrollgruppe (kein Screening). Randomisierte Studien sind die best-kontrollierten Studien.</p>
<p><img alt data-alt-override="true" data-htmlarea-file-table="sys_file" data-htmlarea-file-uid="11779" data-title-override="true" src="/fileadmin/_processed_/e/3/csm_240729_Unstatistik_51b535efc5.png" style width="499" height="272" class="rte_imagepresent">&nbsp;</p>
<p>In dieser Abbildung haben wir die Ergebnisse der NELSON Studie verständlich dargestellt. Beginnen wir mit je 1.000 Rauchern (oder ehemaligen Rauchern) in der Screening-Gruppe und in der Kontrollgruppe. Nach 10 Jahren wurden die beiden Gruppen verglichen. Waren mehr Menschen in der Screening-Gruppe am Leben als in der Kontrollgruppe? Nein. In der Screening-Gruppe waren 132 verstorben, in der Kontrollgrupp nur 130. Wurde die Sterblichkeit an Lungenkrebs reduziert? Ja, von 32 auf 24. Das sind die erwähnten „mehr als 20 Prozent“ (im Klartext: 8 von 1.000).&nbsp; Das bedeutet, dass in der Screening-Gruppe mehr Personen mit anderen Diagnosen starben, z. B. mit anderen Krebsdiagnosen. Um das zu verstehen, ist hilfreich zu erinnern, dass die Diagnose der spezifischen Todesursache unsicher ist: in der NELSON Studie wird entsprechend berichtet, dass die Experten mit der Diagnose „Lungenkrebs“ nur in 86 Prozent der Fälle übereinstimmten. Daher ist die Gesamtsterblichkeit die zuverlässigere Zahl.</p>
<p>Die <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/article-abstract/2808648" target="_blank" rel="noreferrer">Meta-Analyse zum LDCT-Screening</a> im „Journal of the American Medical Association“ (JAMA, Bretthauer et al., 2023) kommt ebenfalls zum Schluss, dass es keine signifikante Verlängerung des Lebens durch das Screening gibt. Dieser wichtige Befund, dass LDCT-Screening die Gesamtsterblichkeit nicht verringert, und damit auch das Leben nicht verlängert, wird jedoch in den Stellungnahmen zur Übernahme der Kosten durch die Krankenkassen meist nicht berichtet.</p>
<p>Wenn man sich die Abbildung ansieht, dann wird verständlich, warum die Krankenkassen bisher nicht für das Lungenkrebs-Screening bezahlt haben. Mittels irreführender Zahlen (und Weglassen der Zahlen zur Lebensverlängerung) soll der zweifelhafte Nutzen des LDCT-Screenings als lebensrettend dargestellt werden. Am Ende werden es die Beitragszahler der Krankenkassen sein, die mit erhöhten Beiträgen ein wenig sinnvolles Screening finanzieren sollen.</p><div class="well"><p><strong>Ihre Ansprechpartner dazu:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Tel.: (030) 805 88 519&nbsp; &nbsp;<br> Alexander Bartel (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-354, <a href="mailto:alexander.bartel@rwi-essen.de">alexander.bartel@rwi-essen.de</a></p></div><p><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>.</em><em> Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> </em><em>abrufbar.</em></p>
<p><em>Weiterführende Literatur: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro. Es wurde im Oktober 2023 mit dem „getAbstract-International Book Award 2023“ in der Kategorie Business Impact ausgezeichnet. Das Unternehmen getAbstract hat sich auf die Zusammenfassungen von Wirtschaftsbüchern und Klassikern der Weltliteratur spezialisiert und vergibt seine Awards jährlich im Rahmen der Frankfurter Buchmesse. Speziell mit der Bewertung von Risiken beschäftigt sich das Buch </em><a href="https://www.amazon.de/Risiko-Wie-richtigen-Entscheidungen-trifft/dp/3570101037" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“</em></a> <em>von Unstatistik-Autor Prof. Dr. Gerd Gigerenzer. </em></p>
<p><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter </em><a href="mailto:presse@rwi-essen.de"><em>presse@rwi-essen.de</em></a>.<em> Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Fri, 28 Jun 2024 16:19:00 +0200</pubDate>
                        <title>Gesunde Finanzen, gesundes Herz? </title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/gesunde-finanzen-gesundes-herz
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats Juni ist der Referentenentwurf für ein „Gesundes-Herz-Gesetz (GHG)“ des Bundesgesundheitsministeriums (BMG).</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Laut GHG werden „bis zu 70 Prozent der Herz-Kreislauf-Erkrankungen und ihrer kardiometabolischen Risikoerkrankungen durch modifizierbare lebensstilbezogene Risikofaktoren wie ungesunde Ernährung, Bewegungsarmut, Rauchen und übermäßigen Alkoholkonsum verursacht“. Dass es sich nicht in allen Fällen um kausal begründbare Zusammenhänge handelt, haben wir in der „Unstatistik des Monats“ bereits oft erklärt.</p>
<p>Der Gesetzesentwurf sieht u.&nbsp;a. neue Beratungsangebote, Screenings (Massenuntersuchungen zur Früherkennung) und die präventive Gabe von Statinen (Medikamenten zur Senkung von Cholesterin) vor. Dass solche Maßnahmen nicht ausschließlich nützen und man Nutzen und Risiken gut gegeneinander abwägen muss, insbesondere wenn es zu Fehldiagnosen kommt, haben wir ebenfalls in mehreren Unstatistiken bereits ausgeführt.</p>
<p>Speziell zu Statinen klärt eine <a href="https://hardingcenter.de/de/transfer-und-nutzen/faktenboxen/herz-kreislauf-erkrankungen/statine-zur-vorbeugung-von-herz-kreislauf-erkrankungen" target="_blank" rel="noreferrer">Faktenbox des Harding-Zentrums</a> darüber auf, dass diese Medikamente bei Personen mit erhöhtem Risiko zwar die Anzahl an Herz-Kreislauf-Vorfällen (Schlaganfall, Herzinfarkt) senken konnten. Die Anzahl an tödlichen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Todesfällen insgesamt konnten sie aber nicht reduzieren. Während die erwünschte Wirkung von Statinen gut belegt ist, gilt das noch nicht für mögliche Schäden. Dazu kommt, dass über die (potenziell negativen) Auswirkungen einer Einnahme von Statinen bei Patienten mit weniger oder nicht erhöhtem Risiko noch weniger bekannt ist.</p>
<p><strong>Im Referentenentwurf fehlt der Zusammenhang zwischen Herzgesundheit und Armut</strong></p>
<p>Der <a href="https://www.bfarm.de/SharedDocs/Downloads/DE/BfArM/Publikationen/Bundesgesundheitsblatt/2019-12-Stolpe-Stang.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">GHG-Entwurf</a> beginnt mit folgenden Sätzen: „Deutschland gibt so viel wie kein anderes Land in der Europäischen Union (EU) im Bereich Gesundheit aus: knapp 5.000 Euro pro Einwohner und Jahr, das sind 52,9 Prozent mehr als der EU-Durchschnitt (3.159 Euro, OECD). Trotzdem liegt die Lebenserwartung in Deutschland mit 80,8 Jahren nur knapp über dem EU-Durchschnitt (80,1 Jahre).“ Auch hier liegt ein Denkfehler vor, den die Unstatistik mehrfach kritisiert hat: Erstens sind Todesursachen-Statistiken längst nicht so präzise, wie sie oft scheinen, da häufig ungenaue Todesursachen (sogenannte nichtinformative Codes) angegeben werden. Zweitens spielt allein die Tatsache, dass wir alt genug werden, um an bestimmten Leiden zu erkranken, eine wichtige Rolle dafür, dass wir auch an (oder mit) diesen Leiden sterben.</p>
<p>Was in den plakativen Statistiken des BMG fehlt, sind Zahlen zur Armut. Laut Statistischem Bundesamt sind <a href="https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Einkommen-Konsum-Lebensbedingungen/Lebensbedingungen-Armutsgefaehrdung/Tabellen/armutsschwelle-gefaehrdung-mz-silc.html" target="_blank" rel="noreferrer">14,4 Prozent der Deutschen arm</a>; bei Alleinlebenden bedeutet das, dass ihnen monatlich weniger als 1313,75 Euro zur Verfügung stehen.</p>
<p>Armut als wichtiger Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wird in den Ausführungen des BMG mit keinem Wort erwähnt. Wer arm ist, leidet statistisch gesehen häufiger an Krebs, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Übergewicht. Möglicherweise liegt das an geringeren Kenntnissen über eine gesunde Lebensweise oder daran, dass schlicht die finanziellen Mittel dafür fehlen. Kinder aus sozial schwachen Familien sind häufiger übergewichtig, <a href="https://md-bund.de/fileadmin/dokumente/forum_das_Magazin_des_Medizinischen_Dienstes/Leseproben/Ausgabe_1_2024/forum_1-2024_-_Wenn_Armut_krank_macht.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">„weil es an einem ausgewogenen Essen fehlt“</a>, schrieb das Magazin des Medizinischen Dienstes erst im Januar 2024. Auch werden Kontrolluntersuchungen von ihren Eltern seltener wahrgenommen.</p>
<p><strong>Mit sinkendem Einkommen steigt das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen</strong></p>
<p>Vor 15 Jahren wies das Robert-Koch-Institut (RKI) darauf hin, dass das <a href="https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsK/2010_5_Armut.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Menschen mit niedrigem Einkommen mindestens doppelt so hoch ist wie bei Menschen mit hohem</a>. Leider gibt das RKI keine absolute Risikoveränderung an. Allerdings zeigt der RKI-Bericht, dass einer von zehn 30-45-jährigen Männern, die mindestens 50 Prozent mehr verdienten als der Median, krankheitsbedingte Einschränkungen im Alltag hatte. Bei denjenigen, die höchstens 60 Prozent des Medianeinkommens verdienten, waren es fast vier von zehn. Schon 1999 hatte das <a href="https://www.aerzteblatt.de/archiv/16267/Armut-und-Gesundheit-Soziale-Dimension-von-Krankheit-vernachlaessigt" target="_blank" rel="noreferrer">„Ärzteblatt“</a> über ähnliche Erkenntnisse berichtet.</p>
<p>„Die Gesundheitspolitik ignoriert die spezifische Krankheitsbelastung armer Menschen (…) und orientiert strukturelle Entscheidungen immer noch an Versicherten, die sich in einer stabilen ökonomischen Situation befinden“, schrieb das „Ärzteblatt“. Besonders beschämend daran ist, dass zwar Jahr für Jahr ein Aufschrei erfolgt, weil sich die Armutsquote in Deutschland kaum ändert – eine Unstatistik, zu der wir uns ebenfalls regelmäßig äußern. Wenn es aber ums politische Tun geht, haben arme Menschen in Deutschland keine Lobby; es ist teuer und wenig glamourös, sich für ihre Belange einzusetzen. Gesunde Herzen sind also in erster Linie eine Frage eines gesunden Geldbeutels – und werden es wohl noch lange bleiben.</p><div class="well"><p><strong>Ihre Ansprechpartnerinnen dazu:</strong></p>
<p>Katharina Schüller (STAT-UP), Tel.: (089) 34077-447&nbsp; &nbsp;<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-213, <a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de">sabine.weiler@rwi-essen.de</a></p></div><p><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>.</em><em> Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> </em><em>abrufbar.</em></p>
<p><em>Weiterführende Literatur: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro. Es wurde im Oktober 2023 mit dem „getAbstract-International Book Award 2023“ in der Kategorie Business Impact ausgezeichnet. Das Unternehmen getAbstract hat sich auf die Zusammenfassungen von Wirtschaftsbüchern und Klassikern der Weltliteratur spezialisiert und vergibt seine Awards jährlich im Rahmen der Frankfurter Buchmesse. Speziell mit der Bewertung von Risiken beschäftigt sich das Buch </em><a href="https://www.amazon.de/Risiko-Wie-richtigen-Entscheidungen-trifft/dp/3570101037" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“</em></a> <em>von Unstatistik-Autor Prof. Dr. Gerd Gigerenzer. </em></p>
<p><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter </em><a href="mailto:presse@rwi-essen.de"><em>presse@rwi-essen.de</em></a>.<em> Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Tue, 28 May 2024 13:57:00 +0200</pubDate>
                        <title>Mehr Magenkrebs durch mehr Salz in der Suppe</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/mehr-magenkrebs-durch-mehr-salz-in-der-suppe
                                            
                                    
                            
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                        <description>Salz schmeckt – aber schadet es? Und wieviel davon? Wer viel Salz isst, hat ein um etwa 40 Prozent höheres Risiko für Magenkrebs, meldeten heidelberg24 und die Wiener KLEINE ZEITUNG. „Nachsalzen erhöht das Risiko für Magenkrebs um 41 Prozent“, warnte auch FITBOOK. Heißt das, dass von je 100 Menschen, die gerne nachsalzen, 41 mehr Magenkrebs bekommen?</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Nein. Die Medien arbeiteten mit einem Trick, um den kleinen negativen Effekt von Nachsalzen größer aussehen zu lassen, als er wirklich ist. Der Trick besteht darin, einen kleinen absoluten Anstieg des Risikos aufzublähen, indem man nur den relativen Anstieg (41 Prozent mehr) berichtet. Wir haben diesen Trick mehrmals erklärt. Beispielsweise berichtete eine Studie, dass pro 50&nbsp;g täglichen Konsums von verarbeitetem Fleisch (wie Wurst) sich das Darmkrebsrisiko von 5 auf 5,9 Prozent erhöht. In den Medien wurde dieser absolute Anstieg von weniger als einem Prozentpunkt als ein Anstieg von 18 Prozent dargestellt, was mehr Aufmerksamkeit erzeugt (siehe <a href="https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/archiv/2015/detail/wursthysterie" target="_blank">Unstatistik 10/2015, „Wursthysterie“</a>).</p>
<p>Wie hoch ist nun der tatsächliche absolute Anstieg des Risikos, durch Nachsalzen Magenkrebs zu bekommen? Wir haben uns die <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38630317/" target="_blank" rel="noreferrer">Studie in der Fachzeitschrift „Gastric Cancer“</a> genauer angesehen, von der die Medien berichten. An dieser Studie nahmen 471.144 Erwachsene aus Großbritannien teil. Sie wurden gefragt „Salzen Sie Ihr Essen nach?“. 55 Prozent sagten „nie“ oder „selten“, knapp 5 Prozent sagten „immer“ (und der Rest „manchmal“ oder „meistens“). Nach elf Jahren wurde ermittelt, wer an Magenkrebs erkrankt war. Unter jenen, die nie oder selten nachsalzten, waren 0,123 Prozent an Magenkrebs erkrankt; unter jenen, die immer nachsalzten, waren es 0,231 Prozent. Das sind absolut gesehen 0,108 Prozentpunkte mehr – nicht besonders beeindruckend. Doch bereits die Autoren der Studie haben diesen kleinen Anstieg als relativen Anstieg ausgedrückt, und das klingt dann schon sehr beeindruckend. Relativ gesehen gibt es 88 Prozent mehr Magenkrebspatient/innen (0,108/0,123).</p>
<p><strong>Relativer statt absoluter Anstieg: Aus 0,05 Prozentpunkten werden 41 Prozent</strong></p>
<p>Nachdem die Autoren diesen Anstieg im Hinblick auf Unterschiede in Diät, Rauchen, Alkoholkonsum und anderen Faktoren adjustiert hatten (diejenigen, die immer nachsalzten rauchten und tranken mehr), reduzierten sich die 88 Prozent auf 41 Prozent. Dieser Anstieg entspricht also einem absoluten Anstieg an Magenkrebserkrankungen von etwa 0,05 Prozentpunkten. Dieser absolute Wert wurde jedoch in der Studie selbst nirgends klar benannt, entgegen der Empfehlung für medizinische Studien, die absoluten Effekte immer zu berichten. Und die Journalistinnen und Journalisten haben schlicht abgeschrieben, ohne nachzudenken. Eine Schlagzeile „Nachsalzen erhöht das Risiko für Magenkrebs um 0,05 Prozentpunkte“ hätte wohl auch keine mediale Aufmerksamkeit erzeugt.</p>
<p>Viele Menschen, einschließlich mancher Ärzte, verwechseln immer noch den relativen Anstieg mit dem absoluten Anstieg eines Risikos. Selbst der Bericht zur Studie unter <a href="https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/151338/Haeufiges-Nachsalzen-erhoeht-das-Risiko-fuer-Magenkrebs" target="_blank" rel="noreferrer">aerzteblatt.de</a> berichtete nur den relativen Anstieg des Risikos. Damit wird oft aus einer sprichwörtlichen Mücke ein Elefant. Diesen Unterschied zu verstehen, ist nicht so schwer und wesentlich für die Risikokompetenz, die wir alle bräuchten. Solange diese Kompetenz aber nicht weit verbreitet ist, werden Medien wie leider auch einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weiterhin die Öffentlichkeit durch relative Risiken in Angst versetzen, obwohl das absolute Risiko minimal ist.</p><div class="well"><p><strong>Ihr/e Ansprechpartner/in dazu:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Tel.: (030) 805 88 519<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-213, <a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de">sabine.weiler@rwi-essen.de</a></p></div><p><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>.</em><em> Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> </em><em>abrufbar.</em></p>
<p><em>Weiterführende Literatur: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro. Es wurde im Oktober 2023 mit dem „getAbstract-International Book Award 2023“ in der Kategorie Business Impact ausgezeichnet. Das Unternehmen getAbstract hat sich auf die Zusammenfassungen von Wirtschaftsbüchern und Klassikern der Weltliteratur spezialisiert und vergibt seine Awards jährlich im Rahmen der Frankfurter Buchmesse. Speziell mit der Bewertung von Risiken beschäftigt sich das Buch </em><a href="https://www.amazon.de/Risiko-Wie-richtigen-Entscheidungen-trifft/dp/3570101037" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“</em></a> <em>von Unstatistik-Autor Prof. Dr. Gerd Gigerenzer. </em></p>
<p><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter </em><a href="mailto:presse@rwi-essen.de"><em>presse@rwi-essen.de</em></a>.<em> Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2024</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <guid isPermaLink="false">news-2032</guid>
                        <pubDate>Tue, 30 Apr 2024 13:07:00 +0200</pubDate>
                        <title>Wirtschaftskriminalität nimmt drastisch zu – oder doch nicht?</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/wirtschaftskriminalitaet-nimmt-drastisch-zu-oder-doch-nicht
                                            
                                    
                            
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                        <description>Für einen gehörigen Medienwirbel sorgte Anfang April eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln zur Wirtschaftskriminalität. Fast alle Leitmedien und viele Regionalzeitungen nahmen dieses Thema auf. So meldete beispielsweise tagesschau.de „Wirtschaftskriminalität in Deutschland steigt“, zdf.de titelte „Wirtschaftskriminalität nimmt drastisch zu“.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Ein wichtiger Indikator bei diesen Meldungen war die Zahl der gemeldeten Fälle, basierend auf vom Bundeskriminalamt (BKA) gelieferten Zahlen auf Grundlage der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS). Die nahm von 2021 zum Berichtsjahr 2022 von 51.260 auf 73.114 zu – ein Anstieg um 42,6 Prozent. Aber ob dahinter tatsächlich ein derart fulminanter Anstieg wirtschaftskriminellen Handelns steht, ist zweifelhaft. Denn in der Kriminalstatistik kommen fast alle Fallstricke zusammen, die einer zahlenmäßigen Erfassung unseres Gemeinwesens entgegenstehen. Wer hat wann wo was getan? Welches Handeln zählt als kriminell? Vor einem Jahr war der Besitz von 50 Gramm Marihuana kriminell, heute nicht. Dann das sogenannte „Dunkelfeld“ – längst nicht jede kriminelle Tat geht in die Kriminalstatistik ein, mit Manipulationsmöglichkeiten vielfältiger Art. So soll dem Vernehmen nach schon mal der eine oder andere Polizeipräsident zwecks Imageaufbesserung seiner Stadt geäußert haben, dass er nicht böse wäre, wenn beim Schwarzfahren weniger strikt kontrolliert werden würde.</p>
<p><strong>Sammelverfahren lassen Fallzahlen nach oben schnellen</strong></p>
<p>Problematisch ist zudem die Abgrenzung der Wirtschafts- von der „gewöhnlichen“ Kriminalität. Ist Ladendiebstahl ein wirtschaftskriminelles Delikt? Die Antwort ist nein: wirtschaftskriminell, so das Bundeskriminalamt in einer wenig strapazierfähigen Definition, sind Straftaten im Kontext einer vorgetäuschten oder tatsächlichen wirtschaftlichen Handlung; gemeint ist wohl Kaufen und Verkaufen sowie Kreditvergabe und Geldverkehr. Das reine Zählen der Fälle ist ebenfalls nicht trivial: Ein Internetbetrüger erschleicht sich von 100 Kunden einen Vorschuss auf eine nie erfolgte Leistung: Sind das 100 Fälle oder einer? Und wo verortet man bei regionalen Vergleichen die Fälle? Am Wohnort des Täters oder am Wohnort des Opfers? Hier gibt es keine klare Linie, mit wenig vertrauenswürdigen Zahlen als Endprodukt. So wurden etwa im Jahr 2022 in Thüringen nur 611 Fälle von Wirtschaftskriminalität gezählt, in Schleswig-Holstein dagegen 34.800.&nbsp; Damit hält Schleswig-Holstein den bundesweiten Rekord. Der ist aber, wie das Bundeskriminalamt mitteilt, allein „auf ein Sammelverfahren in Schleswig-Holstein, bestehend aus 33.738 Fällen im Bereich des Leistungsbetrugs, zurückzuführen. Hierbei nutzten die Geschädigten eine kostenpflichtige Online-Dating-Plattform, bei der sie annahmen, Kontakt mit Menschen zu haben, die sie auch außerhalb der Plattform kennenlernen könnten.“&nbsp; Nimmt man diese Dating-Plattform aus der Statistik heraus, hat die Wirtschaftskriminalität in Deutschland abgenommen.</p><div class="well"><p><strong>Ihr/e Ansprechpartner/in dazu:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Walter Krämer, <a href="mailto:walterk@statistik.uni-dortmund.de">walterk@statistik.uni-dortmund.de</a><br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-213, <a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de">sabine.weiler@rwi-essen.de</a></p></div><p><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>.</em><em> Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> </em><em>abrufbar.</em></p>
<p><em>Weiterführende Literatur: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro. Es wurde im Oktober 2023 mit dem „getAbstract-International Book Award 2023“ in der Kategorie Business Impact ausgezeichnet. Das Unternehmen getAbstract hat sich auf die Zusammenfassungen von Wirtschaftsbüchern und Klassikern der Weltliteratur spezialisiert und vergibt seine Awards jährlich im Rahmen der Frankfurter Buchmesse.</em></p>
<p><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter </em><a href="mailto:presse@rwi-essen.de"><em>presse@rwi-essen.de</em></a>.<em> Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2024</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <guid isPermaLink="false">news-1982</guid>
                        <pubDate>Tue, 26 Mar 2024 15:26:00 +0100</pubDate>
                        <title>Warum mehr potenzielle Organspender nicht zwingend mehr tatsächliche Organspenden bewirken</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/warum-mehr-potenzielle-organspender-nicht-zwingend-mehr-tatsaechliche-organspenden-bewirken
                                            
                                    
                            
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                        <description>Vor wenigen Tagen wurde das digitale Organspende-Register eingerichtet. Es soll dazu beitragen, die Zahl der Organtransplantationen zu erhöhen. Die Unstatistik des Monats März ist in diesem Zusammenhang die in der FAZ abgedruckte Aussage des Bundesgesundheitsministers Karl Lauterbach, „dass wir langfristig die Zahl der Organspenden nur erhöhen können, indem wir die Widerspruchslösung einführen“. Denn das Problem lässt sich längst nicht so einfach lösen.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Zwei neuere wissenschaftliche Studien zeigen, dass das Problem nicht durch eine Widerspruchslösung behoben werden kann. Diese erhöht zwar die Anzahl der potenziellen Organspender, nicht aber die Anzahl der tatsächlichen Spender. Eine <a href="https://www.kidney-international.org/article/S0085-2538(19)30185-1/fulltext" target="_blank" rel="noreferrer">in der Fachzeitschrift „kidney International“ veröffentlichte Studie</a> britischer Wissenschaftler verglich 17 OECD-Länder mit Widerspruchslösung mit 18 OECD-Ländern mit Zustimmungsregel. Es gab keinen statistisch bedeutsamen Unterschied im Anteil der tatsächlichen Organspender. Die Länder mit Widerspruchslösung hatten aber weniger<em> </em>Spenden von lebenden Personen.</p>
<p>Eine <a href="https://www.rr23.mpib-berlin.mpg.de/85212/do-organ-donations-increase-after-the-switch-to-opt-out-default" target="_blank" rel="noreferrer">Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung</a> analysierte fünf Länder, die von einer Zustimmungsregel auf eine Widerspruchsregel umstellten (Argentinien, Chile, Schweden, Uruguay und Wales). Der Wechsel führte zwar zu einem Anstieg der potenziellen Spender, nicht aber zu einem Anstieg der tatsächlichen Organspender.</p>
<p><strong>Spanien: Mehr Organspenden durch gezielte strukturelle Änderungen</strong></p>
<p>Auch das Beispiel Spanien zeigt, dass das Problem vielmehr in der Struktur liegt: Spanien hat die beste Infrastruktur für Organ-Transplantation und die höchste Rate von tatsächlichen Spendern. Ursprünglich hatte es eine Widerspruchslösung, die die Organspenden jedoch nicht erhöhte. Erst als die Regierung gezielte strukturelle Änderungen einführte, stiegen die Spenden deutlich an, wie eine <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1432-2277.2003.tb00233.x" target="_blank" rel="noreferrer">Studie zum spanischen Modell der Organspende</a> zeigt. Zu diesen Änderungen gehören hinreichende finanzielle Anreize für Krankenhäuser, damit diese die notwendige Infrastruktur bereitstellen, ein Transplantations-Netzwerk welches den Ablauf effektiv organisiert, Bildungsprogramme und die Schulung von Koordinatoren, die sich Zeit nehmen, um mit den Angehörigen sprechen – denn es ist die Familie, die am Ende meist die Entscheidung trifft.</p>
<p>Dass das Problem nicht schlicht in der Anzahl potenzieller Spender liegt, sondern in der Struktur, sieht man auch an der relativ hohen Anzahl von potenziellen Spenderinnen und Spendern in Deutschland. Häufig wird damit argumentiert, dass viele Menschen eigentlich spenden wollten, aber niemand davon erfährt. So standen im Jahr 2023 knapp 8.400 Menschen auf der Warteliste, aber nur 965 Menschen haben nach ihrem Tod 2.877 Organe gespendet. Die Frage ist nun, ob sich diese Situation deutlich verbessern lässt, indem mehr Menschen einer Organspende zustimmen bzw. diese explizit ablehnen müssen.</p>
<p>Laut einer Befragung im Rahmen der Kampagne <a href="https://www.organspende-info.de/zahlen-und-fakten/einstellungen-und-wissen/" target="_blank" rel="noreferrer">„Organspende – Die Entscheidung zählt!“</a> der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) haben 44 Prozent der Befragten ihre Entscheidung in Sachen Organspende dokumentiert, darunter 40 Prozent mit einem Organspendeausweis. 44 Prozent der Befragten stimmen der Organspende explizit zu. Nur 8 Prozent lehnten die Organspende ab.</p>
<p><img alt data-alt-override="true" data-htmlarea-file-table="sys_file" data-htmlarea-file-uid="11474" data-title-override="true" src="/fileadmin/user_upload/RWI/Presse/Unstatistik/240326_Unstatistik_Abbildung.png" style width="207" height="365" class="rte_imagepresent">&nbsp;</p>
<p><strong>Umstellung auf Widerspruchsregelung führt nicht automatisch zu mehr Organspenden</strong></p>
<p>Wenn die BZgA-Studie verallgemeinert werden kann, dann hätten 40 Prozent der Menschen in Deutschland einen Organspendeausweis. Dies ergibt Millionen von potenziellen Spendern, auch wenn diese nicht alle in einem Jahr sterben. Also liegt das Problem nicht in der Anzahl von potenziellen, sondern von tatsächlichen Spenderinnen und Spendern. Nötig sind strukturelle Reformen, die es ermöglichen, potenzielle Spender auch in tatsächliche Spender umzusetzen. Wenn alle Menschen eine Entscheidung treffen müssen, wird dagegen nur die Anzahl der potenziellen Spender erhöht.</p>
<p>Die Vorstellung, dass man einfach durch eine Änderung des „Defaults“ (also des Standardvorgehens, hier: das Ersetzen einer Zustimmungsregel durch eine Widerspruchsregel) gesellschaftliche Probleme lösen kann, kommt aus dem „Nudging“-Ansatz. Dieser Ansatz arbeitet mit Anreizen und vermutet die Ursachen von Problemen in der Unzulänglichkeit der Bürger (hier in deren Bequemlichkeit). Dass die wirklichen Ursachen ganz woanders liegen könnten, wird ausgeblendet.</p>
<p>Solange man keine Reform wie in Spanien durchführt, wird es für die 8.400 Menschen auf der Warteliste wohl nicht genügend Organe geben, selbst wenn alle Menschen in Deutschland ab 16 Jahren eine klare Entscheidung pro oder contra Organspende treffen müssten. Um diesen Menschen zu helfen, müssten vielmehr strukturelle Änderungen vorgenommen werden, die teuer sind – und weit weniger populär.</p><div class="well"><p><strong>Ihr/e Ansprechpartner/in dazu:</strong></p>
<p>Katharina Schüller (STAT-UP), Tel.: (089) 34077-447<br> Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Tel.: (030) 805 88 519 &nbsp;<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-213, <a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de">sabine.weiler@rwi-essen.de</a></p></div><p><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>.</em><em> Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em><a href="http://www.data-literacy-charta.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em>abrufbar.</em></p>
<p><em>Weiterführende Literatur: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro. Es wurde im Oktober 2023 mit dem „getAbstract-International Book Award 2023“ in der Kategorie Business Impact ausgezeichnet. Das Unternehmen getAbstract hat sich auf die Zusammenfassungen von Wirtschaftsbüchern und Klassikern der Weltliteratur spezialisiert und vergibt seine Awards jährlich im Rahmen der Frankfurter Buchmesse.</em></p>
<p><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter </em><a href="mailto:presse@rwi-essen.de"><em>presse@rwi-essen.de</em></a>.<em> Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2024</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <guid isPermaLink="false">news-1939</guid>
                        <pubDate>Wed, 28 Feb 2024 11:30:00 +0100</pubDate>
                        <title>Statistisches Phänomen: Signifikante Nebenwirkungen von Corona-Impfungen wohl seltener als in Studie ermittelt</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/statistisches-phaenomen-signifikante-nebenwirkungen-von-corona-impfungen-wohl-seltener-als-in-studie-ermittelt
                                            
                                    
                            
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                        <description>Seit Beginn der Corona-Impfkampagnen wird intensiv über mögliche Nebenwirkungen dieser Impfungen diskutiert. Eine neue, groß angelegte Studie, über die unter anderem von focus.de („99 Millionen Menschen analysiert - Riesen-Studie zeigt die häufigsten Nebenwirkungen der Corona-Impfung“) und in dem Gesundheitsmagazin FITBOOK („Bisher größte Studie zu Corona-Impfungen identifiziert mögliche Folgeerkrankungen“) berichtet wurde, hat nun das Risiko unerwünschter Nebenwirkungen der Corona-Impfungen genauer untersucht und herausgefunden, dass die Impfung das Risiko für das Auftreten von Autoimmunkrankheiten (das Guillain-Barré-Syndrom, eine seltene Autoimmunkrankheit, bei der das Immunsystem des Menschen die eigenen Nervenzellen zerstört und disseminierte Enzephalomyelitis), Venensinusthrombosen und Herzmuskelentzündungen (Perikarditis, Myokarditis) signifikant erhöht.

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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Was genau hat die Studie gemacht? Die Autoren haben im Rahmen eine Kohortenstudie von mehr als 99 Millionen Personen aus 10 Regionen in 8 Ländern das erwartete Risiko von 13 neurologischen, hämatologischen und kardialen Erkrankungen in der Zeit vor der Corona-Pandemie ermittelt und diese mit dem beobachteten Aufkommen dieser Erkrankung nach den COVID-19-Impfkampagnen verglichen und daraus das sogenannte OE-Verhältnis, also die Relation zwischen beobachteten ("Observed") und erwarteten ("Expected") Werten berechnet. Die Wissenschaftler konzentrierten sich dabei auf die drei am häufigsten verabreichten Impfstoffe von Pfizer/BioNTech, Moderna und AstraZeneca. Alle OE-Werte über 1,5 wurden dann als Signale für mögliche unerwünschte Wirkungen der COVID-19-Impfstoffe gewertet.&nbsp; Von den insgesamt 143 statistischen Tests, die die Autoren durchführten, waren die empirischen OE-Werte in 12 Tests statistisch signifikant höher als 1,5. Für den Impfstoff von AstraZeneca fanden die Autoren ein fast 7-fach erhöhtes Risiko für das Auftreten einer Perikarditis bei der dritten Impfung.</p>
<p><strong>Es ist sehr wahrscheinlich, dass Ergebnisse in Studie fälschlicherweise als signifikant deklariert werden</strong></p>
<p>Was ist das Problem der Studie? Das Problem der Studie liegt in dem in der Statistik seit langem bekannten Phänomen, dass bei multiplen Tests eine Hypothese zu oft verworfen wird. Bei ihren insgesamt 143 Tests verwenden die Autoren eine Irrtumswahrscheinlichkeit von fünf Prozent, d.h. sie irren sich nur in fünf Prozent der Fälle, wenn sie behaupten, dass der wahre OE-Wert größer als 1,5 ist (und in Wahrheit kein Effekt vorliegt). Selbst wenn die Corona-Impfung keine Nebenwirkungen hätte, würde man also bei 143 Tests etwa 7 signifikante Testergebnisse erwarten, bei denen die Hypothese „OE-Wert ist kleiner als 1,5“ fälschlicherweise verworfen wird. Die Problematik der Studie kann auch anhand des folgenden Beispiels verdeutlicht werden: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein statistisch signifikantes Ergebnis auch sachlich signifikant ist, entspricht der Wahrscheinlichkeit, bei einem 20-seitigen Würfel keine 1 zu würfeln. Das klingt zunächst beruhigend. Wenn nun aber nicht nur ein Würfel geworfen wird, sondern 100 (weil entweder 100 Wissenschaftler jeweils eine Hypothese testen oder ein Wissenschaftler 100 Hypothesen), dann ist es plötzlich sehr wahrscheinlich, dass dabei fälschlicherweise Ergebnisse als signifikant deklariert werden.</p>
<p>Einer von uns hat mit dieser Erkenntnis einmal nachgewiesen, dass an Börsentagen, an denen geteilt durch sieben der Rest 1 ist (also am 1., 8., 15., 22. Und 29. eines Monats), der deutsche Aktienindex DAX eine signifikant höhere Rendite aufweist als sonst. Wie hat er das gemacht? Er hat Tausende von Tests durchgeführt: Geteilt durch sieben Rest zwei, Rest drei, Rest vier, Geteilt durch acht Rest eins, Rest zwei und so weiter. Wenn man nur genügend Tests durchführt, findet man mit Sicherheit eine signifikante Abweichung. Und das war bei Geteilt durch sieben Rest 1 der Fall.</p>
<p><strong>Unerwünschte Nebenwirkungen sollten beobachtet und weiter untersucht werden </strong></p>
<p>Um das beschriebene Problem der multiplen Tests in den Griff zu bekommen, haben Statistiker mehrere Korrekturmethoden entwickelt. Eine dieser Korrekturen ist die so genannte „Bonferroni-Adjustierung“. Nähert man diese Adjustierung grob an die Ergebnisse der obigen Studie an, so verbleiben noch 8 Tests, bei denen der beobachtete QE-Wert signifikant größer als 1,5 ist.</p>
<p>Fazit: Häufig sind statistisch signifikante Ergebnisse alles andere als sachlich signifikant, insbesondere wenn sehr viele Tests durchgeführt werden. Im Falle der Studie zu den Nebenwirkungen der Corona-Impfung ergeben sich jedoch auch unter Berücksichtigung der Problematik der Mehrfachversuche einige unerwünschte Nebenwirkungen, die beobachtet und weiter untersucht werden sollten. Dabei sind jedoch die Hinweise der Autoren zu berücksichtigen, dass zum einen die Nebenwirkungen nur bei einem sehr kleinen Bruchteil der Corona-Impfungen auftreten und zum anderen die weitaus schwerwiegenderen gesundheitlichen Folgen einer Corona-Infektion den weitaus geringeren gesundheitlichen Risiken der Nebenwirkungen der Impfungen gegenübergestellt werden müssen.</p>
<p>&nbsp;</p><div class="well"><p>Prof. Dr. Thomas K. Bauer (RWI), Tel.: (0201) 8149-264<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-213, <a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de">sabine.weiler@rwi-essen.de</a></p></div><p><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>.</em><em> Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> </em><em>abrufbar.</em></p>
<p><em>Weiterführende Literatur: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro. Es wurde im Oktober 2023 mit dem „getAbstract-International Book Award 2023“ in der Kategorie Business Impact ausgezeichnet. Das Unternehmen getAbstract hat sich auf die Zusammenfassungen von Wirtschaftsbüchern und Klassikern der Weltliteratur spezialisiert und vergibt seine Awards jährlich im Rahmen der Frankfurter Buchmesse.</em></p>
<p><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter </em><a href="mailto:presse@rwi-essen.de"><em>presse@rwi-essen.de</em></a>.<em> Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2024</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Tue, 30 Jan 2024 15:02:00 +0100</pubDate>
                        <title>Deutsche sind die armen Schlucker Europas</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/deutsche-sind-die-armen-schlucker-europas
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>„Schock-Zahlen: Das Vermögen deutscher Haushalte ist im europäischen Vergleich dramatisch niedrig“ und „Arme Schlucker Europas? EU-Vergleich zeigt, wie wenig Vermögen die Deutschen haben“ titelten die „Bild“-Zeitung und der „Focus“ Anfang dieses Jahres. Nicht wenige dürften überrascht sein, titelte der „Focus“ doch noch im Januar 2022 „Rekordwert von fast 7,7 Billionen Euro: Deutsche so reich wie nie zuvor“.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Grundlage dieser Beiträge ist ein von der Europäischen Zentralbank (EZB) vorgenommener <a href="https://www.ecb.europa.eu/press/pr/date/2024/html/ecb.pr240108~ae6f7ef287.de.html" target="_blank" rel="noreferrer">Vergleich der Vermögensbestände und der Vermögensverteilung von Haushalten in der Europäischen Union</a>. Demnach rangierten deutsche Haushalte unter 20 europäischen Ländern mit einem Medianvermögen von 106.000 Euro im Jahr 2023 nur auf Rang 15, knapp vor den Haushalten in Griechenland mit einem Medianvermögen von 97.000 Euro und hinter slowakischen Haushalten mit einem Medianvermögen von 116.000 Euro. Das Medianvermögen bezeichnet die Höhe des Vermögens, bei dem die Hälfte der Menschen im jeweiligen Land darunter und die andere Hälfte darüber liegt. Verwendet man statt dem Medianvermögen das arithmetische Mittel des Vermögens (das im allgemeinen Sprachgebrauch auch gerne als Durchschnittsvermögen bezeichnet wird), liegt Deutschland mit 413.000 Euro auf Rang 9, knapp vor den Niederlanden mit 407.000 Euro und hinter Spanien mit 420.000 Euro. Dass Deutschland beim Durchschnittsvermögen besser abschneidet als beim Medianvermögen, liegt an der vergleichsweisen hohen Vermögensungleichheit in Deutschland, da es in Deutschland viele hohe Vermögen gibt.</p>
<p>Bei solchen internationalen Vermögensvergleichen stellt sich grundsätzlich die Frage, welche Vermögensarten berücksichtigt und wie diese bewertet wurden. Geht es nur um das relativ einfach zu erfassende und zu bewertende Geldvermögen, also Aktien, festverzinsliche Wertpapiere, Bankeinlagen, Bargeld und Ansprüche gegenüber Versicherungen? Oder werden auch andere, insbesondere schwer zu bewertende Vermögensgegenstände berücksichtigt, wie Immobilien, Betriebsvermögen, Kraftfahrzeuge oder Schmuck? Die Meldung des „Focus“ aus dem Jahr 2022 betrachtet jedenfalls nur die Gesamtsumme des in Deutschland von privaten Haushalten gehaltenen Geldvermögens.</p>
<p><strong>Neueste Studie der EZB ist nur sehr eingeschränkt für internationale Vergleiche geeignet </strong></p>
<p>In ihrer neuesten Studie versucht sich die EZB hingegen an der Schätzung der Verteilung der Vermögen unter Verwendung eines vergleichsweise weiten Vermögensbegriffs (so werden beispielsweise auch Immobilien- und Betriebsvermögen berücksichtigt). Dies ist nur durch die Kombination verschiedener Datensätze und mehr oder weniger komplizierte Schätzverfahren möglich, die zwangsläufig auf einer Reihe von Annahmen beruhen. Nicht zuletzt aus diesem Grund weist die EZB explizit darauf hin, dass die Ergebnisse mit einer höheren Unsicherheit behaftet sind als andere Vermögensstatistiken.</p>
<p>Insbesondere ist diese neueste Studie der EZB deswegen nur sehr eingeschränkt für internationale Vergleiche geeignet, da sie Rentenversicherungsansprüche nicht berücksichtigt, die durch Sozialbeiträge der erwerbstätigen Haushalte im Rahmen von Umlagesystemen finanziert werden. Daher wird das Medianeinkommen für Deutschland im Vergleich zu Ländern mit einem kapitalgedeckten Rentenversicherungssystem zu niedrig ausgewiesen. Würde man stattdessen die mit den Rentenbeiträgen erworbenen zukünftigen Rentenansprüche berücksichtigen, würde Deutschland im europäischen Vermögensranking sehr wahrscheinlich einen besseren Platz erreichen. Diese Rentenversicherungsansprüche lassen sich nur sehr schwer berechnen, insbesondere im internationalen Kontext.</p>
<p><strong>Vermögensungleichheit in Deutschland wird tendenziell überschätzt</strong></p>
<p>Wir versuchen hier dennoch einmal eine sehr grobe und mit hoher Unsicherheit behaftete Abschätzung. Im Jahr 2015 summierten sich die gesamten Rentenanwartschaften aus der gesetzlichen Rentenversicherung und der Altersversorgung von Beamten laut <a href="https://www.destatis.de/DE/Methoden/WISTA-Wirtschaft-und-Statistik/2018/02/berechnung-pensions-rentenanwartschafte-022018.pdf?__blob=publicationFile" target="_blank" rel="noreferrer">Schätzung des Statistischen Bundesamts</a> in Deutschland auf insgesamt ca. 8.000 Milliarden Euro. Bei 41 Millionen Haushalten in Deutschland ergeben sich daraus Rentenversicherungsansprüche von rund 195.000 Euro je Haushalt. Fast ein Drittel des durchschnittlichen deutschen Haushaltsvermögens fehlt also in der Rechnung der EZB. Wie würde Deutschland unter Berücksichtigung der Rentenanwartschaften im europäischen Vergleich abschneiden? Diese Frage lässt sich nur beantworten, wenn man ähnliche Berechnungen für alle Länder durchführen würde, da nahezu alle Länder eine Mischung zwischen einem Umlage- und einem Kapitaldeckungsverfahren verfolgen, wobei diese Verfahren sehr unterschiedlich gewichtet werden.</p>
<p>Nicht zuletzt führt die fehlende Berücksichtigung der zukünftigen Rentenansprüche dazu, dass die von der EZB ausgewiesene Vermögensungleichheit in Deutschland tendenziell überschätzt wird. So werden beispielsweise viele nicht versicherungspflichtige Selbständige für ihre Rentenvorsorge hohe Geld- oder auch Immobilienvermögen halten, die im Unterschied zu den Rentenansprüchen aus der gesetzlichen Rentenversicherung von der EZB erfasst werden.</p>
<p>Die von der EZB vorgelegte Studie ist insbesondere aufgrund ihrer innovativen Methodik sehr interessant und liefert neue und politisch relevante Einblicke, vor allem wenn man die zeitliche Entwicklung der Vermögensverteilung innerhalb eines Landes betrachtet. Für einen internationalen Vergleich der Vermögensverteilung ist sie jedoch (noch) nur sehr bedingt geeignet. Ob „Focus“ und „Bild“-Zeitung etwas zurückhaltender mit ihren Schlagzeilen wären, wenn die EZB diese Einschränkungen noch klarer kommunizieren würde, ist zwar nicht garantiert. Trotzdem zeigt dieses Beispiel wieder einmal, dass Bereitsteller von Daten und Statistiken deren Risiken und Nebenwirkungen gar nicht deutlich genug herausstellen können, um Fehlinterpretationen vorzubeugen.</p><div class="well"><p><strong>Ihr/e Ansprechpartner/in dazu:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Thomas K. Bauer (RWI), Tel.: (0201) 8149-264<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-213, <a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de">sabine.weiler@rwi-essen.de</a></p></div><p><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>.</em><em> Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> </em><em>abrufbar.</em></p>
<p><em>Weiterführende Literatur: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro. Es wurde im Oktober 2023 mit dem „getAbstract-International Book Award 2023“ in der Kategorie Business Impact ausgezeichnet. Das Unternehmen getAbstract hat sich auf die Zusammenfassungen von Wirtschaftsbüchern und Klassikern der Weltliteratur spezialisiert und vergibt seine Awards jährlich im Rahmen der Frankfurter Buchmesse.</em></p>
<p><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter </em><a href="mailto:presse@rwi-essen.de"><em>presse@rwi-essen.de</em></a>.<em> Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2024</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Thu, 14 Dec 2023 14:27:00 +0100</pubDate>
                        <title>Pisa-Schock: Nur die Spitze des bildungspolitischen Eisbergs</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/pisa-schock-nur-die-spitze-des-bildungspolitischen-eisbergs
                                            
                                    
                            
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                        <description>Als ob dieses Jahr nicht schon genug schlechte Nachrichten mit sich gebracht hätte, erfasste Deutschland im Dezember ein weiterer Schock: die neuesten Ergebnisse der PISA-Studie der OECD. Demnach haben die Schülerinnen und Schüler in Deutschland im Jahr 2022 noch schlechter abgeschnitten als diejenigen in der ersten PISA-Studie im Jahr 2001. Zur Erinnerung: Damals lagen die Ergebnisse der Fünfzehnjährigen unter dem OECD-Durchschnitt, was den ersten PISA-Schock auslöste. Entsprechend titelte tagesschau.de „Neue PISA-Studie: Deutsche Schüler schneiden so schlecht ab wie nie“. Die der Veröffentlichung nun folgenden Interpretationen und Verbesserungsvorschläge  – bis hin zu Forderungen, aus der PISA-Studie auszusteigen, wie sie beispielsweise bei deutschlandfunk.de geäußert wurde – folgen weitgehend den Mustern, die wir bereits aus früheren Jahren kennen.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Im Unterschied zu früheren Berichterstattungen zu den Ergebnissen der PISA-Studie ist das Medienecho zur neuesten PISA-Studie zumindest aus statistischer Sicht durchaus differenzierter. Während früher insbesondere Ländervergleiche im Zentrum der Berichterstattung standen, die allerdings auf Basis der PISA-Daten äußerst fragwürdig sind, konzentrieren sich die derzeitigen Meldungen überwiegend auf die zeitliche Entwicklung der Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler in Deutschland. Und dabei wurde zumeist richtigerweise auf die sich veränderte Struktur der Schülerschaft hingewiesen, die sich durch die erhebliche Zuwanderung nach Deutschland ergibt (siehe dazu auch unsere <a href="https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/archiv/2013/detail/positive-pisa-studie-mehr-glueck-als-verstand" target="_blank">Unstatistik von Dezember 2013</a>). Auch wurde darüber berichtet, dass im Rahmen der PISA-Studie nur ein eingeschränkter Teil der in der Schule vermittelten Kompetenzen (Lesekompetenz, Mathematik und Naturwissenschaften) erfasst wird und es – zumindest im Ländervergleich – Probleme bei der Stichprobenziehung gibt.</p>
<p><strong>Zugang der Bildungsforschung zu deutschen Bildungsdaten ist stark eingeschränkt </strong></p>
<p>Zur Unstatistik wird diese Berichtserstattung nicht aufgrund fehlerhafter Interpretationen der Ergebnisse der PISA-Studie oder dem nun wieder entfachten Aufschrei nach bildungspolitischen Maßnahmen. Zur Unstatistik wird die Berichterstattung, weil in diesem Zusammenhang über einen relevanten Aspekt nicht berichtet wird: die mangelnde Verfügbarkeit von Daten für die Bildungsforschung, die nicht zuletzt vom <a href="https://www.socialpolitik.de/sites/default/files/2023-11/5_Stellungnahme%20der%20UAG_Bildungsdaten.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">Verein für Socialpolitik</a> kürzlich kritisiert wurde. Ein Beispiel: An allen öffentlichen Schulen Deutschlands werden umfangreiche Schülerindividualdaten im Rahmen administrativer Prozesse erhoben. Zudem werden zahlreiche, teilweise deutschlandweit einheitliche Kompetenztests in verschiedenen Jahrgangsstufen durchgeführt. Mit derartigen Daten ließen sich Rückschlüsse auf Lern- und Kompetenzdefizite von Schülerinnen und Schülern ziehen und besonders unterstützungsbedürftige Schulen identifizieren.</p>
<p>Obwohl es weitgehend unstrittig ist, dass empirische Evidenz zur Wirksamkeit bildungspolitischer Maßnahmen notwendig ist, um das Bildungssystem zu verbessern, ist der Zugang der Wissenschaft zu diesen Daten meist versperrt oder mit hohen Hürden verbunden. Man gewinnt so den Eindruck, dass bildungspolitischen Akteure an aussagekräftigen wissenschaftlichen Evaluationen ihrer Maßnahmen nicht interessiert sind – das Ergebnis könnte ja sein, dass die mit viel Aufwand aufgesetzten Programme keine Wirkung zeigen. Warum sonst muss das Einverständnis der Kultusministerkonferenz (KMK) eingeholt werden, wenn man Vergleiche zwischen Bundesländern durchführen möchte? Vor diesem Hintergrund ist auch die Forderung, an der PISA-Studie nicht mehr teilzunehmen, nicht wirklich hilfreich. Erkenntnisse für eine bessere Bildungspolitik kann man nur über einen Vergleich verschiedener Bildungssysteme oder bildungspolitischer Maßnahmen gewinnen. Die bekannten Mängel der PISA-Studie kann man mit geeigneten statistischen Methoden und einer der Qualität der Daten entsprechenden vorsichtigen Interpretation der Ergebnisse weitgehend in den Griff bekommen.</p>
<p><strong>Bildungsverlaufsregister könnte wirksamere Bildungspolitik ermöglichen</strong></p>
<p>Bessere Bildungspolitik braucht eine bessere Evidenz zur Wirksamkeit bildungspolitischer Maßnahmen (siehe hierzu unter anderem die <a href="https://www.leopoldina.org/themen/evidenzbasierte-politikgestaltung/politikgestaltung-22/" target="_blank" rel="noreferrer">Initiative der Leopoldina zur evidenzbasierten Politik</a>). Und diese hängt wiederum von besseren Daten und einem verbesserten Zugang zu diesen Daten ab. So fordert der Verein für Socialpolitik beispielsweise den <a href="https://www.socialpolitik.de/sites/default/files/2023-11/5_Stellungnahme%20der%20UAG_Bildungsdaten.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">Aufbau eines Bildungsverlaufsregisters über alle Stufen der formalen Bildung</a>. Andere europäische Länder zeigen, dass der Aufbau eines solchen Registers aus existierenden Daten möglich ist und der Zugang zu diesem Register für die Wissenschaft datenschutzkonform realisiert werden kann. Es wird Zeit, dass Deutschland in Sachen Bildungsforschung mit anderen Ländern aufschließt und der Wissenschaft ermöglicht, wichtige Impulse für die Verbesserung des deutschen Bildungssystems zu geben.</p>
<p>Das Unstatistik-Team wünscht schöne Feiertage.</p><div class="well"><p><strong>Ihr/e Ansprechpartner/in dazu:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Thomas K. Bauer (RWI), Tel.: (0201) 8149-264<br> Dr. Friederike Hertweck (RWI), Tel.: (0201) 8149-255<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-213, <a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de">sabine.weiler@rwi-essen.de</a></p>
<p><strong>Anmerkung:</strong> Unser Dank geht an Dr. Friederike Hertweck (RWI). Sie hatte die Idee, vor dem Hintergrund der PISA-Ergebnisse auf die mangelnde wissenschaftliche Verwertbarkeit deutscher Bildungsdaten hinzuweisen und ist Ko-Autorin dieses Unstatistik-Textes.</p></div><p><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>.</em><em> Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> </em><em>abrufbar.</em></p>
<p><em>Weiterführende Literatur: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro. Es wurde im Oktober 2023 mit dem „getAbstract-International Book Award 2023“ in der Kategorie Business Impact ausgezeichnet. Das Unternehmen getAbstract hat sich auf die Zusammenfassungen von Wirtschaftsbüchern und Klassikern der Weltliteratur spezialisiert und vergibt seine Awards jährlich im Rahmen der Frankfurter Buchmesse.</em></p>
<p><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter </em><a href="mailto:presse@rwi-essen.de"><em>presse@rwi-essen.de</em></a>.<em> Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2023</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Thu, 30 Nov 2023 09:04:00 +0100</pubDate>
                        <title>Antisemitismus – nur ein rechtes Problem?</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/antisemitismus-nur-ein-rechtes-problem
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats November ist eine Meldung verschiedener Medien, die eine deutliche Zunahme judenfeindlicher Gewalt in Deutschland und deren vorwiegend rechte Motivation thematisiert. Auf ihrem X-Account schreibt ZEIT Online unter Bezugnahme auf die eigene Internetseite: „Laut einem Bericht gibt es mehr judenfeindliche Gewalt in Deutschland. Sie kommt vor allem aus dem rechten Spektrum.“ Dabei beruft sich die ZEIT auf einen Bericht aus der Rheinischen Post, der wiederum die Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion an den Bundestag zitiert. Bei ntv heißt es: „Antisemitische Straftaten nehmen sprunghaft zu.“ 80 Prozent davon seien dem rechten Spektrum zuzuordnen. ZDF und Süddeutsche Zeitung legten fast wortgleich nach.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Fakten: Im dritten Quartal 2023 erfassten die Behörden in Deutschland 540 Fälle antisemitischer Straftaten. Um Gewalttaten handelt es sich in 14 Fällen. Im dritten Quartal 2022 gab es nur 306 antisemitische Straftaten, darunter elf Gewaltdelikte.</p>
<p>Es ist seit geraumer Zeit bekannt, dass die Fallzahlen antisemitischer Straftaten, die dem rechten Spektrum zugeordnet werden, systematisch fehlerhaft erfasst werden. Der <a href="https://www.tagesspiegel.de/politik/antisemitische-straftaten-unter-dem-radar-der-polizei-5107207.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Tagesspiegel</a> wies bereits vor Jahren auf den Missstand hin, ungelöste Fälle zur Kategorie „PMK-rechts“ zu zählen, selbst wenn die Kategorie „nicht zuzuordnen“ angemessener wäre. Diese Praxis führt zu einer erheblichen Verzerrung der Statistik und verschleiert die tatsächliche Verbreitung antisemitischer Einstellungen. Dieses Problem bleibt jedoch in sämtlichen aktuellen Meldungen unberücksichtigt. Auch der <a href="https://www.tagesspiegel.de/politik/darunter-gewalttaten-und-propaganda-immer-mehr-antisemitische-straftaten-in-deutschland-10735729.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Tagesspiegel</a> selbst übernimmt die Behauptungen zur Motivlage der Vorfälle diesmal ungeprüft.</p>
<p><strong>Hintergrund politisch motivierter Kriminalität bleibt häufig unbekannt </strong></p>
<p>Die <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/nachrichten/2023/05/pmk2022-factsheets.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=5" target="_blank" rel="noreferrer noopener">vergleichsweise niedrige Aufklärungsquote politisch motivierter Kriminalität insgesamt</a>, die im Jahr 2022 bei knapp 42 Prozent lag, lässt an der Darstellung des Bundesinnenministeriums zweifeln. Besonders deutlich wird dies, wenn man zum Vergleich die <a href="https://www.report-antisemitism.de/annuals/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Jahresberichte des Bundesverbandes der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus e.V. (RIAS)</a> für das Jahr 2022 heranzieht. Dessen Berichterstattung wird vom Bundesinnenministerium (BMI) gefördert. Die Gesamtzahl der Vorfälle ist ähnlich hoch wie diejenige, die behördlich beim BKA erfasst und später ebenfalls durch das BMI veröffentlicht wird. Aber RIAS stellt deutlich heraus, dass ganze 53 Prozent der Straftaten im Jahr 2022 einen unbekannten Hintergrund hatten und 21 Prozent dem verschwörungsideologischen Milieu zuzuordnen waren. Einen rechtsextremen bzw. rechtspopulistischen Hintergrund fand RIAS bei 13 Prozent der antisemitischen Straftaten.</p>
<p>Die <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/nachrichten/2023/05/pmk2022-factsheets.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=5" target="_blank" rel="noreferrer noopener">BMI-Statistik zur politisch motivierten Kriminalität</a> zeigt, dass im Jahr 2022 mit 82,7 Prozent der überwiegende Teil der antisemitischen Straftaten dem rechten Spektrum zugeordnet wurde. Nimmt man an, dass die Aufklärungsquote etwa dem Durchschnitt bei politisch motivierter Kriminalität entspricht, so wurden von insgesamt 2.641 Fällen gut 58 Prozent, also 1.536, nicht aufgeklärt, aber als rechts motivierte Straftaten gezählt. Ohne diese ergeben sich lediglich 649 Fälle, die sicher dem rechten Spektrum zugeordnet werden können – ein Anteil von 24,6 Prozent an der Gesamtzahl. Auch für die Zahlen aus der <a href="https://dserver.bundestag.de/btd/20/092/2009230.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Kleinen Anfrage der Linksfraktion an die Bundesregierung</a>, die von den Medien unkritisch aufgegriffen wurde, reduziert sich der Anteil gesichert rechts motivierter Fälle auf jeweils knapp ein Viertel der Gesamtzahl.</p>
<p><strong>Verzerrte Statistiken behindern Kampf gegen Antisemitismus</strong></p>
<p>Das bedeutet nicht, dass Rechtsextremismus kein wesentliches Motiv antisemitischer Vorfälle ist. Denn auch unter den nicht aufgeklärten Fällen (und nicht zuletzt in der Dunkelziffer) mögen sich zahlreiche finden, deren Täter aus dem rechten Spektrum stammen. Allerdings weist RIAS deutlich darauf hin, dass verschwörungsideologische Motive insbesondere in der Coronapandemie der Haupttreiber judenfeindlicher Straftaten waren. Eine derartige Kategorie taucht in der BMI-Statistik jedoch nach wie vor nicht auf.</p>
<p>Die offizielle Statistik leidet also unter gleich zwei Problemen. Erstens werden Fälle systematisch falsch zugeordnet. Zweitens fehlt eine wichtige Kategorie, um den Hintergrund antisemitischer Vorfälle vollständig richtig einordnen zu können. Beides zusammen verführt dazu, Statistiken zum Werkzeug politischer Narrative zu missbrauchen. Egal welcher politischen Einstellung man sich selbst zuordnet: Dass mit solchen Zahlen eine verzerrte Realität konstruiert wird, birgt die große Gefahr, dass wir blind werden für ein möglicherweise zunehmendes Risiko. Denn mithilfe sozialer Medien und generativer KI verbreiten sich Fake News und damit Verschwörungstheorien heute exponentiell. Wer den drohenden Anstieg judenfeindlicher Einstellungen wirksam bekämpfen will, der darf sich nicht von falschen Statistiken in die Irre führen lassen – oder wie zahlreiche deutsche Medien sogar dazu beitragen, diesen Irrtum zu bestärken.</p><div class="well"><p><strong>Ihre Ansprechpartnerinnen dazu:</strong></p>
<p>Katharina Schüller (STAT-UP), Tel.: (089) 34077-447,<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-213, <a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de">sabine.weiler@rwi-essen.de</a></p></div><p><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a> und unter dem Twitter-Account <a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer">@unstatistik</a>. Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter <a href="http://www.data-literacy-charta.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.data-literacy-charta.de</a> abrufbar.</em></p>
<p><em>Weiterführende Literatur: <a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</a>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro. Es wurde im Oktober 2023 mit dem „getAbstract-International Book Award 2023“ in der Kategorie Business Impact ausgezeichnet. Das Unternehmen getAbstract hat sich auf die Zusammenfassungen von Wirtschaftsbüchern und Klassikern der Weltliteratur spezialisiert und vergibt seine Awards jährlich im Rahmen der Frankfurter Buchmesse.</em></p>
<p><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle <a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">https://www.unstatistik.de</a> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter <a href="mailto:presse@rwi-essen.de">presse@rwi-essen.de</a>. Das Urheberrecht bleibt bestehen. </em></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2023</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                    <item>
                        <guid isPermaLink="false">news-1822</guid>
                        <pubDate>Thu, 26 Oct 2023 13:33:00 +0200</pubDate>
                        <title>Radelt halb Deutschland zur Arbeit?</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/radelt-halb-deutschland-zur-arbeit
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats Oktober ist ein LinkedIn-Beitrag des Bundesministeriums für Digitales und Verkehr (BMDV). Unter der auffälligen Überschrift „45 Prozent fahren mit dem Rad zur Arbeit“ wird eine Grafik gezeigt, die herausstellt, dass das Fahrrad „mehr als nur ein Freizeitspaß“ sei. „Fahrräder und E-Bikes erobern unseren Alltag“, behauptet das BMDV. In der Tat wäre es recht bemerkenswert, wenn trotz der traditionell recht autofreundlichen Politik inzwischen fast halb Deutschland mit dem Rad zur Arbeit führe. </description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Der <a href="https://www.adfc.de/artikel/gute-gruende-fuer-den-arbeitsweg-per-rad" target="_blank" rel="noreferrer">Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC)</a> geht allerdings davon aus, dass nur jeder zehnte Deutsche mit dem Rad zur Arbeit fährt. Auch das Statistische Bundesamt kommt bei der Auswertung des Mikrozensus 2020 zu dem Ergebnis, dass nur 10,5 Prozent aller Berufspendler mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Sind diese Zahlen denn schon so veraltet – und feiert das BMDV etwa einen bislang unbemerkten Erfolg der Ampel-Regierung in Richtung Verkehrswende? Immerhin schreibt das BMDV auf LinkedIn weiter: „Und um noch mehr Menschen für diese nachhaltige Fortbewegung zu begeistern, fördern wir das Fahrradparken an Bahnhöfen! Gemeinsam gestalten wir unseren Alltag klimaneutraler und dynamischer!“</p>
<p>Doch aufgepasst: Ganz so dynamisch gelingt der Umstieg auf das Fahrrad nicht. Das BMDV bezieht sich in seiner Aussage auf einen Bericht des Versicherungsanbieters „Wertgarantie“. In dessen „Fahrrad- und E-Bike-Report“ heißt es: „<a href="https://www.wertgarantie.de/presse/studien/bike/2023" target="_blank" rel="noreferrer">Den Weg zur Arbeit absolvieren 45,1 % mit dem Rad.</a>“ Diese Prozentangabe bezieht sich jedoch keinesfalls auf alle Arbeitnehmer. Befragt wurden lediglich 1.501 „Fahrradfahrende“ und „Pedelec-Fahrende“.</p>
<p><strong>Vorsicht im Straßenverkehr und bei Prozentangaben</strong></p>
<p>Wie regelmäßig diese Befragten ihr Rad nutzen und ob sie täglich, monatlich oder nur wenige Male im Jahr ihren Arbeitsweg auf zwei Rädern zurücklegen, lässt sich dem „Wertgarantie“-Bericht nicht entnehmen. Sören Hirsch, Bereichsleiter Bike von Wertgarantie, betont in einem LinkedIn-Kommentar jedoch klar: „<a href="https://www.linkedin.com/feed/update/urn:li:activity:7121027294734729216?commentUrn=urn%3Ali%3Acomment%3A%28activity%3A7121027294734729216%2C7121119847907741697%29&amp;dashCommentUrn=urn%3Ali%3Afsd_comment%3A%287121119847907741697%2Curn%3Ali%3Aactivity%3A7121027294734729216%29" target="_blank" rel="noreferrer">Unser Interesse [galt] den Fahrrad und E-Bike Fahrenden, die regelmäßig radeln (mindestens einmal wöchentlich).</a>“</p>
<p>Dass unter denjenigen, die mindestens einmal pro Woche ihr Fahrrad benutzen, knapp die Hälfte damit zur Arbeit fährt, ist erfreulich, aber keine Sensation. Bei Prozentangaben sollte die erste Frage deshalb stets lauten: Prozent wovon? Fehlt diese Angabe, sollten bei Ihnen alle Fahrradglocken klingeln.</p><div class="well"><p><strong>Ihr/e Ansprechpartner/in dazu</strong>:&nbsp;</p>
<p>Katharina Schüller (STAT-UP), Tel.: (089) 34077-447&nbsp;<br> Alexander Bartel (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-354, <a href="mailto:alexander.bartel@rwi-essen.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener">alexander.bartel@rwi-essen.de</a>&nbsp;</p>
<p><strong>Anmerkung:</strong> Unser Dank geht an Martin Reinecke, der uns auf den LinkedIn-Beitrag des BMDV aufmerksam gemacht hat.&nbsp;&nbsp;</p>
<p>Link zu seinem LinkedIn-Profil: <a href="https://www.linkedin.com/in/martin-reinecke/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.linkedin.com/in/martin-reinecke/</a>&nbsp;</p></div><p><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">www.unstatistik.de</a> und unter dem Twitter-Account <a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer noopener">@unstatistik</a>. Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter <a href="http://www.data-literacy-charta.de/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">www.data-literacy-charta.de</a> abrufbar.&nbsp;</em></p>
<p><em>Neu erschienen: <a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</a>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro. Es wurde im Oktober 2023 mit dem „getAbstract-International Book Award 2023“ in der Kategorie Business Impact ausgezeichnet. Das Unternehmen getAbstract hat sich auf die Zusammenfassungen von Wirtschaftsbüchern und Klassikern der Weltliteratur spezialisiert und vergibt seine Awards jährlich im Rahmen der Frankfurter Buchmesse.&nbsp;</em></p>
<p><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle <a href="https://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.unstatistik.de</a> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter <a href="mailto:presse@rwi-essen.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener">presse@rwi-essen.de</a>. Das Urheberrecht bleibt bestehen.&nbsp;</em></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2023</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <guid isPermaLink="false">news-1795</guid>
                        <pubDate>Thu, 28 Sep 2023 15:29:51 +0200</pubDate>
                        <title>Brustkrebsfrüherkennung: Was Medien berichten und worüber nicht</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/brustkrebsfrueherkennung-was-medien-berichten-und-worueber-nicht
                                            
                                    
                            
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                        <description>In wenigen Tagen wird die Welt wieder pink, denn es beginnt der Brustkrebsmonat Oktober. Passenderweise gab es in den vergangenen Wochen zwei wichtige neue Nachrichten über Krebs-Früherkennung. Die Erste: Das höchste Gremium der Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen, der Gemeinsame Bundesausschuss, kündigte am 21. September an, die Altersgrenze der kostenlosen Brustkrebsfrüherkennung für gesetzlich Versicherte von 69 auf 75 Jahre anzuheben. Die zweite Nachricht kam von der bisher umfangreichsten Metastudie zu sechs Krebsscreenings mit über 2 Millionen Teilnehmern. Sie wurde am 28. August in JAMA, eine der angesehensten medizinischen Zeitschriften, veröffentlicht. Diese Metastudie fand keinen Hinweis, dass eine Teilnahme am Mammographie-Screening das Leben verlängert. Das gilt auch für Prostatakrebs-Screening mit PSA-Test, Stuhltest und Koloskopie für Darmkrebs und Niedrigdosis-Computertomographie (CT) für Lungenkrebs. Einzig die kleine Darmspiegelung (Sigmoidoskopie) scheint das Leben um etwa 3 Monate zu verlängern.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Wie gehen nun deutsche Medien damit um, wenn einerseits das Mammographie-Screening ausgeweitet wird, doch andererseits die wissenschaftliche Metaanalyse keinen Hinweis findet, dass es Leben verlängert? Man könnte beides berichten und sich dann fragen, warum Wissenschaft kaum zur Kenntnis genommen wird. Über die Metaanalyse war jedoch so gut wie nichts zu hören und lesen. Eine begrenzte Suche über Google, Yahoo und NewsReader für die vergangenen 4 Wochen ergibt 24 Medienberichte über die Ausweitung auf 75 Jahre, aber nur vier über die Metastudie. Letztere waren in der <a href="https://www.aerztezeitung.de/Medizin/Sechs-Krebsscreenings-verglichen-Nur-Sigmoidoskopie-verlaengerte-Lebenszeit--442369.html" target="_blank" rel="noreferrer">ÄrzteZeitung</a>, <a href="https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/145736/Krebsvorsorge-fuehrt-nicht-zu-einem-Anstieg-der-Lebenserwartung-in-der-Bevoelkerung" target="_blank" rel="noreferrer">Ärzteblatt</a>, <a href="https://deutsch.medscape.com/artikelansicht/4912863" target="_blank" rel="noreferrer">Medscape</a> und <a href="https://www.coliquio.de/wissen/onkologie-kompakt-100/screeningverfahren-pruefstand" target="_blank" rel="noreferrer">Onkologie kompakt</a> zu finden, alles medizinische Zeitschriften und Onlineportale, die von der allgemeinen Bevölkerung kaum gelesen werden.</p>
<p><strong>Deutsche Medien erwähnen die Metastudie zu Krebsscreenings kaum</strong></p>
<p>Die 24 Medienberichte über die Ausweitung des Mammographie-Screenings auf 75 Jahre erwähnten die wissenschaftlichen Ergebnisse der Metastudie nicht. Dazu gehört die <a href="https://www.tagesschau.de/inland/regional/saarland/sr-brustkrebs-betrifft-auch-juengere-frauen-welche-vorsorge-angebracht-ist-100.html" target="_blank" rel="noreferrer">tageschau.de</a>, <a href="https://www.ndr.de/nachrichten/info/Mammographie-Screening-kuenftig-fuer-Frauen-bis-75-Jahre,ndrinfo50714.html" target="_blank" rel="noreferrer">NDR</a>, die <a href="https://www.fr.de/panorama/brustkrebsvorsorge-krebs-vorsorge-mammographie-frauen-70-neuerung-aenderung-zr-92474739.html" target="_blank" rel="noreferrer">Frankfurter Rundschau</a>, der <a href="https://www.tagesspiegel.de/gesundheit/fruherkennung-von-brustkrebs-mehr-frauen-haben-anrecht-auf-mammographiescreening-10506010.html" target="_blank" rel="noreferrer">Berliner Tagesspiegel</a>, der <a href="https://www.stern.de/news/brustkrebsvorsorge--mammographie-kuenftig-auch-fuer-70--bis-75-jaehrige-frauen-33847556.html" target="_blank" rel="noreferrer">Stern</a>, <a href="https://www.nwzonline.de/friesland/mammographie-bis-75-kreislandfrauenverband-friesland-engagiert-sich-fuer-ausweitung-des-mammografie-screenings_a_4,0,2490556447.html" target="_blank" rel="noreferrer">NWZ online</a> und die <a href="https://www.saechsische.de/gesundheit/brustkrebs-frueherkennung-sachsen-altersgrenze-fuer-mammografie-wird-angehoben-5911093.html" target="_blank" rel="noreferrer">Sächsische.de</a>. Während sich die deutsche Medienlandschaft weitgehend ausgeschwiegen hat, ist dies in anderen Ländern nicht passiert. Beispielsweise haben der <a href="https://www.theguardian.com/society/2023/aug/28/some-cancer-screening-tests-may-not-extend-lifespans-study-finds" target="_blank" rel="noreferrer">Guardian</a>, <a href="https://edition.cnn.com/2023/08/28/health/cancer-screenings-extend-life-wellness/index.html" target="_blank" rel="noreferrer">CNN</a> und <a href="https://www.abc.net.au/news/health/2023-08-29/cancer-screening-early-detection-longevity/102787350" target="_blank" rel="noreferrer">abc.net.au</a> ausführlich berichtet.</p>
<p>In Deutschland wird mit dem Slogan „Screening rettet Leben“ geworben. Also denkt man, es sei bewiesen, dass man mit Screening länger statt ohne Screening lebt. Dem ist jedoch nicht so – mit der möglichen Ausnahme der kleinen Darmspiegelung. Der Gemeinsame Bundesausschuss behauptet auch nicht, einen Nachweis einer Verlängerung des Lebens durch Mammographie-Screening bei Frauen in irgendeinem Alter zu haben, sondern <a href="https://www.g-ba.de/downloads/40-268-9795/2023-09-21_KFE-RL_Erweiterung-obere-Altersgrenzen-Mammographie_TrG.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">definiert Nutzen lediglich als Verringerung der brustkrebsspezifischen Sterblichkeit</a>. Diese liegt bei Frauen im Alter von 50 bis 69 Jahren bei 1 in je 1.000 Frauen. Aber es ist schon lange bekannt, dass unter jenen, welche zur Früherkennung gehen, zugleich 1 in je 1.000 Frauen mehr mit einer anderen Krebsdiagnose stirbt (oft ist die Todesursache nicht eindeutig zuzuordnen). Also sterben gleich viele Frauen an Krebs (einschließlich Brustkrebs), mit oder ohne Mammographie-Screening. Damit wird klar, warum das Screening kein Leben rettet oder verlängert. Die <a href="https://hardingcenter.de/de/transfer-und-nutzen/faktenboxen/massnahmen-der-krebs-frueherkennung/brustkrebs-frueherkennung-durch-mammographie-screening" target="_blank" rel="noreferrer">Faktenbox des Harding-Zentrums für Risikokompetenz</a> an der Universität Potsdam macht diesen Sachverhalt für jeden einfach verständlich.&nbsp; Diese Erkenntnisse könnte man ehrlich allen Frauen erklären, aber stattdessen werden im Brustkrebsmonat Oktober von Promis rosa Schleifchen, Teddybären und Flamingos verteilt.</p>
<p><strong>Frauen sollten informiert entscheiden können</strong></p>
<p>Der Auftrag der Medien, gerade der öffentlich-rechtlichen, wäre eigentlich, die Bürger über wissenschaftliche Erkenntnisse zu unterrichten, die für ihr Leben wichtig sind. Zugleich berichten sie regelmäßig über neue Screening-Tests für Krebs, selbst wenn keine wissenschaftlichen Studien, sondern nur Geschäftsinteressen vorliegen, wie bei der „Weltsensation Bluttest“ der Universitätsklinik Heidelberg (siehe die „<a href="https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/archiv/2019/detail/weltsensation-bluttest-erkennt-brustkrebs" target="_blank">Unstatistik des Monats“ vom Februar 2019</a>). Krebsscreening ist leider auch zu einem Milliarden-Geschäft mit der Angst vor dieser schrecklichen Erkrankung geworden. Die meisten Medien schweigen sich jedoch über die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus oder nehmen sie gar nicht zur Kenntnis. Frauen und Frauenorganisationen sollten sich das nicht mehr gefallen lassen und auf ihrem Recht bestehen, informiert entscheiden zu können, statt sich unbewusst von kommerziellen Interessen steuern zu lassen.</p>
<p>Wir sind neugierig, welche Medien über diese Unstatistik berichten werden.</p><div class="well"><p><strong>Ihr/e Ansprechpartner/in dazu:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Tel.: (030) 805 88 519<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-213, <a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de">sabine.weiler@rwi-essen.de</a></p></div><p><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>.</em><em> Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> </em><em>abrufbar.</em></p>
<p><em>Neu erschienen: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro.</em></p>
<p><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe „Unstatistik des Monats“ muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter </em><a href="mailto:presse@rwi-essen.de"><em>presse@rwi-essen.de</em></a>.<em> Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Wed, 30 Aug 2023 14:21:00 +0200</pubDate>
                        <title>Der Mythos von den faulen Deutschen</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/der-mythos-von-den-faulen-deutschen
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats August ist die Interpretation einer OECD-Statistik zur durchschnittlichen jährlichen Arbeitszeit in den Industrieländern. Deutschland liegt im Jahr 2022 weit abgeschlagen auf dem letzten Platz. Gerade einmal 1.341 Stunden je Erwerbstätigen wurden geleistet; der OECD-Schnitt lag bei 1.752 Stunden. Mexiko lag mit 2.126 Stunden an der Spitze.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Mit schöner Regelmäßigkeit werden diese Zahlen völlig fehlinterpretiert. Die „Rheinische Post“ schrieb Ende Juli vom „<a href="https://rp-online.de/politik/analyse-und-meinung/meinung-zur-viertagewoche-warum-wir-mehr-arbeiten-muessen_aid-94046875" target="_blank" rel="noreferrer">Mythos der fleißigen Deutschen</a>“, der durch die Statistik „entlarvt“ würde. Schon im März behauptete das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) im „Informationsdienst Wissenschaft“ unter Berufung auf die OECD-Zahlen: „<a href="https://www.iwd.de/artikel/geringe-arbeitszeit-schwaecht-den-standort-deutschland-580258" target="_blank" rel="noreferrer">In der Bundesrepublik wird im Vergleich zu anderen Ländern wenig gearbeitet.</a>“ Die vdi-Nachrichten kommentierten Anfang August: „Keiner arbeitet so wenig wie die Deutschen.“ Doch „<a href="https://www.vdi-nachrichten.com/karriere/work-life-balance/laenger-zu-arbeiten-bedeutet-nicht-zwangslaeufig-mehr-wohlstand/" target="_blank" rel="noreferrer">Länder, in denen Menschen weniger arbeiten, sind in der Regel produktiver und wohlhabender.</a>“</p>
<p>Erst vor wenigen Tagen stellte ein Nutzer auf dem sozialen Netzwerk <a href="https://www.linkedin.com/posts/thierrykneissler_irgendwie-geht-es-nicht-auf-wir-sind-wahnsinnig-activity-7098567507610886145-U4w8" target="_blank" rel="noreferrer">LinkedIn</a> die Frage, warum wir (er bezog sich auf die Schweiz) so wenig arbeiten würden und dennoch so wahnsinnig gestresst seien. In weit über 500 Kommentaren wurde heftig darüber gestritten, ob Schweizer (und Deutsche) gerne jammerten, zu viel sinnfreie Arbeit verrichteten oder es einfach nicht mehr gewohnt seien, lange zu arbeiten.</p>
<p><strong>Zu Hause bleiben – durchschnittliche jährliche Arbeitszeit erhöhen</strong></p>
<p>Alle diese Lesarten übersehen eine wichtige Limitation: Die Statistik umfasst „<a href="https://www.oecd.org/berlin/statistiken/arbeitsstunden.htm" target="_blank" rel="noreferrer">die regulären Arbeitsstunden von Vollzeit-, Teilzeit- und Saisonarbeitskräften, bezahlte und unbezahlte Überstunden sowie die in Nebentätigkeiten geleisteten Stunden</a>“. Deren Anteile variieren von Land zu Land. Bei der Berechnung des Durchschnitts zählt aber ein Erwerbstätiger in Vollzeit genauso viel wie einer, der nur 15 Wochenstunden arbeitet. Die Zahlen sind deshalb nicht für Ländervergleiche geeignet, worauf die OECD auch deutlich hinweist.</p>
<p>Angenommen in einer Partnerschaft arbeitet der Mann 38,5 Wochenstunden an 45 Arbeitswochen, während seine Partnerin nicht erwerbstätig ist. Das ergibt mit 1.732,5 Stunden fast genau den OECD-Schnitt. Nun erhöht der bereits Erwerbstätige seine Arbeitszeit auf 40 Wochenstunden und seine Partnerin nimmt eine Teilzeitbeschäftigung mit 20 Wochenstunden auf. Im Schnitt werden 30 Stunden an 45 Wochen gearbeitet, also etwa die deutschen 1.350 Stunden. Statistisch gesehen ist das weniger, obwohl beide mehr arbeiten. Will Deutschland also den Anschluss&nbsp;an die OECD schaffen, muss einfach nur jeder Teilzeitbeschäftigte ab morgen zu Hause bleiben.</p>
<p>Dies lässt sich leicht zeigen, wenn man Teilzeitquoten und insbesondere die Erwerbstätigkeitsquoten von Frauen in den <a href="https://data.oecd.org/" target="_blank" rel="noreferrer">OECD</a>-Ländern den jeweils durchschnittlichen Jahresarbeitsstunden gegenüberstellt.</p>
<p><img alt data-htmlarea-file-uid="10950" src="/fileadmin/_processed_/8/a/csm_230830_Unstatistik_OECD_Data_29a9343291.jpg" style width="795" height="611" class="rte_imagepresent"></p>
<p>Der Anteil von Frauen in Teilzeit ist immer höher als derjenige der Männer – im OECD-Schnitt um fast 50 Prozent. Zwischen Teilzeitquote und Jahresarbeitsstunden lag im Jahr 2022 die Korrelation bei -0,33. Das heißt: Es gibt einen leicht negativen Zusammenhang zwischen Teilzeitquote und geleisteten Arbeitsstunden. Die Korrelation zwischen dem Anteil erwerbstätiger Frauen und geleisteten Arbeitsstunden ist deutlich stärker; sie liegt bei -0,68. Das bedeutet: Je stärker Frauen am Arbeitsmarkt partizipieren, umso geringer ist die durchschnittliche Zahl der jährlich gearbeiteten Stunden, weil Frauen häufiger in Teilzeit beschäftigt sind.</p>
<p>Es gibt weitere Gründe für die Differenzen, z. B. eine unterschiedliche gesetzliche Mindestanzahl an Urlaubstagen in den jeweiligen Ländern oder eine unzureichende Sozialversicherung, die in manchen Ländern Arbeitnehmer dazu bewegt, auch bei Erkrankung zu arbeiten. Insbesondere die fehlende Gewichtung von Voll- und Teilzeit verzerrt das Ergebnis allerdings massiv.</p>
<p>Eine geringere durchschnittliche Arbeitszeit sagt deshalb nichts über Fleiß oder Faulheit aus. Es kommt vielmehr darauf an, was man in einer Stunde an Wert produziert. Und es kommt auch darauf an, wie man arbeitet: unter fairen und gesunden Arbeitsbedingungen, einer höheren Teilhabe von Frauen am Arbeitsmarkt und einer Bezahlung, die es Arbeitnehmern erlaubt, von ihrem Gehalt zu leben.</p><div class="well"><p><strong>Ihr/e Ansprechpartner/in dazu:</strong></p>
<p class="MsoNoSpacing">Katharina Schüller (STAT-UP), Tel.: (089) 34077-447</p>
<p class="MsoNoSpacing">Alexander Bartel (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-354, <a href="mailto:alexander.bartel@rwi-essen.de">alexander.bartel@rwi-essen.de</a></p></div><p><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>. Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter </em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> abrufbar.</em></small></p>
<p><small><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><small><em>http://www.unstatistik.de</em></small></a></em><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter <a href="mailto:presse@rwi-essen.de">presse@rwi-essen.de</a>. </em></small><small><em>Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></small></p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Thu, 27 Jul 2023 10:18:00 +0200</pubDate>
                        <title>Die dicken Kinder von Hessen</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/die-dicken-kinder-von-hessen
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats Juli ist die von vielen Medien kolportierte starke Zunahme der Fettleibigkeit bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. So titelte bild.de am 5. Juli „Die dicken Kinder von Hessen“, hessenschau.de schrieb „Immer mehr Kinder sind extrem übergewichtig“ und laut der Überschrift einer von Zeit.de übernommenen Meldung der Deutschen Presse-Agentur (dpa) ist der </description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Zeit.de spricht von „einem Zuwachs von fast zwölf Prozent“ an Jungen und Mädchen mit Adipositas zwischen 2019 und 2021 in Thüringen. Die online-Ausgabe der Bild-Zeitung berichtet, dass der Zuwachs in Hessen sogar mehr als 15 Prozent beträgt. Auch hätten die absoluten Zahlen stark übergewichtiger Kinder, diesmal über zehn Jahre gerechnet, dramatisch zugenommen. Zurück gehen die Meldungen auf Auswertungen der Barmer Krankenkasse.</p>
<p>Aber wie viel ist „fast zwölf Prozent“? Laut dem <a href="https://www.barmer.de/resource/blob/1156100/e5c8425259ad58e177b7d5bbf6c8eef8/barmer-arztreport-2023-data.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">„Arztreport 2023“</a> der Barmer Krankenkasse stieg der Anteil adipöser Kinder (d. h. solche mit einem Body-Mass-Index von 30 und mehr) während der Coronazeit in den Jahren 2019 bis 2021 von 3,19&nbsp;% auf 3,55&nbsp;%. Das ist ein absoluter Anstieg um 0,36 Prozentpunkte, also wenig bemerkenswert. Angesichts der durch Bewegungsarmut und ausgefallenen Sportveranstaltungen geprägten Coronajahre könnte man fast von einer erfreulichen Entwicklung sprechen. Immerhin sind selbst über die Coronajahre über 96&nbsp;% aller deutschen Kinder nicht fettleibig geworden.</p>
<p><strong>Aus einem kleinen absoluten Anstieg wird durch die Darstellung in relativen Wachstumsraten und absoluten Zahlen eine große Sache</strong></p>
<p>Bei Zeit Online, bei bild.de und in vielen anderen Medien dagegen wurde wie so oft bei absolut kleinen Risiken vorzugsweise mit relativen Wachstumsraten oder absoluten Zahlen operiert. Der relative Zuwachs adipöser Kinder beträgt, wie man leicht ausrechnen kann, 11,3&nbsp;%.</p>
<p>Vielfach ging man auch noch weiter in die Vergangenheit zurück, dadurch wurden die relativen Wachstumsraten wie auch der absolute Zuwachs der Zahl der adipösen Kinder nochmals größer. Das ist aber aus drei Gründen statistisch unzulässig. Einmal lassen sich die Daten des Arztreports 2011 der Barmer Ersatzkasse, der als Grundlage der langfristigen Vergleiche dient, wegen zwischenzeitlicher Fusionen mit anderen Krankenkassen nicht mit denen des Jahres 2021 vergleichen. Ferner darf angezweifelt werden, ob man aus Kundendaten der Barmer Ersatzkasse überhaupt auf die Gesamtbevölkerung hochrechnen kann. Hier handelt es sich auf keinen Fall um eine Zufallsstichprobe aller Kinder in der Bundesrepublik. Und selbst in diesem Idealfall wäre wegen des unvermeidbaren Zufallsfehlers bei jeder Stichproben-Hochrechnung ein Anstieg um 0,36 Prozentpunkte leicht dem Zufall zuzuschreiben. Und dann hat auch die Anzahl der Kinder und Jugendlichen bis zum Alter von 14 Jahren von 2011 auf 2021 in Deutschland um fast eine Million zugenommen. Allein das erklärt zumindest einen Teil des vielfach beklagten Anstiegs der Anzahl adipöser Kinder.</p>
<p>Wie groß die Angabe einer relativen Wachstumsrate ein faktisch wohl eher kleines Problem macht, zeigt auch die bei Spiegel.de am 21. Juli veröffentlichte Meldung <a href="https://www.spiegel.de/ausland/brexit-zahl-der-abgewiesenen-deutschen-in-grossbritannien-verzehnfacht-a-e7912c9b-0120-4285-8cdd-a6e4065bb6a4" target="_blank" rel="noreferrer">„Zahl der abgewiesenen Deutschen in Großbritannien verzehnfacht“</a>. Demnach ist die Zahl der an der Grenze zurückgewiesenen Bundesbürger nach dem Brexit „massiv“ gestiegen, seit dem Jahr 2019 hat sie sich auf 805 verzehnfacht. Mit durchschnittlich etwas mehr als zwei zurückgewiesenen Bundesbürgern pro Tag dürfte das Problem an der Grenze sich trotzdem in Grenzen halten.</p><div class="well"><p><strong>Ihr/e Ansprechpartner/in dazu:</strong></p>
<p class="x_xxmsonormal">Prof. Dr. Walter Krämer, <a href="mailto:walterk@statistik.uni-dortmund.de">walterk@statistik.uni-dortmund.de</a><br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI), Tel.: 0201/ 8149-213, <a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de">sabine.weiler@rwi-essen.de</a></p></div><p><em>Neu erschienen: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro.</em></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>. Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter </em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> abrufbar.</em></small></span></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><span class="text-muted"><small><em>http://www.unstatistik.de</em></small></span></a></em><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter <a href="mailto:presse@rwi-essen.de">presse@rwi-essen.de</a>. </em></small></span><span class="text-muted"><small><em>Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></small></span></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2023</category>
                            
                        
                        
                            
                        
                    </item>
                
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                        <guid isPermaLink="false">news-1710</guid>
                        <pubDate>Fri, 30 Jun 2023 10:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Der Klimawandel führt zu mehr Frühgeburten</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/der-klimawandel-fuehrt-zu-mehr-fruehgeburten
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats Juni sind Meldungen des ZDF und der FAZ zu einer Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Die in der angesehenen Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlichte Studie verwendet Daten von knapp 26.000 Geburten aus den Sommermonaten Mai bis September der Jahre 1999 bis 2021, die mit Temperaturdaten verknüpft wurden. Die Ergebnisse legen nahe, dass das Risiko von Frühgeburten um 45 Prozent anstieg, wenn die letzten zwei Tage vor der Geburt außergewöhnlich heiß waren, verglichen mit Geburten, denen höchstens ein besonders warmer Tag vorangegangen war. „Außergewöhnlich heiß“ bedeutet dabei, dass die gefühlten Temperaturen höher waren als in 99 Prozent der Fälle. Das dürfte den in der Pressemitteilung genannten 35 Grad entsprechen. Bei der gefühlten Temperatur wird neben der tatsächlich gemessenen Temperatur auch die Luftfeuchtigkeit berücksichtigt.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Wichtige Zusatzinformationen kann man dem <a href="https://www.thelancet.com/cms/10.1016/j.ebiom.2023.104651/attachment/4f7d7555-e32f-47f9-b635-0c3db6338a1e/mmc1.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">Anhang der Studie</a> entnehmen. Insgesamt gab es 2.181 Frühgeburten in den Daten des UKE. Leider schlüsseln die Studienautoren nicht exakt auf, wie viele dieser Frühgeburten an wie vielen Tagen mit durchschnittlichen, heißen oder außergewöhnlich heißen Tagen auftraten.</p>
<p>Die Studie gibt allerdings an, dass 32 Frühgeburten nach zwei aufeinanderfolgenden, außergewöhnlich heißen Tagen auftraten. Dies sind 45 Prozent mehr, als man erwarten würde, wenn es keinen Zusammenhang mit den Temperaturen gäbe, d. h. wenn an den 1 Prozent heißesten Tagen auch 1 Prozent der Frühgeburten stattgefunden hätten. Es geht also in absoluten Zahlen um 10 zusätzliche Frühgeburten in 22 Jahren.</p>
<p>Die folgende Abbildung verdeutlicht diese Zahlenverhältnisse für die Tage, an denen die gefühlte Temperatur unter bzw. mindestens bei 35 Grad lag.</p>
<p><img alt data-alt-override="true" data-htmlarea-file-table="sys_file" data-htmlarea-file-uid="10861" data-title-override="true" src="/fileadmin/_processed_/8/4/csm_230630_Abbildung_Unstatistik_b2d55c924c.png" style width="794" height="288" class="rte_imagepresent"></p>
<p>Das heißt, die Anzahl der Frühgeburten stieg von einer Grundrate von etwa 8,5 Prozent auf 12,3 Prozent an. Also beträgt der absolute Anstieg 3,8 Prozentpunkte. Im Klartext: Nach den 1 Prozent extremen Hitzetagen hatten unter je hundert Schwangeren 3 bis 4 mehr Frauen eine Frühgeburt.</p>
<p><strong>In beiden Meldungen wird relatives mit absolutem Risiko verwechselt</strong></p>
<p>„Der Klimawandel führt zu mehr Frühgeburten“, „bei andauernden Temperaturen von über 35 Grad steige das Risiko auf 45 Prozent“ warnt der <a href="https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/fruehgeburten-hitze-anstieg-klimawandel-studie-100.html" target="_blank" rel="noreferrer">ZDF-Artikel</a>. Der Studie zufolge führe „Hitzestress ausgelöst durch Temperaturen von 30 Grad zu einem 20-prozentigen Anstieg von Frühgeburten, ab 35 Grad ist beinahe jede zweite Schwangere betroffen“. Auch die FAZ schreibt in ihrer Meldung <a href="https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/hitze-fuehrt-vermehrt-zu-fruehgeburten-18996614.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Hitze führt vermehrt zu Frühgeburten“</a>: „Hitzestress von 30 Grad erhöhte das Risiko einer Frühgeburt, also vor der 37. Schwangerschaftswoche, um 20 Prozent; bei Temperaturen von mehr als 35 Grad lag das Risiko sogar bei fast 45 Prozent.“</p>
<p>Da sind ZDF und FAZ wohl die Hitze zu Kopf gestiegen. Ein Anstieg des relativen Risikos um 45 Prozent, wie zumindest an einer Stelle des ZDF-Beitrags richtig formuliert wird, ist kein Anstieg des Risikos auf 45 Prozent. Es bedeutet nicht, dass beinahe jede zweite Schwangere betroffen ist. ZDF und FAZ haben in ihren Meldungen das relative Risiko mit einem absoluten Risiko verwechselt. Es sind 3 bis 4 mehr Schwangere von je hundert, nicht 45 Prozent, wohlgemerkt: nach extremen, seltenen Hitzeereignissen.</p>
<p>Die Aussage, dass laut Studie „in zehn Jahren bei fortschreitender Häufigkeit von heißen Sommertagen bereits jedes 6. Kind in Deutschland zu früh auf die Welt kommt – das wären doppelt so viele Frühgeburten wie heute“, mag zwar von den UKE-Forschern prognostiziert worden sein, führt aber ebenfalls weitgehend in die Irre.</p>
<p>Denn es handelt sich zunächst einmal um bloße Annahmen, wie sich die Sommertemperaturen entwickeln werden. Darüber hinaus wird angenommen, dass sich Schwangere an den möglicherweise häufigeren, heißen Sommertagen in Zukunft nicht ins Kühle zurückziehen. Außerdem kommen von den derzeit gut 8,5 Prozent zu früh geborenen Kindern die allermeisten (65 Prozent) in den letzten 1,5 Monaten vor dem errechneten Geburtstermin zur Welt. Von reif geborenen Kindern unterscheiden sie sich im Hinblick auf Gewicht und Größe nur wenig, auch wenn ihnen wichtige Entwicklungszeit im Mutterleib fehlt. Die hochemotionalen Bilder und Beispielgeschichten, die das ZDF in seinem Beitrag verwendet, bilden jedenfalls nicht die Gruppe der späten Frühgeborenen ab, sondern schüren Angst und Panik.</p>
<p><strong>Angaben zum relativen Risiko klingen oft unnötig dramatisch</strong></p>
<p>Leider ist das UKE an dieser dramatisierenden Berichterstattung nicht ganz unschuldig. In der <a href="https://www.uke.de/allgemein/presse/pressemitteilungen/detailseite_137472.html" target="_blank" rel="noreferrer">Pressemitteilung</a> wird der Effekt der Hitze nur als relative Zahl (45 Prozent mehr) und nicht als absoluter Anstieg (3 bis 4 von je 100 Frauen mehr) berichtet. Relative Risiken sind große Zahlen und machen unnötige Angst, absolute Risiken sind kleine Zahlen und helfen, das tatsächliche Risiko zu verstehen.</p>
<p>Der <a href="https://www.adm-ev.de/2023/06/19/adm-fordert-zum-wiederholten-male-umfaenglich-und-korrekt-ueber-die-entstehung-und-aussagekraft-von-umfrageergebnissen-zu-informieren/" target="_blank" rel="noreferrer">Arbeitskreis Deutscher Markt- und Sozialforschungsinstitute e. V. (ADM)</a> schrieb erst kürzlich: „Die Verantwortung für eine korrekte Kommunikation liegt bei denjenigen, die die Ergebnisse veröffentlichen. Gleichzeitig sollten die Medien die Ergebnisse kritisch hinterfragen und sich über ihre Entstehung informieren, insbesondere wenn eine große öffentliche Aufmerksamkeit vermutet wird oder es sich um kontroverse Themen handelt. Dies erfordert natürlich ein hohes Maß an Datenkompetenz. Wenn es Zweifel an der Aussagekraft einer Studie gibt, muss von einer weiteren Verbreitung abgesehen werden.“</p>
<p>Wir haben schon vielfach darauf hingewiesen, dass absolute Risiken helfen können, das wirkliche Ausmaß einer Gefahr zu verstehen. Relative Risiken hingegen sind Nebelkerzen; sie dienen in den meisten Fällen vor allem der Sensationslust. Es ist sicher richtig, Schwangere darauf hinzuweisen, dass sie sich bei Hitze schonen sollten. Aber es ist manipulativ und verantwortungslos, dies mit derart falscher Dramatik zu tun.</p><div class="well"><p><strong>Ihre Ansprechpartnerinnen dazu:</strong></p>
<p class="x_xxmsonormal">Katharina Schüller (STAT-UP), Tel.: (089) 34077-447<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI), Tel.: 0201/ 8149-213, <a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de">sabine.weiler@rwi-essen.de</a></p></div><p><em>Neu erschienen: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro.</em></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>. Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter </em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> abrufbar.</em></small></span></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><span class="text-muted"><small><em>http://www.unstatistik.de</em></small></span></a></em><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter <a href="mailto:presse@rwi-essen.de">presse@rwi-essen.de</a>. </em></small></span><span class="text-muted"><small><em>Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></small></span></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2023</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Tue, 30 May 2023 09:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Der Gardasee ist halb leer</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/der-gardasee-ist-halb-leer
                                            
                                    
                            
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                        <description>„Beliebtes Urlaubsziel fällt trocken: Gardasee nur noch zu 38 Prozent gefüllt“, alarmierte uns der Stern und befürchtete: „Drohen Duschverbote und leere Pools?“ Das RedaktionsNetzwerk Deutschland meldete: „Der Gardasee, das größte Wasserreservoir Italiens, ist bei nur noch 35 Prozent seiner Speicherkapazität angelangt.“ Ähnlich berichtete auch das Handelsblatt: „Der Gardasee führt so wenig Wasser wie seit 70 Jahren nicht mehr. Laut neuesten Satellitenaufnahmen erreicht er nur um die 40 Prozent seines Fassungsvermögens.“ (2. Mai, 2023, S. 14) „Merkur.de“ zeigte sogar Satellitenbilder, die den dramatischen Rückgang des Wassers demonstrieren sollten – und die Kronen Zeitung warnte: „Dramatisches Video zeigt austrocknenden Gardasee.“</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Was ist mit dem schönen Gardasee geschehen? Wie soll man noch baden gehen, wenn der See nur noch weniger als die Hälfte des Wassers hat und man anscheinend von Sirmione bis Riva del Garda in einen leeren Abgrund blickt? Verschiedene Medien haben versucht, die Ursachen zu finden: zu wenig Regen, kaum Schneereserven, ein ungewöhnlich trockener und warmer Winter – und dann die Klimakrise. All dies ist richtig, aber wie sollen diese Faktoren den Gardasee innerhalb kürzester Zeit zur Hälfte entleeren?</p>
<p>Trotz aller Aufregung in der deutschsprachigen Medienwelt berichteten die Gäste am Gardasee Vorort von einem wunderschönen Urlaub. Auch auf den Satellitenbildern können wir beim besten Willen keinen Unterschied im Wasserstand zwischen diesem und dem vergangenen Jahr erkennen. Wo liegt hier das Problem? Die Antwort: in der Zahlenblindheit mancher Medien.&nbsp;</p>
<p><strong>Leicht zu verwechseln: die Referenzklasse</strong></p>
<p>Woher kommen also die Absenkungen über 38 Prozent, 40 Prozent oder die Halbierung des Wasserstands? Merkur.de meldete beispielsweise am 21. April, dass sich der Wasserstand des Gardasees halbiert habe – von 99 Zentimetern Mitte März 2022 auf 46 Zentimeter Mitte März 2023. Der Wasserstand wird an einem Pegel in Peschiera gemessen und misst die Höhe des Wasserspiegels über dem Pegelnullpunkt. Diese Höhe ist aber nicht die Wassertiefe des Sees, sondern ein willkürlicher Wert an der Messlatte, der in der Regel leicht unter dem niedrigsten Wasserstand über viele Jahre hinweg angesetzt wird. Der Gardasee ist an der tiefsten Stelle 346 Meter tief und hat eine Durchschnittstiefe von etwa 135 Metern. Zudem wird er künstlich reguliert. Das Ablassen von Wasser wird gestoppt, sobald der Nullpunkt erreicht wird.</p>
<p>Wie kann man den Sachverhalt richtig und ohne Aufmerksamkeits-Hype darstellen? Etwa so: Im Vergleich zum Vorjahr war Mitte März 2023 der Wasserstand des Gardasees 53 Zentimeter niedriger. Also 53 Zentimeter von etwa 135 Metern – nicht die Hälfte des Fassungsvermögens des Sees oder gar mehr. Hinzu kommt, dass der Pegelstand stark über das Jahr hinweg schwankt. Zudem lag er am 22. Mai 2023 auch schon wieder bei 80 Zentimetern – mit steigender Tendenz. Der Pegelstand schwankt überdies stark von Jahr zu Jahr. Am 15. Mai 2007 lag er beispielsweise ebenfalls bei 46 Zentimetern, wie in der derzeit alarmierenden Meldung. Zehn Jahre später, am 15. Mai 2017, lag er dann bei 107 Zentimetern. Jede Veränderung muss man gegen die natürlichen Schwankungen abwägen.</p>
<p>Die Geschichten über den halb leeren Gardasee folgen einem weit verbreiteten Fehler in der Kommunikation. Eine absolute Veränderung (der Wasserstand im Gardasee ist 53 Zentimeter niedriger) wird unnötigerweise in Prozent kommuniziert (ca. 50 Prozent weniger) und damit wird es leicht, die Referenzklasse zu verwechseln, auf die sich die Prozentangabe bezieht. Und diese ist eben nicht das Fassungsvermögen des Gardasees, sondern der Pegelnullpunkt an der Messlatte. Mit „53 Zentimeter weniger“ hätte man wohl auch nicht die große Aufmerksamkeit und Aufregung erzeugen können, die die Nachricht vom halb leeren Gardasee erzeugte. Zahlenblind zu sein, kann also gut für das Geschäft sein, solange die Leser es auch sind.</p>
<p>Viele Medien warnen uns vor Fake-News. Manche produzieren diese allerdings gleich selbst, ohne es zu bemerken. Denken mit Zahlen sollte endlich Teil der Allgemeinbildung werden.</p><div class="well"><p><strong>Ihre Ansprechpartner dazu:</strong></p>
<p class="x_xxmsonormal">Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Tel.: (030) 805 88 519<br> Alexander Bartel (Kommunikation RWI), Tel.: 0201/ 8149-354, <a href="mailto:alexander.bartel@rwi-essen.de">alexander.bartel@rwi-essen.de</a></p></div><p><em>Neu erschienen: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro.</em></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>. Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter </em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> abrufbar.</em></small></span></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><span class="text-muted"><small><em>http://www.unstatistik.de</em></small></span></a></em><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter <a href="mailto:presse@rwi-essen.de">presse@rwi-essen.de</a>. </em></small></span><span class="text-muted"><small><em>Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></small></span></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2023</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Thu, 27 Apr 2023 09:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>E-Bike-Fahren senkt Herzinfarktrisiko um 40 Prozent</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/e-bike-fahren-senkt-herzinfarktrisiko-um-40-prozent
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats April ist die Berichterstattung über eine Studie der Medizinischen Hochschule Hannover zu den Auswirkungen des regelmäßigen Radelns mit einem E-Bike („Impact of electrically assisted bicycles on physical activity and traffic accident risk: a prospective observational study“). Das Risiko eines Herzinfarktes reduziere sich dadurch um 40 Prozent, berichtete beispielsweise die „Frankfurter Rundschau“ („Sportmediziner überrascht: E-Bike fahren reduziert Herzinfarktrisiko fast um die Hälfte“) am 3. April, „Regelmäßiges E-Bike-Fahren senkt das Herzinfarkt-Risiko“, schrieb auch die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“. </description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Hierzu sind zwei Dinge klarzustellen: Erstens ist in der zitierten Studie von einer Senkung des Herzinfarktrisikos keine Rede. Es ging den Autoren einzig um einen Vergleich der körperlichen Belastung beim E-Bike-Fahren mit normalem Radeln, sowie um das Risiko von Verkehrsunfällen. Die Studie kommt zu dem wenig verblüffenden Ergebnis, dass Nutzer von E-Bikes etwas seltener die von der Weltgesundheitsorgansatin angemahnten 150 Minuten von „moderate to vigorous physical activity“ pro Woche erreichen, selbst wenn man berücksichtigt, dass die Nutzerinnen und Nutzer von E-Bikes älter sind und im Durchschnitt in einem schlechteren Gesundheitszustand als Nicht-E-Bike-Nutzer. Aber im Großen und Ganzen seien die Gesundheitskonsequenzen durchaus ähnlich. Die 40-Prozent-Reduktion des Herzinfarktrisikos für E-Bike-Fahrer resultiert offenbar aus einer Nebenbemerkung eines der Studienautoren in einem <a href="https://www.spiegel.de/gesundheit/e-bike-studie-taegliches-fahren-senkt-das-herzinfarktrisiko-um-40-prozent-a-b34b84ea-f115-4302-88ca-d0f93e4d8f3c" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Spiegel-Interview</a> zu Radfahren und Herzinfarkt ganz allgemein.</p>
<p><strong>Angaben zur Risikoreduktion sind nur mit Angabe von Alter oder Zeitraum sinnvoll</strong></p>
<p>Diese viel kolportierten 40 Prozent gelten also nicht nur für E-Bike-Fahrer oder heben diese, wie von den Medien insinuiert, sogar positiv von normalen Radlern ab. Darüber hinaus sind sie noch aus einem zweiten Grund sehr missverständlich: Dergleichen Risikoreduktionen ergeben ohne Angabe eines Alters oder eines Zeitraums keinen Sinn. An irgendetwas stirbt jeder Mensch, und sollte das Radfahren tatsächlich das lebenslange Risiko eines Herzinfarktes um 40 Prozent reduzieren, stiege damit die Wahrscheinlichkeit für einen Tod etwa durch Krebs dramatisch an. Das hört vermutlich kein Radfahrer gern. Gemeint war wohl: in jeder Altersgruppe sinkt das Herzinfarktrisiko um 40 Prozent. Irgendwann sterben dann vielleicht genauso viele Menschen wie immer am Herzkreislaufkrankheiten aller Art (aktuell rund ein Drittel aller Todesfälle), aber eben nicht so früh.</p><div class="well"><p><strong>Ihre Ansprechpartner/in dazu:</strong></p>
<p class="x_xxmsonormal">Prof. Dr. Walter Krämer, <a href="mailto:walterk@statistik.uni-dortmund.de" target="_blank" rel="noopener noreferrer">walterk@statistik.uni-dortmund.de</a><br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI), Tel.: 0201/ 8149-213, <a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de" target="_blank" rel="noopener noreferrer">sabine.weiler@rwi-essen.de</a></p></div><p><em>Neu erschienen: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro.</em></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>. Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter </em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> abrufbar.</em></small></span></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><span class="text-muted"><small><em>http://www.unstatistik.de</em></small></span></a></em><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter <a href="mailto:presse@rwi-essen.de">presse@rwi-essen.de</a>. </em></small></span><span class="text-muted"><small><em>Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></small></span></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2023</category>
                            
                        
                        
                            
                        
                    </item>
                
                    <item>
                        <guid isPermaLink="false">news-1620</guid>
                        <pubDate>Thu, 30 Mar 2023 11:04:00 +0200</pubDate>
                        <title>Skoda-Fahrer sind am klügsten</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/skoda-fahrer-sind-am-kluegsten
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats ist eine Studie des britischen Vergleichsportals „Scrap Car“ für Gebrauchtwagen, nach der die Automarke, die Antriebsart eines Autos oder dessen Farbe viel über Intelligenz des Fahrers verraten sollen. </description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Darüber berichteten unter anderem <a href="https://www.sueddeutsche.de/panorama/automarken-fahrer-intelligenzquotient-bmw-skoda-1.5769402" target="_blank" rel="noreferrer">sueddeutsche.de</a>, <a href="https://www.autobild.de/artikel/auto-marke-iq-intelligenz-motor-antrieb-e-auto-22596383.html" target="_blank" rel="noreferrer">autobild.de</a> und <a href="https://www.t-online.de/auto/recht-und-verkehr/id_100138420/intelligenz-am-steuer-fahrer-dieser-automarken-sind-am-schlausten.html" target="_blank" rel="noreferrer">t-online.de</a>. Nach den Ergebnissen dieser Studien haben Skoda-Fahrer den höchsten Intelligenzquotienten, gefolgt von Besitzern von Autos der Marken Suzuki und Peugeot. Am dümmsten sind Fahrerinnen und Fahrer der Marken BMW, Fiat und Land Rover. Auch von der Farbe und der Antriebsart eines Autos könne man Rückschlüsse auf die Intelligenz der Fahrer ziehen: Weiße und graue sowie benzingetriebene PKWs haben relativ schlaue Fahrer. Ist das Auto hingegen silbern oder grün oder ein Elektrofahrzeug, ist der Fahrer vergleichsweise dumm. Und wenn Sie sich ihr Kennzeichen personalisieren lassen, sind Sie ebenfalls eher dumm.</p>
<p>Was wurde in der Studie gemacht? Das Vergleichsportal hat 2.024 Autofahrer in Großbritannien nach den Eigenschaften ihres Fahrzeugs befragen lassen. Darüber hinaus haben die Teilnehmer einen kurzen Intelligenzquotienten (IQ)-Test gemacht, indem sie 20 Fragen beantwortet haben (der Test wurde angelehnt an diesen hier: <a href="https://www.arealme.com/iq/en" target="_blank" rel="noreferrer">https://www.arealme.com/iq/en</a>). Fünf Marken wurden nicht berücksichtigt, weil zu wenige Antworten vorlagen. Auf Basis dieser Umfrage wurde dann für die verschiedenen Fahrzeugeigenschaften der IQ der Fahrerin bzw. des Fahrers berechnet.</p>
<p><strong>Bei kleineren Stichproben ist Angabe zur Unsicherheit der Schätzung nötig </strong></p>
<p>Um die Ergebnisse dieser Studie richtig einschätzen zu können, benötigt man einige wenige Informationen über die Verteilung des IQ in einer Bevölkerung. Die vor ca. 100 Jahren erstmals entwickelten IQ-Tests folgen typischerweise einer Normalverteilung mit einem Mittelwert von 100 und einer Standardabweichung von 15 (ältere Leser kennen die Normalverteilung vom 10 DM-Geldschein, auf dem die Normalverteilung zusammen mit Carl Friedrich Gauß abgebildet war, der diese in der Statistik fundamentale Verteilung definierte). Das bedeutet, dass in einer Bevölkerung der durchschnittliche IQ immer 100 beträgt und ungefähr 68 Prozent der Bevölkerung einen IQ zwischen 85 und 115 (der sogenannte Durchschnittsbereich) hat. Diese Werte sind jedoch nur für eine (unendlich) große Bevölkerung korrekt, nicht für eine kleine Stichprobe der Bevölkerung. Und genau hier liegt das zentrale Problem der obigen Meldungen. Bei der Verwendung von Stichproben können die geschätzten Durchschnitte (hier die IQ-Werte) zufällig von dem (wahren) Durchschnittswert in der Bevölkerung abweichen. Daher sollte man in solchen Fällen immer die Unsicherheit der Schätzung angeben, was leider nach wie vor sehr häufig nicht erfolgt – auch in diesem Fall. Daher ist weitgehend unklar, ob sich die betrachteten Gruppen wirklich (zumindest aus statistischer Sicht) unterscheiden.</p>
<p>Man kann sich der Antwort annähern, indem man mit grundlegenden statistischen Methoden errechnet, welche Unterschiede denn noch durch Zufall erklärbar wären. Dazu brauchen wir ein paar Informationen, die eine sauber durchgeführte Studie zur Verfügung stellen würde. Da diese hier nicht vorliegen, behelfen wir uns mit Annahmen. Erstens unterstellen wir, dass die Standardabweichung in allen Gruppen 15 beträgt. Zweitens nehmen wir an, dass sich die befragten Gebrauchtwagenkäufer ähnlich über die Automarken verteilen wie sämtliche zugelassenen Fahrzeuge in Großbritannien. Weil die Studie genau für die 22 Marken mit den höchsten Zulassungszahlen Ergebnisse liefert, ist diese Annahme nicht unplausibel. Außerdem müssen wir noch berücksichtigen, dass der statistische Test mit einer Wahrscheinlichkeit von 5% ein „falsch positives“ Ergebnis liefert, also einen Unterschied anzeigt, wo gar keiner ist. Vergleichen wir also 22 Marken mit dem Gesamtdurchschnitt, erwarten wir mindestens ein falsch positives Ergebnis. Deshalb korrigieren wir unsere Vergleiche so, dass insgesamt nur mit 5% Wahrscheinlichkeit mindestens ein falsch positives Ergebnis vorliegt.</p>
<p><img alt data-alt-override="true" data-htmlarea-file-table="sys_file" data-htmlarea-file-uid="10615" data-title-override="true" src="/fileadmin/_processed_/8/1/csm_Graphik_IQ_und_Konfidenzintervall_3a937fcd71.jpg" style title width="794" height="454" class="rte_imagepresent"></p>
<p>Obige Abbildung zeigt, wo die durchschnittlichen IQ-Werte je Marke (rote Punkte) im Verhältnis zum Gesamt-Durchschnitt des IQ in Höhe von 93,9 (blaue Linie) liegen. Die senkrechten Balken markieren den Unsicherheitsbereich, sogenannte Konfidenzintervalle. Alle Unsicherheitsbereiche schneiden die Durchschnittslinie, was bedeutet, dass sämtliche Unterschiede durch Zufall erklärt werden können.</p>
<p><strong>IQ-Verteilung deutet auf Messfehler hin</strong></p>
<p>Nicht mehr durch Zufall zu erklären ist allerdings, dass alle in der Studie ausgewiesenen Gruppen einen durchschnittlichen IQ-Wert von unter 100 haben. Eigentlich würden man erwarten, dass zumindest einige der Gruppen einen durchschnittlichen IQ-Wert von über 100 erreichen, wenn der Test tatsächlich im Schnitt einen IQ-Wert von 100 liefern würde. Vielmehr liegen die befragten britischen Autofahrer im Schnitt bei einem IQ von knapp 94. Aufgrund des Stichprobenfehlers kann das natürlich passieren – dies ist jedoch sehr unwahrscheinlich. Nun könnte man vermuten, dass Autofahrer grundsätzlich dümmer sind als Fahrradfahrer oder ÖPNV-Nutzer. Eine vernünftigere Erklärung ist aber, dass in der Studie nur ein sehr verkürzter IQ-Test verwendet wurde und dies zu weiteren Messfehlern führt. Zwei von uns haben den obigen Test, von dem sich die Studie „inspirieren“ ließ, einmal gemacht. Ergebnis: IQs von 151 und 183. Schmeichelhaft für uns, aber leider ebenfalls sehr unglaubwürdig.</p>
<p>Fazit: Machen Sie sich keine Sorgen, wenn Sie einen BMW oder Fiat fahren, Sie sind nicht dümmer oder klüger als Skoda- oder Suzuki-Fahrer. Und viel wichtiger: Sie werden auch nicht klüger, wenn Sie von einem BMW auf einen Skoda umsteigen, oder dümmer, wenn Sie von einem Suzuki auf einen Fiat umsteigen. Nur wenn Sie einen vollelektrischen grünen Land Rover fahren, sollten Sie sich Gedanken machen. Aber die werden erst im Jahr 2024 angeboten.</p><div class="well"><p><strong>Ihre Ansprechpartner/in dazu:</strong></p>
<p class="x_xxmsonormal">Prof. Dr. Thomas K. Bauer (RWI), Tel.: (0201) 8149-264<br> Katharina Schüller (STAT-UP), Tel.: (089) 34077-447<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI), Tel.: 0201/ 8149-213, <a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de" target="_blank" rel="noopener noreferrer">sabine.weiler@rwi-essen.de</a></p></div><p><em>Neu erschienen: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro.</em></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>. Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter </em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> abrufbar.</em></small></span></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><span class="text-muted"><small><em>http://www.unstatistik.de</em></small></span></a></em><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter <a href="mailto:presse@rwi-essen.de">presse@rwi-essen.de</a>. </em></small></span><span class="text-muted"><small><em>Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></small></span></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2023</category>
                            
                        
                        
                            
                        
                    </item>
                
                    <item>
                        <guid isPermaLink="false">news-1576</guid>
                        <pubDate>Tue, 28 Feb 2023 11:04:00 +0100</pubDate>
                        <title>Bayern-Bashing bei „Reschke TV“</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/bayern-bashing-bei-reschke-tv
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats Februar ist das Bayern-Bashing in Anja Reschkes Auftaktsendung „Reschke TV“. Thema der Sendung: Das „Ego-Land Bayern“, das „uns alle“, oder genauer gesagt die „Resterampe der Republik“ (O-Ton Markus Söder), fortlaufend „abzieht“.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Nein, es geht nicht um Fußball. Da sind die Statistiken schließlich noch weniger zu erschüttern als die Wahlergebnisse der CSU. Sondern es geht um Energie und Verkehr. Eben (O-Ton Anja Reschke) um „knallharten Journalismus“.</p>
<p>Schon in den ersten fünf Minuten zeigt sich die Moderatorin verwirrt. Denn Bayerns Ministerpräsident Markus Söder scheint sich in verschiedenen Einspielern laufend zu widersprechen. Mal spricht er davon, Bayern läge bei den erneuerbaren Energien auf Platz eins, mal soll es „nur“ Platz zwei sein.</p>
<p><strong>Ergebnisse unterscheiden sich aufgrund ihrer Referenzklassen</strong></p>
<p>Dieses Rätsel lässt sich leicht lösen, wenn man sich klar macht, dass hier von verschiedenen Referenzklassen gesprochen wird. Das Problem der Referenzklassen haben wir in unserer <a href="https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/archiv/2016/detail/fussball-fans-haben-die-hoechste-bildung" target="_blank">Unstatistik vom August 2016</a> schon einmal aufgegriffen. Dort ging es um die Frage, warum Fußball-Fans auf einem Karriereportal eine andere Referenzklasse bilden als alle deutschen Fußball-Fans.</p>
<p>Beim Strom hingegen sind die theoretisch erzeugbare und die tatsächlich erzeugte Leistung zwei verschiedene Referenzklassen, sozusagen die theoretische Spielstärke einer Mannschaft und ihre tatsächlich erbrachte Leistung in einer Saison. Die theoretische Spielstärke eines Bundeslands ist die installierte Leistung, also die maximale Gesamtleistung, die aus erneuerbaren Energien erzeugt werden könnte. Daten dazu liefert die Bundesnetzagentur im <a href="https://www.bundesnetzagentur.de/SharedDocs/Downloads/DE/Sachgebiete/Energie/Unternehmen_Institutionen/ErneuerbareEnergien/ZahlenDatenInformationen/EEStatistikMaStRBNetzA.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=8" target="_blank" rel="noreferrer">Marktstammdatenregister</a>. Wind und Solarstrom zusammengenommen, ist Bayern der klare Sieger aller Bundesländer.</p>
<p>Bei der Bruttostromerzeugung aus erneuerbaren Energien, also dem tatsächlich „auf dem Platz“ produzierten Strom, lag Bayern hingegen zuletzt auf Platz 2. Dies erfährt man aus den <a href="https://www.statistikportal.de/de/ugrdl/ergebnisse/energie/swe" target="_blank" rel="noreferrer">umweltökonomischen Gesamtrechnungen der Länder</a>. Interessiert man sich aber nicht für die absolute Gesamtleistung, sondern für den Anteil der erneuerbaren Energien am erzeugten Bruttostrom, dann rutscht Bayern weiter ab auf Platz 5.</p>
<p><strong>Je nach Bezugsgröße fällt Bayern im Ranking zurück</strong></p>
<p>Anja Reschke argumentiert nun, dass Bayern als flächenmäßig größtes Bundesland am meisten Platz hat, um Windräder und Solarpanels aufzustellen. Deswegen müsse man die installierte Leistung auf Quadratkilometer beziehen. Unter allen Flächenländern, also ohne Berlin, Bremen und Hamburg, liegt Bayern damit auf Platz 9. So steigt Bayern nur durch die Änderung der Referenzklasse aus der Bundesliga in die Kreisklasse ab.</p>
<p>Ein toller Trick – den man am besten dann anwendet, wenn er zur gewünschten Geschichte passt: Dass Bayern sich gerne mit fremder Leistung schmückt. So soll Bayern dank dreier aufeinanderfolgender CSU-Bundesverkehrsminister weit überproportional von Bundesmitteln für Bundesfernstraßen profitiert haben. Das zeigt die Grafik ab Minute 20 der Sendung.</p>
<p>Die dahinter liegenden Daten liefert ein <a href="https://www.bundestag.de/resource/blob/675168/e7d0f7cf0c347d372b2ab58e1171ac57/WD-5-101-19-pdf-data.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">Sachstandsbericht des Deutschen Bundestags</a>. Dem ist zu entnehmen, dass im Verlauf der Zeit tatsächlich immer mehr Geld vom Bund in bayerischen Fernstraßen verbaut wurde. Aber bei den letzten dokumentierten Ist-Ausgaben liegt Bayern absolut gesehen nur auf Platz 2.</p>
<p>Wie wir außerdem bereits wissen, hat Bayern allerdings auch mehr Fläche zu erschließen, die man statt mit Windrädern und Solaranlagen auch mit Fernstraßen bebauen könnte. Pro Quadratkilometer verglichen, rutscht Bayern dann auf Platz 5 ab. Interessiert man sich nun zusätzlich zum Straßenneu- und Ausbau auch für das Geld, das in die Straßenerhaltung geflossen ist, dann ist Bayern, absolut betrachtet, die klare Nummer 1. Bezogen auf die Fläche, liegt es bei den Gesamtausgaben nur auf Platz 8 der Bundesländer, wie Berechnungen auf Grundlage einer <a href="https://dserver.bundestag.de/btd/19/321/1932191.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">Bundestags-Drucksache</a> zeigen.</p>
<p>Was stimmt denn nun? Es kommt darauf an. Anders als beim Fußball, gibt es im Ranking der Bundesländer keine objektive Referenzklasse oder Einheit, in der die Spielteilnehmer miteinander zu vergleichen sind. So oder so, Frau Reschke sollte sich entscheiden, welche Maßstäbe sie anlegt, wenn sie Bundesländer gegeneinander ins Rennen schickt. Jedenfalls wenn nicht der Eindruck entstehen soll, dass der NDR dort, wo man gegen Bayern noch Siegchancen hat (also überall außer beim Fußball) mit Zahlen-Doping nachhilft.</p><div class="well"><p><strong>Ihre Ansprechpartner/in dazu:</strong></p>
<p class="x_xxmsonormal">Katharina Schüller (STAT-UP), Tel.: (089) 34077-447<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI), Tel.: 0201/ 8149-213, <a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de" target="_blank" rel="noopener noreferrer">sabine.weiler@rwi-essen.de</a></p></div><p><em>Neu erschienen: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro.</em></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>. Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter </em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> abrufbar.</em></small></span></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><span class="text-muted"><small><em>http://www.unstatistik.de</em></small></span></a></em><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter <a href="mailto:presse@rwi-essen.de">presse@rwi-essen.de</a>. </em></small></span><span class="text-muted"><small><em>Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></small></span></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2023</category>
                            
                        
                        
                            
                        
                    </item>
                
                    <item>
                        <guid isPermaLink="false">news-1541</guid>
                        <pubDate>Tue, 31 Jan 2023 11:04:00 +0100</pubDate>
                        <title>Väter, die Elternzeit nehmen, haben ein geringeres Scheidungsrisiko</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/vaeter-die-elternzeit-nehmen-haben-ein-geringeres-scheidungsrisiko
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Auf ihrer LinkedIn-Seite veröffentlichte die AllBright Stiftung im Januar einen Beziehungstipp: „Väter, nehmt Elternzeit!“. Die Stiftung, die sich für die Gleichstellung von Mann und Frau einsetzt, verweist dabei auf Forschungsergebnisse, die zeigen, dass es auch den Ehen von Vätern guttut, Elternzeit zu nehmen. Denn Väter, die Elternzeit nehmen, hätten ein geringeres Scheidungsrisiko: die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Paar trennt, würde dann um 25 Prozent sinken. </description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Das <a href="https://www.cambridge.org/core/journals/journal-of-social-policy/article/if-i-take-leave-will-you-stay-paternity-leave-and-relationship-stability/CC7147C0B13AD3521C98EFF5D43F880B" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Forschungsprojekt</a>, auf das die AllBright Stiftung verweist, verwendet einen Datensatz von Eltern in den USA, deren Kinder im Jahr 2001 geboren wurden und die bis zum Jahr 2007 mehrmals befragt wurden. In die Analyse gingen nur Beobachtungen von Vätern ein, die zum Zeitpunkt der Geburt des Kindes und danach beschäftigt waren. Mit dieser Stichprobe zeigen die Autoren durchaus, dass Väter, die nach der Geburt des Kindes im Jahr 2001 Elternzeit nahmen, bis zum Jahr 2007 eine um 29 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit hatten, sich von der Mutter des Kindes zu trennen (die Wahrscheinlichkeit einer Trennung zwischen 2001 und 2007 sinkt von 7,5% auf 5,6%, wenn die Väter Elternzeit nehmen).</p>
<p><strong>Studie zeigt nicht, dass Elternzeit die Ehe stabilisiert </strong></p>
<p>Anders als die Meldung der AllBright Stiftung vermuten lässt, handelt es sich hierbei aber nicht um einen kausalen, also ursächlichen Zusammenhang. Die Autoren der Studie sind in dieser Hinsicht auch sehr vorsichtig und verweisen lediglich auf eine „Association“, also eine Korrelation. Das Problem derartiger Studien liegt darin, dass die sogenannte kontrafaktische Situation – in diesem Fall die Trennungswahrscheinlichkeit von Männern, die Elternzeit genommen haben, wenn diese keine Elternzeit genommen hätten – nicht beobachtet werden kann und daher unter Verwendung geeigneter statistischer Verfahren „konstruiert“ werden muss. Wenn dies gelingt, kann unter anderem ausgeschlossen werden, dass der gefundene Zusammenhang auf eine dritte Variable zurückgeführt werden kann, die mit der Wahrscheinlichkeit einer Trennung und der Wahrscheinlichkeit Elternzeit zu nehmen korreliert ist. Die Autoren verwenden in ihrer Analyse durchaus geeignete Strategien, um die Existenz einer solchen dritten Variable möglichst auszuschließen. So vergleichen sie unter anderem Väter, die Elternzeit genommen haben, mit Vätern, die sich hinsichtlich aller in ihrem Datensatz beobachtbaren Eigenschaften gleichen, aber keine Elternzeit genommen haben. Bei diesem Vergleich haben Väter mit Elternzeit nur um eine ca. 4 Prozent geringere Trennungswahrscheinlichkeit als Väter, die keine Elternzeit genommen haben (die Wahrscheinlichkeit einer Trennung zwischen 2002 und 2007 sinkt von 7,5% auf 7,2%).</p>
<p><strong>Längere Elternzeit beeinflusst Trennungswahrscheinlichkeit nicht</strong></p>
<p>Die AllBright Stiftung verweist zudem nicht auf weitere wichtige Ergebnisse der Studie. So finden sich obige Effekte nur für Väter, die höchstens eine Woche Elternzeit genommen haben. Väter, die sich für die Betreuung des neuen Familienmitglieds eine längere Auszeit genommen haben, unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Trennungswahrscheinlichkeit nicht von Vätern, die überhaupt keine Elternzeit genommen haben. Der weit wichtigste Faktor für eine stabile Partnerschaft ist nach der obigen Studie zudem, ob die Eltern eines Kindes zum Zeitpunkt der Geburt verheiratet waren: Partner, die ohne Trauschein zusammenlebten, hatten eine 5,5-fach höhere Wahrscheinlichkeit sich zu trennen.</p>
<p>Auf Basis dieser Ergebnisse wollen wir Ihnen einen weiteren Beziehungstipp geben: Realisieren Sie einen Kinderwunsch nur, wenn Sie in einer stabilen Partnerschaft leben. Und: In einer glücklichen Partnerschaft sollte es heutzutage eigentlich selbstverständlich sein, dass sich beide Partner bei der Betreuung von Kindern, aber auch in der Pflege von älteren Angehörigen engagieren. Ist das nicht der Fall, haben sie vielleicht den falschen Partner.</p><div class="well"><p><strong>Ihre Ansprechpartner/in dazu:</strong></p>
<p class="x_xxmsonormal">Prof. Dr. Thomas K. Bauer (RWI), Tel.: (0201) 8149-264<br> Katharina Schüller (STAT-UP), Tel.: (089) 34077-447<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI), Tel.: 0201/ 8149-213, <a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de" target="_blank" rel="noopener noreferrer">sabine.weiler@rwi-essen.de</a></p></div><p><em>Neu erschienen: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro.</em></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>. Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter </em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> abrufbar.</em></small></span></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><span class="text-muted"><small><em>http://www.unstatistik.de</em></small></span></a></em><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter <a href="mailto:presse@rwi-essen.de">presse@rwi-essen.de</a>. </em></small></span><span class="text-muted"><small><em>Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></small></span></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2023</category>
                            
                        
                        
                            
                        
                    </item>
                
                    <item>
                        <guid isPermaLink="false">news-1491</guid>
                        <pubDate>Wed, 14 Dec 2022 10:04:49 +0100</pubDate>
                        <title>Gewalttätige deutsche Ehemänner</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/gewalttaetige-deutsche-ehemaenner
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik beschäftigt sich zum Jahresende mit Meldungen zur Gewalt in Partnerschaften. Gemäß dem Bundeskriminalamt waren im Jahr 2021 die häufigsten der über 140.000 Delikte in Partnerschaften vorsätzliche einfache Körperverletzung, gefolgt von Bedrohung, Stalking und Nötigung, sowie gefährlicher Körperverletzung. Etwa jeder vierte der Partnerschaftsgewalt verdächtige Mann stand zum Tatzeitpunkt unter Alkoholeinfluss, bei tatverdächtigen Frauen – 21 Prozent aller Verdächtigen sind weiblich - jede fünfte. Zwei von drei Tatverdächtigen häuslicher Gewalt seien deutsche Staatsangehörige. Das meldete unter anderem tagesschau.de Ende November und liefert damit ein schönes Beispiel für das, was man als Ignorieren von Grundraten bezeichnet. Die Anzahl von Männern und Frauen in Beziehungen ist etwa gleich, nicht aber jene von solchen mit deutscher oder ausländischer Herkunft. </description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Diskussion über die Neigung zu Gewalttaten je nach Herkunft der Tatverdächtigen ist hoch sensibel. Umso wichtiger ist es zu verstehen, dass statistische Angaben zwar mathematisch korrekt sein können, aber gleichwohl nicht neutral und objektiv sind. Denn die Art, wie sie kommuniziert werden, liefert einen Kontext, der vom Nutzer der Statistik mitinterpretiert wird. Das wird als „Framing“ bezeichnet und passiert mindestens genauso oft unbewusst wie bewusst. Ein wesentlicher Teil von Statistik-Kompetenz bzw. Statistical Literacy ist es, ein solches Framing zu erkennen und kritisch zu hinterfragen.</p>
<p><strong>Zahlen ohne Grundraten können falschen Eindruck vermitteln </strong></p>
<p>Die Aussage „zwei von drei Tatverdächtigen häuslicher Gewalt sind deutscher Herkunft“ wird nicht nur von der Tageschau, sondern auch von anderen Medien getroffen, darunter die <a href="https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/gewalt-in-der-partnerschaft-113-frauen-und-14-maenner-in-2021-getoetet-18484919.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">FAZ</a> . Sie ist korrekt, genauso wie die Aussage, einer von drei Tatverdächtigen sei ausländischer Herkunft. Sie beantwortet die Frage, wie häufig eine Person, die einer Gewalttat innerhalb einer Beziehung verdächtigt wird, deutscher oder nicht-deutscher Herkunft ist.</p>
<p>Diese Information kann interessant sein, wenn es darum geht zu entscheiden, wie hoch der Bedarf an Dolmetschern bei der Polizei ist; insbesondere an Dolmetschern, die sensibel genug sind, mit möglicherweise verängstigten oder gar traumatisierten Frauen zu sprechen.</p>
<p>Sie sagt aber nichts darüber aus, ob sich das Risiko, Opfer einer Gewalttat innerhalb einer Beziehung zu werden, für Frauen mit einem deutschen oder ausländischen Partner unterscheidet. Dafür brauchen wir die Grundrate, also die Verteilung deutscher und ausländischer (Ehe-)Partnerschaften in Deutschland. Der Einfachheit halber gehen wir davon aus, dass diese der allgemeinen Verteilung von Deutschen und Nicht-Deutschen in der Bevölkerung entspricht, Deutsche und Ausländer also gleich häufig in Beziehungen leben. Der Anteil der Ausländer in der deutschen Bevölkerung beträgt etwa 15 Prozent.</p>
<p><strong>Natürliche Häufigkeiten helfen bei der Risikobewertung</strong></p>
<p>Man kann sich das Verhältnis dieser Risiken mit Hilfe natürlicher Häufigkeiten herleiten. Für natürliche Häufigkeiten haben wir schon oft eine Lanze gebrochen; sie argumentieren mit absoluten Zahlen und nicht mit schwer vorstellbaren und oft missverständlichen Prozentwerten.</p>
<p>In Deutschland gab es laut Angaben der <a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61575/paare/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">„Bundeszentrale für politische Bildung“</a> im Jahr 2019 etwas mehr als 40 Millionen Menschen, die mit oder ohne Trauschein in Partnerschaften zusammenlebten. Die eingangs genannten, gut 140.000 Fälle sind etwa 0,35 Prozent dieser Menschen. Unter je 100.000 Menschen, die in Partnerschaften leben, erwarten wir 85.000 Deutsche und 15.000 Ausländer. Von diesen 100.000 Menschen sind bei einer Quote von 0,35 Prozent 350 Tatverdächtige einer Gewalttat, darunter 233 (2/3) Deutsche und 117 (1/3) Ausländer. Die folgende Abbildung in natürlichen Häufigkeiten zeigt, wie sich daraus das Risikoverhältnis berechnen lässt. Es beträgt 233/85.000 zu 117/15.000 und damit etwa 1 zu 2,8.</p>
<p><img alt data-alt-override="true" data-htmlarea-file-table="sys_file" data-htmlarea-file-uid="10405" data-title-override="true" src="/fileadmin/_processed_/d/4/csm_221214_unstatistik_grafik_59078b21ed.png" style width="795" height="482" class="rte_imagepresent"></p>
<p>Das Risiko, Opfer einer Gewalttat innerhalb einer Beziehung zu werden, ist mit einem ausländischen Partner/einer ausländischen Partnerin also 2,8mal höher. Zu beachten ist, dass hierbei wohl auch sozio-ökonomische Faktoren eine Rolle spielen, beispielsweise Bildungsniveau oder Einkommen. Die unterschiedliche Rate von Gewalt in Beziehungen kann also auf Grundlage der vorliegenden Informationen keineswegs kausal mit der Herkunft verknüpft werden. Zudem ist bei häuslicher Gewalt die Dunkelziffer recht hoch – nach Bundesfamilienministerin Lisa Paus beträgt sie etwa zwei Drittel. Nichtsdestotrotz bildet die Aussage, dass zwei von drei Tatverdächtigen häuslicher Gewalt deutsche Staatsangehörige sind, die Wirklichkeit nur unvollständig ab. Ein solches Framing von Statistiken, in dem wie in diesem Beispiel die Grundrate vernachlässigt wird, ist nichts Neues.&nbsp; Wichtig ist, dafür sensibilisiert zu sein und zu verstehen, wie man es durchschauen kann.</p>
<p>Das Unstatistik-Team wünscht friedliche Feiertage.</p><div class="well"><p><strong>Ihre Ansprechpartner/in dazu:</strong></p>
<p>Katharina Schüller (STAT-UP), Tel.: (089) 34077-447<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-213, <a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de">sabine.weiler@rwi-essen.de</a>&nbsp;</p></div><p><em>Neu erschienen: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro.</em></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>. Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter </em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> abrufbar.</em></small></span></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><span class="text-muted"><small><em>http://www.unstatistik.de</em></small></span></a></em><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter <a href="mailto:presse@rwi-essen.de">presse@rwi-essen.de</a>. </em></small></span><span class="text-muted"><small><em>Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></small></span></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2022</category>
                            
                        
                        
                            
                        
                    </item>
                
                    <item>
                        <guid isPermaLink="false">news-1465</guid>
                        <pubDate>Wed, 30 Nov 2022 10:31:00 +0100</pubDate>
                        <title>Frauen in Vorständen verdienen deutlich mehr als Männer</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/frauen-in-vorstaenden-verdienen-deutlich-mehr-als-maenner
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen, der sogenannte „Gender Pay Gap“, war schon mehrfach Thema der Unstatistik. Diesmal greifen wir sie wieder auf, aber mit umgekehrten Vorzeichen. Denn eine &quot;Pressemitteilung der Unternehmensberatung&quot; EY zu den Ergebnissen des „Mixed Compensation Barometer“ der Firma stellt fest, dass Frauen in den Vorständen deutscher Spitzenunternehmen (DAX, MDAX und SDAX) im Schnitt gut 2,4 Millionen Euro und damit 348.000 Euro oder knapp 17 Prozent mehr als ihre männliche Kollegen verdienen. CEOs wurden dabei ausgeklammert. </description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Mehrere große Medien griffen diese Studie auf. Die Tagesschau berichtete am 14. November mit der Überschrift <a href="https://www.tagesschau.de/wirtschaft/unternehmen/frauen-vorstaende-gehalt-dax-frauenquote-gehaltsunterschiede-101.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">„Vorstandsfrauen verdienen mehr als Männer“</a> und zitiert: „Bereits im siebten Jahr lag 2021 die Gesamtdirektvergütung der Frauen oberhalb ihrer männlichen Kollegen in vergleichbaren Positionen.“</p>
<p>Dabei verdienen weibliche Vorstände der DAX-Unternehmen nur geringfügig mehr als ihre männlichen Kollegen (2 Prozent), in den mittelgroßen MDAX-Unternehmen 5 Prozent weniger und in den kleineren SDAX-Unternehmen 18 Prozent mehr. Zur Erklärung dieses Ergebnisses schreibt das Beratungsunternehmen: Wichtigster Grund für den Gehaltsvorsprung seien die verstärkten Bemühungen der Unternehmen, Frauen für ihr oberstes Führungsgremium zu gewinnen. Da geeignete Kandidatinnen knapp seien, erhöhe sich ihr Marktwert und damit auch ihre Vergütung.</p>
<p>Ist die Diskriminierung von Frauen damit überwunden? Die wenigen Frauen, die für eine Vorstandsposition geeignet wären, würden nach dem Ergebnis ja sogar mehr als Männer verdienen?</p>
<p><strong>Studie liefert keinen Erkenntnisgewinn</strong> <strong>zur Diskriminierung weiblicher Führungskräfte</strong></p>
<p>Das ist ganz sicher nicht der Fall. Hier wird derselbe Fehler wie bei der Gesamtdiskussion zum Gender-Pay-Gap gemacht, auf den wir bereits mehrmals hingewiesen haben: Der Vergleich von Mittelwerten liefert zu Fragen der Diskriminierung keinerlei Erkenntnisgewinn – selbst wenn man eine auf den ersten Blick sehr homogene Gruppe (Vorstände von börsennotierten Unternehmen) betrachtet. So haben Studien in der Vergangenheit gezeigt, dass weibliche Vorstandsmitglieder häufiger als ihre männlichen Kollegen quer einsteigen und häufiger das Personalressort verwalten (siehe&nbsp; dazu die <a href="https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/archiv/2014/detail/frauen-in-dax-vorstaenden-unerwuenscht" target="_blank">Unstatistik vom November 2014</a>). Für solche Unterschiede müsste man kontrollieren. Auch wäre denkbar, dass Unternehmen, in deren Vorständen Frauen vertreten sind, im Schnitt etwas höhere Vorstandsvergütungen zahlen – auch ihren männlichen Vorstandsmitgliedern.</p>
<p>Besonders bemerkenswert ist, dass <a href="https://www.zeit.de/wirtschaft/2022-11/lohn-gehaelter-vorstand-frauen" target="_blank" rel="noreferrer">ZEIT online</a> wie auch <a href="https://www.bild.de/geld/wirtschaft/wirtschaft/neue-gehaltsstudie-vorstandsfrauen-verdienen-mehr-als-maenner-81942998.bild.html" target="_blank" rel="noreferrer">BILD.de</a> sogar auf diese strukturellen Probleme beim Vergleich der Gehälter von Männern und Frauen hinweisen. Frauen arbeiteten häufiger als Männer in Branchen und Berufen, in denen schlechter bezahlt wird und in denen sie seltener Führungspositionen erreichten. Außerdem hätten Frauen häufiger als Männer Teilzeitstellen oder Minijobs, heißt es im Artikel, doch wenige Sätze zuvor schreibt das Medium: „Frauen sind zwar deutlich seltener in den Vorständen vertreten, sie verdienten in vergleichbaren Positionen aber das siebte Jahr in Folge mehr als ihre männlichen Kollegen.“ Dass auch Vorstandspositionen keinesfalls ohne weiteres miteinander vergleichbar sind und dort ebenfalls auf weitere, das Gehalt beeinflussende Faktoren kontrolliert werden muss, kommt den Verfassern allerdings offenbar nicht in den Sinn.</p>
<p>Zum zweiten kann selbst bei gleichen Gehältern Diskriminierung vorliegen, wenn entsprechend qualifizierte Frauen erst gar nicht in den Vorstand berufen werden. So lag der Frauenanteil in den betrachteten börsennotierten Unternehmen lediglich bei 14 Prozent (52 Frauen und 314 Männer). Darauf weist auch EY hin und konstatiert, dass der Frauenanteil in den Vorstandsgremien nur langsam wachsen würde. Schließlich sagen die Zahlen nichts über die Gesamtsituation von weiblichen Führungskräften in deutschen Unternehmen aus. Es könnte sein, dass die börsennotierten Unternehmen ihre Mitarbeiter grundsätzlich besser entlohnen und in Fragen der Gleichstellung sehr viel weiter sind als Unternehmen, die nicht im DAX, MDax oder SDAX vertreten sind.</p>
<p>Die Zahlen von EY sprechen zwar dafür, dass wir nicht &nbsp;„noch 170 Jahre bis zur Gleichberechtigung“ warten müssen, wie es in der <a href="https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/archiv/2016/detail/noch-170-jahre-bis-zur-gleichberechtigung-von-mann-und-frau" target="_blank">Unstatistik &nbsp;vom November 2016</a> hieß. Hinsichtlich der Diskriminierung von weiblichen Führungskräften liefert die Studie jedoch keinerlei Erkenntnisgewinn.</p><div class="well"><p><strong>Ihre Ansprechpartner/in dazu:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Thomas K. Bauer (RWI), Tel.: (0201) 8149-264<br> Katharina Schüller (STAT-UP), Tel.: (089) 34077-447<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-213, <a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de">sabine.weiler@rwi-essen.de</a>&nbsp;</p></div><p><em>Neu erschienen: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro.</em></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>. Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter </em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> abrufbar.</em></small></span></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><span class="text-muted"><small><em>http://www.unstatistik.de</em></small></span></a></em><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter <a href="mailto:presse@rwi-essen.de">presse@rwi-essen.de</a>. </em></small></span><span class="text-muted"><small><em>Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></small></span></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2022</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                    <item>
                        <guid isPermaLink="false">news-1434</guid>
                        <pubDate>Thu, 27 Oct 2022 10:31:00 +0200</pubDate>
                        <title>Unstatistik des Monats: Vegane „Massen“-Bewegung auf der Wiesn</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/unstatistik-des-monats-vegane-massen-bewegung-auf-der-wiesn
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats Oktober ist der „Erfolg“ der veganen Weißwurst auf dem diesjährigen Münchner Oktoberfest. Dieser soll vorab keinesfalls sicher gewesen sein, schreibt das Online-Portal &quot;Vegpol&quot;. Die Kabarettistin Monika Gruber dachte bei einer Verkostung der Wurst aus Erbsenprotein jedenfalls eher an gepresste Sägespäne, geschmacklich an Montageschaum. Gleichwohl forderte die Münchner Splitterpartei V-Partei³ eine 100 Prozent vegane Wiesn. Was kommt als Nächstes – die Forderung nach einer alkoholfreien Wiesn?</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Beides mag absurd erscheinen. Umso überraschender kam die Meldung, das Münchner Oktoberfest habe mit diesem Verpflegungsangebot einen „veganen Trend“ aufgezeigt, wie Vegpol weiter ausführt. Der Erfinder der veganen Weißwurst spricht gar von einer „Massenbewegung“. Und <a href="https://twitter.com/GREENFORCE_FOOD/status/1578330332264529921" target="_blank" rel="noreferrer">twittert</a> über seine Firma „Greenforce“ hinterher: „Auf dem Oktoberfest waren 400 von 1.000 Currywurst Bestellungen und 200 von 1.000 Weißwurst Bestellungen vegan.“ Tatsächlich standen die veganen Weiß- und Currywürste nur in zwei von 38 Zelten auf der Karte. Die Weißwurst, wie es sich gehört, auch nur bis 13 Uhr mittags. Nur eins der zwei Zelte, das Hofbräu Festzelt, lieferte grob geschätzte Verkaufsanteile – keine absoluten Zahlen. Das dürfte seinen Grund haben. Denn die Curry- und Weißwürste sind vermutlich nicht die "Verkaufsschlager" des Hofbräu Festzelts. Laut Internetseite werden 70.735 halbe Hendl, 4.267 Schweinshaxen und 6.294 Paar Schweinswürste verkauft, Curry- und Weißwürste werden nicht erwähnt. Also müssen die Verkaufszahlen von Curry- und Weißwürsten wohl deutlich darunter liegen. Würden davon genauso viele Portionen verkauft wie von den Schweinswürsten, also jeweils 6.294, kämen die veganen Alternativen auf insgesamt maximal 3.777 oder 4 Prozent aller verkauften Essensportionen in diesem Zelt. Und das ist die Obergrenze. In allen anderen Zelten bis auf eines ist der Anteil null.</p>
<p><strong>Medienberichte erwähnen nicht, wie wenig aussagekräftig die Stichprobe ist</strong></p>
<p>Gleichwohl waren die Medien voll von Sensationsberichten über die besagten 40 beziehungsweise 20 Prozent. Die Herkunft der Zahlen aus dem Hofbräu Festzelt wird zwar erwähnt, aber keiner der Berichte in der <a href="https://www.pnp.de/nachrichten/bayern/Wiesn-Neuerung-So-kam-die-vegane-Weisswurst-auf-dem-Oktoberfest-an-4450300.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Passauer Neuen Presse"</a>, der <a href="https://www.abendzeitung-muenchen.de/muenchen/oktoberfest/vegane-weisswurst-auf-dem-oktoberfest-so-gefragt-war-der-wiesn-neuling-art-849053" target="_blank" rel="noreferrer">„Münchner Abendzeitung“</a> oder der <a href="https://www.mittelbayerische.de/bayern-nachrichten/so-kam-die-vegane-weisswurst-auf-dem-oktoberfest-an-21705-art2160185.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Mittelbayerische“</a> erwähnt, dass diese nur eine sehr verzerrte Stichprobe darstellt.</p>
<p>In der <a href="https://stadt.muenchen.de/dam/jcr:d73aa40a-0d05-437a-9f62-d3d422963ecb/Mue.Sta_3Q22_Oktoberfest.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">amtlichen Oktoberfest-Statistik der Stadt München</a> tauchen Weiß- und Currywürste bislang überhaupt nicht auf. (Manche vermuten, das läge daran, dass Currywürste auf dem Oktoberfest auch nichts verloren haben, aber das tut nichts zur Statistik.) Klar ist, dass bei insgesamt rund 220.000 verkauften Schweinswürsten und 435.000 halben Brathähnchen die veganen Weiß- und Currywürste kaum ins Gewicht fallen. Dass ihr Anteil im Hofbräu Festzelt, verglichen mit dem jeweiligen Original, vergleichsweise hoch war, dürfte darin begründet sein, dass Veganer eben nur dort vegane Würste kaufen konnten.</p><div class="well"><p><strong>Ihre Ansprechpartner/in dazu:</strong><br> <br> Katharina Schüller (STAT-UP), Tel.: (089) 34077-447<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-213, <a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de">sabine.weiler@rwi-essen.de</a>&nbsp;</p></div><p><em>Neu erschienen: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro.</em></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>. Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter </em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> abrufbar.</em></small></span></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><span class="text-muted"><small><em>http://www.unstatistik.de</em></small></span></a></em><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter <a href="mailto:presse@rwi-essen.de">presse@rwi-essen.de</a>. </em></small></span><span class="text-muted"><small><em>Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></small></span></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
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                    <item>
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                        <pubDate>Fri, 30 Sep 2022 10:31:00 +0200</pubDate>
                        <title>Unstatistik des Monats: p-Werte und Placebo-Effekte – wie Globuli wirken</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/p-werte-und-placebo-effekte-wie-globuli-wirken
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Im September sorgten verschiedene Meldungen zur Sinnhaftigkeit von homöopathischen Behandlungen für heftige Diskussionen. Die Weiterbildung im Bereich der Homöopathie wird von immer mehr Ärztekammern eingestellt, so dass  Ärzte nicht mehr mit dieser Behandlungsform werben dürfen. Der grüne Landesgesundheitsminister in Baden-Württemberg, Manne Lucha, widerspricht dieser Entwicklung und will solche Vorgänge genau prüfen lassen. Die Arzneimittelexpertin derselben Partei, Paula Piechotta, widerspricht dagegen der These, es gäbe „eine ganze Reihe klinischer Studien, die eine Wirkung der Homöpathie belegen“ würde. Und die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim macht in ihrer vielbeachteten Sendung MaiThinkX in ZDFneo deutlich, dass von Globuli keine Wirkung zu erwarten sei.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Diese Diskussion ist Grund genug, sich die wissenschaftlichen Argumente zur Wirksamkeit von Globuli einmal genauer anzusehen. Im besten Fall basieren diese auf randomisierten Studien. „Randomisiert“ bedeutet, dass Patientinnen und Patienten zufällig auf zwei Gruppen verteilt werden. Einer der Gruppen werden Globuli verabreicht, während die zweite Kontrollgruppe lediglich ein Placebo erhält, also ein Scheinmedikament ohne Wirkstoffe. Im besten Fall sind solche RCTs (Randomized Controlled Trials) auch noch doppelt verblindet, so dass weder die Patienten noch die Studienleiter wissen, wer Globuli und wer lediglich ein Placebo erhalten hat.</p>
<p>Durch die zufällige Aufteilung sollen alle weiteren Störfaktoren ausgeschaltet werden, beispielsweise unterschiedliche Schweregrade der Erkrankung, Alters- oder Geschlechtseffekte. Die Verblindung soll dafür sorgen, dass nicht allein der Glaube an die Globuli zu einer Veränderung des Wohlbefindens führt.</p>
<p><strong>Zufall und zu viele Studienteilnehmer können Wirksamkeit suggerieren</strong></p>
<p>Ein Rest an zufälliger Schwankung bleibt aber immer, selbst wenn man erfolgreich alle weiteren Faktoren neutralisiert, die die Studienergebnisse verzerren könnten. Daher kommen statistische Tests zum Einsatz, die anzeigen, ob ein möglicher Effekt auf System oder Zufall beruht. Die Idee dahinter: Wenn ein Wirkungs-Unterschied zwischen den Gruppen so groß ist, dass er sich zu 95 Prozent nicht mehr durch Zufall erklären lässt, ist er „echt“ bzw. in der Sprache von Statistikern „signifikant“. Ein kleiner sogenannter p-Wert ist eben die Messgröße für diese Signifikanz. Das heißt aber umgekehrt: Selbst der beste Test kommt auch bei Abwesenheit jedweden Effekts in 5 Prozent der Fälle zu falsch-positiven Ergebnissen.</p>
<p>Anders gesagt: Wenn man 100 derartige Studien durchführt, ist zu erwarten, dass man allein aufgrund der statistischen Unsicherheit in 5 Studien eine Wirkung findet, selbst wenn keine Wirkung vorliegt. Und diese Studien werden von den Anhängern der Homöopathie natürlich in den Vordergrund gerückt.</p>
<p>Ein zweites Qualitätskriterium wissenschaftlicher Studien mag zunächst erstaunen: Sie dürfen nicht zu groß sein. Denn mit großen Teilnehmer-Zahlen werden selbst winzig kleine Unterschiede zwischen Gruppen signifikant. Deshalb müssen die Ersteller seriöser wissenschaftliche Studien vorab eine Fallzahlplanung vorlegen. Darin wird genau festgelegt, wie viele Patienten behandelt werden müssen, damit ein klinisch relevanter – also ein inhaltlich bedeutsamer – Effekt mit hoher Wahrscheinlichkeit gefunden wird, sofern er tatsächlich vorhanden ist. Das hat den Vorteil, dass man sich vorab darauf festlegen muss, ab wann eine Wirkung groß genug ist, um für den Patienten überhaupt einen Unterschied zu machen.</p>
<p>Aus diesem Grund sind Studien zu homöopathischen Mitteln oder auch Nahrungsergänzungsmitteln gerade dann mit Vorsicht zu genießen, wenn Tausende von Menschen daran teilgenommen haben.</p>
<p><strong>Studien zur Wirksamkeit von Globuli sind in Fachzeitschriften überrepräsentiert</strong></p>
<p>Diese zwei Gründe für die gelegentliche (Schein-)Evidenz zur Wirksamkeit von Globuli (und anderen Wirkstoffen) werden dann noch durch den sogenannten Publikations-Bias verstärkt. Denn so wie große Publikumsmedien selten titeln „Heute ist nichts passiert!“, publizieren auch Fachzeitschriften lieber statistisch signifikante Ergebnisse. Dies scheint gerade bei Studien zur Wirksamkeit homöopathischer Behandlungen ein erhebliches Problem zu sein, wie beispielsweise diese <a href="https://ebm.bmj.com/content/early/2022/05/08/bmjebm-2021-111846" target="_blank" rel="noreferrer">Untersuchung</a> zeigt. Es führt im Ergebnis dazu, dass in Fachzeitschriften Studien, die eine Wirksamkeit von Globuli zeigen, überrepräsentiert sind. Die zahlreichen Studien, die keine Wirkung nachweisen, verschwinden hingegen in den Schubladen der Wissenschaft.</p>
<p>Dazu kommt ein weiteres Problem. Selbst gutgeplante randomisierte Experimente können mit erheblichen Fehlern belastet sein. Insbesondere dann, wenn das Placebo nicht bloß unwirksam ist, sondern sogar schadet.</p>
<p>Auf einen besonders dramatischen Fall hat kürzlich <a href="https://deutsch.medscape.com/artikelansicht/4911508" target="_blank" rel="noreferrer">Prof. Dr. Stephan Martin</a> hingewiesen: In einer <a href="https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/nejmoa1812792" target="_blank" rel="noreferrer">Studie</a> sollte eine mögliche Schutzwirkung von Fischöl untersucht werden. In einem randomisierten Experiment mit mehr als 8.000 Patienten erhielt ein Teil der Patienten ein Präparat von hochdosierter Eicosapentaensäure (Fischöl). Die Kontrollgruppe bekam ein mit Mineralöl versetztes Placebo, um die Farbe und Konsistenz des Fischöls möglichst genau abzubilden. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Fischöl das Risiko von Herzinfarkten und Schlaganfällen um 25 Prozent reduziert.</p>
<p>Eine <a href="https://jamanetwork.com/journals/jama/fullarticle/2773120" target="_blank" rel="noreferrer">Folgestudie</a> konnte dieses Ergebnis jedoch nicht bestätigen. In der Fischölgruppe änderte sich nichts, aber der Gesundheitszustand der mit Placebo-Mineralöl behandelten Patienten wurde schlechter. Die „positiven“ Gesundheitseffekte der ersten Studie sind also mutmaßlich dadurch zustande gekommen, dass man die Kontrollgruppe vergiftet hat.</p>
<p>Insgesamt zeigt die bisher vorliegende empirische Evidenz, dass Globuli und Nahrungsergänzungsmittel über einen eventuellen Placebo-Effekt hinaus keine Wirkung haben. Interessierte können sich beim Harding Zentrum für Risikokompetenz anhand von <a href="https://www.hardingcenter.de/de/transfer-und-nutzen/faktenboxen" target="_blank" rel="noreferrer">Faktenboxen</a> zur Wirksamkeit homöopathischer und Nahrungsergänzungsmittel näher informieren.</p><div class="well"><p><strong>Ihre Ansprechpartner/in dazu:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Thomas K. Bauer (RWI), Tel.: (0201) 8149-264<br> Prof. Dr. Walter Krämer, <a href="mailto:walterk@statistik.uni-dortmund.de">walterk@statistik.uni-dortmund.de</a><br> Katharina Schüller (STAT-UP), Tel.: (089) 34077-447<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-213, <a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de">sabine.weiler@rwi-essen.de</a>&nbsp;</p></div><p><em>Neu erschienen: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro.</em></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>. Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter </em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> abrufbar.</em></small></span></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"></a></small></span></p><p><em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><span class="text-muted"><small><em>http://www.unstatistik.de</em></small></span></a></em></p><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter <a href="mailto:presse@rwi-essen.de">presse@rwi-essen.de</a>. </em><span class="text-muted"><small><em>Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></small></span>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2022</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <guid isPermaLink="false">news-1329</guid>
                        <pubDate>Mon, 29 Aug 2022 17:10:00 +0200</pubDate>
                        <title>„Mega“-Studie zum Maskentragen hat viele Mängel</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/mega-studie-zum-maskentragen-hat-viele-maengel
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Am 31. Juli 2022 setzte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach folgenden Twitter-Beitrag ab: „Für alle, die noch immer im Unklaren sind, ob Masken gegen COVID schützen: hier eine neue amerikanische Mega-Studie, die über 1.700 Studien auswertet. Der Nutzen der Masken ist sehr groß, unumstritten und gilt für viele Bereiche.“ Der Tweet verweist auf einen Preprint (eine noch nicht im Peer-Review begutachtete Studie) von sechs amerikanischen Wissenschaftlern mit dem Titel </description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Was macht eine solche Meta-Studie? Ausgangspunkt ist eine konkrete wissenschaftliche Fragestellung, hier: Schützen Gesichtsmasken vor einer Ansteckung mit COVID-19? Dann sucht man mit Hilfe von Stichworten (in der Studie bspw. „masks“, „facemask“, „face covering“ sowie „COVID-19“ und „“Coronovirus infections“) in verschiedenen wissenschaftlichen Datenbanken (z.B. Pubmed, The Cochrane Library) nach einschlägigen empirischen Studien. Mit dieser Vorgehensweise fanden die Autoren insgesamt 2.730 Treffer. Nach Bereinigung von Duplikaten blieben die vom Gesundheitsminister zitierten 1.732 Studien übrig. Diese Studien wurden dann von den Autoren nach bestimmten Kriterien gesichtet. Es verblieben 61 Studien, von denen nur 13 Studien in die Meta-Analyse eingingen. Und hier liegt das erste Problem dieser Meta-Studie: die Autoren verlieren kein Wort über die von Ihnen angelegten Kriterien für die Auswahl der Studien, die für die Reduktion von über 1.700 auf 61 Studien verantwortlich waren. Und warum nur 13 von 61 Studien, die die Kriterien erfüllen, in die Analyse eingehen, bleibt ebenfalls ein Rätsel. Die Auswahl der in einer solchen Analyse berücksichtigten wissenschaftlichen Studien ist aber der entscheidende Schritt, über den vollkommene Transparenz herrschen sollte, da dieser Schritt die Ergebnisse bereits festlegt.</p>
<p><strong>Die Zahlen beruhen auf kaum vergleichbaren Studien</strong></p>
<p>Doch damit nicht genug. Die Studie erfüllt auch nicht die meisten anderen der sog. <a href="https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/pdf/10.1055/s-0033-1350140.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">AMSTAR-Kriterien für Meta-Analysen</a>, wie etwa die Bewertung der wissenschaftlichen Qualität der Studien und deren Berücksichtigung bei den Schlussfolgerungen. Die Autoren haben einfach 243 Covid-19 Fälle unter allen 1539 Teilnehmern der 13 Studien gezählt (alle aus dem Jahre 2020), wovon 97 der Infizierten Masken und 146 keine Masken trugen. Dann haben sie die Zahl 97 durch 1238 (die Gesamtzahl der Personen mit Masken) geteilt, was 7,8 Prozent ergibt. Bei Personen ohne Masken war der Anteil an Infizierten dagegen 52 Prozent. (Wir haben diese Zahlen leicht korrigiert, da sie in der Meta-Analyse widersprüchlich waren.)</p>
<p>Das Problem mit diesen Zahlen ist, dass diese auf kaum vergleichbaren Studien beruhen. Die 13 Studien bestehen aus randomisierten Experimenten, aber auch Befragungen und Fallstudien, wobei die jeweiligen Studienteilnehmer häufig alles andere als repräsentativ für die jeweilige Bevölkerung sind. In der Analyse erhalten alle diese Studien dasselbe Gewicht. Aber sollte nicht beispielsweise eine Studie mit einer repräsentativen Stichprobe und kontrolliertem Maskentragen ein höheres Gewicht erhalten als eine Studie, in der nur Pflegekräfte in Krankenhäusern berücksichtigt werden und lediglich gefragt wurde, ob Masken getragen wurden?&nbsp;</p>
<p><strong>Wirksamkeit des Maskentragens lässt sich nicht pauschal messen </strong></p>
<p>Man kann die Wirksamkeit von Maskentragen auch nicht pauschal messen. Die Autoren der Meta-Studie berichten selbst, dass das Tragen von Masken in Kliniken die Gefahr sich zu infizieren von 33 auf 8 Prozent reduziert, außerhalb von Kliniken jedoch von 83 auf 6 Prozent. Dabei wird nicht gesagt, auf welchen Zeitraum sich die Reduktion bezieht und auf welche Bedingungen die Ausgangsrisiken gemessen wurden.</p>
<p>Es gibt bessere Meta-Analysen, zum Beispiel von <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/rmv.2336" target="_blank" rel="noreferrer">Kim und Kollegen</a>, welche die unterschiedliche Wirksamkeit verschiedener Masken in Gesundheitseinrichtungen aufzeigen und auch die Notwendigkeit weiterer randomisierter Studien mit Menschen aus der Allgemeinbevölkerung unterstreichen.&nbsp; Eine solche <a href="https://www.science.org/doi/10.1126/science.abi9069" target="_blank" rel="noreferrer">randomisierte Studie mit 342.000 Teilnehmern in Bangladesh</a> berichtete etwa, dass ein Anstieg des Maskentragens von 13 auf 42 Prozent mit einer Reduktion von Covid-Erkrankungen innerhalb von neun Wochen von 8,6 auf 7,6 Prozent einher ging. Wie bei Impfungen, beträgt die Wirksamkeit nicht 100 Prozent, sondern sie hängt von vielen Faktoren ab.&nbsp; Die aktuellsten Meta-Studien finden sich in dem seit 2020 immer wieder auf den neuesten Stand gebrachten <a href="https://www.acpjournals.org/doi/10.7326/L22-0272" target="_blank" rel="noreferrer">„Living Rapid Review“</a>. Er zeigt derzeit, dass das korrekte Tragen von Masken die Wahrscheinlichkeit, sich im Alltag mit Corona zu infizieren, etwas reduziert und insbesondere andere schützt.</p>
<p>Es ist verständlich, dass ein Gesundheitsminister nicht die Zeit hat, die Vielzahl der Studien gründlich zu lesen. Aber er sollte eigentlich Hilfe erhalten. Sich auf einen schlecht gemachten Preprint zu berufen, kann seinem Anliegen mehr schaden als es nutzt.</p><div class="well"><p><strong>Ihre Ansprechpartner/in dazu:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Gerd Gigerenzer,&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp;Tel.: (030) 805 88 519<br> Prof. Dr. Thomas K. Bauer (RWI),&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp;Tel.: (0201) 8149-264<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-213, <a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de">sabine.weiler@rwi-essen.de</a>&nbsp;</p></div><p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>. Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter </em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> abrufbar.</em></small></span></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Neu erschienen: </em><a href="https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/gruene_fahren_suv_und_joggen_macht_unsterblich-17321.html" target="_blank" rel="noreferrer"><em>„Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“</em></a><em>, das zweite Unstatistik-Buch (ISBN 9783593516080), erhältlich im Buchhandel zum Preis von 22 Euro.</em></small></span></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter <a href="mailto:presse@rwi-essen.de">presse@rwi-essen.de</a>. </em></small></span><span class="text-muted"><small><em>Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></small></span></p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Wed, 27 Jul 2022 09:12:00 +0200</pubDate>
                        <title>Dickere Kinder als Folge der Pandemie-Zeit?</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/dickere-kinder-als-folge-der-pandemie-zeit
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik Juli 2022 ist nochmals eine Zahl zum Thema Corona und Übergewicht. Bereits in der Unstatistik vom Juli 2021 hatten wir darauf hingewiesen, dass die von der TU München kolportierte coronabedingte Zunahme von 5,6 kg pro Bundesbürger auf einem statistischen Trugschluss beruht – man hatte nur die Menschen ausgewertet, die tatsächlich zugenommen hatten. Ähnlich angreifbar sind die Methoden, mit denen das gleiche Institut im Verbund mit anderen jetzt in einer repräsentativen Eltern-Umfrage  eine drastische Zunahme an „dicken“ Kindern gefunden haben will.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>"Zusammen mit einer ungesunden Ernährung und einem extensiven Medienkonsum ist Übergewicht eine schlimme Folge der Pandemiezeit,“ schreibt etwa das <a href="https://www.aerzteblatt.de/archiv/226004/Praevention-Fataler-Dreiklang" target="_blank" rel="noreferrer">Deutsche Ärzteblatt</a>. „Fast jedes sechste Kind in Deutschland hat seit dem Beginn der Coronapandemie an Gewicht zugelegt. Bei den Zehn- bis Zwölfjährigen betrifft das mit 32 Prozent sogar fast ein Drittel, wie eine Forsa-Umfrage für die Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) und das Else Kröner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin (EKFZ) an der Technischen Universität (TU) München ergab.“</p>
<p><strong>„Deutlich dünner“: Erhobene Informationen bleiben vage</strong></p>
<p>Angesichts dieser Zahlen muss man sich wundern, warum nicht noch mehr Kinder während der Corona-Pandemie an Gewicht zugelegt haben. Sie sind ja in dieser Zeit auch zwei Jahre älter geworden. Und im Alter zwischen 10 und 12 Jahren gewinnt ein Kind in aller Regel mit oder ohne Corona einige Kilo an Gewicht. Dieser Effekt wird bei der Umfrage nur ungenügend neutralisiert. Forsa ließ die rund 1000 im März und April 2022 befragen Eltern nur entscheiden, ob ihr Kind in den vergangenen zwei Jahren der Pandemie dünner oder dicker geworden sei. Nur zwei Prozent der Eltern gaben an: Mein Kind ist „deutlich dicker“ geworden. Ein Prozent votierte für „deutlich dünner“. Auf jeden Fall, und in dem Umfang, wie diese Angaben zutreffen und die Stichprobe als repräsentativ zu werten ist, sind damit 98 Prozent der deutschen Kinder während der Corona Pandemie nicht deutlich dicker geworden,</p>
<p>Auch die Definition von „deutlich dicker“ wird den Eltern überlassen, es bleibt unklar, was „etwas“ und „deutlich“ in Gramm oder Kilogramm bedeuten. Mit solchen Daten lässt sich statistisch alles oder nichts beweisen. Belastbare aktuelle Daten aus bundesweit repräsentativen Gewichtserhebungen in der Altersgruppe „3 bis 17 Jahre“ gibt es derzeit nicht. Für die Jahre 2014 bis 2017 meldete eine Erhebung des Robert-Koch-Instituts in Deutschland 5,9 Prozent fettleibige Kinder. Der jährlich erscheinende, nicht repräsentative DAK-Kinder-Jugendreport beziffert die kindliche Adipositasquote für 2020 auf 3,7 Prozent. Die Zunahme von 2019 auf 2020 beträgt 1,9 je 1.000 Kinder, also eine Veränderung um knapp 0,2 Prozentpunkte.* Ob diese Zahlen während der Corona-Pandemie weiter zu- oder abgenommen haben, wäre sicher interessant zu wissen. Die in den deutschen Medien viel zitierte und skandalisierte Forsa-Umfrage sagt dazu leider nicht sehr viel.</p>
<p><em>Anm. d. Red.<br> Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) schickte Unstatistik-Autor Prof. Dr. Walter Krämer am 21.07.2022 folgende Stellungnahme zur Umfrage.</em><br> <em>„Die Ermittlung von Lebensgewohnheiten und der Gewichtsentwicklung mittels Umfragen, wie im vorliegenden Fall, unterliegt methodischen Einschränkungen. Darauf haben wir im Rahmen unserer <a href="https://eu-central-1.protection.sophos.com?d=adipositas-gesellschaft.de&amp;u=aHR0cHM6Ly9hZGlwb3NpdGFzLWdlc2VsbHNjaGFmdC5kZS9mb3JzYS11bWZyYWdlLXplaWd0LWZvbGdlbi1kZXItY29yb25hLWtyaXNlLWZ1ZXIta2luZGVyLWdld2ljaHRzenVuYWhtZS13ZW5pZ2VyLWJld2VndW5nLW1laHItc3Vlc3N3YXJlbi1qZWRlcy1zZWNoc3RlLWtpbmQtaXN0LWRpY2tlci1nZXdvcmRlbi8=&amp;i=NWYzZTUxMzMyZjlmYmIwZGU2MzMyNTEx&amp;t=ajJpT08vY0dvaXg1V0JoSzNYUzNvWEFFTXN1MzBSSnk1TURvMWlxVk1jTT0=&amp;h=030816e1e6574fdda5455e7d76f10a40" target="_blank" rel="noreferrer">Pressemitteilung</a> hingewiesen und die Ergebnisse unter Bezugnahme auf Daten von Krankenkassen sowie regionalen Studien auf Basis gemessener Daten eingeordnet. In Anbetracht dieses „body of evidence“ gibt es keinen Anlass, an dem Ergebnis unserer repräsentativen Befragung bzw. der ermittelten Elterneinschätzungen zu zweifeln. Eine Abfrage wie von Ihnen gewünscht, in der Eltern exakt beziffern sollten, wie viel Kilogramm oder gar Gramm ihre Kinder – die sich nun mal im Wachstum befinden – über das Normalmaß hinaus zugenommen haben, wäre mit einer zu großen statistischen Unsicherheit behaftet gewesen.“ </em></p>
<p>*Dieser Satz wurde am 29.07.2022 ergänzt.</p><div class="well"><p><strong>Ihre Ansprechpartner/in dazu:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Walter Krämer, <a href="mailto:walterk@statistik.uni-dortmund.de">walterk@statistik.uni-dortmund.de</a><br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-213, <a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de">sabine.weiler@rwi-essen.de</a>&nbsp;</p></div><p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>. Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter </em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> abrufbar.</em></small></span></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter <a href="mailto:presse@rwi-essen.de">presse@rwi-essen.de</a>. </em></small></span><span class="text-muted"><small><em>Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></small></span></p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Thu, 30 Jun 2022 09:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Falsch positive Chatkontrolle</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/falsch-positive-chatkontrolle
                                            
                                    
                            
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                        <description>Seit Mitte Mai werden die Pläne der EU zur anlasslosen Durchsuchung von Mail- und Messenger-Inhalten heiß diskutiert. Die Unstatistik des Monats Juni beschäftigt sich mit der Behandlung des Gesetzentwurfs durch die Medien und die Bundesregierung. Sie zeigt, welche statistischen Tücken solche auf Algorithmen basierenden Kontrollen haben können.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Einerseits wurden die mit dem Gesetz verbundenen Eingriffe in die Privatsphäre der Nutzer und die statistischen Probleme durchaus abgewogen: „Laut EU sollen die Provider Scan-Methoden verwenden, die nach dem Stand der Technik in der Branche den geringsten Eingriff in die Privatsphäre darstellen – auch um Fehlalarme so weit wie möglich [zu] begrenzen“, schreibt der <a href="https://www.deutschlandfunk.de/chatkontrolle-eu-messenger-kindesmissbrauch-scanning-durchsuchung-kommission-gesetzentwurf-100.html" target="_blank" rel="noreferrer">Deutschlandfunk</a>. Andererseits haben mehr als 70 Grundrechtsorganisationen dennoch – und aus statistischer Sicht zu Recht – gegen das Gesetz protestiert und u.a. <a href="https://www.heise.de/news/Chatkontrolle-Grundrechtsorganisationen-protestieren-gegen-EU-Entwurf-7134657.html" target="_blank" rel="noreferrer">eine Petition dagegen gestartet</a>. Auch Volker Wissing, Minister für Digitales und Verkehr, will laut <a href="https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/re-publica-2022-volker-wissing-will-die-chatkontrolle-verhindern-18092050.html" target="_blank" rel="noreferrer">FAZ</a> „mit allen Argumenten dagegen vorgehen“. Inzwischen hat die Bundesregierung einen Katalog mit 61 kritischen Fragen an die EU-Kommission geschickt, der auf dem Portal <a href="https://netzpolitik.org/2022/chatkontrolle-bundesregierung-loechert-eu-kommission-mit-kritischen-fragen/#2022-06-10_BuReg_Fragenkatalog" target="_blank" rel="noreferrer">Netzpolitik.org</a> veröffentlicht wurde.</p>
<p>Die hier interessierende Frage Nr. 7 des Katalogs beschäftigt sich mit der Problematik der möglichen falsch positiven Treffer: „Wie ausgereift sind die modernen Technologien zur Vermeidung falsch positiver Treffer? Welcher Anteil an falsch-positiven Treffern ist zu erwarten, wenn Technologien zum Nachweis von Grooming eingesetzt werden? Hält es die COM [Kommission] zur Verringerung der falsch-positiven Treffer für notwendig, vorzuschreiben, dass Treffer nur dann veröffentlicht werden, wenn die Methode bestimmte Parameter erfüllt (z.B. eine Trefferwahrscheinlichkeit von 99,9%, dass der betreffende Inhalt angemessen ist)?“</p>
<p>Diese Frage legt die Vermutung nahe, dass trotz aller Debatten um falsch positive Corona-Tests immer noch sehr wenige politische Entscheidungsträger und Medienvertreter die Brisanz dieses Problems erkannt haben. Denn bei einer schier unvorstellbaren Zahl an täglich verschickten Nachrichten, von denen lediglich ein (glücklicherweise) sehr kleiner Anteil missbräuchliche Inhalte enthält, führt selbst ein exzellenter Algorithmus zu einer sehr großen Zahl an Fehlalarmen.</p>
<p>Allein auf WhatsApp und allein in Deutschland werden pro Tag rund 3 Milliarden Nachrichten verschickt (siehe Beiträge von <a href="https://www.chip.de/news/Wieviele-WhatsApp-Nachrichten-pro-Tag-versandt-werden_183093038.html" target="_blank" rel="noreferrer">Chip.de</a> und <a href="https://www.messengerpeople.com/de/whatsapp-nutzerzahlen-deutschland/" target="_blank" rel="noreferrer">Messengerpeople.com</a>). Angenommen, nur 0,0001 Prozent, also insgesamt 3.000 aller dieser Nachrichten, enthalten unangemessene Inhalte. Dann werden 99,9 Prozent davon oder 2.997 Nachrichten entdeckt. Zugleich werden jedoch von den nach wie vor fast 3 Milliarden „unschuldigen“ Nachrichten 0,1 Prozent, also fast 3 Millionen Nachrichten, als unangemessen fehlklassifiziert. Die wären dann mit einem weiteren Algorithmus oder schlimmstenfalls von Menschen erneut zu prüfen. Und das jeden Tag.</p>
<p>Selbst mit einer viel besseren Methode, die 99,999 Prozent aller Nachrichten korrekt als „angemessen“ oder „unangemessen“ erkennt, kommen auf jede richtigerweise als unangemessen erkannte Nachricht zehn Nachrichten, die vom Algorithmus zu Unrecht als unangemessen deklariert werden.</p>
<p>Nun könnte man einwenden, dass Algorithmen nicht nur einzelne Nachrichten klassifizieren, sondern ganze Chatverläufe. Das verschiebt aber lediglich das Problem. Denn im Zweifelsfall müssen zwar weniger, aber dafür umso längere Nachrichtenverläufe zusätzlich geprüft werden. Das Risiko, dass ein von einer KI-Anwendung verdächtigter Nutzer zu Unrecht ins Visier gerät, bleibt auf jeden Fall unzumutbar hoch.</p>
<p>Und das ist es, was die Chatkontrolle für beide Seiten unverhältnismäßig macht. Für den Bürger, der selbst beim Einsatz moderner Technologien mit hoher Wahrscheinlichkeit unschuldig ist, wenn er verdächtigt wird. Und für Behörden, die dann kaum noch etwas anderes zu tun haben, als zu Unrecht Verdächtigte wieder zu entlasten. Wenn Minister Wissing und der Rest der Bundesregierung es ernst meinen damit, alle Argumente auf den Tisch zu bringen, dann sollte dieses Argument auf dem Silbertablett serviert werden.</p>
<p><em>Anm. d. Red.:<br> Gegenüber der ersten Fassung der Pressemitteilung ist eine Korrektur eingefügt, zudem hat uns ein Hinweis der Europäischen Kommission erreicht:</em><br> -&nbsp;<em>Im ersten Absatz hieß es: "Der Gesetzentwurf wie auch seine Behandlung durch die Medien und die Bundesregierung sind unsere Unstatistik des Monats Juni. Denn schon allein aus statistischen Gründen schlägt die EU mit der angestrebten Chatkontrolle einen Irrweg ein.“ Tatsächlich ist der Gesetzentwurf selbst jedoch nicht Gegenstand der Unstatistik, daher haben wir die Formulierung entsprechend angepasst auf &nbsp;„Die Unstatistik des Monats Juni beschäftigt sich mit der Behandlung des Gesetzentwurfs durch die Medien und die Bundesregierung. Sie zeigt, welche statistischen Tücken solche auf Algorithmen basierenden Kontrollen haben können.“</em><br> -&nbsp;<em>Die Europäische Kommission hat uns gebeten, explizit darauf hinzuweisen, dass die in diesem Unstatistik-Text verwendeten Zahlenbeispiele nicht auf Angaben der Europäischen Kommission beruhen. Nach den Berechnungen, die den Angaben der Europäischen Kommission zugrunde liegen, wären bei einer Fehlerwahrscheinlichkeit von 0,1 Prozent und bei 3000 vorab als potenziell kritisch geflaggten Bildern insgesamt 3 falsch positive Bilder zu erwarten.&nbsp;Zudem gehe der Kommissionsvorschlag auch nicht von einer „anlasslosen Kontrolle“ aus, sondern versuche, von einer flächendeckenden Bildersuche zu einer gezielten überzuleiten, die nur dann überhaupt in Erwägung gezogen werden soll, wenn andere Mittel scheitern.</em></p><div class="well"><p><strong>Ihre Ansprechpartnerinnen dazu:</strong><br> Katharina Schüller (STAT-UP), Tel.: (089) 34077-447<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-213, <a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de">sabine.weiler@rwi-essen.de</a></p></div><p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>. Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter </em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> abrufbar.</em></small></span></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter <a href="mailto:presse@rwi-essen.de">presse@rwi-essen.de</a>. </em></small></span><span class="text-muted"><small><em>Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></small></span></p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Tue, 31 May 2022 11:15:00 +0200</pubDate>
                        <title>WHO-Studie zur Corona-Übersterblichkeit nutzt störanfällige Methode</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/who-studie-zur-corona-uebersterblichkeit-nutzt-stoeranfaellige-methode
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats Mai ist eine Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO zur Übersterblichkeit im Zusammenhang mit COVID-19. Laut dieser Studie gab es in Deutschland in den Jahren 2020 und 2021 knapp 200.000 Todesfälle mehr als ohne Pandemie zu erwarten gewesen wäre. Bezogen auf die Bevölkerungsgröße kommt die WHO für viele europäische Nachbarn – wie Dänemark, Frankreich oder die Schweiz – auf deutlich niedrigere Werte, und selbst Länder wie Großbritannien oder Spanien liegen noch knapp unter dem deutschen Wert.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Diese Zahlen überraschen, ging man bisher doch allgemein davon aus, dass Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern gut durch die Pandemie gekommen sei. Berichte zur hohen Übersterblichkeit gab es zum Beispiel in <a href="https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/hohe-uebersterblichkeit-in-deutschland-in-der-corona-pandemie-18020243.html" target="_blank" rel="noreferrer">FAZ</a>, <a href="https://www.bild.de/politik/inland/politik-inland/corona-zeugnis-der-who-deutschland-schlecht-durch-die-pandemie-gekommen-80002048.bild.html" target="_blank" rel="noreferrer">Bild</a>, und <a href="https://www.cicero.de/innenpolitik/who-studie-ubersterblichkeit-in-deutschland-auffallig-hoch-die-unfehlbaren-lernen-nicht" target="_blank" rel="noreferrer">Cicero</a>. Sie weichen auch deutlich von denen des Statistischen Bundesamtes ab, das für <a href="https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2021/12/PD21_563_12.html" target="_blank" rel="noreferrer">2020</a> und <a href="https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2022/01/PD22_014_126.html" target="_blank" rel="noreferrer">2021</a> zusammen von einer Übersterblichkeit von gut 70.000 Fällen in Deutschland ausgeht. Die Statistiker Giacomo De Nicola, Göran Kauermann und Michael Höhle kommen in zwei <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s11943-021-00297-w" target="_blank" rel="noreferrer">aktuellen</a> <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s11943-022-00303-9" target="_blank" rel="noreferrer">Studien</a> sogar nur auf etwa 30.000 zusätzliche Todesfälle im gleichen Zeitraum. Wie kann das sein?</p>
<p><strong>„Die“ Übersterblichkeit gibt es nicht</strong></p>
<p>Grundsätzlich versteht man unter dem Begriff „Übersterblichkeit“ die Differenz zwischen den tatsächlich beobachteten Todesfällen und der Anzahl, die statistisch gesehen zu erwarten gewesen wäre. Wie viele Menschen tatsächlich sterben, wird in einem Land mit guter Bevölkerungsstatistik wie Deutschland recht genau erfasst. Für die Berechnung der erwarteten Todesfälle gibt es aber mehrere gängige Verfahren, die jeweils zu einer etwas anderen Übersterblichkeit führen. So verwendet das Statistische Bundesamt meist ganz einfach den Median im gleichen Zeitraum der letzten vier Jahre als Erwartung. De Nicola, Kauermann und Höhle berücksichtigen zusätzlich zu den reinen Sterbezahlen der Vergangenheit auch die Entwicklung der Altersverteilung, denn in Deutschland kommt es allein durch das Älterwerden der Bevölkerung jedes Jahr tendenziell zu mehr Todesfällen.</p>
<p><strong>Kurzfristige Zufallsschwankungen können WHO-Methode beeinflussen</strong></p>
<p>Die WHO wiederum benutzt für ihre Studie ein relativ komplexes Verfahren, um aus den Sterbefällen der Jahre 2015 bis 2019 eine Erwartung für die Jahre 2020 und 2021 zu berechnen. Dieses Verfahren ist grundsätzlich sehr flexibel, hat aber leider einen erheblichen Nachteil: es kann leicht von kurzfristigen Zufallsschwankungen beeinflusst werden. Genau das verursacht bei den deutschen Daten ein Problem: 2018 gab es durch eine starke Grippewelle ungewöhnlich viele Todesfälle, 2019 war der Wert hingegen eher niedrig. Das WHO-Verfahren lässt sich von dieser Schwankung irritieren und interpretiert sie fälschlich als Beginn eines deutlichen Abwärtstrends bei der Sterblichkeit. Dies führt dann zu der unplausiblen „Erwartung“, dass ohne Pandemie die Anzahl der Todesfälle in Deutschland in den Jahren 2020 und 2021 im Vergleich zu den Vorjahren deutlich zurückgegangen wäre, was dann wiederum automatisch zu der hohen berichteten Übersterblichkeit führt.</p>
<p>Dieser Nachteil der WHO-Methode betrifft im Prinzip nicht nur Deutschland, und muss auch nicht immer dazu führen, dass die Übersterblichkeit überschätzt wird. So scheinen zum Beispiel in der WHO-Studie die Zahlen für Schweden, das durch seine Pandemiepolitik stets besondere Aufmerksamkeit erfährt, für die Jahre 2020 und 2021 mit Blick auf den langfristigen Trend deutlich zu niedrig.</p>
<p>Fazit: die überraschenden Zahlen der WHO zur Übersterblichkeit sind zu einem großen Teil ein ungewollter Nebeneffekt einer eher ungewöhnlichen Berechnungsmethode, und für Deutschland wahrscheinlich sehr deutlich zu hoch. Auch bei Verwendung plausiblerer Methoden sollte die Übersterblichkeit zudem nicht als alleiniges Maß für einen Ländervergleich der Effektivität von Corona-Maßnahmen verwendet werden, da diese auch von vielen anderen Faktoren, wie zum Beispiel der jeweiligen Altersverteilung, beeinflusst wird.</p>
<p>Die an der Entwicklung der WHO-Methodik beteiligten Wissenschaftler haben als Reaktion auf die Kritik inzwischen <a href="https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/134232/Uebersterblichkeit-WHO-Autoren-korrigieren-Daten-fuer-Deutschland-und-Schweden?rt=ff80d020c2ebebc14a0c4887f10129a4" target="_blank" rel="noreferrer">neue Zahlen</a> für Deutschland und Schweden genannt. Mit gut 120.000 Todesfällen für die Jahre 2020 und 2021 liegt der neue Wert für Deutschland aber weiterhin ungewöhnlich deutlich über den Werten aus anderen Studien.</p><div class="well"><p><strong>Ihre Ansprechpartner dazu:</strong><br> Prof. Dr. Christoph Rothe (Universität Mannheim), Tel.: +49 (0) 621 181 1921<br> Leonard Knollenborg (Kommunikation RWI), Tel.: +49 (0) 201 8149-210, <a href="mailto:leonard.knollenborg@rwi-essen.de">leonard.knollenborg@rwi-essen.de</a></p></div><p><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. In diesem Monat hat der Gastautor Christoph Rothe, Inhaber des Lehrstuhls für Statistik an der Universität Mannheim, die „Unstatistik“ verfasst. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>.</em><em> Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter </em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> </em><em> abrufbar.</em></small></p>
<p><small><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter </em><a href="mailto:presse@rwi-essen.de"><em>presse@rwi-essen.de</em></a>.<em> Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></small></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2022</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Wed, 27 Apr 2022 16:49:00 +0200</pubDate>
                        <title>Künstliche Intelligenz schafft falsche Bilder</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/kuenstliche-intelligenz-schafft-falsche-bilder
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats April zeigt die Grenzen und Probleme eines KI-Algorithmus, der Youtube-Sprachaufnahmen in Porträts umwandelt. Die Berichterstattung über die KI-Anwendung erfolgt im deutschsprachigen Raum eher unreflektiert und verdeutlicht, wie notwendig grundlegende Statistik-Kompetenzen auch für Journalistinnen und Journalisten sind.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<hr>
<p class="x_xxmsonormal">„Sprich nur ein Wort und ich weiß, wie du aussiehst.“ Glaubt man aktuellen <a href="https://www.digitec.ch/de/page/ki-wandelt-sprache-in-portraets-mit-forschenden-gelingt-erstaunliches-23378" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Blogbeiträgen</a>, die im April in einigen sozialen Medien geteilt wurden, so kann ein KI-Algorithmus aus Youtube-Sprachaufnahmen die Gesichter der Sprechenden rekonstruieren – in „<a href="https://www.slashcam.de/news/single/KI-generiert-erschreckend-exakte-Portraits---nur-a-17142.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">erschreckend exakten Porträts</a>“. Dazu genügten der „Künstlichen Intelligenz“ (KI) schon wenige Sekunden einer Stimmaufnahme.</p>
<p class="x_xxmsonormal">Erschreckend ist dabei in erster Linie die Überschätzung dessen, was ein solcher, schon 2019 erstmals vorgestellter Algorithmus wirklich leisten kann. Stutzig machen sollten dabei schon die rein qualitativen Aussagen, mit denen die Verfasser der Internet-Artikel die angebliche Präzision der KI-Anwendung beschreiben. So ist von „überraschend hoher Ähnlichkeit“ die Rede; es gebe „eine hohe Anzahl von Übereinstimmungen“ und lediglich „<a href="https://www.infobae.com/de/2022/04/09/beeindruckendes-programm-fur-kunstliche-intelligenz-das-gesichter-aus-audios-nachbildet/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">einige Mängel, bei denen ethnische Zugehörigkeit, Alter oder Geschlecht nicht mit der verwendeten Sprachprobe übereinstimmten</a>“. Die deutschsprachigen Beiträge beziehen sich nicht auf die Originalstudie, sondern auf einen <a href="https://petapixel.com/2022/04/04/this-ai-can-make-an-eerily-accurate-portrait-using-only-your-voice/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Artikel im Fotografie-Portal PetaPixel</a>, der von einer „KI mit unheimlichen Ergebnissen“ schreibt. Doch was haben die Autoren dieser geheimnisvollen Studie „<a href="https://arxiv.org/pdf/1905.09773.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Speech2Face: Learning the Face Behind a Voice</a>“ tatsächlich erreicht?</p>
<p class="x_xxmsonormal">Letztlich haben sie einfach Korrelationen ermittelt, die zwischen dem zeitlichen Verlauf der Frequenzen einer Audioaufnahme von Stimmen und zwölf Merkmalen der zugehörigen Gesichter bestehen. Diese Korrelationen liegen zwischen 0,11 für die Kieferbreite und 0,38 für den nasalen Index, also das Verhältnis zwischen Nasenlänge und -breite. Das Quadrat des Korrelationskoeffizienten sagt, zu wie viel Prozent ein Merkmal durch ein anderes erklärt werden kann. Damit lässt sich zwischen 1,2 Prozent und 14,4 Prozent der Variation einzelner Gesichtsmerkmale durch die Variation in den Audioaufnahmen erklären. Auffällig ist dabei, dass elf von zwölf Merkmalen Nasen- und Mundpartie beschreiben (und damit eng miteinander zusammenhängen); nur eines bezieht sich auf den Augenabstand. Der <a href="https://arxiv.org/pdf/1901.10436.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Referenzartikel</a>, den die Forscher bezüglich ihrer Gesichtsvermessung angeben, beschreibt jedenfalls erheblich mehr Merkmale. Damit stellt sich die Frage, ob nur ausgewählte Gesichtsmerkmale untersucht wurden (und warum) – oder ob weitere zwar untersucht, aber im Artikel einfach weggelassen wurden, womöglich weil sie nicht mit den Sprachmustern korrelierten.</p>
<p class="x_xxmsonormal"><strong>Je klischeehafter die Vorlagen, desto ähnlicher die KI-Porträts</strong></p>
<p class="x_xxmsonormal">Im Weiteren wird schnell deutlich: Je stärker Gesichter und Sprache einem Klischee von Alter, Geschlecht und Ethnizität entsprechen, umso ähnlicher erscheint das künstlich erzeugte Porträt. Wahre Identitäten kann der Algorithmus nicht entdecken oder gar rekonstruieren. Das zeigt sich sehr deutlich in den quantitativen Bewertungen, die die KI-Forscher vornehmen. Das Erkennen des Geschlechts einer Person aus dem Frequenzspektrum der Stimme ist ja relativ einfach, und so kann der Algorithmus 94 Prozent der Männer und Frauen ihrem wahren Geschlecht zuordnen. Doch zeigt der Algorithmus bei Alter und Ethnizität hohe Fehlerquoten. Jüngere Sprecher werden eher etwas älter, ältere eher etwas jünger eingeschätzt – eine typische Tendenz zur Mitte. Die zeigt sich konkret darin, dass fast unabhängig von Alter der Algorithmus die meisten Sprecher zwischen 30 und 50 Jahre einordnet. Die relativ meisten Treffer, 35 Prozent, gibt es übrigens bei den 70+-Jährigen. Ganz junge Menschen unter 20 wurden in 100 Prozent der Fälle fälschlicherweise älter eingeschätzt.</p>
<p class="x_xxmsonormal">39 Prozent der „Weißen“ und 50 Prozent der „Asiaten“ werden falsch zugeordnet, wobei letztere häufiger richtig klassifiziert werden, wenn sie chinesisch sprechen. Aber ganze 87 Prozent der „indischen“ und 89 Prozent der „schwarzen“ Gesichter sind falsch klassifiziert. Begründet wird das im Nachhinein mit einer nicht repräsentativen Stichprobe – also mit algorithmischer Verzerrung durch eine schlechte Datenauswahl. Ob die Ergebnisse mit besseren (eher dem Klischee entsprechenden?) Daten besser wären, sei dahingestellt.</p>
<p class="x_xxmsonormal">Über die Trefferquote bei einer Kombination von Geschlecht, Alter und Ethnizität verlieren die Autoren kein Wort. Es bleibt also völlig offen, wie oft eine 30-jährige „schwarze“ Frau richtig als solche erkannt wird. Überschlägig geschätzt – 94 Prozent der Frauen, 11 Prozent der „Schwarzen“ und 32 Prozent der 30-Jährigen werden richtig erkannt – käme man bei Unabhängigkeit der Ergebnisse auf 94 Prozent * 11 Prozent * 32 Prozent = 3,3 Prozent. Das ist nicht sehr viel.</p>
<p class="x_xxmsonormal"><strong>Deutschsprachige Berichterstattung geht nicht auf eth(n)ische Fragen ein</strong></p>
<p class="x_xxmsonormal">PetaPixel zitiert den Fotografen Tom Smith mit den Worten: „In gewisser Weise ist das System also ein bisschen wie dein rassistischer Onkel. Es glaubt, dass es die Rasse oder den ethnischen Hintergrund einer Person immer daran erkennen kann, wie sie klingt - aber das ist oft falsch.“ In den deutschsprachigen Beiträgen findet sich keine derart kritische Sichtweise. Spätestens damit ist klar, dass eine solche KI-Awendung erhebliche ethische Fragen aufwirft, auch wenn sie nur dazu dienen soll, „plausible Gesichter“ von Avataren – also virtueller Doppelgänger von Internetnutzern oder Computerspielern – automatisch zu erzeugen.</p>
<p class="x_xxmsonormal">Es sind keine Fragen nach dem Datenschutz oder einem Eingriff in die Privatsphäre, obwohl die Autoren der Studie oder der Blogbeiträge diese erwähnen und sogleich entkräften. Denn dafür ist der Algorithmus schlicht untauglich. Es sind vielmehr Fragen, wie KI dazu beitragen kann, Stereotype zu konstruieren und damit Vorurteile über Menschen und schlimmstenfalls Diskriminierung zu verfestigen. Google soll im Jahr 2020 übrigens eine seiner Top-Forscherinnen gefeuert haben, weil sie genau solche Fragen gestellt haben soll. Das zeigt eindringlich, dass Daten und Algorithmen nicht neutral sind und dass eine statistische Grundbildung unerlässlich ist, um die möglichen Auswirkungen solcher Analysen auf unser aller Leben zu verstehen und uns entsprechend selbstbestimmt zu verhalten. Insbesondere Journalistinnen und Journalisten sollten&nbsp; sich in Sachen Statistik-Kompetenz so weit fit machen, dass sie reflektiert und nicht derart kritiklos über solche KI-Anwendungen berichten.</p><div class="well"><p><strong>Ihre Ansprechpartner/in dazu:</strong><br> Katharina Schüller (STAT-UP), Tel.: (089) 34077-447<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-213, <a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de">sabine.weiler@rwi-essen.de</a></p></div><p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>. Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter </em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> abrufbar.</em></small></span></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter <a href="mailto:presse@rwi-essen.de">presse@rwi-essen.de</a>. </em></small></span><span class="text-muted"><small><em>Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></small></span></p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                                <category>2022</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Tue, 29 Mar 2022 14:53:07 +0200</pubDate>
                        <title> Jedes fünfte Kind in Deutschland gilt als arm – und das wird so bleiben</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/jedes-fuenfte-kind-in-deutschland-gilt-als-arm-und-das-wird-so-bleiben
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats März zeigt, warum voraussichtlich auch künftig jedes fünfte deutsche Kind als arm gelten wird: Als armutsgefährdet beziehungsweise arm gelten Kinder, wenn ihre Eltern arm sind, und die sind arm, wenn das Familieneinkommen 60 Prozent des nationalen Durchschnitts unterschreitet. Die Armutsquote ist also am gesellschaftlichen Durchschnittseinkommen angebunden, statt beispielsweise an den Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe anzuknüpfen.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<hr>
<p>„<a href="https://www.rnd.de/politik/armut-jedes-fuenfte-kind-in-deutschland-armutsgefaehrdet-YXBTHGKPW35MWOGYQMAYLKZM5Y.html" target="_blank" rel="noreferrer">Weiterhin jedes fünfte Kind in Deutschland armutsgefährdet</a>“, meldete das Redaktionsnetzwerk Deutschland am 13. März. Diese Meldung, die ähnliche Meldungen von vor anderthalb Jahren fast wörtlich dupliziert, wurde vielfach nachgedruckt (u.a. in <a href="https://www.welt.de/politik/deutschland/article237510475/Vor-allem-in-Bremen-Jeder-fuenfte-Jugendliche-in-Deutschland-ist-armutsgefaehrdet.html" target="_blank" rel="noreferrer">Welt</a>, <a href="https://www.bild.de/regional/stuttgart/stuttgart-aktuell/schock-zahlen-jedes-fuenfte-kind-armutsbedroht-79439114.bild.html" target="_blank" rel="noreferrer">Bild</a>, <a href="https://www.faz.net/agenturmeldungen/dpa/jeder-fuenfte-jugendliche-armutsgefaehrdet-das-ist-geplant-17873833.html" target="_blank" rel="noreferrer">FAZ</a>) und in den öffentlich-rechtlichen Medien verbreitet (u.a. <a href="https://www.tagesschau.de/inland/kinderarmut-155.html" target="_blank" rel="noreferrer">tagesschau.de</a>, <a href="https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/jedes-fuenfte-kind-in-deutschland-von-armut-bedroht,Szx9BS3" target="_blank" rel="noreferrer">BR24</a>, <a href="https://www.zdf.de/nachrichten/wirtschaft/armut-jugendliche-energiepreise-100.html" target="_blank" rel="noreferrer">ZDF</a>). Sie ist aus verschiedenen Gründen unsere Unstatistik des Monats März. So hat etwa die hier allein am Einkommen der Eltern festgemachte Armut der Kinder noch eine Vielzahl weiterer hier nicht berücksichtigter bestimmender Faktoren, etwa das Konsumverhalten der Eltern. Was nutzt das beste Einkommen, wenn bei den Kindern nichts davon ankommt? Angreifbar ist auch das schematische Zurechnen von Extrabedarf bei wachsender Kinderzahl. Hier gibt es verschiedene sogenannte Äquivalenzskalen. Und die können dazu führen, dass bei der einen Äquivalenzskala eine Familie arm ist, bei der anderen aber nicht. Viel bedeutender ist jedoch, dass der Informationsgehalt dieser Meldung nahezu Null ist. Denn auch vergangenes Jahr war jedes fünfte Kind armutsgefährdet, das gleiche wird in einem, in zwei, in fünf und in zehn Jahren auch so sein. Warum? Weil die hier zugrundegelegten Armutsmaße so beschaffen sind, dass per Konstruktion jedes fünfte Kind in Deutschland armutsgefährdet sein <strong>muss</strong>.</p>
<p>Kinder gelten als armutsgefährdet beziehungsweise arm (diese beiden Begriffe werden oft synonym verwendet), wenn ihre Eltern arm sind, und die sind arm, wenn das Familieneinkommen 60 Prozent des nationalen Durchschnitts unterschreitet. Bei einer gegebenen Einkommensverteilung (und die ändert sich nur langsam) ist der so berechnete Prozentsatz armer Menschen immer gleich, er liegt derzeit bei 16 Prozent für alle und bei 20 Prozent für Kinder. Letztere gehören überproportional oft „armen“ Familien an. Aber diese Prozentsätze bleiben auch bei wachsendem Einkommen immer gleich. Das heißt, wenn sich das reale Einkommen aller Familien verdoppelt oder verdreifacht, gelten nach der aktuellen Definition weiterhin 20 Prozent aller Kinder als arm.</p>
<p><strong>Armutsquote sollte an Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe anknüpfen</strong></p>
<p>Dieses Anbinden der Armutsquote an einen bestimmten Prozentsatz des Durchschnittseinkommens ist die Kardinalsünde der medialen Armutsberichterstattung. Sie ist wissenschaftlich völlig unhaltbar. Wie etwa von Wirtschaftsnobelpreisträger A.K. Sen überzeugend dargelegt, muss Armut, wenn man dieses Phänomen wirklich ernst nimmt, an den Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe anknüpfen. Die gehen weit über das physische Existenzminimum hinaus, haben aber mit dem Durchschnittseinkommen einer Gesellschaft allenfalls indirekt zu tun. So kann man durchaus darüber debattieren, ob ein funktionierender Zugang zum Internet für eine gesellschaftliche Teilhabe heute nötig ist. Wer den nicht hat, wäre damit arm. Der Punkt ist: ob jemand arm ist oder nicht, hängt alleine davon ab, was jemand selber kann und darf, nicht was andere können oder dürfen.</p>
<p>Beim Anbinden an den gesellschaftlichen Durchschnitt haben wir dagegen die perverse Situation, dass bei einem Umzug von Boris Becker oder Jürgen Klopp von England zurück nach Deutschland die Armut in Deutschland steigen würde. Der Durchschnitt der Einkommen würde wachsen (mal unterstellt, dass Boris Beckers aktuelles Einkommen immer noch den nationalen Durchschnitt übersteigt), und damit auch der Anteil derjenigen, die weniger als 60 Prozent dieses Durchschnitts verdienen. Dieser Perversion versucht man zwar, durch Verwendung des Medians statt des arithmetischen Mittels die Spitze zu nehmen (der Median ist das Einkommen, das in der Mitte liegt, also von der Hälfte unter- und von der Hälfte überschritten wird), aber es bleibt die völlig sachwidrige Option, dass die Armut durch das reicher werden gewisser Menschen zunimmt und dass man umgekehrt die „Armut“ dadurch senken kann, nicht indem man den Armen etwas gibt, sondern indem man den Reichen etwas nimmt.</p>
<p>Das korrekte Quantifizieren der Armut in einer Gesellschaft ist alles andere als einfach. Nicht ohne Grund hat es nach A.K Sen im Jahr 1998 vor kurzem drei weitere Nobelpreise für konstruktive Lösungsvorschläge gegeben: Esther Duflo, Abhijit Banerjee und Michael Kremer 2019. Sicher ist nur eines: das bloße Anbinden der Armutsquote am gesellschaftlichen Durchschnittseinkommen ist der falsche Weg.</p><div class="well"><p><strong>Ihre Ansprechpartner/in dazu:</strong><br> Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-3125<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-213, <a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de">sabine.weiler@rwi-essen.de</a></p></div><p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>. Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter </em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> abrufbar.</em></small></span></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter <a href="mailto:presse@rwi-essen.de">presse@rwi-essen.de</a>. </em></small></span><span class="text-muted"><small><em>Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></small></span></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
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                    <item>
                        <guid isPermaLink="false">news-898</guid>
                        <pubDate>Fri, 25 Feb 2022 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Höhere Straßenbaumdichte, weniger Depressionen?</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/hoehere-strassenbaumdichte-weniger-depressionen
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats Februar beschäftigt sich mit einer Studie, die den Zusammenhang zwischen der Dichte und der Diversität von Straßenbäumen und der Wahrscheinlichkeit, mit der Bewohnerinnen und Bewohnern der Stadt Leipzig Antidepressiva verschrieben bekommen untersucht. Der überwiegende Teil der Ergebnisse der Studie ist jedoch nicht eindeutig und auch das Ausmaß des Effekts bleibt unklar.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<hr>
<p>Zentrales Thema eines in Arbeit befindlichen Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) ist das Konzept der „Planetaren Gesundheit“. Im dazu veröffentlichten <a href="https://www.wbgu.de/fileadmin/user_upload/wbgu/publikationen/factsheets/fs10_2021/wbgu_ip_2021_planetare_gesundheit.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">Impulspapier</a> werden eine Reihe von Prognosen und Hypothesen bereits als Fakten dargestellt, obwohl es die Aufgabe des Beirats sein soll, diese Thesen erst zu prüfen. Darauf wollen wir nicht im Detail eingehen, sondern auf eine Studie, auf die im Rahmen eines Webinars mit mehr als 400 Teilnehmern aus Wissenschaft, NGOs, Politik und Bildung zu diesem Thema verwiesen wurde. Diese im Jahr 2020 im Wissenschaftsmagazin „Scientific Reports“ veröffentlichte <a href="https://www.nature.com/articles/s41598-020-79924-5#citeas" target="_blank" rel="noreferrer">Studie</a> hätte gezeigt, dass eine höhere Straßenbaumdichte das Risiko, Antidepressiva verschrieben zu bekommen, signifikant verringern würde. Hierüber berichtete <a href="https://taz.de/Gutachten-zu-Planetarer-Gesundheit/!5829795/" target="_blank" rel="noreferrer">taz.de</a>. Letztendlich liefert die in diesem Beitrag zitierte Studie jedoch eher einen Hinweis darauf, dass eine höhere Dichte und Diversität von Straßenbäumen in Städten keinen Einfluss auf die psychische Gesundheit der Bewohner hat.</p>
<p>Was hat die zitierte Studie untersucht? Sie untersuchte den Zusammenhang zwischen der Dichte und der Diversität von Straßenbäumen und der Wahrscheinlichkeit, mit der Bewohnerinnen und Bewohnern der Stadt Leipzig Antidepressiva verschrieben bekommen. In dem Artikel und dem zusätzlich zur Verfügung gestellten Material sind offensichtlich Tabellen oder Abbildungen fehlerhaft beschriftet, so dass die Ergebnisse nicht eindeutig nachvollziehbar sind. So findet sich beispielsweise in einer Karte zur Straßenbaum-Dichte, die in Bäumen je Straßenmeter innerhalb eines 100-m-Umkreises angegeben ist, ein Sprung von 0,05 auf 2 Bäume je Straßenmeter. So dicht stehen Bäume nicht einmal im Wald. In einer weiteren Abbildung ist angegeben, dass auf der X-Achse die logarithmierte Baumdichte abzulesen sei. Der Logarithmus von kleinen Werten nahe 0 ist aber negativ; die Achse besitzt hingegen positive Werte zwischen 0 und 0,1. Diese entsprechen Ausgangswerten von einem bis 1,1 Bäumen je Straßenmeter – auch das wären unplausible Werte.</p>
<p><strong>Es ist nicht auszuschließen, dass es gar keinen Effekt gibt</strong></p>
<p>Darüber hinaus ist der überwiegende Teil der Schätzergebnisse der Autoren bei einer Vielzahl verschiedener Modellspezifikationen weit weg von in der Wissenschaft üblichen Signifikanzniveaus, d.h. man kann nicht ausschließen, dass kein Effekt der Straßenbaumdichte auf die psychische Gesundheit existiert. Ein Ergebnis wird als „marginal signifikant“ bezeichnet – ein Konzept, das nicht existiert, wenn man akzeptiert, sich bei derartigen Tests eine Irrtumswahrscheinlichkeit von beispielsweise 5 Prozent vorzugeben. Dann kann ein Zusammenhang nur entweder signifikant sein oder eben nicht.</p>
<p>Lediglich für Personen in der niedrigsten sozioökonomischen Statusgruppe (die über einen Index bestimmt wird, der sich aus der Bildung einer Person sowie dem höchsten Berufsstatus und dem Einkommen des Haushalts zusammensetzt) finden die Autoren einen statistisch signifikanten Effekt. Dabei zeigt sich für diese Statusgruppe, dass eine zunehmende Straßenbaumdichte im Umkreis von 100m des Wohnorts einer Person mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit der Verschreibung von Antidepressiva einhergeht. Mit den in der Studie zur Verfügung gestellten Informationen lässt sich aber das Ausmaß dieses Effekts nicht berechnen – nicht zuletzt aufgrund der Unklarheit, in welchen Metriken überhaupt „gemessen“ wurde. Mit anderen Worten, man kann nicht berechnen, um wieviel Prozent die Wahrscheinlichkeit der Verschreibung von Antidepressiva im Durchschnitt sinkt, wenn beispielsweise ein zusätzlicher Baum pro Straßenkilometer gepflanzt wird. Und die Autoren bieten dem Leser eine derartige Quantifizierung ihrer Effekte auch nicht an.</p>
<p>Darüber hinaus zeigen auch diese Ergebnisse lediglich eine Korrelation und keinen kausalen Zusammenhang, obwohl die Autoren für andere potenzielle Einflussfaktoren der Wahrscheinlichkeit der Verschreibung von Antidepressiva kontrollieren. Die Autoren sind in dieser Hinsicht auch vorsichtig und schreiben, dass die Ergebnisse nur ein Hinweis darauf sein KÖNNTEN, dass die Straßenbaumdichte in der Nachbarschaft die psychische Gesundheit beeinflusst. Und letztendlich können Ergebnisse für Leipzig nur schwer auf andere Städte übertragbar sein.</p>
<p>Zweifelsohne hat eine intakte Natur einen positiven Einfluss auf die physische und psychische Gesundheit. Weitgehend unklar ist jedoch, wie genau dieser Einfluss wirkt und in welchem Maß er durch gezielte Maßnahmen etwa im Rahmen der Stadtentwicklung beeinflussbar ist. Es bleibt zu hoffen, dass der WBGU ergebnisoffen an sein Gutachten herangeht und nicht selektive Ergebnisse einer Studie herauspickt, um den Einfluss der globalen Umweltveränderungen auf die Gesundheit zu bestimmen.</p>
<p><em>Anm. d. Red.:<br> Gegenüber der ersten Fassung der Pressemitteilung ist eine Korrektur eingefügt:</em><br> - <em>Im ersten Absatz stand "Diese im Jahr 2020 im Wissenschaftsmagazin „Nature“ veröffentlichte Studie"...". Tatsächlich wurde die erwähnte Studie jedoch nicht in "Nature" veröffenlicht, sondern in der Zeitschrift "Scientific Reports", die ebenfalls in der "Nature Publishing Group" erscheint. </em></p><div class="well"><p><strong>Ihre Ansprechpartner/in dazu:</strong><br> Prof. Dr. Thomas K. Bauer, Tel.: (0201) 8149-264<br> Katharina Schüller (STAT-UP), Tel.: (089) 34077-447<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-213, <a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de">sabine.weiler@rwi-essen.de</a></p></div><p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>. Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em> <a href="http://www.data-literacy-charta.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a> <em>abrufbar.</em></small></span></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter</em><a href="mailto:&lt;script" target="type="><em>&nbsp;presse@rwi-essen.de </em></a><em>. Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></small></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong><a href="/fileadmin/user_upload/RWI/Unstatistiken/220225_unstatistik_februar_final.pdf" class="link-file"><strong><strong>Pressemitteilung im pdf-Format</strong></strong></a></strong></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2022</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <guid isPermaLink="false">news-899</guid>
                        <pubDate>Mon, 31 Jan 2022 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Impfquote und Übersterblichkeit, eine „Spurious Correlation“</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/xaxax
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats Januar betrachtet eine Studie des Psychologieprofessors Christoph Kuhbandner, der für das Jahr 2021 die zeitliche Entwicklung der Todesfälle pro Tag und die Anzahl der Erst-, Zweit- und Booster-Impfungen in Deutschland miteinander vergleicht. Dabei findet er sehr hohe Korrelationen, die vermeintlich nahelegen, dass eine höhere Anzahl an Impfungen zu mehr Todesfällen führt. Die Unstatistik erläutert, warum es sich dabei nicht um einen kausalen Zusammenhang, sondern um eine so genannte &quot;Spurious Correlation&quot; handelt. </description>
                        <content:encoded><![CDATA[<hr>
<p>In den zehn Jahren, die es die Unstatistik nun gibt, wurden wir häufig gefragt, ob es kein Problem sei, jeden Monat eine Unstatistik zu finden. Nein – ist es nicht. Die Unstatistik-Nachrichtenlage kann noch so mager sein: eine Meldung, in der Korrelation für Kausalität gehalten wird, findet man immer. Menschen sind eben auf der Suche nach Erklärungen, gerade wenn es um Phänomene geht, die uns Angst einjagen.</p>
<p>Sowohl Meldungen in den Printmedien als auch in den sozialen Medien legen nahe, dass die Frage des Zusammenhangs zwischen Impfungen und Sterblichkeit viele Menschen verunsichert. Bereits in unserer Dezember-Unstatistik sind wir auf die Probleme derartiger Studien eingegangen. Nichtsdestoweniger werden wir auf zahlreiche Analysen hingewiesen, die versuchen, einen Zusammenhang zwischen Impfquote und Sterblichkeit bzw. Übersterblichkeit herzustellen. Hierzu werden üblicherweise die zeitliche Entwicklung der Impfquoten für verschiedene Altersgruppen oder Regionen mit der Sterblichkeit in diesen Altersgruppen oder Regionen verglichen.</p>
<p>Ein Beispiel hierfür ist die&nbsp;<a href="https://osf.io/5gu8a/" target="_blank" rel="noreferrer">Studie</a>&nbsp;des Psychologieprofessors Christoph Kuhbandner, der für das Jahr 2021 die zeitliche Entwicklung der Todesfälle pro Tag und die Anzahl der Erst-, Zweit- und Booster-Impfungen in Deutschland miteinander vergleicht. Dabei findet er sehr hohe Korrelationen, die vermeintlich nahelegen, dass eine höhere Anzahl an Impfungen zu mehr Todesfällen führt.</p>
<p><strong>Warum der Zusammenhang zwischen Impfquote und Übersterblichkeit nicht kausal ist</strong></p>
<p>Das zentrale Problem dieser Analyse ist in der Statistik seit nahezu 100 Jahren bekannt – das Problem der sogenannten „Spurious Correlations“ oder Nonsens-Korrelationen. Dahinter steht die Erkenntnis, dass man bei einem Vergleich von zwei sogenannten nicht-stationären Zeitreihen (das sind Zeitreihen mit einem Trend), wie sie auch Kuhbandner vorgenommen hat, hohe Korrelationen erhält, selbst wenn zwischen diesen Zeitreihen kein Zusammenhang existiert. So erhält man beispielsweise in den USA eine nahezu perfekte Korrelation zwischen der Anzahl von Personen die jährlich gestorben sind, weil sie sich in ihrem Bettlaken verheddert haben, und dem durchschnittlichen jährlichen Pro-Kopf-Käsekonsum (<a href="https://www.tylervigen.com/spurious-correlations" target="_blank" rel="noreferrer">https://www.tylervigen.com/spurious-correlations</a>).</p>
<p>Eine Möglichkeit, solche Nonsens-Korrelationen aufzudecken, ist die Kontrolle hinsichtlich weiterer möglicher Erklärfaktoren. Statistiker nennen so etwas die „partielle Korrelation“, also den verbleibenden Anteil des beobachteten Zusammenhangs zweier Variablen, wenn man den jeweiligen Zusammenhang mit einer dritten Variable „herausrechnet“. Bei Zeitreihen kann man beispielsweise einfach den Zusammenhang mit der Zeit selbst, eben dem gemeinsamen Trend, berücksichtigen. Man interessiert sich also dafür, ob Abweichungen vom Trend noch parallel verlaufen oder nicht. Tun sie das, wäre zumindest geklärt, dass nicht einfach ein zeitlicher Effekt vorliegt – etwa im Falle der Corona-Impfungen, weil es in manchen Monaten verstärkt zu Infektionen kommt und zum Schutz vor diesen Infektionen auch mehr geimpft wird. Aber eine solche Kontrolle findet in dieser Analyse nicht statt. Genausowenig wie in der&nbsp;<a href="https://www.hartgroup.org/recent-deaths-in-young-people-in-england-and-wales/" target="_blank" rel="noreferrer">britischen Analyse</a>, die Kuhbandner zum Anlass für seine Berechnungen genommen hat.</p>
<p>Sowohl in Deutschland als auch in vielen anderen Ländern stehen zu den Impfungen und den Todesfällen nur auf regionaler Ebene oder für Personen in verschiedenen Altersgruppen aggregierte Zeitreihen zur Verfügung. Der korrelative Zusammenhang zwischen Impfungen und Todesfällen ist teilweise positiv, teilweise liegt er bei Null, teilweise ist er sogar negativ. Mit solchen Daten lässt sich jedoch die Frage, ob sich Impfungen positiv oder negativ auf die Todesfälle auswirken, nicht beantworten. Hierzu würde man Individualdaten benötigen.</p>
<p><strong>Registerdaten zeigen: Die Corona-Impfung senkt das Sterberisiko</strong></p>
<p>Bei Individualdaten wären die beiden Ereignisse, die möglicherweise miteinander in Zusammenhang stehen, für Einzelpersonen verknüpft. Man wüsste also, wann eine Person geimpft wurde und ob sie in kurzem Abstand danach verstorben ist oder Nebenwirkungen erlitten hat. Idealerweise hätte man Informationen über weitere individuelle Risikofaktoren. Für manche Krankheiten existieren dazu sogenannte Register, beispielsweise das deutsche Mukoviszidose-Register. Solche Registerdaten sind der Grund, dass wir über Krankheitsverläufe von Mukoviszidose, einer schweren angeborenen Stoffwechselerkrankung, und die darauf wirkenden Faktoren heute verhältnismäßig gut Bescheid wissen.</p>
<p>Registerdaten in Zusammenhang mit der Corona-Impfung gibt es jedoch in den wenigsten Ländern. Eine Ausnahme ist Österreich. Dort existiert ein Impfregister, so dass man den Einfluss einer Impfung auf die Wahrscheinlichkeit zu versterben auf Personenebene analysieren kann. Und das Ergebnis in Österreich ist sehr eindeutig:&nbsp;<a href="https://www.statistik.at/web_de/presse/127483.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Ungeimpfte habe ein signifikant höheres Sterberisiko als jene, die zumindest eine Impfdosis erhalten haben – das ist in beinahe allen Altersgruppen und unabhängig vom Geschlecht der Fall“</a>.</p>
<p>Auch das österreichische Impfregister liefert keine perfekten Daten. So könnte man kritisieren, dass Menschen, die einen Migrationshintergrund oder ein niedrigeres Bildungsniveau haben oder anderweitig sozial benachteiligt sind, sich sowohl seltener impfen lassen als auch ein allgemeines höheres Sterberisiko haben. Weil solche Faktoren nicht verfügbar sind beziehungsweise nicht mit dem Impfstatus verknüpft werden, kann man sie auch nicht berücksichtigen. Trotzdem sind Auswertungen von Impfregistern derzeit die zuverlässigste Informationsquelle, die uns vorliegt. In den Ländern, wo derartige Analysen durchgeführt wurden, weist das Ergebnis stets in dieselbe Richtung: Die Corona-Impfung senkt das Sterberisiko.</p><div class="well"><p><strong>Ihre Ansprechpartner/in dazu:</strong><br> Prof. Dr. Thomas K. Bauer, Tel.: (0201) 8149-264<br> Katharina Schüller (STAT-UP), Tel.: (089) 34077-447<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-213,&nbsp;<a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de">sabine.weiler@rwi-essen.de</a></p></div><p><small><span class="text-muted"><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter&nbsp;</em><a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em>&nbsp;und unter dem Twitter-Account&nbsp;</em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>. Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em>&nbsp;<a href="http://www.data-literacy-charta.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a>&nbsp;<em>abrufbar.</em></span></small></p>
<p><small><span class="text-muted"><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle&nbsp;</em><a href="https://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em>&nbsp;zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter&nbsp;</em><a href="mailto:%3Cscript%20type="><em>presse@rwi-essen.de&nbsp;</em></a><em>. Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></span></small></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong><a href="/fileadmin/user_upload/RWI/Unstatistiken/220131_unstatistik_januar_final.pdf" class="link-file"><strong><strong>Pressemitteilung im pdf-Format</strong></strong></a></strong></p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Fri, 17 Dec 2021 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Unfugs-Korrelation zwischen Impfquote und Übersterblichkeit</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/unfugs-korrelation-zwischen-impfquote-und-uebersterblichkeit
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats Dezember ist eine insbesondere in den sozialen Medien viel beachtete Studie von zwei Thüringer Wissenschaftlern, die findet, dass für den Zeitraum zwischen der 36. und 40. Kalenderwoche zwischen der Übersterblichkeit in den Bundesländern und deren Impfquote eine positive Korrelation (0.31) vorliegt - „Je höher die Impfquote, desto höher die Übersterblichkeit“. Wie sich zeigt, hat die Studie jedoch einige zentrale Schwächen, der hergestellte Zusammenhang ist wissenschaftlich nicht belastbar. </description>
                        <content:encoded><![CDATA[<hr>
<p>Die Unstatistik des Monats Dezember ist eine Studie von zwei Thüringer Wissenschaftlern, die die Landtagsabgeordnete Dr. Ute Bergner am 17. November der Thüringer Gesundheitsministerin Heike Werner überreicht hat und die in Printmedien wie der „<a href="https://www.rundschau.info/studie-zur-uebersterblichkeit-je-hoeher-die-impfquote-desto-hoeher-die-uebersterblichkeit/" target="_blank" rel="noreferrer">Südthüringer Rundschau</a>“, insbesondere aber in den Sozialen Medien intensiv diskutiert wird. Die Studie findet, dass für den Zeitraum zwischen der 36. und 40. Kalenderwoche zwischen der Übersterblichkeit in den Bundesländern und deren Impfquote eine positive Korrelation (0.31) vorliegt, obwohl man eine negative Korrelation erwarten würde. Oder, mit den Worten der Autoren der Studie: „Je höher die Impfquote, desto höher die Übersterblichkeit“.</p>
<p>Zwar haben sich die Autoren von der Studie inzwischen bereits distanziert, sprechen nur noch von einer „Notiz“ und stellen in einer&nbsp;<a href="https://archive.md/8CKeT#selection-479.49-483.1" target="_blank" rel="noreferrer">Stellungnahme</a>&nbsp;klar: „Unsere Notiz beweist keineswegs, dass eine erhöhte Impfquote zu einer erhöhten Sterbewahrscheinlichkeit führt“. Auch haben mehrere Faktenchecks, unter anderem vom&nbsp;<a href="https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/panorama/corona-studie-uebersterblichkeit-impfquote-100.html" target="_blank" rel="noreferrer">MDR</a>&nbsp;und der&nbsp;<a href="https://www.tagesschau.de/faktenfinder/impfquote-uebersterblichkeit-101.html" target="_blank" rel="noreferrer">Tagesschau</a>&nbsp;einige Probleme der Studie aufgezeigt. Sie haben jedoch einige zentrale Schwächen der Studie übersehen. Daher haben wir uns einmal die Daten zur Brust genommen, die Analyse repliziert und einige einfache zusätzliche Analysen durchgeführt.</p>
<p><strong>Die gefundene Korrelation ist nicht robust…</strong></p>
<p>Was genau haben die Autoren gemacht? Sie haben für die Kalenderwochen 36 bis 40 (6. September bis 10. Oktober 2021) die Sterbefallzahlen für die einzelnen Bundesländer genommen und mit den jeweils mittleren Sterbefallzahlen derselben Kalenderwochen für die Jahre 2016 bis 2020 verglichen. Der Quotient der Zahlen für 2021 und der entsprechenden Durchschnitte des Zeitraums von 2016 bis 2020 wird als Übersterblichkeit interpretiert: Ist der Quotient höher als 1, sind 2021 mehr Personen gestorben, als zu erwarten war; ist der Quotient kleiner als 1, sind in 2021 weniger Personen gestorben, als zu erwarten war. In einem zweiten Schritt haben die Autoren schließlich die Korrelation zwischen dieser Übersterblichkeit und der Impfquote in der Kalenderwoche 40 berechnet (zumindest gehen wir davon aus, da die Autoren die Informationen von der Seite des RKI bezogen haben und dort nur der jeweils letzte Stand der Impfquote ausgewiesen wird). Dabei wird über eine Gewichtung die unterschiedliche Bevölkerungsgröße der Bundesländer berücksichtigt.</p>
<p>Wenn wir diese Analyse wiederholen, erhalten wir identisch dasselbe Ergebnis: Zwischen der Impfquote und der Übersterblichkeit ergibt sich eine positive Korrelation von 0.31 bei einem möglichen Wertebereich zwischen 0 und 1. Aber diese Korrelation ist im statistischen Sinne nicht signifikant. Mit anderen Worten: Man kann nicht ablehnen, dass sie Null ist, also nur ein rein zufälliges Muster zwischen Impfquote und der Übersterblichkeit sichtbar wird, das auf zufälligen Schwankungen der zugrunde liegenden Daten beruht. Welche Auswirkungen das hat, lässt sich leicht sichtbar machen, indem man einfach andere Kalenderwochen betrachtet. Denn man kann sich nun berechtigterweise fragen, warum man ausgerechnet die Kalenderwochen 36 bis 40 untersucht. Gut – wiederholen wir die Analyse für die Kalenderwochen 20 bis 40. Ergebnis: Ebenfalls eine positive Korrelation, wenn auch nur halb so hoch (0.14) und ebenfalls nicht statistisch signifikant. Nehmen wir neuere Daten hinzu und analysieren die Kalenderwochen 36 bis 44 ergibt sich eine negative Korrelation (-0.37), ebenfalls nicht signifikant. Fazit: Die Ergebnisse sind alles andere als robust – wenn man aus dieser Analyse etwas folgern möchte, dann dass zwischen der Impfquote und der Übersterblichkeit keine Korrelation existiert.</p>
<p><strong>…und zeigt keinen ursächlichen Zusammenhang</strong></p>
<p>Doch selbst wenn man eine signifikant positive Korrelation finden würde, wäre dies eben nur eine Korrelation und könnte mindestens aus zwei Gründen nicht kausal interpretiert werden. Zum einen verwenden die Autoren die in der 40. Kalenderwoche realisierte Impfquote der einzelnen Bundesländer. Und die soll die Übersterblichkeit in den Wochen vorher erklären? Wenn heute in Deutschland ein Meteorit einschlägt, lassen sich damit auch nicht die Sterberaten von vor zwei Wochen erklären. Zum zweiten dürfte die Kausalitätsrichtung wohl in die andere Richtung gehen: Wer heute noch nicht geimpft ist und Nachrichten über steigende Todesfälle durch Covid-19 liest, der wird sich womöglich doch schnell impfen lassen. Also NICHT „Je höher die Impfquote, desto höher die Übersterblichkeit“, SONDERN „Je höher die Übersterblichkeit, desto höher die Impfquote“.</p>
<p><strong>Übersterblichkeit kann viele Ursachen haben</strong></p>
<p>Und schließlich ist die Verwendung der „Übersterblichkeit“ als Messgröße für die Schwere der Pandemie durchaus sehr fraglich. Für diese Übersterblichkeit können viele Faktoren ursächlich sein, nicht nur die Pandemie. Nehmen wir daher einmal einen Indikator, der die Folgen der Pandemie direkter erfasst: Die vom RKI ausgewiesene 7-Tage-Hospitalisierungsinzidenz (also die ins Krankenhaus eingewiesenen COVID-19-Fälle unter den in den zurückliegenden 7 Tagen gemeldeten Covid-Fällen je 100.000 Personen). Berechnet man wie oben die Korrelation zwischen der Impfquote und der 7-Tage-Hospitalisierungsinzidenz, ergibt sich ein robustes und sehr eindeutiges Ergebnis: Für die Kalenderwochen 36 bis 40 sowie 20-40 ergibt sich eine signifikant negative Korrelation von -0.63. Erweitert man die Analyse auf die Kalenderwochen 36 bis 44, steigt die Korrelation auf -0.75. Auch dies ist nur eine Korrelation und keine kausale Beziehung. Aber sie ist robust und praktisch nicht mehr durch Zufall zu erklären.</p>
<p>Fazit: Um die kausale Beziehung zwischen Corona-Impfungen und der Sterblichkeit zu bestimmen, braucht es mehr als einfache Korrelationen. Die bisherige wissenschaftliche Evidenz von Analysen mit weit überzeugenderen Ansätzen lässt nur eine Interpretation zu – Impfen hilft (Ihnen und anderen). Also: Sollten Sie noch nicht geimpft sein, holen Sie das schnellstmöglich nach. Und bleiben sie gesund.</p>
<p>Das Unstatistik-Team wünscht schöne Feiertage.</p><div class="well"><p><strong>Ihre Ansprechpartner/in dazu:</strong><br> Prof. Dr. Thomas K. Bauer, Tel.: (0201) 8149-264<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-213,&nbsp;<a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de">sabine.weiler@rwi-essen.de</a></p></div><p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter&nbsp;</em><a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em>&nbsp;und unter dem Twitter-Account&nbsp;</em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>. Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em>&nbsp;<a href="http://www.data-literacy-charta.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a>&nbsp;<em>abrufbar.</em></small></span></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle&nbsp;</em><a href="https://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em>&nbsp;zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter</em><a href="mailto:%3Cscript%20type="><em>&nbsp;presse@rwi-essen.de&nbsp;</em></a><em>. Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></small></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong><a href="/fileadmin/user_upload/RWI/Unstatistiken/211217_unstatistik_dezember_final.pdf" class="link-file"><strong><strong>Pressemitteilung im pdf-Format</strong></strong></a></strong></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
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                        <guid isPermaLink="false">news-901</guid>
                        <pubDate>Fri, 26 Nov 2021 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Die Angst vorm Impfdurchbruch</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/die-angst-vorm-impfdurchbruch
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats November ist die Darstellung der Corona-Impfdurchbrüche in verschiedenen Medienberichten. Mit irreführenden Botschaften wird der Nutzen der Impfung massiv in Frage gestellt. Dies geschieht in einer Situation, in der wir uns eine Fehleinschätzung von Risiken nicht länger leisten können.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<hr>
<p>Die Unstatistik des Monats November ist die Darstellung der Corona-Impfdurchbrüche in verschiedenen Medienberichten. Bereits im Oktober hat das ZDF in einer Grafik den Anteil der wahrscheinlichen Impfdurchbrüche an hospitalisierten COVID-19-Fällen für verschiedene Altersgruppen seit Februar 2021 mit den entsprechenden Anteilen in den Monaten September und Oktober 2021 verglichen (s. in diesem&nbsp;<a href="https://amp.zdf.de/nachrichten/zdf-morgenmagazin/debatte-um-epidemische-lage-100.html" target="_blank" rel="noreferrer">Beitrag</a>&nbsp;ab 1:00min). Die Grafik stellt dar, dass seit Februar unter den 18- bis 59-Jährigen, die mit COVID-19 ins Krankenhaus mussten, vier Prozent geimpft waren; unter den Menschen ab 60 (die in der Grafik fälschlicherweise als &gt;60 bezeichnet werden) insgesamt 9,6 Prozent. Allein im Zeitraum Mitte September bis Mitte Oktober betrug der Anteil der Geimpften an den hospitalisierten COVID-19-Fällen aber 17,4 Prozent in der Altersgruppe unter 60 Jahre und 42,1 Prozent in der Altersgruppe ab 60. &nbsp;</p>
<p><strong>Warum vermittelt der Anteil der Geimpften unter den COVID-19-Fällen ein falsches Bild?</strong></p>
<p>Das größte Problem dieser Darstellung ist nicht die Visualisierung in Form von Balkendiagrammen, auch wenn dieser jeglicher Maßstab fehlt – so stellt die X-Achse offensichtlich weder die Zeit maßstabsgetreu dar, noch die Y-Achse den Prozentsatz an Fällen oder gar den Absolutwert. Vielmehr erweckt die Darstellung den Eindruck, als ginge die Wirksamkeit der Impfung massiv zurück.</p>
<p><img alt="Anteil wahrscheinliche Impfdurchbrüche an hospitalisierten Covid-19-Fällen" data-alt-override="true" data-htmlarea-file-table="sys_file" data-htmlarea-file-uid="8500" data-htmlarea-zoom="true" data-title-override="true" src="/fileadmin/user_upload/93daa468e6.jpg" style width="472" height="251" class="rte_imagepresent"></p>
<p><span class="text-muted"><small>Quelle: zdf.de</small></span></p>
<p>Ähnliches gilt für eine Schlagzeile des mdr:&nbsp;<a href="https://www.mdr.de/brisant/corona-impfdurchbrueche-100.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Mehr Impfdurchbrüche bei vollständig Geimpften“</a>, heißt es dort: „Auf den Intensivstationen steigt der Anteil der geimpften Coronapatienten. Etwa jeder fünfte intensivmedizinisch betreute Covid-19-Patient in Deutschland ist gegen das Coronavirus geimpft“. Auch wenn diese Aussage für sich genommen nicht falsch ist, liefert sie weder Informationen über die Wirksamkeit einer Impfung noch ist sie wirklich überraschend. Denn je höher der Anteil der Geimpften in der Bevölkerung ist, desto höher MUSS der Anteil der Impfdurchbrüche sein. So relativiert der mdr seine Aussage später im Text und zitiert das RKI: „Wenn 100 Prozent aller Menschen geimpft sind, kommt es zu 100 Prozent zu Impfdurchbrüchen“. Zumindest gilt das, solange kein Wirkstoff zu 100 Prozent schützt.</p>
<p>Auch im November thematisierten zahlreiche Medien die Impfdurchbrüche – und folgen dabei häufig einem ähnlichen Muster: Während die Beiträge selbst durchaus klarstellen, dass die Impfdurchbrüche kein Argument gegen die Impfung sind, werden Schlagzeilen irreführend formuliert und schüren – bewusst oder unbewusst – große Verunsicherung. So zitiert etwa der WDR in seinem&nbsp;<a href="https://www1.wdr.de/nachrichten/themen/coronavirus/corona-impfungen-impfdurchbruch-zahlen-100.html" target="_blank" rel="noreferrer">Beitrag vom 16. November</a>&nbsp;den Intensivmediziner Uwe Janssens mit den Worten „Auf keinen Fall bedeuten Durchbruchinfektionen im Krankenhaus oder auf den Intensivstationen, dass die Impfung nicht wirkt. Das ist ein Fehlschluss, der im Moment leider durch die Republik, aber auch durch die ganze Welt geistert“, und stellt klar: dass Geimpfte „deutlich seltener schwer an Corona erkranken und daran sterben als Ungeimpfte, daran lassen die Zahlen keinen Zweifel“. Auf&nbsp;<a href="https://twitter.com/WDRaktuell/status/1460558262206672902?s=20" target="_blank" rel="noreferrer">Twitter</a>&nbsp;bewirbt der WDR jedoch den Beitrag mit einem Anreißer, der das Gegenteil suggeriert: „Impfdurchbrüche sind keine Ausnahme mehr. Auch doppelt Geimpfte erkranken zum Teil schwer – und sterben. Was bringen die Impfungen überhaupt? Ein Überblick in neuen Zahlen“. Die Deutsche Welle warnte am 12. November:&nbsp;<a href="https://www.dw.com/de/auch-viele-junge-geimpfte-m%C3%BCssen-ins-krankenhaus/a-59802701" target="_blank" rel="noreferrer">„Trügerische Sicherheit:: Nach Impfdurchbrüchen müssen immer mehr Geimpfte ins Krankenhaus - auch Jüngere.“</a>&nbsp;Die&nbsp;<a href="https://static.dw.com/image/59803994_7.png" target="_blank" rel="noreferrer">Visualisierung</a>&nbsp;des Anteils der Geimpften unter den schwer Erkrankten und Verstorbenen transportiert optisch die Botschaft, die Impfung schütze nur unwesentlich vor Hospitalisierung und Tod, auch wenn Grafik-Überschrift und der folgende Absatz die Impfeffektivität verbal bestätigen.</p>
<p><img alt="Geimpfte erkranken seltener schwer als Ungeimpfte" data-htmlarea-file-uid="8501" src="/fileadmin/user_upload/4fd724dc10.png" style width="402" height="480" class="rte_imagepresent"></p>
<p><strong>Warum nützt die Impfung uns als Individuen?</strong></p>
<p>Wir haben in verschiedenen Unstatistiken dargestellt, was es bedeutet, wenn ein Impfstoff zu 70 Prozent oder auch zu 95 Prozent vor einer Erkrankung schützt. Zwar sollen die derzeit zugelassenen Corona-Impfstoffe laut RKI bis zu 95 Prozent vor einem schweren Verlauf und bis zu 99 Prozent vor dem Tod schützen. Weil wir jedoch bisher nicht wissen, wie lange die Schutzwirkung anhält, heißt das eben nicht, dass 95 Prozent der Menschen durch eine Impfung dauerhaft vor einer Erkrankung geschützt sind. Nicht zuletzt deswegen werden sogenannte Impf-Booster derzeit intensiv diskutiert und von der „Ständigen Impfkommission“ (STIKO) seit dem 18. November allen Personen ab 18 Jahren empfohlen.</p>
<p>Aus&nbsp;<a href="https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2114255" target="_blank" rel="noreferrer">Israel</a>&nbsp;und Quatar gibt es Hinweise, dass der Impfschutz nach sechs Monaten auf 50 Prozent sinkt, was mit einem Rückgang der Antikörper, aber auch der Entwicklung neuer Virus-Varianten erklärt werden könnte. Allerdings sind diese Zahlen wie auch die Senkung des Infektions- und Erkrankungsrisikos, die wir in der&nbsp;<a href="https://www.rwi-essen.de/unstatistik/119/" target="_blank">September-Unstatistik</a>&nbsp;diskutiert haben, vor einer völlig anderen Situation zu betrachten. Die Inzidenz lag in Israel zum Zeitpunkt der „Booster-Studie“ bei über 10.000 täglichen Fällen auf 8,8 Millionen Einwohner. Von einer Welle derartigen Ausmaßes und auch der damit verbundenen Bedrohung waren und sind wir in Deutschland, mutmaßlich auch wegen frühzeitiger und harter Maßnahmen, weit entfernt.</p>
<p>Um zu überprüfen, ob auch in Deutschland bei einem insgesamt wesentlich geringeren Infektions- und Erkrankungsrisiko ein nachlassender Impfschutz zu beobachten ist, fehlen uns belastbare Daten – obwohl es diese längst geben könnte, wie unser Nachbarland Österreich beweist. Dazu müssten bei sämtlichen positiv getesteten wie auch an COVID-19 erkrankten Menschen der Impfstatus und das Datum der letzten Impfung erfasst werden, um die Fälle in Relation zur Gesamtzahl der in einem gewissen Zeitraum Geimpften zu setzen. In Deutschland werden bislang allerdings noch nicht einmal flächendeckend die Inzidenzen nach Impfstatus getrennt ausgewiesen. Ganz anders in Österreich: Dort&nbsp;<a href="https://www.ages.at/themen/krankheitserreger/coronavirus/" target="_blank" rel="noreferrer">berichtet die AGES – Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit täglich die positiv getesteten Fälle wie auch die symptomatischen Fällen getrennt nach Altersgruppen und Impfstatus</a>. Eine vorbildliche Grafik zeigt anhand natürlicher Häufigkeiten auf, was Impfdurchbrüche sind. Die AGES schreibt dazu:</p>
<p>„Die Wirksamkeit der Impfung ist sehr gut, es können aber nicht alle Infektionen bei den Geimpften verhindert werden. Wenn der Anteil an Geimpften in der Bevölkerung steigt, steigt auch die Wahrscheinlichkeit, trotz Impfung zu erkranken. Der prozentuale Anteil an Impfdurchbrüchen steigt, die Anzahl an Erkrankungen in der Bevölkerung insgesamt sinkt aber durch die Schutzwirkung der Impfung.“</p>
<p>In Österreich sind die Inzidenzen bei den vollständig geimpften Menschen im Alter ab 60 Jahren derzeit um 70 Prozent geringer als bei den unvollständig geimpften. Aber da die Mehrzahl von ihnen schon seit längerer Zeit geimpft ist, ist es dringend angezeigt, die Trends im Auge zu behalten. Während die Inzidenzen von vollständig und nicht vollständig Geimpften in einem recht stabilen Verhältnis stehen, nähern sich bei den symptomatischen Fällen die Anteile gerade etwas an. Auch berichtete die AGES laut&nbsp;<a href="https://orf.at/stories/3225483/" target="_blank" rel="noreferrer">orf.at</a>&nbsp;im August, dass die Impfeffektivität bezüglich symptomatischer Erkrankungen in der Altersgruppe 60+ bei über 90 Prozent liege. Inzwischen beträgt sie laut den&nbsp;<a href="https://www.ages.at/themen/krankheitserreger/coronavirus/" target="_blank" rel="noreferrer">Informationen auf der AGES-Homepage</a>&nbsp;(Stand: 24. November 2021) je nach Impfstoff nur noch 63 Prozent (Johnson &amp; Johnson) bis 82 Prozent (mRNA-Impfstoffe). Das könnte ein Indikator dafür sein, dass der Impfschutz langsam nachlässt.</p>
<p>Wir müssen diese Entwicklungen selbstverständlich genau beobachten, um frühzeitig zu erkennen, wann eine dritte Impfung für welche Gruppen angezeigt ist. Es ist auch mehr als überfällig, dass die Politik endlich dafür sorgt, dass entsprechende Daten erhoben und laufend analysiert werden. Gleichwohl sollten wir uns klar machen, dass rund 215.000 wahrscheinliche Impfdurchbrüche, die das RKI seit Beginn der Impfkampagne verzeichnet, bei fast 56 Millionen vollständig geimpften Menschen nicht einmal 0,4 Prozent dieser Menschen ausmachen. Von einem Grund zur Panik, weil die Impfung nicht perfekt vor einer COVID-19-Erkrankung schützt, kann also keinesfalls die Rede sein.</p>
<p><strong>Warum nützt die Impfung uns allen als Gesellschaft?</strong></p>
<p>Nicht nur Individuen profitieren jedoch von der Impfung. Es ist durchaus anzunehmen, dass ohne die Corona-Impfung erheblich früher und/oder erheblich schwerere Maßnahmen ergriffen worden wären. Dies lässt sich veranschaulichen, wenn man die Hospitalisierungsinzidenz der vollständig und nicht vollständig Geimpften vergleicht. Die Hospitalisierungsinzidenz ist hierbei ein härteres Kriterium als die Meldeinzidenz, weil man durchaus unterstellen könnte, dass Ungeimpfte häufiger getestet werden als Geimpfte.</p>
<p>Am 22. November 2021 waren laut RKI 85,8 Prozent der Über-60-Jährigen und 74,7 Prozent der 18- bis 59-Jährigen zweimal geimpft. Im Durchschnitt der vom RKI dokumentierten Meldewochen lag die Hospitalisierungsinzidenz der Ungeimpften in der erstgenannten Gruppe rund sechsmal so hoch wie diejenige der Geimpften. In der jüngeren Gruppe war sie sogar rund elfmal so hoch. Zugleich stellen Ungeimpfte in der jüngeren Altersgruppe 75 Prozent der Hospitalisierten, in der älteren 45 Prozent – statt der erwarteten 25 Prozent bzw. 14 Prozent, wenn die Impfung keinen Effekt hätte.</p>
<p>Gäbe es keine Impfung, wäre ohne weitere Annahmen die Hospitalisierungsinzidenz in der Gesamtbevölkerung so hoch wie bei den Ungeimpften. Dies würde bedeuten, dass es theoretisch heute insgesamt gut dreimal so viele Hospitalisierte gäbe, statt über 5.000 also deutlich über 15.000. Für die Todesfälle, die proportional sind zu den Hospitalisierungen, dürfte etwas Ähnliches gelten.</p>
<p>Vermutlich wäre es aber nicht so weit gekommen, weil angesichts solcher Entwicklungen die Politik deutlich früher einen harten Lockdown beschlossen hätte. Dies wäre wohl bereits vor mindestens einem Monat kaum zu vermeiden gewesen, wenn die Politik die Lage so eingeschätzt hätte, wie sie es heute tut: Denn mit dem&nbsp;<a href="https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.12.23.20248761v1.full.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">Simulationsmodell des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung</a>&nbsp;ergibt sich für Mitte Dezember eine vorhergesagte Intensivbetten-Auslastung von ca. 70 Prozent in Thüringen, 55 Prozent in Bayern, 40 Prozent in Sachsen, je ca. 30 Prozent in Baden-Württemberg und in Brandenburg.&nbsp; Für die anderen Bundesländer liegt die prognostizierte Intensivbetten-Auslastung bei bis zu 20 Prozent.</p>
<p>Diese Prozentangaben beziehen sich NUR auf COVID-19-Fälle. Alle anderen Intensivpatienten kämen noch dazu (bzw. auch nicht, weil Triage wohl zumindest in einigen Bundesländern nicht zu vermeiden wäre).</p>
<p>Die obige Vorhersage hätte sich ohne Impfung etwa bei einer Inzidenz in der Höhe, die vor einem Monat vorlag, ergeben, als die Neuinfektionen noch etwa um den Faktor 3 geringer waren – denn Neuinfektionen und Hospitalisierungen entwickeln sich zeitverzögert einigermaßen proportional. Ohne Impfung hätte dies durchaus noch früher eintreten können, weil sich die Wirkung der Impfung auch in der Inzidenz widerspiegelt. Deshalb ist es nicht unwahrscheinlich, davon auszugehen, dass spätestens Mitte Oktober ein Lockdown beschlossen worden wäre, der erhebliche Auswirkungen auf zahlreiche gesellschaftliche Bereiche gehabt hätte. Diesen Lockdown hat uns die Impfung erspart.</p>
<p><strong>Fazit</strong></p>
<p>Es ist wohl kaum zu ändern, dass mit der zunehmenden (Des-)Informationsflut plakative und neugierig machende Schlagzeilen benutzt werden, um in den sozialen Medien Aufmerksamkeit zu erregen. Das rechtfertigt es jedoch in keiner Weise, mit irreführenden Botschaften den Nutzen der Impfung massiv in Frage zu stellen – genausowenig wie es angezeigt ist, ihn dramatisch zu übertreiben, was wir in unserer&nbsp;<a href="https://www.rwi-essen.de/unstatistik/119/" target="_blank">September-Unstatistik</a>&nbsp;angemahnt haben. Beides schadet der Sache in einer Situation, in der wir uns eine Fehleinschätzung von Risiken nicht länger leisten können.</p>
<p><em>Anm. d. Red.:<br> Gegenüber der ersten Fassung der Pressemitteilung ist eine Korrektur eingefügt:</em><br> -&nbsp;<em>Im zweiten Absatz nach der Zwischenüberschrift "Warum nützt die Impfung uns als Individuen?" hieß es: "Die Inzidenz lag in Israel zum Zeitpunkt der „Booster-Studie“ bei 9.000 Fällen je 100.000 Einwohner." So hoch war die Inzidenz dann glücklicherweise nicht, nach Abgleich mit der unter "Israel" im Text verlinkten Studie haben wir den Satz korrigiert auf "D<em>ie Inzidenz lag in Israel zum Zeitpunkt der „Booster-Studie“&nbsp;</em>bei über 10.000 täglichen Fällen auf 8,8 Millionen Einwohner."</em></p><div class="well"><p><strong>Ansprechpartner/in:</strong><br> Katharina Schüller (STAT-UP), Tel.: (089) 34077-447<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-213,&nbsp;<a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de">sabine.weiler@rwi-essen.de</a></p></div><p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter&nbsp;</em><a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em>&nbsp;und unter dem Twitter-Account&nbsp;</em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>. Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em>&nbsp;<a href="http://www.data-literacy-charta.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a>&nbsp;<em>abrufbar.</em></small></span></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle&nbsp;</em><a href="https://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em>&nbsp;zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter</em><a href="mailto:%3Cscript%20type="><em>&nbsp;presse@rwi-essen.de&nbsp;</em></a><em>. Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></small></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong><a href="/fileadmin/user_upload/RWI/Unstatistiken/211126_unstatistik_november_final.pdf" class="link-file"><strong><strong>Die Pressemitteilung im pdf-Format</strong></strong></a></strong></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2021</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <guid isPermaLink="false">news-902</guid>
                        <pubDate>Thu, 28 Oct 2021 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Brustkrebsmonat Oktober: Rosa Schleifchen statt Information</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/brustkrebsmonat-oktober-rosa-schleifchen-statt-information
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats Oktober sind Veröffentlichungen zum &quot;Brustkrebsmonat Oktober&quot;. Wie eine Googlesuche zeigt, enthalten sie kaum Informationen über den Nutzen und Schaden des Mammographie-Screenings. Statt wissenschaftlicher Ergebnisse über Früherkennung finden sich rosa Schleifchen und Teddybären. </description>
                        <content:encoded><![CDATA[<hr>
<p>Oktober ist Brustkrebsmonat. Man würde denken, dass in diesem Monat Frauen besonders gut informiert werden. Wir haben dazu „Brustkrebsmonat Oktober 2021“ in Google eingegeben und uns die Einträge auf der ersten Seite angesehen. Alle bewerben die Früherkennung, keiner davon berichtet jedoch, was die wissenschaftlichen Studien über deren Nutzen und Schaden herausgefunden haben. Bevor wir uns die Einträge ansehen, ist es gut, einen Blick auf die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien mit bisher über 500.000 Frauen zu werfen. Sie zeigen: Wenn 1.000 Frauen ab 50 Jahren zum Screening gehen, dann sterben 4 der Frauen innerhalb von etwa 11 Jahren an Brustkrebs, und bei Frauen, die nicht zum Screening gehen, sind es 5. Es stirbt also eine Frau von je 1.000 weniger an Brustkrebs.</p>
<p>Die Anzahl der Frauen, die insgesamt an Krebs (einschließlich Brustkrebs) sterben, ändert sich jedoch nicht; es sind 22 in beiden Gruppen. Das heißt, in der Screening-Gruppe stirbt eine Frau weniger mit der Diagnose Brustkrebs, aber eine Frau mehr an einem anderen Krebs. Insgesamt gibt es also keinen Nachweis, dass durch Früherkennung Leben gerettet oder verlängert werden.</p>
<p>Frauen, die zum Screening gehen, müssen aber mit zweierlei Schaden rechnen. Je 100 von 1.000 erhalten unnötige Biopsien aufgrund falscher Alarme, und 5 Frauen wird die Brust unnötigerweise teilweise oder ganz entfernt. Diese Information sollte man im Brustkrebsmonat Oktober erwarten, damit Frauen eine informierte Entscheidung für oder gegen Früherkennung treffen können (s. dazu auch die&nbsp;<a href="https://www.hardingcenter.de/de/krebs-frueherkennung/brustkrebs-frueherkennung-durch-mammographie-screening" target="_blank" rel="noreferrer">„Faktenbox zur Brustkrebs-Früherkennung durch Mammographie-Screening“</a>&nbsp;des von „Unstatistiker“ Prof. Dr. Gerd Gigerenzer geleiteten Harding-Zentrum für Risikokompetenz).</p>
<p><strong>Google-Trefferseiten informieren so gut wie nicht über den Nutzen und Schaden des Screenings</strong></p>
<p>Was sagen nun die Ergebnisse bzw. Webseiten der Googlesuche?&nbsp;<a href="https://de.euronews.com/2021/10/01/brustkrebsmonat-oktober-mit-aktionen-und-vielen-rosa-schleifen" target="_blank" rel="noreferrer">Euronews.com</a>&nbsp;gibt keinerlei Information über den Nutzen und Schaden des Screenings. Stattdessen bewirbt die Webseite rosa Schleifen und einen Rosa-Enten-Korso.<sup>&nbsp;</sup>Auf der Webseite&nbsp;<a href="https://www.womens.es/de/oncologia-ginecologica/mama-2/dia-mundial-del-cancer-de-mama/" target="_blank" rel="noreferrer">womens.es</a>&nbsp;wird dagegen eine Zahl genannt: Früherkennung „reduziert die Sterbewahrscheinlichkeit um 25 Prozent“. Heißt das, dass von je 100 Frauen 25 weniger an Brustkrebs sterben? Nein. Diese Zahl kommt dadurch zustande, dass man die Reduktion von 5 auf 4 in 1.000 Frauen als „20 Prozent weniger“ mitgeteilt und auf 25 Prozent aufgerundet hat. Hier rechnet man wohl, dass Lesern der Unterschied zwischen einem&nbsp;<em>relativen Risiko</em>&nbsp;(25 Prozent weniger) und einem&nbsp;<em>absoluten Risiko</em>&nbsp;(1 in 1.000) nicht bekannt ist. Studien zeigen in der Tat, dass viele Frauen (und Männer) diesen Trick nicht durchschauen.</p>
<p>Auf der nächsten Webseite lädt die&nbsp;<a href="https://ostschweiz.krebsliga.ch/kurse-gruppen-anlaesse/anlaesse/archiv/archiv-2021/der-oktober-2021-wird-wieder-pink" target="_blank" rel="noreferrer">Krebsliga Ostschweiz</a>&nbsp;zum Mammographie-Screening ein, gibt viele Zahlen an (wie über die Anzahl der an Brustkrebs erkrankten Frauen und Männer) aber keine einzige über Nutzen und Schaden.&nbsp; Das Ministerium für Soziales, Gesundheit, Integration und Verbraucherschutz in Brandenburg rät auf seiner&nbsp;<a href="https://msgiv.brandenburg.de/msgiv/de/presse/pressemitteilungen/detail/~12-10-2021-brustkrebsmonat-oktober" target="_blank" rel="noreferrer">Webseite</a>&nbsp;wiederum zur Früherkennung, berichtet viele Zahlen, wie das Durchschnittsalter in dem Frauen erkranken, aber keine, die eine informierte Entscheidung ermöglicht – ganz anders als in der Faktenbox. Die Betriebskrankenkasse HMR rät unter anderem zur Selbst-Tastuntersuchung der Brust, ohne zu erwähnen, dass Studien zeigen, dass diese die Brustkrebssterblichkeit nicht verringert, aber falsche Alarme und unnötige Ängste auslösen kann. Die Webseite empfiehlt auch Mammographie, wiederum ohne Information über Nutzen und Schaden. Früherkennung wird zudem auch falsch als „Vorsorge“ bezeichnet – was weit verbreitet ist und einer der Gründe, warum viele Menschen denken, dass Mammographie Krebs verhindern würde. Impfung ist Vorsorge und verhindert Erkrankungen; Früherkennung bedeutet dagegen, dass eine schon vorhandene Erkrankung erkannt wird. Auf den restlichen Webseiten ging es so weiter — ganz ohne Information über Nutzen und Schaden, dafür aber mit Promis, rosa Schleifchen, Teddybären und Flamingos.</p>
<p>Da bei einer Google-Suche verschiedene Nutzer verschiedene Ergebnisse auf der ersten Seite erhalten, sollten Sie es einmal selbst versuchen. Verlässliche Information finden die meisten von uns jedoch erst auf den späteren Seiten. Nur gehen etwa 90 Prozent aller Klicks auf die erste Seite.</p>
<p><strong>Im „Brustkrebsmonat“ fehlen auch 2021 ausgewogene Informationen</strong></p>
<p>Im Oktober 2014 hatten wir schon einmal über die Kommerzialisierung des Brustkrebsmonats berichtet und auch über die fehlenden oder irreführenden Zahlen über Nutzen und Schaden. Im Oktober 2021 ist es genauso. In einer Gesellschaft, in der man über Gendersternchen streitet, wird zugleich die Praxis geduldet, Frauen die wissenschaftlichen Ergebnisse über Früherkennung vorzuenthalten. Frauen und Frauenorganisationen sollten endlich die rosa Schleifchen zerreißen und sich das nicht gefallen lassen. Jede Frau soll selbst informiert entscheiden können, statt emotional von Teddybären und kommerziellen Interessen gesteuert zu werden.</p><div class="well"><p><strong>Ansprechpartner/in:</strong><br> Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Tel.:&nbsp;(030) 82406-430<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-213,&nbsp;<a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de">sabine.weiler@rwi-essen.de</a></p></div><p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter&nbsp;</em><a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em>&nbsp;und unter dem Twitter-Account&nbsp;</em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>. Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em>&nbsp;<a href="http://www.data-literacy-charta.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a>&nbsp;<em>abrufbar.</em></small></span></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle&nbsp;</em><a href="https://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em>&nbsp;zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter&nbsp;</em><a href="mailto:%3Cscript%20type="><em>presse@rwi-essen.de&nbsp;</em></a><em>. Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></small></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong><a href="/fileadmin/user_upload/RWI/Unstatistiken/211028_unstatistik_oktober_final.pdf" class="link-file"><strong><strong>Die Pressemitteilung im pdf-Format</strong></strong></a></strong></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2021</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <guid isPermaLink="false">news-903</guid>
                        <pubDate>Thu, 30 Sep 2021 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Dritte Covid-19-Impfung – Mehr als 10-facher Schutz?</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/dritte-covid-19-impfung-mehr-als-10-facher-schutz
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats September ist eine in den sozialen Medien diskutierte Studie, die sich mit der Wirksamkeit einer dritten (Booster-)Covid-19-Impfung mit dem Pfizer-BioNTech-Impfstoff beschäftigt. In der Studie werden jedoch keine absoluten Zahlen, sondern nur relative Zahlen zum Effekt der dritten Impfung genannt. Bei genauerer Betrachtung der absoluten Zahlen zeigt sich, dass eine dritte Impfung die bereits beachtlich hohe Wirkung der ersten beiden Impfungen noch etwas verstärkt, aber dieser zusätzliche Effekt nicht so groß ist wie es die relativen Zahlen erscheinen lassen. </description>
                        <content:encoded><![CDATA[<hr>
<p>Im September wurde in den sozialen Medien eine im „New England Journal of Medicine“ veröffentlichte&nbsp;<a href="https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2114255" target="_blank" rel="noreferrer">Studie</a>&nbsp;zur Wirksamkeit einer dritten (Booster-)Covid-19-Impfung mit dem Pfizer-BioNTech-Impfstoff auf Basis von mehr als einer Million Beobachtungen von Personen im Alter 60+ in Israel diskutiert. So schreibt Karl Lauterbach in seinem&nbsp;<a href="https://www.facebook.com/Karl.Lauterbach.spd/posts/4766736050016984?__cft__%5b0%5d=AZXtWl6r7O52KTc8XMcKIJCvGFuhfqTGVIHgQUePsYn59XokfLtFMbmCDFm0-QVe8UdIbbuxBzfqqNt2-yutcGnk1GpAWc2_Db7k2-iv7jC-YB_mKLntVKAf2eabnSRfwW1jQ6wIZod8pPevDcG5zZRS&amp;__tn__=%2CO%2CP-R" target="_blank" rel="noreferrer">Facebook-Account</a>&nbsp;am 12. September: „Die Wirkung der 3. BionTech Impfung fällt deutlich stärker aus als von vielen Experten erwartet. Mehr als 10-facher Schutz gegen Infektion oder schwere Krankheit.“ Also könnte man meinen, dass der zusätzliche Schutz der dritten Impfung ein Zehnfaches des schon bestehenden Schutzes sei. Hier liegt jedoch ein Klassiker der Fehlinterpretation von relativen Risiken vor.</p>
<p>Was hat die Studie gefunden (wir beziehen uns auf die veröffentlichten Ergebnisse – im Netz kursiert eine Tabelle mit weniger Beobachtungen)? Das relative Risiko sich zu infizieren, gemessen in Fällen pro Personentagen unter Risiko, hat sich um ca. den Faktor 11 und das relative Risiko schwer zu erkranken sogar um den Faktor 20 verringert. Grob gerundet heißt das auf Grundlage der veröffentlichten Daten:&nbsp;</p><ul class="list-normal"> 	<li>Mit zwei Impfdosen lag das Risiko einer Infektion bei rund 85 Fällen je 100.000 Personentage und mit drei Dosen bei rund 8 Fällen je 100.000 Personentage.</li> 	<li>Mit zwei Impfdosen lag das Risiko einer schweren Erkrankung bei rund 6 Fällen je 100.000 Personentagen und mit drei Dosen bei rund 0,3 Fällen je 100.000 Personentagen.</li> </ul><p>Eine Senkung des relativen Risikos ist jedoch nicht gleichzusetzen mit einer gleich hohen Erhöhung des Impfschutzes. Um diese "Umrechnung" zu vollziehen, ist es wichtig zu verstehen, dass Personentage nicht gleich Personen sind. Also brauchen wir die Personen unter Risiko.</p>
<p>Angenommen, man betrachtet jeweils 10.000 Personen über 30 Tage (der Zeitraum der Studie). Das ergibt 300.000 Personentage.</p><ul class="list-normal"> 	<li>Mit zwei Impfdosen erwartet man 255 Infektionen, mit drei Dosen 24 Infektionen.</li> 	<li>Mit zwei Impfdosen erwartet man 18 schwere Fälle, mit drei Dosen einen schweren Fall.</li> </ul><p>D.h. die Wahrscheinlichkeit, sich NICHT zu infizieren, steigt mit der dritten Dosis von 9745/10.000 auf 9976/10.000; das ist eine Erhöhung des Schutzes um knapp über 2 Prozentpunkte. Die Wahrscheinlichkeit, NICHT schwer zu erkranken, steigt mit der dritten Dosis von 9982/10000 auf 9999/10000; das ist eine Erhöhung des Schutzes um knapp 0,2 Prozentpunkte.</p>
<p>Fazit: Bereits in der Zusammenfassung der Studie im „New England Journal of Medicine“ werden keine absoluten Zahlen, sondern nur relative Zahlen zum Effekt der dritten Impfung genannt. Dies, obgleich sich medizinische Zeitschriften den sogenannten&nbsp;<a href="http://www.consort-statement.org/" target="_blank" rel="noreferrer">CONSORT-Regeln</a>&nbsp;verpflichtet haben, immer beides – relative und absolute Effekte – zu berichten. Relative Zahlen sind beeindruckend groß, während die absoluten Zahlen klar zeigen, dass eine dritte Impfung die bereits beachtlich hohe Wirkung der ersten beiden Impfungen noch etwas verstärkt, aber dieser zusätzliche Effekt ist nicht so groß ist wie es die relativen Zahlen erscheinen lassen.</p>
<p><em>Anm. d. Red.:<br> Gegenüber der ersten Fassung der Pressemitteilung sind drei Korrekturen eingefügt:</em><br> -&nbsp;<em>Da die Überschrift "Dritte Covid-19-Impfung – Ein kleiner Boost" offenbar bei manchen (fälschlicherweise) den Eindruck erweckt hat, im Text würde am Nutzen der Booster-Impfung gezweifelt, wurde die Überschrift geändert auf "Dritte Covid-19-Impfung – Mehr als 10-facher Schutz?“</em><br> <br> <em>- Hinter dem vierten Bulletpoint&nbsp;<em>stand fälschlicherweis&nbsp;</em>"Mit zwei Impfdosen erwartet man 18 schwere Fälle, mit drei Dosen 2 schwere Fälle." Richtig muss es jedoch heißen: "Mit zwei Impfdosen erwartet man 18 schwere Fälle, mit drei Dosen&nbsp;<strong>einen schweren Fall</strong>."</em></p>
<p><em>-&nbsp; Im nachfolgenden Absatz muss es statt "Die Wahrscheinlichkeit, NICHT schwer zu erkranken, steigt mit der dritten Dosis von 9982/10000 auf 9998/10000; das ist eine Erhöhung des Schutzes um knapp 0,2 Prozentpunkte." dann entsprechend heißen "Die Wahrscheinlichkeit, NICHT schwer zu erkranken, steigt mit der dritten Dosis von 9982/10000 auf&nbsp;<strong>9999</strong>/10000; das ist eine Erhöhung des Schutzes um knapp 0,2 Prozentpunkte."</em></p><div class="well"><p><strong>Ansprechpartner/in:</strong><br> Katharina Schüller (STAT-UP), Tel.: (089) 34077-447<br> Prof. Dr. Thomas K. Bauer (RWI), Tel.: (0201) 8149-264<br> Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Tel.:&nbsp;(030) 82406-430<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-213,&nbsp;<a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de">sabine.weiler@rwi-essen.de</a></p></div><p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter&nbsp;</em><a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em>&nbsp;und unter dem Twitter-Account&nbsp;</em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>. Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em>&nbsp;<a href="http://www.data-literacy-charta.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a>&nbsp;<em>abrufbar.</em></small></span></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle&nbsp;</em><a href="https://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em>&nbsp;zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter</em><a href="mailto:%3Cscript%20type="><em>&nbsp;presse@rwi-essen.de&nbsp;</em></a><em>. Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></small></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong><a href="/fileadmin/user_upload/RWI/Unstatistiken/210930_unstatistik_september_final.pdf" class="link-file"><strong><strong>Pressemitteilung im pdf-Format</strong></strong></a></strong></p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <guid isPermaLink="false">news-904</guid>
                        <pubDate>Tue, 31 Aug 2021 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Höchster Anstieg der Treibhausgasemissionen seit 1990</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/hoechster-anstieg-der-treibhausgasemissionen-seit-1990
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats August ist die Meldung des Thinktanks Agora Energiewende, wonach Deutschland im Jahr 2021 vor dem höchsten Anstieg der Treibhausgasemissionen seit 1990 stehe. Dieser Anstieg muss vor dem Hintergrund des Lockdowns aufgrund der Corona-Pandemie im vergangenen Jahr gesehen werden. Nur deshalb kam es 2020 zum stärksten Rückgang der Treibhausgasemissionen im Vergleich zum Vorjahr seit 1990. Insofern ist der diesjährige Anstieg der Treibhausgasemissionen im Vergleich zu 2020 im Zusammenhang gesehen wenig spektakulär. </description>
                        <content:encoded><![CDATA[<hr>
<p>Die Unstatistik des Monats August ist die&nbsp;<a href="https://www.agora-energiewende.de/presse/neuigkeiten-archiv/deutschland-steht-2021-vor-dem-hoechsten-anstieg-der-treibhausgasemissionen-seit-1990/" target="_blank" rel="noreferrer">Meldung des Thinktanks Agora Energiewende</a>, wonach Deutschland im Jahr 2021 vor dem höchsten Anstieg der Treibhausgasemissionen seit 1990 stehe. Diese Meldung wurde&nbsp;<a href="https://twitter.com/Die_Gruenen/status/1428354334677291016" target="_blank" rel="noreferrer">in den Sozialen Medien</a>&nbsp;und&nbsp;<a href="https://www.wa.de/politik/klima-merkel-deutschland-emissionen-anstieg-corona-agora-windkraft-warnung-erwaermung-zr-90924234.html" target="_blank" rel="noreferrer">einigen Tageszeitungen</a>&nbsp;sowie in der Sendung „<a href="https://www1.wdr.de/daserste/hartaberfair/videos/video-klimaschutz-im-buerger-check-welcher-partei-kann-man-vertrauen-102.html" target="_blank" rel="noreferrer">Hart aber Fair</a>“ unkritisch aufgenommen.</p>
<p>Faktisch ist die Aussage zwar richtig. Die Hochrechnungen von Agora Energiewende legen nahe, dass die Treibhausgasemissionen im Jahr 2021 zwischen 20 und 73 Millionen Tonnen gegenüber den 739 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten im Jahr 2020 ansteigen werden. Dieser Anstieg muss jedoch vor dem Hintergrund des Lockdowns aufgrund der Corona-Pandemie im vergangenen Jahr gesehen werden. Nur deshalb kam es 2020 zum stärksten Rückgang der Treibhausgasemissionen im Vergleich zum Vorjahr seit 1990. Insofern ist der diesjährige Anstieg der Treibhausgasemissionen im Vergleich zu 2020 im Zusammenhang gesehen wenig spektakulär. Eine ähnliche Entwicklung gab es bereits während der letzten Finanzmarktkrise: So wurde im Krisenjahr 2009 der bisher stärkste Rückgang der Treibhausgasemissionen beobachtet, gefolgt von dem bisher stärksten Anstieg der Emissionen im Jahr 2010.</p>
<p>Vor dem Hintergrund der Klimaziele der Bundesregierung ist der Blick auf jährliche Wachstumsraten der Treibhausgasemissionen daher wenig sinnvoll. Die Klimaziele werden als Minderung der Treibhausgasemissionen im Vergleich zum Referenzjahr 1990 definiert. Das Ziel, die Treibhausgasemissionen im Jahr 2020 im Vergleich zu 1990 um mindestens 40 Prozent zu senken, wurde zwar erreicht – aber eben nur aufgrund der mit der Corona-Krise einhergehenden geringeren Wirtschaftstätigkeit und Mobilität. Ohne diese Krise hätte man das Ziel aller Wahrscheinlichkeit nach verfehlt. In diesem Jahr schwenkt man wieder in den „normalen“ Trendverlauf der CO2-Emissionen ein – die Treibhausgasemissionen nehmen im mittleren Szenario von Agora Energiewende zwar ab, liegen jedoch über den Einsparungszielen der Bundesregierung. Insofern besteht weiterhin erheblicher Handlungsbedarf, wenn man das Ziel einer Verringerung der Treibhausgasemissionen bis 2030 um 65 Prozent im Vergleich zu 1990 erreichen möchte – Sensationsmeldungen aufgrund krisenbedingter Schwankungen helfen dabei jedoch nicht.</p><div class="well"><p><strong>Ansprechpartner/in:</strong><br> Prof. Dr. Thomas K. Bauer (RWI), Tel.: (0201) 8149-264<br> Katharina Schüller (STAT-UP), Tel.: (089) 34077-447<br> Leonard Knollenborg (Kommunikation RWI), Tel.: (0201) 8149-210</p></div><p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter&nbsp;</em><a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em>&nbsp;und unter dem Twitter-Account&nbsp;</em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>. Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em>&nbsp;<a href="http://www.data-literacy-charta.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a>&nbsp;<em>abrufbar.</em></small></span></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle&nbsp;</em><a href="https://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em>&nbsp;zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter</em><a href="mailto:%3Cscript%20type="><em>&nbsp;presse@rwi-essen.de&nbsp;</em></a><em>. Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></small></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong><a href="/fileadmin/user_upload/RWI/Unstatistiken/210831_unstatistik_august_final.pdf" class="link-file"><strong><strong>Pressemitteilung im pdf-Format</strong></strong></a></strong></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2021</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <guid isPermaLink="false">news-905</guid>
                        <pubDate>Wed, 28 Jul 2021 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Die Corona-Pandemie lässt Masse und Maße der Deutschen steigen</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/die-corona-pandemie-laesst-masse-und-masse-der-deutschen-steigen
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats Juli ist die Aussage, die Deutschen hätten während der Corona-Pandemie durchschnittlich 5,6 kg Gewicht zugenommen. Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass die tatsächliche Gewichtszunahme deutlich niedriger ist und im Rahmen der statistischen Streuung liegt. </description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>&nbsp;</p>
<h3>Unstatistik vom 28.07.2021</h3>
<p>Die Unstatistik des Monats Juli ist eine Pressemeldung der Technischen Universität München (TUM)&nbsp; mit dem Titel&nbsp;<a href="https://www.ekfz.tum.de/fileadmin/PDF/Pressemitteilung_Ernaehrung_und_Bewegung_in_Zeiten_von_Corona_final_020621.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">„Corona befeuert eine andere Pandemie“</a>&nbsp;und deren Rezeption in den Medien. Mit der „anderen Pandemie“ ist das Übergewicht der erwachsenen Deutschen gemeint. „Gut fünf Kilo haben die Deutschen im vergangenen Jahr zugenommen“, schreibt ZEIT online und fragt besorgt:&nbsp;<a href="https://www.zeit.de/2021/28/gewichtszunahme-corona-fitness-personal-trainer-tipps" target="_blank" rel="noreferrer">„Wie kriegen wir das wieder runter?“</a>. Im folgenden Interview mit vier Personal Trainern bestätigen gleich zwei davon ihren Eindruck, dass die Deutschen auf den Straßen sichtbar dicker geworden seien.</p>
<p>Inwiefern die Corona-Maßnahmen zu veränderten Lebensgewohnheiten geführt haben, die unter anderem auch mit einer Gewichtszunahme verbunden sein konnten, haben bereits verschiedene Studien untersucht. Für Deutschland konnte das Robert-Koch-Institut (RKI) anhand der Studie&nbsp;<a href="https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsJ/Focus/JoHM_04_2020_Gesundheitliche_Lage_COVID-19_GEDA.pdf?__blob=publicationFile" target="_blank" rel="noreferrer">„Gesundheit in Deutschland aktuell“</a>&nbsp;(GEDA 2019/2020-EHIS) bei gut 23.000 bundesweit Befragten ab 15 Jahren zwischen April 2019 und September 2020 allerdings nur eine Gewichtszunahme von 1,1 kg finden. Heißt das, die Deutschen haben im vergangenen Dreivierteljahr noch einmal so richtig zugelegt?</p>
<p>Nein, das wäre ein Trugschluss. Die 5,6 kg durchschnittliche Gewichtszunahme, die das Marktforschungsinstitut Forsa im Rahmen einer&nbsp;<a href="https://www.ekfz.tum.de/fileadmin/PDF/PPT__EKFZ_und_Forsa_2_Final.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">Studie für das Else Kröner Fresenius Zentrum für Ernährungsmedizin (EKFZ) an der TUM</a>&nbsp;erfragt hat, beziehen sich nur auf diejenigen Befragten, die zugenommen haben.&nbsp; Es handelt sich also um einen bedingten Mittelwert. 11 Prozent haben im Schnitt 6,4 kg abgenommen und 48 Prozent gaben an, in der Pandemie ihr Gewicht gehalten zu haben. Errechnet man daraus den Gesamtdurchschnitt, so ergibt sich eine Zunahme von knapp 1,5 kg. (Die Ergebnispräsentation zur Studie erwähnt übrigens „nur“ 5,5 kg als durchschnittliches Mehrgewicht bei den Befragten, die zugenommen haben.)</p>
<p>Die Behauptung auf ZEIT online ist also klar falsch. Auch die Beiträge von&nbsp;<a href="https://www.mdr.de/wissen/corona-pandemie-vierzig-prozent-der-deutschen-haben-zugenommen-100.html" target="_blank" rel="noreferrer">mdr.de</a>&nbsp; („Die Befragten gaben an, seit Beginn der der Pandemie im Schnitt um 5,6 Kilogramm zugenommen zu haben.“),&nbsp;<a href="https://www.sonntagsblatt.de/corona-pandemie-lockdown-tu-ekfz-uebergewicht-hans-hauner" target="_blank" rel="noreferrer">Sonntagsblatt&nbsp;</a>&nbsp;(„5,6 Kilo haben die Deutschen laut einer neuer Studie der TU München während der Corona-Pandemie zugenommen.“) und der&nbsp;<a href="https://www.pnp.de/nachrichten/bayern/55-Kilo-mehr-Wie-Corona-die-Deutschen-dick-gemacht-hat-4015251.html" target="_blank" rel="noreferrer">Passauer Neuen Presse&nbsp;</a>&nbsp;(„5,5 Kilo mehr: Wie Corona die Deutschen dick gemacht hat“) berichten zumindest irreführend. Daran dürfte allerdings die Pressemitteilung der TUM nicht ganz unschuldig sein. Dort heißt es: „Im Durchschnitt liegt die Gewichtszunahme bei 5,6 Kilo.“, ohne den Hinweis darauf, dass dies lediglich der Durchschnitt derjenigen Befragten ist, die überhaupt zugenommen haben. Immerhin berichteten zahlreiche andere Medien korrekt und (nahezu) wortgleich: „Demnach haben rund 40 Prozent der Befragten seit Corona an Gewicht zugelegt – im Durchschnitt 5,6 Kilogramm.“</p>
<p><strong>Schwerwiegende Erkenntnis: Wer schon viel wiegt, nimmt auch häufiger zu</strong></p>
<p>Der TUM-Studie zufolge lassen sich allerdings auch einige Zusammenhänge identifizieren. „Je höher der Body-Mass-Index (BMI) der Befragten, desto häufiger geben sie an, dass sie seit Beginn der Pandemie zugenommen haben.“&nbsp; Dies besagt nichts anderes, als dass man mit einem relativ hohen Gewicht in der Vergangenheit eine Gewichtszunahme in der Zukunft gut vorhersagen kann. Dies ist so wenig überraschend wie der gefundene Zusammenhang zwischen seelischer Belastung und „mehr essen“. Ob die Befragten aber mehr essen, weil sie sich belastet fühlen, oder ob sie dadurch belastet sind, dass sie zunehmen, das kann man durchaus hinterfragen.</p>
<p>Überhaupt ist das mit Statistiken zu den deutschen Maßen (oder auch Massen) keine ganz einfache Angelegenheit. Im August 2018 wie schon im November 2014 veröffentlichte das Statistische Bundesamt auf der Zahlenbasis von 2017 einen Sonderbericht, dem zufolge insgesamt knapp 53 Prozent der erwachsenen Bevölkerung übergewichtig waren. Getrennt nach Geschlecht, waren es gut 62 Prozent der Männer und gut 43 Prozent der Frauen. Die Zahlen entstammen einer Zusatzbefragung zum Mikrozensus. Erfragt wurden Größe und Gewicht, aus denen sich dann der Body Mass Index als Maßstab für Unter-, Normal- bzw. Übergewicht berechnen lässt. Offenbar hat die Masse der Deutschen erheblich zugenommen. Denn im Jahr 2013 waren etwas mehr als 52 Prozent der Befragten übergewichtig, im Jahr 1999 „nur“ knapp 48 Prozent. Die Männer sind übrigens durchgehend häufiger übergewichtig, zumindest nach dem Kriterium eines Body Mass Index (BMI), der über der Schwelle von 25 liegt.</p>
<p>Der BMI errechnet sich als das Körpergewicht in kg, geteilt durch die quadrierte Körpergröße in Metern. Das klingt nach einer etwas merkwürdigen Formel, die man sich aber gut veranschaulichen kann: Leonardo da Vinci hat das berühmte Bild vom „vitruvianischen Menschen“ gezeichnet, dem Mann, der mit ausgetreckten Armen und Beinen in einem Kreis steht. Nun steht die Kreisfläche im quadratischen Verhältnis zum Radius und ein Würfel von 1 kg Wasser, aus dem wir Menschen größtenteils bestehen, hat eine Kantenlänge von 10 cm oder 0,1 m. Der BMI ist also ungefähr die Höhe (oder Dicke), die ein menschlicher Körper im Durchschnitt hat, wenn man ihn flach auf den Boden legt – grob gesagt also, wie weit der Bauch im Liegen nach oben ragt.</p>
<p><strong>Der BMI ist nicht unumstritten und die Befragten sind nicht immer ehrlich</strong></p>
<p>Die Deutschen werden also im Zeitverlauf immer dicker oder zumindest schwerer. Jedoch ist der BMI nicht unumstritten; schließlich wiegen Muskeln mehr als Fett, so dass manche sehr sportlichen Menschen nach diesem einfachen Kriterium fälschlicherweise als übergewichtig eingestuft werden. Doch es scheint schon schlimmer gewesen zu sein, wenn man auf eine weitere nationale Befragung blickt: die Nationale Verzehrsstudie II (NVS II), deren Daten 2005/06 erhoben wurden. Demnach waren vor 15 Jahren bereits 58 Prozent aller Deutschen übergewichtig. 66 Prozent der Männer und 51 Prozent der Frauen brachten damals zu viel auf die Waage. Laut einer weiteren&nbsp;<a href="https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsJ/FactSheets/JoHM_2017_02_Uebergewicht_Adipositas_Erwachsene.pdf?__blob=publicationFile" target="_blank" rel="noreferrer">RKI-Studie auf Basis der GEDA 2014/2015-EHIS</a>&nbsp;waren es vor fünf Jahren aber nur noch 54 Prozent insgesamt, knapp 47 Prozent der Frauen und knapp 62 Prozent der Männer. Wie kann das sein?</p>
<p>Ein Teil der Veränderung, die das Statistische Bundesamt im Mikrozensus misst, lässt sich zumindest demografisch erklären. Bei den 70- bis 74-Jährigen sind nämlich fast drei Viertel der Männer und knapp drei von fünf Frauen übergewichtig, bei den 20- bis 24-Jährigen jeder dritte Mann und knapp jede fünfte Frau. Wenn die Bevölkerung altert und Menschen mit dem Alter zunehmen (aber dabei üblicherweise nicht wachsen, sondern eher schrumpfen), dann sind statistisch gesehen mehr Übergewichtige dabei.</p>
<p>Das eigentlich Aufschlussreiche ist der Unterschied zwischen Mikrozensus, GEDA-Studie, TUM-Befragung und Nationaler Verzehrsstudie. Im den ersten drei Untersuchungen wurden die Leute befragt, wie viel sie wiegen, in der Verzehrsstudie wurden sie gewogen und gemessen. Interessant ist dabei, dass die Verzehrsstudie ein wesentlich größeres Problem der Übergewichtigkeit in Deutschland aufzeigt als die Befragungsstudien. Deswegen sagen die Zahlen womöglich weniger darüber aus, wie sich das Gewicht der Deutschen verändert hat, sondern vielmehr darüber, wie Männer und Frauen bei Befragungen gleichermaßen lügen, wenn es um ihr Gewicht geht. Ein Blick auf die reinen Befragungsdaten lässt die Ergebnisse der TUM zudem wesentlich weniger spektakulär erscheinen: Eine Gewichtsschwankung von weniger als 1,5 kg entspricht einer BMI-Veränderung von weniger als einem halben Punkt. Das liegt im Rahmen der statistischen Streuung.</p><div class="well"><p><strong>Ansprechpartner/in:</strong></p>
<p>Katharina Schüller (STAT-UP),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (089) 34077-447<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI),&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-213,&nbsp;<a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de">sabine.weiler@rwi-essen.de</a></p></div><p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter&nbsp;<a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>&nbsp;und unter dem Twitter-Account&nbsp;<a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer">@unstatistik</a>.</em></small></span></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em>&nbsp;<a href="http://www.data-literacy-charta.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em>&nbsp;</em><em>abrufbar.</em></small></span></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle&nbsp;<a href="https://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer">https://www.unstatistik.de</a>&nbsp;zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter&nbsp;<a href="mailto:presse@rwi-essen.de">presse@rwi-essen.de</a>&nbsp;. Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></small></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Zusätzliche Informationen:</strong></p>
<p>Anteil der Bevölkerung (18 Jahre und älter) mit BMI &gt; 25 (ausgewählte Studien).</p><div class="table-responsive"><table cellpadding="0" cellspacing="0" class="table"> 	<tbody> 		<tr> 			<td><p>BMI &gt; 25</p></td> 			<td><p>Mikro-zensus 1999</p></td> 			<td><p>NVZ 2005/06</p></td> 			<td><p>GEDA 2012</p></td> 			<td><p>Mikro-zensus 2013</p></td> 			<td><p>GEDA 2014</p></td> 			<td><p>Mikro-zensus 2017</p></td> 		</tr> 		<tr> 			<td><p>Männer</p></td> 			<td><p>56,2%</p></td> 			<td><p>66%</p></td> 			<td><p>59,7%</p></td> 			<td><p>61,5%</p></td> 			<td><p>61,6%</p></td> 			<td><p>62,1%</p></td> 		</tr> 		<tr> 			<td><p>Frauen</p></td> 			<td><p>39,7%</p></td> 			<td><p>51%</p></td> 			<td><p>45,8%</p></td> 			<td><p>43,5%</p></td> 			<td><p>46,7%</p></td> 			<td><p>43,1%</p></td> 		</tr> 		<tr> 			<td><p>Gesamt</p></td> 			<td><p>47,7%</p></td> 			<td><p>58%</p></td> 			<td><p>52,4%</p></td> 			<td><p>52,5%</p></td> 			<td><p>54%</p></td> 			<td><p>52,7%</p></td> 		</tr> 	</tbody> </table></div><p>&nbsp;</p>
<p><em>&nbsp;<img alt="BMI-Werte" data-htmlarea-file-uid="8502" src="/fileadmin/_processed_/0/b/csm_21b09694d2_ef335aef5d.png" style width="486" height="660" class="rte_imagepresent"></em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong><a href="/fileadmin/user_upload/RWI/Unstatistiken/210728_unstatistik_juli_final.pdf" class="link-file"><strong><strong>Pressemitteilung im pdf-Format</strong></strong></a></strong></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2021</category>
                            
                        
                        
                            
                        
                    </item>
                
                    <item>
                        <guid isPermaLink="false">news-906</guid>
                        <pubDate>Wed, 30 Jun 2021 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Pflanzenkost hilft gegen Corona</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/pflanzenkost-hilft-gegen-corona
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats Juni ist die Berichterstattung über eine Studie zum Zusammenhang zwischen der Ernährung und Coronainfektionen. Es handelt sich hierbei um den klassischen Fall eines unbegründeten Rückschlusses von Korrelation auf Kausalität: Dass eine Coronainfektion bei Menschen mit einer pflanzenbasierten Ernährung mit niedrigerer Wahrscheinlichkeit einen schweren Verlauf nimmt, heißt nicht, dass die Ernährung die Ursache für einen milderen Krankheitsverlauf sein muss. </description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>&nbsp;</p>
<h3>Unstatistik vom 30.06.2021</h3>
<p>Die Unstatistik des Monats Juni ist die Berichterstattung über eine&nbsp;<a href="https://nutrition.bmj.com/content/early/2021/05/18/bmjnph-2021-000272" target="_blank" rel="noreferrer">Studie aus BMJ Nutrition, Prevention &amp; Health</a>&nbsp;zum Zusammenhang zwischen der Ernährung und Coronainfektionen. Denn dieser Zusammenhang existiert in der Tat: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Coronainfektion einen schweren Verlauf nimmt, ist bei Menschen mit einer pflanzenbasierten Ernährung deutlich kleiner. Zumindest war das in der in der Studie untersuchten Stichprobe von rund 3000 besonders coronagefährdeten Personen aus dem Gesundheitswesen (95 Prozent davon Ärzte) der Fall.</p>
<p>Das heißt aber nicht, dass die Ernährung die Ursache für einen milderen Krankheitsverlauf sein muss, wie es etwa das „Deutsche Ärzteblatt“ in seiner Online-Ausgabe suggeriert:&nbsp;<a href="https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/124513/Studie-Ernaehrung-beeinflusst-Verlauf-von-COVID-19" target="_blank" rel="noreferrer">„Studie: Ernährung beeinflusst Verlauf von COVID-19“</a>. Es handelt sich hierbei um den klassischen Fall eines unbegründeten Rückschlusses von Korrelation auf Kausalität. So steigt mit zunehmendem Konsum von Softgetränken das Risiko für einen Kreislaufkollaps. Aber nicht, weil der Konsum von Softgetränken einen Kreislaufkollaps begünstigt, sondern weil bei sommerlicher Hitze mehr Softgetränke konsumiert werden und die Wahrscheinlichkeit eines Kollapses steigt.&nbsp; Dergleichen zusätzliche Einflussfaktoren sind in sogenannten epidemiologischen Beobachtungsstudien, zu denen auch die vorliegende Untersuchung gehört, nie völlig auszuschließen. Zwar hat man hier durchaus versucht, den Einfluss weiterer Ursachen zu neutralisieren, aber das gelingt in den seltensten Fällen perfekt.&nbsp; So geht etwa die Vorliebe für vegetarisches Essen oft mit einem gesundheitsbewussteren Verhalten in anderen Lebensbereichen und damit einer stärkeren Immunabwehr einher, die für sich alleine genommen auch ohne vegetarisches Essen für einen milderen Verlauf von Coronainfektionen sorgt. Auch der zentrale Effekt des Lebensalters wurde möglicherweise nicht korrekt berücksichtigt, denn in der Studie ist von der wichtigen Wechselwirkungen zwischen dem Alter, der Vorliebe für vegetarisches Essen und dem Verlauf von Coronainfektionen keine Rede. Generell kann man hier nur einen Ratschlag aus der führenden Wissenschaftszeitschrift Science wiederholen, mit Schlussfolgerungen aus epidemiologischen Beobachtungsstudien sehr vorsichtig zu sein (<a href="https://www.mcgill.ca/cancerepi/files/cancerepi/TaubesScience269-164-Letters.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">G. Taubes: Epidemiology faces its limits, Science 1995</a>).</p>
<p><strong>Rückschlüsse aus Beobachtungsstudien bleiben vielfach reine Spekulation</strong></p>
<p>Der leider nur selten realisierte Goldstandard ist hier ein geplantes Experiment: Man teilt die Versuchspersonen zufällig in zwei Gruppen ein, die einen bekommen Pflanzenkost, die anderen eher Nackensteak, und dann verfolgt man, wo Corona glimpflicher verläuft. In einer idealen Welt wissen die Personen in den beiden Gruppen dabei noch nicht einmal, ob sie Salat (Verum) oder Schnitzel (Placebo) essen, wodurch zum Beispiel eingebildete Effekte („ich lebe ja so gesund“) ausgeschlossen werden können. Ohne solche kontrollierten Experimente bleiben Rückschlüsse aus Beobachtungsstudien vielfach reine Spekulation.</p><div class="well"><p><strong>Ansprechpartner/in:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Walter Krämer,&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0231) 755-3125&nbsp;<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI),&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-213,&nbsp;<a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de">sabine.weiler@rwi-essen.de</a></p></div><p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter&nbsp;<a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>&nbsp;und unter dem Twitter-Account&nbsp;<a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer">@unstatistik</a>.</em></small></span></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em>&nbsp;<a href="http://www.data-literacy-charta.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em>&nbsp;</em><em>abrufbar.</em></small></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong><a href="/fileadmin/user_upload/RWI/Unstatistiken/210630_unstatistik_juni_final.pdf" class="link-file"><strong><strong>Pressemitteilung im pdf-Format</strong></strong></a></strong></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2021</category>
                            
                        
                        
                            
                        
                    </item>
                
                    <item>
                        <guid isPermaLink="false">news-907</guid>
                        <pubDate>Fri, 28 May 2021 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Die Liebe der Grünen-Wähler zum SUV</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/die-liebe-der-gruenen-waehler-zum-suv
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Mai-Unstatistik erfasst zwei häufige Fehler bei der Verwendung von Statistiken: die falsche Interpretation von bedingten Wahrscheinlichkeiten und der Repräsentativität von Stichproben. Sie erläutert dies anhand eines Artikels, laut dem eine Studie ergibt, dass die Anhänger der Partei Bündnis90/Die Grünen mehr als Anhänger anderer Parteien einen SUV fahren.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>&nbsp;</p>
<h3>Unstatistik vom 28.05.2021</h3>
<p>Die Unstatistik des Monats Mai erfasst zwei häufige Fehler bei der Verwendung von Statistiken: die falsche Interpretation von bedingten Wahrscheinlichkeiten und der Repräsentativität von Stichproben. In der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.) vom 16. Mai wird unter der Überschrift&nbsp;<a href="https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/auto-verkehr/gruenen-waehler-fahren-gerne-suv-die-liebe-zum-gelaendewagen-17342165.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Die Liebe der Grünen zum SUV“</a>&nbsp;berichtet, dass Anhänger der Partei Bündnis90/Die Grünen mehr als Anhänger anderer Parteien einen SUV fahren würden. Grundlage des Berichts sind die bisher unveröffentlichten Ergebnisse einer Befragung des Marktforschungs- und Beratungsunternehmens puls von 1.042 Personen, die in den nächsten sechs Monaten die Anschaffung eines Autos planen oder in den vergangenen zwölf Monaten ein Auto gekauft haben. In dieser Gruppe fahren Anhängerinnen und Anhänger der Partei Bündnis 90/Die Grünen am häufigsten einen SUV (16,3 Prozent), gefolgt von Wählerinnen und Wählern der SPD (16,0 Prozent), der AfD (15,9 Prozent), der CDU/CSU (15,6 Prozent), der FDP (13,4 Prozent) und der Linken (7,7 Prozent). Die F.A.S. folgert aus diesen Ergebnissen: „Jeder sechste Grünen-Sympathisant hat laut der Puls-Studie einen Geländewagen vor der Tür stehen“.</p>
<p>Einmal davon abgesehen, dass die minimalen Unterschiede zwischen Anhängern der Grünen, der SPD, AfD, und CDU/CSU wahrscheinlich nicht statistisch signifikant sein dürften, wird mit obiger Aussage eine bedingte Wahrscheinlichkeit falsch interpretiert. Denn die Ergebnisse der Puls-Studie zeigen nur, dass unter denjenigen, die sich in den vergangenen zwölf Monaten einen SUV gekauft haben, 16,3 Prozent Sympathisanten von Bündnis 90/Die Grünen sind. Das bedeutet aber nicht, dass jeder sechste Grünen-Wähler einen SUV fährt. Denn aus einer hohen Wahrscheinlichkeit von A (Grünen-Wähler), gegeben B (SUV-Fahrer), kann man nicht ohne Weiteres auf eine hohe Wahrscheinlichkeit von B (SUV-Fahrer), gegeben A (Grünen-Wähler) schließen. Eine derartige Verwechslung von bedingten und bedingenden Ereignissen kommt leider sehr häufig vor. So wird aus der Erkenntnis, dass nahezu 60 Prozent aller registrierten Sportunfälle bei den Männern auf Fußballspieler entfallen, gerne die Schlussfolgerung gezogen, dass Fußball die gefährlichste Sportart sei. Aber die Wahrscheinlichkeit, gegeben, es geschieht ein Unfall, dass ein Fußballer Opfer eines Sportunfalls ist, bedeutet eben nicht, dass die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls, gegeben, ich spiele Fußball, ebenfalls rekordverdächtig ist. Das nahezu 60 Prozent aller registrierten Sportunfälle auf fußballspielende Männer zurückzuführen sind, ist überwiegend damit zu erklären, dass viele Männer Fußball spielen.</p>
<p><strong>Die Stichprobe umfasst nur Personen, die kürzlich ein Auto gekauft haben oder das planen</strong></p>
<p>Ein zweites Problem der Schlussfolgerung, dass Grünen-Wähler am häufigsten einen SUV fahren, liegt in der von dem Beratungsunternehmen puls verwendeten Stichprobe von Personen, „die in den nächsten sechs Monaten die Anschaffung eines Autos planen oder in den vergangenen 12 Monaten ein Auto gekauft haben“. Wie so häufig ist nahezu ebenso interessant, wer nicht an der Befragung teilgenommen hat. Hier Personen, die sich nicht gerade ein Auto gekauft haben oder eine entsprechende Anschaffung planen. So kann die obige Angabe des Anteils der Grünen-Wähler unter den SUV-Fahrern nur sinnvoll interpretiert werden, wenn man gleichzeitig die Parteienpräferenzen derjenigen kennt, die grundsätzlich auf die Nutzung eines Autos verzichten bzw. sich nicht erst kürzlich einen PKW angeschafft haben oder eine derartige Anschaffung planen. Das Problem ist ähnlich gelagert wie die Interpretation der durchschnittlichen Lohnunterschiede von Männern und Frauen als Diskriminierung. Löhne können nur von Personen erhoben werden, die eine Beschäftigung haben. Erfolgt Diskriminierung jedoch bei der Entscheidung, ob jemand eine Stelle erhält oder eben nicht, sagen durchschnittliche Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen wenig aus, wenn man nicht gleichzeitig die Unterschiede in der Arbeitslosigkeit bzw. Arbeitsmarktpartizipation beider Gruppen betrachtet. Selbst wenn keine Unterschiede in den durchschnittlichen Löhnen beider Gruppen existieren würden, kann erhebliche Diskriminierung existieren, wenn Frauen erst gar keine Stelle angeboten bekommen.</p>
<p>Fazit: Ob die Anhängerschaft der Partei die Bündnis 90/Die Grünen wirklich häufiger als die anderer Parteien „im SUV vor dem Ökoladen vorfährt“ kann ohne Zusatzinformationen aus der puls-Studie nicht abgeleitet werden.</p><div class="well"><p><strong>Ansprechpartner/in:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Thomas K. Bauer,&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-264&nbsp;<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI),&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-213,&nbsp;<a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de">sabine.weiler@rwi-essen.de</a></p></div><p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter&nbsp;<a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>&nbsp;und unter dem Twitter-Account&nbsp;<a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer">@unstatistik</a>.</em></small></span></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em>&nbsp;<a href="http://www.data-literacy-charta.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em>&nbsp;</em><em>abrufbar.</em></small></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong><a href="/fileadmin/user_upload/RWI/Unstatistiken/210528_unstatistik_mai_final.pdf" class="link-file"><strong><strong>Pressemitteilung im pdf-Format</strong></strong></a></strong></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2021</category>
                            
                        
                        
                            
                        
                    </item>
                
                    <item>
                        <guid isPermaLink="false">news-908</guid>
                        <pubDate>Wed, 28 Apr 2021 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Corona und der Regenwald</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/corona-und-der-regenwald
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die April-Unstatistik erläutert anhand einer Studie zum Zusammenhang des weltweiten Bestands an Regenwald und dem Vorkommen von tiergetriebenen Infektionskrankheiten den Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität: Zeitreihen können unabhängig voneinander in die gleiche Richtung laufen, also ohne dass zwischen ihnen ein Ursache-Wirkungs-Zusammenhang besteht. </description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>&nbsp;</p>
<h3>Unstatistik vom 28.04.2021</h3>
<p>Unsere Unstatistik April ist wieder einmal ein Korrelationskoeffizient - der zwischen dem weltweiten Bestand an Regenwald und dem Vorkommen von tiergetriebenen (von Tieren ausgehenden oder durch Tiere übertragenen) Infektionskrankheiten wie der aktuellen Corona-Pandemie. Dieser Korrelationskoeffizient ist negativ: je weniger Regenwald, desto mehr Infektionskrankheiten. So eine in deutschen und internationalen Medien&nbsp;<a href="https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=3710299" target="_blank" rel="noreferrer">vielzitierte Studie</a>&nbsp;der französischen Biomediziner Serge Morand und Claire Lajaunie.</p>
<p>Die beiden Forscher hatten für 27 Jahre, von 1990 bis 2016, einen steten Rückgang der mit Regenwald bedeckten Erdoberfläche zusammen mit einem ebenso steten Anstieg von Infektionswellen an verschiedenen von Tieren ausgehenden Krankheiten konstatiert. Daraus wurde dann in einigen Medien ungeprüft und ohne weitere Indizien eine Kausalbeziehung hergeleitet. Beginnend im März, bis in den April hinein berichteten u.a.&nbsp;<a href="https://www.derstandard.de/consent/tcf/story/2000125311033/abholzung-foerdert-ausbreitung-von-infektionskrankheiten" target="_blank" rel="noreferrer">derstandard.de</a>&nbsp;(„Eindeutiger Befund: Abholzung fördert Ausbreitung von Infektionskrankheiten“),&nbsp;<a href="https://www.blick.ch/news/studie-zeigt-zusammenhang-waldrodung-beguenstigt-tierkrankheiten-id16418376.html" target="_blank" rel="noreferrer">blick.ch</a>&nbsp;(„Waldrodung begünstigt Tierkrankheiten“) und&nbsp;<a href="https://www.tag24.de/leben/gesundheit/paris-forscher-studie-zeigt-holzen-wir-weiter-ab-steigen-infektionskrankheiten-1892545" target="_blank" rel="noreferrer">tag24.de</a>&nbsp;(„Studie zeigt: Holzen wir weiter ab, wird es mehr Infektions-Krankheiten geben“).</p>
<p>Einige Berichte weisen auf die Notwendigkeit weiterer Studien zur Etablierung einer Kausalbeziehung hin, die meisten aber nicht. Eine solche Kausalbeziehung kann aus den Daten der zitierten Studie nicht abgeleitet werden (und wird von den Autoren auch nicht behauptet). Die möglichen negativen Effekte einer Abholzung von Regenwald auf Mensch und Umwelt wollen wir keinesfalls bestreiten. Allein die dadurch bewirkte Reduktion der Biodiversität ist für viele Missstände verantwortlich. Aber nicht alle Übel dieser Erde gehen auf den Rückgang des Regenwaldes zurück. Genauso könnte man beweisen, dass der verschwindende Regenwald für die Zunahme an Einbruchsdiebstählen in der Bundesrepublik oder die steigende Staatsverschuldung weltweit verantwortlich ist. Diese ungeprüften Rückschlüsse von Korrelation auf Kausalität gehören zu den häufigsten statistischen Fehlern überhaupt. So gibt es etwa bei Männern eine negative Korrelation zwischen dem Einkommen und der Anzahl der Haare auf dem Kopf: je weniger Haare, desto mehr Geld. Diese Korrelation entsteht dadurch, dass bei Männern im allgemeinen mit wachsendem Alter die Haare ausfallen und das Einkommen steigt.</p>
<p><strong>Zeitreihen können unabhängig voneinander in die gleiche Richtung laufen</strong></p>
<p>Der häufigste Grund für solche Nonsens-Korrelationen sind gemeinsame Trends: Zwei Zeitreihen, die ganz gleich aus welchen Gründen in die gleiche Richtung gehen, sind immer automatisch hoch positiv korreliert. So gibt es etwa in Deutschland eine perfekte Korrelation zwischen den Apfelsinenimporten aus Portugal und den Belegungszahlen der bundesdeutschen Trinkerheilanstalten. Beide Zeitreihen sind seit dem Zweiten Weltkrieg angestiegen. Deshalb käme aber niemand auf die Idee, nun Apfelsinen aus Portugal zu verbieten. Genauso sind zwei Zeitreihen mit entgegengesetzten Trends immer automatisch hoch negativ korreliert, wie hier die Fläche an Regenwald und die Infektionsinzidenz.</p>
<p>Die Statistik kennt durchaus Verfahren, zwischen Korrelationen und Kausalitäten zu unterscheiden. In der Studie von Morand und Lajaunie sucht man diese allerdings vergebens.</p><div class="well"><p><strong>Ansprechpartner/in:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Walter Krämer,&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0231) 755-3125<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI),&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-213,&nbsp;<a href="mailto:sabine.weiler@rwi-essen.de">sabine.weiler@rwi-essen.de</a></p></div><p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter&nbsp;<a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>&nbsp;und unter dem Twitter-Account&nbsp;<a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer">@unstatistik</a>.</em></small></span></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em>&nbsp;<a href="http://www.data-literacy-charta.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em>&nbsp;</em><em>abrufbar.</em></small></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong><a href="/fileadmin/user_upload/RWI/Unstatistiken/21-16_unstatistik_april_final.pdf" class="link-file"><strong><strong>Pressemitteilung im pdf-Format</strong></strong></a></strong></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2021</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <guid isPermaLink="false">news-909</guid>
                        <pubDate>Wed, 31 Mar 2021 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Wie wirksam und sicher ist die AstraZeneca-Impfung?</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/wie-wirksam-und-sicher-ist-die-astrazeneca-impfung
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die März-Unstatistik beschäftigt sich mit Wirksamkeit und Sicherheit des AstraZeneca-Impfstoffs. Sie ordnet die aktuelle Wahrscheinlichkeit einer Hirnvenenthrombose ein und legt dar, warum es sich anbietet, den Impfstoff zunächst vorrangig für Über-60-Jährige zu nutzen. </description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>&nbsp;</p>
<h3>Unstatistik vom 31.03.2021</h3>
<p>Der Impfstoff von AstraZeneca und der Universität Oxford steht für die Hoffnung auf ein schnelles Ende des Lockdowns. Er lässt sich in einem normalen Kühlschrank lagern, ist preiswert und hat Großbritanniens Impfkampagne beschleunigt. Doch Mitte März setzte Gesundheitsminister Jens Spahn Impfungen mit AstraZeneca auf Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts vorübergehend aus. Seit der erneuten Zulassung erscheinen zahlreiche Patienten nicht zu den eigentlich knappen Impfterminen. Und nun wird über den Stopp der Impfung bei jüngeren Menschen diskutiert. Diese Unstatistik erklärt, was die Zahlen über Wirksamkeit und Sicherheit bedeuten, was wir noch nicht wissen, und wie man sich selbst ein Bild machen kann.</p>
<p><strong>Wirksamkeit: Was bedeutet 79 Prozent?</strong></p>
<p>Die&nbsp;<a href="https://www.rwi-essen.de/unstatistik/109/" target="_blank">Unstatistik des Monats November</a>&nbsp;setzte sich bereits mit der Frage auseinander, wie Angaben zur „Wirksamkeit“ von Impfstoffen richtig zu verstehen sind. Wir haben eine Flut von Nachfragen erhalten und werden hier anhand der neuesten Studiendaten zur Impfung von AstraZeneca noch einmal vertieft auf diesen schwierigen Begriff eingehen.</p>
<p>Am 22. März hat AstraZeneca in einer&nbsp;<a href="https://www.astrazeneca.com/content/astraz/media-centre/press-releases/2021/astrazeneca-us-vaccine-trial-met-primary-endpoint.html" target="_blank" rel="noreferrer">Pressemitteilung</a>&nbsp;über die vorläufigen Ergebnisse einer neuen Studie in den USA, Chile und Peru mit 32.449 Personen berichtet. Demnach ist die Wirksamkeit des Impfstoffs 79 Prozent für symptomatische Covid-19 Erkrankung. Das bedeutet, dass auf je 100 Erkrankte unter den Nicht-Geimpften lediglich 21 Erkrankte unter den Geimpften kamen. Als Erkrankte gelten in dieser Studie Personen, welche infiziert sind (positiver COVID-19 Test)&nbsp;<em>und</em>&nbsp;mindestens ein typisches Symptom haben, beispielsweise mindestens 37,8 °C Fieber.</p>
<p>Die berichtete Wirksamkeit verändert sich auch im Laufe der Studien.&nbsp; Wenige Tage nach der Pressemitteilung vom 22. März&nbsp;<a href="https://www.astrazeneca.com/content/astraz/media-centre/press-releases/2021/azd1222-us-phase-iii-primary-analysis-confirms-safety-and-efficacy.html" target="_blank" rel="noreferrer">berichtete etwa AstraZeneca</a>, dass sich mit Berücksichtigung der letzten Daten eine Wirksamkeit von 76 statt 79 Prozent ergibt.&nbsp;&nbsp;</p>
<p>In diesen Pressemitteilungen werden jedoch nicht die absoluten Zahlen angegeben, die man braucht, um die Berechnung der Wirksamkeit nachvollziehen zu können. Dazu nehmen wir die im Januar publizierte AstraZeneca-Studie aus Brasilien, Großbritannien und Südafrika, welche die absoluten Zahlen berichtet: Unter den 5.829 Nicht-Geimpften gab es 101 Erkrankte und unter den 5.807 Geimpften waren es lediglich 30.&nbsp; Das heißt, dass sich der Anteil der Erkrankten von 101/5.829 auf 30/5.807 verringerte, also um rund 70 Prozent. Diese Wirksamkeit wurde bis zu 5 Monate nach der ersten Impfdosis und bis zu 3 Monate nach der zweiten Impfdosis bestimmt – im Mittel also deutlich kürzer. Am einfachsten kann man die Wirksamkeit berechnen, indem man einen gemeinsamen Nenner nimmt, wie etwa 1.000 Personen.&nbsp; Das ergibt dann bei Nicht-Geimpften rund 17 Erkrankte und bei Geimpften 5 Erkrankte unter je 1.000 Personen.&nbsp; Die Wirksamkeit der Impfung berechnet sich dann als (17 – 5)/17, was einen Wert von etwas über 70 Prozent ergibt.</p>
<p>Es ist wichtig zu verstehen, dass man nicht sagen kann, die Wirksamkeit eines Impfstoffes ist genau 70 oder 79 Prozent.&nbsp; Sie variiert mit dem Land, der Variante des Corona-Virus, dem Alter der Personen und anderen Faktoren. In dieser Studie waren fast neun von zehn Teilnehmern höchstens 55 Jahre alt; es handelt sich also um eine erheblich jüngere Population als die Gesamtbevölkerung.</p>
<p><strong>Was Wirksamkeit nicht bedeutet</strong></p>
<p>Eine Wirksamkeit von 70 Prozent bedeutet aber nicht, dass die Impfung 70 Prozent der Geimpften vor einer Erkrankung geschützt hat oder schützen wird. Diese Fehlinterpretation gibt es häufig. Wirksamkeit ist eine&nbsp;<em>relative</em>&nbsp;Risikoreduktion, also etwa von 17 auf 5 Erkrankte pro 1.000 Personen. Absolut gesehen sind jedoch nur zwölf von je 1.000 Geimpften aufgrund der Impfung nicht erkrankt – die&nbsp;<em>absolute</em>&nbsp;Risikoreduktion in der Studie war also 1,2 Prozentpunkte, von 1,7 Prozent auf 0,5 Prozent.</p>
<p>Nun könnte man einwenden, dass irgendwann alle Menschen an COVID-19 erkranken und sich dann die 70 Prozent auf alle beziehen werden. Um zu verstehen, dass dem nicht so ist, betrachten wir einmal ein Gedankenexperiment: 1.000 Nicht-Geimpfte, die keine Anzeichen einer durchgemachten oder bestehenden Corona-Infektion aufweisen, werden mit dem SARS-CoV-2-Virus in einen geschlossenen Raum gesperrt und Monate festgehalten, so dass sich alle infizieren.</p>
<p>Studien zeigen aber, dass nur 2/3 bis 3/4 der Infizierten auch erkranken, d.h. mindestens ein Symptom entwickeln. Damit kann man erwarten, dass unter den Nicht-Geimpften bis zu 750 Menschen erkranken werden. Unter 1.000 vergleichbaren Geimpften, die ebenfalls Monate mit dem Virus in einem geschlossenen Raum verbringen, reduziert sich die Zahl der Erkrankten von 750 auf 225 (bei einer Wirksamkeit von 70 Prozent).</p>
<p>Faktisch vor einer Erkrankung geschützt hat die Impfung dann 525 Menschen. Würde die Impfung auf Lebenszeit immunisieren, wären demnach maximal 52,5 Prozent aller Geimpften kausal durch die Impfung vor einer Erkrankung geschützt, denn die anderen wären selbst unter extremsten Bedingungen nicht erkrankt bzw. sind es dennoch. Die absolute Risikoreduktion würde selbst in diesem Extrembeispiel 52,5 Prozentpunkte betragen und nicht mehr. Kurz gesagt, die relative Reduktion (die Wirksamkeit) ist nicht das gleiche wie die absolute Reduktion — selbst wenn alle Menschen infiziert würden.</p>
<p>Wenn die Impfung dagegen weniger lange immunisiert, verringert sich ihre Schutzwirkung. Nimmt man beispielsweise an, dass die impfbedingte Immunität ein Jahr lang anhält und sich innerhalb dieses Jahres 12 Prozent der Menschen infizieren, dann erkranken ohne Impfung davon bis zu 75 Prozent (also 9 Prozent der Nicht-Geimpften) und von diesen erwarteten Erkrankungen werden bei den Geimpften 70 Prozent durch die Impfung verhindert. Durch die Impfung vor Erkrankung geschützt sind demnach 6,4 Prozent der Geimpften (die absolute Risikoreduktion).</p>
<p><strong>Wirksamkeit in kontrollierten Studien ist nicht immer gleich Wirksamkeit in der realen Welt</strong></p>
<p>Dennoch könnte man argumentieren, 95 Prozent Wirksamkeit bei BioNTech oder Moderna schützen vor einem Krankenhausaufenthalt besser als 70 oder 79 Prozent bei AstraZeneca. Dies wäre jedoch ein voreiliger Schluss, aus zwei Gründen. Zum ersten beziehen sich diese Zahlen auf Erkrankungen (definiert als positiver Test und mindestens ein Symptom; die Definitionen variieren allerdings zwischen den Herstellern), nicht auf die wichtigen schweren Erkrankungen oder Krankenhausaufenthalte. Für letztere werden sowohl für AstraZeneca als auch für Moderna eine Wirksamkeit von 100 Prozent berichtet, doch die Fallzahlen waren alle sehr niedrig. Zum anderen unterscheidet man im Englischen zwischen Efficacy (Wirksamkeit) und Effectiveness (Wirksamkeit unter realen Bedingungen). Letztere hängt von Faktoren ab, die in einer klinischen Studie nicht alle beachtet werden können.</p>
<p>&nbsp;Zur Wirksamkeit von AstraZeneca unter realen Bedingungen liegt nun eine erste&nbsp;<a href="https://www.ed.ac.uk/files/atoms/files/scotland_firstvaccinedata_preprint.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">Auswertung aus Schottland</a>&nbsp;vor. Dabei ist es längst nicht mehr so leicht möglich, vergleichbare Bedingungen für Versuchs- und Kontrollgruppe zu schaffen: So sind unter den Geimpften der Studie nur knapp 35 Prozent jünger als 64 Jahre, unter den Nicht-Geimpften hingegen über 91 Prozent. Entsprechend anspruchsvoll sind die statistischen Verfahren, um solche Unterschiede herauszurechnen. Nach diesen Berechnungen konnte rund einen Monat nach Gabe der ersten Impfdosis der BioNTech-Impfstoff 85 Prozent und der AstraZeneca-Impfstoff 94 Prozent der Krankenhaus-Einweisungen verhindern. Bei kürzerer oder längerer Beobachtungsdauer war der Effekt deutlich geringer, wobei der AstraZeneca-Impfstoff kurz nach der Impfung durchgängig eine höhere Effectiveness zeigte als derjenige von BioNTech – allerdings gibt es noch keine Daten für einen Zeitraum von mehr als einem Monat. Das verdeutlicht den großen Einfluss, den die Zeit auf das Ergebnis besitzt. Es zeigt auch, dass man von der Wirksamkeit in der Reduktion von Erkrankungen in den Zulassungsstudien nicht direkt auf die Wirksamkeit in der Reduktion von Krankenhaus-Einweisungen in der realen Welt schließen kann. In der Studie in Schottland zeigt sich der AstraZeneca Impfstoff bisher mindestens so effektiv wie jener von BioNTech.</p>
<p><strong>Sicherheit der AstraZeneca-Impfung</strong></p>
<p>Das Paul-Ehrlich-Institut meldete am 16. März, dass es im zeitlichen Zusammenhang mit AstraZeneca-Impfungen in Deutschland zu sieben schweren Fällen von Hirnvenenthrombosen kam (sechs davon Frauen). Bei 1,6 Millionen Impfungen wäre aber nur etwa ein Fall zu erwarten gewesen. Darauf wurde in Deutschland der Impfstoff vorübergehend nicht mehr verwendet. Am 18. März&nbsp;<a href="https://www.ema.europa.eu/en/news/covid-19-vaccine-astrazeneca-benefits-still-outweigh-risks-despite-possible-link-rare-blood-clots" target="_blank" rel="noreferrer">bestätigte die EMA ihre Einschätzung</a>, dass der Nutzen der Impfung die Nebenwirkungen überwiegt, es keinen Zusammenhang zwischen dem Insgesamt-Risiko von Blutpfropfen gibt, aber es einen Zusammenhang mit sehr seltenen Fällen wie Hirnvenenthrombosen geben könnte. Die EMA berichtete von 25 solchen Fällen in 20 Millionen Europäern. Das würde einer Wahrscheinlichkeit von einem schweren Fall in 800.000 Menschen entsprechen, oder einem in 229.000 im Fall der deutschen Zahlen.</p>
<p>Doch am 30. März meldete das Paul-Ehrlich-Institut insgesamt 31 Fälle von Hirnvenenthrombose (29 davon Frauen im Alter von 20 bis 63 Jahren) unter insgesamt 2,7 Millionen Personen, die mit AstraZeneca geimpft wurden. In Deutschland hatte man bis zu diesem Zeitpunkt überwiegend jüngere Menschen mit AstraZeneca geimpft, in Großbritannien hingegen auch viele ältere. Dort wurden lediglich 5 Fälle von Hirnvenenthrombosen unter 11 Millionen Geimpften berichtet. Das legt den Verdacht nahe, dass diese seltene Komplikation vor allem jüngere Frauen trifft. Daher kann es sinnvoll sein, bis zum Vorliegen belastbarerer Erkenntnisse die bisherige Strategie, nur jüngere Menschen mit AstraZeneca zu impfen, zu beenden und alle Gruppen außer jüngere Frauen damit zu impfen. Momentan gibt es noch viele Über-60-Jährige, die nicht geimpft sind, und es bietet sich an, AstraZeneca vorrangig für diese Gruppe zu nutzen.</p>
<p>Das Risiko dieser seltenen Hirnvenenthrombosen kann man zudem am besten im Kontext einordnen. Setzt man die Impfung aus, können wegen der Knappheit der Impfstoffe anderer Hersteller deutlich weniger Menschen geimpft werden, was zu weitaus mehr schweren Erkrankungen durch COVID-19 und Todesfällen als die seltenen Hirnvenenthrombosen führt. Man kann sich auch vergegenwärtigen, dass wir anderswo schwere Risiken in Kauf nehmen, ohne viel darüber nachzudenken. Im Beipackzettel von Aspirin findet man etwa, dass Hirnblutungen und akutes Nierenversagen in weniger als einer von je 10.000 Personen auftritt, die Aspirin einnehmen. Kein Vergleich ist perfekt, aber Vergleiche helfen, die Risiken in eine Perspektive zu setzen.</p>
<p>Bis heute erreicht uns, das Unstatistik-Team, eine Flut von Anfragen zur Impfung. Viele bedanken sich für die Aufklärungsarbeit, andere lassen mit einem verärgerten Unterton anklingen, dass Aufklärung Munition für Impfkritiker liefern würde. Wir stellen deshalb klar: Impfung ist die große Hoffnung wieder zu einem normalen Leben zurückzukehren. Zahlen sind immer unsicher. Doch mit einem Rest von Ungewissheit leben zu können, statt sich eine Illusion der Gewissheit oder Verschwörungstheorie zu konstruieren, ist das Lebensblut einer informierten Gesellschaft.</p><div class="well"><p><strong>Ansprechpartner/in:</strong></p>
<p>Katharina Schüller (STAT-UP),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (089) 34077-447<br> Prof. Dr. Gerd Gigerenzer,&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (030) 82406-430<br> Leonard Goebel (Kommunikation RWI),&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-210,&nbsp;<a href="mailto:leonard.goebel@rwi-essen.de">leonard.goebel@rwi-essen.de</a></p></div><p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter&nbsp;<a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>&nbsp;und unter dem Twitter-Account&nbsp;<a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer">@unstatistik</a>.</em></small></span></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em>&nbsp;<a href="http://www.data-literacy-charta.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em>&nbsp;</em><em>abrufbar.</em></small></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong><a href="/fileadmin/user_upload/RWI/Unstatistiken/210331_unstatistik_maerz_final.pdf" class="link-file"><strong><strong>Pressemitteilung im pdf-Format</strong></strong></a></strong></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2021</category>
                            
                        
                        
                            
                        
                    </item>
                
                    <item>
                        <guid isPermaLink="false">news-910</guid>
                        <pubDate>Thu, 25 Feb 2021 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Verwirrende Zahlen zur Coronasterblichkeit</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/verwirrende-zahlen-zur-coronasterblichkeit
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Februar-Unstatistik erläutert, wie unterschiedliche Zahlen zur Coronasterblichkeit zustande kommen. Sie zeigt zudem auf, dass ein sinnvoller Vergleich der Zahlen über Länder hinweg schon aufgrund der unterschiedlichen Bevölkerungsstruktur kaum möglich ist. </description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>&nbsp;</p>
<h3>Unstatistik vom 25.02.2021</h3>
<p>Die Unstatistik Februar ist die Coronamortalität. Leider tragen die dazu publizierten Zahlen fast mehr zur Verwirrung als zur Aufklärung des Pandemiegeschehens bei. Das Internetportal&nbsp;<a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1103785/umfrage/mortalitaetsrate-des-coronavirus-nach-laendern/" target="_blank" rel="noreferrer">Statista</a>&nbsp;etwa meldet am 23. Februar für Deutschland eine Mortalitätsrate von 3,02 Prozent. Das Deutsche Ärzteblatt dagegen konstatiert eine Rate von 1,4 Prozent, und der bekannte Statistiker P.A. Ioannidis von der US-Amerikanischen Stanford Universität beziffert die Corona-Mortalität gar ganz allgemein auf weniger als ein halbes Prozent.</p>
<p>Ein Teil dieser Konfusion liegt in der Natur der Daten begründet. Zunächst gibt es bei Raten immer einen Zähler und einen Nenner, wobei im Falle der Corona-Pandemie beide Komponenten alles andere als einfach zu messen sind. Dass etwa der Zähler eigentlich die an Corona und nicht die mit Corona verstorbenen Menschen zählen sollte, ist zwar allgemein akzeptiert, aber nicht durchgehend implementiert. So meldet der&nbsp;<a href="https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/woran-covid-19-kranke-sterben-massen-obduktion-in-hamburger-krankenhaus-a-241cab60-6b49-4927-aaac-56088a44bd9d?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE" target="_blank" rel="noreferrer">Spiegel</a>, dass selbst bei hochbetagten Patienten rund sieben Prozent der mit Corona Verstorbenen an anderen Ursachen als an Corona verstorben sind. Trotzdem gehen auch sie in die Statistik der Corona-Todesfälle ein. Schwerer wiegt, dass der Zähler der Mortalitätsrate, wie die Statistiker sagen, eine „Flussgröße“, der Nenner dagegen eine Bestandsgröße ist. Dies bringt gewisse technische Probleme mit sich: Die innerhalb eines bestimmten Zeitraums – aber welchen Zeitraums? - Verstorbenen geteilt durch eine bestimmte Anzahl Menschen an einem bestimmen Tag. Aber welche Menschen und an welchem Tag? Alle Menschen eines Landes insgesamt, die mit dem Coronavirus Infizierten oder die an Corona tatsächlich auch Erkrankten?</p>
<p><strong>Es gibt deutlich weniger Erkrankte als Infizierte</strong></p>
<p>Nur im ersten Fall spricht man streng genommen von Mortalität, andernfalls von Letalität. Das Auseinanderhalten der beiden letzten Gruppen ist dabei nicht einfach. Nur etwa jeder dritte von dem Corona Virus befallene Mensch entwickelt auch einschlägige Symptome. Bei den anderen hält das körpereigene Immunsystem den Eindringling in Schach. Das Robert-Koch-Institut dagegen wertet alle labordiagnostischen Nachweise von SARS-CoV-2 unabhängig von klinischen Symptomen als COVID-19-Fälle. So gehen dann auch Unfallopfer oder Gebärende, die beim Betreten des Krankenhauses standardmäßig auf Corona getestet werden, auch ohne krank zu sein in die Zahl der Coronakranken ein. Damit geben die RKI-Daten für keine der fallbasierten Definitionen des Zählers verlässliche Zahlen ab.</p>
<p>Im letzten Fall unterscheidet man noch zwischen dem „Fall-Verstorbenen-Anteil“ (Case Fatality Rate, CFR), die die Verstorbenen in Bezug setzt zu den bestätigten Fällen, und „Infizierten-Verstorbenen-Anteil“ (Infection Fatality Rate), die auch die Dunkelziffer der klinisch relevanten, aber nicht diagnostizierten Fälle berücksichtigt. Und dann wird bei der CFR noch unterschieden, ob nur tatsächlich Erkrankte oder auch bestätigte Infektionen ohne Symptome eingehen. Im Medienalltag werden diese unterschiedlichen Berechnungsweisen jedoch oft in einen Topf geworfen, mit deutlichen Konsequenzen. Teilt man etwa im Extremfall die Zahl der Verstorbenen statt durch die Zahl der gemeldeten Erkrankten durch die Zahl der Infizierten, ob gemeldet oder nicht, sinkt die Mortalitätsrate auf ein Drittel des Wertes.</p>
<p><strong>Mortalitätsrate hängt auch von der erfassten Zeitspanne ab</strong></p>
<p>Bei der Zahl der Verstorbenen kommt es ferner auf die Zeitspanne an, über die man die Verstorbenen zählt: ein Tag, eine Woche, ein Monat, der komplette Zeitraum seit Beginn der Pandemie? Oder idealerweise die Zeitspanne zwischen Infektion und Entscheidung „Überleben ja oder nein“? Je nach Auswahl kommen hier sehr unterschiedliche Raten zustande. Das Statistische Bundesamt zum Beispiel zählt die Zahl der Verstorbenen seit Beginn der Pandemie, und teilt durch die Bevölkerung an einem bestimmten Tag. Auf diese Weise erhält man theoretisch, bei einer Zählweise über Jahre hinweg, sogar Mortalitätsraten von über 100 Prozent.</p>
<p>Selbst wenn man sich bei Zähler und Nenner auf eine einheitliche Vorgangsweise verständigen könnte, bliebe immer noch eine unterschiedliche Bevölkerungsstruktur, die etwa einen sinnvollen Vergleich über Länder hinweg sehr erschwert. So sind etwa US-Amerikaner im Durchschnitt sechs Jahre jünger als Deutsche, mit einem Anteil an Über-80-Jährigen von knapp vier Prozent, verglichen mit fast sechs Prozent in der Bundesrepublik. Aber vor allem in dieser Altersklasse stellt Corona eine große Bedrohung dar. Mit dieser Information im Hinterkopf ist daher die von Statista gemeldete US-Mortalitätsrate von nur 1,77 Prozent verglichen mit den bundesdeutschen 3,02 Prozent nicht mehr ganz so positiv zu bewerten.</p>
<p>Für sinnvolle Vergleiche über Raum und Zeit hinweg braucht man also eine Standard-Altersstruktur. So hat P.A. Ioannidis ausgehend von den Coronatodesfällen auf dem Kreuzfahrtschiff „Diamond Princess“ und anderen Statistiken seine bekannte Mortalitätsrate von weniger als einem halben Prozent für die Standard-Bevölkerung extrapoliert. Aber auch hier bleibt offen, welche Standard-Bevölkerung man nimmt, so dass als unser Rat nur bleibt: Auf nationaler Ebene auf die absoluten Todeszahlen achten (und darauf, wie die Corona-Todesfälle definiert &nbsp;sind), und internationale Vergleiche eher als interessante Zahlenspielereien denn als seriöse Statistiken verstehen.</p>
<p><em>Anm. d. Red.:</em><br> <em><em>Gegenüber der ersten Fassung der Pressemitteilung ist eine Korrektur eingefügt.&nbsp;</em></em><em>Statt "Mit dieser Information im Hinterkopf ist daher die von Statista gemeldete US-Mortalitätsrate von nur 1,77 Prozent verglichen mit den bundesdeutschen 3,02 Prozent nochmals positiver zu bewerten." heißt es am Ende des vorletzten Absatzes nun "Mit dieser Information im Hinterkopf ist daher die von Statista gemeldete US-Mortalitätsrate von nur 1,77 Prozent verglichen mit den bundesdeutschen 3,02 Prozent nicht mehr ganz so positiv zu bewerten." (1.3. 2021)</em></p><div class="well"><p><strong>Ansprechpartner/in:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Walter Krämer&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp;&nbsp; Tel.:&nbsp;(0231) 755-3125<br> Sabine Weiler&nbsp;(Kommunikation RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-213,&nbsp;sabine.weiler@rwi-essen.de&nbsp;</p></div><p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter&nbsp;<a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>&nbsp;und unter dem Twitter-Account&nbsp;<a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer">@unstatistik</a>.</em></small></span></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em>&nbsp;<a href="http://www.data-literacy-charta.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em>&nbsp;</em><em>abrufbar.</em></small></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong><a href="/fileadmin/user_upload/RWI/Unstatistiken/210225_unstatistik_februar_final.pdf" class="link-file"><strong><strong>Pressemitteilung im pdf-Format</strong></strong></a></strong></p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                                <category>2021</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <guid isPermaLink="false">news-911</guid>
                        <pubDate>Fri, 29 Jan 2021 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Corona-Mutationen und die Probleme von Prognosen</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/corona-mutationen-und-die-probleme-von-prognosen
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Januar-Unstatistik zeigt anhand der Prognosen im Zusammenhang mit Corona-Mutationen, wie solche Vorhersagen entstehen. Sie erläutert zudem, wie eine Prognose zu Verhaltensänderungen führt und damit selbst dazu beiträgt, dass sie nicht eintrifft. </description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>&nbsp;</p>
<h3>Unstatistik vom 29.01.2021</h3>
<p>Im Januar hat Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer internen Sitzung vor den Gefahren der in Großbritannien aufgetretenen Mutation B.1.1.7 des Corona-Virus gewarnt, unter anderem&nbsp;<a href="https://www.focus.de/gesundheit/coronavirus/die-corona-erklaerer-10-mal-so-hohe-corona-inzidenz-zu-ostern-virologe-merkel-koennte-wieder-recht-haben_id_12866183.html" target="_blank" rel="noreferrer">focus.de</a>&nbsp;zitierte sie mit der Aussage: „Wenn wir es nicht schaffen, dieses britische Virus abzuhalten, dann haben wir bis Ostern eine zehnfache Inzidenz“. Von einigen Kommentatoren wurde dies als starker Tobak abgekanzelt, nicht zuletzt mit Verweis auf vergangene Prognosefehler im Zusammenhang mit der derzeitigen Pandemie. Diese Kritik an fehlerhaften Prognosen verdeutlicht eine durchaus weit verbreitete Unkenntnis der Entstehung, Probleme und Aufgaben von Prognosen, die nachfolgend erläutert werden.</p>
<p><strong>Wie entstand die Prognose unserer Bundeskanzlerin?&nbsp;</strong>Hierzu müssen erst einmal einige Annahmen getroffen werden. Verschiedene neuere Studien aus Großbritannien (s. dazu einen&nbsp;<a href="https://assets.publishing.service.gov.uk/government/uploads/system/uploads/attachment_data/file/950823/Variant_of_Concern_VOC_202012_01_Technical_Briefing_3_-_England.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">Bericht der Staatlichen Agentur „Public Health England“</a>, einen&nbsp;<a href="https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.12.30.20249034v2" target="_blank" rel="noreferrer">Artikel zur Übertragung der Corona-Mutation B.1.1.7 in England</a>&nbsp;sowie&nbsp;<a href="https://web.de/magazine/news/coronavirus/corona-christian-drosten-entwirft-duesteres-szenario-35462982" target="_blank" rel="noreferrer">Aussagen von Virologe Christian Drosten auf web.de</a>) legen nahe, dass die Virusmutation B.1.1.7 ungefähr 35 bis 70 Prozent ansteckender ist als die bisher bekannte Form. Darüber hinaus muss man Annahmen über die bisher vorhandenen Infektionen mit der neuen Form des Virus treffen, da es hierzu bisher nur sehr wenige belastbare Daten gibt. Angenommen, der Anteil des mit der neuen Virusmutation derzeit infizierten Anteils der Bevölkerung liegt irgendwo zwischen 0,1 und 1 Prozent. Geht man nun zusätzlich von der Annahme aus, dass die Verbreitung des Virus einem exponentiellen Wachstumsprozess folgt (siehe hierzu unsere&nbsp;<a href="https://www.rwi-essen.de/unstatistik/101/" target="_blank">Unstatistik vom 25. März 2020</a>) und geht man von dem derzeitigen Reproduktionswert von etwa 1,1 sowie einer 7-Tage-Inzidenz von 164 aus, kommt man in einer optimistischen Variante (die Virusmutation ist ca. 40 Prozent ansteckender und wenige sind bereits mit der Mutation infiziert) bis Ostern auf einen Inzidenzwert von etwa 500 Infektionen je 100.000 Einwohner. In einer pessimistischen Variante (mit der Annahme, dass die Virusmutation sehr viel ansteckender ist und viele bereits mit der neuen Mutation infiziert sind) auf eine 7-Tages Inzidenz von etwa 3500 Infektionen je 100.000 Einwohner. Der Durchschnitt beider Szenarien entspricht in etwa der von Frau Merkel genannten Verzehnfachung der Inzidenz.</p>
<p><strong>Wo liegen die Probleme dieser Prognose?</strong>&nbsp;Ein zentrales Problem der obigen Prognose liegt in der mangelhaften Qualität der zugrundeliegenden Daten. Die Corona-Mutation B.1.1.7 wurde erst im November 2020 in Großbritannien entdeckt. Daher liegen bisher auch nur wenige Informationen zum Ausbreitungsprozess dieser Mutation vor. Dies erklärt auch die erhebliche Bandbreite der geschätzten Ansteckungsgefahr der Mutation, die von 35 Prozent bis 70 Prozent ansteckender als die bekannte Version des Virus reichen. Da in Deutschland bisher keine systematische Analyse der Ausbreitung der Virusmutation erfolgt, fehlen zudem belastbare Informationen darüber, wie viele Personen sich bereits mit der neuen Variante angesteckt haben. Diese Information ist jedoch für die Prognose der wahrscheinlichen Inzidenzzahlen zu Ostern zentral. Entsprechend groß ist die Unsicherheit dieser Prognose, die zwischen einer 7-Tages Inzidenz zu Ostern von 500 bis 3500 je 100.000 reicht.&nbsp;</p>
<p>Die bereits erwähnte Kritik an Prognosefehlern liegt jedoch an einer in der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend ignorierten Annahme von Prognosen: Prognosen können nur auf Basis des vorhandenen Wissens erstellt werden. Daher muss man immer annehmen, dass die Zukunft so verläuft wie die Vergangenheit. Darin liegt jedoch gerade&nbsp;<strong>eine der zentralen Aufgaben einer Prognose</strong>: Man schätzt die zukünftige Entwicklung, wenn alles so bleibt, wie es ist, um auf Basis dieser Prognose Handlungsnotwendigkeiten und -optionen diskutieren zu können. Damit ist aber jedwede Prognose bereits mit ihrer Veröffentlichung notwendigerweise falsch! Denn die Prognose selbst führt zu Verhaltensänderungen, damit unterscheidet sich die Zukunft von der Vergangenheit und die Prognose ist nicht mehr korrekt. Vergangene Prognosen ex-post zu kritisieren ist daher unfair – die Prognose hat mehr oder weniger selbst dazu beigetragen, dass sie nicht stimmt. Nehmen wir das Beispiel der Merkel’schen Prognose zu den Inzidenzzahlen zu Ostern. Wird diese nicht ernstgenommen und die derzeitigen Beschränkungen gelockert, wird es nach jetzigem Kenntnisstand sehr viel schlimmer kommen als vorhergesagt. Verschärft man die derzeitigen Maßnahmen massiv, weil man aufgrund der Prognose extrem besorgt ist, werden die vorhergesagten Inzidenzzahlen bei weitem nicht erreicht.&nbsp; Wie auch immer – alleine die Diskussion um diese Prognose wird dazu führen, dass sie falsch sein wird.</p><div class="well"><p><strong>Ansprechpartner/in:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Thomas K. Bauer &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.:&nbsp;(0201) 8149-264<br> Sabine Weiler&nbsp;(Kommunikation RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-213,&nbsp;sabine.weiler@rwi-essen.de&nbsp;</p></div><p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter&nbsp;<a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>&nbsp;und unter dem Twitter-Account&nbsp;<a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer">@unstatistik</a>.</em></small></span></p>
<p><span class="text-muted"><small><em>Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist ab dem 31. Januar unter</em>&nbsp;<a href="http://www.data-literacy-charta.de/" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em>&nbsp;</em><em>abrufbar.</em></small></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong><a href="/fileadmin/user_upload/RWI/Unstatistiken/210129_unstatistik_januar_final.pdf" class="link-file"><strong><strong>Pressemitteilung im pdf-Format</strong></strong></a></strong></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2021</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                    <item>
                        <guid isPermaLink="false">news-914</guid>
                        <pubDate>Mon, 21 Dec 2020 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Die richtige Einordnung von Schnelltests</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/die-richtige-einordnung-von-schnelltests
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Dezember-Unstatistik ist wie so vieles im Corona-Jahr 2020 von Ambivalenz geprägt und verweist auf ein formal besonders gelungenes Beispiel der statistischen Kommunikation. Die Unstatistik zeigt jedoch, wie die aktuelle Inzidenz Ergebnisse und Aussage verändert.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>&nbsp;</p>
<h3>Unstatistik vom 21.12.2020</h3>
<p>Die Corona-Pandemie hat die Statistik als Wissenschaft ins Rampenlicht geholt. So sollen unzählige Analysen, Kurven und Kennziffern dabei helfen, die Pandemie zu erklären und politische Maßnahmen zu begründen. Das gelingt nicht immer gut. Denn viele dieser Analysen vermitteln den Eindruck, man wisse genau, wo wir gerade in der Pandemie stehen und wie sie sich entwickelt. Aber unser Wissen hat in weiten Teilen bestenfalls den Charakter von Leitplanken – es grenzt ab, wo unser Nicht-Wissen beginnt, ist aber keinesfalls so präzise, wie es die exakt verlaufenden Kurven glauben lassen.</p>
<p>Deshalb hatten einige Ausgaben der Unstatistik in den vergangenen Monaten einen anderen als den vertrauten Charakter. Statt nur den Finger in die Wunde zu legen, wo Statistik missbraucht wurde, haben wir regelmäßig Vorschläge unterbreitet, wie man es besser machen kann. Die Dezember-Unstatistik ist wie so vieles im Corona-Jahr 2020 von Ambivalenz geprägt und verweist auf ein formal besonders gelungenes Beispiel der statistischen Kommunikation.</p>
<p><strong>RKI-Infografik vergleicht Schnelltest-Varianten anschaulich</strong></p>
<p>Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat am 10. Dezember eine Infografik veröffentlicht, die dabei helfen soll, die Testergebnisse von Antigen-Schnelltests auf SARS-CoV2 zu verstehen. Sie vergleicht dabei zwei unterschiedliche Szenarien: Einerseits das gezielte Testen von symptomatischen Personen, andererseits die Durchführung von Massentests – also ungezielte Tests von Personen, die weder Symptome haben noch Kontakte zu infizierten Personen hatten.</p>
<p>Die Ergebnisse sind in Form von Bäumen mit natürlichen Häufigkeiten dargestellt: Anhand von jeweils 10.000 Personen, unter denen 1.000 (bei gezielten Tests) oder 5 (bei Massentests) tatsächlich infiziert sind, wird verdeutlicht, wie viele Menschen von den Antigen-Tests fälschlicherweise als infiziert oder nicht infiziert erkannt werden. Durch einfaches Auszählen und Bezugsetzen der jeweiligen Personen in den vier Gruppen (richtig positiv oder negativ; falsch positiv oder negativ) kann der Leser mit Hilfe der Grundrechenarten zwei wichtige Wahrscheinlichkeiten ermitteln:</p>
<p>- Wie hoch ist mein Risiko, infiziert zu sein, obwohl der Test negativ ist?</p>
<p>- Wie hoch ist mein Risiko, infiziert zu sein, wenn der Test positiv ist?</p>
<p><strong>Massen-Schnelltests liefern deutlich mehr falsch positive Ergebnisse</strong></p>
<p>In den beispielhaft dargestellten Szenarien wird sofort klar, dass Massen-Schnelltests zwar relativ zuverlässig Infizierte erkennen können; das Risiko, infiziert zu sein, obwohl der Test negativ ist, liegt bei lediglich 0,01%. Beim gezielten Testen steigt es etwas an – dort beträgt es 2,2%. Dieser absolut kleine Anstieg des Risikos einer Fehldiagnose infizierter Personen um 2,19 Prozentpunkte bringt aber eine erhebliche Reduktion des Risikos einer Fehldiagnose nicht infizierter Personen mit sich. Beim Massentest beträgt das Risiko, dass ein positiver Corona-Schnelltest falsch ist, also in Wirklichkeit keine Infektion vorliegt, ganze 98%. Fast alle, nämlich 98 von 100 Getesteten, die ein Massen-Schnelltest als infiziert diagnostiziert, sind also gesund! Gezieltes Testen reduziert dieses Risiko erheblich. Es sinkt in diesem Fall um 79,6 Prozentpunkte auf 18,4%. Immerhin vier von fünf positiv Getesteten sind demnach in diesem Szenario tatsächlich infiziert.</p>
<p>Die unausgesprochene Botschaft dieses Szenario-Vergleichs ist kaum zu überlesen: Man sollte sich nur testen lassen, wenn ein konkreter Verdacht vorliegt beziehungsweise typische Symptome auftreten. Aber ist die Situation wirklich so eindeutig?</p>
<p>Ein Anteil von lediglich fünf tatsächlich Infizierten unter 10.000 Getesteten ist mit Blick auf die derzeitige Inzidenz kaum wahrscheinlich. Unter Annahme einer Dunkelziffer von etwa Faktor fünf, die&nbsp;<a href="https://www.mdr.de/nachrichten/panorama/rki-wieler-corona-lage-stabilisierung-sachsen-dunkelziffer-100.html" target="_blank" rel="noreferrer">RKI-Leiter Lothar Wieler im November kommuniziert hat</a>, wäre eine Prävalenz von 1%, also ein Anteil von 100 Infizierten unter 10.000 Massengetesteten, weitaus realistischer.</p>
<p>Auf das Risiko, infiziert zu sein, wenn der Test negativ ist, hat diese veränderte Annahme kaum Einfluss. Es liegt in diesem Szenario bei 0,2%, also absolut 2,0 Prozentpunkte unter dem Risiko einer negativen Fehldiagnose infizierter Personen. Umgekehrt sind die Auswirkungen jedoch erheblich. Das Risiko, dass ein positiver Corona-Schnelltest falsch ist, liegt jetzt nur noch bei 71,2%. Unter 100 als infiziert Diagnostizierten sind es dann immerhin 29 tatsächlich, 71 sind es nicht.</p>
<p>Wir haben in früheren Unstatistiken regelmäßig darauf hingewiesen, wie missverständlich die Darstellung von relativen Häufigkeiten bzw. relativen Risiken sein kann, zuletzt in unserer&nbsp;<a href="https://www.rwi-essen.de/unstatistik/109/" target="_blank">November-Unstatistik</a>&nbsp;zur Wirksamkeit des Corona-Impfstoffs . Selbst viele Mediziner können Testergebnisse nicht richtig einordnen, wenn sie Informationen über Sensitivität, Spezifität und Prävalenz in Form relativer Häufigkeiten beziehungsweise Wahrscheinlichkeiten erhalten, wie auch diese&nbsp;<a href="https://bmjopen.bmj.com/content/8/8/e020847.full" target="_blank" rel="noreferrer">Studie</a>&nbsp;zeigt. Das liegt daran, dass das Rechnen mit bedingten Wahrscheinlichkeiten sehr abstrakt ist. Natürliche Häufigkeiten erleichtern es nicht nur Ärzten, die korrekten Wahrscheinlichkeiten einer Erkrankung aus Testergebnissen abzuleiten. Sie helfen jedem Menschen, der vor der Frage steht, sich ohne konkrete Verdachtsmomente vorsichtshalber testen zu lassen, eine rationale Entscheidung zu fällen und sich verantwortungs- und risikobewusst zu verhalten: Ein positives Testergebnis erfordert es, sich in Quarantäne zu begeben, weil der mögliche Schaden für andere hoch ist. In Panik verfallen muss man deshalb aber nicht.</p>
<p>Vor den Weihnachtsfeiertagen stellt sich die Frage: Soll man sich vorsorglich testen lassen, wenn man keine Symptome hat – oder lieber nicht, weil die Testergebnisse nicht „sicher“ sind? Der Test verringert in jedem Fall die Unsicherheit, mit der die Frage „bin ich infiziert“ beantwortet werden kann. Dies gilt – wie oben beschrieben – vor allem für Menschen mit einem negativen Testergebnis.</p>
<p>Für die Entscheidungsfindung, ob man Weihnachten vorsichtshalber alleine feiert oder im Rahmen der Kontaktbeschränkungen Familie und Freunde trifft, kann ein Test deshalb durchaus ein weiterer Mosaikstein sein. Aber er kann einem nicht die Verantwortung für das eigene Verhalten abnehmen. Zumal eine Infektion auch noch nach einem negativen Test auftreten kann, wenn die Ansteckung erst wenige Tage zurückliegt.</p>
<p><em>Anm. d. Red.:<br> Gegenüber der ersten Fassung der Pressemitteilung sind vier Korrekturen eingefügt:</em><br> <em>- Dort stand fälschlicherweise zur Prävalenz "...wäre eine Prävalenz von 0,1%, also ein Anteil von 100 Infizierten unter 10.000 Massengetesteten, weitaus realistischer."&nbsp;100 von 10.000 entspricht jedoch einer Prävalenz von 1%.</em><br> <em>- An einer anderen Stelle stand fälschlicherweise zum Risiko, infiziert zu sein, wenn der Test negativ ist: „Es liegt in diesem Szenario bei 0,02%, …", richtig muss es heißen „Es liegt in diesem Szenario bei 0,2%, …".</em><br> <em>- Eine weitere kleinere Korrektur gab es beim Anstieg des Risikos einer Fehldiagnose infizierter Personen, dort hieß es „Dieser absolut kleine Anstieg des Risikos einer Fehldiagnose infizierter Personen um 2,1 Prozentpunkte …“, korrekt muss es heißen „Dieser absolut kleine Anstieg des Risikos einer Fehldiagnose infizierter Personen um 2,19 Prozentpunkte …“.<br> - Schließlich wurde der Satz "Die Dezember-Unstatistik ist wie so vieles im Corona-Jahr 2020 von Ambivalenz geprägt und verweist auf ein formal besonders gelungenes Beispiel der statistischen Kommunikation, das aber gleichzeitig eine fragwürdige inhaltliche Botschaft transportiert." geändert in "Die Dezember-Unstatistik ist wie so vieles im Corona-Jahr 2020 von Ambivalenz geprägt und verweist auf ein formal besonders gelungenes Beispiel der statistischen Kommunikation."</em></p><div class="well"><p><strong>Ansprechpartner/in:</strong><br> <br> Katharina Schüller (STAT-UP),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (089) 34077-447<br> Sabine Weiler&nbsp;(Kommunikation RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-213,&nbsp;sabine.weiler@rwi-essen.de&nbsp;</p></div><p><em><span class="text-muted"><small>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter&nbsp;<a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>&nbsp;und unter dem Twitter-Account&nbsp;<a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer">@unstatistik</a>.</small></span></em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong><a href="/fileadmin/user_upload/RWI/Unstatistiken/201221_unstatistik_dezember_final.pdf" class="link-file"><strong><strong>Pressemitteilung im pdf-Format</strong></strong></a></strong></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2020</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Wed, 02 Dec 2020 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Der Impfstoff ist „zu 90 Prozent wirksam“</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/der-impfstoff-ist-zu-90-prozent-wirksam
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Ist ein Impfstoff „zu 90 Prozent wirksam“, heißt das nicht, dass 9 von 10 Menschen durch die Impfung vor einer Infektion geschützt werden können. Es bedeutet, dass im Rahmen einer Impfstudie in der geimpften Gruppe 90 Prozent weniger Menschen erkrankt sind als in der Kontrollgruppe.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>&nbsp;</p>
<h3>Unstatistik vom 02.12.2020</h3>
<p>Die Unstatistik des Monats November befasst sich mit Aussagen zur Wirksamkeit von Corona-Impfstoffen. Die gute Nachricht des Monats dazu kam von BioNTech und Pfizer mit dem vorläufigen Ergebnis, dass ihr Impfstoff gegen Covid-19 „zu 90 Prozent wirksam“ sei. Inzwischen haben BioNTech und andere Hersteller berichtet, dass Impfstoffe gar zu 95 Prozent wirksam seien. Das sind alles erfreuliche Ergebnisse. Aber was bedeutet „zu 90 Prozent wirksam“?</p>
<p>In verschiedenen Medien, darunter&nbsp;<a href="https://www.br.de/nachrichten/wissen/biontech-impfstoff-erst-die-euphorie-dann-die-fragen,SFwrbuP" target="_blank" rel="noreferrer">Bayerischer Rundfunk</a>&nbsp;und&nbsp;<a href="https://www.berliner-zeitung.de/gesundheit-oekologie/corona-impfstoff-was-der-biontech-erfolg-bedeutet-li.117783" target="_blank" rel="noreferrer">„Berliner Zeitung“</a>, &nbsp;wurde erklärt „Das heißt, 9 von 10 Menschen können durch die Impfung vor einer Infektion geschützt werden.“ Demnach wäre der Impfstoff bei 90 Prozent aller Menschen, die sich impfen lassen, wirksam. Das würde bedeuten, wenn man alle 83 Millionen Deutschen impft, dann sind davon 90 Prozent geschützt; nur die restlichen 8,3 Millionen können sich anstecken. Das wären aber immer noch weit mehr Erkrankte als es bisher der Fall ist. Also kann das nicht gemeint sein.</p>
<p>Die 90 Prozent beziehen sich nicht auf die Gruppe der Geimpften, sondern auf jene der Erkrankten.&nbsp;<a href="https://investors.biontech.de/de/news-releases/news-release-details/pfizer-und-biontech-geben-erfolgreiche-erste-zwischenanalyse" target="_blank" rel="noreferrer">BioNTech berichtete</a>, dass insgesamt etwa 43.000 Menschen an der Studie teilnahmen, etwa die Hälfte davon wurde geimpft und die andere erhielt ein Placebo.&nbsp; Sieben Tage nach der zweiten Dosis gab es insgesamt 94 bestätigte Covid-19 Fälle.&nbsp; Im&nbsp;<a href="https://pfe-pfizercom-d8-prod.s3.amazonaws.com/2020-09/C4591001_Clinical_Protocol.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">Studienprotokoll von Pfizer</a>&nbsp;findet man die Definition der Wirksamkeit: Hierzu wird der Anteil der Covid-19-Fälle in der Impfgruppe dividiert durch den Anteil der Covid-19-Fälle in der Kontrollgruppe. Dieser Wert wird von 1 abgezogen und mit hundert multipliziert, so dass man es bequem in Prozenten ausdrücken kann.&nbsp; Daraus folgt, es muss in der Impfgruppe 8 Fälle und in der Placebogruppe etwa 86 Fälle gegeben haben, was einer Reduktion von rund 90 Prozent entspricht (bei den 95 Prozent waren es dann 8 versus 162 Fälle).</p>
<p><strong>Angabe bezieht sich auf Anteil an Erkrankten, nicht auf Anteil an Geimpften</strong></p>
<p>Die „zu 90 Prozent wirksam“ bezieht sich also nicht auf 9 von 10 Menschen, die zur Impfung gehen, und auch nicht auf alle Teilnehmer der Studie oder alle Menschen, die sich in Deutschland impfen lassen. Sie ist eine relative Risikoreduktion, die sich auf die Zahl der Erkrankten bezieht, aber keine absolute Reduktion, die sich auf alle Geimpften bezieht.</p>
<p>Der Unterschied zwischen relativer und absoluter Risikoreduktion ist für viele Menschen schwer zu verstehen. Er wird vielleicht am Beispiel der Grippeschutzimpfung für Menschen zwischen 16 und 65 Jahren nochmals klarer. In einer Saison mit geringer Verbreitung des Grippevirus liegt die Wirksamkeit der Grippeschutzimpfung etwa bei 50 Prozent. Diese Zahl bedeutet aber nicht, dass 5 von 10 Geimpften vor der Grippe geschützt sind. Sie bedeutet, wenn beispielsweise in einer Saison von je 100 Personen ohne Impfung zwei eine bestätigte Influenzainfektion bekamen, war es von je 100 Personen mit Impfung nur eine (s. dazu auch die&nbsp;<a href="https://hardingcenter.de/de/projekte-und-kooperationen/faktenboxen/impfungen/grippeschutzimpfung-fuer-erwachsene-influenzaimpfung" target="_blank" rel="noreferrer">Informationen des Harding-Zentrum für Risikokompetenz</a>).&nbsp;</p>
<p>Es ist auch wichtig zu verstehen, dass sich die von BioNTech und Pfizer berichteten „zu 90 Prozent wirksam“ auf die Reduktion von Erkrankungen, nicht von schweren Erkrankungen oder gar Todesfällen bezieht. Wir können nur hoffen, dass diese Reduktion in gleichem Maße auf schwere Erkrankungen durchschlägt, aber das wird in den derzeitigen Studien nicht untersucht.</p>
<p><em>Anm. d. Red.:</em><br> <em><em>Gegenüber der ersten Fassung der Pressemitteilung sind Korrekturen eingefügt. Sie folgen aus der Tatsache, dass in den zitierten Studien nicht Covid-Infizierte, sondern Covid-Erkrankte betrachtet wurden:</em></em></p><ul class="list-normal"> 	<li><em>Statt "Das wären aber immer noch weit mehr Infizierte als es bisher der Fall ist." heißt es am Ende des zweiten Absatzes nun "Das wären aber immer noch weit mehr Erkrankte als es bisher der Fall ist." (18.2. 2021)</em></li> 	<li><em>Statt "Die 90 Prozent beziehen sich nicht auf die Gruppe der Geimpften, sondern auf jene der Infizierten." heißt es nun am Beginn des dritten Absatzes "Die 90 Prozent beziehen sich nicht auf die Gruppe der Geimpften, sondern auf jene der Erkrankten." (18.2. 2021)</em></li> 	<li><em>Statt „Angabe bezieht sich auf Anteil an Infizierten, nicht auf Anteil an Geimpften“ wurde die Zwischenüberschrift korrigiert auf „Angabe bezieht sich auf Anteil an Erkrankten, nicht auf Anteil an Geimpften“ (28.1. 2021)</em></li> 	<li><em>Entsprechend wurde auch im darauffolgenden Absatz geändert von „Sie ist eine relative Risikoreduktion, die sich auf die Zahl der Infizierten bezieht,…“ in „Sie ist eine relative Risikoreduktion, die sich auf die Zahl der Erkrankten bezieht,…“ (28.1. 2021)</em></li> 	<li><em>Im vorletzten Absatz wurde geändert von „Sie bedeutet, dass von je 100 Personen ohne Impfung zwei eine bestätigte Influenzainfektion bekamen, und von je 100 Personen mit Impfung nur eine...“ in „Sie bedeutet, wenn beispielsweise in einer Saison von je 100 Personen ohne Impfung zwei eine bestätigte Influenzainfektion bekamen, war es von je 100 Personen mit Impfung nur eine..."<em><em>&nbsp;(21.12. 2021)</em></em></em></li> 	<li><em><em>Im letzten Absatz wurde geändert von „Es ist auch wichtig zu verstehen, dass sich die von BioNTech und Pfizer berichteten „zu 90 Prozent wirksam“ auf die Reduktion von Infektionen, nicht von schweren Erkrankungen oder gar Todesfällen bezieht.“ in „Es ist auch wichtig zu verstehen, dass sich die von BioNTech und Pfizer berichteten „zu 90 Prozent wirksam“ auf die Reduktion von Erkrankungen, nicht von schweren Erkrankungen oder gar Todesfällen bezieht.“ (12.4. 2021)</em></em></li> </ul><div class="well"><p><strong>Ansprechpartner/in:</strong><br> <br> Prof. Dr. Gerd Gigerenzer,&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp;Tel.&nbsp;&nbsp;(030) 82406-430<br> Sabine Weiler&nbsp;(Kommunikation RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-213,&nbsp;sabine.weiler@rwi-essen.de&nbsp;</p></div><p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter&nbsp;<a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>&nbsp;und unter dem Twitter-Account&nbsp;<a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer">@unstatistik</a>.</em></small></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong><a href="/fileadmin/user_upload/RWI/Unstatistiken/201202_unstatistik_november_final.pdf" class="link-file"><strong><strong>Pressemitteilung im pdf-Format</strong></strong></a></strong></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2020</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Fri, 30 Oct 2020 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Anti-Corona-Maßnahmen – Nicht nur auf Neuinfektionen schauen</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/anti-corona-massnahmen-nicht-nur-auf-neuinfektionen-schauen
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats Oktober befasst sich mit der Aussagefähigkeit der 7-Tage-Inzidenz. Die aktuelle Politik orientiert sich mit ihren Anti-Corona-Maßnahmen vor allem an dieser 7-Tage-Inzidenz, die die Entwicklung der Neuinfektionen abbildet.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>&nbsp;</p>
<h3>Unstatistik vom 30.10.2020</h3>
<p>Die Unstatistik des Monats Oktober befasst sich mit der Aussagefähigkeit der 7-Tage-Inzidenz. Die aktuelle Politik orientiert sich mit ihren Anti-Corona-Maßnahmen vor allem an dieser 7-Tage-Inzidenz, die die Entwicklung der Neuinfektionen abbildet. Maßnahmen wie Sperrstunden, Personengrenzen auf Veranstaltungen und Alkoholverbote hängen davon ab. Die 7-Tage-Inzidenz gibt die innerhalb der vergangenen sieben Tagen registrierten Neu-infektionen je 100.000 Einwohner an. Hat beispielsweise eine Stadt mit 250.000 Einwohner in den letzten sieben Tagen insgesamt 50 Neuinfektionen verzeichnet, so beträgt die Sieben-Tages-Inzidenz 50*(100.000/250.000) = 20.</p>
<p>Eine hohe 7-Tage-Inzidenz zeigt an, dass sich viele Menschen mit dem Virus infiziert haben. Manche schließen daraus, dass mit etwas Zeitverzögerung das Gesundheitssystem überfordert sein wird und nicht alle Patienten behandelt werden können, was zahlreiche Todesfälle zur Folge haben kann. Alleine auf die 7-Tage-Inzidenz zu schauen, ermöglicht jedoch keinen Blick auf das Gesamtgeschehen. In dieser Unstatistik erklären wir, warum Neuinfektionen in Bezug zu anderen Zahlen gesetzt werden sollten und warum die Zahlen in der ersten Welle im März-April nicht mit jenen von heute vergleichbar sind.&nbsp; &nbsp;</p>
<p><strong>Neuinfektionen ins Verhältnis zur Anzahl der Tests setzen &nbsp;</strong></p>
<p>Je mehr Tests durchgeführt werden, desto mehr positive Ergebnisse kann man erwarten. Daher sagen die Neuinfektionszahlen für sich genommen wenig über die Situation aus. Ein Beispiel: In der 18. Kalenderwoche (Ende April) gab es 8.321 Neuinfektionen, in der 36. Kalenderwoche (Anfang September) etwa genauso viele. Die Situation ist jedoch nicht die gleiche, denn in der Septemberwoche wurden mehr als dreimal so viele Tests durchgeführt. Man kann die Situation besser beurteilen, wenn man die Anzahl der positiven Tests („Neuinfektionen“) durch die Anzahl der Tests teilt. Diese Positiv-Test-Rate war in der Aprilwoche 2,5 Prozent, in der Septemberwoche aber nur 0,8 Prozent. Wenn man nur auf die Neuinfektionen bzw. die 7-Tage-Inzidenz blickt, könnte man meinen, man hätte es mit der gleichen Situation zu tun. Tatsächlich ist aber der Anteil der Personen, die positiv testen, zwischen der 18. und der 36. Kalenderwoche deutlich zurückgegangen. Erst seit Ende September hat sich dies wieder umgekehrt, als der Anteil der positiven Tests stetig anstieg und in der 42. Kalenderwoche (Mitte Oktober) 3,6 Prozent erreichte. Man kann also die absolute Anzahl der Neuinfektionen und auch die 7-Tage-Inzidenz der ersten „Welle“ im März und April nicht mit der zweiten Welle vergleichen. Der Vergleich der Positiv-Test-Raten ist informativer.</p>
<p>Um die Veränderung des Anteils der positiven Tests selbst zu beurteilen, muss man zudem sehen, dass heute andere Personengruppen getestet werden als in der ersten Welle. Während im Frühjahr klare Symptome und Kontakt zu Infizierten Voraussetzungen für eine Testung waren, wurden im Sommer zunehmend Massentestungen gefährdeter Personengruppen (z.B. medizinisches Personal) und von Reiserückkehrern durchgeführt. Wenn man davon ausgeht, dass ausgeprägte Symptome mit einem schweren Krankheitsverlauf einhergehen, dass schwere Krankheitsverläufe bei älteren Menschen häufiger sind und dass umgekehrt Massentests eher an berufstätigen Personen im Alter von 18 bis 59 Jahren durchgeführt wurden, so ist leicht zu erklären, warum inzwischen deutlich mehr Fälle unter den jüngere Altersgruppen gefunden werden. Das Infektionsgeschehen mag sich etwas in diese Jahrgänge verschoben haben, oder es scheint zu gelingen, ältere Menschen effektiver zu schützen. Dies erkennt man daran, dass die absolute Zahl positiv Getesteter unter den 60- bis über 80-jährigen gesunken ist, während sie bei den Jüngeren ansteigt. Zugleich wird aber wiederum deutlich, dass die heutige Teststrategie die Dunkelziffer im Vergleich zum Frühjahr sehr viel besser erfasst.</p>
<p><strong>Neuinfektionen ins Verhältnis zur Anzahl der Verstorbenen setzen</strong></p>
<p>Obgleich die Anzahl der Neuinfektionen derzeit rapide ansteigt, ist das Verhältnis der Verstorbenen zu den zwei Wochen zuvor Infizierten deutlich gesunken. Unter den Erwachsenen bis 60 Jahre ist der Anteil der Verstorbenen an den zuvor positiv Getesteten um 90% zurückgegangen, unter den 60- bis 80-jährigen um 80% und unter den noch Älteren um 50%. Zwei Studien in den USA und Großbritannien berichten, dass der Anteil der Verstorbenen stark zurückgegangen ist und zwar gleichmäßig für alle Altersgruppen. Das legt nahe, dass der Rückgang nicht alleine mit der höheren Anzahl von jungen, infizierten Menschen zu erklären ist. Vielmehr mag dieser zum Teil auf verbesserte Behandlungen zurückzuführen sein; schließlich haben wir gelernt, dass beispielsweise die vorschnelle Beatmung von Corona-Patienten in zahlreichen Fällen wohl zum Tod geführt haben dürfte.</p>
<p><strong>Nicht auf eine einzige Zahl blicken</strong></p>
<p>Ein Wert von 50 Fällen je 100.000 Einwohner heute hat eine gänzlich andere Bedeutung als vor einem halben Jahr. Hinsichtlich der zu erwartenden Intensivpatienten und Todesfälle dürfte ein Wert von 50 im Oktober maximal einem Wert von 15 bis 20 im April entsprechen; vermutlich entspricht er einem noch geringeren. Der einzige Fall, in dem man rechtfertigen könnte, nur auf die 7-Tage-Inzidenz zu schauen, ist die Frage, ob die Gesundheitsämter die Zahl der Kontaktpersonen von Menschen mit positiven Tests noch nachverfolgen können. In allen anderen Fällen raten wir dringend, nicht alleine die Veränderung der 7-Tage-Inzidenz gegenüber der „ersten Welle“ zu betrachten, sondern zugleich die Veränderung der Positiv-Test-Raten und der Todesraten bzw. den Anteil an Corona-Patienten in Intensivstationen.</p><div class="well"><p><strong>Ansprechpartner/in:</strong></p>
<p>Katharina Schüller (STAT-UP),&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp;&nbsp; Tel.:&nbsp;(089) 34077-447<br> Prof. Dr. Gerd Gigerenzer,&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp;Tel.&nbsp;&nbsp;(030) 82406-430<br> Sabine Weiler&nbsp;(Kommunikation RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-213&nbsp;</p></div><p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter&nbsp;<a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>&nbsp;und unter dem Twitter-Account&nbsp;<a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer">@unstatistik</a>.</em></small></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong><a href="/fileadmin/user_upload/RWI/Unstatistiken/201030_unstatistik_oktober.pdf" class="link-file"><strong><strong>Pressemitteilung im pdf-Format</strong></strong></a></strong></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2020</category>
                            
                        
                        
                            
                        
                    </item>
                
                    <item>
                        <guid isPermaLink="false">news-917</guid>
                        <pubDate>Wed, 30 Sep 2020 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Der Median macht immer fifty-fifty</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/der-median-macht-immer-fifty-fifty
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Eine Kleinen Anfrage der AfD-Fraktion an die Bundesregierung zum Medianeinkommen zeigt, dass eine tabellarische Aufstellung sich nicht für faire Vergleiche der Einkommen eignet.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>&nbsp;</p>
<h3>Unstatistik vom 30.09.2020</h3>
<p>Die Unstatistik des Monats September ist die (inzwischen geänderte) Titelzeile einer&nbsp;<a href="https://www.bundestag.de/presse/hib/794522-794522?fbclid=IwAR2xqfuDbNlrPQaSdKvS3rIE9MOk0r5xyUDOypUmVkUS6qwk8NKbmq-yEAw" target="_blank" rel="noreferrer">Pressemitteilung des Deutschen Bundestages</a>, die auf eine Antwort auf eine Kleine Anfrage der AfD-Fraktion hinwies. Wie ältere Bildschirmfotos zeigen, stand zum Erscheinungsdatum am 24. September dort noch die Überschrift: „Die Hälfte verdient weniger als das Medianentgelt“ und der letzte Satz lautete: „Der Anteil der sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten der Kerngruppe, die ein Bruttomonatsentgelt unterhalb des bundesweiten Medianentgelts erzielten, betrug laut Bundesregierung jeweils 50 Prozent.“ Auch dieser Satz ist heute so nicht mehr in der Pressemitteilung enthalten, findet sich aber noch in der&nbsp;<a href="https://dip21.bundestag.de/dip21/btd/19/221/1922109.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">Antwort der Bundesregierung</a>.</p>
<p>Nun ist der Median definitionsgemäß der Merkmalswert, der eine Gesamtheit von Individuen in zwei Hälften teilt. Es liegen daher immer 50 Prozent darüber und 50 Prozent darunter. Das ist offenbar der Pressestelle des Bundestags schließlich auch aufgefallen. Zu ihrer Ehrenrettung ist allerdings anzumerken, dass die&nbsp;<a href="https://dip21.bundestag.de/dip21/btd/19/215/1921578.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">AfD-Fraktion explizit danach gefragt hatte</a>, wie hoch die Anzahl und der Anteil der sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten, die in den Jahren 2010 sowie 2019 ein Entgelt unter dem bundesweiten Medianentgelt bezogen haben, für den Bund waren und wie sich beides absolut und relativ über diesen Zeitraum verändert habe. Auf die Angabe der relativen Veränderung des Anteils auf Bundesebene hat die Bundesregierung in ihrer Antwort übrigens verzichtet; diese hat sich natürlich nicht geändert. Im Jahr 2010 verdienten 50 Prozent weniger als der Median, im Jahr 2019 war das wieder so, und so wird es in aller Zukunft sein.</p>
<p><strong>Nicht nur Einkommen, auch Lebenshaltungskosten unterscheiden sich regional</strong></p>
<p>Nun mag man einwenden, dass die Anfrage auf eine weitaus detailliertere Aufschlüsselung abzielte, die auf den ersten Blick durchaus interessante Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland, zwischen den Anforderungsniveaus der Tätigkeiten und zwischen den Geschlechtern offenbart. Wer nur auf die „nackten Zahlen“ blickt, übersieht womöglich, dass sich auch die Lebenshaltungskosten zwischen den Regionen stark unterscheiden. Zwar lag das Medianentgelt in Ostdeutschland insgesamt lediglich bei 80 Prozent desjenigen in Westdeutschland. Die durchschnittlichen Netto-Kaltmieten je Quadratmeter spiegelten jedoch gemäß der letzten&nbsp;<a href="https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2019/10/PD19_N001_129.html" target="_blank" rel="noreferrer">Mikrozensus-Zusatzerhebung zur Wohnsituation</a>&nbsp;dieses Verhältnis nahezu exakt wider.</p>
<p>Wenn nun die AfD-Fraktion in den einleitenden Sätzen ihrer Anfrage betont, dass eine ausgebildete Fachkraft im Jahr 2018 in Mecklenburg-Vorpommern mit 2 345 Euro lediglich drei Euro mehr Entgelt erzielte als ein Helfer in den alten Bundesländern (2 342 Euro), so ist das nicht falsch. Genauso wenig falsch ist es jedoch zu entgegnen, dass in Ostdeutschland das Medianentgelt seit 2010 um 774 Euro angestiegen ist, in Westdeutschland nur um 688 Euro. Relativ gesehen entspricht das Erhöhungen von 37,7 Prozent in Ostdeutschland und von 24,2 Prozent in Westdeutschland. (Wir warnen allerdings regelmäßig davor, prozentuale Veränderungen zu vergleichen, die auf einer unterschiedlichen Ausgangsbasis beruhen.)</p>
<p>Über alle Qualifikationsniveaus hinweg ist das Medianentgelt in Ostdeutschland absolut und relativ stärker gestiegen als in Westdeutschland; dies ist auch in Mecklenburg-Vorpommern nicht anders. Am größten ist der Unterschied im Gehaltsanstieg bei den Helfern, am geringsten bei den Experten. Frauen hingegen haben zwar in den niedrigen Qualifikationsniveaus stärker zugelegt als Männer, in den höheren jedoch weniger. Womöglich ist vieles davon schlicht ein Effekt des Mindestlohns.</p>
<p><strong>Eine tabellarische Aufstellung eignet sich nicht für faire Vergleiche der Einkommen</strong></p>
<p>Aus der Fülle an statistischem Material, das die Antwort der Bundesregierung bereitstellt, lassen sich offensichtlich nach Belieben Beispiele herauspicken, die wahlweise Ost- oder Westdeutsche, gering oder hoch Qualifizierte, Männer oder Frauen als Verlierer der Entgeltentwicklungen der vergangenen Dekade erscheinen lassen. Aus diesem Grund erfordern faire Vergleiche von Einkommen und deren Entwicklungen eine Bereinigung um sämtliche verzerrenden Variablen, die eine bloße tabellarische Aufstellung nicht zu leisten vermag. Deswegen ist die Absicht dieser Unstatistik nicht, der AfD-Fraktion, dem Bundestag, der Bundesregierung oder allen dreien zu unterstellen, sie wüssten nicht um die Definition des Medians und hätten deswegen entweder dumm gefragt oder dumm geantwortet. Vielmehr wollen wir proaktiv darüber aufklären, wie leicht scheinbar neutrale Statistiken politisch instrumentalisiert werden können, indem sie gezielt ausgewählt und in Relation gesetzt werden.</p><div class="well"><p><strong>Ansprechpartner/in:</strong></p>
<p>Katharina Schüller (STAT-UP),&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp;&nbsp; Tel.:&nbsp;(089) 34077-447<br> Sabine Weiler&nbsp;(Kommunikation RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-213</p></div><p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter&nbsp;<a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>&nbsp;und unter dem Twitter-Account&nbsp;<a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer">@unstatistik</a>.</em></small></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong><a href="/fileadmin/user_upload/RWI/Unstatistiken/200930_unstatistik_september.pdf" class="link-file"><strong><strong>Pressemitteilung im pdf-Format</strong></strong></a></strong></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2020</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <guid isPermaLink="false">news-918</guid>
                        <pubDate>Thu, 27 Aug 2020 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Die Krisenverliererinnen?</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/die-krisenverliererinnen
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Frauen sind in der Coronakrise stärker von Arbeitslosigkeit betroffen - das berichten österreichische Medien. Doch ein zweiter Blick auf die Daten ergibt ein anderes Bild.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>&nbsp;</p>
<h3>Unstatistik vom 27.08.2020</h3>
<p>In Österreich wird derzeit eine hitzige Debatte darüber geführt, ob Frauen von der Corona-Krise stärker betroffen sind als Männer. So schreibt die österreichische Ausgabe der „Zeit“ am 13. August: „Ende Februar, bevor Schulen und Geschäfte zugesperrt wurden, waren in Österreich rund 399.000 Menschen arbeitslos, Ende Juni waren es 64.000 mehr. 85 Prozent dieser sogenannten Corona-Arbeitslosen waren laut Daten des Arbeitsmarktservice Frauen.“ Ähnlich berichten unter anderem „<a href="https://www.derstandard.at/story/2000118721685/frauen-von-corona-arbeitslosigkeit-wesentlich-staerker-betroffen" target="_blank" rel="noreferrer">Der Standard</a>“, „<a href="https://www.diepresse.com/5851893/frauen-sind-von-der-coronakrise-starker-betroffen-als-manner" target="_blank" rel="noreferrer">Die Presse</a>“ und „<a href="https://kontrast.at/arbeitslosigkeit-corona-frauen/" target="_blank" rel="noreferrer">Kontrast</a>“.<br> <br> Doch es ist falsch, aus dem relativ stärkeren Anstieg der absoluten Arbeitslosigkeit österreichischer Frauen seit Februar die Schlussfolgerung zu ziehen, dass Frauen von der Krise stärker betroffen sind als Männer. Denn die Arbeitslosigkeit unterliegt starken saisonalen Schwankungen, von denen österreichische Männer üblicherweise sehr viel stärker betroffen sind als Frauen. Viele österreichische Männer finden jedes Jahr bis zu den Sommermonaten aus der Arbeitslosigkeit heraus. Um herauszufinden, wie Corona die Arbeitslosigkeit von Männern und Frauen beeinflusst hat, muss man als Vergleichsmaßstab für die Anzahl der Arbeitslosen in diesem Sommer mit Corona nicht die Arbeitslosigkeit im Frühjahr dieses Jahres nehmen, sondern den Wert ermitteln, der sich in diesem Sommer ohne Corona ergeben hätte.<br> <br> <strong>Die Corona-Krise hat Frauen und Männer schwer getroffen</strong><br> Wenn man hierzu keine komplizierten statistischen Methoden zur Bereinigung saisonaler Schwankungen verwenden möchte, kann man vereinfachend auf die Entwicklung des Vorjahres zurückgreifen. Nach den veröffentlichten&nbsp;<a href="https://www.ams.at/arbeitsmarktdaten-und-medien/arbeitsmarkt-daten-und-arbeitsmarkt-forschung/berichte-und-auswertungen" target="_blank" rel="noreferrer">Statistiken des Arbeitsmarktservice (AMS) Österreich</a>&nbsp;ist die Zahl der arbeitslosen Männer zwischen Februar und Juni 2019 um 70.603 gesunken (in den Jahren 2017 und 2018 lag dieser Wert sogar bei über 85.000). Die Zahl der arbeitslosen Frauen verringerte sich im gleichen Zeitraum lediglich um 15.549 Personen (ähnlich in den Jahren 2017 und 2018). Das ergibt eine Differenz in der Entwicklung der absoluten Arbeitslosigkeit vom Frühjahr bis zum Sommer zwischen Frauen und Männern von gut 55.000 Personen.<br> <br> Unter der Annahme, dass sich ohne Corona-Krise die Differenz in der Abnahme der absoluten Arbeitslosigkeit zwischen Frauen und Männern im Jahr 2020 genauso entwickelt hätte wie im Jahr 2019, zeigt sich, dass Männer in dieser Beziehung die eigentlichen Krisenverlierer sind. Zwischen Februar und Juni 2020 ist die Zahl der arbeitslosen Frauen um 54.702 Personen (statt des Rückgangs um 15.549 Personen wie in 2019) und die der arbeitslosen Männer um 9.444 (statt des Rückgangs um 70.603 Personen wie in 2019) gestiegen. Das entspricht einer Differenz von 45.258 Personen - knapp 10.000 Personen weniger, als auf Basis des Jahres 2019 zu erwarten gewesen wäre.<br> <br> Die Schlagzeile „Männer sind die Krisenverlierer“ wäre jedoch ebenfalls voreilig. Um eine fundierte Einschätzung zu erhalten, ob Frauen oder Männer die Verlierer der Corona-Krise sind, müssen weitere Dimensionen des Arbeitsmarktes in den Blick genommen werden: Wie viele Frauen und Männer sind aufgrund der Krise komplett aus dem Arbeitsmarkt ausgeschieden? Wie hat sich die Anzahl der Personen in Voll- und Teilzeitarbeit entwickelt? Wie viele Personen haben in Tätigkeiten mit einer geringeren Bezahlung gewechselt? Welche Auswirkungen hat die Krise auf die Entwicklung der Beschäftigung ausländischer Saisonarbeitskräfte? Bevor diese und weitere Fragen geklärt sind, ist nur eines sicher: Die Corona-Krise hat sowohl Frauen als auch Männer schwer getroffen – nicht nur auf dem Arbeitsmarkt.</p><div class="well"><p><strong>Ansprechpartner:</strong></p>
<p>Prof. Dr.&nbsp;<a href="https://www.rwi-essen.de/bauer" target="_blank">Thomas K. Bauer</a>,&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp;Tel.: (0201)&nbsp;8149-264<br> <a href="https://www.rwi-essen.de/leonard-goebel" target="_blank">Leonard Goebel</a>&nbsp;(Kommunikation RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp; Tel.: (0201) 8149-210&nbsp;</p></div><p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter&nbsp;<a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>&nbsp;und unter dem Twitter-Account&nbsp;<a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer">@unstatistik</a>.</em></small></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong><a href="/fileadmin/user_upload/RWI/Unstatistiken/200827_unstatistik_august_final.pdf" class="link-file"><strong><strong>Pressemitteilung im pdf-Format</strong></strong></a></strong></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2020</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <guid isPermaLink="false">news-919</guid>
                        <pubDate>Thu, 30 Jul 2020 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Verwirrende Zahlen zur Hautkrebsgefahr</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/verwirrende-zahlen-zur-hautkrebsgefahr
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Zwar hat sich laut Zahlen der AOK zwischen 2003 und 2019 die Zahl der Krankschreibungen aufgrund von Hautkrebs mehr als verdoppelt. Daraus allein lässt sich jedoch noch kein Anstieg der Hautkrebsgefahr herauslesen. </description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>&nbsp;</p>
<h3>Unstatistik vom 30.07.2020</h3>
<p><a href="https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/114878/AOK-Zahlen-dokumentieren-Anstieg-der-Hautkrebsfaelle" target="_blank" rel="noreferrer">"AOK-Zahlen dokumentieren Anstieg der Hautkrebsfälle“</a>&nbsp;meldete das Deutsche Ärzteblatt am 21. Juli. Von 2003 bis 2019 hätte sich die Zahl der Krankschreibungen aufgrund von Hautkrebs mehr als verdoppelt. Einige Medien scheinen diese und ähnliche Zahlen aus anderen Quellen so zu deuten, dass sich auch die Hautkrebsgefahr als solche verdoppelt habe.</p>
<p>In Wahrheit lässt sich aus den AOK-Zahlen allein noch kein Anstieg der Hautkrebsgefahr herauslesen. Zwar haben offenbar etwa Ärzte im Rheinland im Jahr 2003 nur 0,08 Krankschreibungen je 100 Versichertenjahre mit der Diagnose „bösartiges Melanom oder sonstige bösartige Neubildung der Haut“ ausgestellt, im Jahr 2019 dagegen 0,18. Bei derart kleinen Zahlen sind Verdoppelungen allerdings schon durch Zufallsschwankungen schnell zu erzielen; der durchschnittliche Anstieg bemisst sich auf gerade einmal 0,0063 Prozentpunkte pro Jahr. Dann sind Krankschreibungen und Erkrankungen nicht dasselbe. Und weiter wissen wir spätestens seit Corona: Wo mehr getestet wird, wird mehr gefunden. Seit dem Jahr 2008 haben gesetzlich Krankenversicherte alle zwei Jahre Anspruch auf eine Hautkrebsfrüherkennungsuntersuchung, immer mehr – wenn auch noch längst nicht alle - machen davon auch Gebrauch.</p>
<p>Die renommierte US Preventive Services Task Force kam übrigens zu dem Ergebnis, dass es&nbsp;<a href="https://www.uspreventiveservicestaskforce.org/uspstf/recommendation/skin-cancer-screening" target="_blank" rel="noreferrer">nicht genügend Evidenz gibt, um dieses Screening zu empfehlen</a>. Einem unzureichend erwiesenen Nutzen stehen klare Hinweise auf mögliche Schäden wie Falschdiagnosen und kosmetische und funktionale Probleme durch Biopsien und Überbehandlung gegenüber.</p>
<p><strong>Steigende Lebenserwartung bringt auch mehr Krebstote</strong></p>
<p>Ferner sind von 2003 bis 2019 die am Beginn des Jahres noch lebenden Deutschen auch im Durchschnitt um einige Jahre älter geworden: Lebten Anfang 2003 noch 24,4 Millionen Menschen im Alter über 60 in Deutschland, so waren es Ende 2019 schon 28,5 Millionen. Aber in dieser Altersgruppe schlägt seit jeher jeder Krebs besonders häufig zu. So sterben etwa in Island oder Japan über 30 Prozent der Menschen an Krebs, verglichen mit 25 Prozent in der Bundesrepublik. Dafür leben die Menschen dort aber auch im Durchschnitt bis zu fünf Jahre länger. Etwas überspitzt könnte man daher sogar behaupten, dass eine hohe Krebsmortalität ein positiver Qualitätsindikator für ein Gesundheitswesen ist.</p>
<p>Für einen Vergleich der Hautkrebsgefahr der Jahre 2003 und 2019 wäre also dieser Effekt zunächst herauszurechnen. Vielleicht hat die altersadjustierte Gefahr durch Hautkrebs tatsächlich zugenommen. Um das zu diagnostizieren, wären aber weit mehr Zahlen als die der AOK vonnöten.</p><div class="well"><p><strong>Ansprechpartner/in:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Walter Krämer,&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0231) 755-3125<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-213</p></div><p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter&nbsp;<a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>&nbsp;und unter dem Twitter-Account&nbsp;<a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer">@unstatistik</a>.</em></small></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong><a href="/fileadmin/user_upload/RWI/Unstatistiken/200730_unstatistik_juli_final.pdf" class="link-file"><strong><strong>Pressemitteilung im pdf-Format</strong></strong></a></strong></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2020</category>
                            
                        
                        
                            
                        
                    </item>
                
                    <item>
                        <guid isPermaLink="false">news-920</guid>
                        <pubDate>Tue, 30 Jun 2020 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Corona-Pandemie: Zahlen zur Corona-Warn-App</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/corona-pandemie-zahlen-zur-corona-warn-app
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die aktuelle Unstatistik zeigt, mit welchen Annahmen die Corona-Warn-App arbeitet, was sie leisten kann und wo ihre Grenzen liegen. Sie erläutert, warum die App alleine kein Mittel ist, sich vor Ansteckungen zu schützen. Sie ist nur ein weiteres Hilfsmittel, um die Pandemie zu bekämpfen. Weitere Maßnahmen, wie Abstand, Mundschutz und umfangreiche Tests sind weiterhin notwendig.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>&nbsp;</p>
<h3>Unstatistik vom 30.06.2020</h3>
<p>Eine statistische Zahl hat in den vergangenen Tagen zu vielen Diskussionen geführt: die 60 Prozent Nutzer, die die Corona-Warn-App angeblich benötigt, damit sie zur Eindämmung der Pandemie wirksam beitragen kann. Diese Zahl stammt aus einer&nbsp;<a href="https://www.research.ox.ac.uk/Article/2020-04-16-digital-contact-tracing-can-slow-or-even-stop-coronavirus-transmission-and-ease-us-out-of-lockdown" target="_blank" rel="noreferrer">Simulations-Studie von Forschern der Universität Oxford</a>, die mögliche Entwicklungen der Pandemie mit einem komplexen mathematischen Modell zur Verbreitung von Corona abschätzt. Vor dem Start der App galt diese Zahl als harte, von Experten errechnete Schwelle. Passenderweise erklärten sich in verschiedenen Umfragen, etwa vom&nbsp;<a href="https://www.ndr.de/ratgeber/Corona-Warn-App-steht-bereit,coronaapp102.html" target="_blank" rel="noreferrer">NDR</a>&nbsp;oder vom&nbsp;<a href="https://www.nim.org/presse/fast-wunschlos-gluecklich" target="_blank" rel="noreferrer">Nürnberg Institut für Marktentscheidungen (NIM)</a>, 60 bis 70 Prozent der Befragten bereit, die App zu installieren.</p>
<p>Eine Woche später haben rund 12 Millionen, also 15 Prozent der Deutschen die App heruntergeladen. Werden wir nun den Kampf gegen Corona verlieren, weil wir nicht bereit sind, unsere Handys dafür zur Verfügung zu stellen? Nein, lesen wir in zahlreichen Medien, die 60 Prozent seien ein Mythos, nur gültig, wenn wir Corona komplett ausrotten wollen und dafür auf alle anderen Vorsichtsmaßnahmen verzichten. Wirken würden schon 15 Prozent, schreibt der&nbsp;<a href="https://www.stern.de/digital/corona-warn-app--muessen-wirklich-60-prozent-der-bevoelkerung-mitmachen--9302172.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Stern“</a>.</p>
<p>„Gültig, wenn“. Diese zwei kleinen Worte machen deutlich, dass wir viel weniger wissen, als es den Anschein erweckt. Wir befinden uns in einem Szenario der „radikalen Unsicherheit“,&nbsp;<a href="https://www.prospectmagazine.co.uk/magazine/coronavirus-model-uncertainty-kay-king" target="_blank" rel="noreferrer">schreiben John Kay und Mervyn King im britischen Prospect-Magazin</a>. Radikale Unsicherheit trete dann auf, wenn wir etwas wüssten, aber nicht genug, um darauf vertrauend handeln zu können.</p>
<p>Diese Unsicherheit thematisieren die Autoren der Oxford-Studie durchaus – aber man muss sich die Mühe machen, ihre Veröffentlichung auch gründlich zu lesen, und darf sich nicht von den mathematischen Formeln abschrecken lassen.</p>
<p><strong>Datenqualität bestimmt statistische Ergebnisse</strong></p>
<p>Niemand mag Unsicherheit. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum diese Werkzeuge in der Oxford-Studie sehr detailliert mit ihrem präzisen „Bauplan“ (dem mathematischen Modell) beschrieben sind, während die unsicheren Datengrundlagen nur kurz erwähnt sind.</p>
<p>Dabei ist die Mischung aus Daten und Annahmen, die man in solche Modelle steckt, um sie in Betrieb zu nehmen, viel problematischer. Zahlreiche Annahmen entscheiden darüber, wie diese Modelle mit Daten gefüttert werden. Diese Annahmen verändern gewissermaßen die Parameter und damit die „Werkseinstellungen“ dieser mathematischen Werkzeuge. Die Qualität des Rohmaterials „Daten“ entscheidet über die Qualität des resultierenden Produkts „Statistik“.</p>
<p>Annahmen sind zu Beginn einer neuen Situation oft mehr oder weniger realistische Erfahrungswerte. So rechneten die ersten Pandemie-Modelle für Corona typischerweise mit einer Reproduktionszahl von 2 bis 4. Je mehr Daten vorliegen, umso stärker lassen sich Annahmen daraus ableiten. Es gibt also eine Art „Meta-Modell“, mit dem die Einstellungen des Pandemie-Modells justiert werden, damit letzteres wiederum andere Daten durch das Modell verarbeiten kann.</p>
<p>In den Anhängen der Oxford Studie finden wir beispielsweise Hinweise darauf, dass der für das mathematische Modell notwendige Parameter der täglichen Wachstumsrate der Infektionsfälle aus den chinesischen Fallzahlen zwischen dem 25. Januar und dem 4. Februar geschätzt wurde. Ein weiterer Parameter, die Generationszeit, ist ein Meta-Modell-Ergebnis, das auf 40 Übertragungspaaren beruht, bei denen der Zeitpunkt der Infektion und der ersten Symptome bekannt war.</p>
<p>Das sind ganz schön wenige Daten. Und wie gut Daten aus China die Realität weltweit oder auch nur in Großbritannien repräsentieren, geschweige denn in Deutschland, wird in der Studie nur am Rande thematisiert.</p>
<p><strong>Modelle und ihre Annahmen helfen lediglich bei der Risikoabschätzung</strong></p>
<p>Dafür nutzt die Studie eine andere Möglichkeit, mit der Unsicherheit umzugehen: Ein&nbsp;<a href="https://www.coronavirus-fraser-group.org/" target="_blank" rel="noreferrer">Prototyp des Pandemie-Modells</a>&nbsp;steht frei zugänglich im Internet und lädt dazu ein, mit seinen Einstellungen zu spielen. Angenommen, die Reproduktionszahl liegt bei 2, die Verdopplungszeit liegt wie die Inkubationszeit bei fünf Tagen, nur 60 Prozent der Infizierten haben Symptome, sind aber zehnmal so ansteckend wie die Symptomfreien. Außerdem werden zehn Prozent der Infektionen über die Umwelt – also beispielsweise über Türgriffe – übertragen und das Virus hält sich dort für drei Tage. Wer Symptome bekommt, wird unverzüglich isoliert und seine Kontakte begeben sich sofort in Quarantäne. Wenn all das gilt, müssen 60 Prozent der Bevölkerung die App nutzen, damit die Reproduktionszahl unter 1 sinkt und sich somit kontinuierlich immer weniger Menschen anstecken.</p>
<p>Das sind ganz schön viele Annahmen. Aber wie gut diese Annahmen die Realität abbilden, müssen wir nicht entscheiden, weil wir sie variieren können. Nur heißt das eben eines: Expertenräte, Politiker, aber auch wir als Bürger, die wir unseren Beitrag im Kampf gegen Corona leisten, müssen selbst entscheiden, was wir glauben. Allerdings hilft ein solches Modell, zu überprüfen, welche Entwicklungen aus bestimmten Annahmen folgen. Und was passiert, wenn wir mit unseren Annahmen eben nicht recht haben: Sind symptomlos Infizierte vielleicht deutlich ansteckender? Dann braucht es womöglich 75 Prozent App-Nutzer. Ist die Generationszeit zwischen Infektion und ersten Symptomen deutlich länger? Dann reichen vielleicht 30 Prozent aus oder noch weniger, wenn wir weiterhin einen Mundschutz tragen und uns regelmäßig die Hände waschen.</p>
<p>So lässt das Modell aus Oxford beispielsweise außen vor, wie belastbar die Risikoeinschätzungen der Corona-Warn-App eigentlich sind. Für diese Einschätzungen errechnet ein Algorithmus einen Indexwert aus vier Risikofaktoren, die miteinander multipliziert werden. Sie bilden ab, wann ein Kontakt zu einer infizierten Person stattgefunden hat, wie nahe man ihr für wie lange Zeit gekommen ist und wie ansteckend diese Person mutmaßlich war. Diese Faktoren lassen sich nur mit einer gewissen Unschärfe messen, etwa weil der Austausch über Bluetooth die Abstände zwischen zwei Menschen nicht präzise genug erfassen kann. Oder sie können überhaupt nur geschätzt werden, so wie die Infektiosität einer Kontaktperson.</p>
<p><strong>Im Kampf gegen Corona bringt auch die App keine absolute Sicherheit</strong></p>
<p>Deshalb gilt, ähnlich wie bei den Antikörpertests, dass die App womöglich keinen Alarm auslöst, obwohl man sich angesteckt hat, oder dass sie einen Fehlalarm auslöst, obwohl man nicht infiziert ist. Weil praktisch keine Daten zu den genannten Faktoren vorliegen, können wir über die Wahrscheinlichkeit solcher Fehler nur Annahmen treffen und ausprobieren, was wäre, wenn diese Annahmen zutreffen.</p>
<p>Zu diesem Zweck hat die Statistik-Professorin Marlis von der Hude ein&nbsp;<a href="https://mvdh.shinyapps.io/corona-reproduktionszahl-fehlalarm/" target="_blank" rel="noreferrer">Simulationswerkzeug</a>&nbsp;programmiert. Sie teilt die Nutzer in vernünftige, die ihre Kontakte beschränken, Hygieneregeln beachten und deshalb wenig ansteckend sind, und unvernünftige Nutzer ein, die Corona stark verbreiten. In einem Beispielszenario stecken zwei vernünftige Nutzer einen weiteren Menschen an, jeder unvernünftige Nutzer hingegen sechs. Wenn sich 85 Prozent der Nutzer vernünftig verhalten, dann sind in diesem Szenario 58 Prozent der Alarme falsch.&nbsp; Je größer der Anteil unvernünftiger Nutzer, umso geringer ist der Anteil der Fehlalarme – was daran liegt, dass sich mehr Menschen infizieren. Außerdem steigt die absolute Zahl von Alarmen und Fehlalarmen, so dass eine erheblich größere Anzahl an Menschen in Quarantäne muss, und das zu weiten Teilen irrtümlich.</p>
<p>Das macht deutlich, dass die App alleine kein Mittel ist, sich vor Ansteckungen zu schützen. Sie ist nur ein weiteres Hilfsmittel, um die Pandemie zu bekämpfen. Weitere Maßnahmen, wie Abstand, Mundschutz und umfangreiche Tests sind weiterhin notwendig.&nbsp; Eine komplexe Situation wie die Corona-Pandemie lässt sich nicht mit einfachen Mitteln bekämpfen. Der Erfolg unserer Strategie gegen Corona hängt davon ab, dass wir zusammenhalten und die Mittel ausschöpfen, die unsere Gesellschaft mit einem weitgehend funktionierenden Gesundheitssystem und den Möglichkeiten der Digitalisierung bietet.</p>
<p>Ja aber, mag man einwenden, es ist doch gar nicht sicher, dass das alles so funktioniert. Darum geht es nicht. Eine der großen Erkenntnisse aus Corona wird sein, dass Sicherheit in einer komplexen, globalisierten und digitalisierten Gesellschaft eine Illusion ist – wenn wir sie überhaupt jemals hatten. Auch wenn uns Digitalisierung und Datafizierung glauben machen, man könne alles messen und berechnen, so gilt heute mehr denn je: eine Zahl allein ist nutzlos und mehr Zahlen bedeuten nicht automatisch mehr Wissen. Erst Kontext und Interpretation durch Experten, die die Bedeutung von Zahlen und Daten richtig einordnen können, schaffen daraus Wissen und – hoffentlich – richtige Entscheidungen in einer Krise.</p><div class="well"><p><strong>Ansprechpartner/in:</strong></p>
<p>Katharina Schüller (STAT-UP),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp; Tel.: (089) 34077-447<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-213</p></div><p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter&nbsp;<a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>&nbsp;und unter dem Twitter-Account&nbsp;<a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer">@unstatistik</a>.</em></small></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong><a href="/fileadmin/user_upload/RWI/Unstatistiken/200630_unstatistik_juni_final.pdf" class="link-file"><strong><strong>Pressemitteilung im pdf-Format</strong></strong></a></strong></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2020</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <guid isPermaLink="false">news-921</guid>
                        <pubDate>Wed, 27 May 2020 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Corona-Pandemie: Antikörper-Tests und ihre Grenzen</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/corona-pandemie-antikoerper-tests-und-ihre-grenzen
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die aktuelle Unstatistik thematisiert, mit welcher medizinischen und vor allem statistischen Unsicherheit Antikörper-Tests auf das Coronavirus verbunden sind. Dies gilt insbesondere für positive Testergebnisse.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>&nbsp;</p>
<h3>Unstatistik vom 27.05.2020</h3>
<p>Die Unstatistik Mai ist, wie die beiden vorangegangenen, keine übliche Unstatistik. Vielmehr erklärt sie wichtige statistische Konzepte, die helfen, die Ungewissheiten in der Corona-Zeit besser zu verstehen. Es geht diesmal um eine verständliche Einführung in das Thema Antikörper-Tests und ihre Grenzen.</p>
<p>Es gibt zweierlei grundsätzlich verschiedene Arten von Tests: PCR-Tests und Antikörper-Tests. PCR-Tests (PCR steht für Polymerase-Kettenreaktion) weisen mit einem Rachenabstrich direkt genetisches Material von SARS-CoV-2 nach. Sie sind eine Momentaufnahme. Antikörper-Tests dagegen sind Bluttests. Sie reagieren auf Antikörper, welche das Immunsystem gebildet hat, um das Virus abzuwehren. Sie zeigen auch überstandene Infektionen an. Und um diese Antikörper-Tests geht es hier. Manch einer denkt, vielleicht habe ich das Virus bereits gehabt – war da nicht vor Wochen ein Fieber oder ein Hustenreiz? Ein Antikörper-Test soll darauf eine Antwort geben. Es gibt sie als Labortests, die von trainierten Technikern durchgeführt werden und etwa einen Tag dauern, und Schnelltests, welche ein Ergebnis in weniger als einer halben Stunde liefern.</p>
<p>Wenn man nun positiv getestet ist, ist man dann auf Jahre hin immun und braucht sich nicht vor einer Ansteckung zu fürchten? Nein, das wäre eine Illusion der Gewissheit. Erstens besteht die medizinische Unsicherheit, ob eine durchgemachte Infektion dauerhaft zur Immunität führt. Zweitens ist kein Test absolut sicher. Die britische Regierung musste dafür Lehrgeld bezahlen, als sie Ende März 3,5 Millionen Tests von verschiedenen Firmen bestellte und erst im Nachhinein bemerkte, dass keiner der Tests sicher genug war (<a href="https://www.nature.com/articles/d41586-020-01115-z" target="_blank" rel="noreferrer">s. Mallapaty, 18. April 2020, Nature</a>). Selbst PCR-Tests liefern bei infizierten Patienten nicht immer ein positives Ergebnis. Die Frage ist nun, wie sicher sind aus statistischer Sicht die Diagnosen mit Hilfe von Antikörper-Tests?</p>
<p><strong>Sensitivität und Spezifität zeigen die Sicherheit von Antikörper-Tests</strong></p>
<p>Oft hört man, dass ein Antikörper-Test zu 95 Prozent sicher sei. Das ist irreführend vieldeutig. Jeder Test kann zwei Fehler machen: Er kann eine Infektion übersehen oder eine nicht-infizierte Person als infiziert klassifizieren. Ersteres ist ein falsch-negatives, letzteres ein falsch-positives Ergebnis. Um die Güte eines Tests zu beurteilen braucht man daher immer zwei Angaben: die Wahrscheinlichkeit, dass ein Infizierter richtig positiv getestet (<strong>Sensitivität</strong>&nbsp;oder Trefferrate) und die Wahrscheinlichkeit, dass ein Nicht-Infizierter fälschlicherweise positiv getestet (Falsch-Positiv-Rate) wird. Die Gegenwahrscheinlichkeit zur Falsch-Positiv-Rate ist die häufig zitierte&nbsp;<strong>Spezifität</strong>; sie ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Nicht-Infizierter auch als solcher erkannt wird.</p>
<p>Ein falsch-positives Ergebnis kann beispielsweise dadurch zustande kommen, dass ein Test die Antikörper gegen einen anderen Erreger mit denjenigen gegen SARS-CoV-2 verwechselt. Eine Studie zeigte, dass der in Deutschland hergestellte EUROIMMUN Test im Verhältnis zu je drei Personen, bei denen er richtigerweise SARS-CoV-2 Antikörper entdeckt, für je zwei andere Personen fälschlicherweise ein positives Ergebnis zeigt – diese Personen waren etwa mit einem anderen (Erkältungs-)Coronavirus infiziert (<a href="https://www.nature.com/articles/d41586-020-01115-z" target="_blank" rel="noreferrer">s. Mallapaty, 18. April 2020, Nature</a>).</p>
<p>Sensitivität und Spezifität der Tests werden meist recht hoch angegeben, in der „Heinsberg-Studie“ zum Beispiel mit 99,1 und 90,9 Prozent. Sind die Tests also nicht doch bereits sehr gut? Das ist derzeit nicht einfach zu beantworten. Wegen der Pandemie können in der EU und weltweit die Hersteller ihre Produkte weitgehend selbst zertifizieren, ohne dass deren Verlässlichkeit unabhängig überprüft wird. Bei 11 kommerziell verfügbaren Antikörper-Tests schwankte etwa die Sensitivität zwischen 45 und 100 Prozent und die Falsch-Positiv-Rate zwischen 0,0 und 9,4 Prozent (die Schnelltests schnitten dabei etwas schlechter ab als die Labortests). Alle Angaben stammten von den Herstellern (EvaluateMedTech &amp; company websites). Eine Falsch-Positiv-Rate von 0,0 würde bedeuten, dass Falsch-Positive nie vorkommen, was kaum zu glauben ist. Dieser Wert kommt vermutlich daher, dass einige der Hersteller nur wenige nicht-infizierte Personen getestet hatten. Wenn man nur wenige gesunde Menschen testet, wird man kaum falsch-positive Ergebnisse finden. Eine Analyse von 14 Antikörper-Tests durch unabhängige Wissenschaftler zeigte, dass die Falsch-Positiv Rate im Schnitt bei 5 Prozent lag.</p>
<p><strong>Aussagefähigkeit von Antikörper-Tests hängt auch vom Bevölkerungsanteil der Erkrankten ab</strong></p>
<p>Ist man also nach einem positivem Antikörper-Tests mit Sicherheit oder wenigstens mit hoher Wahrscheinlichkeit immun, wenn der Test eine hohe Sensitivität und Spezifität besitzt? Das zu glauben wäre ein großer Irrtum, wenn das Ergebnis falsch-positiv ist. Und ein gefährlicher Irrtum dazu, wenn die Person mit dem positiven Test in der Hand glaubt, keine Distanz mehr halten zu müssen und auf andere Vorsichtsmaßnahmen verzichten zu können. Bevor man Immunitäts-Pässe ausstellt, die dem Besitzer erlauben, mit allen anderen Menschen uneingeschränkt zu interagieren, muss man zuerst einen Eindruck über die absolute Zahl der Falsch-Positiven gewinnen.</p>
<p>Angenommen, Sie erinnern sich vage, dass Sie Anfang März einmal einen Hustenreiz hatten, und Sie lassen sich nun auf Antikörper testen. Ihr Test ist sehr verlässlich und hat (nach Angabe des Herstellers) eine Trefferrate von nahe 100 Prozent und eine Falsch-Positive Rate von nur 1 Prozent. Sie testen positiv. Wie hoch ist die Chance, dass Sie wirklich infiziert waren? Die Antwort ist weder 100 Prozent noch 1 Prozent. Sie hängt von der&nbsp;<strong>Prävalenz</strong>&nbsp;der Infektion ab, d.h. dem Anteil der Erkrankten in der Bevölkerung. Angenommen, diese ist ein Prozent, das heißt, dass ein Prozent der Bevölkerung die Infektion bereits durchgemacht haben. Denken Sie an 100 zufällig ausgewählte Personen, die wie Sie den Test machen. Von diesen erwarten wir, dass eine infiziert ist und richtig positiv testet (100 Prozent Sensitivität). Von den 99 nicht-infizierten erwarten wir, dass ebenfalls eine Person positiv testet (1 Prozent Falsch-Alarm Rate). Also, von je zwei Personen die positiv testen, ist eine infiziert und eine ist es nicht. Wie bei einem Münzwurf. Die Chance, dass Sie infiziert sind, wenn sie positiv testen, liegt also bei 50 Prozent. Dieser Wert hat den Namen&nbsp;<strong>„positiver Vorhersage-Wert“.</strong></p>
<p>Aufgrund der unsicheren Datenlage kann die Prävalenz nur grob geschätzt werden, da die tatsächliche Anzahl der an Covid-19 erkrankten Personen unbekannt ist und möglicherweise deutlich höher liegt als die Zahl der gemeldeten Fälle (siehe unsere vorhergehenden Unstatistiken). Für Deutschland insgesamt ist derzeit etwa von einer Prävalenz von knapp 3 Prozent auszugehen. Damit würde der positive Vorhersage-Wert bei dem oben unterstellten guten Test rund 75 Prozent betragen. In München, wo die aktuelle Studie des Tropenmedizinischen Instituts auf eine Prävalenz von rund 5 Prozent hinweist, läge sie bei 84 Prozent und in Heinsberg mit einer Prävalenz von 15 Prozent bei 95 Prozent.</p>
<p><strong>Begrifflichkeiten sind selbst medizinischem Personal oft nicht klar</strong></p>
<p>Sensitivität, Falsch-Positiv-Rate und der positive Vorhersage-Wert werden immer wieder durcheinandergebracht, selbst von medizinischem Personal. Mehr als ein Drittel der Medizinstudenten der Charité versteht am Ende des Studiums laut einer&nbsp;<a href="https://bmjopen.bmj.com/content/bmjopen/8/8/e020847.full.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">Studie</a>&nbsp;nicht, was diese drei Begriffe bedeuten, und die meisten können den positiven Vorhersage-Wert nicht bestimmen. Prozente verwirren viele Menschen, aber wenn man diese in „natürlichen Häufigkeiten“ erklärt, wie wir es oben getan haben, kann es jeder besser verstehen. Noch ein Übungsbeispiel: Der Antikörper-Schnelltest BioMedomics Covid-19 hat (nach Angaben des Herstellers) eine Sensitivität von 89 Prozent und eine Falsch-Positive Rate von 9 Prozent. Würden wir mit diesem Test alle Personen in Deutschland testen, was hätte das für Folgen? Die Antwort hängt wiederum von der Prävalenz ab. Liegt diese bei 3 Prozent, dann können wir uns 1.000 Personen vorstellen, von denen 30 infiziert sind und 27 davon richtig positiv getestet werden. Unter den nicht-infizierten Personen sind etwa 87 (9 Prozent von 970) zu erwarten, die falsch positiv getestet werden. Damit wäre die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person wirklich infiziert ist, wenn sie positiv getestet wird, nur 27 von 114, also etwa 24 Prozent. Das bedeutet: bei flächendeckendem Testen wären nach wie vor die meisten Personen, die positiv testen, tatsächlich falsch-positiv.</p>
<p>Solange nicht sichergestellt ist, dass ein Antikörper-Test eine deutlich kleinere Falsch-Positiv Rate besitzt, ist ein positives Testergebnis mit hoher Unsicherheit belastet, wenn die Prävalenz niedrig ist. Ein negatives Testergebnis ist dagegen vergleichsweise sicher. Im Allgemeinen gilt, je größer die Prävalenz, desto höher der positive Vorhersage-Wert. Je niedriger die Prävalenz, desto geringer wird dieser Wert. Daraus folgt, dass Tests zu diagnostischen Zwecken bei Personen mit Symptomen oder in Risikogruppen zu empfehlen sind, da dort die Prävalenz höher ist. Nur dann ist ein Testergebnis im individuellen Fall sicher genug. Zu statistischen Zwecken, also zur Feststellung der Prävalenz und der Letalität, sind repräsentative Tests allerdings durchaus brauchbar, denn wie wir gezeigt haben, lassen sich die falsch-positiven und falsch-negativen Fälle „herausrechnen“.</p>
<p>Unsere Antwort auf die Frage, ob wiederholte Tests in repräsentativen Panel-Stichproben sinnvoll sind, ist deshalb ein klares „Ja.“. Wenn die wirkliche Trefferrate und Falsch-Positiv-Rate in Zweifel stehen, kann man zum Vergleich auch mit etwas schlechteren Werten rechnen, um den Einfluss auf das Ergebnis zu prüfen. Dies ist in der „Heinsberg-Studie“ geschehen. Die Frage, ob in Deutschland flächendeckend getestet werden soll, etwa zur Ausstellung von „Immunitäts-Nachweisen“, kann man jedoch nur sinnvoll beantworten, wenn man die wirkliche Trefferrate und Falsch-Positiv Rate genau kennt. Bei einer Falsch-Positiv Rate von 1 Prozent und 78,5 Millionen Personen, die nicht infiziert sind, müsste man erwarten, dass etwa 785.000 Menschen falsch positiv testen; bei einer Falsch-Positiv Rate von 9 Prozent wären es sogar 7,1 Millionen. Diese große Zahl an Personen genauer zu untersuchen und deren Kontakte zu ermitteln, würde zu einer immensen Belastung unseres Gesundheitssystem führen. Daher sollte man derzeit Tests besser an Personen durchführen, die schon Symptome zeigten. Mit flächendeckenden Testungen sollte man warten, bis es Tests gibt, von denen wir mit Sicherheit wissen, dass sie eine äußerst niedrige Falsch-Positiv Rate haben.</p>
<p>Mitte März hat der Generaldirektor der WHO empfohlen: „Testen, testen, testen.“ Aber solange wir nicht wissen, wie verlässlich die Tests sind, kann Testen bei Nicht-Risiko-Gruppen zu vielen falschen Ergebnissen und einem trügerischen Gefühl von Immunität führen. Also empfehlen wir: Nicht nur testen, testen, testen, sondern die Tests testen!</p>
<p><em>Anm. d. Red:</em>&nbsp;In einer früheren Version des Textes hieß es "Im Allgemeinen gilt, je kleiner die Prävalenz, desto höher der positive Vorhersage-Wert. Je größer die Prävalenz, desto geringer wird dieser Wert."<br> Richtig muss es jedoch heißen: "Im Allgemeinen gilt, je&nbsp;<strong>größer</strong>&nbsp;die Prävalenz, desto höher der positive Vorhersage-Wert. Je&nbsp;<strong>niedriger</strong>&nbsp;die Prävalenz, desto geringer wird dieser Wert." Wir haben diesen Fehler im Text der Pressemitteilung korrigiert.</p><div class="well"><p><strong>Ansprechpartner/in:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Gerd Gigerenzer,&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (030) 82406-430<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-213</p></div><p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter&nbsp;<a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>&nbsp;und unter dem Twitter-Account&nbsp;<a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer">@unstatistik</a>.</em></small></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong><a href="/fileadmin/user_upload/RWI/Unstatistiken/200527_unstatistik_mai.pdf" class="link-file"><strong><strong>Pressemitteilung im pdf-Format</strong></strong></a></strong></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2020</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Thu, 30 Apr 2020 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Corona-Pandemie: Die Reproduktionszahl und ihre Tücken</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/corona-pandemie-die-reproduktionszahl-und-ihre-tuecken
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die aktuelle Unstatistik beschäftigt sich mit Aussagekraft und Tücken der Reproduktionszahl. Sie ist für den Umgang mit der Pandemie und für die Möglichkeiten der Lockerung der derzeitigen Politik der sozialen Distanz von hoher Bedeutung, ist jedoch mit einer erheblichen statistischen Unsicherheit behaftet. Daher sollte sie mit Vorsicht interpretiert und durch Maßnahmen wie regelmäßige repräsentative Panelstichproben ergänzt werden. </description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>&nbsp;</p>
<h3>Unstatistik vom 30.04.2020</h3>
<p>Unsere vorangegangene Unstatistik hatte bereits die Möglichkeiten und Grenzen zentraler Kennzahlen der derzeitigen Covid-19-Pandemie aufgezeigt – insbesondere der Infektions- und Sterbequote. Inzwischen ist mit der Reproduktionszahl R eine weitere Kennzahl in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. Sie gibt an, wie viele andere Personen eine infizierte Person ansteckt und ist keine Eigenschaft eines Virus, sondern ergibt sich aus dem Verhalten des Virus und unserer Reaktion auf den Virus. Ist beispielsweise R = 2, steckt jede infizierte Person im Durchschnitt zwei weitere Personen an. Aufgrund des exponentiellen Wachstums der Pandemie, die wir bereits in unserer vorangegangenen Unstatistik detailliert beschrieben haben, wird dieser Kennzahl nicht zuletzt von der Bundesregierung eine zentrale Rolle beigemessen. &nbsp;</p>
<p>Denn ist R=2, verdoppelt sich die Anzahl der Neuinfektionen innerhalb der sogenannten Generationszeit: Dies ist die durchschnittliche Zeitspanne zwischen der Infektion einer Person und der Infektion der von ihr angesteckten Personen. Es kommt zu einem exponentiellen Wachstum der Infektionen mit der Folge, dass das Gesundheitssystem innerhalb weniger Wochen an seine Grenzen stoßen wird. Ist R=1, kommt es zu einer gleichbleibenden Anzahl von Neuinfektionen und somit zu einem linearen Anstieg der Fallzahl. Ist R hingegen kleiner als 1, verringert sich die Anzahl der Neuinfektionen im Zeitverlauf. Dann wird das Gesundheitssystem funktionstüchtig bleiben. Bei einem R = 0,5 halbiert sich die Anzahl der Neuinfektionen innerhalb einer Generationszeit und bereits nach wenigen Generationszeiten erfolgen praktisch keine Ansteckungen mehr.</p>
<p>Wenngleich diese Kennzahl für den Umgang mit der Pandemie und für die Möglichkeiten der Lockerung der derzeitigen Politik der sozialen Distanz von hoher Bedeutung ist, sollte sie dennoch mit einer gewissen Vorsicht interpretiert werden, da die Berechnung der Reproduktionszahl keineswegs trivial ist, einige wichtige Annahmen erfordert und daher mit einer erheblichen statistischen Unsicherheit behaftet ist. Deren Größenordnung lässt sich zudem auf Basis der bisherigen Datengrundlage nur schwer abschätzen.</p>
<p><strong>Die Reproduktionszahl hat einen nicht unerheblichen Schätzfehler</strong></p>
<p>Wie wird nun diese zeitabhängige Reproduktionszahl geschätzt? Das Robert Koch-Institut (RKI) beschreibt das Verfahren zur Berechnung von R im Detail in diesem&nbsp;<a href="https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2020/Ausgaben/17_20.pdf?__blob=publicationFile" target="_blank" rel="noreferrer">Artikel</a>. Im Folgenden werden wir auf einige zentrale Annahmen dieser Schätzung kurz eingehen. Um R zu schätzen, muss in einem ersten Schritt eine Annahme über die oben beschriebene Generationszeit getroffen werden. Auf Basis der bisherigen Erfahrung mit der Pandemie geht das RKI von einer Generationszeit von vier Tagen aus. Unter dieser Annahme ergibt sich R zu einem bestimmten Zeitpunkt als Quotient der Neuinfektionen des aktuellen und der vorangegangenen drei Tage und der Summe der Neuinfektionen der vier Tage zuvor. Für den 9. April hat das RKI bspw. eine Reproduktionsrate von 0,9 angegeben. Das bedeutet, dass die aufsummierte Anzahl der Neuinfektionen zwischen dem 6. und 9. April leicht unter der Anzahl der Neuinfektionen zwischen dem 2. und 5. April lag.</p>
<p>Wichtig hierbei ist, dass das RKI für diese Berechnungen nicht lediglich die Anzahl der gemeldeten Neuinfektionen verwendet, sondern die aus den gemeldeten Neuinfektionen in einem vorgelagerten Schritt geschätzten Neuerkrankungen. Für diese Schätzung wird ein statistisches Verfahren eingesetzt (ein sogenanntes Nowcasting), um mögliche Verzögerungen bei der Diagnose, der Meldung und der Übermittlung der Anzahl der Neuerkrankungen zu berücksichtigen. Auf die genaue Methode wollen wir an dieser Stelle nicht näher eingehen, nur darauf hinweisen, dass der Nowcast für den 1. April zwischen rund 3.000 und fast 6.000 neuen Fällen schwankte – je nachdem, zu welchem Zeitpunkt er ermittelt wurde.</p>
<p>Deshalb handelt es sich bei der Reproduktionszahl um eine Schätzung mit einem nicht unerheblichen Schätzfehler, der bei der Bewertung der aktuellen Lage immer berücksichtigt werden muss. So blieb in der öffentlichen Diskussion weitgehend unberücksichtigt, dass das RKI am 9. April angegeben hat,&nbsp;dass das 95%-Konfidenzintervall der Reproduktionsrate den Bereich von 0,8 bis 1,1 umfasste. Neuere Meldungen, die Reproduktionszahl sei wieder auf 1 gestiegen, wie beispielsweise&nbsp;<a href="https://www.zeit.de/wissen/2020-04/coronavirus-ansteckungsrate-deutschland-robert-koch-institut" target="_blank" rel="noreferrer">„Zeit online“</a>&nbsp;am 28. April schrieb, &nbsp;sind nicht unbedingt Grund zur Besorgnis.&nbsp; Denn es kann sich bei diesem Anstieg durchaus um eine Schwankung innerhalb des Schätzfehlers handeln. Es ist sogar durchaus möglich, dass die wahre Reproduktionsrate konstant geblieben oder gar leicht gefallen ist.</p>
<p><strong>Repräsentative Panelstichproben liefern verlässlichere Informationen</strong></p>
<p>Darüber hinaus sollte berücksichtigt werden, dass viele der Probleme der Infektions- und Sterbequote, die wir bereits in unserer vorangegangenen Unstatistik angeführt haben, auch für die Reproduktionszahl gelten. So wird insbesondere angenommen, dass die Dunkelziffer der nicht erfassten Infektionen über die Zeit hinweg konstant bleibt. Wird nun die Anzahl der Tests erhöht, erhöht sich aber auch die Anzahl der gemeldeten Neuinfektionen; anders gesagt, die Dunkelziffer verringert sich. Damit wird jedoch wiederum das geschätzte R tendenziell ansteigen, ohne dass sich in der Realität der Infektionsverlauf geändert hat. Dies dürfte vor allem in der Anfangszeit der Pandemie die Schätzungen durchaus beeinflusst haben.&nbsp; Somit ist der Anstieg der Fallzahlen nur begrenzt aussagekräftig in Bezug auf &nbsp;die tatsächliche Ausbreitung der Infektion.</p>
<p>So bedeutsam die Reproduktionszahl für die Einschätzung des Verlaufs der derzeitigen Pandemie auch ist, so vorsichtig sollte sie daher interpretiert werden. Kleine Verringerungen oder Erhöhungen von R um Differenzwerte von 0,1 bis 0,2 liegen im Bereich des Schätzfehlers und sind eigentlich keine Schlagzeile wert. Vor allem eignet sich die Reproduktionszahl aufgrund der nach wie vor mangelhaften Datengrundlage nicht als zentrale oder gar einzige Entscheidungsgrundlage für die schwierige Frage, ob die derzeitigen Kontaktbeschränkungen gelockert werden können oder nicht. Nur eine hinreichend groß angelegte repräsentative Panelstichprobe von Personen, die sich regelmäßig in kurzer Frequenz einem Test unterziehen, kann das zentrale Problem der mangelnden Kenntnis der Dunkelziffer und damit der wahren Ansteckungsgefahr lösen.</p><div class="well"><p><strong>Ansprechpartner/in:</strong></p>
<p>Katharina Schüller (STAT-UP),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp; Tel.: (089) 34077-447<br> Prof. Dr. Thomas K. Bauer,&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.:(0201) 8149-264<br> Prof. Dr. Dr. h. c. Christoph M. Schmidt, &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-213<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-213</p></div><p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. An dieser Unstatistik hatte zudem RWI-Präsident Christoph M. Schmidt erheblichen Anteil.&nbsp;Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter&nbsp;<a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>&nbsp;und unter dem Twitter-Account&nbsp;<a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer">@unstatistik</a>.</em></small></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong><a href="/fileadmin/user_upload/RWI/Unstatistiken/200430_unstatistik_april.pdf" class="link-file"><strong><strong>Pressemitteilung im pdf-Format</strong></strong></a></strong></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2020</category>
                            
                        
                        
                            
                        
                    </item>
                
                    <item>
                        <guid isPermaLink="false">news-923</guid>
                        <pubDate>Wed, 25 Mar 2020 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Corona-Pandemie: Statistische Konzepte und ihre Grenzen</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/corona-pandemie-statistische-konzepte-und-ihre-grenzen
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats März ist ein Überblick über statistische Konzepte, die im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie verwendent werden und ihre Grenzen. Dabei geht es um die Aussagefähigkeit von Verbreitungs-Raten, Fallzahlen und Ländervergleichen.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>&nbsp;</p>
<h3>Unstatistik vom 25.03.2020</h3>
<p><em>Noch ist ungewiss, wie sich die COVID 19-Pandemie weiter entwickeln wird. Die „Unstatistik des Monats“ möchte in der aktuellen Situation helfen, zumindest bezüglich statistischer Konzepte etwas Licht ins Dunkel zu bringen. Daher gibt es keine übliche Unstatistik, stattdessen werden wesentliche Konzepte und deren Grenzen erklärt. Ungeachtet der Tatsache, dass die wichtigsten Faktoren der Prognose der Ausbreitung von COVID 19 mit hoher Unsicherheit behaftet sind, muss in der aktuellen Situation die Eindämmung der Neuinfektionen absolute Priorität haben. Ob die derzeit ergriffenen Maßnahmen wirken, lässt sich zudem erst mit zeitlicher Verzögerung sagen. Ländervergleiche stoßen schnell an ihre Grenzen, weil Fallzahlen und Todesfälle nicht nach einheitlichen Verfahren erhoben werden. Hinsichtlich von Statistiken gilt derzeit das Prinzip, sich beim Fahren auf Sicht durch die skizzierten Modellrechnungen leiten, sich von Einzelinformationen jedoch nicht zu sehr beeindrucken zu lassen.</em></p>
<p><strong>Die Schätzung der Verbreitungs-Raten</strong></p>
<p>Bei Pandemien kommt es üblicherweise zu einem exponentiellen Wachstum der Zahl der Infizierten, da jeder Infizierte andere Personen infiziert, die im Sinne eines Schneeballeffekts wiederum andere Personen infizieren. Exponentielles Wachstum ist somit durch konstante Wachstumsraten und nicht nur durch konstante absolute Zuwächse gekennzeichnet. Es führt daher unweigerlich dazu, dass sich die Zahl der Infizierten in einem bestimmten Zeitraum verdoppelt. Ist dieser Zeitraum kurz, wird die absolute Anzahl der Infizierten rasch sehr groß, unabhängig davon, ob man von einer kleinen oder von einer etwas größeren Ausgangsbasis aus startet.</p>
<p>Kennt man die grundlegenden Eigenschaften des Krankheitsbilds, kann man die Entwicklung einer Pandemie ziemlich genau prognostizieren. Im Wesentlichen geht es dabei um drei Faktoren: Erstens ist entscheidend, wie viele Menschen eine infizierte Person typischerweise ansteckt (der sogenannte Reproduktionsfaktor). Dieser Faktor hängt nicht nur vom Virus ab, sondern auch von unserem Kontaktverhalten. Zweitens ist für diesen Reproduktionsfaktor von zentraler Bedeutung, wie lange eine infizierte Person ansteckend ist. Drittens entscheidet die Frage, ob nach dem Durchstehen der Krankheit eine Immunität eintritt oder nicht, ebenfalls über die Zahl der möglichen Neuinfektionen.</p>
<p>Auf Basis einer Einschätzung dieser Faktoren kann man die exponentielle Ausbreitung einer derartigen Pandemie in der Bevölkerung recht verlässlich abschätzen. Wir beobachten seit dem 15. März eine tägliche Wachstumsrate der Infizierten von ca. 23 Prozent, d.h. die Zahl der Infizierten verdoppelt sich alle 3 Tage. Verwendet man allein zum Zweck der Verdeutlichung ein exponentielles Wachstumsmodell und startet man mit 6.000 Infizierten (ca. die Anzahl der Infizierten am 15. März), wären innerhalb von 14 Tagen knapp 109.000 Personen infiziert, nach 30 Tagen nahezu 3 Millionen.</p>
<p>Es ist wiederum offensichtlich, dass diese Entwicklung die Kapazitäten der Gesundheitsversorgung schnell ausreizen dürfte, selbst wenn nur ein sehr geringer Anteil an Infizierten einen schweren Krankheitsverlauf zeigt, der zu einer Behandlung auf einer Intensivstation zwingt oder ansonsten lebensbedrohlich verläuft. So wären beispielsweise bei 1,5 Million Infizierten und einem Anteil schwerer Verläufe von nur 3% die in Deutschland verfügbaren Intensivkapazitäten selbst dann schon bei weitem ausgereizt, wenn man dort keinerlei andere schwere Fälle zu behandeln hätte. Eine Rationierung von Intensivkapazitäten nicht mehr vermeiden zu können, bedeutet somit im Klartext, eine Vielzahl von Todesfällen hinnehmen zu müssen.</p>
<p>Somit wird, solange es keinen Impfstoff gibt, der Reproduktionsfaktor zur entscheidenden Stellschraube einer jeden denkbaren Abwehrstrategie. Sobald dieser Faktor auf den Wert 1 sinkt, wird die Anzahl der Neuinfektionen bei dem dann erreichten Stand stabilisiert, fällt er darunter, geht diese Anzahl wieder zurück. Ließen sich einzelne Fälle von Infizierten sofort trennscharf erkennen, dann wäre es vergleichsweise leicht zu organisieren, dass diese Infizierten isoliert und ihre direkten Kontaktpersonen unter Quarantäne gestellt werden. Der Reproduktionsfaktor würde dann voraussichtlich rasch sinken, es könnte eine (wachsame) Form der Normalität einkehren.</p>
<p>Im Augenblick steht diese Lösung aber nicht im Ansatz zur Verfügung, die entsprechenden Testkapazitäten und die Verfahren zur Umsetzung dieser Strategie müssen erst aufgebaut werden (eine entsprechende online-Petition von „Unstatistikerin“ Katharina Schüller, um dies zu beschleunigen, findet sich&nbsp;<a href="https://www.change.org/p/ministerpr%C3%A4sident-dr-markus-s%C3%B6der-f%C3%BChren-sie-systematische-repr%C3%A4sentative-covid-19-tests-durch-um-die-pandemie-zu-stoppen" target="_blank" rel="noreferrer">hier</a>). Somit bleibt im Augenblick nur die wenig trennscharfe und für unser Wirtschafts- und Gesellschaftsleben schmerzhafte Strategie, durch eine generelle Verringerung der direkten sozialen Kontakte die Ausbreitung von COVID-19 zu verlangsamen. Wenn die Bevölkerung dabei diszipliniert mitwirkt, können die mathematischen Gesetze des exponentiellen Wachstums somit helfen, die Ausbreitung stark zu bremsen. In obigem Beispiel würde eine Halbierung der täglichen Wachstumsrate auf 12 Prozent lediglich zu knapp 30 Tausend Infizierten nach 14 Tagen und 180 Tausend Infizierten nach 30 Tagen führen. Je konsequenter wir alle uns die Hände waschen, Distanz halten und andere hygienisches Maßnahmen ergreifen, desto geringer wird die Wachstumsrate.</p>
<p>Das alles sind natürlich nur Beispielrechnungen. Aktuell gibt es zu allen drei oben genannten Faktoren im Falle von COVID-19 keine völlig trennscharfen Informationen, denn wir betreten damit notgedrungen Neuland. Die Statistik, die Epidemiologie und virologische Expertise sind somit gleichermaßen nötig, um aus den neu eintreffenden Daten zumindest grobe Schätzungen in Echtzeit abzuleiten, um so die Ausbreitung der Pandemie und die Wirksamkeit verschiedener Maßnahmen zu beurteilen. Wie viele Neuinfektionen in den kommenden Tagen zu erwarten sind, können selbst Experten aufgrund der unsicheren Datenlage nicht verlässlich prognostizieren. Dazu sind die Spannbreiten, innerhalb derer die unbekannten Parameter liegen können, viel zu groß.</p>
<p>Und doch reichen diese Beispielrechnungen völlig aus, um ein entschlossenes politisches Handeln zu begründen, das der Eindämmung der Neuinfektionen aktuell die absolute Priorität zuweist. So zeigen Modellrechnungen sowohl des&nbsp;<a href="https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Modellierung_Deutschland.html" target="_blank" rel="noreferrer">Robert-Koch-Instituts</a>&nbsp;als auch der&nbsp;<a href="https://www.dgepi.de/de/aktuelles/" target="_blank" rel="noreferrer">Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie</a>&nbsp;eindeutig, dass es für die Frage, ob diese Strategie zu ergreifen ist, unerheblich ist, ob die Reproduktionsrate nun in der Realität bei 2,5 oder bei 1,5 liegt, oder ob kleinere Veränderungen der weiteren für den Einsatz dieser Modelle notwendigen Annahmen vorgenommen werden: Wird der Reproduktionsfaktor nicht rasch in Richtung des Wertes 1 gedrängt, wird das deutsche Gesundheitssystem innerhalb kürzester Zeit kollabieren. Es geht dann nur noch um die Frage nach der Anzahl der Wochen, bis dieser Punkt erreicht ist. Dies kann nur jetzt noch verhindert werden.</p>
<p><strong>Die Einordnung der Fallzahlen</strong></p>
<p>Die Dynamik von Infektionskrankheiten weist zwischen der ursprünglichen Ansteckung und der Ausprägung von Symptomen üblicherweise eine Inkubationszeit auf und verhindert so nicht nur, dass man die Infizierten ohne ein ausgeprägtes System des umfassenden Testens frühzeitig erkennen und isolieren kann. Sondern sie führt ebenfalls unweigerlich dazu, dass die Wirksamkeit von Maßnahmen, die heute eingeleitet werden, erst in einigen Tagen oder gar Wochen sichtbar werden, und das selbst dann, wenn sie sofort die angestrebte Wirkung entfalten. Vor allem kann man aus nach wie vor steigenden Fallzahlen nicht auf eine mangelnde Wirksamkeit der jetzt angestrengten Maßnahmen schließen.</p>
<p>Erschwerend kommt hinzu, dass man die Schlussfolgerungen in der aktuellen Situation auf besonders unsicheres Datenmaterial gründen muss. So hat die Zahl der getesteten Infizierten nur bedingt etwas mit der Zahl der tatsächlichen Infizierten zu tun, weil Menschen mit wenigen oder gar keinen Symptomen bislang in den seltensten Fällen getestet werden, insbesondere nicht, wenn sie keinen Kontakt zu nachweislich Infizierten hatten. Erst mit der Entwicklung schnellerer Testverfahren, die vor wenigen Tagen erstmals in Deutschland zum Einsatz kamen, wird es möglich werden, systematisch zu testen. Dabei wird es voraussichtlich regionale Unterschiede geben. Die Anzahl der erfassten Infizierten wird stark davon abhängen, wie intensiv in den unterschiedlichen Regionen getestet wird.</p>
<p>Ändert sich nun aufgrund neuer Testverfahren der Anteil der bestätigten Fälle an allen Infizierten, d.h. der Summe aus bestätigten Fällen und der nach wie vor nicht erfassten Fälle („Dunkelziffer“), dann können die gemeldeten Fallzahlen steigen, ohne dass dem eine beschleunigte Erkrankungsdynamik zugrunde liegt. Die beobachteten Fallzahlen lassen daher nur bedingt Rückschlüsse darauf zu, ob die in einem Prognosemodell verwendeten Annahmen über die Ansteckungsraten korrekt waren oder nicht.</p>
<p>Deshalb unterliegen Mutmaßungen wie im&nbsp;<a href="https://www.focus.de/gesundheit/news/schiessen-uns-selbst-ins-aus-infektionen-in-deutschland-steigen-staerker-als-in-italien-was-jetzt-noetig-ist_id_11791395.html" target="_blank" rel="noreferrer">Focus</a>&nbsp;zu den gestiegenen Fallzahlen der vergangenen Tage vermutlich einem Fehlschluss. Denn durch Inkubationszeit, Test- und Auswertungsdauer etc. gehen die heutigen Fallzahlen auf Infektionen von vor 5-10 Tagen zurück. Am Montag vergangener Woche wurde allerdings ein neues, schnelleres Testverfahren (CDC-Test) vorgestellt. Mit gutem Grund lässt sich annehmen, dass damit die Test- und Auswertungsdauer in den darauffolgenden Tagen beschleunigt wurde und allein deshalb die Zahl der bestätigten Fälle vorübergehend ansteigt.</p>
<p>Zudem werden in der Berichterstattung immer wieder die aktuellen Maßnahmen den Fallzahlen gegenübergestellt ("trotz der verschärften Maßnahmen sind die Fallzahlen auch gestern weiter gestiegen", u.a. im „heute journal“ oder ähnlich auch bei „Spiegel Online“). Ob die verschärften Maßnahmen wirken, können wir aber vermutlich frühestens in ein bis zwei Wochen beurteilen. Insofern muss der Politik die Zeit gegeben werden, den Erfolg der Maßnahmen zu evaluieren. Die Strategie, der Ansteckungsdynamik durch eine konsequente Verringerung der sozialen Kontakte die Spitze zu brechen, sollte nicht durch Frustration über die ausbleibende Wirkung dieser Maßnahme in Frage gestellt werden, noch bevor sich diese Wirkung überhaupt erst in den Daten zeigen kann.</p>
<p><strong>Die Fallstricke von Ländervergleichen</strong></p>
<p>Da alle Nationen mehr oder weniger ihre eigene Strategie für den Umgang mit der Covid-19-Pandemie verfolgen, ist der internationale Vergleich im Prinzip eine hervorragende Grundlage, um wirksame Strategien zu identifizieren. Doch dazu reicht es nicht aus, die Entwicklung in Deutschland derjenigen in anderen Ländern einfach gegenüberzustellen, ohne die Begrenzungen der Vergleichbarkeit zu bedenken. Insbesondere hängen die erfassten Fallzahlen in jedem Land zentral davon ab, wie systematisch und umfangreich dort auf den Virus getestet wird. Ebenso hängt die nachgewiesene Ausbreitung des Virus aufgrund der geschilderten exponentiellen Natur des Fallwachstums sehr stark davon ab, wann die erste Person in einem Land infiziert wurde und wann eine Regierung Maßnahmen eingeführt hat – und nicht allein von den Maßnahmen selbst.</p>
<p>Darüber hinaus wird in vielen Ländervergleichen immer wieder auf das Verhältnis der Todesfälle zu den zum jeweiligen Zeitpunkt bestätigt Infizierten verwiesen bzw. die kumulierten Todesfälle durch die kumulierten bestätigten Fälle geteilt. Mit diesem Vorgehen wird jedoch eine falsche Vergleichsgruppe verwendet, und die Tödlichkeit von COVID-19 wird wiederum aufgrund des exponentiellen Wachstums unterschätzt. Sinnvoll wäre, die bestätigten Fälle der infizierten Kohorte, aus der die mutmaßlichen Todesfälle stammen, als Vergleichsgruppe zu wählen. Der Abgleich der Zeitreihen von bestätigten Infektionen und Todesfällen aus China und Deutschland lässt den Schluss zu, dass etwa 11 Tage Verzug das stabilste Verhältnis liefern, d.h. dass es am plausibelsten ist, den Anteil der Todesfälle an der Zahl der bestätigten Fälle 11 Tage zuvor zu berechnen.</p>
<p>Wird allerdings die Dunkelziffer nicht berücksichtigt (die wiederum erheblich vom Ausmaß der durchgeführten Tests abhängt), dann wird der Nenner der Verhältnisgröße zu klein und damit die geschätzte Letalität – d.h. der Anteil der Todesfälle an allen neu Infizierten – systematisch überschätzt. Darüber hinaus variiert die statistische Erfassung der Todesursachen von Land zu Land erheblich. Es ist schwer festzustellen, ob eine Person mit dem Virus oder durch den Virus gestorben ist. Wenn man, wie in vielen Ländern, bei Verstorbenen mit chronischen Krankheiten und im fortgeschrittenen Alter einen Coronavirus nachträglich feststellt, wird ein Teil davon nicht durch, sondern mit dem Virus gestorben sein. Dies führt ebenfalls zu einer Überschätzung der Todesrate. Insgesamt muss man festhalten, dass eine präzise Schätzung der Sterblichkeit zum derzeitigen Zeitpunkt nahezu unmöglich ist.</p>
<p>Allerdings gibt es ein natürliches Experiment, das Kreuzfahrtschiff „Diamond Princess“, bei dem von einer vollständigen Erfassung der Infizierten auszugehen ist, weil alle Passagiere getestet wurden. Zwar ist die Besatzung eines Kreuzfahrschiffs älter als die Durchschnittsbevölkerung, aber diese Altersverschiebung können Statistiker zumindest näherungsweise herausrechnen. Aus den Daten der „Diamond Princess“ ergibt sich nach einer Altersstandardisierung dann eine Sterblichkeit von COVID-19, die bei 0,5% liegt – mit einer Unsicherheit, die etwa bei +/-50% liegt.</p>
<p><strong>Fazit</strong></p>
<p>Die zur COVID-19-Pandemie bislang vorliegenden Erkenntnisse sind nicht ausreichend, um deren weitere Verbreitung verlässlich zu prognostizieren, erst recht nicht unter den Voraussetzungen unterschiedlicher politischer Maßnahmen zur Eindämmung von Neuinfektionen. Man sollte die Entwicklung der Pandemie zweifelsohne weiter detailliert verfolgen, jedoch ohne sich von Einzelinformationen zu sehr beeindrucken zu lassen. Aufgrund der exponentiell wachsenden Ausbreitung eines solchen Virus ist vermutlich der beste Fingerzeig auf eine erste Abschwächung der Problematik eine Verringerung der Zuwachsraten an mehreren Tagen hintereinander.</p>
<p>Im Augenblick gilt aber das Prinzip, sich beim Fahren auf Sicht durch die skizzierten Modellrechnungen leiten zu lassen. Denn trotz der Fülle an Faktoren, die eine verlässliche Prognose der künftigen Verbreitung verhindern, zeigen Simulationsstudien mit verschiedenen durchaus realistischen Szenarien sehr klar, dass das deutsche Gesundheitssystem innerhalb weniger Tage vollständig kollabieren würde, würde die Reproduktionsraten nicht über eine konsequente Vermeidung sozialer Kontakte rasch auf einen Wert von 1 reduziert werden. Dabei sollte man auch nicht jeden Tag panisch neu bewerten, ob die Maßnahmen Wirkung zeigen oder nicht. Die Wirkung dieser Maßnahme wird sich frühestens in ein bis zwei Wochen zeigen.</p>
<p>Der Verzögerung der Ausbreitung des Virus kann dem Gesundheitssystem dann hoffentlich die Zeit verschaffen, notwendige Kapazitäten zur Behandlung schwerer Fälle auszubauen und – mit etwas längerer Perspektive – zu Medikamenten und einem möglichen Impfstoff zu forschen. Vor allem ließe sich dadurch Zeit gewinnen, die Kapazitäten aufzubauen, um eine Vielzahl von Personen schnell und wiederholt zu testen. Dies würde die Möglichkeit eröffnen, stufenweise zu einem einigermaßen normalen Leben zurückzukehren und damit die negativen sozialen und wirtschaftlichen Konsequenzen dieser Pandemie einigermaßen zu begrenzen.</p><div class="well"><p><strong>Ansprechpartner/in:</strong></p>
<p>Katharina Schüller (STAT-UP),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp; Tel.: (089) 34077-447<br> Prof. Dr. Thomas K. Bauer,&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.:(0201) 8149-264<br> Prof. Dr. Dr. h. c. Christoph M. Schmidt, &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-213<br> Sabine Weiler (Kommunikation RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-213</p></div><p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. An dieser Unstatistik hatte zudem RWI-Präsident Christoph M. Schmidt erheblichen Anteil.&nbsp;Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter&nbsp;<a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>&nbsp;und unter dem Twitter-Account&nbsp;<a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer">@unstatistik</a>.</em></small></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong><a href="/fileadmin/user_upload/RWI/Unstatistiken/200325_unstatistik_maerz.pdf" class="link-file"><strong><strong>Pressemitteilung im pdf-Format</strong></strong></a></strong></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2020</category>
                            
                        
                        
                            
                        
                    </item>
                
                    <item>
                        <guid isPermaLink="false">news-924</guid>
                        <pubDate>Fri, 28 Feb 2020 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Lungenkrebs-Screening rettet Leben</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/lungenkrebs-screening-rettet-leben
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats Februar ist die Berichterstattung über eine Studie zum Lungenkrebsscreening, das angeblich Leben rettet. Ein genauerer Blick zeigt jedoch, dass die Gesamtsterblichkeit trotz Screening konstant bleibt.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>&nbsp;</p>
<h3>Unstatistik vom 28.02.2020</h3>
<p>Die „ÄrzteZeitung“ gibt bekannt:&nbsp;<a href="https://www.aerztezeitung.de/Medizin/Screening-auf-Lungenkrebs-wird-kommen-406213.html" target="_blank" rel="noreferrer">“Lungenkrebs-Screening per Low-dose-CT rettet Leben“</a>. Springer Medizin berichtet,&nbsp;<a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s15006-020-0074-y" target="_blank" rel="noreferrer">CT-Screening reduziere die Lungenkrebssterblichkeit um 24 Prozent bei Männern, bei Frauen sogar um 35 Prozent</a>. Der Standard empfiehlt:&nbsp;<a href="https://apps.derstandard.de/privacywall/story/2000114670866/raucher-in-die-roehre-schicken" target="_blank" rel="noreferrer">„Raucher in die Röhre schicken“</a>, denn vor allem diese würden von der Low-Dose-Computertomografie als Früherkennungsmaßnahme profitieren.&nbsp;<a href="https://science.apa.at/rubrik/medizin_und_biotech/Endgueltig_geklaert_Lungenkrebs-Screening_bei_Rauchern_hilft/SCI_20200203_SCI39371351252991744" target="_blank" rel="noreferrer">„Das wären für Österreich mehr als 1.000 gerettete Menschenleben jährlich“</a>, erklärt APA-Science. Eine Flut von Pressemeldungen erklärt, dass nun bewiesen sei, dass Lungenkrebs-Screening Leben rette und man deshalb für die flächendeckende Einführung Milliarden ausgeben sollte.</p>
<p>Diese enthusiastischen Meldungen beziehen sich auf die NELSON-Studie (de Koning, The New England Journal of Medicine 2020), an der 13.195 Männer (und 2.594 Frauen) zwischen 50 und 74 Jahren teilnahmen. Alle waren derzeit oder früher einmal Raucher. Sie wurden zufällig in Gruppen aufgeteilt; die einen erhielten Screening auf Lungenkrebs mit CT (Computertomographie), die anderen nicht. Nach zehn Jahren wurde ermittelt, ob Leben gerettet wurden. Was war das Ergebnis?</p>
<p>Die Ergebnisse der NELSON-Studie kann man einfach verständlich machen, indem man je 1.000 Personen in der Screening- und in der Kontrollgruppe betrachtet. Sehen wir uns einmal die Männer an. Nach zehn Jahren waren 24 Männer mit der Diagnose Lungenkrebs in der Screening-Gruppe gestorben, in der Kontroll-Gruppe waren es 32. Das ist der berichtete Wert einer um 25 Prozent verringerten Sterblichkeit. Keines der genannten Medien berichtete jedoch, dass in der Kontrollgruppe insgesamt 130 Personen starben und in der Screening-Gruppe 132 (in der Zusammenfassung der NELSON-Studie wird das auch nicht erwähnt). Im Klartext heißt das, insgesamt wurde kein Leben gerettet.&nbsp; In der Screening-Gruppe starben zwar weniger Menschen mit der Diagnose Lungenkrebs, dafür mehr mit einer anderen Krebsdiagnose. Insgesamt gab es keinen Unterschied. Die Anzahl der Menschen, die an Krebs (einschließlich Lungenkrebs) verstorben sind, ist die zuverlässigere Größe, genau wie die Gesamtsterblichkeit. Die spezifische Todesursache ist oft schwer festzustellen, beispielsweise wenn eine Person gleichzeitig Krebs in mehreren Organen hat. Die Autoren der NELSON-Studie berichten selbst, dass die Experten bei der Beurteilung, ob die Todesursache Lungenkrebs war, nur in 86 Prozent der Fälle übereinstimmten. Unter den Männern, die sich einem Lungenkrebs-Screening mit CT unterzogen hatten, starben genauso viele an Krebs (einschließlich Lungenkrebs) wie unter jenen ohne Screening. Weder in der Krebssterblichkeit noch in der Gesamtsterblichkeit hat die NELSON Studie einen signifikanten Unterschied gefunden.</p>
<p><strong>Ehrliche Berichterstattung sollte auch Gesamtsterblichkeit erwähnen</strong></p>
<p>Wie würde eine ehrliche Berichterstattung aussehen? Etwa so: „Die NELSON-Studie zeigte, dass von je 1.000 Männern in der Screening-Gruppe acht weniger mit der Diagnose Lungenkrebs verstorben sind (von 32 auf 24). Dafür starben in der Screening-Gruppe mehr Personen mit einer anderen Krebsdiagnose, und auch die Gesamtsterblichkeit war gleich. Es gibt keinen Beleg, dass Lungenkrebs-Screening Leben rettet.“</p>
<p>Die derzeit gefeierte NELSON-Studie ist nur eine Episode in einer langen Geschichte der Irreführung der Öffentlichkeit über den Nutzen von Krebs-Screening. Es ist bis heute kein einziges Krebs-Screening bekannt, das die Krebssterblichkeit (alle Krebse) oder die Gesamtsterblichkeit reduziert (V. Prasad, British Medical Journal, 2016, 352). Ein flächendeckendes Lungenkrebs-Screening würde jährlich Milliarden kosten, die man an anderer Stelle braucht. Schlimmer noch: Diese Investition würde den Patienten nichts nützen. Vorsorge hilft, Früherkennung kaum. Wenn man bereits in den Schulen junge Menschen risikokompetent machen würde, so dass sie verstehen, wie sie später zum Rauchen verführt werden, würde das wirklich Leben retten. Bildung ist die beste Vorsorge. Aber dafür wird kaum Geld bereitgestellt.</p><div class="well"><p><strong>Ansprechpartner/in:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Gerd Gigerenzer,&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (030) 82406-430<br> Sabine Weiler (Pressestelle RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-213&nbsp;</p></div><p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter&nbsp;<a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>&nbsp;und unter dem Twitter-Account&nbsp;<a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer">@unstatistik</a>.</em></small></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong><a href="/fileadmin/user_upload/RWI/Unstatistiken/200227_unstatistik_februar.pdf" class="link-file"><strong><strong>Pressemitteilung im pdf-Format</strong></strong></a></strong></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2020</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Thu, 30 Jan 2020 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Google AI erkennt Brustkrebs besser als die erfahrensten Radiologen</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/google-ai-erkennt-brustkrebs-besser-als-die-erfahrensten-radiologen
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats Januar ist die Berichterstattung über eine Studie über ein AI-System zur Brustkrebsfrüherkennung. Sie zeigt beispielhaft, wie Erfolge &quot;künstlicher Intelligenz&quot; (AI) in der Presse übertrieben werden und die Frage nach dem Nutzen für Patientinnen und Patienten nicht gestellt wird.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>&nbsp;</p>
<h3>Unstatistik vom 30.01.2020</h3>
<p>Im Januar 2020 publizierte die Fachzeitschrift „Nature“ eine Studie über ein AI-System zur Brustkrebsfrüherkennung. AI steht dabei für „Artificial Intelligence“, also „künstliche Intelligenz“. Die Schlagzeile von nach-welt.com berichtete&nbsp;<a href="https://www.nach-welt.com/google-ai-erkennt-brustkrebs-besser-als-die-erfahrensten-radiologen/" target="_blank" rel="noreferrer">„Google AI erkennt Brustkrebs besser als die erfahrensten Radiologen“</a>. „Spiegel online“ titelte&nbsp;<a href="https://www.spiegel.de/netzwelt/apps/a-1303745.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Wie künstliche Intelligenz künftig den Job von Ärzten übernimmt“</a>. Ähnliche enthusiastisches Medienecho gab es weltweit. AI-Systeme werden in der Tat immer besser in der Krebsfrüherkennung, aber das ist nicht unser Punkt. Diese Unstatistik zeigt exemplarisch, wie AI-Erfolge in der Presse übertrieben werden und die Frage nach dem Nutzen für Patientinnen und Patienten nicht gestellt wird.</p>
<p>Die Studie wurde federführend von Google-Wissenschaftlern in Palo Alto und London durchgeführt. Man trainierte und testete künstliche neuronale Netzwerke mit Röntgenbildern der Brust von mehr als 25.000 Frauen aus Großbritannien und über 3.000 Frauen aus den USA. In Großbritannien, wo zwei Radiologen jede Röntgenaufnahme beurteilen und im Fall eines unklaren Ergebnisses ein Konsensus-Urteil erstellt wird, war das AI-System im Durchschnitt etwas besser als der erste Radiologe und leicht schlechter als der zweite Radiologe und das Konsensus-Urteil. In den USA, wo nur ein Radiologe das Urteil trifft, war die AI besser. Im zweiten Teil der Untersuchung wurden sechs US-Radiologen getestet, die schlechtere Werte erreichten als die AI. Von diesen hatten jedoch die meisten kein spezielles Training im Beurteilen von Mammogrammen. Die Autoren der Studie stellten selbst klar, dass die Ergebnisse bei spezialisierten Radiologen wahrscheinlich besser ausgefallen wären; die oben berichtete Schlagzeile spricht dagegen von den „erfahrensten Radiologen“.</p>
<p>Die wirkliche Frage, die in den Medienberichten so gut wie nie gestellt wurde, ist: Werden Frauen durch besser werdende AI einen Nutzen haben? Dieser wird suggeriert, aber zwei wissenschaftliche Erkenntnisse raten hier zur Vorsicht. Erstens, je besser die Diagnose-Systeme werden, desto mehr kleine und klinisch irrelevante Krebsformen werden entdeckt, die nur technisch gesehen Krebs sind. Das heißt, man würde diese Formen während seines Lebens nie bemerken, da sie keine negativen Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Da man zum Zeitpunkt der Früherkennung diese harmlosen Formen von anderen nicht unterscheiden kann, erhalten bereits heute viele verunsicherte Frauen unnötige Operationen, Strahlen- oder Chemotherapien. Mit mehr AI-Diagnostik werden wahrscheinlich noch mehr Frauen unter dieser Überbehandlung leiden.</p>
<p>Die zweite wissenschaftliche Erkenntnis ist der geringe Nutzen des Mammographie-Screenings – für Frauen, im Gegensatz zur Industrie. Untersuchungen mit etwa 500.000 Frauen zeigen, dass von je 1.000 Frauen, die nicht zum Screening gehen, nach 10 Jahren etwa 5 an Brustkrebs gestorben sind; mit Screening sind es 4. Also etwa eine von tausend stirbt weniger an Brustkrebs. Das bedeutet aber nicht, dass Screening Leben rettet, da auch eine Frau mehr an einem anderen Krebs stirbt. Die Gesamtanzahl der Frauen, die an Krebs (einschließlich Brustkrebs) sterben, ändert sich durch Screening nicht. Sie ist jeweils etwa 22 von tausend Frauen (s.&nbsp;<a href="https://www.harding-center.mpg.de/de/faktenboxen/krebsfrueherkennung/brustkrebs-frueherkennung" target="_blank" rel="noreferrer">https://www.harding-center.mpg.de/de/faktenboxen/krebsfrueherkennung/brustkrebs-frueherkennung</a>). In Deutschland wird diese Information den Frauen immer noch vorenthalten, anders als etwa in der Schweiz (s.&nbsp;<a href="https://www.helsana.ch/de/blog/frueherkennung-mammografie?articleSource=gesundheitskompetenz" target="_blank" rel="noreferrer">https://www.helsana.ch/de/blog/frueherkennung-mammografie?articleSource=gesundheitskompetenz</a>). Das heißt, AI wird zwar immer mehr Krebse frühzeitig erkennen, aber man sollte auch einen Schritt weiter denken und ehrlich sagen, dass all dieser technische Erfolg den Frauen wohl wenig helfen wird.</p><div class="well"><p><strong>Ansprechpartner/in:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Gerd Gigerenzer,&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (030) 82406-430<br> Sabine Weiler (Pressestelle RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-213&nbsp;</p></div><p><span class="text-muted"><small><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter&nbsp;<a href="http://www.unstatistik.de/" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>&nbsp;und unter dem Twitter-Account&nbsp;<a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer">@unstatistik</a>.</em></small></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong><a href="/fileadmin/user_upload/RWI/Unstatistiken/200130_unstatistik_januar.pdf" class="link-file"><strong><strong>Pressemitteilung (PDF)</strong></strong></a></strong></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>Unstatistiken</category>
                            
                                <category>2020</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Thu, 19 Dec 2019 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Wahlen in Großbritannien: Die Grünen haben ihr Ergebnis um 60 Prozent gesteigert</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/wahlen-in-grossbritannien-die-gruenen-haben-ihr-ergebnis-um-60-prozent-gesteigert
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats Dezember ist ein Tweet auf dem Twitter-Kanal des  Londoner ZDF-Studios, auf den auch auf der Homepage der ZDF-Nachrichtensendung „heute“ verwiesen wird. Er verkündet, dass die Grünen bei den Wahlen in Großbritannien um 60% zulegen konnten. Fakt ist, dass sie ihr Ergebnis von 1,6% auf 2,7% steigern konnten. 
</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats Dezember ist ein Tweet auf dem Twitter-Kanal des&nbsp; <a href="https://twitter.com/ZDFlondon/status/1205412886224474113?s=19" target="_blank" rel="noreferrer">Londoner ZDF-Studios</a>, auf den auch auf der Homepage der ZDF-Nachrichtensendung <a href="https://www.zdf.de/nachrichten/heute/nach-der-wahl-in-grossbritannien-gruenen-erzielen-im-vergleich-bestes-ergebnis-100.html" target="_blank" rel="noreferrer">„heute“</a> verwiesen wird. Der Tweet lautet: „Weiterer interessanter Fakt. Obwohl #Klimawandel keine Rolle im Wahlkampf gespielt hat, konnten die Grünen 60% zulegen. Und erzielen somit das beste Ergebnis im Vergleich zu allen anderen Parteien. Trotzdem hat es nur eine grüne Abgeordnete ins Parlament geschafft.“ Auf der „heute“-Homepage wird diese Nachricht wiederholt: „Obwohl es bei den Grünen nur ein Abgeordneter ins Parlament geschafft hat, haben sie ihr Ergebnis um 60 Prozent gesteigert.“</p>
<p>So macht man aus einer statistischen Mücke einen Elefanten. Denn Fakt ist, dass die Grünen in Großbritannien ihr Ergebnis von 1,6% auf 2,7% steigern konnten. Und damit erzielten sie auch nicht das beste Ergebnis im Vergleich zu allen anderen Parteien – gewonnen hat die Konservative Partei. Die beste Ergebnissteigerung konnten die Grünen ebenfalls nicht erzielen, das tat die Brexit Party, die von 0% (die Partei wurde erst 2019 gegründet) auf 2% kam.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>
<p>(Anm. d. Red: Mittlerweile ist der Verweis auf den Tweet nicht mehr auf der Seite von "ZDF heute" abrufbar.)&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>
<p>---------</p>
<p><strong>Ansprechpartner/in:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Thomas K. Bauer, &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.:(0201) 8149-264<br> Sabine Weiler (Pressestelle RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-213&nbsp;</p>
<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a> und unter dem Twitter-Account <a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer">@unstatistik</a>.</p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2019</category>
                            
                        
                        
                            
                        
                    </item>
                
                    <item>
                        <guid isPermaLink="false">news-1249</guid>
                        <pubDate>Mon, 02 Dec 2019 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>PISA-Ergebnisse sind international nur eingeschränkt vergleichbar</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/pisa-ergebnisse-sind-international-nur-eingeschraenkt-vergleichbar
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats November ist die zu erwartende wenig differenzierte Berichterstattung über die PISA-Studie. In der Diskussion ihrer Ergebnisse sollte nicht nur der Rang Deutschlands in einem problematischen internationalen Vergleich betrachtet werden. Vielmehr sollte man sich stärker auf die Lösung der eigenen Probleme im Bildungssystem konzentrieren. 
</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats November ist die zu erwartende wenig differenzierte Berichterstattung über die PISA-Studie. Diese Unstatistik ist also vorbeugend, da die Studie erst am 3. Dezember der Öffentlichkeit präsentiert wird. Ziel ist es dieses Mal, die PISA-Berichterstattung im Voraus besser zu machen, statt im Nachhinein darüber zu schreiben. Bereits vor der offiziellen Publikation der internationalen OECD-Schulleistungsuntersuchung („<strong>P</strong>rogramme for <strong>I</strong>nternational <strong>S</strong>tudent <strong>A</strong>ssessment“) Anfang Dezember sorgt die neueste Ausgabe der Studie für einiges Rauschen im deutschen Blätterwald. So berichtete beispielsweise die <a href="https://edition.faz.net/faz-edition/politik/2019-11-28/6d9c6d8fa5765e65935e9de90acbdfd3/?GEPC=s3" target="_blank" rel="noreferrer">Frankfurter Allgemeine Zeitung</a> am 28. November in einem Gastbeitrag des Bildungsforschers Rainer Bölling unter dem Titel „Schiefer als der schiefe Turm“ von verschiedenen Problemen zurückliegender PISA-Studien.</p>
<p>Ziel der Studie ist das Messen und Vergleichen von Schulleistungen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Diese Zahlen beruhen auf Stichproben. Dagegen wäre auch nichts einzuwenden, würden diese in allen Ländern gleichmäßig nach den gleichen Standards der Statistik erhoben. Das geschieht aber nicht. In manchen asiatischen Ländern etwa, die bei PISA regelmäßig Spitzenplätze belegen, nehmen nur rund 80 Prozent der Schüler in den zufällig ausgewählten Schulen an den Testaufgaben teil, in Deutschland über 95 Prozent. Welche Schüler fallen durch den Rost? Hier gibt es durchaus Hinweise, dass in manchen Ländern vor allem schlechtere Schüler am PISA-Prüfungstag krank werden oder die Schule schwänzen. Damit werden dann aber Äpfel mit Birnen verglichen.</p>
<p>Auch der wachsende Migrantenanteil bei Schülerinnen und Schülern in Deutschland ist eine wichtige Ursache für das im internationalen Vergleich eher mittelmäßige Abschneiden deutscher Schulen. Als Gegenargument wird oft das Beispiel Kanada aufgeführt, wo es ebenfalls einen hohen Migrantenanteil gibt, ohne dass dies den Schulleistungen Abbruch täte. Aber in Kanada zeigen Kinder mit Migrationshintergrund als Folge einer selektiven Einwanderungspolitik im Durchschnitt bessere schulische Leistungen als einheimische, sie ziehen den Durchschnitt tendenziell nach oben. In Deutschland schneiden Kinder mit Migrationshintergrund im Durchschnitt in der Schule schlechter ab als einheimische, insbesondere, weil sie teils erst einmal die deutsche Sprache lernen müssen. Sie drücken den Durchschnitt daher tendenziell nach unten.</p>
<p><strong>Statt reiner Rang-Vergleiche Ergebnisse differenziert betrachten</strong></p>
<p>Es bleibt zu hoffen, dass diesmal eine im Vergleich zur Vergangenheit differenziertere Berichterstattung und öffentliche Diskussion der Ergebnisse der PISA-Studie erfolgt. So haben die Autoren der Studien bereits in der Vergangenheit sogenannte Konfidenzintervalle ausgewiesen, die die durch die Stichprobenziehung entstehende Unsicherheit in den Schätzergebnissen berücksichtigen. Dabei fallen die Unterschiede zwischen den einzelnen Staaten teilweise so gering aus, dass viele dieser Unterschiede statistisch nicht signifikant sind. Auch wurde in diesen Berichten ausführlich auf die Unterschiede zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund hingewiesen.&nbsp; Beides – sowohl die Unsicherheit der Ergebnisse als auch die Unterschiede zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund – wurde in der öffentlichen Diskussion zu PISA jedoch weitgehend ignoriert.</p>
<p>Daher unsere Bitte, in der Diskussion der Ergebnisse der PISA-Studie nicht nur den Rang Deutschlands in einem problematischen internationalen Vergleich zu betrachten. Vielmehr sollte man sich stärker auf die Lösung der eigenen Probleme im Bildungssystem konzentrieren. Hier kann die PISA-Studie durchaus Erkenntnisse zu relativen Defiziten in einzelnen Bereichen liefern.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>
<p>---------</p>
<p><strong>Ansprechpartner/in:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Thomas K. Bauer, &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.:(0201) 8149-264<br> Sabine Weiler (Pressestelle RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-213&nbsp;</p>
<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a> und unter dem Twitter-Account <a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer">@unstatistik</a>.</p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2019</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Wed, 30 Oct 2019 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Klimapaket macht Flugtickets wesentlich teurer </title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/klimapaket-macht-flugtickets-wesentlich-teurer
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats Oktober ist die Prognose, dass Inlandsflüge durch das Klimapaket der Bundesregierung deutlich verteuert würden. Tatsächlich zeigen Beispiele, dass kein enormer Preisanstieg durch das Klimapaket zu erwarten ist.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats Oktober ist die Prognose, dass Inlandsflüge durch das Klimapaket der Bundesregierung deutlich verteuert würden. Mehrere Medien dramatisieren die angekündigte Erhöhung der Luftverkehrssteuer. Beispielsweise schreibt die <a href="https://www.morgenpost.de/politik/article227371451/Klimapaket-Kritik-wirkt-Fluege-werden-wohl-spuerbar-teurer.html" target="_blank" rel="noreferrer">Berliner Morgenpost</a>, Flüge würden wohl „spürbar teurer“, die <a href="https://www.bild.de/politik/inland/politik-inland/klimapaket-groko-macht-flugtickets-noch-mal-teurer-65363232.bild.html" target="_blank" rel="noreferrer">BILD-Zeitung</a> titelt: „STEUER UM 76 PROZENT RAUF - GroKo macht Flugtickets noch mal teurer!“ und auch ein Nachrichtenbeitrag auf dem Netzwerk <a href="https://www.linkedin.com/pulse/inlandsfl%C3%BCge-werden-wohl-deutlich-teurer-brauchen-wir-linkedin/" target="_blank" rel="noreferrer">LinkedIn</a> prognostiziert: „Inlandsflüge werden wohl deutlich teurer“.</p>
<p>In allen genannten Beiträgen wird argumentiert, dass die Erhöhung der Steuer auf Inlandsflüge von derzeit 7,50 Euro auf 13,03 Euro einer Steigerung um 76 Prozent entspricht. Bei Auslandsflügen sei immerhin eine Steigerung von 41 Prozent (von 42,18 Euro auf 59,43 Euro) vorgesehen. Dabei fällt unter den Tisch, dass sich die absoluten Erhöhungen auf gerade einmal 5,53 Euro beziehungsweise 17,25 Euro belaufen – und sich am Ende in Form weitaus geringerer relativer Erhöhungen auf die Ticketpreise auswirken werden. Besonders irreführend ist deshalb die Schlussfolgerung der Berliner Morgenpost, die in unmittelbarer Nähe zu den Prozentangaben zu finden ist: „Da die Fluggesellschaften die Abgaben in der Regel komplett an die Kunden weiterreichen, dürften die Steuererhöhungen ab dem Frühjahr 1:1 auf die Ticketpreise durchschlagen.“</p>
<p><strong>Beispiele zeigen: kein enormer Preisanstieg durch Klimapaket zu erwarten</strong></p>
<p>Eine kurze, illustrative Recherche soll dies an drei innerdeutschen Flugzielen demonstrieren: Dem Flughafen Berlin-Tegel, der von einer Billigfluglinie angeflogen wird, dem großen und hoch frequentierten Flughafen Hamburg und dem kleineren Flughafen Saarbrücken mit einem Oligopol weniger Fluglinien. Für jeden Flughafen haben wir einen morgendlichen Hinflug von München und einen Rückflug am selben Abend recherchiert – einmal kurzfristig mit einem Tag Vorlauf, einmal langfristig für den kommenden Monat.</p>
<p>Nach Berlin kosten die billigsten Tickets für den kurzfristig anberaumten Hin- und Rückflug rund 135 Euro, für den langfristig anberaumten Flug rund 65 Euro. Diese Flüge würden sich um rund 4,1 Prozent bis rund 8,5 Prozent verteuern. Für einen Flug nach Hamburg müsste man kurzfristig 390 Euro auf den Tisch legen, mit etwas Vorlauf noch 160 Euro. Die Verteuerung durch die Steuer beträgt rechnerisch 1,4 Prozent bis 3,5 Prozent. Nach Saarbrücken zu fliegen, kostet bei einem Flug am übernächsten Tag satte 830 Euro, in einem Monat immerhin noch 570 Euro. Hier schlägt die Steuererhöhung mit gerade einmal 0,7 Prozent bis knapp 1 Prozent durch.</p>
<p>„Spürbar“, aber kaum „deutlich“ wäre die Erhöhung wohl nur im ersten Fall, beim Billigflug nach Berlin. Allerdings sehen es Pläne des Verkehrs- und Wirtschaftsministeriums zudem vor, den Billigfluganbietern per Verordnung zu untersagen, ihre Tickets unter den Kosten von Steuern, Entgelten und Zuschlägen anzubieten. Schon deshalb wird sich der Effekt der Steuererhöhung weiter reduzieren, weil der Ausgangspreis von 66 Euro unter diesen Vorgaben kaum zu halten sein dürfte.</p>
<p>Auch wenn die Berechnung der prozentualen Steuererhöhungen mathematisch nicht zu kritisieren ist, so ist es doch die implizite, dramatisierende Botschaft an den Leser, die aus einer Mücke einen Elefanten macht. Umso erfreulicher sind Positiv-Beispiele wie der Artikel auf <a href="https://www.zeit.de/mobilitaet/2019-10/ticketsteuer-eu-inlandsfluege-teurer-klimaschutz-finanzministerium" target="_blank" rel="noreferrer">ZEIT online</a>, der auf die Angabe prozentualer Veränderungen verzichtet und die Steuererhöhung als das bezeichnet, was sie ist – relativ klein.</p>
<p>---------</p>
<p><strong>Ansprechpartner/in:</strong></p>
<p>Katharina Schüller (STAT-UP), &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (089) 34077-447<br> Sabine Weiler (Pressestelle RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-213&nbsp;</p>
<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a> und unter dem Twitter-Account <a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer">@unstatistik</a>.</p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2019</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Fri, 04 Oct 2019 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Der „Heilige Gral der Krebsforschung“ ist oft kaum besser als ein Münzwurf</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/der-heilige-gral-der-krebsforschung-ist-oft-kaum-besser-als-ein-muenzwurf
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats September ist die angebliche Treffsicherheit des Bluttests für zehn verschiedene Krebsarten im Frühstadium, den Forscher der Cleveland Clinic entwickelt haben. Dabei wird jedoch lediglich die Trefferrate genannt, nicht jedoch die Falsch-Alarm-Rate. Es bleibt daher völlig unklar, wie häufig der Test bei gesunden Personen fälschlicherweise Krebs diagnostiziert.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats September ist die angebliche Treffsicherheit des Bluttests für zehn verschiedene Krebsarten im Frühstadium, den Forscher der Cleveland Clinic entwickelt haben. Über ihn berichtete unter anderem die Online-Ausgabe des „Focus“ am 3. September unter dem Titel <a href="https://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/krebs/diagnose/bluttest-erkennt-10-krebsarten-forscher-begeistert-wir-haben-hier-vielleicht-den-heiligen-gral-der-krebsdiagnose_id_9022932.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Bluttest erkennt 10 Tumorarten im Frühstadium“</a>&nbsp; und&nbsp; spricht von einer Treffsicherheit bis 90 Prozent. Der Studienleiter nennt den Test im Artikel den „Heiligen Gral der Krebsforschung“. Dabei wird jedoch wie schon beim Heidelberger Brustkrebs-Bluttest (siehe Unstatistik Februar und Mai 2019) lediglich die Trefferrate genannt, nicht jedoch die Falsch-Alarm-Rate. Es bleibt daher völlig unklar, wie häufig der Test bei gesunden Personen fälschlicherweise Krebs diagnostiziert.</p>
<p>Für die genannten zehn Krebsarten liefert das Zentrum für Krebsregisterdaten des Robert-Koch-Instituts in Berlin unter anderem die Anzahl der altersstandardisierten Neuerkrankungen je 100.000 Männer und Frauen. Kombiniert man diese Daten mit verschiedenen Annahmen über die Falsch-Alarm-Rate, so ergibt sich ein ganz anderes Bild, das umso bedenklicher wird, je seltener eine Krebsart ist.</p>
<p>Angenommen, ein Krebs tritt bei 1 Prozent der Bevölkerung je Jahr neu auf, d.h. unter 100.000 Personen erkranken 1.000 jährlich neu. Dann bedeutet eine Trefferrate von 99 Prozent, dass von diesen 1.000 Personen 990 richtigerweise als krank erkannt werden. Eine Falsch-Alarm-Rate von 1 Prozent, also eine Richtig-Alarm-Rate von ebenfalls 99 Prozent, bedeutet jedoch, dass unter den gesunden 99.000 Personen ebenfalls 990 als krank erkannt werden. In jedem zweiten Fall wäre also eine als krank diagnostizierte Person gesund.</p>
<p>Verwenden wir die angegebenen Trefferraten und zugleich eine sehr kleine hypothetische Falsch-Alarm-Rate von 0,001 Prozent, so wären jede zweite mit Speiseröhrenkrebs diagnostizierte Frau und zwei von drei mit Kehlkopfkrebs diagnostizierte Frauen gar nicht krank. Unterstellen wir hingegen eine Falsch-Alarm-Rate von 46 Prozent, wie sie der Heidelberger Bluttest aufweist, so liegt der Anteil der fälschlicherweise als krank diagnostizierten Frauen und Männer durchgehend bei mehr als 99,9 Prozent. Fast niemand mit Krebsdiagnose hätte also tatsächlich Krebs.</p>
<p>Es ist schlimm genug, dass Medienberichte über solche neuartigen Bluttests falsche Hoffnungen schüren, obwohl solche Tests womöglich unzählige Menschen irrtümlich mit schwersten Diagnosen belasten würden. Besonders schlimm ist aber, dass selbst Skandale wie derjenige um den Heidelberger Bluttest nicht dazu führen, dass Journalisten mit mehr Sorgfalt über solche scheinbaren Sensationen berichten.</p>
<p>---------</p>
<p><strong>Ansprechpartner/in:</strong></p>
<p>Katharina Schüller (STAT-UP), &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (089) 34077-447<br> Sabine Weiler (Pressestelle RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-213&nbsp;</p>
<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a> und unter dem Twitter-Account <a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer">@unstatistik</a>.</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Thu, 29 Aug 2019 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Verwirrung um Nitrat</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/verwirrung-um-nitrat
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats August ist ein Artikel aus der Rheinischen Post, nach dem der mittlere Nitratgehalt an den 15 am stärksten belasteten deutschen Messpunkten von 2013 bis 2017 um rund 40 Milligramm pro Liter zugenommen hat. Daraus folgt aber nicht, wie von der Rheinischen Post fälschlicherweise kolportiert, dass die Nitratbelastung insgesamt gestiegen ist. Denn zum einen wurden die Messpunkte verändert, zum anderen 2013 die Jahresdurchschnittswerte, 2017 die Höchstwerte verwendet.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats August ist ein <a href="https://rp-online.de/wirtschaft/immer-mehr-nitrat-im-grundwasser-gefahr-fuer-mensch-und-natur_aid-44825553" target="_blank" rel="noreferrer">Artikel aus der Rheinischen Post</a> vom 8. des Monats. Unter der Überschrift „Immer mehr Nitrat im Grundwasser“ kommentiert die Rheinische Post darin die Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen. Demnach nahm der mittlere Nitratgehalt an den 15 am stärksten belasteten deutschen Messpunkten von 2013 bis 2017 um rund 40 Milligramm pro Liter zu. Daraus folgt aber nicht, wie von der Rheinischen Post fälschlicherweise kolportiert, dass die Nitratbelastung insgesamt gestiegen ist. Sie ist vermutlich, wie schon in den Vierjahres-Zeiträumen davor, weiter gefallen.</p>
<p>Erstens sind die Messpunkte nicht die gleichen – im Jahr 2017 wurden verschiedene Messpunkte aus dem Jahr 2013 gegen bekannte Hochnitrat-Messstellen ausgetauscht. Die Werte an den 2013er Messpunkten sind bis 2017 im Mittel gefallen. Und zweitens gingen 2013 die Jahresdurchschnittswerte, im Jahr 2017 aber die Höchstwerte (über ausgewählte Tage) in die Analyse ein. Die Meldung aus der Rheinischen Post ist also statistisch gesehen der gleiche Unfug, als wollte man die Veränderung der jährlichen landesweiten Niederschlagsmenge durch einen Vergleich der 15 jeweils feuchtesten Orte ermitteln (und dann auch noch für ein Jahr basierend auf dem Durchschnitt pro Ort, das andere Jahr basierend auf dem Tagesmaximum).</p>
<p>Damit ist natürlich nichts gegen eine sinnvolle Messung der Nitratbelastung in Flüssen, Seen und im Grundwasser gesagt. Deren Begrenzung und Absenkung ist Gegenstand einer der ersten Umweltschutzdirektiven der EU, der Nitratrichtlinie von 1991. Das dazu nötige europaweite Messnetz ist allerdings wissenschaftlich durchaus angreifbar. Wie schon in der Meldung der Rheinischen Post werden speziell in Deutschland Messstellen gerne ausgetauscht beziehungsweise mit Bedacht in Hochbelastungsregionen angelegt. Dagegen wäre auch nichts einzuwenden, wäre man an der zeitlichen Entwicklung der Maxima interessiert. Zum Betrug wird diese Vorgangsweise immer dann, wenn man das Ergebnis als landesweiten Durchschnitt verkauft. Hier zeigt sich, dass bei unveränderten Messpunkten die Belastung eher sinkt.</p>
<p>---------</p>
<p><strong>Ansprechpartner/in:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Walter Krämer,&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0231) 755-3125<br> Sabine Weiler (Pressestelle RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-213</p>
<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a> und unter dem Twitter-Account <a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer">@unstatistik</a>.</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Wed, 31 Jul 2019 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Vegetarische und vegane Ernährung senkt Diabetes II-Risiko um 23 Prozent</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/vegetarische-und-vegane-ernaehrung-senkt-diabetes-ii-risiko-um-23-prozent
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats Juli ist die von vielen Medien aufgegriffene Meldung, dass vegane Ernährung das Risiko einer Diabetes-II-Erkrankung um fast ein Viertel reduziert. Grundlage der Studie waren jedoch lediglich neun Schätzergebnisse. Zudem suggeriert die relative Risikoreduktion um fast ein Viertel einen großen Effekt, faktisch handelt es sich lediglich um die Reduzierung des absoluten Risikos um knapp zwei Prozentpunkte von 7,7 auf 5,9 Prozent. 
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats Juli ist die von vielen Medien aufgegriffene Meldung, dass vegane Ernährung das Risiko einer Diabetes-II-Erkrankung um fast ein Viertel reduziert. Darüber berichteten unter anderem die Internetportale <a href="https://www.infranken.de/ratgeber/gesundheit/vegane-ernaehrung-wer-rein-pflanzlich-isst-reduziert-sein-diabetes-risiko-deutlich" target="_blank" rel="noreferrer">infranken.de</a>, <a href="https://www.finanz-experte.info/gesundheit/forscher-menschen-die-vegane-lebensmittel-konsumieren-sind-weniger-anfallig-fur-diabetes/" target="_blank" rel="noreferrer">finanz-experte.info</a> und <a href="https://www.heilpraxisnet.de/naturheilpraxis/eine-vegane-ernaehrung-reduziert-das-diabetes-risiko-um-rund-ein-viertel-20190723460962" target="_blank" rel="noreferrer">heilpraxis.net</a>. Hintergrund dieser Meldungen ist eine in der Zeitschrift „JAMA Internal Medicine“ veröffentlichte sogenannte <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/fullarticle/2738784" target="_blank" rel="noreferrer">Meta-Studie</a>. In dieser Meta-Studie werden insgesamt neun Schätzergebnisse analysiert, die aus sieben Studien zum Zusammenhang zwischen vegetarischer und veganer Ernährung und dem Risiko einer Diabetes-II-Erkrankung entnommen wurden. An diesen sieben Studien nahmen etwas mehr als 300.000 Personen teil.</p>
<p>Und hier liegt der erste große Fehler obiger Meldungen. Grundlage der in „JAMA Internal Medicine“ publizierten Studie waren nicht die Beobachtungen von mehr als 300.000 Studienteilnehmern, sondern lediglich neun Schätzergebnisse. Darüber hinaus wird mit einer relativen Risikoreduktion (das Risiko einer Diabetes II-Erkrankung sinkt um 23 Prozent) ein gewaltiger Effekt suggeriert, der sich bei genauerer Betrachtung als wesentlicher kleiner darstellt. Laut Angaben der Autoren hatten 23.544 der an den sieben Studien teilnehmenden 307.099 Personen Diabetes II. Das entspricht einem absoluten Risiko von 7,7 Prozent. Vegetarische und vegane Ernährung reduzieren dieses absolute Risiko um 23 Prozent, also um&nbsp;knapp zwei Prozentpunkte von 7,7 auf 5,9 Prozent. &nbsp;Das klingt schon wesentlich unspektakulärer als ein um fast ein Viertel reduziertes Risiko.</p>
<p>Es besteht kein Zweifel, dass eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst und Gemüse und weniger Fleisch gesund ist. Reißerische Schlagzeilen mit aufgeblähten Effekten vegetarischer und veganer Ernährung auf Basis von neun Beobachtungen können da schon eher angezweifelt werden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Anmerkung:</strong><br> <br> In der ursprünglichen Version der Pressemitteilung hieß es „Laut Angaben der Autoren hatten 23.544 der an den sieben Studien teilnehmenden 307.099 Personen Diabetes II. Das entspricht einem absoluten Risiko von 13 Prozent. Vegetarische und vegane Ernährung reduzieren dieses absolute Risiko um 23 Prozent, also um 3 Prozentpunkte von 13 auf 10 Prozent.“ 23.544 von 307.099 Personen sind jedoch 7,7 Prozent. Diesen Fehler und die daraus resultierenden Folgefehler haben wir korrigiert, so dass es im Text jetzt heißt: „Laut Angaben der Autoren hatten 23.544 der an den sieben Studien teilnehmenden 307.099 Personen Diabetes II. Das entspricht einem absoluten Risiko von 7,7 Prozent. Vegetarische und vegane Ernährung reduzieren dieses absolute Risiko um 23 Prozent, also um knapp zwei Prozentpunkte von 7,7 auf 5,9 Prozent.“ Die Grundaussage des Textes verändert sich dadurch nicht. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.</p>
<p>----------</p>
<p><strong>Ansprechpartner/in:</strong></p>
<p>Sabine Weiler (Pressestelle RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-213</p>
<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a> und unter dem Twitter-Account <a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer">@unstatistik</a>.</p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2019</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Fri, 28 Jun 2019 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Mehr Unfälle durch vereinfachten Motorradführerschein?</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/mehr-unfaelle-durch-vereinfachten-motorradfuehrerschein
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats Juni ist die Interpretation der österreichischen Unfallstatistik durch die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt). Die BASt stellt fest, dass sich die Verkehrssicherheit in Österreich erkennbar ver-schlechtert habe, seit im Jahr 1997 eine Regelung zum vereinfachten Erwerb der Fahrerlaubnis für Leichtkrafträder eingeführt wurde. Die Statistiken zeigen aber keine längerfristige Trendwende in der Verkehrssicherheit. In Deutschland gibt es derzeit Pläne von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer, eine vergleichbare Regelung einzuführen.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats Juni ist die Interpretation der österreichischen Unfallstatistik durch die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt). Die BASt stellt fest, dass sich die Verkehrssicherheit in Österreich erkennbar verschlechtert habe, seit im Jahr 1997 eine Regelung zum vereinfachten Erwerb der Fahrerlaubnis für Leichtkrafträder eingeführt wurde. Österreich hatte den „Code 111“, der eine Person zum Lenken eines Motorrads der Klasse A1 berechtigt und ohne zusätzliche Fahrprüfung im B-Führerschein eingetragen wird, 1997 eingeführt.</p>
<p>Diese Interpretation wird von zahlreichen Medien in Deutschland zitiert, darunter <a href="https://www.spiegel.de/auto/aktuell/fuehrerschein-autofahrer-sollen-bald-motorrad-fahren-duerfen-a-1272952.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Spiegel online“</a> und <a href="https://www.tagesspiegel.de/politik/verkehrsminister-in-der-kritik-scheuer-fuer-motorradfahren-ohne-fuehrerscheinpruefung/24477634.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Der Tagesspiegel“</a>. Anlass sind die Pläne von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer, eine vergleichbare Regelung in Deutschland einzuführen. Nach sechs Übungsstunden und 90 Minuten Theorie sollen Autofahrer, die seit mindestens fünf Jahren einen Führerschein der Klasse B besitzen, zukünftig die Fahrerlaubnis für Krafträder der Klasse A1 mit einem Hubraum von bis zu 125 Kubikzentimeter und einer Motorleistung von nicht mehr als 11 Kilowatt, also 15 PS, ohne zusätzliche Fahrprüfung erhalten dürfen. Wer seinen Führerschein der Klasse B vor dem 1. April 1980 erworben hat, der darf diese Motorräder bereits fahren.</p>
<p>Deutsche Experten reagieren „entsetzt“, wie zahlreiche Medien von <a href="https://www.autobild.de/artikel/motorradfuehrerschein-entwurf-zu-neuen-regeln-15073263.html" target="_blank" rel="noreferrer">„AutoBILD“</a> bis <a href="https://www.zeit.de/mobilitaet/2019-06/andreas-scheuer-motorrad-autofahrer-fuehrerschein" target="_blank" rel="noreferrer">„ZEIT“</a> einhellig berichten. Das hatten ihre österreichischen Kollegen 1997 allerdings auch schon getan. Von einer „dramatischen Trendumkehr in der Motorrad-Unfallstatistik“ war in einer <a href="https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_19970728_OTS0078/kfv-warnt-vor-umschwung-der-unfallstatistik-bilanz-1997-kann-negativ-wende-bringen-motorrad-problematik-heisser-als-je-zuvor-grafik" target="_blank" rel="noreferrer">Pressemitteilung des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KfV)</a> zu lesen. Man befürchtete katastrophale Folgen, wenn ungeübte Autofahrer plötzlich aufs Motorrad umstiegen. Denn die meisten Motorrad-Unfälle seien Folge von Fahrfehlern. (Dass aktuell fast drei Viertel aller Motorradunfälle in Deutschland gar nicht selbstverschuldet sind, fällt gern unter den Tisch.)</p>
<p><strong>Statistiken zeigen keine längerfristige Trendwende in der Verkehrssicherheit durch erleichterten Zugang zu Leichtkrafträdern</strong></p>
<p>Natürlich sind mehr Motorrad-Unfälle zu erwarten, wenn mehr Menschen mit dem Motorrad unterwegs sind. Das zu begreifen, dafür reicht gesunder Menschenverstand. Mit der Interpretation von Statistiken hingegen ist es nicht ganz so einfach. So behauptet der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR), dass nach der Einführung des Code 111 die Zahl der Zulassungen und der Unfälle zugenommen habe. Die BASt kommt zum bereits zitierten Ergebnis, die Verkehrssicherheit in Österreich habe sich erkennbar verschlechtert. Stimmt das wirklich?</p>
<p>Es lohnt die Mühe, die Studien und Statistiken selbst zu lesen. Ausgerechnet das KfV hat im Jahr 2017 eine <a href="https://www.researchgate.net/profile/Martin_Winkelbauer/publication/320347831_Unfallursachen_bei_Motorradunfallen_-_KFV-Sicher_Leben_4/links/59df5f0445851593bea66887/Unfallursachen-bei-Motorradunfaellen-KFV-Sicher-Leben-4.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">detaillierte Analyse der Unfallursachen bei Motorradunfällen</a> vorgenommen, die die Statistiken seit 1990 genauestens unter die Lupe nimmt. In der Tat gab es in Österreich 1997 ein gutes Viertel mehr zugelassene Motorräder und ein knappes Drittel mehr Motorradunfälle als im Vorjahr. Im Verhältnis stieg die Zahl der Toten je 100.000 Motorräder sprunghaft um rund 20 Prozent an.</p>
<p>Aber eine Trendwende der Verkehrssicherheit lässt sich aus diesen Daten eben nicht ableiten. Erstens ist die Zahl zugelassener Motorräder Jahr für Jahr kontinuierlich gestiegen. Zweitens hat sich die Rate der durch Motorräder zu Tode gekommenen Verkehrsteilnehmer, also die absolute Zahl der Getöteten geteilt durch die zugelassenen Motorräder, seit 1990 um ganze 80 Prozent verringert. Schon 1998 lag diese Rate wieder deutlich unter dem Niveau von 1996. Drittens schließlich ist selbst die absolute Anzahl der Motorrad-Toten zurückgegangen; sie lag 2015 immerhin fast ein Fünftel unter der Zahl von 1990.</p>
<p>Das bedeutet keinesfalls, dass Fahrsicherheit und damit Verkehrssicherheit keine Übung erfordern. Wer mit der besonderen Fahrphysik eines Zweirads und dem durch einen Helm eingeschränkten Sichtfeld nicht vertraut ist, der gefährdet sich und andere. Das spräche aber eher dafür, jeden Motorradfahrer zum regelmäßigen Nachweis seiner Fahrsicherheit zu verpflichten, als eine Regelung zu verhindern, die in vielen europäischen Ländern längst gängige Praxis ist.</p>
<p>----------</p>
<p><strong>Ansprechpartner/in:</strong></p>
<p>Katharina Schüller (STAT-UP), &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (089) 34077-447<br> Sabine Weiler (Pressestelle RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-213&nbsp;</p>
<p><em>Zum Weiterlesen:<br> - Statistik zu Ursachen von Motorradunfällen in Deutschland, siehe </em><a href="https://www.bussgeldkatalog.org/unfallstatistik/#motorradunfaelle_der_statistik_zufolge_sind_biker_besonders_gefaehrdet" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.bussgeldkatalog.org/unfallstatistik/#motorradunfaelle_der_statistik_zufolge_sind_biker_besonders_gefaehrdet</em></a></p>
<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. In diesem Monat hat Gastautorin Katharina Schüller, Geschäftsleiterin und Gründerin von STAT-UP, die „Unstatistik“ verfasst. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>.</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Fri, 07 Jun 2019 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>„Zuverlässiger“ Bluttest aus Heidelberg: jede zweite gesunde Frau würde falschen Krebsbefund erhalten</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/zuverlaessiger-bluttest-aus-heidelberg-jede-zweite-gesunde-frau-wuerde-falschen-krebsbefund-erhalten
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats Mai ist die Falsch-Alarm-Rate des Heidelberger Bluttests für Brustkrebs. Wie aktuelle Informationen zeigen, liegt er über alle getesteten Frauen hinweg bei 46 Prozent. Wenn ein solcher Test zum Brustkrebs-Screening eingeführt werden würde, würden also knapp die Hälfte aller gesunden Frauen in Deutschland einen verdächtigen Befund erhalten. 
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats Mai ist die Falsch-Alarm-Rate des Heidelberger Bluttests für Brustkrebs. Dieser Test wurde in einer Pressemitteilung des Universitätsklinikums Heidelberg als<a href="https://www.klinikum.uni-heidelberg.de/newsroom/forscher-des-universitatsklinikums-heidelberg-entwickeln-ersten-marktfahigen-bluttest-fur-brustkrebs/" target="_blank" rel="noreferrer"> „Meilenstein in der Brustkrebsdiagnostik“</a> gepriesen und auf der Titelseite der BILD-Zeitung als <a href="https://www.bild.de/ratgeber/2019/gesundheit/bluttest-erkennt-brustkrebs-warum-dieser-test-eine-weltsensation-ist-60269760.bild.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Weltsensation aus Deutschland“</a> gefeiert. In beiden Fällen wurde die Sensation mit einer Trefferrate von 75 Prozent begründet und davon gesprochen, dass der Test marktfähig sei. Wir hatten in der <a href="http://www.rwi-essen.de/unstatistik/88/" target="_blank">Unstatistik vom Februar 2019</a> bereits erklärt, dass die Trefferrate allein nichts über die Zuverlässigkeit eines Tests aussagt. Man muss immer zugleich die Falsch-Alarm-Rate kennen, das heißt, wie häufig der Test bei gesunden Frauen fälschlicherweise einen Verdacht auf Krebs feststellt. Diese wurde aber nicht kommuniziert.</p>
<p>Warum muss man beides wissen? Ein einfaches Beispiel verdeutlicht das. Wenn man schlicht bei jeder Frau einen Tumor diagnostiziert, dann wird jeder Tumor gefunden, aber auch jede gesunde Frau wird falsch diagnostiziert – also erzielt man eine Falsch-Alarm-Rate von 100 Prozent. Wenn man zwei Münzen wirft und immer Krebs diagnostiziert, sofern man keine Doppel-Zahl hat, dann hat man – wie beim Bluttest – eine Trefferrate von 75 Prozent, aber auch eine Falsch-Alarm-Rate von 75 Prozent. Also ist eine hohe Trefferrate nur beeindruckend, wenn die Falsch-Alarm-Rate niedrig ist. Das Mammographie-Screening hat beispielsweise eine Trefferrate von etwa 80 Prozent bei einer Falsch-Alarm-Rate von 5 bis 10 Prozent, je nach Alter der Frau.</p>
<p>Inzwischen ist es uns gelungen, Information über die Falsch-Alarm-Rate des Bluttests zu finden. Uns liegen die Folien eines Vortrags „Liquid Biopsy in der gynäkologischen Onkologie“ von Professor Christof Sohn vor, der den Bluttest vorgestellt hatte. Dort ist die Falsch-Alarm-Rate angegeben. Über alle getesteten Frauen hinweg betrug sie 46 Prozent. Kein Wunder, dass die Pressemitteilung und die BILD-Zeitung sich darüber ausschwiegen.</p>
<p>Was bedeutet eine Falsch-Alarm-Rate von 46 Prozent? Wenn ein solcher Test zum Brustkrebs-Screening eingeführt werden würde, dann würden knapp die Hälfte aller gesunden Frauen in Deutschland einen verdächtigen Befund erhalten. Einen derart schlechten Test zu vermarkten und von den Krankenkassen bezahlen zu lassen, wie die Heidelberger Forscher ankündigten, wäre unverantwortlich. Gerade bei einem Bluttest sollte man Frauen ehrlich über dessen Zuverlässigkeit informieren, da diese mit einem falschen Befund bis zu fünf Jahre leben müssen. Erst dann werden Tumore so groß, dass man mit einem bildgebenden Verfahren untersuchen kann, ob wirklich ein Tumor vorliegt.&nbsp;</p>
<p>Bei der Pressekonferenz im Februar saß auch der Geschäftsführer der HeiScreen GmbH mit auf dem Podium, der den Bluttest auf den Markt bringen sollte. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität in Mannheim, die Universität Heidelberg entschuldigte sich und hat eine Untersuchungskommission eingesetzt.</p>
<p>Die Heidelberger Forscherinnen und Forscher haben die wissenschaftlichen Standards verletzt. Sie sind direkt zur BILD-Zeitung gegangen, ohne dass zuvor die Studie begutachtet und veröffentlicht wurde. Sie haben mit der Sensation von „75 Prozent“ tausende von Frauen in die Irre geführt, die dann bei Ärzten hoffnungsvoll nach dem Bluttest fragten. Und sie scheinen in Kauf genommen zu haben, dass im Falle einer gelungenen Vermarktung des Tests Millionen von Frauen unnötigerweise eine falsche Krebsdiagnose erhalten hätten.</p>
<p>----------</p>
<p><strong>Ansprechpartner/in:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Gerd Gigerenzer,&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (030) 82406-430<br> Sabine Weiler (Pressestelle RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-213&nbsp;</p>
<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a> und unter <a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer">twitter.com/unstatistik</a>.</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Wed, 17 Apr 2019 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Gelsenkirchen #401</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/gelsenkirchen-401
                                            
                                    
                            
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                        <description>Im April 2019 wurde eine Studie aus dem Mai 2018 als Unstatistik virulent: Wie u.a. die WAZ berichtet, weigern sich mehrere Oberbürgermeister und Landräte des Ruhrgebiets, an zwei vom ZDF geplanten Ranglisten, dem „Familienatlas“ und dem „Seniorenatlas“, teilzunehmen. Hintergrund ist die Verärgerung der Lokalpolitiker über die Studie „Wo lebt es sich am besten? Die große Deutschland-Studie“ aus der Dokumentations-Reihe ZDFzeit vom Mai 2018, die von der Prognos AG im Auftrag des ZDF erstellt wurde.
</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Im April 2019 wurde eine Studie aus dem Mai 2018 als Unstatistik virulent: Wie u.a. die <a href="https://www.waz.de/region/rhein-und-ruhr/das-ruhrgebiet-boykottiert-zdf-studien-zur-lebensqualitaet-id216846593.html" target="_blank" rel="noreferrer">WAZ</a> berichtet, weigern sich mehrere Oberbürgermeister und Landräte des Ruhrgebiets, an zwei vom ZDF geplanten Ranglisten, dem „Familienatlas“ und dem „Seniorenatlas“, teilzunehmen. Hintergrund ist die Verärgerung der Lokalpolitiker über die Studie <a href="https://deutschland-studie.zdf.de/district/09162/default" target="_blank" rel="noreferrer">„Wo lebt es sich am besten? Die große Deutschland-Studie“</a> aus der Dokumentations-Reihe ZDFzeit vom Mai 2018, die von der Prognos AG im Auftrag des ZDF erstellt wurde.</p>
<p>Auf Basis von 53 Indikatoren, die den Kategorien „Arbeit und Wohnen“, „Gesundheit und Sicherheit“ sowie „Freizeit und Natur“ zugeordnet wurden, kam die Prognos-Studie 2018 zu dem Ergebnis, dass Gelsenkirchen im Ranking der lebenswertesten Regionen Deutschlands den letzten Platz einnimmt. Im Anschluss wurde dieses Ergebnis unter dem Hashtag #401 im Ruhrgebiet breit diskutiert. Die Aufregung der Oberbürgermeister und Landräte wäre wohl sehr viel kleiner, wenn Sie das Städteranking von ZDF als das nehmen würden, was es ist – eine Unstatistik.</p>
<p>Sicherlich betrachtet die Studie von ZDF und Prognos einzelne wichtige Indikatoren zur ökonomischen und kulturellen Situation der Regionen in Deutschland. Diese können auch für Lokalpolitiker sehr hilfreich sein. Aus den Indikatoren jedoch ein allumfassendes Ranking der Lebensqualität in den Regionen abzuleiten, ist zumindest fraglich und birgt eine Vielzahl von Problemen.</p>
<p>Die weitgehend willkürliche Gewichtung der einzelnen Indikatoren, die das Ergebnis dieses Rankings erheblich beeinflussen, wollen wir an dieser Stelle nicht im Detail thematisieren. Denn das viel grundlegendere Problem derartiger Rankings liegt in der Auswahl der dem Ranking zugrundeliegenden Indikatoren und deren Zuordnung zu einzelnen Kategorien.</p>
<p><strong>Regionen mit strukturellen ökonomischen Problemen haben in diesem Ranking keine Chance </strong></p>
<p>Viele der vom ZDF verwendeten Indikatoren sind hoch miteinander korreliert. So verwendete das ZDF in der Kategorie „Arbeit und Wohnen“ die Indikatoren Arbeitslosenquote, verfügbares Einkommen, Anteil der Einwohner in Bedarfsgemeinschaften und Anzahl der privaten Schuldner je 100 volljährige Einwohner. Da eine hohe Arbeitslosenquote üblicherweise mit einem geringeren durchschnittlichen Einkommen, einem hohen Anteil von Einwohnern in Bedarfsgemeinschaften und vielen privaten Schuldner einhergeht, werden Regionen mit strukturellen ökonomischen Problemen automatisch ans Ende des Städterankings katapultiert. Daran können die in diesen Regionen üblicherweise geringeren Mieten aufgrund ihrer geringen Gewichtung im Ranking nichts ändern.</p>
<p>Zudem ist die Zuordnung der Indikatoren zu den einzelnen Kategorien durchaus diskussionswürdig. Man kann sich schon fragen, was die Schulabbrecherquote oder der Frauenanteil in Kreistagen, Stadt- oder Gemeinderäten mit „Arbeit und Wohnen“, das Verhältnis der Abfälle pro Haushalt zu ihren Konsumausgaben mit „Gesundheit und Sicherheit“ oder die Studierendendichte mit „Freizeit und Natur“ zu tun hat. Es ist sicherlich nicht auszuschließen, dass ein kleiner Teil der Studierenden ihr Studium als Freizeit ansehen – für die überwiegende Mehrzahl ist das Studium aber eine Investition in ihre Zukunft.</p>
<p>Nicht zuletzt ist die holzschnittartige Interpretation einiger Indikatoren als „gut“ oder „schlecht“ problematisch. Führen mehr Sonnenstunden pro Jahr wirklich zu einer höheren Lebensqualität? Noch im Rekordsommer 2018 haben viele Medien über die zahlreichen „vorzeitigen Todesfälle“ aufgrund der Hitze berichtet. Und warum führt nur die Anzahl klassischer Kulturveranstaltungen mit eigenem Ensemble und institutioneller Förderung zu einer höheren Lebensqualität, nicht aber die Existenz eines traditionellen Fußballvereins in der 1. Bundesliga? Die Gemeinde Wacken, in der jedes Jahr eines der weltweit größtes Heavy-Metal-Festivals mit über 80.000 Teilnehmern stattfindet, würde den dazugehörigen Kreis Steinburg in Schleswig-Holstein in der Kategorie „Freizeit und Natur“ sicherlich von einem unteren in die oberen Ränge schieben, wenn auch Rockmusik als Kultur angesehen würde.</p>
<p><strong>Rankings setzen falsche Anreize für die Lokalpolitik</strong></p>
<p>Solche Rankings lenken die Anreize für Lokalpolitiker daher tendenziell in die vollkommen falsche Richtung. Um im Ranking möglichst schnell nach oben zu kommen, dürften ineffiziente Krankenhäuser nicht geschlossen werden (obwohl die Notfallversorgung weiterhin gewährleistet wäre) oder es würde das x-te hochsubventionierte Theater eröffnet. Maßnahmen, die sich nur sehr langfristig positiv auf das Ranking auswirken, wie beispielsweise die nachhaltige Ertüchtigung der Schulen, könnten hingegen in der Dringlichkeitsliste nach unten rücken.</p>
<p>Also liebe Oberbürgermeister und Landräte: Nehmt dieses Ranking als das, was es ist – statistischer Unfug – und konzentriert euch auf die in eurem Zuständigkeitsbereich drängendsten Probleme. Das hilft allen Bürgerinnen und Bürgern weit mehr als ein Top-Platz in einem fragwürdigen Städte-Ranking. Liegt das primäre Interesse des vom ZDF geplanten „Familienatlas“ und „Seniorenatlas“ in einem erneuten Ranking, kann man diese Pläne durchaus boykottieren.</p>
<p>----------</p>
<p><strong>Ansprechpartner/in:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Thomas Bauer,&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: 0201) 8149-264<br> Sabine Weiler (Pressestelle RWI), Tel.: (0201) 8149-213</p>
<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a> und unter <a href="/admin/unstatistik/mitteilung/add/twitter.com/unstatistik">twitter.com/unstatistik</a>.</p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2019</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <guid isPermaLink="false">news-1241</guid>
                        <pubDate>Fri, 29 Mar 2019 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Digitaler Scheinenthusiasmus</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/digitaler-scheinenthusiasmus
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats ist eine im März publizierte Studie der Firma Duden Learnattack, nach der sich deutsche Lehrer und Schüler mehr digital geprägten Unterricht wünschen. Diese Stichprobe ist aber nicht repräsentativ. Vielmehr zieht YouGov seine Stichprobe zufällig aus einem Pool internet-affiner Zeitgenossen.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats ist eine im März publizierte <a href="https://www.presseportal.de/pm/133534/4211505" target="_blank" rel="noreferrer">Studie der Firma Duden Learnattack</a>, nach der sich deutsche Lehrer und Schüler mehr digital geprägten Unterricht wünschen. Neun von zehn Lehrern hätten demnach gerne digitale Technologien zur Unterstützung des Unterrichts, 83% wünschen, dass ihren Schülern Online-Material zur Vor- und Nachbereitung des Unterrichts zur Verfügung steht, und 87% erwarten von der Digitalisierung ganz generell große Chancen für ein nachhaltiges und erfolgreiches Lernen.</p>
<p>Diese Zahlen sind Hochrechnungen aus einer Online-Umfrage des Marktforschungsinstituts YouGov unter 1.111 Schülern und Schülerinnen, Lehrern und Lehrerinnen sowie Eltern von Schulkindern, durchgeführt im Januar und Februar. Diese Stichprobe ist aber nicht repräsentativ. Vielmehr zieht YouGov seine Stichprobe zufällig aus einem Pool internet-affiner Zeitgenossen – Menschen mit Rechnerallergien kommen darin nicht vor. Damit sind aber daraus abgeleitete Schlüsse auf die Grundgesamtheit aller Lehrer und Schüler in Deutschland der gleiche Unfug, als würde man aus einer Stichprobe von Gottesdienstbesuchern im Kölner Dom auf die Religionszugehörigkeit aller Bundesbürger schließen.</p>
<p>Dergleichen Online-Umfragen sind preiswert und werden unter anderem auch deshalb in der Politikberatung immer beliebter – ungeachtet einer oft mangelnden Repräsentativität. So ist nach einer <a href="https://www.bmas.de/DE/Presse/Meldungen/2018/ausmass-von-plattformarbeit-in-deutschland-hoeher-als-erwartet.html?cms_et_sub=18.10.2018_8%2Fausmass-von-plattformarbeit-in-deutschland-hoeher-als-erwartet.html&amp;cms_et_lid=20&amp;cms_et_cid=2" target="_blank" rel="noreferrer">Studie des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS)</a> vom Oktober 2018 das Ausmaß von Plattformarbeit in Deutschland (das sog. Crowdworking) sehr viel höher als erwartet: Rund 5 % der deutschen Erwachsenen wären auf Plattformen aktiv, 70 % davon würden ein Erwerbseinkommen erzielen. Grundlage ist eine Online-Stichprobe der Firma Civey, die auf einer Vielzahl von Interseiten sogenannte „Widgets“ schaltet, auf die man klicken kann, um an der Umfrage teilzunehmen. Damit werden an dieser Umfrage überproportional viele „Crowdworker“ teilgenommen haben, und das vom BMAS kommunizierte Ausmaß von „Crowdworking“ ist vollkommen bedeutungslos.</p>
<p>----------</p>
<p><strong>Ansprechpartner:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Walter Krämer,&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0231) 755-3125<br> Sabine Weiler (Pressestelle RWI), Tel.: (0201) 8149-213</p>
<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>.</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Thu, 28 Feb 2019 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Weltsensation: Bluttest erkennt Brustkrebs!</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/weltsensation-bluttest-erkennt-brustkrebs
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats Februar ist eine Pressemitteilung der Universitätsklinik Heidelberg.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats Februar ist eine <a href="https://www.klinikum.uni-heidelberg.de/Pressemitteilungen.136514.0.html?&amp;no_cache=1&amp;tx_ifabprins_pressmanagement%5Bid%5D=5773&amp;tx_ifabprins_pressmanagement%5Baction%5D=show&amp;tx_ifabprins_pressmanagement%5Bcontroller%5D=PressManagement&amp;cHash=1ec53ac7528926a858b238b307ccd8c3" target="_blank" rel="noreferrer">Pressemitteilung</a> der Universitätsklinik Heidelberg. Sie berichtet über einen neuen „marktfähigen“ Bluttest für Brustkrebs, der eine Trefferrate (Sensitivität) von 75 Prozent hat. Die Heidelberger Forscher gaben der BILD-Zeitung ein Exklusiv-Interview, die dann schrieb: <a href="https://www.bild.de/ratgeber/2019/gesundheit/bluttest-erkennt-brustkrebs-warum-dieser-test-eine-weltsensation-ist-60269760.bild.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Neuer Bluttest erkennt zuverlässig Brustkrebs - Warum dieser Test eine Weltsensation ist“</a>.</p>
<p>Nach üblichen wissenschaftlichen Standards veröffentlichen Forscher zuerst eine Studie in einer Fachzeitschrift, die dort begutachtet wird, und gehen erst dann an die Presse. Beim Bluttest wurde dieser Standard nicht eingehalten. Die Heidelberger Forscher sind zuerst medienwirksam zur BILD-Zeitung gegangen. Eine wissenschaftliche Veröffentlichung liegt nicht vor.</p>
<p>Was bedeutet eine Trefferrate von 75 Prozent? Laut Pressemitteilung wurde der Bluttest an über 900 Frauen erprobt, von denen über 500 Brustkrebspatientinnen waren. Bei 75 Prozent der Frauen mit Brustkrebs war der Test positiv (Verdacht auf Brustkrebs) und bei 25 Prozent dieser Frauen wurde der Krebs übersehen. &nbsp;</p>
<p><strong>Erst die Falsch-Alarm-Rate macht die Trefferrate aussagekräftig</strong></p>
<p>Ist 75 Prozent nun gut oder schlecht? Diese Frage kann niemand beantworten, da die Pressemitteilung die dazu notwendige Information unerwähnt gelassen hat: die Falsch-Alarm Rate des Bluttests. Denn jeder Test dieser Art macht zweierlei Fehler: erstens, einen Krebs zu übersehen (wie gesagt, der Bluttest übersieht dies bei 25 Prozent der Frauen), und zweitens, bei Frauen ohne Krebs fälschlicherweise Krebs zu diagnostizieren. Die Falsch-Alarm Rate gibt an, wie oft dieser zweite Fehler passiert. Gerade bei einem Bluttest sollten Frauen diese Information ehrlich und verständlich erhalten, da sie mit einem verdächtigen Befund noch bis zu fünf Jahre leben müssen – erst dann sind Tumore in der Regel so groß, dass man mit bildgebenden Verfahren wie Mammographie prüfen kann, ob es wirklich einen Tumor gibt oder es sich um einen falschen Alarm handelt. Und je höher die Falsch-Alarm Rate ist, desto mehr gesunde Frauen müssen mit Verdacht auf einen Krebs leben, den sie gar nicht haben. Man muss sich ernsthaft fragen, warum die Pressemitteilung diese wichtige Information der Öffentlichkeit vorenthalten hat.</p>
<p>Ein einfaches Beispiel verdeutlicht, warum die Trefferrate allein nicht zeigt, wie gut ein Test ist. Nehmen wir eine Gruppe von Frauen, 10 mit Krebs und 100 ohne Krebs. Man kann eine Trefferrate von 100 Prozent erreichen, wenn man einfach bei jeder Frau Verdacht auf Krebs feststellt. Diese Methode „erkennt“ alle Frauen mit Brustkrebs, aber alle 100 Frauen ohne Krebs erhalten fälschlicherweise einen verdächtigen Befund.&nbsp; Mit dieser Methode würde man keinen einzigen Krebs übersehen, aber eine Falsch-Alarm Rate von 100 Prozent haben. Eine Trefferrate von 100 Prozent wäre dagegen beeindruckend, wenn zugleich die Falsch-Positiv Rate bei 1 Prozent läge. Dieser Test erkennt alle Frauen mit Brustkrebs richtig, und nur eine der Frauen ohne Brustkrebs wird fälschlicherweise alarmiert. Eine Trefferrate kann man also nur bewerten, wenn man die Falsch-Alarm Rate kennt. Die Mammographie hat beispielsweise eine Trefferrate von etwa 80 Prozent und eine Falsch-Alarm Rate von fünf bis zehn Prozent.</p>
<p>Das Problem liegt hier nicht erst bei der BILD Zeitung, sondern bereits in der Pressemitteilung. Dank BILD wissen zwar jetzt viele Frauen von dem Test, ohne aber wissen zu können, wie gut er ist. Pressemitteilungen mancher Universitäten sind in den vergangenen Jahren zurecht kritisiert worden, weil sie Schlagzeilen oder Vermarktung statt dem Ziel verständlicher Information dienen. So saß bei der Pressekonferenz auch der Geschäftsführer der HeiScreen GmbH auf dem Podium, der den Bluttest auf den Markt bringen soll. Gerade bei so angstbesetzten Themen wie Krebs sollten Pressestellen jedoch dafür sorgen, dass die Standards guter wissenschaftlicher Information wieder eingehalten werden.</p>
<p>----------</p>
<p><strong>Ansprechpartner:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp;Tel.: (030) 82406-430<br> Sabine Weiler (Pressestelle RWI), Tel.: (0201) 8149-213</p>
<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>.</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <guid isPermaLink="false">news-1239</guid>
                        <pubDate>Mon, 04 Feb 2019 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Berichterstattung in der Tagesschau über den Zusammenhang von Feinstaub und vorzeitigen Todesfällen </title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/berichterstattung-in-der-tagesschau-ueber-den-zusammenhang-von-feinstaub-und-vorzeitigen-todesfaellen
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die &quot;Unstatistik des Monats&quot; ist das Konzept der „Anzahl vorzeitiger Todesfälle“. Es suggeriert beispielsweise, dass Schweine gefährlicher sind als Diesel-Autos und den größten Teil der jährlich knapp 120.000 vorzeitigen Todesfälle durch Feinstaub verursachen – doppelt so viele wie bisher angenommen. Für die &quot;Tagesschau&quot; ist damit klar, dass Feinstaub ebenso gefährlich ist wie Rauchen. 
</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Schweine sind gefährlicher als Diesel-Autos: Rund 50.000 Menschen sterben vorzeitig Jahr für Jahr in Deutschland an den Emissionen der Landwirtschaft (insbesondere der Massentierhaltung) errechnet das Mainzer <a href="https://www.atmos-chem-phys.net/17/12813/2017/acp-17-12813-2017.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">Max-Planck-Institut für Chemie</a>. Das seien 45 Prozent und damit der größte Teil der jährlich knapp 120.000 vorzeitigen Todesfälle durch Feinstaub – doppelt so viele wie bisher angenommen. Für die <a href="https://www.tagesschau.de/inland/feinstaub-landwirtschaft-101.html" target="_blank" rel="noreferrer">Tagesschau</a> ist damit klar, dass Feinstaub ebenso gefährlich ist wie Rauchen.</p>
<p>Doch das Konzept der „Anzahl vorzeitiger Todesfälle“ ist ein Musterbeispiel einer Unstatistik. Zunächst stirbt in Deutschland kein einziger Mensch an Feinstaub, sondern an Erkrankungen, die durch Feinstaub (mit) verursacht sein können, es aber nicht sein müssen. Das Max-Planck-Institut untersucht in dieser Studie auch gar nicht, ob Feinstaub die Gesundheit von Menschen beeinflusst, sondern setzt voraus, dass dies der Fall ist und darüber hinaus sogar quantifiziert werden kann. Dabei handelt es sich aber nicht um gemessene Fakten, sondern um Modellergebnisse, die auf Annahmen beruhen und eine hohe Unsicherheit von mindestens +/- 50 Prozent aufweisen. Warum ist das so?</p>
<p>Der Grund ist, dass man nicht weiß, wie viele Menschen vorzeitig verstorben sind, sondern nur, um wieviel kürzer sie im Schnitt gelebt haben. Man kann lediglich versuchen, die Anzahl der vorzeitig Verstorbenen herzuleiten. Hierzu sucht man eine Formel, die ein plausibles Ergebnis für den beobachteten Unterschied der Lebensdauer liefert.</p>
<p><strong>Es bleibt unklar, wie Unterschiede in der Lebensdauer zustande kommen</strong></p>
<p>Diese Formel ist die „Attributable Fraktion“. Sie wird oft verwendet, sieht kompliziert aus und mag in manchen Situationen auch zu den Daten passen. Nur – niemand weiß, ob sie tatsächlich stimmt. Die Datenbasis solcher epidemiologischen Studien sind zusammenfassende Statistiken über Gruppen von Menschen, die zeigen, dass (manche, nicht alle) Gruppen mit hoher Feinstaub-Exposition im Durchschnitt kürzer gelebt haben als (manche, nicht alle) Gruppen mit niedriger Exposition. Selbst wenn diese Gruppen in allen anderen Merkmalen identisch wären, so wie Zwillinge, gibt es immer noch verschiedene Möglichkeiten, wie der Unterschied zustande kommen kann.</p>
<p>Stirbt jeder Mensch in der belasteten Gruppe um ein Jahr früher, so lebt die belastete Gruppe auch im Durchschnitt ein Jahr kürzer. Nehmen wir beispielsweise drei Zwillingspärchen: Zwillingspaar eins stirbt mit 79 bzw. 78 Jahren, Paar zwei mit 80 bzw. 79 Jahren und Paar drei mit 81 bzw. 80 Jahren. Drei Personen leben kürzer und im Durchschnitt lebt die belastete Gruppe ein Jahr kürzer. Nehmen wir nun alternativ an, dass die belasteten und unbelasteten Zwillinge der Paare eins und zwei exakt gleichlang leben. Nur Paar drei unterscheidet sich: Einer stirbt mit 81 Jahren, der andere mit 78. Dann gibt es nicht drei vorzeitige Todesfälle, sondern nur einen, aber im Durchschnitt lebt die belastete Gruppe ebenfalls ein Jahr kürzer. Bei Tausenden oder gar Millionen von Menschen steigt die Zahl möglicher Kombinationen massiv an.</p>
<p>Deshalb ist zwar eine Aussage über die durchschnittliche Zahl verlorener Lebensjahre pro Person vernünftig, aber eine Aussage über die Zahl vorzeitiger Todesfälle durch Feinstaub ist es nicht. Denn letztere kann viel kleiner sein oder auch viel größer, als uns diese Unstatistik glauben macht. Wer wie die Tagesschau suggeriert, das Max-Planck-Institut hätte nun durch präzise Berechnungen widerlegt, was man zuvor nur angenommen hat, der handelt mindestens grob fahrlässig.</p>
<p><em>----------</em></p>
<p><em>Update, 06.02.2019:</em> In der ursprünglichen Meldung wurde nicht klar genug dargestellt, dass das Max-Planck-Institut für Chemie nicht im Ganzen, sondern <em>nur in der genannten Studie</em> nicht untersucht, ob Feinstaub die Gesundheit von Menschen beeinflusst. Der Satz wurde dementsprechend ergänzt.</p>
<p>----------</p>
<p><strong>Ansprechpartnerinnen:</strong></p>
<p>Katharina Schüller (STAT-UP), Tel.: (089) 34077-447<br> Sabine Weiler (Pressestelle RWI), Tel.: (0201) 8149-213</p>
<p><em>Zum Weiterlesen:<br> - Morfeld P., Erren T. (2019): Warum ist die „Anzahl vorzeitiger Todesfälle durch Umweltexpositionen“ nicht angemessen quantifizierbar? Erscheint demnächst in: „Das Gesundheitswesen“<br> - Die Studie des MPI Chemie gibt an, die Methodik nach Lim et al. zu verwenden; dies ist die Attributable Fraction, siehe: </em><a href="https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4156511/" target="_blank" rel="noreferrer">https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4156511/</a></p>
<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. In diesem Monat hat Gastautorin Katharina Schüller, Geschäftsleiterin und Gründerin von STAT-UP, die „Unstatistik“ verfasst. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>.</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Tue, 04 Dec 2018 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Die sogenannte „schwarze Null“</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/die-sogenannte-schwarze-null
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats November 2018 ist die vielzitierte „schwarze Null“, mit der Bundesfinanzminister Scholz seinen Haushaltsentwurf 2019 abschließt. Dabei ist erstens zu beachten, dass insbesondere die derzeit gute Konjunktur zu höheren Staatseinnahmen und geringeren Ausgaben führt. Zweitens ignoriert die derzeitige Berechnungsweise, dass staatliche Autobahnen, Brücken und andere öffentliche Infrastrukturprojekte gelegentlich repariert oder erneuert werden müssen.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats November 2018 ist die vielzitierte „schwarze Null“, mit der Bundesfinanzminister Scholz seinen Haushaltsentwurf 2019 abschließt. Über sie berichteten beispielsweise die <a href="https://www.dw.com/de/zum-sechsten-mal-die-schwarze-null/a-46220457" target="_blank" rel="noreferrer">„Deutsche Welle“</a> und <a href="https://www.tagesschau.de/inland/haushalt-187.html" target="_blank" rel="noreferrer">tagesschau.de</a>. Gemeint ist damit, dass sich Einnahmen und Ausgaben ausgleichen und keine Schulden aufgenommen werden.</p>
<p>Dabei ist erstens zu beachten, dass insbesondere die derzeit gute Konjunktur zu höheren Staatseinnahmen und geringeren Ausgaben führt. Würde man diese positive Konjunkturkomponente vom ausgeglichenen Finanzierungssaldo abziehen, wäre der sich dann ergebende „strukturelle“ Finanzierungssaldo des Bundes negativ. Das Beharren auf der nicht um Konjunktureffekte bereinigten „schwarzen Null“ führt dazu, dass in konjunkturell günstigen Zeiten der Bund mehr ausgibt und in schlechten Zeiten weniger, also (vorsätzlich) eine prozyklische Haushaltspolitik betreibt.</p>
<p>Zweitens ignoriert die derzeitige Berechnungsweise, dass staatliche Autobahnen, Brücken und andere öffentliche Infrastrukturprojekte gelegentlich repariert oder erneuert werden müssen. Denn die Abschreibungen und Rückstellungen dafür werden bei der Ermittlung der „schwarzen Null“ nicht berücksichtigt. Eine solche Rechnung widerspricht den „European Public Sector Accounting Standards“ (EPSAS), welche die EU-Kommission für Öffentliche Einnahmen und Ausgaben vorgeschlagen hat. Anders als die meisten anderen EU-Staaten hat sich Deutschland dieser Sichtweise bisher widersetzt, unter anderem mit der Begründung, dass zu viele Schätzungen notwendig seien.</p>
<p>Kurz gesagt kritisiert der Bundesrechnungshof, dass europaweit einheitliche Rechnungsführungsgrundsätze für den öffentlichen Sektor nicht stärker als bisher dazu führen würden, dass die Mitgliedsstaaten solide und regelkonforme Haushalte aufstellen, weil die entsprechenden Daten auch von subjektiven Faktoren abhingen und nur scheinbar zuverlässig seien. Grundsätzlich ist es korrekt, dass aus schlechten Daten keine guten Statistiken entstehen können. Aber deswegen ein strukturell problematisches Modell beizubehalten, das wesentliche zukünftige Ausgaben unter den Tisch fallen lässt, nur weil sie nicht exakt zu bestimmen sind – das kann nicht die Lösung sein.</p>
<p>Fazit: Für eine nachhaltige Haushaltspolitik ist eine „schwarze Null“ nicht ausreichend. Gerade in Zeiten des Aufschwungs sollte der Bund vielmehr einen (unbereinigten) Finanzierungsüberschuss erzielen.</p>
<p>----------</p>
<p><strong>Ansprechpartner:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Thomas Bauer, Tel.: (0201) 8149-264<br> Sabine Weiler (Pressestelle RWI), Tel.: (0201) 8149-213</p>
<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>.</p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2018</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                    <item>
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                        <pubDate>Tue, 30 Oct 2018 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>„Erfolgreiche“ Gesichtserkennung mit Hunderttausenden Fehlalarmen</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/erfolgreiche-gesichtserkennung-mit-hunderttausenden-fehlalarmen
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats Oktober ist die Pressemitteilung des Innenministeriums über das „erfolgreiche“ Projekt zur automatischen Gesichtserkennung mit einer Trefferrate von über 80% und Falsch-Alarm-Rate von unter 0,1%. Tatsächlich würden monatlich mehr als 350.000 unnötige Personenkontrollen durch Fehlalarme verursacht.
</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats Oktober ist die <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/pressemitteilungen/DE/2018/10/gesichtserkennung-suedkreuz.html" target="_blank" rel="noreferrer">Pressemitteilung</a> des Innenministeriums über das „erfolgreiche“ Projekt zur automatischen Gesichtserkennung mit einer Trefferrate von über 80% und Falsch-Alarm-Rate von unter 0,1%.</p>
<p>Das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat führte im Rahmen des gemeinsamen Pilotprojektes "Sicherheitsbahnhof Berlin Südkreuz" gemeinsam mit der Bundespolizei und der Deutsche Bahn AG einen Test von drei Gesichtserkennungssystemen am Bahnhof Südkreuz in Berlin durch. Das Bundeskriminalamt beriet hierbei. Bundesinnenminister Horst Seehofer war begeistert: „Die Systeme haben sich in beeindruckender Weise bewährt, so dass eine breite Einführung möglich ist“. <a href="https://www.tagesschau.de/inland/gesichtserkennung-berlin-test-103.html" target="_blank" rel="noreferrer">tagesschau.de</a> wiederholte am 11. Oktober&nbsp; kritiklos zwei Zahlen, die den Erfolg des Projekts belegen sollten: Erstens, eine Trefferrate 80%, das heißt, von je 10 Gesuchten (Testpersonen) wurden 8 richtig erkannt und 2 nicht. Zweitens, eine Falsch-Alarm-Rate von 0,1%, das heißt, von je 1.000 Normalbürgern (die nicht als Testpersonen teilnahmen) wurden 999 als unverdächtig und einer fälschlicherweise als gesuchte Person klassifiziert.</p>
<p>Das klingt doch gut! Also so schnell wie möglich auf allen Bahnhöfen Kameras mit Gesichtserkennung installieren, um uns vor den rund 600 als gefährlich eingestuften Islamisten und anderen gesuchten Personen zu schützen. Oder gleich wie in China die totale Überwachung aller Bürger auf allen Straßen, öffentlichen Plätzen und Gebäuden einführen?</p>
<p><strong>Als Treffer zählte schon, wenn eines der drei Systeme anschlug</strong></p>
<p>Ein genauer Blick in den Abschlussbericht zeichnet ein anderes Bild. Keines der drei getesteten Systeme hat eine Trefferquote von 80% über beide Testphasen hinweg erreicht; die 80% sind auch nicht der Durchschnitt der drei Systeme. Diese Zahl bekam man nur nachträglich, indem man die Treffer aller drei Systeme addierte (d.h., wenn mindestens eines der Systeme einen Treffer hatte, galt das als Treffer). Die Bilder der „Gesuchten“, die den Systemen zur Verfügung standen, waren anders als Fahndungsfotos so gut wie perfekt: in der ersten Testphase mit 312 Freiwilligen wurden diese mit hochauflösenden Kameras aufgenommen, in der zweiten Phase, an der nur noch 201 Testpersonen weitermachten, wurden dann sogar die von den Überwachungskameras in der ersten Phase aufgenommenen Bilder verwendet, das heißt, am gleichen Ort, wo getestet wurde – damit bekam man bessere Werte als man sie in Realität (in der man keine erste Testphase hat) je erreichen könnte.&nbsp; Die Zahlen beruhen auch nicht auf allen erhobenen Daten, sondern nur auf einer kleinen Auswahl, wobei nicht angegeben wurde, wie diese ausgesucht wurden. All das macht eine Bewertung unklar.</p>
<p>Der eigentlich interessante Punkt ist aber: Das Problem bei Massenüberwachungssystemen sind Fehlalarme, das heißt, Normalbürger, die vom Gesichtserkennungssystem für Gesuchte gehalten werden. Eine Person betritt einen Bahnhof und wird vom System als „Verdächtiger“ gemeldet. Was ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie tatsächlich der Verdächtige ist? Eben nicht 80%. Und auch nicht 0,1%.</p>
<p>Eine Überschlagsrechnung kann diese Frage beantworten. Die Deutsche Bahn berichtet, dass rund 11,9 Millionen Menschen täglich mit der Bahn reisen. Der Abschlussbericht der Studie gibt an, es gäbe derzeit etwa 600 Verdächtige, die als islamistische Gefährder eingestuft werden, welche das System erkennen sollte. Um die Rechnung einfach zu machen, nehmen wir an, dass sich davon täglich 100 an Bahnhöfen aufhalten (etwa der gleiche Anteil wie bei der Normalbevölkerung).</p>
<p>Von den 100 Verdächtigen erwarten wir, dass etwa 80 (80%) erkannt werden, und von den rund 11,9 Millionen anderen Menschen werden täglich nochmals etwa 11.900 (0,1%) fälschlicherweise als gesuchte Person eingestuft. Das heißt, die Wahrscheinlichkeit, dass jemand eine gesuchte Person ist wenn die Kamera Alarm schlägt, ist etwa 80/11.980, also rund 7 in 1.000, oder 0,7%. In anderen Worten, etwa 99,3% der Einschätzungen des Systems sind falsch.</p>
<p><strong>Monatlich mehr als 350.000 unnötige Personenkontrollen durch Fehlalarme</strong></p>
<p>Jedem Alarm solle ein Einsatz der Polizei zur Abklärung folgen. Da eine flächendeckende Überwachung an Bahnhöfen jedoch 11.900 falsche Alarme pro Tag erwarten ließe, müssten jeden Monat über 350.000 Personen unnötigerweise kontrolliert werden. Das wäre nicht nur enorm aufwändig und teuer, unsere Bahnhöfe würden auch bald wie die Kontrollen an Flughäfen aussehen. Falls statt 600 nach doppelt so vielen Personen gefahndet wird, ändert sich das Ergebnis nur gering: etwa 98,7% der Einschätzungen des Systems sind falsch.</p>
<p>Es gibt noch eine dritte irreführende Zahl im Bericht und der Pressemitteilung: Es wird uns gesagt, dass sich die Falsch-Alarm-Rate durch Zusammenführung aller drei Systeme auf „bis zu 0,00018%“ reduzieren lässt. Was uns nicht gesagt wird, ist, dass dadurch die Trefferrate deutlich reduziert würde. Der ängstliche Bürger merkt’s ja nicht.</p>
<p>Diese Unstatistik zeigt, wie ein bisschen statistisches Denken Politikern, Ministerialen, Journalisten und Bürgern helfen könnte, sich nicht durch verdrehte Zahlen beeindrucken zu lassen. Dass das Gesichtserkennungssystem 99,3% der Verdächtigten zu Unrecht verdächtigt, ist mit der Regel von Bayes (ein Satz aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung) berechnet, die in Bayern inzwischen jeder Schüler der 11. Klasse lernt. Im Bericht und der Pressemitteilung ist sie nicht zu finden.</p>
<p>Wohin der Schutz des Bürgers durch den Staat führen kann, zeigen die über 300 Millionen Überwachungskameras mit Gesichtserkennungssoftware in China.</p>
<p>----------</p>
<p><strong>Ansprechpartner:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Tel.: (030) 82406-430<br> Sabine Weiler (Pressestelle RWI), Tel.: (0201) 8149-213</p>
<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>.</p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2018</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                    <item>
                        <guid isPermaLink="false">news-1236</guid>
                        <pubDate>Fri, 28 Sep 2018 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Konfusion bei Pro und Kontra Sommer- und Winterzeit</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/konfusion-bei-pro-und-kontra-sommer-und-winterzeit
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Septembers 2018 ist die Zahl 80%. So viele EU-Bürger wünschen sich angeblich das Ende der Umstellung von Sommer- auf Winterzeit und zurück. So das Ergebnis einer Online-Umfrage der EU-Kommission. Es ist  mit dafür verantwortlich, dass die Zeitumstellung in der EU abgeschafft werden soll, wie beispielsweise tagesschau.de unter dem Titel „2019 zum letzten Mal“ berichtete.  
</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Septembers 2018 ist die Zahl 80%. So viele EU-Bürger wünschen sich angeblich das Ende der Umstellung von Sommer- auf Winterzeit und zurück. So das Ergebnis einer <a href="https://ec.europa.eu/eusurvey/runner/2018-summertime-arrangements?surveylanguage=de" target="_blank" rel="noreferrer">Online-Umfrage der EU-Kommission</a>. Es ist mit dafür verantwortlich, dass die Zeitumstellung in der EU abgeschafft werden soll, wie beispielsweise tagesschau.de unter dem Titel <a href="https://www.tagesschau.de/ausland/zeitumstellung-europa-105.html" target="_blank" rel="noreferrer">„2019 zum letzten Mal“</a> berichtete.</p>
<p>Das Pro und Contra dieser Umstellung steht hier nicht zur Debatte. Sehr wohl dagegen die Repräsentativität der Stichprobe, auf der die Hochrechnung von 80% Umstellungsgegnern beruht. Denn die Beteiligung war freiwillig, und das Hochrechnen aus Umfragen, bei denen die Betroffenen selbst entscheiden, ob sie teilnehmen oder nicht, ist eines der heikelsten Probleme der angewandten Statistik überhaupt. Im vorliegenden Fall spricht viel für den Verdacht, dass vor allem Gegner der Zeitumstellung, denen diese ein großes persönliches Ärgernis bedeutet, die Mühe des Ausfüllens des Fragebogens auf sich nahmen. Damit wären diese aber unter den insgesamt 4,5 Millionen Teilnehmern der Umfrage überrepräsentiert und die Hochrechnung der Gegner zu hoch.</p>
<p>Eher unterrepräsentiert sind dagegen Menschen, die alles beim Alten lassen wollen oder die sich für das Problem nicht interessieren oder keine Meinung dazu haben – die nehmen an dergleichen Umfragen kaum teil. Daher hat die EU-Kommission auch nie von einer repräsentativen Umfrage gesprochen. Aber viele Medien haben die 80% Gegner möglicherweise zu Unrecht als Beweis für ein massives Unbehagen an der Zeitumstellung interpretiert.</p>
<p>----------</p>
<p><strong>Ansprechpartner:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-3125<br> Sabine Weiler (Pressestelle RWI), Tel.: (0201) 8149-213</p>
<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>.</p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2018</category>
                            
                        
                        
                            
                        
                    </item>
                
                    <item>
                        <guid isPermaLink="false">news-1235</guid>
                        <pubDate>Thu, 30 Aug 2018 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>0,5 Prozent erhöhtes Gesundheits-Risiko bei einem Drink pro Tag</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/05-prozent-erhoehtes-gesundheits-risiko-bei-einem-drink-pro-tag
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats August ist eine Analyse der Fachzeitschrift „Lancet“ von 83 Studien mit insgesamt etwa 600.000 Menschen über die Auswirkung von Alkohol. Ein Ergebnis dieser Studie wurde in den Medien, unter anderem im  Deutschlandfunk und bei stern.de, besonders hervorgehoben: Ein einziger „Drink“ pro Tag erhöht das Risiko, eines von 23 alkohol-bezogenen Gesundheitsproblemen zu bekommen, um 0,5 Prozent. Ein Drink sind 10 Gramm Alkohol, also etwa ein Viertelliter Bier oder ein Achtel Wein. In den Medien wurde davon gesprochen, dass der Satz „Ein Gläschen in Ehren kann niemand verwehren“ nun endgültig widerlegt sei und man jetzt über absolute Abstinenz und höhere Besteuerung reden müsse.
Zu viel Alkohol kann der Gesundheit schwer schaden – das steht außer Zweifel. Bei geringen Mengen aber berichteten frühere Studien, dass der Konsum von einem oder zwei Drinks pro Tag das Auftreten von Herzkrankheiten verringern kann. Gemäß der neuen „Lancet“ Studie, sind jedoch selbst kleine Mengen von Alkohol gesundheitsschädlich, wenn man auf eine breite Palette von 23 alkohol-bezogenen Gesundheitsproblemen blickt.
Aber wie hoch ist das Risiko? Wie viel mehr ist 0,5 Prozent? Auf Facebook erklärte ein promovierter Chemiker, es bedeutet, dass ein Mensch von 200 krank wird. Das ist jedoch ein Irrtum, denn die Prozentzahl ist ein relativer Risikoanstieg. Wir haben in mehreren Unstatistiken gezeigt, dass relative Risiken leicht missverstanden werden und Studien daher immer die absoluten Risiken ausweisen sollten. Auch die Richtlinien des „Lancet“ schreiben genau dies vor. Doch die Autoren der Studie berichten in dem veröffentlichten Artikel nur den relativen Risikoanstieg, was die Gutachter anscheinend nicht bemerkten. Glücklicherweise hat die Presseabteilung von „Lancet“ aufgepasst und für die Pressemitteilung von den Verfassern nachträglich die absoluten Zahlen eingefordert. Ein Bravo den Journalisten von „Lancet“!
Die absoluten Zahlen zeigen folgendes: Von je 100.000 Personen, welche keinerlei Drinks konsumierten, hatten 914 im folgenden Jahr ein Gesundheitsproblem. Bei Personen mit einem Drink pro Tag stieg diese Zahl auf 918. Das heißt, der absolute Risikoanstieg war 4 Personen von 100.000 oder 0,004 Prozent. (Bei zwei Drinks pro Tag war es dann schon mehr, 63 von 100.000 oder 0,063 Prozent.)
Jetzt kann man zweierlei Dinge verstehen. Erstens, ein Drink pro Tag ist wohl ein eher kleines Gesundheitsrisiko, auch weil frühere Studien ein solches nicht immer fanden. Zweitens, die Autoren der „Lancet“-Studie haben ein Grundprinzip transparenter Risikokommunikation nicht beachtet. Und dieser Fall ist im Gesundheitsbereich leider immer noch keine Ausnahme. Mit relativen Risiken kann man eben mehr Angst erzeugen als mit absoluten Risiken.
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Ansprechpartner:
Prof. Dr. Gerd Gigerenzer,                    Tel.: (030) 82406-430 Katharina Schüller (STAT-UP),             Tel.: (089) 34077-447 Jörg Schäfer (Pressestelle RWI),             Tel.: (0201) 8149-244 
Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. In diesem Monat hat die Gastautorin Katharina Schüller, Geschäftsleiterin und Gründerin von STAT-UP, an der „Unstatistik“ mitgearbeitet. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter www.unstatistik.de.
</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats August ist eine <a href="https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736%2818%2930134-X/fulltext" target="_blank" rel="noreferrer">Analyse der Fachzeitschrift „Lancet“</a> von 83 Studien mit insgesamt etwa 600.000 Menschen über die Auswirkung von Alkohol. Ein Ergebnis dieser Studie wurde in den Medien, unter anderem im&nbsp; <a href="https://www.deutschlandfunk.de/gesundheit-schon-ein-bisschen-alkohol-ist-schaedlich.2850.de.html?drn:news_id=917825" target="_blank" rel="noreferrer">Deutschlandfunk</a> und bei <a href="https://www.stern.de/panorama/weltweite-studie-gesundheitsrisiken-schon-bei-geringen-mengen-alkohol-8225962.html" target="_blank" rel="noreferrer">stern.de</a>, besonders hervorgehoben: Ein einziger „Drink“ pro Tag erhöht das Risiko, eines von 23 alkohol-bezogenen Gesundheitsproblemen zu bekommen, um 0,5 Prozent. Ein Drink sind 10 Gramm Alkohol, also etwa ein Viertelliter Bier oder ein Achtel Wein. In den Medien wurde davon gesprochen, dass der Satz „Ein Gläschen in Ehren kann niemand verwehren“ nun endgültig widerlegt sei und man jetzt über absolute Abstinenz und höhere Besteuerung reden müsse.</p>
<p>Zu viel Alkohol kann der Gesundheit schwer schaden – das steht außer Zweifel. Bei geringen Mengen aber berichteten frühere Studien, dass der Konsum von einem oder zwei Drinks pro Tag das Auftreten von Herzkrankheiten verringern kann. Gemäß der neuen „Lancet“ Studie, sind jedoch selbst kleine Mengen von Alkohol gesundheitsschädlich, wenn man auf eine breite Palette von 23 alkohol-bezogenen Gesundheitsproblemen blickt.</p>
<p>Aber wie hoch ist das Risiko? Wie viel mehr ist 0,5 Prozent? Auf Facebook erklärte ein promovierter Chemiker, es bedeutet, dass ein Mensch von 200 krank wird. Das ist jedoch ein Irrtum, denn die Prozentzahl ist ein relativer Risikoanstieg. Wir haben in mehreren Unstatistiken gezeigt, dass relative Risiken leicht missverstanden werden und Studien daher immer die absoluten Risiken ausweisen sollten. Auch die Richtlinien des „Lancet“ schreiben genau dies vor. Doch die Autoren der Studie berichten in dem veröffentlichten Artikel nur den relativen Risikoanstieg, was die Gutachter anscheinend nicht bemerkten. Glücklicherweise hat die Presseabteilung von „Lancet“ aufgepasst und für die Pressemitteilung von den Verfassern nachträglich die absoluten Zahlen eingefordert. Ein Bravo den Journalisten von „Lancet“!</p>
<p>Die absoluten Zahlen zeigen folgendes: Von je 100.000 Personen, welche keinerlei Drinks konsumierten, hatten 914 im folgenden Jahr ein Gesundheitsproblem. Bei Personen mit einem Drink pro Tag stieg diese Zahl auf 918. Das heißt, der absolute Risikoanstieg war 4 Personen von 100.000 oder 0,004 Prozent. (Bei zwei Drinks pro Tag war es dann schon mehr, 63 von 100.000 oder 0,063 Prozent.)</p>
<p>Jetzt kann man zweierlei Dinge verstehen. Erstens, ein Drink pro Tag ist wohl ein eher kleines Gesundheitsrisiko, auch weil frühere Studien ein solches nicht immer fanden. Zweitens, die Autoren der „Lancet“-Studie haben ein Grundprinzip transparenter Risikokommunikation nicht beachtet. Und dieser Fall ist im Gesundheitsbereich leider immer noch keine Ausnahme. Mit relativen Risiken kann man eben mehr Angst erzeugen als mit absoluten Risiken.</p>
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<p><strong>Ansprechpartner:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Gerd Gigerenzer,&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (030) 82406-430<br> Katharina Schüller (STAT-UP), &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (089) 34077-447<br> Jörg Schäfer (Pressestelle RWI), &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-244&nbsp;</p>
<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. In diesem Monat hat die Gastautorin Katharina Schüller, Geschäftsleiterin und Gründerin von STAT-UP, an der „Unstatistik“ mitgearbeitet. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>.</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Mon, 30 Jul 2018 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Kaputter Mietmarkt?</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/kaputter-mietmarkt
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats Juli stammt von der Süddeutschen Zeitung. Unter der Überschrift „Deutschlands Mietmarkt ist kaputt“ beklagt das Blatt in seiner Ausgabe vom 16. Juli das nach ihrer Meinung unsozial hohe Niveau der Mieten in vielen deutschen Großstädten. Basis ist eine Stichprobe von 57.000 Personen, die an einer Umfrage der Zeitung teilgenommen hatten; 3.000 davon haben ihre persönliche Geschichte mitgeteilt.
</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats Juli stammt von der Süddeutschen Zeitung. Unter der Überschrift „<a href="https://projekte.sueddeutsche.de/artikel/wirtschaft/miete-wohnen-in-der-krise-e687627/" target="_blank" rel="noreferrer">Deutschlands Mietmarkt ist kaputt</a>“ beklagt das Blatt in seiner Ausgabe vom 16. Juli das nach ihrer Meinung unsozial hohe Niveau der Mieten in vielen deutschen Großstädten. Basis ist eine Stichprobe von 57.000 Personen, die an einer Umfrage der Zeitung teilgenommen hatten; 3.000 davon haben ihre persönliche Geschichte mitgeteilt.</p>
<p>Aus einer solchen Stichprobe lässt sich aber nicht auf die Grundgesamtheit aller Mietverhältnisse zurückschließen. Aufgrund eines ähnlichen Fehlers hatte die Zeitschrift Readers Digest einmal gemeldet, fast alle in den USA verlorenen Geldbörsen würden den Besitzern mitsamt Inhalt retourniert. So die Rückmeldung von Lesern, die sich auf einen entsprechenden Aufruf gemeldet hatten. Genauso wie an dieser Umfrage vor allem Menschen teilgenommen hatten, denen etwas Ungewöhnliches widerfahren war, sind in der Stichprobe der Süddeutschen Zeitung vermutlich soziale Härtefälle konzentriert. Zwar weist die Zeitung in ihrem <a href="https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/methodik-wie-wir-die-antworten-von-teilnehmern-ausgewertet-haben-1.4038947" target="_blank" rel="noreferrer">Methodenbericht</a> auf die fehlende Repräsentativität ihrer Stichprobe hin. Dennoch macht sie die Stichprobe nicht durch eine geeignete Gewichtung der Beobachtungen repräsentativer.</p>
<p>Auch der als ungewöhnlich steil kritisierte Anstieg der Mieten in München von 80 Prozent seit Mitte der 1990er Jahre ist alles andere als steil - pro Jahr ergibt das im Durchschnitt rund drei Prozent und damit in etwa den Anstieg der Lebenshaltungskosten insgesamt. Nichtsdestoweniger ist aktuell in Städten wie Berlin, München oder Hamburg ein starker Anstieg der Mietpreise zu beobachten, wenn auch mit erheblichen Unterschieden innerhalb derselben Stadt. Die Ursachen sind ein von der Politik gebremstes Angebot (auch durch Restriktionen bei der Ausweisung von Bauland), erhöhte Baukosten (nicht zuletzt aufgrund der Energieeinsparverordnung), und sicher auch Airbnb und ähnliche Angebote, die eine zeitlich befristete Vermietung von Wohnraum unterstützen und damit die Nachfrage zusätzlich erhöhen. Daran werden auch staatlicher Wohnungsbau und Mietpreisbremsen so schnell nichts ändern. Mit einem angeblich kaputten Mietmarkt hat das nichts zu tun.</p>
<p>----------</p>
<p><strong>Ansprechpartner:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-3125<br> Jörg Schäfer (Pressestelle RWI), Tel.: (0201) 8149-244</p>
<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a> .</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Thu, 28 Jun 2018 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Trumpeske Statistik?</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/trumpeske-statistik
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats stammt diesmal vom amerikanischen Präsidenten, der Mitte dieses Monats twitterte, in Deutschland sei infolge der Zuwanderung die Kriminalität um zehn Prozent angestiegen. Die deutsche Regierung würde diesen Anstieg jedoch absichtlich verschleiern. 
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats stammt diesmal vom amerikanischen Präsidenten, der Mitte dieses Monats twitterte, in Deutschland sei infolge der Zuwanderung die Kriminalität um zehn Prozent angestiegen. Die deutsche Regierung würde diesen Anstieg jedoch absichtlich verschleiern. Die Trumpschen Twittermeldungen führten in Deutschland wieder zu einer heftigen Diskussion über die Entwicklung der Kriminalität, die zum Beispiel der <a href="https://www.merkur.de/politik/trump-auf-twitter-offizielle-kriminalitaetszahlen-in-deutschland-sind-falsch-zr-9964842.html" target="_blank" rel="noreferrer">Münchener Merkur</a> aufgriff.</p>
<p>Fakt ist, dass sich die vom Bundeskriminalamt (BKA) ausgewiesenen Straftaten zwischen 2016 und 2017 um nahezu zehn Prozent verringert haben. Fakt ist aber auch, dass die polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) mit erheblichen Problemen verbunden ist. So erfasst die Kriminalstatistik nur das sogenannte Hellfeld, also diejenigen Straftaten, die der Polizei auch gemeldet werden. Daher hängen die in der Kriminalstatistik ausgewiesenen Straftaten von vielen verschiedenen Faktoren ab, die sich regional, insbesondere aber über die Zeit verändern können. So können Veränderungen der Anzahl der Straftaten über die Zeit auf echte Kriminalitätsänderungen, aber auch auf ein sich verändertes Anzeigeverhalten der Bevölkerung, beispielsweise aus versicherungstechnischen Gründen oder aufgrund öffentlicher Debatten, wie der mit dem MeToo-Hashtag verbundenen Diskussion über sexuelle Belästigung, zurückgeführt werden. Auch eine verstärkte polizeiliche Strafverfolgung oder Änderungen des Strafrechts können sich hier auswirken. Im November 2016 wurden zum Beispiel im Sexualstrafrecht sowohl Straftatbestände geändert als auch neue geschaffen. Aus diesen Gründen wird in der PKS explizit darauf <a href="https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/PolizeilicheKriminalstatistik/2017/pks2017ImkBericht.html?nn=96600" target="_blank" rel="noreferrer">hingewiesen</a>, dass die PKS „kein getreues Spiegelbild der Kriminalitätswirklichkeit [bietet], sondern ein je nach Deliktsart mehr oder weniger starke Annäherung an die Realität“ Ein ähnlicher Hinweis findet sich im Übrigen auch in der vom FBI herausgegebenen Kriminalitätsstatistik der USA.</p>
<p>Schließlich gibt es keinerlei Hinweise darauf, dass die Bundesregierung die Kriminalitätsstatistik bewusst fälschen lässt. Auch wurde in Deutschland (noch) kein Statistiker dafür verurteilt, eine nach den gesetzlichen Vorgaben richtige Statistik veröffentlicht zu haben. In anderen Länder geschieht das leider. So wurde gerade der ehemalige Chefstatistiker Andreas Georgiou zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt, weil er das Staatsdefizit Griechenlands korrekt ausgewiesen und ohne Rücksprache an Brüssel gemeldet hatte.</p>
<p>----------</p>
<p><strong>Ansprechpartner:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Thomas Bauer, Tel.: (0201) 8149-264<br> Sabine Weiler (Pressestelle RWI), Tel.: (0201) 8149-213</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a> .</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Wed, 30 May 2018 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Computerfehler führte zum Tod von 270 Frauen</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/computerfehler-fuehrte-zum-tod-von-270-frauen
                                            
                                    
                            
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                        <description>Zwischen 2009 und 2018 führte ein Fehler in einem Computer-Algorithmus dazu, dass in Großbritannien rund 450.000 Frauen im Alter von etwa 70 die Einladung zum letzten Mammographie-Screening nicht erhielten. Dadurch könnte möglicherweise das Leben von 135 bis 270 Frauen verkürzt worden sein, erklärte der britische Gesundheitsminister Jeremy Hunt vor dem Parlament. Das Nachrichtenportal RT Deutsch berichtete daraufhin, dass „135 bis 270 Frauen unerkannt an Brustkrebs gestorben“ sein könnten und das Online-Portal des österreichischen Frauen-Lifestyle-Magazins „WIENERIN“ schrieb: „Das könnte 270 Frauen das Leben gekostet haben.“
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Zwischen 2009 und 2018 führte ein Fehler in einem Computer-Algorithmus dazu, dass in Großbritannien rund 450.000 Frauen im Alter von etwa 70 die Einladung zum letzten Mammographie-Screening nicht erhielten. Dadurch könnte möglicherweise das Leben von 135 bis 270 Frauen verkürzt worden sein, erklärte der britische Gesundheitsminister Jeremy Hunt vor dem Parlament. Das Nachrichtenportal <a href="https://deutsch.rt.com/newsticker/69304-computerfehler-begunstigt-fruhzeitigen-tod-von/" target="_blank" rel="noreferrer">RT Deutsch</a> berichtete daraufhin, dass „135 bis 270 Frauen unerkannt an Brustkrebs gestorben“ sein könnten und das Online-Portal des österreichischen Frauen-Lifestyle-Magazins „<a href="http://wienerin.at/home/leben/gesundheit/5416399/Brustkrebs_Schwere-Fehler-bei-der-Brustkrebsvorsorge-in" target="_blank" rel="noreferrer">WIENERIN</a>“ schrieb: „Das könnte 270 Frauen das Leben gekostet haben.“</p>
<p>Sind also bis zu 270 Frauen wegen nicht-versandter Einladungen gestorben?</p>
<p>Nein. Und das aus zwei Gründen. Der erste ist einfach: Eine verkürzte Lebenserwartung bedeutet nicht, dass man bereits gestorben ist. Nur etwa eine von sieben Frauen, die im Alter von 70 Jahren eine Brustkrebsdiagnose erhalten, sterben in den nächsten fünf Jahren an Brustkrebs.</p>
<p>Der zweite Grund ist wichtiger und nicht ganz so einfach: Randomisierte Studien, bei denen etwa eine halbe Million Frauen unter Verwendung eines Zufallsmechanismus unterschiedlichen Gruppen zugeordnet wurden, ergaben keinen Nachweis, dass das Mammographie-Screening die Lebenserwartung erhöht. Vielmehr wurde gezeigt, dass sich die Sterblichkeit an Brustkrebs reduziert. Dies ist nicht das gleiche. Von je 1.000 Frauen, die über zehn Jahre am Screening teilnahmen, starb etwa eine weniger mit der Diagnose „Brustkrebs“, aber eine mehr mit einer anderen Krebsdiagnose. Daher wurde durch das Screening insgesamt kein Leben gerettet oder die Lebenserwartung verlängert. Hinzu kommt, dass pro 1.000 Frauen etwa fünf unnötigen Operationen oder Strahlenbehandlungen unterzogen wurden – unnötig, da sie einen nicht-progressiven, klinisch unbedeutenden Krebs haben, der diesen Frauen während ihres Lebens nie geschadet hätte. Letzteres bedeutet, dass die nicht-versandten Einladungen wahrscheinlich sogar hunderte von Frauen vor Schaden bewahrt haben.</p>
<p>Fazit: Eine Verringerung der brustkrebsspezifischen Sterblichkeit ist nicht das gleiche wie eine Erhöhung der Lebenserwartung. Und selbst wenn es eine Verringerung der Lebenserwartung für 270 Frauen gegeben hätte, dann hätte dies nicht bedeutet, dass diese 270 Frauen bereits gestorben sind. Dies sind feine, aber wichtige Unterschiede, die jeder Bürger und vor allem jede Frau kennen sollte, um sich nicht durch verdrehte Statistiken in sachlich unbegründete Aufregung und Angst versetzen zu lassen.</p>
<p>----------</p>
<p><strong>Ansprechpartner:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Gerd Gigerenzer,&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (030) 82406-430<br> Jörg Schäfer (Pressestelle RWI), &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-244&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a> .</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Fri, 27 Apr 2018 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Immer noch Konfusion bei Kriminalität</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/immer-noch-konfusion-bei-kriminalitaet
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik April 2018 ist die Zahl 14.864. So viele erfasste Straftaten pro 100.000 Einwohner gab es im Jahr 2017 in Frankfurt am Main. Die Stadt führt damit die Kriminalitätsliga in Deutschland an, melden unter anderem die Frankfurter Rundschau und der Tagesspiegel.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik April 2018 ist die Zahl 14.864. So viele erfasste Straftaten pro 100.000 Einwohner gab es im Jahr 2017 in Frankfurt am Main. Die Stadt führt damit die Kriminalitätsliga in Deutschland an, melden unter anderem die <a href="http://www.fr.de/panorama/straftaten-frankfurt-in-der-kriminalitaetsstatistik-vorne-a-1491663" target="_blank" rel="noreferrer">Frankfurter Rundschau</a> und der <a href="https://www.tagesspiegel.de/politik/kriminalitaetsstatistik-10-prozent-weniger-straftaten/21202088.html" target="_blank" rel="noreferrer">Tagesspiegel</a>.</p>
<p>Aber tut sie das wirklich? Zunächst einmal gibt es große Unterschiede über Raum und Zeit bei der Erfassung von Kriminalität. In der einen Gemeinde schaut man bei Rauschgiftdelikten lieber weg, in der anderen wird ermittelt. Zudem pendeln in Frankfurt rund 300.000 Menschen täglich zur Arbeit ein, rund 60 Millionen Fluggäste kamen 2017 auf dem Flughafen Frankfurt an oder flogen ab. Alle von diesen Menschen verübten oder durch diese Menschen erlittenen Straftaten gehen auf das Konto der Stadt Frankfurt. In München dagegen gehört der Flughafen den Landkreisen Erding und Freising an.</p>
<p>Für einen sinnvollen Vergleich der Kriminalität über Gemeinden oder Länder hinweg wäre es also besser, die Zahl der Straftaten auf die Zahl der potentiellen Opfer und Täter und nicht auf die gemeldeten Einwohner zu beziehen.</p>
<p>----------</p>
<p><strong>Ansprechpartner:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Walter Krämer,&nbsp;&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp;&nbsp; Tel.: (0231) 755-3125<br> Jörg Schäfer (Pressestelle RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-244&nbsp;</p>
<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a> .</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Wed, 28 Mar 2018 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Diesel, Stickstoff und 6000 Tote</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/diesel-stickstoff-und-6000-tote
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik März 2018 sind die 6000 angeblichen Stickstofftoten im Jahr 2014 in Deutschland. Eine Studie, die im Auftrag des Umweltbundesamtes erstellt wurde, will herausgefunden haben, dass 5996 Bundesbürger an Herz-Kreislauf-Krankheiten vorzeitig verstorben seien, die sie sich durch NO2-Belastung zugezogen hätten. Die methodischen und konzeptionellen Mängel dieser Studie wurden schon an anderer Stelle kritisiert, unter anderem bei „Spiegel online“ und welt.de, sowie kabarettistisch aufgespießt bei „Nuhr im Ersten“ in der ARD (ab Sendeminute 24:40). Die Zahl 6000 ist das Produkt einer reinen Modellrechnung; es gibt zwar die Vermutung, aber keinen Nachweis, dass NOx zum Tod durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen führt. Kaum ein Arzt hat bisher die NOx-Belastung als Todesursache angegeben. 
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik März 2018 sind die 6000 angeblichen Stickstofftoten im Jahr 2014 in Deutschland. Eine <a href="https://www.umweltbundesamt.de/no2-krankheitslasten" target="_blank" rel="noreferrer">Studie</a>, die im Auftrag des Umweltbundesamtes erstellt wurde, will herausgefunden haben, dass 5996 Bundesbürger an Herz-Kreislauf-Krankheiten vorzeitig verstorben seien, die sie sich durch NO<sub>2</sub>-Belastung zugezogen hätten. Die methodischen und konzeptionellen Mängel dieser Studie wurden schon an anderer Stelle kritisiert, unter anderem bei <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/dieselgate-2-die-erfundenen-toten-a-1198225.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Spiegel online“</a> und <a href="https://www.welt.de/gesundheit/plus174349400/Lungenexperte-haelt-die-Debatte-ueber-Diesel-Grenzwerte-fuer-Hysterie.html" target="_blank" rel="noreferrer">welt.de</a>, sowie kabarettistisch aufgespießt bei <a href="http://www.daserste.de/unterhaltung/comedy-satire/satire-gipfel/sendung/nuhr-im-ersten-308.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Nuhr im Ersten“</a> in der ARD (ab Sendeminute 24:40). Die Zahl 6000 ist das Produkt einer reinen Modellrechnung; es gibt zwar die Vermutung, aber keinen Nachweis, dass NO<sub>x </sub>zum Tod durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen führt. Kaum ein Arzt hat bisher die NO<sub>x</sub>-Belastung als Todesursache angegeben.</p>
<p>Die Stickstoff-Debatte läuft einseitig und mit Gedächtnisverlust: Früher haben wir uns um CO<sub>2</sub> und das Ozonloch gesorgt und deswegen den Diesel gepriesen; heute sorgen wir uns um NO<sub>x</sub> und preisen das Elektroauto. Dabei übersehen wir, dass jede Technik Vor- und Nachteile hat, wie eine frühere <a href="https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/378/publikationen/texte_27_2016_umweltbilanz_von_elektrofahrzeugen.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">Veröffentlichung des Umweltbundesamtes</a> veranschaulicht. Ein Elektroauto mit 250 km Reichweite verursacht in Deutschland derzeit weit mehr Treibhausgasemissionen als ein Diesel, vor allem wegen der Strombereitstellung und des Energieaufwands für die Produktion (in Frankreich ist das wegen des Atomstroms anders, aber dieser ist in Deutschland mehrheitlich unerwünscht). Auch ohne Elektroautos schätzt das Umweltbundesamt, dass die NO<sub>x </sub>Emission der herkömmlichen Kraftfahrzeuge bis 2030 um 56 Prozent niedriger sein wird als im Jahr 2014 und die Feinstaub-Emission sogar um 82 Prozent niedriger – alleine durch die Verbreitung der Euro-6 Norm und Partikelfilter. Sollte es 2030 sechs Millionen Elektrofahrzeuge geben, wie im Nationalen Entwicklungsplan angestrebt, dann fällt dies vergleichsweise wenig ins Gewicht, mit einer zusätzlichen Abnahme von 12 und 4 Prozentpunkten bei NO<sub>x</sub> und Feinstaub.</p>
<p><strong>Belastungen durch Feinstaub und NOx sind vergleichsweise gering</strong></p>
<p>Am Ende ist es hilfreich, sich die Risiken vergleichend anzusehen. Die Feinstaub-Produktion von drei Zigaretten ist zehnmal so hoch wie jene, die am Auspuff eines alten Ford Mondeo Euro-3 Diesel eine halbe Stunde lang gemessen wurde. Ein Adventskranz mit vier brennenden Kerzen kann bereits die Grenzwerte für NO<sub>x</sub> überschreiten.</p>
<p>Weiterhin sei betont, dass die Zahl der durch ein Risiko gleich welcher Art verstorbenen Menschen selbst bei korrekter Berechnung nur ein sehr irreführender Indikator für die Gesundheitsgefahren ist, die von dieser Risikoquelle ausgehen. Denn diese Zahl kann selbst dann zunehmen, wenn die Gefahr selber abnimmt – ganz einfach dadurch, dass andere Risiken ausfallen. Mit diesem Argument hatten wir bereits die 13 Millionen Umwelttoten der Weltgesundheitsorganisation zur Unstatistik Dezember 2017 gekürt.</p>
<p>Die großen Killer heutzutage sind Rauchen, Alkohol, Bewegungsmangel und ungesundes Essen. Die von Umweltschützern immer wieder betonten Gefahren durch Feinstaub oder Pflanzengifte sind dagegen in Deutschland relativ klein. In dieser Debatte gibt es nur zwei Fakten, die von niemandem zu bestreiten sind: Die Belastung durch Umweltschadstoffe einschließlich Stickstoff nimmt in Deutschland seit Jahrzehnten ab und die Deutschen leben im Durchschnitt immer länger. Diese Erfolge sollten wir würdigen, statt uns durch Schreckensnachrichten und Panikmache verunsichern zu lassen.</p>
<p>----------</p>
<p><strong>Ansprechpartner:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Walter Krämer,&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0231) 755-3125<br> Jörg Schäfer (Pressestelle RWI), &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-244&nbsp;</p>
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<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a> .</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Mon, 26 Feb 2018 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>54 Prozent der Deutschen haben eingeschränkte Gesundheitskompetenz</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/54-prozent-der-deutschen-haben-eingeschraenkte-gesundheitskompetenz
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats Februar ist eine der zentralen Aussagen des Nationalen Aktionsplans Gesundheitskompetenz, der am 19. Februar dem Bundesminister für Gesundheit vorgestellt wurde. Demnach haben 54 Prozent der Bevölkerung in Deutschland eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz. Das hat der „Health-Literacy Survey auf europäischer Ebene“ herausgefunden.
</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats Februar ist eine der zentralen Aussagen des <a href="http://www.nap-gesundheitskompetenz.de/media/com_form2content/documents/c10/a1203/f41/Nationaler%20Aktionsplan%20Gesundheitskompetenz.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">Nationalen Aktionsplans Gesundheitskompetenz</a>, der am 19. Februar dem Bundesminister für Gesundheit vorgestellt wurde. Demnach haben 54 Prozent der Bevölkerung in Deutschland eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz. Das hat der „Health-Literacy Survey auf europäischer Ebene“ herausgefunden.</p>
<p>Das klingt, als ob diese Studie sich die Mühe gemacht hat zu testen, wie kompetent die Deutschen tatsächlich sind. Aber: Niemand wurde getestet. Vielmehr wurden 47 Fragen zu verschiedenen Kompetenzen gestellt und die Probanden schlicht gebeten, selbst subjektiv zu beurteilen wie hoch ihre Kompetenz wäre. Ein Beispiel: „Wie einfach/schwierig ist es, die Packungsbeilagen/Beipackzettel Ihrer Medikamente zu verstehen?“ Das fanden 41 Prozent der Befragten ziemlich einfach und 22 Prozent sehr einfach. Wir wissen aber von wirklichen Tests, dass Beipackzettel selbst von Ärzten nicht verstanden werden. Jedem, der nicht weiß, was er nicht weiß und fälschlicherweise angibt, Beipackzettel leicht zu verstehen, wurde hier hohe Gesundheitskompetenz zugeschrieben.</p>
<p>Dann wurde gefragt, wie schwierig es ist zu verstehen, warum man Vorsorgeuntersuchungen braucht. Das finden 80 Prozent ziemlich einfach oder sehr einfach. Die Frage unterstellt, dass Vorsorge (Früherkennung) unbestritten mehr nützlich als schädlich sei, was für jeden, der sich mit deren Vor- und Nachteilen wissenschaftlich auseinandergesetzt hat, höchst fragwürdig ist. Eine im „Journal of the National Cancer Institute“ veröffentlichte repräsentative Studie hat das wirkliche Wissen der Deutschen getestet und zeigte dagegen, dass 98 Prozent der Frauen den Nutzen der Früherkennung von Brustkrebs und 94 Prozent der Männer jenen der Früherkennung von Prostatakrebs weit überschätzen. Diese erstaunliche hohe Fehleinschätzung liegt wahrscheinlich an der jahrzehntelang üblichen irreführenden Information, welche den Nutzen übertrieben und den Schaden heruntergespielt hat. Wenn man aber nicht weiß, dass man falsch informiert worden ist, wird man im Health-Literacy Survey als gesundheitskompetent eingestuft.</p>
<p><strong>Statt tatsächlicher wird die gefühlte Gesundheitskompetenz ermittelt</strong></p>
<p>Die Zahl 54 Prozent bezieht sich also nicht auf den Anteil der Deutschen, welche eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz haben, sondern auf den Anteil, welche das glauben. Die Vorsitzende des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin kritisierte die Studie bereits im „Ärzteblatt“. Verteidigt wurde die Studie mit dem Argument, dass in anderen europäischen Ländern die gleiche subjektive Befragung durchgeführt worden sei. Wenn aber andere den Unterschied zwischen gefühlter und tatsächlicher Kompetenz nicht kennen, dann müssen wir diesen Fehler nicht auch noch nachmachen.</p>
<p>Mangelnde Gesundheitskompetenz ist ein wirkliches gesellschaftliches Problem und es ist an der Zeit, mehr dagegen zu unternehmen. Dazu könnte der Nationale Aktionsplan beitragen. Es fällt nicht leicht, uns zu einem Thema kritisch zu äußern, das uns selbst am Herzen liegt. Die Kritik betrifft alleine die vorgestellte Studie. Nach deren Logik bräuchte man keine aufwendigen PISA Studien mehr durchzuführen, sondern könnte einfach die Schüler fragen, was sie denn meinen, wie gut sie in Mathematik und Deutsch sind.</p>
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<p><strong>Ansprechpartner:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp;Tel.: (030) 82406-430<br> Jörg Schäfer (Pressestelle RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-244&nbsp;</p>
<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a> .</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Wed, 31 Jan 2018 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Hexenjagd wegen korrekter Fakten</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/hexenjagd-wegen-korrekter-fakten
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats Januar hat zum Thema, was einem Statistiker widerfahren kann, der eine „Unstatistik“ aufdeckt und korrigiert. Im Jahr 2009 behauptete das hellenische Amt für Statistik (Elstat), das griechische Haushaltsdefizit betrüge 13,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Diese Behauptung wurde vom Europäischen Amt für Statistik (Eurostat) als nicht korrekt moniert. Im Jahr 2010 berechnete der neue Elstat-Präsident Andreas Georgiou das Haushaltsdefizit korrekt nach den europäischen Standards, korrigierte es auf 15,4 Prozent des BIP und wurde dafür von Eurostat mehrfach gelobt. 
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats Januar hat zum Thema, was einem Statistiker widerfahren kann, der eine „Unstatistik“ aufdeckt und korrigiert. Im Jahr 2009 behauptete das hellenische Amt für Statistik (Elstat), das griechische Haushaltsdefizit betrüge 13,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Diese Behauptung wurde vom Europäischen Amt für Statistik (Eurostat) als nicht korrekt moniert. Im Jahr 2010 berechnete der neue Elstat-Präsident Andreas Georgiou das Haushaltsdefizit korrekt nach den europäischen Standards, korrigierte es auf 15,4 Prozent des BIP und wurde dafür von Eurostat mehrfach gelobt.</p>
<p>Nicht aber von der griechischen Politik. Georgiou wird seitdem mit Anklagen überzogen, etwa weil er mit der Veröffentlichung des korrekten Haushaltsdefizits strengere Reformauflagen und einen Schaden von 171 Milliarden Euro für Griechenland verursacht hätte. Oder weil seine Nachfrage, warum nicht gegen seine Vorgänger ermittelt würde, die gefälschte Zahlen veröffentlicht hätten, als üble Nachrede gewertet wurde (und er deshalb zu einer Geldstrafe verurteilt wurde). Darüber hinaus wurde er wegen eines Formfehlers zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt, weil er vor der Veröffentlichung der korrekten Haushaltszahlen den politisch besetzten Aufsichtsrat von Elstat nicht konsultiert hätte. Inzwischen haben mehrere Nobelpreisträger und vierzig Statistikorganisationen einen Protestbrief unterzeichnet und die Einstellung der Verfahren gegen Georgiou gefordert.</p>
<p>Und in Deutschland? „Alternative Fakten“ wurde zum Unwort des Jahres gekürt, in zahllosen Talk Shows wird über „Fake News“ berichtet und Politiker verabschieden Gesetze zur Einschränkung von deren Verbreitung. Aber die staatliche Verfolgung eines Statistikers, der korrekte Zahlen veröffentlicht, wird weitgehend ignoriert. Diskussionen in Talkshows finden nicht statt. Und die Bundesregierung äußert sich grundsätzlich nicht zu gerichtlichen Verfahren im Ausland.</p>
<p>Auch von den deutschen Medien berichteten nur wenige über den Fall Georgiou, darunter die „<a href="http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/nobelpreistraeger-unterstuetzen-verfolgten-griechischen-statistiker-georgiou-15393474.html" target="_blank" rel="noreferrer">Frankfurter Allgemeine Zeitung</a>“ und die „<a href="http://www.zeit.de/2017/33/andreas-georgiou-griechenland-staatsschulden-prozess" target="_blank" rel="noreferrer">Zeit</a>“. Anscheinend wird die Bedeutung korrekter und von politischen Einfluss unabhängiger Statistiken für die Demokratie auch in Deutschland noch nicht ausreichend gewürdigt.</p>
<p>Der oben genannten Protestaktion kann man sich <a href="https://docs.google.com/forms/d/e/1FAIpQLScUjBzRqGqAX-Pgvebnifn8algg6A9Y5aN5XsWIC1FZOhZnJg/viewform" target="_blank" rel="noreferrer">hier</a> anschließen. Diese Netzseite liefert auch detaillierte Informationen zum Fall Georgiou.</p>
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<p><strong>Ansprechpartner:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Thomas Bauer,&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-264<br> Jörg Schäfer (Pressestelle RWI), &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-244&nbsp;</p>
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<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a> .</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Mon, 08 Jan 2018 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>„Sie sind wahrscheinlich HIV-Positiv“</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/sie-sind-wahrscheinlich-hiv-positiv
                                            
                                    
                            
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                        <description>Seit Oktober dürfen in Deutschland HIV-Schnelltests frei verkauft werden, die man in Apotheken, Drogerien oder über das Internet bestellen und anonym selbst durchführen kann. Zum verantwortungsvollen Umgang mit ihnen gehört, verständlich zu erklären, was ein positives Testergebnis wirklich bedeutet. Denn bei einem positiven Testergebnis liegt die Wahrscheinlichkeit, dass man infiziert ist, nur bei etwa 8 Prozent. 
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Am 1. Dezember war Welt-AIDS-Tag. Das Motto lautete im Jahr 2018 „Know your status“. Ziel ist, dass bis zum Jahr 2020 90 Prozent aller Menschen ihren Immunstatus kennen. Seit Oktober dürfen dazu in Deutschland HIV-Schnelltests frei verkauft werden, die man in Apotheken, Drogerien oder über das Internet bestellen und anonym selbst durchführen kann. Man muss nur die Gebrauchsanweisung lesen, mit einer Lanzette die Haut an der Fingerspitze durchstechen und das Blut in ein Teströhrchen füllen. Dann wartet man 10 bis 15 Minuten und erhält schließlich das Ergebnis: positiv oder negativ. Leider wird aber nicht verständlich erklärt, was das Ergebnis bedeutet. Das wäre jedoch&nbsp; insbesondere für alle diejenigen wichtig, die ohne Arzt einen HIV-Selbsttest durchführen.</p>
<p>Angenommen, man möchte seinen Status wissen und bestellt online den von der Deutschen AIDS-Hilfe empfohlenen „autotest VIH“, der mit dem CE-Prüfzeichen der EU versehen ist, welches die Eignung für Laien bestätigt (<a href="http://www.autotest-sante.com" target="_blank" rel="noreferrer">www.autotest-sante.com</a>). Das Testergebnis fällt positiv aus. Man liest in der Gebrauchsanweisung nach, was es bedeutet. Dort steht: „Sie sind wahrscheinlich HIV-positiv.“ Der gleiche Wortlaut findet sich bei anderen zertifizierten Schnelltests wie „INSTI“ und „Exacto.“ Ist ein positiver Test ein Todesurteil? Wie wahrscheinlich ist wahrscheinlich? Viele Menschen denken, das bedeutet, eher infiziert zu sein als nicht. Die Gebrauchsanweisung gibt zusätzlich auch in Zahlen an wie gut der Test ist: Sensitivität: 100%, Spezifität: 99,8%.</p>
<p><strong>Von 13 Personen mit positivem HIV-Test ist nur eine infiziert</strong></p>
<p>Die Sensitivität ist die Wahrscheinlichkeit dafür, dass eine Person positiv testet, falls sie HIV-infiziert ist. Die Spezifität ist die Wahrscheinlichkeit dafür, dass eine Person negativ testet, falls sie nicht HIV-infiziert ist. In anderen Worten, die Falsch-Alarm-Rate beträgt nur 0,2 Prozent. Diese beeindruckende Genauigkeit beweist also, dass ein positives Ergebnis so gut wie sicher ist. So scheint es.</p>
<p>Wie hoch ist nun wirklich die Wahrscheinlichkeit HIV-infiziert zu sein, wenn ein positives Testergebnis vorliegt? Diese ist nicht 100 Prozent und auch nicht 99,8 Prozent. Sie ist auch nicht in der Gebrauchsanweisung zu finden, noch wird dort erklärt, wie man sie bestimmen könnte.</p>
<p>Eine Überschlagsrechnung kann die Antwort geben. In Deutschland leben laut dem Statistischen Bundesamt etwa 69 Millionen Menschen, die älter als 18 Jahre sind. Von ihnen sind geschätzt etwa 11.400 infiziert, ohne es zu wissen: davon 2.700 durch heterosexuelle Kontakte, die anderen durch Sex zwischen Männern oder intravenösem Drogengebrauch (<a href="https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2018/Ausgaben/47_18.pdf?__blob=publicationFile" target="_blank" rel="noreferrer">www.rki.de</a>). Von je 6.000 Deutschen ist also etwa einer infiziert (69 Millionen dividiert durch 11.400). Dieser wird mit Sicherheit (100 Prozent) positiv testen. Unter den 5.999 Personen, welche nicht infiziert sind, erwarten wir jedoch weitere 12, die ebenfalls positiv testen. Das folgt aus der Falsch-Alarm-Rate von 0,2 Prozent.&nbsp; Das heißt, von insgesamt 13 Personen,&nbsp; die positiv testen, ist nur einer tatsächlich infiziert ist. „Sie sind wahrscheinlich HIV-positiv“ bedeutet also, dass die Wahrscheinlichkeit bei nur etwa 8 Prozent liegt, dass man infiziert ist. Anders ausgedrückt, die Wahrscheinlichkeit beträgt 92 Prozent, dass man nicht infiziert ist, wenn man im Schnelltest positiv testet. Bei Heterosexuellen ohne Risikoverhalten, dem größten Teil der Deutschen, ist die Wahrscheinlichkeit infiziert zu sein nochmals deutlich kleiner, sie liegt unter 5 Prozent.</p>
<p><strong>Verständliche Aufklärung rettet Leben</strong></p>
<p>Die Gebrauchsanweisung sagt, dass man sich bei einem positiven Test man so schnell wie möglich an einen Arzt wenden soll. Das ist sinnvoll. Nur zeigen Studien in Deutschland, dass beispielsweise die Mehrzahl der AIDS-Berater an Gesundheitsämtern selbst nicht gelernt haben, Gesundheitsstatistiken zu verstehen und glauben, dass es keine „Falsch-Positive“ gäbe (<a href="https://europepmc.org/abstract/med/26149159" target="_blank" rel="noreferrer">https://europepmc.org/abstract/med/26149159</a>). Deshalb wäre es umso wichtiger, in der Kommunikation und vor allem in der Gebrauchsanweisung klar zu sagen, was ein positives Ergebnis im Schnelltest wirklich bedeutet. In ähnlichen Situationen haben Menschen über Suizid nachgedacht und auch begangen ­­­– obgleich sie tatsächlich nicht infiziert waren ­– um Stigma und sozialer Diskriminierung zu entgehen, die immer noch mit AIDS verbunden sind.</p>
<p>HIV-Schnelltests können sinnvoll sein. Zum verantwortungsvollen Umgang mit ihnen gehört aber, den Menschen verständlich zu erklären, was ein positives Testergebnis wirklich bedeutet.</p>
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<p><strong>Ansprechpartner:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp;Tel.: (030) 82406-430<br> Sabine Weiler (Pressestelle RWI), Tel.: (0201) 8149-213</p>
<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>.</p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>RWI Events</category>
                            
                                <category>2019</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Fri, 15 Dec 2017 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Irreführende Mortalitätsstatistik</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/irrefuehrende-mortalitaetsstatistik
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik Dezember 2017 ist eine Meldung der Deutschen Welle vom 4. Dezember: „Jeder vierte Mensch stirbt durch Umweltverschmutzung“.

Diese Statistik kommt durch eine sehr weite Definition von „Tod durch Umweltverschmutzung“ zustande. Laut Weltgesundheitsorganisation, auf die sich die Deutsche Welle beruft, zählen zu den insgesamt 13 Millionen Umwelttoten jährlich auch mehrere Millionen Selbstmörder, Opfer von Gewaltverbrechen und Verkehrsunfällen oder Menschen, die im Haushalt von der Leiter fallen. Davon unabhängig ist aber auch die von der Deutschen Welle verwendete Interpretation als Maß des Risikos statistisch nicht zu halten. Denn jeder Mensch stirbt irgendwann an irgendwas.
</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik Dezember 2017 ist eine Meldung der Deutschen Welle vom 4. Dezember: „<a href="http://www.dw.com/de/luftverschmutzung-t%C3%B6tet-diesel-plastik-meer-pestizid-glyphosat-wasserverschmutzung-kenia/a-41645743" target="_blank" rel="noreferrer">Jeder vierte Mensch stirbt durch Umweltverschmutzung</a>“.</p>
<p>Diese Statistik kommt durch eine sehr weite Definition von „Tod durch Umweltverschmutzung“ zustande. Laut Weltgesundheitsorganisation, auf die sich die Deutsche Welle beruft, zählen zu den insgesamt 13 Millionen Umwelttoten jährlich auch mehrere Millionen Selbstmörder, Opfer von Gewaltverbrechen und Verkehrsunfällen oder Menschen, die im Haushalt von der Leiter fallen. Davon unabhängig ist aber auch die von der Deutschen Welle verwendete Interpretation als Maß des Risikos statistisch nicht zu halten. Denn jeder Mensch stirbt irgendwann an irgendwas. Je besser die medizinische Versorgung und die Umweltqualität, desto mehr Menschen sterben übrigens an Krebs. Und damit ist die Zahl der an einer bestimmten Ursache verstorbenen Menschen kein seriöser Indikator für die dadurch drohende Gefahr. Fachleute benutzen seit Langem andere Maße wie etwa die verlorenen Lebensjahre (zuweilen auch „qualitätsadjustiert“): Wie viele Jahre etwa würden wir länger leben, wenn es keinen Feinstaub, keine Kohlekraftwerke oder keine chemischen Düngemittel gäbe? Und das dann verglichen mit den verlorenen Lebensjahren durch Berufsstress oder den Straßenverkehr. Die Antwort auf solche Fragen liefert die statistische Theorie der konkurrierenden Risiken. Diese zieht die unangenehme Wahrheit in Betracht, dass bei Wegfall eines Risikos die Wahrscheinlichkeit für alle anderen ganz automatisch steigt. So wäre etwa bei einer totalen Elimination der Todesursache Krebs mit einem Anstieg der Lebenserwartung von weniger als drei Jahren und einer dramatischen Explosion der Zahl von Alzheimer-Patienten zu rechnen.</p>
<p>Für Menschen in entwickelten Industrienationen sind die größten bekannten Lebenszeitverkürzer derzeit das Rauchen (immer noch), Bewegungsmangel, Übergewicht und übermäßiger Alkoholgenuss. Den dadurch verlorenen Lebensjahren wären dann, zur Einschätzung des Risikos, die Verluste durch Umweltschäden gegenüberzustellen. Diese scheinen seit Jahrzehnten abzunehmen; in Deutschland ist die Lebenserwartung seit 1990 um fünf Jahre angestiegen. Eine weniger an die Gefühle und mehr an den Verstand appellierende Berichterstattung sollte generell auf das alleinige Melden von Todesfällen verzichten; diese werden der wahren Problematik nicht gerecht.</p>
<p>----------</p>
<p><strong>Ansprechpartner:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Walter Krämer,&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0231) 755-3125<br> Jörg Schäfer (Pressestelle RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-244</p>
<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a> .</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Thu, 30 Nov 2017 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Der PSA-Test verringert die Sterblichkeit an Prostata-Krebs um 50 Prozent</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/der-psa-test-verringert-die-sterblichkeit-an-prostata-krebs-um-50-prozent
                                            
                                    
                            
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                        <description>Irreführende Zahlen haben in der Debatte um die Prostatakrebs-Früherkennung mittels PSA-Tests eine lange Tradition (siehe die Unstatistik vom August 2014). Davon haben die Zuschauer in der Sendung „service:gesundheit“ des hr Fernsehens vom 16.11.17 neben vielen richtigen Informationen auch eine Portion abbekommen – unsere Unstatistik des Monats November. Dort wurde nämlich behauptet, „die europäische Studie hat eindeutig gezeigt, dass mit PSA-Testung die Sterblichkeit am Prostatakrebs um 50 Prozent reduziert werden konnte“ und „wenn man regelmäßig zum PSA-Messen geht, müsste aus unserer Sicht niemand mehr an Prostata-Krebs sterben.“
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Irreführende Zahlen haben in der Debatte um die Prostatakrebs-Früherkennung mittels PSA-Tests eine lange Tradition (siehe die <a href="http://www.rwi-essen.de/unstatistik/34/" target="_blank">Unstatistik vom August 2014</a>). Davon haben die Zuschauer in der Sendung „<a href="http://www.hr-fernsehen.de/sendungen-a-z/service-gesundheit/sendungen/psa-wert---prostatakrebs-fruehzeitig-erkennen-,psa-wert-100.html" target="_blank" rel="noreferrer">service:gesundheit</a>“ des hr Fernsehens vom 16.11.17 neben vielen richtigen Informationen auch eine Portion abbekommen – unsere Unstatistik des Monats November. Dort wurde nämlich behauptet, „die europäische Studie hat eindeutig gezeigt, dass mit PSA-Testung die Sterblichkeit am Prostatakrebs um 50 Prozent reduziert werden konnte“ und „wenn man regelmäßig zum PSA-Messen geht, müsste aus unserer Sicht niemand mehr an Prostata-Krebs sterben.“</p>
<p>Der PSA-Test war ursprünglich nicht zum Screening gedacht, sondern zur Kontrolle bei Männern, die bereits erkrankt waren und behandelt wurden. Screening richtet sich jedoch an Männer, die keine Anzeichen von Prostatakrebs haben. Wie gut ist das PSA-Screening? Die Sendung stellte richtig dar, dass es dazu zwei Studien gibt: eine amerikanische, die keine Reduktion der Prostatakrebs-Sterblichkeit feststellte, und eine europäische, welche einen Rückgang berichtete. Die amerikanische Studie hat Fehler und daher sollte man sich eher auf die europäische verlassen. Die Aussage, die europäische Studie habe gezeigt, dass die Sterblichkeit am Prostatakrebs um 50 Prozent reduziert werden konnte, ist jedoch irreführend. Wie schon im Abstrakt der Studie (Schröder et al, <em>Lancet</em>, 2014) steht, sank die Prostatakrebs-Sterblichkeit um 1,3 pro 1&nbsp;000 Männer, die zum Screening eingeladen wurden (von etwas mehr als 6 auf etwas weniger als 5 von je 1&nbsp;000 Männern). Wie kommt man von 1,3 pro 1&nbsp;000 auf 50 Prozent? Mit zwei bewährten Tricks. Der erste besteht darin, die absolute Reduktion gar nicht zu berichten, sondern nur die relative Reduktion. Relative Zahlen beeindrucken nämlich mehr. Die relative Reduktion wird in der Studie mit 21 Prozent angegeben. Nur: Das sind noch keine 50 Prozent. Der zweite Trick ist, eine von der europäischen Studie – und anderen Früherkennungs-Studien – abweichende Bezugsgröße zu wählen (wahrscheinlich statt der 1&nbsp;000 Männer mit Screening nur jene, die mit Prostatakrebs diagnostiziert wurden) und damit großzügig „aufzurunden“: und schon kommt man von 21 auf 50 Prozent.</p>
<p>Das Problem dieser Sendung war, dass sie neben viel bewundernswert klarer Information auch irreführende Aussagen ungeprüft zugelassen hat. Auch die Aussage, dass „niemand mehr an Prostatakrebs sterben“ müsste, ist nicht durch Fakten gedeckt. Denn 1,3 weniger ist eben kein Rückgang auf Null, genauso wie 21 Prozent weniger nicht so viel wie 100 Prozent weniger sind.</p>
<p>Um informiert zu entscheiden, ob PSA-Screening sinnvoll ist oder nicht, braucht jeder Mann verständliche und richtige Angaben über den Nutzen und Schaden. Die Sendung hat über den beträchtlichen Gesundheitsschaden berichtet, den das Screening anrichtet, wie Inkontinenz und Impotenz als Folge unnötiger Operationen oder Strahlenbehandlungen. Zwei wichtige Informationen, welche die Autoren der europäischen Studie (an der keine deutschen Urologen teilgenommen haben) herausstellten, wurden jedoch nicht weitergegeben. Erstens, es gab in der europäischen Studie keine Reduktion der Gesamtsterblichkeit (einschließlich Prostatakrebs). Nach 13 Jahren waren genauso viele Männer gestorben, ob sie nun zum PSA-Screening gingen oder nicht. Das heißt, in der Screening-Gruppe starb zwar etwa einer von 1&nbsp;000 Männern weniger an Prostatakrebs, aber auch einer mehr an einer anderen Ursache, die nicht geklärt wurde (zum Beispiel Tod an den Folgen der Operation). Wir haben also keinen Nachweis, dass insgesamt ein Leben gerettet wird. Das sollte man ehrlich und klar sagen. Zweitens raten auch die Autoren der europäischen Studie angesichts des Schadens nicht zum PSA-Screening. Die Website der Sendung sagt dennoch, dass jeder Mann seinen PSA-Wert einmal bestimmen lassen soll, spätestens mit 50 Jahren. Richard Ablin, der Arzt, der das PSA entdeckt hat, schrieb dagegen in der <a href="http://www.nytimes.com/2010/03/10/opinion/10Ablin.html" target="_blank" rel="noreferrer">New York Times</a> vom 10.3.2010: „Der Test sollte auf keinen Fall dazu verwendet werden, die gesamte männliche Bevölkerung über 50 zu untersuchen. ... Als ich vor vier Jahrzehnten meine Entdeckung machte, hätte ich nie gedacht, dass sie eines Tages eine solche von Profitgier getriebene Katastrophe im Gesundheitswesen heraufbeschwören würde.“</p>
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<p><strong>Ansprechpartner:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp;Tel.: (030) 82406-430<br> Jörg Schäfer (Pressestelle RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-244</p>
<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a> .</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Fri, 27 Oct 2017 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Insektensterben die zweite</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/insektensterben-die-zweite
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats Oktober ist eine Fortsetzung der Unstatistik aus dem August 2017. Damals hatten verschiedene Medien gemeldet, dass 80 Prozent der Insekten in Deutschland verschwunden seien: In zwei Fallen in einem Naturschutzgebiet nahe Krefeld hatte man 1989 etwas mehr als ein Kilo Flug-Insekten gefangen, 2013, also 24 Jahre später, 80 Prozent weniger. Natürlich darf man aus einer lokalen Stichprobe vom Umfang zwei keine Schlüsse auf ganz Deutschland ziehen (siehe die Unstatistik August 2017).
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats Oktober ist eine Fortsetzung der Unstatistik aus dem August 2017. Damals hatten verschiedene Medien gemeldet, dass 80 Prozent der Insekten in Deutschland verschwunden seien: In zwei Fallen in einem Naturschutzgebiet nahe Krefeld hatte man 1989 etwas mehr als ein Kilo Flug-Insekten gefangen, 2013, also 24 Jahre später, 80 Prozent weniger. Natürlich darf man aus einer lokalen Stichprobe vom Umfang zwei keine Schlüsse auf ganz Deutschland ziehen (siehe die <a href="http://www.rwi-essen.de/unstatistik/70/" target="_blank">Unstatistik August 2017</a>).</p>
<p>Im Oktober ging dieses Thema aufgrund einer größeren Stichprobe nochmals durch die Medien (unter anderem im <a href="http://www.tagesspiegel.de/wissen/studie-dramatischer-insektenschwund-in-deutschland/20472776.html" target="_blank" rel="noreferrer">Tagesspiegel</a>, im <a href="http://www.deutschlandfunk.de/studie-zahl-der-insekten-geht-massiv-zurueck.2850.de.html?drn:news_id=805767" target="_blank" rel="noreferrer">Deutschlandfunk</a>, in der <a href="https://www.welt.de/wissenschaft/article169786243/Das-mysterioese-Verstummen-beim-Summen.html" target="_blank" rel="noreferrer">Welt</a> und in der <a href="http://www.faz.net/aktuell/wissen/leben-gene/insektensterben-75-prozent-weniger-insekten-in-deutschland-15250672.html" target="_blank" rel="noreferrer">Frankfurter Allgemeinen Zeitung</a>). Dort wird über eine Studie berichtet, die auf Daten von 63 Insektenfallen zurückgreift, die der Krefelder Verein zwischen 1989 bis 2016 aufgestellt hatte. Nach diesen 27 Jahren hatte man 76 Prozent weniger Insekten-Biomasse in den Fallen. Jedoch war keine einzige dieser 63 Fallen über den gesamten Zeitraum an einem Ort aufgestellt. Stattdessen – wie die Autoren der Studie selbstkritisch anmerken – wechselten viele Standorte von Jahr zu Jahr. An den meisten Standorten wurde keine einzige Wiederholungsmessung durchgeführt.</p>
<p>Genauso wichtig für die Bewertung der „76 Prozent“ ist aber auch ein allgemeines Prinzip des kritischen Denkens: Jede berichtete Abnahme zwischen zwei Zeitpunkten hängt davon ab, welchen Anfangszeitpunkt man wählt. Dies gilt besonders bei drastisch schwankenden Werten, wie bei Börsenkursen und Biomassen von Insekten. Hätte man das Jahr 1991 statt 1989 als Anfangspunkt gewählt, dann wären es statt 76 Prozent weniger Insekten nur etwa 30 Prozent weniger gewesen. Das ist immer noch ein Anlass zum Nachdenken über die Ursachen – eine Frage, worauf die Studie keine Antwort findet. Es ist aber auch ein Anlass darüber nachzudenken, warum man immer wieder versucht, uns mit möglichst erschreckenden Zahlen Panik zu machen.</p>
<p>----------</p>
<p><strong>Ansprechpartner:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Walter Krämer,&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0231) 755-3125<br> Jörg Schäfer (Pressestelle RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-244&nbsp;</p>
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<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a> .</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <guid isPermaLink="false">news-1222</guid>
                        <pubDate>Fri, 29 Sep 2017 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Oans, zwoa, gsuffa – Der Streit um die Zahl der Wiesnbesucher</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/oans-zwoa-gsuffa-der-streit-um-die-zahl-der-wiesnbesucher
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats September ist der Streit um die Zahl der Oktoberfestbesucher. Im Vorfeld der Bundestagswahl erregte ein Wahlplakat der AfD, auf dem eine schlecht besuchte Feststraße der Münchner Wiesn mit dem Titel „Oktoberfest: Gähnende Leere“ zu sehen ist, erhebliche mediale Aufmerksamkeit. Mehrere Presseorgane, unter anderem das Projekt „Faktenfinder“ der Tagesschau, bezeichneten das Wahlplakat als „Fake News“, „Wiesn Lüge“ oder „Falschaussage zum Oktoberfest“. Die FAZ kritisierte die Aussagen von „Faktenfinder“ wiederum als „Fake News“, worauf diese ihre Aussagen vehement verteidigten.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats September ist der Streit um die Zahl der Oktoberfestbesucher. Im Vorfeld der Bundestagswahl erregte ein Wahlplakat der AfD, auf dem eine schlecht besuchte Feststraße der Münchner Wiesn mit dem Titel „Oktoberfest: Gähnende Leere“ zu sehen ist, erhebliche mediale Aufmerksamkeit. Mehrere Presseorgane, unter anderem das Projekt „Faktenfinder“ der Tagesschau, bezeichneten das Wahlplakat als „Fake News“, „Wiesn Lüge“ oder „<a href="http://faktenfinder.tagesschau.de/afd-oktoberfest-101.html" target="_blank" rel="noreferrer">Falschaussage zum Oktoberfest</a>“. Die FAZ kritisierte die Aussagen von „Faktenfinder“ wiederum als „<a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/afd-macht-wahlkampf-mit-fake-news-vom-oktoberfest-15209905.html" target="_blank" rel="noreferrer">Fake News</a>“, worauf diese ihre Aussagen <a href="http://faktenfinder.tagesschau.de/inland/afd-oktoberfest-105.html" target="_blank" rel="noreferrer">vehement verteidigten</a>.</p>
<p>Was aber sind die Fakten? Am ersten Wochenende meldete die Festleitung 600.000 Besucher - im langfristigen Vergleich eher unterdurchschnittlich, was jedoch angesichts des schlechten Wetters nicht weiter verwundern sollte. Richtig ist auch, dass im Vergleich zum Vorjahr, mit etwa 500.000 Besuchern am ersten Wochenende, der Besucherandrang angestiegen ist. Insofern haben alle Beteiligten in gewisser Weise, wenn auch nur vorschnell, recht. Inzwischen hat die Festleitung die Besucherzahlen am ersten Wochenende auf 700.000 Besucher <a href="http://faktenfinder.tagesschau.de/inland/afd-oktoberfest-105.html" target="_blank" rel="noreferrer">nach oben korrigiert</a>. Insgesamt erwarten die Veranstalter dieses Jahr 6 Millionen Besucher – diese Zahl liegt leicht unter dem langfristigen Durchschnitt aus den Jahren 1980 bis 2016 von 6,3 Millionen.</p>
<p>Selbst wenn aber die diesjährige Besucherzahl unter dem langfristigen Durchschnitt bleiben sollte, sind die Ursachen nicht ohne weiteres klar. Angst vor Terror könnte eine Rolle spielen – die niedrigsten Besucherzahlen der vergangenen Jahrzehnte gab es 1980, dem Jahr des Oktoberfestattentats, und 2001 (Terrorattentat in den USA). Wichtig sind aber auch das Wetter und die Dauer des Oktoberfests (die durchaus über die Jahre hinweg schwankt), oder ob gleichzeitig das Zentrale Landwirtschaftsfest auf dem Wiesngelände stattfindet und damit für die eigentliche Wiesn weniger Fläche zur Verfügung steht. Das Zuweisen monokausaler Ursachen ist damit reine Spekulation.</p>
<p>Fazit: Probier‘s mal mit Gemütlichkeit – wenn das bei 700.000 Besuchern an einem Wochenende überhaupt möglich ist. Prost!</p>
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<p><strong>Ansprechpartner:</strong></p>
<p>Prof. Dr. Thomas Bauer,&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-264<br> Jörg Schäfer (Pressestelle RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-244&nbsp;</p>
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<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a> .</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Thu, 31 Aug 2017 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>80 Prozent der Insekten sind verschwunden</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/80-prozent-der-insekten-sind-verschwunden
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik August ist die Meldung zur stark abnehmenden Zahl von Insekten in Deutschland. So warnte die Online-Ausgabe der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, faz.net, am 15. Juli „Schleichende Katastrophe: Bis zu 80 Prozent weniger Insekten in Deutschland“. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) warnte vor einem verheerenden Insektensterben: „Wer heute mit dem Auto übers Land fährt, findet danach kaum noch Insekten auf der Windschutzscheibe“ wurde sie in einem Artikel auf welt.de zitiert. Im Bundestags-Wahlprogramm der Grünen steht: „In den vergangenen Jahren hat die Zahl der fliegenden Insekten um 80 Prozent abgenommen.“ Der Onlinebranchendienst „Meedia“ hält dagegen, die Medien seien mit der Meldung vom Verschwinden der Insekten in eine rot-grüne Wahlkampffalle getappt. Die Online-Ausgabe der Schweriner Volkszeitung, svz.de, begibt sich in ihrem Artikel „Merkwürdig still geworden – oder?“ vom 6. August auf Spurensuche und diagnostiziert eine recht dünne Faktenlage.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik August ist die Meldung zur stark abnehmenden Zahl von Insekten in Deutschland. So warnte die Online-Ausgabe der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, faz.net, am 15. Juli <a href="http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/schleichende-katastrophe-bis-zu-80-prozent-weniger-insekten-in-deutschland-15107377.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Schleichende Katastrophe: Bis zu 80 Prozent weniger Insekten in Deutschland“</a>. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) warnte vor einem verheerenden Insektensterben: <a href="https://www.welt.de/newsticker/news1/article166677644/Hendricks-warnt-vor-verheerendem-Insektensterben-in-Deutschland.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Wer heute mit dem Auto übers Land fährt, findet danach kaum noch Insekten auf der Windschutzscheibe“</a> wurde sie in einem Artikel auf welt.de zitiert. Im Bundestags-Wahlprogramm der Grünen steht: „In den vergangenen Jahren hat die Zahl der fliegenden Insekten um 80 Prozent abgenommen.“ Der Onlinebranchendienst „Meedia“ hält dagegen, die Medien seien mit der Meldung vom Verschwinden der Insekten in eine rot-grüne Wahlkampffalle getappt. Die Online-Ausgabe der Schweriner Volkszeitung, svz.de, begibt sich in ihrem Artikel <a href="https://www.svz.de/deutschland-welt/panorama/merkwuerdig-still-geworden-oder-id17483886.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Merkwürdig still geworden – oder?“</a> vom 6. August auf Spurensuche und diagnostiziert eine recht dünne Faktenlage.</p>
<p>Woher kommt aber die Zahl „80 Prozent“? Sie stammt wohl aus einer <a href="http://80.153.81.79/~publ/mitt-evk-2013-1.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">Studie</a> im Orbroicher Bruch, einem Naturschutzgebiet nahe Krefeld, wo man 1989 und 2013 jeweils zwei sogenannte Malaise-Fallen aufgestellt hat. Die Insekten fliegen in ein kleines Zelt und landen in einer Fangflasche mit hochprozentigem Alkohol. Die Falle wurde wöchentlich geleert und die toten Insekten gewogen. Über einem Zeitraum von 24 Wochen fand man 1989 insgesamt pro Falle etwa 1270g Biomasse und 2013 nur 280g – also fast 80% weniger. Die Krefelder Insektenforscher sehen allerdings die Grenzen ihrer Studie: die veröffentlichten Daten betreffen nur diese beiden Jahre (die Daten für die Jahre dazwischen wurden bisher nicht publiziert) und man kann über die Zeit zuvor und danach wenig aussagen; die Falle fängt im wesentlichen nur flugaktive Insekten, nicht jene die nur krabbeln; und der Rückgang gilt für die Messpunkte im Orbroicher Bruch und nicht für ganz Deutschland.</p>
<p>Manche Medien und Politiker haben all dies ignoriert und suggeriert oder einfach behauptet, dass 80 Prozent <em>aller</em> Insekten in <em>ganz</em> Deutschland verschwunden seien. Das zeigt die Studie eben nicht. Wir kennen keine verlässliche Zahl für Deutschland und man bräuchte mehr Langzeitstudien wie jene in Krefeld. Aber anders als andere Tierarten haben Insekten keine Lobby.</p>
<p>Es gibt jedoch gute Hinweise, dass bestimmte Insektenarten – wie die einst von Kindern so geliebten Maikäfer – durch die Überdüngung, Pestizide und Monokulturen deutlich reduziert worden sind. Neben der Landwirtschaft tragen übrigens wir alle dazu bei, solange wir die auf diese Weise erzeugten billigen Lebensmittel kaufen.</p>
<p>Manch einer würde sich wünschen, dass es in diesem Sommer 80 Prozent weniger Mücken gäbe. Davon ist jedoch bislang nichts zu spüren.</p>
<p>----------</p>
<p>Ansprechpartner:</p>
<p>Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp;Tel.: (030) 82406-430<br> Jörg Schäfer (Pressestelle RWI), &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-244</p>
<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a> .</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Fri, 28 Jul 2017 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Quote ist nicht gleich Quote</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/quote-ist-nicht-gleich-quote
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik Juli ist die Berichterstattung über das Thema „Frauen in Führungspositionen“ Anfang des Monats, beispielsweise auf welt.de („SPD droht mit Ausweitung der Frauenquote“). Ursache dieses Interesses waren neben neuen Studienergebnissen insbesondere eine gemeinsame Pressekonferenz von Bundesfamilienministerin Katarina Barley und Bundesjustizminister Heiko Maas, in der eine erste Bilanz des im Mai 2015 in Kraft getretenen „Gesetzes für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen“ gezogen wurde.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik Juli ist die Berichterstattung über das Thema „Frauen in Führungspositionen“ Anfang des Monats, beispielsweise auf welt.de (<a href="https://www.welt.de/wirtschaft/article165961003/SPD-droht-mit-Ausweitung-der-Frauenquote.html" target="_blank" rel="noreferrer">„SPD droht mit Ausweitung der Frauenquote“</a>). Ursache dieses Interesses waren neben neuen Studienergebnissen insbesondere eine gemeinsame Pressekonferenz von Bundesfamilienministerin Katarina Barley und Bundesjustizminister Heiko Maas, in der eine erste Bilanz des im Mai 2015 in Kraft getretenen „Gesetzes für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen“ gezogen wurde. Dieses Gesetz sieht für börsennotierte und mitbestimmungspflichtige Unternehmen eine feste Quote von 30 Prozent Frauenanteil für neu zu besetzende Aufsichtsratsposten vor. Sowohl die Vertreter der Bundesregierung als auch die Medien berichteten, dass dieses Ziel nahezu erreicht sei, da der Frauenteil in den betreffenden Aufsichtsräten von 25 Prozent im Jahr 2016 auf aktuell 28,1 Prozent gestiegen sei.</p>
<p>Doch die Aussage, dass die bis 2020 zu erfüllende Frauenquote in Aufsichtsräten fast schon erreicht ist, ist falsch. Vielmehr liegt bis zur Zielerreichung wahrscheinlich noch ein langer Weg vor uns. Wo liegt der Fehler? Die gesetzlich festgelegte Quote gilt tatsächlich nicht, wie obige Aussagen vermuten lassen, für die Aufsichtsräte als Gesamtheit, sondern für jedes einzelne Unternehmen. Der Anteil der Frauen an allen Aufsichtsräten der betroffenen Unternehmen liefert damit keinerlei Aufschluss über die Zielerreichung des Gesetzes. Hierfür müsste man vielmehr den Anteil derjenigen Unternehmen betrachten, die diese Quote erfüllen. Die auf der Homepage des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) veröffentlichten Daten zeigen, dass aktuell nur 51 der 105 (also knapp 49 Prozent) gelisteten Unternehmen die 30-Prozent-Quote bereits erfüllen (s. <a href="https://www.bmfsfj.de/quote/daten.html" target="_blank" rel="noreferrer">https://www.bmfsfj.de/quote/daten.html</a>). Dabei verdeutlicht das Ministerium zwar die Gesamtentwicklung des Frauenanteils in Aufsichtsräten zwischen 2015 und 2017 in einer schön animierten Graphik. Die eigentlich relevante Zahl – die Entwicklung der Anzahl der Unternehmen, die die 30%-Quote erfüllen – lässt sich mit den zur Verfügung gestellten Daten jedoch nicht nachvollziehen.</p>
<p>Wenn alle Unternehmen inzwischen 28,1 Prozent Frauenanteil im Aufsichtsrat hätten, dann wäre die 30-Prozent Quote auch wirklich in greifbarer Nähe. Jedoch lebt diese Zahl von jenen Unternehmen, welche bereits einen sehr hohen Anteil haben, was das Problem bei vielen anderen verdeckt. Beispielsweise hat Bilfinger eine Frauen-Quote von 50 Prozent (sechs Frauen von zwölf), während Porsche eine Quote von 0 Prozent (0 Frauen von 12) hat.</p>
<p>Fazit: Eine mittlere Quote ist eben nur ein Mittelwert.</p>
<p>----------</p>
<p>Ansprechpartner:</p>
<p>Prof. Dr. Thomas K. Bauer,&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-264<br> Sabine Weiler (Pressestelle RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-213</p>
<p>Für seine Anregung zu dieser Unstatistik ein herzliches Dankeschön an Herrn Johannes Henke von der Ruhr-Universität Bochum (RUB). Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a> .</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Fri, 30 Jun 2017 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>34 Prozent mehr Parkinson durch fettarme Milchprodukte</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/34-prozent-mehr-parkinson-durch-fettarme-milchprodukte
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik Juni ist die Warnung, dass die als gesund gelobte fettarme Milch und der magere Joghurt das Risiko erhöhen, an der Parkinson-Krankheit zu erkranken. So berichtet web.de über zwei Beobachtungsstudien in der Fachzeitschrift Neurology: „Unter den Personen, die drei oder mehr Portionen fettreduzierter Milchprodukte pro Tag konsumiert haben, war die Rate derer, die die Nervenkrankheit Parkinson entwickelten, 34 Prozent höher.“ Auch bei einer Portion täglich sei das Risiko „merkbar erhöht.“
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik Juni ist die Warnung, dass die als gesund gelobte fettarme Milch und der magere Joghurt das Risiko erhöhen, an der Parkinson-Krankheit zu erkranken. So berichtet <a href="https://web.de/magazine/gesundheit/fettarme-milch-beguenstigt-parkinson-krankheit-32377890" target="_blank" rel="noreferrer">web.de</a> über zwei Beobachtungsstudien in der Fachzeitschrift Neurology: „Unter den Personen, die drei oder mehr Portionen fettreduzierter Milchprodukte pro Tag konsumiert haben, war die Rate derer, die die Nervenkrankheit Parkinson entwickelten, 34 Prozent höher.“ Auch bei einer Portion täglich sei das Risiko „merkbar erhöht.“</p>
<p>34 Prozent höheres Risiko! Heißt das, dass von je 100 Personen welche fettarme 1,5%-Milch trinken, 34 später Parkinson-Symptome bekommen? Nein. Hier wurde mit einem altbekannten Trick gearbeitet: Man berichtet den relativen Risikoanstieg, nicht aber den absoluten Anstieg. In absoluten Zahlen sieht das Risiko so aus: Von den Personen, die keine (bzw. weniger als eine Portion pro Tag) fettarme Milchprodukte zu sich nahmen, erkrankten rund 25 Jahre später 0,6 Prozent an Parkinson, bei drei oder mehr Portionen stieg diese Zahl auf 1 Prozent. Der absolute Risikoanstieg ist also 0,4 Prozentpunkte. Damit kann man keinen großen Eindruck schinden. Mit relativen Zahlen schon: Demnach steigt das relative Risiko um 34 Prozent. Die Zahl entstand nach dem Einrechnen von Kontrollvariablen wie dem Rauchen; ohne diese Faktoren wäre der Anstieg von 0,6 auf 1 dann 66 Prozent mehr. Im Abstrakt des Originalartikels (Hughes et al., Neurology 2017) wird auch nur der relative Anstieg des Risikos berichtet – mit relativen Zahlen große Gefahren zu suggerieren hat eine lange Tradition in medizinischen Fachzeitschriften.</p>
<p>Die gute Nachricht ist, dass anders als web.de die meisten Medien-Berichte die absoluten Zahlen genannt haben, wie etwa <a href="https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/76295/Studie-sieht-fettarme-Milchprodukte-als-Parkinson-Risiko" target="_blank" rel="noreferrer">aerzteblatt.de</a>. Auch wurde regelmäßig berichtet, dass es sich um Beobachtungsstudien und keine experimentellen Studien handelte, was bedeutet, dass man mit kausalen Schlüssen – fettarme Milch bedingt Parkinson – sehr vorsichtig sein muss. Wir haben insgesamt den Eindruck, dass sich die Berichterstattung nach 5 Jahren „Unstatistik“ merkbar verbessert. Auch das ist allerdings eine Korrelation und kein kausaler Beweis.</p>
<p>Soll man nun Vollmilch statt fettarmer Milch trinken, wenn man sich um Parkinson sorgt? Da die kausale Frage ungeklärt ist und der absolute Effekt – wenn es ihn gibt – klein ist, sollte man sich keine großen Sorgen machen und einfach entspannt trinken, was einem schmeckt.</p>
<p>----------</p>
<p>Ansprechpartner:</p>
<p>Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp;Tel.: (030) 82406-430<br> Jörg Schäfer (Pressestelle RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-244</p>
<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a> .</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Wed, 31 May 2017 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Trend nach Wunsch bei Pflanzengift</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/trend-nach-wunsch-bei-pflanzengift
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik Mai ist eine in vielen Medien wiedergegebene Warnung vor einer steigenden Nutzung von Pflanzengift in der deutschen Landwirtschaft. So titelte die Berliner Zeitung am 12. Mai „Über 34 000 Tonnen – Bauern spritzen immer mehr Pflanzengift“. In Wahrheit gibt es aber keinen Nachweis, dass die Nutzung ansteigt.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik Mai ist eine in vielen Medien wiedergegebene Warnung vor einer steigenden Nutzung von Pflanzengift in der deutschen Landwirtschaft. So titelte die Berliner Zeitung am 12. Mai „<a href="http://www.berliner-zeitung.de/wirtschaft/ueber-34-000-tonnen-bauern-spritzen-immer-mehr-pflanzengift-26886924" target="_blank" rel="noreferrer">Über 34 000 Tonnen – Bauern spritzen immer mehr Pflanzengift</a>“. In Wahrheit gibt es aber keinen Nachweis, dass die Nutzung ansteigt.</p>
<p>Die Zeitreihe der jährlich in Deutschland verkauften Pflanzengifte schwankt nach Angaben des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit – vor allem witterungs- und preisbedingt – zwischen 30.000 und 35.000 Tonnen. So erhält man beim Vergleich der Jahre 2009 (30.162 Tonnen) und 2015 (34.752 Tonnen) einen positiven Trend. Vergleicht man hingegen die Jahre 2008 (34.664 Tonnen) und 2014 (34.514 Tonnen), erhält man einen leicht negativen Trend. Und der würde mit den neuen Zahlen aus 2016 – noch nicht in den obigen Meldungen enthalten - sogar noch stärker, da sich nach Angaben des Industrieverbands Agrar e.V. (IVA) der Absatz im Jahr 2016 <a href="https://www.topagrar.com/news/Acker-Agrarwetter-Ackernews-Absatz-und-Umsaetze-der-Pflanzenschutzmittelhersteller-gingen-2016-deutlich-zurueck-8190571.html" target="_blank" rel="noreferrer">stark rückläufig entwickelt</a> hat. Offizielle Daten des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit für das Jahr 2016 liegen bisher nicht vor.</p>
<p>Jede Zeitreihe, die zufällig um eine Konstante herum schwankt, hat, wenn man in einem Tal anfängt und auf einem Berg aufhört, einen positiven Trend. Und umgekehrt erzeugt man einen negativen Trend beim Start auf einem Berg und Ziel in einem Tal. Wie man an der unten stehenden Abbildung leicht erkennen kann, kann man damit sehr unterschiedliche Aussagen erzeugen, je nachdem welches Jahr man zum Vergleich heranzieht.</p>
<p>Die gleiche Methode – ein Tal auszuwählen und oben am Berg aufzuhören – wird auch gerne von Investmentfirmen verwendet, die bei potenziellen Kunden den Eindruck erwecken möchten, dass der Wert ihres Produkts stets nach oben geht. Die Moral der Geschichte ist: lassen Sie sich immer die ganze Kurve zeigen.</p>
<p><a href="/media/content/pages/presse/downloads/grafik_absatz_pflanzenschutzmittel_brd.jpg"><img alt="Inlandsabsatz Pflanzenschutzmittel BRD" src="/media/content/pages/presse/downloads/grafik_absatz_pflanzenschutzmittel_brd.jpg" style width="800" height="548" class="rte_imagepresent"></a></p>
<p>----------</p>
<p>Ansprechpartner:</p>
<p>Prof. Dr. Walter Krämer,&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0231) 755-3125<br> Jörg Schäfer (Pressestelle RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-244&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a> .</p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2017</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Fri, 28 Apr 2017 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Eine Stunde joggen, sieben Stunden länger leben</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/eine-stunde-joggen-sieben-stunden-laenger-leben
                                            
                                    
                            
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                        <description>Eine amerikanische Studie über Jogging hat im April die Medien bewegt – und zur Unstatistik des Monats April geführt. Die Studie berichtet, dass Laufen mit einer Verringerung von Herzkrankheiten, Krebs und anderen Krankheiten einhergeht und diese Wirkung größer sei, als wenn man die gleiche Zeit mit Radfahren, Schwimmen, Gehen oder einem anderem Sport verbringt. Im Internet wurden die Ergebnisse mit Schlagzeilen wie „Eine Stunde Jogging verlängert Leben um sieben Stunden“ verbreitet.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Eine amerikanische Studie über Jogging (Lee et al „Running as a Key Lifestyle Medicine for Longevity“) hat im April die Medien bewegt – und zur Unstatistik des Monats April geführt. Etwa 55.000 Männer und Frauen im Alter von 18 bis 100 Jahren wurden untersucht, um herauszufinden, ob Laufen das Leben verlängert. Die Studie berichtet, dass Laufen mit einer Verringerung von Herzkrankheiten, Krebs und anderen Krankheiten einhergeht und diese Wirkung größer sei, als wenn man die gleiche Zeit mit Radfahren, Schwimmen, Gehen oder einem anderem Sport verbringt. Im Internet wurden die Ergebnisse mit Schlagzeilen wie <a href="http://www.ispo.com/knowhow/id_79705462/studie-1-stunde-jogging-verlaengert-leben-um-7-stunden.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Eine Stunde Jogging verlängert Leben um sieben Stunden“</a> (www.ispo.com) oder <a href="https://www.woman.at/a/jede-stunde-laufen-mehr-lebenszeit" target="_blank" rel="noreferrer">„Jede Stunde Laufen schenkt dir 7 Stunden Lebenszeit!“</a> (www.woman.at) verbreitet.</p>
<p>Eine Stunde investieren und sieben zusätzliche erhalten – das klingt wie ein Traum. Wenn das so wäre, dann könnten wir uns unsterblich „laufen“. Rechnen wir das einmal nach: Würde man täglich vier Stunden laufen, dann macht das pro Tag einen Gewinn von 28 Stunden Lebenszeit. Da 28 Stunden länger dauern als ein Tag, wird demnach die Lebenserwartung jeden Tag immer länger. Selbst wenn man nur eine Stunde täglich joggen würde, wären dies in den 50 Lebensjahren von 20 bis 70 insgesamt 365x50 Stunden, also etwas über 2 Jahre, die man mit Laufen verbringt. Nach dieser Rechnung würde sich die Lebenserwartung um 14 Jahre verlängern, wovon modernste Medizintechnik nur träumen kann. Also nichts wie los, ums Leben laufen?</p>
<p>Doch die Schlagzeilen führen in die Irre, da sich die Zahl „eine Stunde Joggen, um sieben Stunden länger zu leben“ nur auf die Situation von zwei Stunden Jogging pro Woche bezieht. Das ist die durchschnittliche Zeit, welche die untersuchten Jogger gelaufen sind (und diese zwei Stunden wurden nicht gemessen, sondern waren eine Selbsteinschätzung im Fragebogen). In der Originalstudie heißt es auch klar, dass der Nutzen des Laufens abnimmt, je länger man pro Tag läuft. Insgesamt wird über einen maximalen Gewinn von etwa drei Jahren Lebenserwartung berichtet – was die meisten Berichte im Internet am Ende auch erwähnen. Die Zahl „eine Stunde Joggen und sieben Stunden länger leben“ wurde so geschätzt: Eine Gruppe von Joggern im Alter von 44 Jahren, die 2 Stunden pro Woche läuft, verbringt bis zum Alter von 80 Jahren insgesamt 0,43 Jahre mit Laufen und gewinnt dabei 2,8 Jahre zusätzliche Zeit – das entspricht rund eine Stunde Laufen pro sieben Stunden länger leben. Dass jede zusätzliche Stunde Laufen sieben Stunden Lebenszeit schenkt und damit das Leben immer länger wird, wenn man mehr läuft, davon war nicht die Rede. Im Gegenteil, exzessives Laufen kann das Risiko erhöhen, an Herzkrankheiten zu sterben, wie die Studie auch berichtet.</p>
<p>Fazit: Schlagzeilen erwecken oft Erwartungen, die der Artikel nicht befriedigen kann. Dennoch weisen viele Studien daraufhin, dass regelmäßige Bewegung wie Laufen, Gehen und Tanzen für Menschen ohne schwere Krankheit genau so viel oder mehr zur Gesundheit beitragen kann wie regelmäßige Checkups, Krebs-Früherkennung und vorbeugende Medikamente. Und noch etwas: Wenn schon zum Arzt, dann laufen.</p>
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<p>Ansprechpartner:</p>
<p>Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp;Tel.: (030) 82406-430<br> Jörg Schäfer (Pressestelle RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-244&nbsp;</p>
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<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a></p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Thu, 30 Mar 2017 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Armes Deutschland</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/armes-deutschland
                                            
                                    
                            
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                        <description>„Die Armut in Deutschland ist auf einen neuen Höchststand von 15,7 Prozent angestiegen.“ Diese Aussage in der Pressemitteilung zum Armutsbericht 2017 des Paritätischen Gesamtverbands ist die Unstatistik des Monats März. Nach Lesart des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes beginnt Armut in Deutschland unterhalb eines Einkommens von 60 Prozent des Medians - unabhängig davon, wie hoch der Median eigentlich liegt.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>„Die Armut in Deutschland ist auf einen neuen Höchststand von 15,7 Prozent angestiegen.“ Diese Aussage in der <a href="http://www.der-paritaetische.de/armutsbericht/pressekonferenz-020317" target="_blank" rel="noreferrer">Pressemitteilung zum Armutsbericht 2017 des Paritätischen Gesamtverbands</a> ist die Unstatistik des Monats März. „Nach Aussagen des Verbandes markiert dieser Höchstwert einen mehrjährigen Trend wachsender Armut. Er fordert die Politik zu einem entschlossenen Handeln in der Arbeitsmarktpolitik, beim Wohnungsbau, in der Bildung und dem Ausbau sozialer Dienstleistungen und Angebote in den Kommunen auf. Voraussetzung für eine offensive Armutsbekämpfung sei ein rigoroser Kurswechsel in der Steuer- und Finanzpolitik.“</p>
<p>Nach Lesart des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes beginnt Armut in Deutschland unterhalb eines Einkommens von 60 Prozent des Medians. Der Median ist das Einkommen, welches von 50 Prozent der Bevölkerung über- und von 50 Prozent unterschritten wird. Ein Mensch mit Medianeinkommen hat also genauso viele andere über sich wie unter sich. Der ganze Unfug dieser Anbindung der Armutsgrenze an den Median wird deutlich, wenn man die Folgen einer realen Verdopplung oder Verdreifachung aller Einkommen überdenkt: Dann verdoppelt oder verdreifacht sich auch der Median und damit auch die Armutsgrenze, die Armut bleibt gleich, unabhängig davon, wie stark das reale Einkommen der vormals Armen wächst.</p>
<p>Erschwerend kommt hinzu, dass das im Mikrozensus erfasste Nettoeinkommen das im ökonomischen Sinn „wahre“ Einkommen nur sehr unvollkommen misst. Dazu zählt zum Beispiel auch Einkommen aus Schwarzarbeit. Nach Expertenschätzungen kommen so gerade in den unteren Einkommensgruppen und bei Sozialhilfeempfängern nochmals bis zu durchschnittlich 10 Prozent an Einkommen dazu. In Einzelfällen natürlich sehr viel mehr. Zum „wahren“ Einkommen zählt ferner jede Produktion, die nicht am Mark gekauft, sondern im Haushalt selbst erwirtschaftet wurde. Nach Expertenschätzungen beträgt dieses am Markt vorbei erzeugte und nicht im Sozialprodukt erfasste Einkommen inzwischen über 100 Milliarden Euro jährlich; Ikea sei Dank, mit steigender Tendenz. Denn mit der Baumarktbranche und der Heimwerkerbewegung wächst auch die Haushaltsproduktion beziehungsweise das dadurch gesparte Geld. Und schließlich gehören zum wahren Einkommen auch die vielfältigen staatlichen Realtransfers. Würde man etwa, wie es die ökonomische Vernunft verlangt, die Ausgaben des Staates für eine Universitätsausbildung dem Einkommen des Elternhaushaltes zurechnen, wäre fast kein Haushalt mit studierenden Kindern in Deutschland heute arm. Würde man schließlich auf das Lebenseinkommen abzielen, würden auch viele Studenten und Auszubildende nicht mehr als arm eingestuft werden.</p>
<p>Was die Armutsquote des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes wirklich misst, wenn auch nur sehr unvollkommen, ist nicht die Armut, sondern die Ungleichheit. Oder, wie es der Paritätische Gesamtverband auf Seite 8 seines Berichts schreibt: „Wo keiner etwas besitzt, gibt es auch keine Einkommensungleichheit und damit keine Armut“. Armut verschwindet nach diesem Armutskonzept nur, wenn alle Personen identisch dasselbe Nettoeinkommen haben, egal ob dies wenig ist (wie beispielsweise in Nordkorea) oder viel.</p>
<p>Anders als in früheren Jahren, als die Medien die in diversen Armutsberichten kolportierten Quoten noch für bare Münze genommen und weiterverbreitet hatten, gab es dieses Mal auch Kritik. Es wäre zu hoffen, dass die vorliegende Unstatistik die letzte ist, die sich dem Thema Armutsquoten widmen muss.</p>
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<p>Ansprechpartner:</p>
<p>Prof. Dr. Walter Krämer,&nbsp;&nbsp; &nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0231) 755-3125<br> Jörg Schäfer (Pressestelle RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-244&nbsp;</p>
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<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>.</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Fri, 24 Feb 2017 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Postfaktische US-Terrorismus-Politik</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/postfaktische-us-terrorismus-politik
                                            
                                    
                            
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                        <description>US-Präsident Donald Trump unterzeichnete einen Erlass zum “Schutz der Nation vor der Einreise ausländischer Terroristen”, laut dem Bürgern aus sieben Ländern mit vorwiegend muslimischer Bevölkerung die Einreise in die USA 90 Tage lang nicht erlaubt sein sollte. Die Unstatistik des Monats Februar betrachtet die Faktenlage für diesen Erlass Trumps. 
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>US-Präsident Donald Trump unterzeichnete einen Erlass zum “Schutz der Nation vor der Einreise ausländischer Terroristen”, laut dem Bürgern aus sieben Ländern mit vorwiegend muslimischer Bevölkerung die Einreise in die USA 90 Tage lang nicht erlaubt sein sollte. Diesem Erlass folgten Gerichtentscheide und empörte Reaktionen seitens der neuen US-Regierung gegen die Richter, über die die Presse ausführlich berichtete. Die Unstatistik des Monats Februar betrachtet die Faktenlage für diesen <a href="https://www.nytimes.com/2017/01/27/us/politics/refugee-muslim-executive-order-trump.html?ribbon-ad-idx=3&amp;rref=homepage&amp;_r=0" target="_blank" rel="noreferrer">Erlass Trumps</a>. Dieser sieht einen Einreisestopp für Bürger von genau sieben Staaten vor. Als Begründung dafür wurde der Anschlag vom 11. September 2001 genannt sowie behauptet, dass auch danach viele im Ausland geborene Personen wegen terroristischer Taten angeklagt oder verurteilt worden seien. Daher sollten Personen aus Irak, Syrien, Libyen, Somalia, Jemen, Sudan und Iran nicht einreisen dürfen.</p>
<p>All dies suggeriert, dass Personen aus diesen sieben Ländern an den Anschlägen am 11. September oder an den folgenden islamistischen Anschlägen besonders häufig beteiligt waren. Was aber sind die Fakten? Kein einziger der Flugzeugentführer vom 11. September stammte aus diesen Ländern, sondern aus Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Ägypten und dem Libanon – keines dieser Länder steht auf Trumps Liste. Auch kamen diese Terroristen nicht als Flüchtlinge in die USA. Wie sieht es vor und nach 2001 aus? Die Anzahl der Amerikaner, die von Terroristen aus diesen sieben Ländern zwischen 1975 und 2015 getötet wurden, ist ebenfalls exakt null, belegt etwa die <a href="http://www.huffingtonpost.com/entry/no-terror-attacks-muslim-ban-7-countries-trump_us_588b5a1fe4b0230ce61b4b93" target="_blank" rel="noreferrer">Huffington Post</a>.</p>
<p>Wie groß ist die Gefahr islamistischen Terrors in den USA insgesamt? Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 wurden in den USA 123 Menschen von muslimischen Extremisten ermordet – keiner dieser Extremisten kam aus den von Trump genannten Ländern. Im gleichen Zeitraum wurden in den USA insgesamt 230.000 Menschen ermordet. Ehemänner sind beispielsweise weitaus tödlicher als Terroristen, und selbst Kleinkinder erschießen mehr Menschen in einem Land, in dem jeder zweite Haushalt Schusswaffen besitzt. (Um die Menschen vor Terroristen zu schützen, will US-Präsident Trump den Zugang zu diesen Waffen übrigens auch noch erleichtern.)</p>
<p>Warum also die falschen sieben Länder? Weil mit anderen muslimischen Ländern Geschäftsverbindungen bestehen? Die Antwort weiß nur Trump allein. Willkommen im postfaktischen Zeitalter.&nbsp;&nbsp;</p>
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<p>Ansprechpartner:</p>
<p>Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; Tel.: (030) 82406-430<br> Jörg Schäfer (Pressestelle RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-244&nbsp;</p>
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<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a> .</p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2017</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <guid isPermaLink="false">news-1213</guid>
                        <pubDate>Tue, 31 Jan 2017 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Feinstaub durch Silvesterknaller - Schall und Rauch statt akute Gesundheitsgefahr</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/feinstaub-durch-silvesterknaller-schall-und-rauch-statt-akute-gesundheitsgefahr
                                            
                                    
                            
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                        <description>Als vermeintliche Umweltsünder ins neue Jahr: Mit Sätzen wie „Die Deutschen haben ihre Luft an Silvester mit Lust und Vorsatz vergiftet“ geißelten Medien wie die Süddeutsche Zeitung oder Focus Online in den ersten Januartagen die private Böllerei. Was für viele Menschen in Deutschland als gute Tradition zum Jahreswechsel gilt, gehöre angesichts der Feinstaubbelastung als „nicht mehr zeitgemäßes Vergiften der Luft“ verboten, wird etwa der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH) Jürgen Resch zitiert. 
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Als vermeintliche Umweltsünder ins neue Jahr: Mit Sätzen wie „Die Deutschen haben ihre Luft an Silvester mit Lust und Vorsatz vergiftet“ geißelten Medien wie die <a href="http://www.sueddeutsche.de/politik/luftverschmutzung-an-neujahr-unter-der-glocke-1.3317802" target="_blank" rel="noreferrer">Süddeutsche Zeitung</a> oder <a href="http://www.focus.de/wissen/natur/gefahr-fuer-mensch-und-umwelt-dunstglocke-wegen-boellern-silvesterraketen-treiben-feinstaubwerte-in-die-hoehe_id_6437764.html" target="_blank" rel="noreferrer">Focus Online</a> in den ersten Januartagen die private Böllerei. Was für viele Menschen in Deutschland als gute Tradition zum Jahreswechsel gilt, gehöre angesichts der Feinstaubbelastung als „nicht mehr zeitgemäßes Vergiften der Luft“ verboten, wird etwa der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH) Jürgen Resch zitiert. Die Medien beriefen sich in ihren Artikeln auf die hohen Feinstaubkonzentrationen um 1 Uhr nachts, also unmittelbar nach dem Böller-Höhepunkt. Zu dieser Zeit wurden etwa in Berlin und Leipzig Spitzenwerte erreicht, die den EU-Tageshöchstrichtwert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter um ein Vielfaches überschritten. Gleichzeitig wiesen die Artikel auf die negativen Folgen für Atemwege und Herz-/Kreislauferkrankungen hin.</p>
<p>Haben die Deutschen sich also an Silvester vorsätzlich schweren gesundheitlichen Risiken durch Feinstaubbelastung ausgesetzt? Nein, die Medien-Hysterie vom Jahresanfang war deutlich übertrieben. Das zeigen drei Gründe:</p>
<p><strong>Punktuelle Feinstaubbelastung wirkt anders als dauerhafte Feinstaubbelastung</strong></p>
<p>Bisher gibt es keine Belege für gesundheitliche Risiken durch punktuell sehr hohe Feinstaubbelastungen bei gesunden Menschen. Der EU-Richtwert bezieht sich vielmehr auf Tagesdurchschnitte. Diese steigen durch die private Knallerei natürlich an. Ihre Auswirkung verliert auf 24 Stunden verteilt aber viel von ihrem erschreckenden Ausmaß. So steht etwa dem um 1 Uhr nachts gemessenen Spitzenwert für Leipzig von 1.860 Mikrogramm pro Kubikmeter ein Durchschnitt von 133 Mikrogramm pro Kubikmeter am 1. Januar entgegen. Für Berlin betrugen die entsprechenden Werte aus der Silvesternacht 647 respektive 47 Mikrogramm pro Kubikmeter für den Tagesdurchschnitt.</p>
<p><strong>Feinstaub verflüchtigt sich schnell</strong></p>
<p>Bereits am 2. Januar wurden selbst in Städten, die wie Berlin und Leipzig in der Silvesternacht extrem hohe Feinstaubbelastungen aufwiesen, keine Grenzwertüberschreitungen mehr festgestellt. Haupteinflussfaktor für die Beständigkeit von Feinstaub ist das Wetter: Weht beispielsweise wenig Wind, bleibt die Feinstaubkonzentration in betroffenen Gebieten länger hoch. Das hat bei anhaltender Feinstaubzufuhr wie etwa durch innerstädtischen Verkehr viel verheerendere Auswirkungen als zeitlich begrenzte Aktivitäten wie die Silvesterböllerei.</p>
<p><strong>Richtwerte für das gesamte Jahr</strong></p>
<p>Der EU-Richtwert ist mit 50 Mikrogramm pro Kubikmeter darüber hinaus sehr vorsichtig bemessen und in die Grundregel eingebettet, dass dieser nicht mehr als 35 Mal im Jahr überschritten werden darf. Zum Vergleich: Für drei Milliarden Menschen in Entwicklungsländern, die ihre Mahlzeiten mangels Strom und Gas mit Feuerholz zubereiten, sind durchschnittliche Feinstaubbelastungen von etwa 900 Mikrogramm pro Kubikmeter tagtäglich Realität. Dies sind die Missstände, die etwa die Weltgesundheitsorganisation bei ihrem Kampf für saubere Luft vor allem im Auge hat. In Deutschland sorgt das Böllern an Neujahrstagen zwar immer mal wieder für einen Tag der Grenzwertüberschreitung, doch allein eine veränderte Wetterlage „verbraucht“ in den meisten Jahren mehrere der verbliebenen 34 Tage. Nur an wenigen Orten Deutschlands kommt es tatsächlich an mehr als 35 Tagen im Jahr zu Überschreitungen und dies ist dann meist dem Straßenverkehr zuzuschreiben.</p>
<p>Fazit: Auch wenn das private Silvesterfeuerwerk einmal im Jahr zu einer Grenzwertüberschreitung beiträgt und die Lärm- und Geruchsbelästigung zurecht nicht jedem gefällt, ist weder das Böllern selbst besonders giftig, noch hat es im Jahresverlauf große Auswirkungen. Der Feinstaubhysterie muss diese Tradition also nicht zum Opfer fallen.</p>
<p>----------</p>
<p>Ansprechpartner:</p>
<p>Prof. Dr. Jörg Peters,&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Tel.: (0201) 8149-247<br> Katja Fels (Pressestelle RWI),&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-217</p>
<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. In diesem Monat haben die Gastautoren Jörg Langbein und Jörg Peters, Leiter der Forschungsgruppe „Klimawandel in Entwicklungsländern“ am RWI – Leibniz Institut für Wirtschaftsforschung, zu der „Unstatistik“ beigetragen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a> .</p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2017</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <guid isPermaLink="false">news-1212</guid>
                        <pubDate>Tue, 20 Dec 2016 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Big Data knackt Ihre Psyche</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/big-data-knackt-ihre-psyche
                                            
                                    
                            
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                        <description>„Zeige mir deine ‚Facebook-Likes’ und ich sage dir, wer du bist.“ Wie ein Lauffeuer verbreitete sich im Dezember die Botschaft, dass ein derartiger Facebook-Algorithmus Donald Trump zum Wahlsieg verholfen haben soll. Viele renommierte Medien stellen diese Behauptung in Frage, denn bewiesen hat der auslösende Artikel im Schweizer „Das Magazin“ den Zusammenhang keinesfalls.
</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>„Zeige mir deine ‚Facebook-Likes’ und ich sage dir, wer du bist.“ Wie ein Lauffeuer verbreitete sich im Dezember die Botschaft, dass ein derartiger Facebook-Algorithmus Donald Trump zum Wahlsieg verholfen haben soll. Viele renommierte Medien stellen diese Behauptung in Frage, denn bewiesen hat <a href="https://www.dasmagazin.ch/2016/12/03/ich-habe-nur-gezeigt-dass-es-die-bombe-gibt/" target="_blank" rel="noreferrer">der auslösende Artikel im Schweizer „Das Magazin“</a> den Zusammenhang keinesfalls. Doch warum wird nicht auch der Algorithmus selbst hinterfragt? Grund dazu gibt es, schließlich behauptet dessen Entwickler, dass er aufgrund von „Gefällt-mir“-Angaben, psychometrischer Tests und dem Facebook- Profil&nbsp; einer Person genaue Aussagen über ihre Persönlichkeit treffen könne. So könne, wie der Artikel im Magazin behauptet, mit einer Genauigkeit von 88% vorhergesagt werden, was für eine sexuelle Orientierung ein Mann hat. <a href="http://www.chip.de/news/Gratis-Tool-kennt-Sie-besser-als-Ihre-Mutter-Wissenschaftler-entwickeln-beeindruckenden-Persoenlichkeitstest_104782850.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Facebook knackt Ihre Psyche“</a> verriet uns denn auch chip.de.</p>
<p>Dabei ist diese Zahl gar nicht die Genauigkeit der Prognose. Tatsächlich bedeutet das Ergebnis: Nimmt man je eine Person pro Gruppe, also einen homosexuellen und einen heterosexuellen Mann, so kann man diese mit einer Wahrscheinlichkeit von 88% ihren richtigen Gruppen zuordnen. Die Prozentzahl bemisst die so genannte „Area under the Curve“ und bezieht sich auf den Vergleich zwischen den Gruppen, nicht auf die Prognosegüte an sich.</p>
<p>Doch auch eine echte Wahrscheinlichkeitsaussage wäre mit Vorsicht zu genießen. Es reicht für unsere Zwecke aus, von einer groben Schätzung von rund 10% Homosexuellen in der Gesamtbevölkerung auszugehen. In einer Gruppe von 10.000 Personen wären dann 9.000 hetero- und 1.000 homosexuell. Wer alle Menschen als heterosexuell klassifizierte, überträfe den Algorithmus schon um 2 Prozentpunkte, läge aber bei den Homosexuellen sicher falsch. Ein etwas komplexerer Algorithmus, der in beiden Gruppen eine Korrektheit von 88% besäße, würde in der ersten Gruppe 7.920 Personen als hetero- und 1.080 fälschlicherweise als homosexuell einschätzen. In der zweiten Gruppe werden 880 Personen korrekt eingeschätzt, 120 falsch. Aufaddiert wird also für 1.960 Personen die Aussage getroffen, dass sie homosexuell sind. Davon sind aber tatsächlich nur 880 homosexuell, was zu einer Treffsicherheit von nur etwa 45% führt. Das ist eine ziemlich enttäuschende Leistung, die sich unmittelbar aus dem Satz von Bayes ergibt.</p>
<p><strong>Algorithmus formalisiert Alltags-Klischees und liegt oft daneben</strong></p>
<p>Bei Frauen, so wird berichtet, könne man die sexuelle Orientierung nur mit 75% Sicherheit vorhersagen. Mit der gleichen Analyse wie oben ergibt sich daraus, dass nur 25% von allen als homosexuell diagnostizierten Frauen tatsächlich homosexuell sind. Die meisten sind Fehldiagnosen.</p>
<p>Also, wenn Sie wissen, ob sie homosexuell sind, dann sagt Ihnen der Algorithmus nichts Neues. Wenn Sie sich nicht sicher sind und Sie die Diagnose „homosexuell“ erhalten, dann ist die Diagnose wahrscheinlich ein Irrtum. Wie wir schon zuvor bei der Vorhersage von Pankreaskrebs durch die Microsoft-Suchmaschine Bing berichteten: Viel Lärm um Big Data.</p>
<p>Selbst wenn alle Daten korrekt wären, ist der Algorithmus kaum mehr als eine Formalisierung von Alltags-Klischees. Wenn ein Mann freimütig erzählt, dass er sich brennend für Make-Up und Mode interessiert, müssen wir uns selbstkritisch fragen, wie gefeit wir vor unwillkürlichen Einschätzungen sind. So folgert auch der Algorithmus: Männer, die die Kosmetikmarke MAC mögen, sind mit höherer Wahrscheinlichkeit homosexuell. Eher sollten wir uns also darüber Sorgen machen, wie sehr Facebooks Algorithmus die in unseren Köpfen verankerten Vorurteile bestärkt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>----------</p>
<p>Ansprechpartnerin:<br> Katharina Schüller (STAT-UP), &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (089) 34077-447</p>
<p><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. <em>In diesem Monat hat die Gastautorin Katharina Schüller, Geschäftsleiterin und Gründerin von STAT-UP, die „Unstatistik“ verfasst.</em> Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>.</em></p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Wed, 30 Nov 2016 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Noch 170 Jahre bis zur Gleichberechtigung von Mann und Frau</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/noch-170-jahre-bis-zur-gleichberechtigung-von-mann-und-frau
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik November ist: „Erst im Jahr 2186 werden Frauen und Männer wirtschaftlich gleich gut aufgestellt sein.“ So berichtete das Schweizer Magazin Blick. Auch Focus online und andere deutsche Medien griffen diese Zahlen aus dem „Gender Gap Report“ des Weltwirtschaftsforums vom 25. Oktober auf und meldeten noch im November: „Es dauert noch 170 Jahre bis zur Gleichberechtigung.“
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik November ist: „Erst im Jahr 2186 werden Frauen und Männer wirtschaftlich gleich gut aufgestellt sein.“ So berichtete das Schweizer Magazin <a href="http://www.blick.ch/news/schweiz/wef-studie-noch-170-jahre-bis-mann-und-frau-gleich-viel-verdienen-id5660665.html" target="_blank" rel="noreferrer">Blick</a>. Auch <a href="http://www.focus.de/finanzen/videos/gender-gap-es-dauert-noch-170-jahre-bis-zur-gleichberechtigung_id_6117194.html" target="_blank" rel="noreferrer">Focus online</a> und andere deutsche Medien griffen diese Zahlen aus dem „Gender Gap Report“ des Weltwirtschaftsforums vom 25. Oktober auf und meldeten noch im November: „Es dauert noch 170 Jahre bis zur Gleichberechtigung.“</p>
<p>Technisch gesehen ist das eine lineare Trendextrapolation: Was wäre, wenn die Angleichung der Löhne und Gehälter im gleichem Tempo fortschritte wie letztes Jahr? Niemand hat dergleichen Extrapolationen überzeugender als Unfug entlarvt als der großartige Mark Twain. „Binnen 170 Jahren hat sich der untere Mississippi um 240 Meilen verkürzt“, schreibt er in „Leben auf dem Mississippi“. „Das macht im Durchschnitt 1 1/3 Meilen pro Jahr. Daher sieht jeder Mensch, es sei denn er ist blind oder ein Idiot, dass vor einer Million Jahren der untere Mississippi mehr als eine Million dreihunderttausend Meilen lang gewesen ist.“</p>
<p>Ob also Frauen in 10 oder 100 Jahren oder niemals das Einkommen der Männer erreichen, ist aus aktuellen Wachstumsraten nicht abzulesen. Seriöse Medien haben denn auch die 170 Jahre als reine „Was-wäre-wenn“ Gedankenspielerei kolportiert. Mit einer ernstzunehmenden Prognose hat das nichts zu tun. Letztes Jahr hatten die Experten des Weltwirtschaftsforums noch 118 Jahre geschätzt, was die Unzuverlässigkeit solcher Hochrechnungen illustriert. Das Problem ist, dass Zahlen wie 170 Jahre ernstgenommen werden könnten und dann entsprechend wenig unternommen wird, um die wirtschaftliche Ungleichheit zwischen Männern und Frauen demnächst wirklich zu beseitigen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>----------</p>
<p>Ansprechpartner:<br> Prof. Dr. Walter Krämer, &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0231) 755-3125<br> Jörg Schäfer (Pressestelle RWI), &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-244</p>
<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>.</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Fri, 28 Oct 2016 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Das Glück macht einen Sprung!</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/das-glueck-macht-einen-sprung
                                            
                                    
                            
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                        <description>Krieg im Nahen Osten, Flüchtlingskrise, Klimawandel – aber die Deutschen werden glücklicher, so das von nahezu allen Presseorganen aufgenommene Ergebnis des von der Deutschen Post herausgegebenen Glücksatlas. „Das Glück der Deutschen macht einen deutlichen Sprung“ – sagt man uns dort schon im Titel. In der Studie hatten Deutsche ihre Lebenszufriedenheit auf einer Skala von 0 bis 10 beurteilt. Gegenüber dem Vorjahr ist diese im Mittel von 7,0 auf 7,1 gestiegen!  
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Krieg im Nahen Osten, Flüchtlingskrise, Terrorgefahr, Brexit, Klimawandel – aber die Deutschen werden glücklicher, so das von nahezu allen Presseorganen aufgenommene Ergebnis des von der Deutschen Post herausgegebenen <a href="http://www.gluecksatlas.de/" target="_blank" rel="noreferrer">Glücksatlas</a>, über den unter anderem <a href="http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-10/gluecksatlas-2016-deutschland-studie-zufriedenheit-anstieg" target="_blank" rel="noreferrer">Zeit Online</a> oder auch <a href="http://www.heute.de/gluecksatlas-zufriedenheit-in-deutschland-steigt-45676832.html" target="_blank" rel="noreferrer">heute.de</a> am 18. Oktober berichtet haben. „Das Glück der Deutschen macht einen deutlichen Sprung“ – sagt man uns dort schon im Titel. In der Studie hatten Deutsche ihre Lebenszufriedenheit auf einer Skala von 0 bis 10 beurteilt. Gegenüber dem Vorjahr ist diese im Mittel von 7,0 auf 7,1 gestiegen! Mit diesem „deutlichen Sprung“ von 0,1 habe Deutschland endlich das jahrelang zu beobachtende „Zufriedenheitsplateau“ von 7,0 verlassen, so die Berichte. Und es wurden auch munter Vergleiche sowohl einzelner Regionen über die vergangenen Jahre als auch Vergleiche zwischen einzelnen Regionen gefeiert oder beklagt. So titelte RP Online <a href="http://www.rp-online.de/panorama/gluecksatlas-2016-menschen-in-koeln-sind-gluecklicher-als-in-duesseldorf-aid-1.6335182" target="_blank" rel="noreferrer">„Menschen in Köln sind glücklicher als in Düsseldorf“</a> oder die B.Z. Berlin <a href="http://www.bz-berlin.de/berlin/gluecksatlas-berliner-werden-immer-ungluecklicher" target="_blank" rel="noreferrer">„Berliner werden immer unglücklicher“</a>. Hat das Glücksniveau in Deutschland nun wirklich endlich die magische Marke von 7,0 durchbrochen? Sind Kölner wirklich glücklicher als Düsseldorfer und werden Berliner immer unglücklicher?</p>
<p>Die Antwort auf diese Fragen ist in allen Fällen: Wahrscheinlich nein! Die im Glücksatlas dokumentierte Entwicklung des Glücksindex zeigt alle paar Jahre leichte und wohl zufällige Abweichungen von einem langfristig (schwach) ansteigenden Trend. In den Jahren 2005 und 2010 ist der Glücksindex ähnlich leicht angestiegen wie im Jahr 2016, um im Jahr danach wieder zu fallen. Und im Jahr 2015 war ein kleiner Einbruch des Glücks zu verzeichnen. Das Glück ist also wahrscheinlich einfach wieder zu seinem langfristigen Trend zurückgekehrt. Düsseldorfer waren in den Jahren 2014 und 2015 glücklicher als Kölner. Und in Berlin ist der Glückindex von 6,89 auf 6,85 gefallen. Sowohl beim Vergleich von Düsseldorf und Köln, als auch bei der Entwicklung des Glücks in Berlin sind die jeweiligen Unterschiede jedoch sehr gering und sehr wahrscheinlich einfach dem Zufall geschuldet.</p>
<p>Fazit: Alles wenig dramatisch – wahrscheinlich hat sich am Endorphinniveau der Deutschen nichts verändert. Nur die Post hat kräftig ins Horn geblasen.</p>
<p>----------</p>
<p>Ansprechpartner:<br> Prof. Dr. Thomas Bauer, &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-264<br> Jörg Schäfer (Pressestelle RWI), &nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp; &nbsp; &nbsp; Tel.: (0201) 8149-244</p>
<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>.</p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2016</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Wed, 28 Sep 2016 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Wie man in den Wald hineinruft …</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/wie-man-in-den-wald-hineinruft
                                            
                                    
                            
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                        <description>Mit der richtigen Fragestellung zum Wunschergebnis: Wie bereits im August zeichnen die Professoren Gerd Gigerenzer, Walter Krämer und Thomas Bauer auch im September ein Umfrageergebnis mit dem Negativtitel „Unstatistik des Monats“ aus. 53 Prozent aller Bundesbürger meinen, Deutschland sollte viel mehr tun, um auch weiter Vorreiter im Klimaschutz zu sein. So ein Ergebnis des britischen Meinungsforschungsinstitutes YouGov, über das viele Medien berichtet haben. Dieses Mal liegt der Missstand nicht in der Interpretation, sondern in der Art der Fragestellung: Die Antworten waren in die Fragen quasi eingebaut.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Mit der richtigen Fragestellung zum Wunschergebnis: Wie bereits im August zeichnen die Professoren Gerd Gigerenzer, Walter Krämer und Thomas Bauer auch im September ein Umfrageergebnis mit dem Negativtitel „Unstatistik des Monats“ aus. 53 Prozent aller Bundesbürger meinen, Deutschland sollte viel mehr tun, um auch weiter Vorreiter im Klimaschutz zu sein. Und für das „schnellstmögliche“ oder „so bald wie mögliche“ Abschalten aller Kohlekraftwerke plädieren 67% der Befragten. So ein Ergebnis des britischen Meinungsforschungsinstitutes YouGov, über das viele Medien berichtet haben, unter anderem das <a href="http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/energie-jeder-dritte-will-kohlekraftwerke-schnellstmoeglich-abschalten/14568118.html" target="_blank" rel="noreferrer">Handelsblatt</a>.</p>
<p>Dieses Mal liegt der Missstand nicht in der Interpretation, sondern in der Art der Fragestellung. Die Antworten waren in die Fragen quasi eingebaut. Die Frage zum Klimaschutz lautete: „Beim Klimagipfel in Paris wurde 2015 ein internationales Abkommen für den Klimaschutz beschlossen. Anfang des Monats September haben die USA und China dieses Abkommen ratifiziert. Deutschland hat den Prozess noch nicht abgeschlossen und einen schwachen Klimaschutzplan für 2050 vorgelegt. Sollte Deutschland Ihrer Meinung nach mehr tun, um Vorreiter im Klimaschutz zu bleiben?“. Die Frage zu den Kohlekraftwerken lautete: „Die Stromproduktion aus Kohle allein ist die größte Einzelquelle für die deutschen Treibhausgasemissionen. Was sollte Ihrer Meinung nach mit den Kohlekraftwerken passieren?“ Derart suggestive Fragen lenken die Antworten systematisch in eine vorbestimmte Richtung. Bei neutraler Fragestellung wäre das Ergebnis wahrscheinlich anders ausgefallen. Und bei einem direkten Vergleich mit Atomkraft ebenfalls.</p>
<p>In der Umfrageforschung unterscheidet man zwischen ergebnisorientierter und erkenntnisorientierter Demoskopie. Die YouGov–Umfrage steht für ersteres. Auftraggeber war der WWF (World Wide Fund for Nature). Was immer man von Kohlekraftwerken hält, die Meinung der Öffentlichkeit dazu sollte man neutral erfassen statt zu versuchen, diese systematisch in eine bestimmte Richtung zu beeinflussen.</p>
<p>&nbsp;--------------------------</p>
<p>Ansprechpartner:<br> Prof. Dr. Walter Krämer, &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0231) 755-3125<br> Jörg Schäfer (Pressestelle RWI), &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-244</p>
<p>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>.</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Wed, 31 Aug 2016 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Fußball-Fans haben die höchste Bildung</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/fussball-fans-haben-die-hoechste-bildung
                                            
                                    
                            
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                        <description>Wer es noch nicht gewusst hat – Fußball ist Bildungsland: „Auf Platz 1: der SC Freiburg. 73,4 Prozent seiner Fans haben laut „Xing“ einen Hochschulabschluss“, so berichtete der Südkurier. Selbst der drittletzte in diesem neuesten Bildungs-Ranking der Bundesligavereine strotzt vor Intelligenz: „Mehr als die Hälfte (63,5 Prozent) der HSV-Fans hat einen Hochschulabschluss&quot;, weiß das norddeutsche Zeitungsportal shz.de zu berichten. All das hat angeblich Xing bei einer Befragung seiner Nutzer herausgefunden. 
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Wer es noch nicht gewusst hat – Fußball ist Bildungsland: „Auf Platz 1: der SC Freiburg. 73,4 Prozent seiner Fans haben laut „Xing“ einen Hochschulabschluss“, so berichtete der <a href="http://www.suedkurier.de/sport/sport/Studie-Der-SC-Freiburg-hat-die-intelligentesten-Fans;art410965,8868168" target="_blank" rel="noreferrer">Südkurier</a>. Selbst der drittletzte in diesem neuesten Bildungs-Ranking der Bundesligavereine strotzt vor Intelligenz: „Mehr als die Hälfte (63,5 Prozent) der HSV-Fans hat einen Hochschulabschluss“, weiß das norddeutsche Zeitungsportal <a href="http://www.shz.de/sport/fussball/hsv-fans-ueber-die-haelfte-hat-einen-hochschulabschluss-trotzdem-drittletzter-platz-id14650476.html" target="_blank" rel="noreferrer">shz.de</a> zu berichten. All das hat angeblich Xing bei einer Befragung seiner Nutzer herausgefunden.</p>
<p>Wie kann das sein? Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat Deutschland wiederholt wegen der geringen Akademikerrate gerügt. Im Jahr 2015 verfügten in Deutschland nur 16,3 Prozent der Bevölkerung über einen Hochschulabschluss (Bachelor, Master, Diplom oder Promotion, siehe <a href="http://www.destatis.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.destatis.de</a>). Wenn aber selbst unter den HSV-Fans mehr als die Hälfte angeblich einen Hochschulabschluss haben, dann stimmt hier etwas nicht.</p>
<p>In der Tat. Die berichteten Prozent-Zahlen beziehen sich nicht auf die Mitglieder der Fußballvereine, sondern nur auf jene, die zugleich Mitglied bei Xing sind. Die Zahlen betreffen also die Schnittmenge. Da Xing, wie der Konkurrent Linkedin, überdurchschnittlich viele Akademiker als Mitglieder hat, gibt es dort auch viele Hochschulabschlüsse – bei Xing, nicht beim HSV. Mit anderen Worten: die Mitglieder von Xing sind weder repräsentativ für die Bevölkerung noch für alle Fußballfans in Deutschland. Hier ist Journalisten ein altbekannter Fehler unterlaufen: man berichtet eine korrekte Prozentzahl, aber die falsche Referenzklasse. Richtig wäre gewesen: 73,4 Prozent der Xing-Mitglieder, die zugleich Fan des FC Freiburg sind, haben einen Hochschulabschluss. Die Moral der Geschichte lautet: Frage immer „Prozent von was?“</p>
<p>-------------------------</p>
<p>Ansprechpartner:</p>
<p>Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.:&nbsp;(030) 82406-430<br> Sabine Weiler (Pressestelle RWI), &nbsp;&nbsp;&nbsp; Tel.: (0201) 8149-213</p>
<p><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>. </em></p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Wed, 20 Jul 2016 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Das Spiel mit der Angst</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/das-spiel-mit-der-angst
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Angst der Deutschen wächst – insbesondere die vor Terroranschlägen. Viele Medien berichteten Anfang dieses Monats von den Ergebnissen einer Angststudie der R+V Versicherung, darunter die Online-Ausgabe der „Süddeutschen Zeitung“ unter dem Titel „Studie: Terror-Angst der Deutschen wächst“. Die Umfrageergebnisse stellen an sich noch keine Unstatistik dar. Bedenklich ist vielmehr, dass – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nicht versucht wurde, die Wahrscheinlichkeit eines Terroranschlags in Relation zu anderen Gefahren des Lebens zu stellen. 
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Angst der Deutschen wächst – insbesondere die vor Terroranschlägen. Viele Medien berichteten Anfang dieses Monats von den Ergebnissen einer Angststudie der R+V Versicherung, darunter die Online-Ausgabe der „Süddeutschen Zeitung“ unter dem Titel <a href="http://www.sueddeutsche.de/leben/umfrage-studie-terror-angst-der-deutschen-waechst-1.3074326" target="_blank" rel="noreferrer">„Studie: Terror-Angst der Deutschen wächst“</a>, die Bild-Zeitung und dem Titel <a href="http://www.bild.de/ratgeber/2016/angst/das-sind-die-groessten-aengste-der-deutschen-46763146.bild.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Terror ist die größte Sorge der Deutschen!“</a> und der Westdeutsche Rundfunk unter <a href="http://www1.wdr.de/nachrichten/terrorangst-nach-nizza-100.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Nizza und die Folgen: Feiern gegen die Angst?“</a>. Nach dieser Studie fürchteten sich 73 Prozent der 2400 befragten Personen davor, dass „terroristische Vereinigungen Anschläge verüben“. Auch international stehen die Deutschen mit dieser Angst an der Spitze. Nach einer <a href="http://www.pewglobal.org/2016/07/11/europeans-fear-wave-of-refugees-will-mean-more-terrorism-fewer-jobs/" target="_blank" rel="noreferrer">Umfrage des US-Meinungsforschungsinstituts Pew</a> befürchten 61 Prozent der befragten Deutschen, dass der Flüchtlingszustrom die Wahrscheinlichkeit von Terrorismus erhöhe. Damit belegt Deutschland unter den zehn Ländern, in denen die Befragung durchgeführt wurde, nach Ungarn und Polen den dritten Platz.</p>
<p>Die Umfrageergebnisse stellen an sich noch keine Unstatistik dar. Bedenklich ist vielmehr, dass – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nicht versucht wurde, die Wahrscheinlichkeit eines Terroranschlags in Relation zu anderen Gefahren des Lebens zu stellen. So war es in Deutschland in den vergangenen Jahren wahrscheinlicher, von einem Blitz getroffen als Opfer eines terroristischen Anschlags zu werden. Selbst in den USA ist es in den meisten Jahren wahrscheinlicher von einem Kleinkind erschossen zu werden, das mit den Waffen der Eltern herumspielt, als durch einen Terroristen. Mit derartigen Informationen könnte man nicht nur der Angst der Bevölkerung entgegenwirken, sondern auch den Terrorismus entwaffnen. Dessen Ziel ist es ja gerade, Angst zu verbreiten.</p>
<p>Sollten Sie sich aufgrund der terroristischen Anschläge entschieden haben, dieses Jahr mit dem Auto an die Nord- oder Ostsee oder in die Alpen zu fahren – fahren Sie vorsichtig! Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie dabei einen tödlichen Verkehrsunfall haben, ist um ein Vielfaches höher als in der Türkei oder auf Djerba Opfer eines Terroranschlags zu werden.</p>
<p>-----------------</p>
<p>Ansprechpartnerin:</p>
<p>Sabine Weiler (Pressestelle RWI), Tel.: (0201) 8149-213</p>
<p><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>. </em></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2016</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Thu, 30 Jun 2016 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Microsofts Suchmaschine erhöht die Überlebensrate bei Bauchspeicheldrüsenkrebs</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/microsofts-suchmaschine-erhoeht-die-ueberlebensrate-bei-bauchspeicheldruesenkrebs
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats Juni 2016 ist die Meldung, dass Microsoft-Wissenschaftler mittels der Suchmaschine „Bing“ Bauchspeicheldrüsenkrebs erkennen können und dies Leben rettet. Die Süddeutsche Zeitung berichtete in ihrer Online-Ausgabe am 9. Juni unter dem Titel „Krebsdiagnose aus der Suchmaschine“: „In 5 bis 15 Prozent der Fälle gelang ihnen die Früherkennung. Beeindruckender ist die sehr niedrige Zahl von Fehlalarmen. Von 10.000 Nutzern wurde weniger als einer fälschlicherweise als krebskrank eingestuft.“
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats Juni 2016 ist die Meldung, dass Microsoft-Wissenschaftler mittels der Suchmaschine „Bing“ Bauchspeicheldrüsenkrebs erkennen können und dies Leben rettet. Diese Früherkennung kann „die 5-Jahres-Überlebensrate der Patienten von 3% auf 5 bis 7% erhöhen“, schreibt die New York Times. Die Microsoft-Wissenschaftler (<em>Journal of Oncology Practice</em>) hatten die Suchanfragen von 6,4 Millionen Nutzern nach Symptomen wie unerklärlichem Gewichtsverlust und nach Risikofaktoren wie Alkoholabhängigkeit durchsucht. Aus dem Muster der Anfragen versuchte man dann jene Nutzer vorherzusagen, die später anscheinend Krebs bekamen, was man aus Anfragen wie „Warum bekam ich Bauchspeicheldrüsenkrebs?“ erschloss. Die Süddeutsche Zeitung berichtete in ihrer Online-Ausgabe am 9. Juni unter dem Titel <a href="http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/big-data-krebsalarm-1.3027243" target="_blank" rel="noreferrer">„Krebsdiagnose aus der Suchmaschine“</a>: „In 5 bis 15 Prozent der Fälle gelang ihnen die Früherkennung. Beeindruckender ist die sehr niedrige Zahl von Fehlalarmen. Von 10.000 Nutzern wurde weniger als einer fälschlicherweise als krebskrank eingestuft.“</p>
<p>Die Menschen wurden – wie inzwischen üblich – nicht gefragt, ob ihre persönlichen Daten analysiert werden dürfen. Aber was soll’s, wenn sich die Überlebensrate verdoppelt? Schließlich ist gezeigt worden, dass Bing Leben rettet. Wirklich?</p>
<p>Nein. Denn ein Anstieg von 5-Jahres-Überlebensraten sagt nichts darüber aus, ob Früherkennung Leben rettet. Das ist nicht schwer zu verstehen. Denken Sie an 100 Menschen, die alle im Alter von 70 Jahren an invasivem Krebs sterben. Wenn diese nicht zum Screening gehen, dann wird der Krebs spät entdeckt und die 5-Jahres-Überlebensrate ist klein. Gehen sie zum Screening, wird der Krebs früher entdeckt und die 5-Jahres-Überlebensrate steigt an. In diesem Beispiel lebt also niemand länger, sondern nur länger mit der Diagnose. Studien zeigen entsprechend, dass höhere Überlebensraten nach einem Screening nicht mit niedrigerer Sterblichkeit einhergehen. Der Trick mit den Überlebensraten ist nicht neu. In der <a href="http://www.rwi-essen.de/unstatistik/36/" target="_blank">Unstatistik vom Oktober 2014</a> haben wir gezeigt, wie man Frauen damit über den Nutzen des Brustkrebs-Screenings hinters Licht führt. Jetzt versucht man uns damit vom Nutzen von Big Data zu überzeugen.</p>
<p>Aber was ist mit der von den Medien hervorgehobenen kleinen Falsch-Positiv-Rate von 1 in 10.000? Heißt das, dass unter den Nutzern, welche der Algorithmus als positiv einschätzt, Fehler so gut wie nie vorkommen? Nein. Auch das kann man einfach erklären. Nehmen wir 100.000 Nutzer von denen 10 unerkannt Bauchspeicheldrüsenkrebs haben. Bei einer Erkennungsrate von 10% (das Mittel aus 5 und 15%) erwarten wir, dass von diesen 10 nur einer als positiv klassifiziert wird, die anderen 9 Krebse werden übersehen. Von den 99.990 Nutzern, die keinen Krebs haben, erwarten wir, dass 10 dennoch positiv eingeschätzt werden (die Falsch-Positiv-Rate von 1 in 10.000). Das heißt, von den insgesamt 11 Personen mit positivem Ergebnis hat einer Bauchspeicheldrüsenkrebs und 10 haben keinen. Die meisten, die positiv getestet werden, werden also fälschlicherweise als krebskrank eingestuft. Also, selbst wenn die Falsch-Positiv-Rate klein ist, kann bei seltenen Erkrankungen wie dem Bauchspeicheldrüsenkrebs der Anteil der Falsch-Positiven an allen Positiven dennoch hoch sein.</p>
<p>Erinnern Sie sich noch an Google Flu Trends? Dieses Programm sollte, ganz ähnlich wie Bing, aufgrund von Suchanfragen die Verbreitung von Influenza vorhersagen. Es wurde 2009 mit Fanfare als Paradebeispiel für den Erfolg von Big Data verkündet. Inzwischen hat man es ohne Fanfare beerdigt, nachdem es über Jahre hinweg zu hohe Vorhersagen lieferte. Ob Dr. Google oder Dr. Bing: Big Data ist in erster Linie Big Business und nicht notwendigerweise bessere medizinische Versorgung.</p>
<p>-----------------</p>
<p>Ansprechpartner:</p>
<p>Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Tel.:&nbsp;(030) 82406-430</p>
<p><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>. </em></p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Mon, 30 May 2016 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Krebs durch Erdölförderung?</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/krebs-durch-erdoelfoerderung
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats Mai sind die vermeintlich unnatürlichen Häufungen von Krebserkrankungen in der Nähe von Erdöl- oder Erdgasförderstätten sowie Fracking- und Atomanlagen, die seit Jahrzehnten die Menschen beunruhigen. Aktueller Anlass ist der Artikel „Die rätselhaften Krebsfälle von Rodewald“ in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 8. Mai 2016.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats Mai sind die vermeintlich unnatürlichen Häufungen von Krebserkrankungen in der Nähe von Erdöl- oder Erdgasförderstätten sowie Fracking- und Atomanlagen, die seit Jahrzehnten die Menschen beunruhigen. Aktueller Anlass ist der Artikel <a href="http://www.haz.de/Nachrichten/Der-Norden/Uebersicht/Die-raetselhaften-Krebsfaelle-von-Rodewald" target="_blank" rel="noreferrer">„Die rätselhaften Krebsfälle von Rodewald“</a> in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 8. Mai 2016: Von den 2&nbsp;500 Einwohnern dieses Ortes im Landkreis Nienburg sind im Zeitraum von 2005 bis 2013 20 Personen an Leukämie oder Tumoren des Lymphgewebes erkrankt. Im Durchschnitt seien aber nur 12 Fälle zu erwarten, so der Artikel, deshalb sei diese Häufung nicht durch Zufall zu erklären, also statistisch signifikant. Ein möglicher Auslöser sei das bei der Erdölförderung rund um Rodewald entwichene Benzol.</p>
<p>In Wahrheit sind solche Häufungen alles andere als signifikant. Sie sind im Gegenteil normal. Teilt man etwa alle 223&nbsp;000 im Jahr 2014 durch Krebs verursachten Todesfälle (ein Viertel aller Todesfälle in Deutschland insgesamt) rein zufällig auf die 11&nbsp;100 Gemeinden des Landes auf, so wird es viele Gemeinden geben, in denen weit mehr als ein Viertel aller Verstorbenen an Krebs gestorben sind, aber auch viele Gemeinden mit einer Krebsmortalität von weit weniger als 25%. Aber diese Abweichungen sind ein rein zufällig und fast sicher zu erwarten. Hätten etwa alle Gemeinden Deutschlands so wie Rodewald 2&nbsp;500 Einwohner, läge die Wahrscheinlichkeit, dass in mindestens einer davon in 9 Jahren statt der erwarteten 12 mehr als 19 Leukämie-Erkrankungen auftreten, bei über 99,9%. Selbst die Wahrscheinlichkeit, dass in 10 oder mehr Gemeinden solche Häufungen rein zufällig vorkommen, betrüge noch mehr als 95%.</p>
<p>Natürlich können solche Häufungen auch systematische Ursachen haben, ein Zusammenhang zwischen der überdurchschnittlichen Zahl an Krebserkrankungen und der Erdölförderung in Rodewald ist nicht ausgeschlossen. Aber allein aus den Zahlen 12 und 20 ist dieser niemals zu beweisen. Üblicherweise ergibt das Nachforschen nach systematischen Gründen in solchen Fällen immer das Ergebnis: viel Lärm um nichts.</p>
<p>-----------------</p>
<p>Ansprechpartner:</p>
<p>Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-3125</p>
<p><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>. </em></p>
<p>&nbsp;</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <guid isPermaLink="false">news-1204</guid>
                        <pubDate>Tue, 26 Apr 2016 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Altersarmut – eine Null zu viel</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/altersarmut-eine-null-zu-viel
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats April ist eine Meldung des WDR, der für 50% der deutschen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer einen Ruhestand in Altersarmut prognostiziert hat („Fast jedem Zweiten droht eine Armutsrente“, Stand: 20. April 2016). Kein Wunder, dass eine solche Zahl zu Deutschlands Rente die Republik in Aufregung stürzt. Nur ist sie falsch, und 5% ist eine wahrscheinlichere Prognose.
</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats April ist eine Meldung des WDR, der für 50% der deutschen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer einen Ruhestand in Altersarmut prognostiziert hat (<a href="http://www1.wdr.de/verbraucher/geld/rente-projektion-100.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Fast jedem Zweiten droht eine Armutsrente“</a>, Stand: 20. April 2016). Kein Wunder, dass eine solche Zahl zu Deutschlands Rente die Republik in Aufregung stürzt. Nur ist sie falsch, und 5% ist eine wahrscheinlichere Prognose.</p>
<p>Das Vorgehen des WDR scheint zunächst plausibel. Er ließ sich die augenblickliche Verteilung des Arbeitseinkommens auflisten, nahm an, dass diese auch in Zukunft so bestehen bleibt, und errechnete dann die Rentenansprüche für das bereits jetzt festgelegte niedrigere Rentenniveau im Jahr 2030. Nach dieser Rechnung liegen in der Tat 50% der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer an oder unter der Grundsicherungsgrenze.</p>
<p>Wo liegen die Fehler? Der erste Denkfehler ist ein Klassiker in der Statistik: Aus Daten eines heutigen Querschnitts kann man nicht auf die Dynamik eines zukünftigen Erwerbslebens schließen. Das folgende krass überzeichnete Beispiel macht das klar: Wenn alle Menschen die erste Hälfte ihres Lebens in Ausbildung mit einem sehr geringen Gehalt verbringen und dann anschließend in der zweiten Lebenshälfte ein so hohes Einkommen hätten, so dass sie auf das ganze Leben bezogen genau das heutige Durchschnittseinkommen erzielten, dann würde die WDR-Methode Altersarmut für die Hälfte der Bevölkerung prognostizieren. Richtig berechnet würde in diesem Beispiel jedoch kein einziger Mensch altersarm werden.</p>
<p>Der zweite Fehler ist ein Klassiker in der Sozialpolitik: Grundsicherung wird nicht auf das individuelle Arbeitseinkommen bezogen, sondern auf das Gesamteinkommen eines Haushalts. Und das liegt in der Regel deutlich über dem Arbeitseinkommen einer einzelnen Person. Laut der WDR-Methode erschiene in einer Ehe mit einem viel und einem wenig verdienenden Partner eine Person altersarm. Nach richtig angewendetem Recht wäre der Haushalt jedoch keineswegs altersarm.</p>
<p>Auch wenn die WDR-Rechnung das Problem der Altersarmut in grotesker Weise überschätzt, ist erhöhte Aufmerksamkeit geboten. Berechnungen des wissenschaftlichen Beirats beim Bundeswirtschaftsministerium aus dem Jahr 2013 kommen im pessimistischsten Szenario auf einen Anstieg der Grundsicherungsempfänger von derzeit 3% auf 5,4%, also fast eine Verdoppelung. Dennoch: eine Null weniger als beim WDR.</p>
<p>-----------------</p>
<p>Ansprechpartner:</p>
<p>Prof. Axel Börsch-Supan, Ph.D. (Direktor, Munich Center for the Economics of Aging (MEA) des Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik (MPISOC)), Tel. 089-38602-357, E-Mail: <a href="mailto:boersch-supan@mea.mpisoc.mpg.de">boersch-supan@mea.mpisoc.mpg.de</a></p>
<p>Dr. Tabea Bucher-Koenen (Munich Center for the Economics of Aging (MEA) des Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik (MPISOC)), Tel. 089-38602-332, E-Mail: <a href="mailto:bucher-koenen@mea.mpisoc.mpg.de">bucher-koenen@mea.mpisoc.mpg.de</a></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. In diesem Monat haben die Gastautoren Axel Börsch-Supan und Tabea Bucher-Koenen die „Unstatistik“ verfasst. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter <a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer">www.unstatistik.de</a>. </em></p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                    </item>
                
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                        <pubDate>Thu, 31 Mar 2016 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Nichts dazugelernt – Equal Pay Day weiter falsch</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/nichts-dazugelernt-equal-pay-day-weiter-falsch
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats ist der sogenannte „Equal Pay Day“, dieses Jahr der 19. März. „Bis zu diesem Tag hätten Frauen hierzulande über den Jahreswechsel hinaus arbeiten müssen, um das Jahresgehalt ihrer männlichen Kollegen zu bekommen“ (Die Zeit vom 17. März 2016, Artikel „Männer wollen das doch auch“). 
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats ist der sogenannte „Equal Pay Day“, dieses Jahr der 19. März. „Bis zu diesem Tag hätten Frauen hierzulande über den Jahreswechsel hinaus arbeiten müssen, um das Jahresgehalt ihrer männlichen Kollegen zu bekommen“ (Die Zeit vom 17. März 2016, Artikel „Männer wollen das doch auch“). Dieses Datum resultiert aus zwei Überlegungen. Erstens verdienten Frauen im Durchschnitt 21,6&nbsp;Prozent weniger als Männer. Und wenn Frauen dann zweitens 21,6&nbsp;Prozent länger arbeiteten als Männer, hätten sie am 19. März das Jahreseinkommen der Männer erreicht.</p>
<p>Beide Überlegungen sind falsch. In gegebenen Berufen verdienen Frauen nicht 21,6&nbsp;Prozent, sondern um die 5&nbsp;Prozent weniger als Männer. Das ist zwar gleichfalls ungerecht, aber weit weniger extrem. Die 21,6&nbsp;Prozent resultieren vor allem daraus, dass Frauen häufiger in schlecht bezahlten Berufen und in Teilzeit arbeiten. Dieser Sachverhalt wird in vielen Medien irreführend dargestellt.</p>
<p>Aber auch wenn man die 21,6&nbsp;Prozent Minderverdienst als korrekt akzeptiert, bleibt der Equal Pay Day falsch. Denn dann müssten Frauen nicht 21,6&nbsp;Prozent, sondern 27,5&nbsp;Prozent länger arbeiten, um das Einkommen der Männer zu erreichen. Und 27,5&nbsp;Prozent der durchschnittlich 220 Arbeitstage eines Jahres erreicht man erst am Mittag des 7. April (bei zwei Urlaubstagen pro Monat). Darauf hat die Deutsche Mathematiker-Vereinigung (DMV) bereits vor Jahren hingewiesen, aber anscheinend ist dieser Fehler nicht auszurotten. Um ein extremes Beispiel zu nehmen: Wenn ein Mann 100 Euro am Tag verdient und eine Frau nur 50 Euro, dann muss die Frau nicht einen halben, sondern einen ganzen Tag länger arbeiten, um auf den gleichen Verdienst zu kommen.</p>
<p>Welches Datum ergibt sich also ohne die beiden Fehler? Bei 5&nbsp;Prozent weniger Verdienst fällt der Equal Pay Day 2016 auf den 20. Januar, den Todestag der amerikanischen Schauspielerin Audrey Hepburn. Bis dahin hätte Frau Hepburn aber wohl schon mehr verdient als der durchschnittliche amerikanische Mann im ganzen Jahr.</p>
<p>----------</p>
<p>Ansprechpartner:<br> Prof. Dr. Thomas K. Bauer (RWI-Vizepräsident), Tel.: (0201) 8149-264</p>
<p><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em>.</em></p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Wed, 17 Feb 2016 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>337 Prozent zu warm!</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/337-prozent-zu-warm
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Schneekanonen funktionieren nicht mehr. Sonnenbaden im T-Shirt im Wiener Burggarten – die Unstatistik des Monats Februar ist die Berichterstattung der Tageszeitung „Österreich“ und des Wetter-Portals „wetter.at“ vom 7. Februar über den „wärmsten Winter aller Zeiten“.
</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Schneekanonen funktionieren nicht mehr. Sonnenbaden im T-Shirt im Wiener Burggarten – die Unstatistik des Monats Februar ist die Berichterstattung der Tageszeitung „Österreich“ und des Wetter-Portals „wetter.at“ vom 7. Februar über den <a href="http://www.wetter.at/wetter/oesterreich-wetter/Waermster-Winter-aller-Zeiten/223267664" target="_blank" rel="noreferrer">„wärmsten Winter aller Zeiten“</a>. Ein Klimaexperte erklärte, jedes Kind wisse, dass der Ausstoß von Treibhausgasen daran schuld sei. Und die Journalisten hatten eine innovative Idee, die Erwärmung zu messen. Nicht in Celsius, sondern in Prozent: Im Jänner 337 Prozent zu warm!</p>
<p>Wie fühlen sich 337 Prozent wärmer an? wetter.at berichtete, dass die übliche Durchschnittstemperatur in Wien im Jänner (deutsch: Januar) 0,8 Grad Celsius sei, während sie in diesem Jahr bei 3,5 Grad lag. Das ist ein Anstieg um 2,7 Grad. Aber auch um 337 Prozent – was dramatischer klingt. Dazu muss man nur 2,7 durch 0,8 teilen.</p>
<p>Beschreibt man Veränderungen (egal, ob Anstiege oder Abfälle) in relativen statt absoluten Zahlen, so kann man damit rechnen, dass mehr Menschen beeindruckt sind. Dies haben wir wiederholt im Rahmen der „Unstatistik des Monats“ veranschaulicht, zuletzt anlässlich der Wursthysterie („18% höheres Darmkrebsrisiko“). Aber ein relativer Anstieg ist immer relativ zum Ausgangspunkt. Wenn man in Wien nicht mit Celsius, sondern mit Fahrenheit rechnen würde, wären relative Angaben weniger beeindruckend: Der Anstieg entspräche dem von 33,4 auf 38,3 Grad Fahrenheit, also einem absoluten Unterschied von 4,9 Grad. Das ergibt aber nur noch 15 Prozent wärmer. In Vienna (Ohio, USA) – ja, diesen Ort gibt es – würde also der Trick mit den 337 Prozent nicht glücken…</p>
<p>Laut dem befragten Klimaexperten wird es in Zukunft mit Sicherheit noch viel wärmer werden. Also können wir im Januar nächsten Jahres vielleicht auf 500 Prozent mehr Wärme hoffen und das T-Shirt hundertprozentig durch Bikini und Badehose ersetzen.</p>
<p>----------</p>
<p>Ansprechpartner:<br> Prof. Dr. Gerd Gigerenzer (Max-Planck-Institut für Bildungsforschung), Tel.:&nbsp;(030) 82406-430</p>
<p><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em>.</em></p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2016</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Fri, 29 Jan 2016 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Glyphosat im Urin</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/glyphosat-im-urin
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats Januar ist der wiederholt behauptete Verdacht, dass das Pflanzenschutzmittel Glyphosat „wahrscheinlich krebserregend“ sei (Weltgesundheitsorganisation WHO) und „Grund zur Besorgnis“ bestünde (die Präsidentin des Umweltbundesamtes, zitiert in der Süddeutschen Zeitung vom 20. Januar). 
</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats Januar ist der wiederholt behauptete Verdacht, dass das Pflanzenschutzmittel Glyphosat „wahrscheinlich krebserregend“ sei (Weltgesundheitsorganisation WHO) und „Grund zur Besorgnis“ bestünde (die Präsidentin des Umweltbundesamtes, zitiert in der <a href="http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/glyphosat-die-ergebnisse-liefern-grund-zur-besorgnis-1.2826385" target="_blank" rel="noreferrer">Süddeutschen Zeitung</a> vom 20. Januar). Internet-Plattformen überziehen die Republik seit Monaten mit Shitstorms und Aktivisten verstopfen Tausende von E-Mail-Accounts mit Alarmaufrufen: Glyphosat wurde im Urin von Menschen nachgewiesen!</p>
<p>Doch sogar das Umweltbundesamt selbst sagt, dass „der höchste gemessene Wert um den Faktor 1&nbsp;000 niedriger“ liege als die EU-Lebensmittelbehörde für vertretbar hält. Es gibt auch keinen Nachweis der Krebsgefahr von Glyphosat. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat entsprechend klargestellt, dass Glyphosat kein unverantwortliches Risiko darstelle, eine Einschätzung, die alle anderen nationalen Institute in der EU teilen. Seither muss sich der Präsident des BfR jedoch harte Vorwürfe aus der Bio-Szene anhören: das BfR verharmlose, sei unverantwortlich und gekauft.</p>
<p>Die Schreckensmeldung, dass Glyphosat wahrscheinlich krebserregend sei, wurde von der Internationalen Krebsforschungsagentur (IARC) der WHO in die Welt gesetzt. Diese hat auch Kaffee, Mate, Sonnenlicht und Schichtarbeit als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft. Und vor kurzem hat sie uns mit der Nachricht in Aufregung versetzt, dass Wurst und Schinken das Risiko einer Darmkrebs-Erkrankung erhöhten (siehe Unstatistik von Oktober 2015). Wenn es nach der IARC ginge, müssten wir uns bald vor allem fürchten. Dabei liegt die größte Gefahr bei uns selbst: 20 bis 30% aller Krebserkrankungen sind die Folge von Zigarettenrauchen. Also: rauchen Sie lieber nicht und genießen ansonsten Ihr Leben!</p>
<p>----------</p>
<p>Ansprechpartner:<br> Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Tel.:&nbsp;(030) 82406-430</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Mon, 21 Dec 2015 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Liebestrunken – Vermittlungsbörse schießt statistisches Eigentor</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/liebestrunken-vermittlungsboerse-schiesst-statistisches-eigentor
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats Dezember ist die Aussage der Singlebörse „Parship“, alle 11 Minuten fände sich auf Ihrer Vermittlungsplattform ein neues Paar. Ist also dort besonders gut aufgehoben, wer einen Partner fürs Leben sucht? Nein, denn mit etwas Wahrscheinlichkeitsrechnung entpuppt sich diese Aussage als Anti-Werbung.
</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats Dezember ist die Aussage der Singlebörse „Parship“, <a href="http://www.parship.de/" target="_blank" rel="noreferrer">alle 11 Minuten fände sich auf Ihrer Vermittlungsplattform ein neues Paar</a>. Ist also dort besonders gut aufgehoben, wer einen Partner fürs Leben sucht? Nein, denn mit etwas Wahrscheinlichkeitsrechnung entpuppt sich diese Aussage als Anti-Werbung. Wenn sich bei geschätzten rund 5 Millionen Mitgliedern in Deutschland sogar alle 10 Minuten zwei davon ineinander verlieben, damit aus dem Sucherpool ausscheiden und durch zwei neue Singles ersetzt werden, beträgt für ein zufällig ausgewähltes Mitglied die Wahrscheinlichkeit einer neuen Liebe pro Jahr kaum mehr als 2%.</p>
<p>Warum? Wenn sich alle 10 Minuten zwei Singles verlieben, dann passiert das 6-mal in der Stunde, 144-mal am Tag oder 52.560-mal im Jahr. Die Wahrscheinlichkeit, an einem beliebigen dieser 52.560 Zeitspannen von 10 Minuten Erfolg zu haben, beträgt 2 zu 5.000.000 (die anderen 4.999.998 suchen weiter). Damit ist die Wahrscheinlichkeit für Misserfolg an jedem beliebigen Zeitpunkt 4.999.998 zu 5.000.000, oder über das Jahr gerechnet (4.999.998/5.000.000)^52.560 = 0,979. Selbst wenn nur 750.000 Mitglieder auf aktiver Partnersuche wären, steigt für diese die Erfolgswahrscheinlichkeit auf gerade mal 13% in einem ganzen Jahr.</p>
<p>Viele Partnerbörsen werben damit, dass die Wahrscheinlichkeit, einen Partner zu finden, hervorragend sei, sogar „extrem höher als im Alltag“ (<a href="http://www.spruch.de/partner-finden/dating.htm" target="_blank" rel="noreferrer">http://www.spruch.de/partner-finden/dating.htm</a>). Wenn dem so wäre, dann wäre das gewöhnliche Verlieben eine Rarität.</p>
<p>----------</p>
<p>Ansprechpartner:<br> Prof. Dr. Thomas K. Bauer, Tel.: (0201) 81 49 264</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Mon, 30 Nov 2015 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Lebenselixier Kaffee</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/lebenselixier-kaffee
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats November ist die in verschiedenen Medien verbreitete Meldung, Kaffeetrinken befördere ein langes Leben. So titelte beispielsweise das Hamburger Abendblatt am 18. November „Kaffee soll das Leben verlängern“. Auch die Augsburger Allgemeine berichtete am 19. November: „Kaffee verlängert das Leben“.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats November ist die in verschiedenen Medien verbreitete Meldung, Kaffeetrinken befördere ein langes Leben. So titelte beispielsweise das Hamburger Abendblatt am 18. November <a href="http://www.abendblatt.de/vermischtes/article206688439/Kaffee-soll-das-Leben-verlaengern.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Kaffee soll das Leben verlängern“</a>. Auch die Augsburger Allgemeine berichtete am 19. November: <a href="http://www.augsburger-allgemeine.de/wissenschaft/Kaffee-verlaengert-das-Leben-id36125722.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Kaffee verlängert das Leben“</a>.</p>
<p>Das klingt gut in den Ohren leidenschaftlicher Kaffeetrinker. In Wahrheit hatte aber die diesen Meldungen zugrundeliegende, in der Fachzeitschrift „Circulation“ erschienene Studie „Association of Coffee Consumption with Total and Cause-Specific Mortality in Three Large Prospective Cohorts” nur eine Korrelation notiert, also einen Zusammenfall von Kaffeekonsum und höherer Lebenserwartung. Ein Kausalzusammenhang, dass der Kaffeekonsum ursächlich für die höhere Lebenserwartung ist, wurde jedoch nicht festgestellt: „The association between consumption of caffeinated and decaffeinated coffee and risk of mortality remains inconclusive“ („Der Zusammenhang zwischen Kaffeekonsum und Todesrisiko ist weiter ungeklärt“). Vielleicht verhält es sich ja auch genau umgekehrt: Menschen, die aktiv im Leben stehen und deshalb auch länger leben, trinken gerne Kaffee.</p>
<p>Verschiedene Medien wie der Spiegel wiesen in diesem Kontext auf den zentralen Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität ausdrücklich hin. Anderen Medien wie dem Hamburger Abendblatt und der Augsburger Allgemeinen scheint dieser leider immer noch nicht bekannt.</p>
<p>Wie groß wäre denn die Wirkung von Kaffee, wenn diese Korrelation wirklich kausal wäre? Lebt jeder länger, der Kaffee trinkt? Die Größe eines Effekts ist ja entscheidend, nur darüber wurde so gut wie nie berichtet. Die Antwort ist: Im besten Fall würde Kaffeetrinken jedes Jahr das Leben einer von je 1&nbsp;000 Personen retten. Also vielleicht doch lieber abwarten und Tee trinken?</p>
<p>----------</p>
<p>Ansprechpartner:<br> Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: 0231-7553125</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Fri, 30 Oct 2015 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Wursthysterie</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/wursthysterie
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats Oktober ist die Zahl 18. Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt, dass pro 50 g täglichen Konsums von verarbeitetem Fleisch (wie etwa Wurst) sich das Darmkrebsrisiko um 18% erhöht. Wurst wird damit in die gleiche Kategorie der krebserregenden Stoffe wie Asbest oder Zigaretten eingestuft. Diese Meldung führte in Deutschland zu einer wahren Wursthysterie.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats Oktober ist die Zahl 18. Die <a href="http://www.iarc.fr/en/media-centre/iarcnews/pdf/Monographs-Q&amp;A_Vol114.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">Weltgesundheitsorganisation WHO warnt</a>, dass pro 50 g täglichen Konsums von verarbeitetem Fleisch (wie etwa Wurst) sich das Darmkrebsrisiko um 18% erhöht. Wurst wird damit in die gleiche Kategorie der krebserregenden Stoffe wie Asbest oder Zigaretten eingestuft. Diese Meldung führte in Deutschland zu einer wahren Wursthysterie. Es gibt wohl keine Zeitung und keinen Radio- oder Fernsehsender, die nicht über dieses Ergebnis berichtet hätten. So warnte die Bild-Zeitung am 27. Oktober <a href="http://www.bild.de/ratgeber/gesundheit/wurst/wurst-und-schinken-als-krebserregend-eingestuft-who-43156900.bild.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Wurst und Schinken als krebserregend eingestuft!“</a> und die „Zeit“ fragte am 26. Oktober <a href="http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2015-10/weltgesundheitsorganisation-krebs-wurst-schinken" target="_blank" rel="noreferrer">„Rauchen kann töten, Wurst essen auch?“</a>.</p>
<p>Was bedeuten diese 18%? Heißt das, dass von je 100 Menschen, die 50 g Wurst täglich zu sich nehmen, 18 mehr an Darmkrebs erkranken? Nein! Denn bei dieser Angabe handelt es sich um ein relatives Risiko. Um die Meldung der WHO richtig einordnen zu können, benötigt man jedoch das absolute Risiko an Darmkrebs zu erkranken, welches bei ungefähr 5% liegt (daran zu sterben: zwischen 2,5 und 3%). Im Klartext bedeutet „18% mehr“ also, dass sich das absolute Risiko von etwa 5% auf 6% erhöht. Das hört sich schon etwas weniger dramatisch an. Jedoch haben nur wenige Medien (darunter beispielsweise die FAZ am 28. Oktober in ihrem Beitrag <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/fleischverzehr-krebsrisiko-und-konsumrausch-13879403.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Es geht nicht nur um die Wurst“</a>) auf den Unterschied zwischen dem relativen und absoluten Darmkrebsrisiko eines übermäßigen Wurstkonsums verwiesen und damit nicht zu der derzeitigen Wursthysterie beigetragen. Relative Risiken sind ein bewährtes Mittel, die Gefahr zu übertreiben und Menschen Angst zu machen.</p>
<p>Was bedeutet es, dass Wurst in die gleiche Kategorie wie Asbest und Rauchen eingestuft wurde? Es bedeutet, dass man vergleichbare Beweise für die krebsauslösende Wirkung hat, nicht aber, dass das Krebsrisiko gleich hoch sei. Nicht alle Medien stellen dies richtig dar. Die <a href="http://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.krebs-durch-wurst-fleisch-liebhaber-nation-australien-reagiert-belustigt.cbb6dda7-3f81-41e4-898c-641cb1630f44.html" target="_blank" rel="noreferrer">Münchner Abendzeitung</a> etwa erklärt ihren Lesern fälschlicherweise, dass Wurst genauso krebserregend sei wie Asbest, Alkohol und Zigaretten.</p>
<p>Gesundheitsrisiken in Nahrungsmitteln sind Turbogeneratoren von Schlagzeilen. Dabei findet jedoch häufig keine sachliche Berichterstattung statt. Eine solche hätte das absolute Darmkrebsrisiko klargestellt und die krebsauslösende Wirkung von Wurst im Vergleich zu anderen Risikofaktoren korrekt eingeordnet.</p>
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<p>Ansprechpartner:&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>
<p>Prof. Dr. Thomas K. Bauer, Tel.: (0201) 81 49 264</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Wed, 30 Sep 2015 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Mindestlohn: Alle fühlen ihre Position bestätigt</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/mindestlohn-alle-fuehlen-ihre-position-bestaetigt
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats September sind die vermeintlich positiven oder negativen Beschäftigungseffekte des Mindestlohns. Während beispielsweise das „Handelsblatt“ am 15. September  schrieb „Die Horrorstorys haben sich nicht bewahrheitet“ und „Bild“ am 16. September titelte „Mehr Geld für 3,7 Mio. Arbeitnehmer!“, berichtete der „Focus“ am 15. September „120.000 Mini-Jobs weg - Gewerkschaft und Arbeitgeber streiten über Mindestlohn“. 
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats September sind die vermeintlich positiven oder negativen Beschäftigungseffekte des Mindestlohns. Während beispielsweise das „Handelsblatt“ am 15. September schrieb <a href="http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/nahles-bilanz-zum-mindestlohn-die-horrorstorys-haben-sich-nicht-bewahrheitet/12323020.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Die Horrorstorys haben sich nicht bewahrheitet“</a> und „Bild“ am 16. September titelte <a href="http://www.bild.de/geld/wirtschaft/wirtschaft/arbeitsministerin-nahles-zieht-bilanz-42584990.bild.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Mehr Geld für 3,7 Mio. Arbeitnehmer!“</a>, berichtete der „Focus“ am 15. September <a href="http://www.focus.de/finanzen/news/arbeitsmarkt/gewerkschaft-und-arbeitgeber-uneins-mindestlohn-vernichtet-120-00-mini-jobs-ungelernte-arbeitnehmer-profitieren_id_4948203.html" target="_blank" rel="noreferrer">„120.000 Mini-Jobs weg - Gewerkschaft und Arbeitgeber streiten über Mindestlohn“</a>.</p>
<p>Die Befürworter des Mindestlohns führen ins Feld, dass sich die von vielen Ökonomen prognostizierten „Horrorszenarien“ nicht bewahrheitet hätten, da trotz des Mindestlohns die Beschäftigung angestiegen sei. Die Gegner des Mindestlohns kontern mit dem Hinweis auf den erheblichen Rückgang der Minijobs. Beide Argumente sind aus statistischer Sicht nicht aussagekräftig. Weder die Entwicklung der Gesamtbeschäftigung in Deutschland, noch die Beschäftigungsentwicklung in einzelnen Branchen oder die Entwicklung der Anzahl der Minijobs kann für sich genommen einen Hinweis auf die Beschäftigungseffekte des Mindestlohns geben. Dazu müsste die beobachtete Beschäftigungsentwicklung einer hypothetischen Entwicklung ohne Mindestlohn gegenübergestellt werden. Es liegt in der Natur der Sache, dass diese hypothetische Entwicklung nicht direkt beobachtet werden kann. Hierfür wäre eine recht aufwändige wissenschaftliche Evaluation notwendig, die mit der derzeitigen Datenlage nicht möglich ist. Damit sind alle Aussagen zur Wirkung des Mindestlohns zum jetzigen Zeitpunkt reine Spekulation.</p>
<p>Es bleibt abzuwarten, wie Befürworter und Gegner eines Mindestlohns argumentieren werden, wenn die Arbeitslosigkeit in der nächsten Rezession zunehmen wird. Vermutlich werden die Mindestlohngegner argumentieren, die Arbeitslosigkeit wäre ohne Mindestlohn nicht so stark angestiegen, während die Befürworter behaupten werden, die Arbeitslosigkeit wäre ohne Mindestlohn noch stärker angestiegen. Auch diese beiden Behauptungen sind ohne eine eingehende wissenschaftliche Untersuchung kaum mit glaubwürdigen Fakten zu untermauern.</p>
<p>----------</p>
<p>Ansprechpartner:<br> Prof. Dr. Thomas K. Bauer, Tel.: (0201) 8149-264</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Mon, 31 Aug 2015 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Viagra für Frauen: 0.7 mehr Lust?</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/viagra-fuer-frauen-07-mehr-lust
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats August ist die Berichterstattung über die Markteinführung des Medikaments „Flibanserin“ in den USA. So berichtete zum Beispiel Focus online am 19. August: „Erste Lustpille für Frauen kommt auf den Markt“; der Tagesspiegel veröffentlichte einen Tag später den Artikel „Mehr Lust auf Lust“.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats August ist die Berichterstattung über die Markteinführung des Medikaments „Flibanserin“ in den USA. So berichtete zum Beispiel Focus online am 19. August: <a href="http://www.focus.de/gesundheit/news/viagra-fuer-frauen-flibanserin-erste-lustpille-fuer-frauen-kommt-auf-den-markt_id_4890060.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Erste Lustpille für Frauen kommt auf den Markt“</a>; der Tagesspiegel veröffentlichte einen Tag später den Artikel <a href="http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/mehr-lust-auf-lust-was-viagra-fuer-die-frau-kann/12209514.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Mehr Lust auf Lust“</a>.</p>
<p>Jeder weiß, dass Männer im Schnitt mehr Lust auf Sex als Frauen haben. Neu ist, dass es sich hier um eine klinische Störung handeln soll – bei Frauen wohlgemerkt, nicht bei Männern. Die Diagnose heißt „hypoactive sexual desire disorder (HSDD)“, also „Mangel an sexueller Lust.“ Und dagegen gibt es nun in den USA eine kleine rosa Pille: „Addyi“, auch „Viagra für Frauen“ genannt, die man täglich einnimmt und die voraussichtlich etwa 400 US-Dollar pro Monat kosten wird.</p>
<p>Die deutschen Medien haben durchwegs kritisch über dieses Geschäft mit der Lust berichtet: Ein deutsches Pharmaunternehmen hatte ursprünglich eine Pille gegen Depression entwickelt, suchte dann für diese Pille einen neuen Markt (Lust), aber die amerikanische Food and Drug Administration (FDA) weigerte sich, diese Pille angesichts des minimalen Nutzens und der schlechten Verträglichkeit zuzulassen. Eine US-Firma kaufte dann die Rechte, scheiterte aber zunächst nochmals an der FDA. Erst als die Firma sehr viel Geld in eine massive Lobbykampagne steckte, ließ die FDA die Pille zu.</p>
<p>Eine große Kleinigkeit haben jedoch viele Medienberichte übersehen: Die Pille hilft überhaupt nicht gegen Mangel an Lust. Keiner der beiden amerikanischen Studien gelang es nachzuweisen, dass die Pille sexuelle Lust erhöht, obgleich es beide versuchten. Lediglich die Anzahl „zufriedenstellender sexueller Ereignisse“ pro Monat stieg von 3.7 (Placebo Pille) auf 4.4 (Addyi), also um 0.7. Das ist ein wichtiger Unterschied, denn die den Frauen attestierte Störung heißt „Mangel an sexueller Lust“ und gerade dagegen hilft die Pille nicht.</p>
<p>Auch die möglichen Nebenwirkungen wie Ohnmacht, Schwindelgefühl und Übelkeit werden kaum mehr Lust machen. Von Alkohol lässt man auch besser die Finger, denn die Pille verträgt sich damit nicht. Dass die Studien nur wenig Positives vorweisen können, obwohl sie vom Hersteller der Pille selbst finanziert wurden, sollte jede Frau skeptisch machen. Es gibt ja noch andere Wege zum Glück. Mit einem Glas Rotwein und mehr gemeinsamer Zeit kann man 0.7 wohl schneller erreichen.</p>
<p>----------</p>
<p>Ansprechpartner:<br> Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Tel.:&nbsp;(030) 82406-430</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Wed, 29 Jul 2015 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Macht uns eine vegetarische Lebensweise zu besseren Menschen?</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/macht-uns-eine-vegetarische-lebensweise-zu-besseren-menschen
                                            
                                    
                            
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                        <description>„Vegetarier und Veganer sind die besseren Menschen, denn sie haben weniger Vorurteile und widersetzen sich eher autoritären Strukturen.“ So oder ähnlich kommentierten viele Medien – wie zum Beispiel die Allgemeine Zeitung oder die NWZ Online – eine am 24. Juli publizierte Studie der Universitäten Mainz und Wuppertal. Mehr oder weniger deutlich wird dabei formuliert, dass die vegetarische Lebensweise ein bestimmtes soziales Verhalten fördere oder sogar die Ursache dafür sei.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>„Vegetarier und Veganer sind die besseren Menschen, denn sie haben weniger Vorurteile und widersetzen sich eher autoritären Strukturen.“ So oder ähnlich kommentierten viele Medien – wie zum Beispiel die <a href="http://www.allgemeine-zeitung.de/lokales/mainz/nachrichten-mainz/studie-in-mainz-vegetarier-sind-toleranter-als-fleischesser_15905960.htm" target="_blank" rel="noreferrer">Allgemeine Zeitung</a> oder die <a href="http://www.nwzonline.de/panorama/studie-vegetarier-vorurteilsfreier_a_30,0,1372869499.html" target="_blank" rel="noreferrer">NWZ Online</a> – eine am 24. Juli publizierte Studie der Universitäten Mainz und Wuppertal. Mehr oder weniger deutlich wird dabei formuliert, dass die vegetarische Lebensweise ein bestimmtes soziales Verhalten fördere oder sogar die Ursache dafür sei.</p>
<p>Damit wird aber wie so oft kein Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität gemacht. Schon bei dem Mythos, Vegetarier lebten länger als andere, hat sich die vegetarische Lebensweise als solche – Vegetarier greifen seltener als andere zur Zigarette und treiben öfter Sport – als irrelevant herausgestellt (Studie: Vegetarian diet, Seventh Day Adventists and risk of cardiovascular mortality: A systematic review and meta-analysis. International Journal of Cardiology&nbsp; 176(3): 680-6). Und im vorliegenden Fall ist zu vermuten, dass unkonventionelle und antiautoritäre Charaktere auch bei der Ernährung zu eher unkonventionellen Methoden neigen. Dann gäbe es zwar eine Kausalbeziehung, aber eine in die umgekehrte Richtung: nicht von der vegetarischen Ernährung zum Charakter, sondern vom Charakter zur vegetarischen Ernährung.</p>
<p>----------</p>
<p>Ansprechpartner:<br> Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: 0231-7553125</p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2015</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Tue, 30 Jun 2015 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Geschmacksirrläufer</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/geschmacksirrlaeufer
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats Juni ist eine Werbekampagne der Supermarktkette Lidl für die von Lidl vertriebene Cola mit der Botschaft „Deutschland kommt auf den Geschmack! 80% finden Freeway Cola schmeckt wie eine Markencola.“ In einer Fußnote zum Werbeplakat ist außerdem zu lesen: „Cola Geschmackstest 2015: Bei einem Blindtest mit 510 Teilnehmern, denken 8 von 10 derjenigen, die Freeway als ihre Favoriten wählen, Coca Cola oder Pepsi Cola getrunken zu haben“ [Komma-Fehler sind vom Werbeplakat übernommen]. Diese Botschaft ist zwar korrekt, in der Darstellung jedoch irreführend.
</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die&nbsp;Unstatistik&nbsp;des Monats Juni ist eine <a href="http://www.lidl.de/de/freeway/b1502" target="_blank" rel="noreferrer">Werbekampagne der Supermarktkette Lidl</a> für die von Lidl vertriebene Cola mit der Botschaft „Deutschland kommt auf den Geschmack! 80% finden&nbsp;Freeway&nbsp;Cola schmeckt wie eine Markencola.“&nbsp;In einer Fußnote zum Werbeplakat ist außerdem zu lesen: „Cola Geschmackstest 2015: Bei einem Blindtest mit 510 Teilnehmern, denken 8 von 10 derjenigen, die&nbsp;Freeway&nbsp;als ihre Favoriten wählen, Coca Cola oder Pepsi Cola getrunken zu haben“ [Komma-Fehler sind vom Werbeplakat übernommen].&nbsp;Diese Botschaft ist&nbsp;zwar korrekt, in der Darstellung jedoch&nbsp;irreführend.</p>
<p>Betrachtet man die Ergebnisse des Geschmackstests, haben nur 18% der Teilnehmer bzw. 92 der 510 Personen angegeben, dass&nbsp;ihnen&nbsp;Freeway&nbsp;Cola persönlich am besten schmeckt – und diese damit zu ihrem Favoriten gewählt. Der Rest präferierte eine andere Cola – die große Mehrheit davon Coca Cola oder Pepsi Cola. Von diesen 92 Personen dachten&nbsp;wiederum&nbsp;80% oder knapp 74 Personen, Coca Cola oder Pepsi Cola getrunken zu haben. Bezieht man die Geschmacksirrläufer&nbsp;alternativ&nbsp;auf die gesamte Testgruppe,&nbsp;gaben lediglich&nbsp;14%&nbsp;an,&nbsp;dass&nbsp;Freeway&nbsp;Cola wie eine Markencola&nbsp;schmeckt.</p>
<p>Dies ist wieder einmal ein Beispiel dafür,&nbsp;dass man zu Marketingzwecken verwendete Statistiken getrost ignorieren kann.</p>
<p><br> ----------</p>
<p>Ansprechpartner:</p>
<p>Prof. Dr. Thomas K. Bauer, Tel.: (0201) 81 49 264</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Wed, 27 May 2015 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Ungleichheit – Schiefer OECD-Vergleich</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/ungleichheit-schiefer-oecd-vergleich
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats Mai ist ein Produkt der OECD: Laut einer am 21. Mai publizierten Studie verdienen die obersten 10 Prozent der deutschen Erwerbstätigen 6,6-mal so viel wie die untersten 10 Prozent. Die Einkommensunterschiede in Deutschland seien größer als in vielen anderen Industrienationen. Es folgten die üblichen Klagen der Gewerkschaften und von Teilen der Presse über eine vergleichsweise große Ungerechtigkeit am deutschen Arbeitsmarkt. So titelte zum Beispiel die Frankfurter Rundschau am 21. Mai „So ungleich ist Deutschland“.
</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats Mai ist ein Produkt der OECD: Laut einer am 21. Mai publizierten <a href="http://www.oecd.org/newsroom/reducing-gender-gaps-and-poor-job-quality-essential-to-tackle-growing-inequality.htm" target="_blank" rel="noreferrer">Studie</a> verdienen die obersten 10 Prozent der deutschen Erwerbstätigen 6,6-mal so viel wie die untersten 10 Prozent. Die Einkommensunterschiede in Deutschland seien größer als in vielen anderen Industrienationen. Es folgten die üblichen Klagen der Gewerkschaften und von Teilen der Presse über eine vergleichsweise große Ungerechtigkeit am deutschen Arbeitsmarkt. So titelte zum Beispiel die Frankfurter Rundschau am 21. Mai <a href="http://www.fr-online.de/wirtschaft/oecd-bericht--so-ungleich-ist-deutschland-,1472780,30755670.html" target="_blank" rel="noreferrer">„So ungleich ist Deutschland“</a>.</p>
<p>Das Problem: Der oben genannte Faktor 6,6 bezieht sich nur auf Menschen, die tatsächlich Arbeit haben. Verliert ein teilzeitbeschäftigter Arbeitnehmer mit geringem Verdienst seinen Arbeitsplatz, so geht die Ungleichheit zurück! Denn Einkommen von null fallen aus der Betrachtung völlig heraus. In dem Umfang aber, wie Teilzeitarbeitsverhältnisse selbst gewählt sind, liefert die Analyse der OECD einen schiefen Vergleich der Ungleichheit. Zudem ist die Teilzeitarbeit in Deutschland populärer als in Ländern, die bezüglich der Lohnungleichheit besser abschneiden.</p>
<p>Auch die auf der OECD-Studie basierenden und in vielen Medien kolportierten internationalen Vergleiche der Ungleichheit der Vermögen führen in die Irre. Demnach verfügen die reichsten 10 Prozent der Deutschen über beinahe 60 Prozent des gesamten Nettohaushaltsvermögens. Das ist mehr als der OECD-Durchschnitt von 50 Prozent. Allerdings fallen in Deutschland alle Anwartschaften aus der gesetzlichen Rentenversicherung aus dem von der OECD gemessenen Vermögen heraus. Für viele Haushalte ist das der größte Teil des Vermögens überhaupt. Würde der dem Vermögen hinzugerechnet, wie in Ländern mit vorwiegend privater oder kapitalgedeckter Altersvorsorge, wäre die Ungleichheit der Vermögen in Deutschland wahrscheinlich beträchtlich kleiner.</p>
<p>Natürlich ist das hohe Ausmaß der Einkommens- und Vermögensungleichheit ein großes soziales und ökonomisches Problem. Aber dessen Bewältigung wird nicht dadurch leichter, dass man verschiedene Zustände auf falsche Art und Weise vergleicht.</p>
<p>----------</p>
<p>Ansprechpartner:</p>
<p>Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) &nbsp;75 53 12 5</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Thu, 30 Apr 2015 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Schlachtfeld Straße – Regionale Meldungen zur Verkehrsstatistik</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/schlachtfeld-strasse-regionale-meldungen-zur-verkehrsstatistik
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats April sind die zahlreichen Meldungen in regionalen Medien zur Entwicklung der Verkehrstoten im Jahr 2014. So meldete die BZ Berlin am 29. April unter Hinweis auf den Verkehrssicherheitsreport der DEKRA: „Die Berliner werden im Straßenverkehr immer aggressiver. Die Folge: 40 Prozent mehr Verkehrstote in Berlin.“ Ein paar Tage zuvor meldete der Tagesspiegel unter Verweis auf das Statistische Bundesamt „In Berlin sind in den ersten beiden Monaten des Jahres 2015 insgesamt 2 020 Menschen im Straßenverkehr verunglückt, vier davon tödlich. Im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es noch acht Menschen gewesen.“ Das wiederum wäre ein Rückgang der Verkehrstoten in Berlin um 50%.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats April sind die zahlreichen Meldungen in regionalen Medien zur Entwicklung der Verkehrstoten im Jahr 2014. So meldete die <a href="http://www.bz-berlin.de/berlin/40-prozent-mehr-verkehrstote-in-berlin" target="_blank" rel="noreferrer">BZ Berlin</a> am 29. April unter Hinweis auf den Verkehrssicherheitsreport der DEKRA: „Die Berliner werden im Straßenverkehr immer aggressiver. Die Folge: 40 Prozent mehr Verkehrstote in Berlin.“ Ein paar Tage zuvor meldete der <a href="http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/bundesamt-fuer-statistik-neun-prozent-mehr-verkehrstote-im-februar/11676464.html" target="_blank" rel="noreferrer">Tagesspiegel</a> unter Verweis auf das Statistische Bundesamt „In Berlin sind in den ersten beiden Monaten des Jahres 2015 insgesamt 2 020 Menschen im Straßenverkehr verunglückt, vier davon tödlich. Im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es noch acht Menschen gewesen.“ Das wiederum wäre ein Rückgang der Verkehrstoten in Berlin um 50%. Die <a href="http://www.fr-online.de/verkehr/verkehrsstatistik-weniger-tote-im-frankfurter-strassenverkehr,23914936,30484486.html" target="_blank" rel="noreferrer">Frankfurter Rundschau</a> meldete einen Rückgang der Verkehrstoten in Frankfurt um rund 50%. Aus einer Informationsgraphik lässt sich dann entnehmen, dass im Vergleich zum Jahr 2013 mit 22 Verkehrstoten im Jahr 2014 11 Tote auf den Frankfurter Straßen zu beklagen waren. In <a href="http://www.pz-news.de/pforzheim_artikel,-Gefaehrliche-Strecken-Zahl-der-Verkehrstoten-im-Enzkreis-mehr-als-verdreifacht-_arid,1014324.html" target="_blank" rel="noreferrer">Pforzheim</a> stieg dagegen die Zahl der Verkehrstoten um 250% – von 4 auf 14.</p>
<p>Jeder Verkehrstote ist einer zu viel. Nichtsdestotrotz müssen die genannten Meldungen aus mehreren Gründen mit Vorsicht interpretiert werden. Zum einen erhält man bei einer sehr kleinen Basis sehr schnell große Wachstumsraten. Bei den Verkehrstoten in Pforzheim im Jahr 2013 bedeuten 10 zusätzliche Verkehrstote eine gigantische Wachstumsrate von 250%. In Frankfurt, mit 22 Verkehrstoten im Jahr 2013, würden 10 zusätzliche Verkehrstote nur eine Wachstumsrate von 45% ergeben. Auffällig ist, dass viele Medien gerne auf horrende Wachstumsraten hinweisen, um mit entsprechenden Schlagzeilen die Aufmerksamkeit der Leser zu gewinnen. Dabei wird nicht in allen Fällen auf die absolute Zahl der Verkehrstoten hingewiesen.</p>
<p>Darüber hinaus werden von den Medien häufig unterschiedliche Bezugsräume zugrunde gelegt und damit – wie in Berlin – sehr unterschiedliche Zahlen ausgewiesen: Einmal wird das gesamte Jahr 2014 mit dem Jahr 2013 verglichen, eine andere Zeitung vergleicht die ersten beiden Monate des Jahres 2015 mit den Vergleichsmonaten des Jahres 2014. Schließlich geben weder die Anzahl der Verkehrstoten in einem Jahr noch deren Veränderungen zwischen zwei Jahren auch nur die geringsten Hinweise darauf, ob die Verkehrsteilnahme gefährlicher oder sicherer geworden ist. Hierzu müsste man die Verkehrsunfälle bzw. die Verkehrstoten zum Verkehrsaufkommen in einer Region in Bezug setzen. Steigt das Verkehrsaufkommen, ohne dass die Straßen entsprechend ausgebaut werden, führt dies üblicherweise zu mehr Unfällen. Aber auch bei unverändertem Verkehrsaufkommen kann sich die Anzahl der Verunglückten im Straßenverkehr verändern, wenn beispielsweise ein wichtiger Zubringer gesperrt wird und die Umleitung vieler Kraftfahrzeuge über Wohngebiete zu mehr Unfällen mit Personenschaden führt.</p>
<p>Die Verkehrsstatistik ist sicherlich von hoher Bedeutung. Man sollte jedoch nicht durch den Ausweis zweifelhafter Wachstumsraten und der Verwendung von unterschiedlichen Zeiträumen Ängste bei der Bevölkerung schüren oder dieser eine Verbesserung der Verkehrssicherheit vorgaukeln. Insbesondere sollte man aber aus diesen Zahlen keinerlei Rückschlüsse über die Veränderung der Verkehrssicherheit ziehen.</p>
<p>----------</p>
<p>Ansprechpartner:</p>
<p>Prof. Dr. Thomas K. Bauer, Tel.: (0201) 8149-264</p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2015</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Mon, 30 Mar 2015 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Googeln mit Smartphone macht denkfaul!</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/googeln-mit-smartphone-macht-denkfaul
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats März ist die Berichterstattung über eine kanadische Studie zu den Auswirkungen der Smartphone-Nutzung. Demnach scheint jetzt wissenschaftlich bewiesen, was mancher schon vermutete: Smartphone-Nutzung macht denkfaul. Wer häufig googelt, riskiert seine Intelligenz. Google statt Grips. Smartphone – oder eher Dummphone? Handy entmündigt. All das, so versicherten Medien – wie beispielsweise das Internetportal gesundheitsstadt-berlin.de am 10. März 2015 – hätten Forscher der Universität im kanadischen Waterloo herausgefunden.
</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p><em>Die Unstatistik des Monats März ist die Berichterstattung über eine kanadische Studie zu den Auswirkungen der Smartphone-Nutzung. Demnach scheint jetzt wissenschaftlich bewiesen, was mancher schon vermutete: Smartphone-Nutzung macht denkfaul. Wer häufig googelt, riskiert seine Intelligenz. Google statt Grips. Smartphone – oder eher Dummphone? Handy entmündigt. All das, so versicherten Medien – wie beispielsweise das Internetportal <a href="http://www.gesundheitsstadt-berlin.de/googeln-mit-dem-smartphone-macht-denkfaul-5854/" target="_blank" rel="noreferrer">gesundheitsstadt-berlin.de</a> am 10. März 2015 – hätten Forscher der Universität im kanadischen Waterloo herausgefunden. Sinkt der Intelligenzquotient also mit jeder Google-Suche? So gerne manche glauben möchten, dass das Smartphone denkfaul macht oder gar in die digitale Demenz treibt – die kanadische <a href="http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0747563215001272" target="_blank" rel="noreferrer">Studie</a> zeigt das nicht.</em></p>
<p>Die genauere Betrachtung ergibt: In der Internet-Studie wurden Erwachsene in Kanada befragt, ob sie ein Smartphone besitzen und wenn ja, wie viel Zeit sie damit in Suchmaschinen wie Google, in sozialen Netzwerken wie Facebook und mit Entertainment-Apps wie Videospielen verbringen. Zudem mussten die Teilnehmer logische Denkaufgaben lösen. Das Ergebnis: Im logischen Denken bestand kein Unterschied zwischen jenen, die ein Smartphone besaßen, und jenen, die keines hatten; kein Unterschied zwischen jenen, die mit ihrem Smartphone viel Zeit in sozialen Netzwerken verbrachten, und jenen, die das nicht taten; und auch kein Unterschied zwischen jenen, die viel Zeit mit Entertainment-Apps wie Videospielen verbrachten, und jenen, die das nicht taten. Nur wer mehr Zeit mit Suchmaschinen verbrachte, zeigte niedrigere Leistungen bei den Denkaufgaben.</p>
<p>Macht also der ausgiebige Einsatz von Suchmaschinen denkfaul oder gar weniger intelligent? Nein, hier liegt ein klassischer Denkfehler vor: aus einer Korrelation kann man nicht auf Kausalität (auf die Ursache) schließen – aus dem Umstand, dass die Geburtenrate dort höher ist, wo es mehr Störche gibt, folgt eben nicht, dass die Kinder vom Storch gebracht werden. Ebenso wenig kann man aus dieser Studie schließen, dass der intensive Einsatz von Suchmaschinen auf dem Smartphone die logischen Denkleistungen beeinträchtigt oder dass man logischer denkt, wenn man weniger oft sucht. Vielleicht verläuft die Kausalrichtung genau anders herum: Insbesondere Denkfaule oder Personen mit einer geringeren Allgemeinbildung greifen eher auf Suchmaschinen zurück.</p>
<p>Dass die vermutete ursächliche Beziehung sogar eher unwahrscheinlich ist, ergibt sich aus einem anderen Ergebnis der Studie. Wenn googeln mit dem Smartphone das logische Denken schwächen würde, dann müssten jene Erwachsene, die kein Smartphone besitzen, die besten Leistungen erzielen. Aber diese Gruppe unterscheidet sich überhaupt nicht von den anderen.</p>
<p>Im Gegensatz zur Presse sind die Autoren der Studie vorsichtiger mit kausalen Behauptungen; sie wissen nicht, wie der Zusammenhang zu deuten ist. Die wirkliche Erkenntnis ist vielleicht eine andere: Man braucht kein Smartphone, um denkfaul zu werden – die Verwechslung von Korrelation mit Kausalität in der Berichterstattung ist das beste Beispiel.<br> <br> ----------</p>
<p>Ansprechpartner:&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>
<p>Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Tel.:&nbsp;(030) 82406-430</p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2015</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Tue, 24 Feb 2015 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Deutschland – das Armenhaus Europas?</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/deutschland-das-armenhaus-europas
                                            
                                    
                            
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                        <description>Wie die allererste Unstatistik vom Januar 2012 ist auch die Unstatistik im Februar 2015 wieder eine Armutsstudie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Darüber berichtet haben am 19. Februar unter anderem Spiegel online („Bericht des Wohlfahrtsverbands: 12,5 Millionen Menschen in Deutschland sind arm“) und n-tv („12,5 Millionen Deutsche sind arm“). Auch wenn einige Medien sich diesmal durchaus kritisch zu dieser Studie äußerten, scheint die falsche Interpretation relativer Armutsquoten nicht auszurotten zu sein und daher Bedarf an einer wiederholten Richtigstellung zu bestehen.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Wie die allererste Unstatistik vom Januar 2012 ist auch die Unstatistik im Februar 2015 wieder eine <a href="http://www.der-paritaetische.de/armutsbericht/die-zerklueftete-republik" target="_blank" rel="noreferrer">Armutsstudie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes</a>. Darüber berichtet haben am 19. Februar unter anderem Spiegel online (<a href="http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/armutsbericht-deutschland-zerfaellt-in-arm-und-reich-a-1019315.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Bericht des Wohlfahrtsverbands: 12,5 Millionen Menschen in Deutschland sind arm“</a>) und n-tv (<a href="http://www.n-tv.de/politik/12-5-Millionen-Deutsche-sind-arm-article14549586.html" target="_blank" rel="noreferrer">„12,5 Millionen Deutsche sind arm“</a>). Auch wenn einige Medien sich diesmal durchaus kritisch zu dieser Studie äußerten, scheint die falsche Interpretation relativer Armutsquoten nicht auszurotten zu sein und daher Bedarf an einer wiederholten Richtigstellung zu bestehen.</p>
<p>Laut Paritätischem Wohlfahrtsverband war die Armut in Deutschland noch nie so hoch wie heute. Dabei beruft sich der Paritätische Wohlfahrtsverband auf eine angebliche Armutsquote von 15,5 Prozent aller Bundesbürger, definiert als die Menschen, die pro Monat weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung haben. Unabhängig davon, ob diese Zahl nun korrekt ist, hat sie mit Armut nichts zu tun. Denn dieser Prozentsatz bleibt der gleiche, auch wenn sich das reale Einkommen aller Bundesbürger verdoppelt. Und wenn es allen schlechter geht, nimmt die so gemessene Armut unter Umständen sogar ab.</p>
<p>Wie in unserer ersten Unstatistik sei auch diesmal wieder auf ein methodisches Problem der Studie hingewiesen. So argumentiert der Paritätische Wohlfahrtsverband, man müsse regionale Armutsquoten ausweisen, da man Stuttgart nicht mit dem Ruhrgebiet vergleichen könne. Dann sollte der Verband aber auch die zur Berechnung der Armutsquoten verwendeten Einkommen um die in den Regionen sehr unterschiedlichen Lebenshaltungskosten korrigieren. Dann würde sich hinsichtlich der „Armenhäuser“ in der Republik sehr wahrscheinlich ein sehr unterschiedliches Bild ergeben.</p>
<p>Man sollte endlich zur Kenntnis nehmen, dass relative Armutsquoten nur ein (schlechtes) Maß für die Einkommensungleichheit darstellen und mit Armut im herkömmlichen Sinne nichts zu tun haben. Wenn der Präsident des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes sagt: „Nie war die Armut in Deutschland so hoch“, ist man versucht, ihm zuzurufen: „Beamen Sie sich mal zurück in das Jahr 1948! Da ging es allen gleichermaßen dreckig, aber nach Ihrer Definition war so gut wie niemand arm.“</p>
<p>-------------</p>
<p>Ansprechpartner:&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>
<p>Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-3125</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Wed, 17 Dec 2014 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Der Flughafen BER ist zu 98 Prozent fertig!</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/der-flughafen-ber-ist-zu-98-prozent-fertig
                                            
                                    
                            
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                        <description>Vor seinem Rücktritt als Regierender Bürgermeister am 11. Dezember 2014 versicherte Klaus Wowereit in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, dass der Flughafen Berlin-Brandenburg (BER) „jetzt zu 98 Prozent fertig ist.“ Das klang verheißungsvoll. Aber 98 Prozent von was? Wowereit sagte es nicht, und der „Spiegel“ fragte auch nicht nach. Also haben wir uns den Kopf zerbrochen.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p><em>Vor seinem Rücktritt als Regierender Bürgermeister am 11. Dezember 2014 versicherte Klaus Wowereit in einem <a href="http://www.berlin.de/rbmskzl/regierender-buergermeister/klaus-wowereit/interviews/artikel.232000.php" target="_blank" rel="noreferrer">Interview</a> mit dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, dass der Flughafen Berlin-Brandenburg (BER) „jetzt zu 98 Prozent fertig ist.“ Das klang verheißungsvoll. Aber 98 Prozent von was? Wowereit sagte es nicht, und der „Spiegel“ fragte auch nicht nach. Also haben wir uns den Kopf zerbrochen.</em></p>
<p>Die erste und naheliegende Vermutung ist, dass sich die Zahl auf die Zeit bezieht – der Eröffnungstermin stand ja immer im Zentrum der Debatte. Der erste Spatenstich erfolgte am 5. September 2006. Wenn bis zu Wowereits Rücktritt 98 Prozent der Zeit verstrichen war, dann bleiben noch exakt zwei Monate. Demnach lässt Wowereit uns wissen, dass der BER am 11. Februar 2015 fertig sein wird. Das kann er aber nicht gemeint haben, da der scheidende BER-Chef Hartmut Mehdorn als Eröffnungstermin gerade die zweite Hälfte von 2017 angekündigt hat.</p>
<p>Wenn nicht Zeit, was dann? Vielleicht Geld. Bis Ende 2014 sollen die Gesamtkosten auf 5,1 Milliarden Euro steigen. Die verbleibenden zwei Prozent der Kosten lägen dann nur noch bei etwas über hundert Millionen. Da die Flughafengesellschaft im November dieses Jahres jedoch ankündigte zwei Milliarden mehr zu investieren und Mehdorn mehr als drei weitere Milliarden für nötig hält, kann Wowereit wohl auch nicht Geld gemeint haben.</p>
<p>Was sonst? Vielleicht die Gebäude und die Infrastruktur. Das ist aber ebenso unwahrscheinlich, da etwa nach Mehdorn ein Ausbau mit einer dritten Startbahn notwendig wird. Der BER war für 27 Millionen Passagiere geplant, doch die alten Flughäfen Tegel und Schönefeld versorgen bereits jetzt mehr Passagiere.</p>
<p>Eine letzte Hoffnung auf eine Antwort könnte der Nachsatz von Wowereit liefern, „aber die restlichen zwei Prozent sind die schwierigsten. Versuchen Sie mal, das öffentlich zu vermitteln.“ Nur wie können wir verstehen, warum die letzten zwei Prozente der Knackpunkt sind, wenn er nicht versucht uns zu vermitteln, worauf sich die ersten 98 Prozent beziehen?</p>
<p>Vielleicht ist die Antwort eine ganz andere, und viel einfacher: Wowereit hat an nichts gedacht. Wie er in dem „Spiegel“-Interview klarstellte, war sein Motto als „Berlins Regierender Partymeister“ ja auch das Prinzip der heiteren Gelassenheit. Und was er überhaupt nicht vermissen wird: „Dass ich mich für jeden Quatsch rechtfertigen muss.“</p>
<p>-------------</p>
<p>Ansprechpartner:&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>
<p>Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Tel.:&nbsp;(030) 82406-430</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Fri, 28 Nov 2014 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Frauen in DAX-Vorständen unerwünscht?</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/frauen-in-dax-vorstaenden-unerwuenscht
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats November sind die im Umfeld der in diesem Monat beschlossenen Einführung einer Frauenquote für DAX-Aufsichtsräte in verschiedenen Medien erschienenen Berichte über die im Vergleich zu Männern relativ kurze Verweildauer von Frauen auf einem Vorstandsposten sowie die Spekulationen zu den Ursachen dieser Beobachtung.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats November sind die im Umfeld der in diesem Monat beschlossenen Einführung einer Frauenquote für DAX-Aufsichtsräte in verschiedenen Medien erschienenen Berichte über die im Vergleich zu Männern relativ kurze Verweildauer von Frauen auf einem Vorstandsposten sowie die Spekulationen zu den Ursachen dieser Beobachtung. Beispielsweise veröffentlichte die WELT am 14. November ein <a href="http://www.welt.de/wirtschaft/article134336171/Auch-als-Finanzvorstand-muss-man-kreativ-sein.html" target="_blank" rel="noreferrer">Interview mit der Lufthansa-Finanzchefin Simone Menne</a>. Darin spricht sie unter anderem über mögliche Gründe für die meist unterschiedlichen Voraussetzungen von Frauen und Männern in der Arbeitswelt und insbesondere im Vorstand.</p>
<p>Bereits am 18. August schrieb Thomas Sattelberger in einem <a href="http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/debatte-um-die-quote-wenn-frauen-scheitern-ist-das-ein-privatproblem-1.2091905" target="_blank" rel="noreferrer">Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung</a>: „Jeder Statistiker weiß, dass systemisch irgendetwas schiefläuft, wenn acht von insgesamt 17 weiblichen Vorständen nach nicht mal der Hälfte ihrer Vorstandsperiode ausscheiden. Neueste Studien zeigen, dass weibliche Vorstände durchschnittlich nach etwa drei Jahren aus ihrem Amt scheiden, während Männer acht Jahre verweilen - und damit fast drei Mal so lang. Ein mit Einzelfällen nicht erklärbares Muster."</p>
<p>Einmal davon abgesehen, dass die geringe Beobachtungszahl (8 von insgesamt 17 weiblichen Vorständen) keine gesicherten Aussagen zulässt und statistisch gesehen durchaus reiner Zufall sein könnte, werden bei einer derartigen Gegenüberstellung „Äpfel mit Birnen" verglichen. Insbesondere bleibt bei diesem Vergleich vollkommen unberücksichtigt, dass Frauen weit häufiger als Männer quer einsteigen und das Personalressort verwalten. Diese Kombination ist aber generell mit niedrigen Verweildauern verbunden, und zwar für Männer wie für Frauen gleichermaßen. Betrachtet man alle seit 2007 in den DAX-30-Unternehmen neu berufenen Vorstände (insgesamt 24 Frauen und 209 Männer) und rechnet man diese Faktoren aus den Verweildauern heraus, gibt es zwischen Männern und Frauen keinen Unterschied. Das heißt, es gibt immer noch wenig Frauen unter den Vorständen, doch wie lange sie im Amt bleiben, hat mehr mit dem häufigen Quereinstieg in das Personalressort zu tun als mit dem Geschlecht.</p>
<p>-------------</p>
<p>Ihre Ansprechpartnerin:&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>
<p>Katharina Schüller (STAT-UP), Tel.: (089) 34077-447</p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2014</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Wed, 29 Oct 2014 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>5-Jahre-Überlebensraten und Pink Ribbons</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/5-jahre-ueberlebensraten-und-pink-ribbons
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats Oktober 2014 ist die Nicht-Information im „Brustkrebsmonat“ Oktober. Denn wieder einmal erhalten Frauen rosa Schleifchen statt Aufklärung. Die Österreichische Krebshilfe startete eine „Informationsoffensive“ ohne jede Information über Nutzen und Schaden des Mammographie-Screenings, aber mit dem Logo des Kosmetikkonzerns Estée Lauder, welches eine exklusive Pink Ribbon Edition mit Pure Color Lipstick in der Farbe Dream Pink vermarktet.
</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats Oktober 2014 ist die Nicht-Information im „Brustkrebsmonat“ Oktober. Denn wieder einmal erhalten Frauen rosa Schleifchen statt Aufklärung. Die Österreichische Krebshilfe startete eine „Informationsoffensive“ ohne jede Information über Nutzen und Schaden des Mammographie-Screenings, aber mit dem Logo des Kosmetikkonzerns Estée Lauder, welches eine exklusive Pink Ribbon Edition mit Pure Color Lipstick in der Farbe Dream Pink vermarktet. Die Krebsliga Schweiz warb mit einem begehbaren Brustmodell und einem Pink Nail-Day. Die Frauenzeitschrift „Brigitte“ präsentierte Kate Moss mit einer rosa Schleife am rosa Lingerie-Set und Delta Airlines eine Crew in pinkfarbenen Uniformen, die pinkfarbene Limonade und Kopfhörer verkauft. Und die Football-Spieler der amerikanischen NFL hatten rosa Schleifchen auf ihren Helmen. Statt Fakten gab es Ratschläge von Celebrities.</p>
<p>Dabei könnte man den Nutzen einfach erklären, wie wir in der „Unstatistik des Monats“ im Oktober 2013 ausführlich berichteten. Randomisierte Studien mit über 500&nbsp;000 Frauen haben gezeigt: Von je 1&nbsp;000 Frauen im Alter 50+, die nicht am Screening teilnahmen, starben nach 10 Jahren etwa 5 an Brustkrebs; bei Frauen, die teilnahmen, waren es 4. In anderen Worten, 1&nbsp;000 Frauen müssen am Screening teilnehmen, damit nach 10 Jahren eine weniger an Brustkrebs stirbt. Wenn überhaupt, wurde dies in den Medien als „20-prozentige Reduktion“ (von 5 auf 4) präsentiert, oft aufgerundet auf 30 Prozent. Über den Schaden, wie beispielsweise die Anzahl unnötiger Brust-Operationen, erfuhr so gut wie keine Frau etwas.</p>
<p>Was hat sich geändert? Im Oktober 2014 haben wir keine irreführenden 20 oder 30 Prozent mehr gesehen, was eine erfreuliche Nachricht ist. Dafür führte man Frauen mit einem anderen Trick in die Irre: 5-Jahre-Überlebensraten. Die Deutsche Krebshilfe hatte diese bereits 2009 aus ihren Blauen Ratgebern entfernt, weil sie über Sterblichkeit nichts aussagen. Das ist nicht schwer zu verstehen. Denken Sie an 100 Menschen, die alle im Alter von 70 Jahren an invasivem Krebs sterben. Wenn diese nicht zum Screening gehen, wird der Krebs spät entdeckt, sagen wir mit 67. Die 5-Jahre-Überlebensrate ist dann Null. Gehen sie zum Screening und wird der Krebs früh entdeckt, sagen wir im Alter von 60, dann steigt die 5-Jahre-Überlebensrate auf 100 Prozent! Dieses Beispiel erklärt, warum Überlebensraten nichts darüber aussagen, ob man länger lebt. Studien zeigen entsprechend, dass Verbesserungen in Überlebensraten nicht mit Verbesserungen in Sterblichkeitsraten einhergehen. Sterblichkeitsraten, wie die oben genannte 1 in 1&nbsp;000, sind daher ehrliche Information über den Nutzen des Screenings.</p>
<p>Trotzdem wurde auch in diesem Jahr wieder mit irreführenden Überlebensraten für Screening geworben. Der Nordkurier zitierte unter dem Titel <a href="http://www.nordkurier.de/nachrichten/ticker/london/liz-hurley-ruft-frauen-zu-brustkrebs-kontrollen-auf-0610185610.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Liz Hurley ruft Frauen zu Brustkrebs-Kontrollen auf“</a> im Oktober die britische Filmschönheit Liz Hurley mit der Aussage, 95 Prozent der Brustkrebsfälle könnten geheilt werden, wenn die Krankheit rechtzeitig erkannt werde. Die nachrichten.at berichtete von einer „Heilungsrate, die mehr als 90 Prozent beträgt“. Selbst die Kooperationsgemeinschaft Mammographie führt nun Frauen mit diesem Trick hinters Licht. Unter der Überschrift <a href="http://www.mammo-programm.de/presse/archiv-meldungen-details.php?id=138" target="_blank" rel="noreferrer">„Mammographie-Screening auf Erfolgskurs - erstmalig Auswertung für ganz Deutschland“</a> zitiert sie auf ihrer Website ihren Sachverständigen Alexander Katalinic mit den Worten: „Wir diskutieren viel über die Brustkrebsmortalität. Dabei ist die 5-Jahresüberlebensrate in den vergangenen Jahren stetig gestiegen auf inzwischen 87 Prozent.” Im Klartext: diese 87 Prozent sind das gleiche wie 1 in 1&nbsp;000, also 0,1 Prozent.</p>
<p>So geht Aufklärung für Frauen. Eine europaweite <a href="http://jnci.oxfordjournals.org/content/101/17/1216.full" target="_blank" rel="noreferrer">Studie</a>, erschienen im Journal of the National Cancer Institute, zeigte entsprechend, dass die deutschen Frauen am wenigsten über den Nutzen des Mammographie-Screenings Bescheid wissen. Am aufgeklärtesten waren die Russinnen – nicht weil sie mehr Information erhalten, sondern weniger irreführende Information. Frauen und Frauenverbände sollten endlich die Pink Ribbons zerreißen und ehrliche Information verlangen.</p>
<p>------</p>
<p>Ihr Ansprechpartner:<br> Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Tel.:&nbsp;(030) 82406-430</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Tue, 30 Sep 2014 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Das Bundesländer-Ranking beim Blitz-Marathon</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/das-bundeslaender-ranking-beim-blitz-marathon
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats September 2014 ist das medial vielbeachtete Bundesländer-Ranking zum Blitz-Marathon. So titelte beispielsweise Spiegel-Online am 19. September 2014: „Die Blitzer-Bilanz der Bundesländer: Saarländer und Sachsen sind die schlimmsten Raser“. 
</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats September 2014 ist das medial vielbeachtete Bundesländer-Ranking zum Blitz-Marathon. So titelte beispielsweise Spiegel-Online am 19. September 2014: <a href="http://www.spiegel.de/auto/aktuell/blitz-marathon-bilanz-der-bundeslaender-so-viele-pkw-wurden-erwischt-a-992701.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Die Blitzer-Bilanz der Bundesländer: Saarländer und Sachsen sind die schlimmsten Raser“</a>.</p>
<p>Darüber hinaus kommt Spiegel-Online auf Basis der Angaben des Innenministeriums von Nordrhein-Westfalen zu dem Ergebnis, dass sich die Raser-Quote erhöht hätte: Im September dieses Jahres hielt sich jeder 32. Fahrer nicht an das Tempolimit; im Jahr 2013 war es nur jeder 36. Fahrer, obwohl im Jahr 2013 rund 2000 Polizisten mehr im Einsatz waren und rund 1000 mehr Standorte kontrolliert wurden.</p>
<p>Diese Aussagen sind wahrscheinlich in mehrerer Hinsicht irreführend: Zum einen ist ein seriöser Vergleich von Raser-Quoten über die einzelnen Bundesländer nicht möglich, solange man die sehr unterschiedliche Verkehrsstruktur, Fahrzeugdichte oder auch Altersstruktur der Bevölkerung nicht berücksichtigt. So ist sehr plausibel, dass in den Stadtstaaten Hamburg und Bremen der Verkehr besonders stark durch Staus behindert wird und dadurch der Anteil der Geschwindigkeitsverstöße niedriger ausgefallen ist.</p>
<p>Aber auch die Meldung einer im Vergleich zu 2013 gestiegenen Raser-Quote dürfte auf ein statistisches Artefakt zurückzuführen sein. Wenn weniger Standorte kontrolliert werden, wird sich die Polizei voraussichtlich auf diejenigen Standorte konzentrieren, bei denen viele Geschwindigkeitsüberschreitungen zu erwarten sind. Dann ist es aber vollkommen natürlich, dass die Raser-Quote zunimmt, auch wenn weniger Polizisten im Einsatz sind und weniger Standorte kontrolliert werden. Vergleicht man das Durchschnittseinkommen der gesamten deutschen Bevölkerung mit dem Durchschnittseinkommen von Managern, wäre man auch nicht überrascht, wenn Letztere ein höheres Einkommen erzielen, obwohl es nur vergleichsweise sehr wenige Manager&nbsp; gibt. Mit Blick auf den Blitz-Marathon lässt sich tatsächlich beobachten, dass Bundesländer mit relativ wenigen Kontrollen tendenziell höhere Anteile an Tempoverstößen aufweisen als Bundesländer mit relativ vielen Kontrollen.</p>
<p>------</p>
<p>Ihr Ansprechpartner:<br> Prof. Dr. Björn Christensen (FH Kiel), Tel.: (0431) 210-35 60</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Wed, 20 Aug 2014 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Vermeintlicher Lebensretter PSA-Test</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/vermeintlicher-lebensretter-psa-test
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats August ist die Nachricht des Tagesspiegel-online vom 7. August 2014: „Die Prostatakrebs-Vorsorge per PSA-Test kann das Sterberisiko um mehr als ein Fünftel senken.“ Focus-online, Merkur-online und DIE WELT-online berichteten in genau denselben Worten über die größte europaweite Studie mit über 162 000 Männern im Alter von 55 bis 69 Jahren.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats August ist die Nachricht des Tagesspiegel-online vom 7. August 2014: <a href="http://www.tagesspiegel.de/wissen/prostatakrebs-psa-test-verringert-das-sterberisiko/10304846.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Die Prostatakrebs-Vorsorge per PSA-Test kann das Sterberisiko um mehr als ein Fünftel senken.“</a> Focus-online, Merkur-online und DIE WELT-online berichteten in genau denselben Worten über die größte europaweite Studie mit über 162 000 Männern im Alter von 55 bis 69 Jahren.</p>
<p>Dieser eine Satz enthält gleich drei Unstatistiken. So heißt es am Ende „mehr als ein Fünftel“. Bedeutet das, dass von je hundert Männern, die zum Screening gingen, das Leben von mehr als zwanzig gerettet wurde? Nein. Die Zahl ist eine relative, keine absolute Reduktion. Absolut gesehen starben in der Kontrollgruppe (ohne PSA-Test) nach 13 Jahren etwas mehr als 0,6% der Männer, in der Screeninggruppe (mit PSA-Test) etwas weniger als 0,5%. Die absolute Reduktion ist also 0,1 Prozentpunkte (gerundet), die relative Reduktion ein Fünftel.&nbsp; Im Klartext bedeutet also „ein Fünftel“ nichts anders als „ein Mann von 1&nbsp;000“ (genau: 1 von 781). Das steht auch so in der Zusammenfassung des Originalartikels. Aber „ein Fünftel“ klingt beeindruckender.</p>
<p>Die zweite irreführende Botschaft ist, dass sich diese Zahl auf das „Sterberisiko“ bezieht. Das ist aber nicht der Fall. Sie bezieht sich nur auf das Risiko, an Prostatakrebs zu sterben, nicht aber auf das allgemeine Sterberisiko (d.h., alle Ursachen, einschließlich Prostatakrebs). Denn dieses änderte sich durch PSA-Tests nicht: nach 13 Jahren waren genau so viel Männer am Leben – unabhängig davon, ob sie am Screening teilgenommen hatten oder nicht. Für diesen Unterschied zwischen Sterblichkeit und Prostatakrebssterblichkeit gibt es mehrere mögliche Ursachen. Beispielsweise werden Männer, die an den Folgen einer Prostata-Operation sterben, nicht in der Prostatakrebssterblichkeits-Statistik aufgeführt, aber in der Sterblichkeitsstatistik. Fazit: Die Studie erbrachte keinen Nachweis, dass durch das PSA-Screening Leben gerettet wurde.</p>
<p>Der dritte Irrtum: Es handelt sich nicht um „Prostatakrebs-Vorsorge“ sondern um „Prostatakrebs-Früherkennung.“ Als Vorsorge bezeichnet man Methoden, welche die Wahrscheinlichkeit von Krebs senken, wie etwa mehr Bewegung und weniger Alkohol. Um einen Krebs früh zu erkennen, muss er jedoch schon da sein. Früherkennung verringert also nicht die Wahrscheinlichkeit, Krebs zu bekommen, wie viele Menschen glauben.</p>
<p>Man muss sich fragen, warum so viele Journalisten diese elementaren drei Fehler immer wieder machen – „Spiegel online“ beispielsweise hat dagegen richtig und verständlich berichtet. Positiv anzumerken bleibt, dass der Schaden des Screenings genau beziffert wurde: auf jeden Mann weniger, der mit der Diagnose Prostatakrebs stirbt,&nbsp; kommen 27 Männer, welche unnötig operiert oder bestrahlt werden, was zu Inkontinenz und Impotenz führen kann. Und auch, dass die Autoren der Studie deswegen das PSA-Screening nicht empfehlen. Warum keine deutschen Urologen an dieser größten europaweiten Studie teilgenommen haben,&nbsp; thematisiert hingegen keiner der Berichte.</p>
<p>------</p>
<p>Ihr Ansprechpartner:<br> Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Tel.:&nbsp;(030) 82406-430</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Mon, 28 Jul 2014 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Unfug aus Luxemburg: Gesundes Altern?</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/unfug-aus-luxemburg-gesundes-altern
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats Juli ist die Interpretation einer Statistik: Laut dem Statistischen Amt der EU in Luxemburg leben Frauen in Deutschland im Durchschnitt 83 und etwa in Bulgarien nur 71 Jahre lang. Davon verbringen sie in Bulgarien aber 66 Jahre, in Deutschland nur 58 Jahre gesund.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats Juli ist die Interpretation einer Statistik: Laut dem <a href="http://epp.eurostat.ec.europa.eu/portal/page/portal/eurostat/home/" target="_blank" rel="noreferrer">Statistischen Amt der EU</a> in Luxemburg leben Frauen in Deutschland im Durchschnitt 83 und etwa in Bulgarien nur 71 Jahre lang. Davon verbringen sie in Bulgarien aber 66 Jahre, in Deutschland nur 58 Jahre gesund.</p>
<p>Diese und ähnliche Statistiken werden immer wieder durch die Medien ungeprüft verbreitet, zuletzt in der Neuen Zürcher Zeitung vom 15. Juli 2014 unter dem Titel <a href="http://www.nzz.ch/spezial/wohlstand/sommerserie-interaktive-datenvisualisierung-wohlstand-lebenserwartung-1.18343036" target="_blank" rel="noreferrer">„Langes Leben, gesundes Leben“</a>, sind aber aus mindestens zwei Gründen falsch: Erstens gibt die als Lebenserwartung genannte Zahl keinesfalls, wie oft behauptet, die durchschnittliche Lebenszeit von heute geborenen Menschen an. Sie sagt allein: Wenn alle altersspezifischen Mortalitätsraten (Todesfälle pro Altersklasse pro Zeit) auch in Zukunft so bleiben wie sie heute sind, dann lebt ein heute geborenes Mädchen in Deutschland im Mittel 83 Jahre. Da diese altersspezifischen Mortalitätsraten aber vermutlich weiter abnehmen werden, leben heute geborene Kinder im Durchschnitt weitaus länger. Dieser Effekt wird in der amtlichen Statistik durchaus anerkannt (man spricht hier von „Periodensterbetafeln“), auch Lebensversicherer berücksichtigen ihn bei ihrer Prämienkalkulation.</p>
<p>Zweitens wird die Zahl der gesund verbrachten Lebensjahre, der sogenannte <a href="http://appsso.eurostat.ec.europa.eu/nui/show.do?dataset=hlth_hlye&amp;lan" target="_blank" rel="noreferrer">Healthy Life Years</a>-Indikator, aus Umfragen geschätzt. Da aber die Befragten selbst bewerten, ob sie in den letzten sechs Monaten vor der Befragung aus Krankheitsgründen in ihren üblichen Betätigungen behindert waren, sind diese Zahlen international nicht vergleichbar. Denn was als krank oder als eine Behinderung gilt, variiert beträchtlich – auch aufgrund kultureller Unterschiede – über Raum und Zeit. So ist aus zahlreichen empirischen Untersuchungen bekannt, dass sich Menschen auf dem Land von leichtem Fieber oder Rückenschmerzen kaum behindert fühlen, Menschen in der Stadt dagegen wohl.</p>
<p>Ohne objektives Messsystem sind die EU-Zahlen zur gesunden Lebenserwartung aber nicht belastbar und damit für eine international vergleichbare Beurteilung von wenig Wert.</p>
<p>------</p>
<p>Ihr Ansprechpartner:<br> Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-3125</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Mon, 30 Jun 2014 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Bummel-Bachelor</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/bummel-bachelor
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats sind Meldungen, an der Freien Universität und der Humboldt-Universität Berlin würden Studenten in den neuen Bachelor- und Masterstudiengängen wieder länger studieren. Darüber berichtete unter anderem die Zeitschrift „Forschung und Lehre“ in ihrer Juni-Ausgabe unter dem Titel „Wieder längere Studienzeiten an Berliner Universitäten“. So seien an der FU die durchschnittlichen Studienzeiten von Bachelorabsolventen von 6,8 Semestern im Jahr 2010 auf 7,3 Semester im Jahr 2012 und von Masterstudenten von 5,1 Semestern auf 5,5 Semester angestiegen.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats sind Meldungen, an der Freien Universität und der Humboldt-Universität Berlin würden Studenten in den neuen Bachelor- und Masterstudiengängen wieder länger studieren. Darüber berichtete unter anderem die Zeitschrift „Forschung und Lehre“ in ihrer Juni-Ausgabe unter dem Titel <a href="http://www.forschung-und-lehre.de/wordpress/?p=16341" target="_blank" rel="noreferrer">„Wieder längere Studienzeiten an Berliner Universitäten“</a>. So seien an der FU die durchschnittlichen Studienzeiten von Bachelorabsolventen von 6,8 Semestern im Jahr 2010 auf 7,3 Semester im Jahr 2012 und von Masterstudenten von 5,1 Semestern auf 5,5 Semester angestiegen. Insbesondere in den Geistes- und Sozialwissenschaften würden die Regelstudienzeiten wieder überzogen. Die Regelstudienzeiten für einen Bachelorabschluss an einer Universität sind üblicherweise 6 Semester, die für einen Masterabschluss weitere 2 bis 4 Semester. Diesen Befund nahm der Tagesspiegel zum Anlass, in einem weiteren <a href="http://www.tagesspiegel.de/wissen/berlin-warum-hier-laenger-studiert-wird-in-die-uni-vertieft/9975132.html" target="_blank" rel="noreferrer">Artikel</a> über die möglichen Ursachen der ansteigenden Studiendauer zu berichten. &nbsp;</p>
<p>Es kann durchaus sein und wäre wenig überraschend, dass die Studienzeiten von Bachelor- und Masterstudenten ansteigen. Zu einem nicht unerheblichen Teil dürfte es sich dabei jedoch um ein reines statistisches Artefakt handeln, dessen Ursache in der noch kurzen (und je nach Fachbereich unterschiedlichen) Laufzeit der neuen Studiengänge liegt.</p>
<p>Ein Beispiel mag dies verdeutlichen: Angenommen, ein Bachelorstudiengang ist zum Wintersemester 2009/2010 gestartet. Alle Studenten, die zum Ende des Sommersemesters 2012 ihr Zeugnis erhalten haben, haben das Studium in der Regelstudienzeit absolviert - die durchschnittliche Studiendauer ist genau 6 Semester. Einige Studenten, die im Wintersemester 2009/2010 begonnen haben, haben jedoch nicht alle Prüfungen bestanden und müssen ein Semester anhängen. Zum Wintersemester 2012/13 gibt es dann viele Studenten, die in der Regelstudienzeit abgeschlossen haben und einige, die erst im 7. Semester abgeschlossen haben - die durchschnittliche Studiendauer ist automatisch angestiegen. Und im Sommersemester 2013 gibt es Studenten die in der Regelstudienzeit, Studenten die im 7. und Studenten, die im 8. Fachsemester ihren Abschluss erreichten - die durchschnittliche Studiendauer ist wieder gestiegen. Erst nach einigen Jahren wird sich die gemessene Studiendauer an die wahre durchschnittliche Studiendauer annähern.</p>
<p>Aufgrund dieses Automatismus sollten derzeit auch nur Studiengänge miteinander verglichen werden, die zum selben Zeitpunkt eingeführt wurden. Wenn die Geistes- und Sozialwissenschaften Vorreiter in der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen waren, ergibt sich die höhere Studiendauer in diesen Bereichen automatisch. Aus diesem Grund ist es derzeit auch noch unsinnig, eine durchschnittliche Studiendauer über alle Fachrichtungen hinweg zu berechnen.</p>
<p>Fazit: Auf Basis der derzeit gemessenen durchschnittlichen Studiendauer lässt sich in vielen Fällen noch nicht beurteilen, ob die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge wirklich zu einer Verkürzung der Studiendauer beitragen. Für eine wirklich aussagekräftige Statistik ist es einfach noch zu früh.</p>
<p>---------</p>
<p>Ihr Ansprechpartner dazu:<br> Prof. Dr. Thomas K. Bauer, Tel.: (0201) 8149-264</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Wed, 28 May 2014 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Behandlungsqualität schöngerechnet</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/behandlungsqualitaet-schoengerechnet
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats Mai 2014 ist eine Pressemitteilung der Bundeszahnärztekammer vom 6. Mai. Demnach waren im Jahr 2013 nur 0,0013 Prozent aller Wurzelbehandlungen durch deutsche Zahnärzte fehlerhaft oder nicht dem medizinischen Standard entsprechend. Das ist rund eine von hunderttausend.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats Mai 2014 ist eine <a href="http://www.bzaek.de/fuer-medien/presseinformationen/presseinformation/bzaek/2014/05/06/00013-prozent-fehler-bei-wurzelbehandlungen.html" target="_blank" rel="noreferrer">Pressemitteilung</a> der Bundeszahnärztekammer vom 6. Mai. Demnach waren im Jahr 2013 nur 0,0013 Prozent aller Wurzelbehandlungen durch deutsche Zahnärzte fehlerhaft oder nicht dem medizinischen Standard entsprechend. Das ist rund eine von hunderttausend.</p>
<p>Diese Zahl führt aus verschiedenen Gründen in die Irre. Einmal bleibt unklar, was als Behandlungsfehler gilt. Dann werden längst nicht alle Fehler bei den jährlich rund 8 Millionen Wurzelbehandlungen in Deutschland tatsächlich auch gezählt bzw. von den Patienten bemerkt. Zum Beispiel sind deutsche Zahnärzte nicht verpflichtet, eventuelle Behandlungsfehler dem Patienten gegenüber freiwillig zuzugeben. Insofern stellen die im Jahr 2013 tatsächlich gemeldeten 107 Behandlungsfehler vermutlich nur die Spitze eines Eisbergs dar. Nach einer <a href="http://www.gesundheitsseiten24.de/gesund-leben/news/news/viele-wurzelbehandlungen-beim-zahnarzt-sind-fehlerhaft.html" target="_blank" rel="noreferrer">Studie der Göttinger Universitäts-Zahnklinik</a> aus dem Jahr 2007 lag damals die wahre Zahl weit über einer Million, war also zehntausendmal höher, und die Behandlungsqualität dürfte sich in den vergangenen Jahren wohl kaum in diesem Ausmaß verbessert haben.</p>
<p>---------</p>
<p>Ihr Ansprechpartner dazu:<br> Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-3125</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Mon, 28 Apr 2014 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Die phänomenale Effizienz der Bio-Baumwoll-Bauern</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/die-phaenomenale-effizienz-der-bio-baumwoll-bauern
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats April 2014 ist eine Studie der Biobaumwollmarke Cotonea, laut der Bio-Baumwolle genauso effizient zu produzieren ist wie konventionell erzeugte Baumwolle. Auf diese Studie wurde am 9. April unter dem Titel „Gentechnik verdrängt Biobaumwolle“ im Blog „Grüne Geschäfte“ der Online-Ausgabe der „Zeit“ verwiesen. Als Beweis wird der Hektar-Ertrag in Kilogramm der besten Bio-Produzenten in Uganda und Kirgisistan mit dem durchschnittlichen Hektar-Ertrag konventioneller Produzenten anderer Länder wie etwa Türkei, Brasilien oder China verglichen.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats April 2014 ist eine Studie der Biobaumwollmarke Cotonea, laut der Bio-Baumwolle genauso effizient zu produzieren ist wie konventionell erzeugte Baumwolle. Auf diese Studie wurde am 9. April unter dem Titel <a href="http://blog.zeit.de/gruenegeschaefte/2014/04/09/gentechnik-biobaumwolle/" target="_blank" rel="noreferrer">„Gentechnik verdrängt Biobaumwolle“</a> im Blog „Grüne Geschäfte“ der Online-Ausgabe der „Zeit“ verwiesen. Als Beweis wird der Hektar-Ertrag in Kilogramm der besten Bio-Produzenten in Uganda und Kirgisistan mit dem durchschnittlichen Hektar-Ertrag konventioneller Produzenten anderer Länder wie etwa Türkei, Brasilien oder China verglichen.</p>
<p>Diese Vorgehensweise ist jedoch statistisch nicht korrekt, weil Durchschnitts- nicht mit Extremwerten verglichen werden können. Auf die gleiche Weise könnte man auch zeigen, dass die Bürger Liechtensteins die intelligentesten Europäer sind: Man nimmt die Extreme des einen und Durchschnitte des anderen Landes und schon hat man den gewünschten Effekt. Um zu aussagekräftigen Ergebnissen zu gelangen, müsste man bei der vorliegenden Studie entweder die durchschnittlichen Hektar-Erträge von Bio- und konventionellen Baumwollproduzenten vergleichen oder die Extremwerte beider Erzeugungsarten einander gegenüberstellen.</p>
<p>-------</p>
<p>Ihr Ansprechpartner dazu:<br> Prof. Dr. Thomas K. Bauer, Tel.: (0201) 8149-264</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Tue, 25 Mar 2014 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Gewalt gegen Frauen und Zahlen</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/gewalt-gegen-frauen-und-zahlen
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats März 2014 ist die Umfrage der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA)  zur Gewalt gegen Frauen in den 28 EU-Mitgliedstaaten. Demnach haben etwa 7% der interviewten Frauen in den 12 Monaten vor der Befragung körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren. Jede dritte Frau hat seit dem 15. Lebensjahr einen körperlichen und/oder sexuellen Übergriff erlebt. 
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats März 2014 ist die <a href="http://fra.europa.eu/sites/default/files/fra-2014-vaw-survey-main-results_en.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">Umfrage der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA)&nbsp; zur Gewalt gegen Frauen in den 28 EU-Mitgliedstaaten</a>. Demnach haben etwa 7% der interviewten Frauen in den 12 Monaten vor der Befragung körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren. Jede dritte Frau hat seit dem 15. Lebensjahr einen körperlichen und/oder sexuellen Übergriff erlebt.</p>
<p>Über die Ergebnisse der Studie berichtete unter anderem auch „Spiegel online“ am 4. März unter der Überschrift <a href="http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/eu-studie-frauen-erleben-haeufig-psychische-und-physische-gewalt-a-956872.html" target="_blank" rel="noreferrer">„EU-Studie: Jede dritte Frau in Europa ist Opfer von Gewalt“</a> und die FAZ am 5. März unter der Überschrift „Es wird mehr geschlagen“.</p>
<p>Unabhängig davon, ob diese Zahlen zutreffen oder nicht, ist ihre internationale Variation bedenklich und irreführend. So führen etwa Dänemark, Finnland, und Schweden mit jeweils 52%, 47%, und 46% weiblicher Gewaltopfer die Rangliste an. Am unteren Ende finden sich vor allem südliche Länder wie Zypern, Malta oder Portugal.</p>
<p>Liest man in den Begleitmaterialien nach, so erschließen sich mehrere mögliche Ursachen für diese großen Unterschiede. Zum einen fällt auf, dass die in Dänemark, Finnland und Schweden befragten Frauen im Unterschied zu allen anderen Ländern zuerst telefonisch kontaktiert wurden. Am Telefon lässt sich einfacher über Gewalterfahrungen sprechen als in einem persönlichen Gespräch mit einem Interviewer.</p>
<p>Zum zweiten zeigt sich eine negative (und signifikante) Korrelation zwischen dem Anteil der Frauen, die in den jeweiligen Ländern bereit waren, den Fragenbogen zu beantworten, und der Gewalt in diesen Ländern: Je höher die Antwortbereitschaft der Frauen, desto geringer die gemessene Gewalt. Einmal unterstellt, alle Gewaltopfer und ein mehr oder weniger großer Prozentsatz der übrigen Frauen nahm an der Befragung teil, ist der wahre Anteil der Gewaltopfer in Dänemark, Finnland und Schweden vielleicht sogar am kleinsten.</p>
<p>Aber auch andere Verzerrungsmechanismen sind denkbar. Auf den ein oder anderen weist die Studie der FRA auch hin. So ist der Punkt, ab dem sich eine Frau sexuell belästigt fühlt, in „emanzipierten Ländern“ möglicherweise schneller erreicht als in Ländern mit eher konservativer Rollenverteilung.&nbsp;Dies kann sich auf die Ergebnisse auswirken, da in der Erhebung beispielsweise auch das Erzählen schlüpfriger Witze als sexuelle Gewalt gilt. Für&nbsp;einen realistischen&nbsp;EU-weiten Vergleich&nbsp;sind diese Zahlen daher eher wenig geeignet.</p>
<p>-------</p>
<p>Ihr Ansprechpartner dazu:<br> Prof. Dr. Thomas K. Bauer, Tel.: (0201) 8149-264</p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2014</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Fri, 07 Feb 2014 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Krebserkrankungen nehmen dramatisch zu</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/krebserkrankungen-nehmen-dramatisch-zu
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats Februar sind die mehr als 20 Millionen an Krebs erkrankten Menschen, die nach dem Weltkrebsbericht der Weltgesundheitsorganisation im Jahr 2025 weltweit zu erwarten sind.  Vor allem in deutschen Medien hat dieser Bericht zu den üblichen hektischen Panikreaktionen und Forderungen nach staatlichen Eingriffen geführt. So titelte die „Zeit Online“ am 3. Februar beispielsweise „Krebserkrankungen steigen weltweit drastisch an“.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats Februar sind die mehr als 20 Millionen an Krebs erkrankten Menschen, die nach dem <a href="http://www.iarc.fr/en/publications/books/wcr/wcr-order.php" target="_blank" rel="noreferrer">Weltkrebsbericht</a> der Weltgesundheitsorganisation im Jahr 2025 weltweit zu erwarten sind.&nbsp; Vor allem in deutschen Medien hat dieser Bericht zu den üblichen hektischen Panikreaktionen und Forderungen nach staatlichen Eingriffen geführt. So titelte die „Zeit Online“ am 3. Februar beispielsweise <a href="http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2014-02/who-studie-krebserkrankungen-weltweit" target="_blank" rel="noreferrer">„Krebserkrankungen steigen weltweit drastisch an“</a>.</p>
<p>Die Zahl als solche sei hier auch nicht angezweifelt, wohl aber deren Interpretation. Denn in den Berichten wird meist bestenfalls am Rande erwähnt, welch bedeutenden Einfluss die steigende Lebenserwartung auf die Wahrscheinlichkeit einer Krebserkrankung hat.&nbsp; Je länger aber die Menschen leben, desto höher ist ebendiese Wahrscheinlichkeit und auch die Wahrscheinlichkeit eines Todes durch Krebs. Das Beispiel Prostatakrebs zeigt dies: Von den unter 50-jährigen Männern in den USA hat etwa einer von fünf Prostatakrebs. Wenn diese zehn Jahre länger leben, sind es schon zwei von fünf. Werden sie über 70 Jahre alt, dann sind es drei von fünf. Und falls Männer das Glück haben, über 80 Jahre alt zu werden, haben etwa vier von fünf Männern Prostatakrebs. Dennoch sterben nur etwa 3% aller Männer an dieser Krebsart.</p>
<p>Wenn es nicht so zynisch klänge, könnte man geradezu sagen: je mehr Menschen in einer Region an Krebs erkranken, desto höher ist dort die an der Lebenserwartung gemessene Umweltqualität und der Standard der Hygiene und Medizin. Die weltweit höchste Lebenserwartung unter allen größeren Nationen meldet man in Japan und Island. Gleichzeitig ist dort die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu sterben, maximal. Auf diesen Zusammenhang wird im aktuellen Weltkrebsbericht durchaus auch hingewiesen. Aber wie leider so oft werden diese Hinweise von angstmachenden Medien beiseite geschoben oder nur beiläufig erwähnt.</p>
<p>----------</p>
<p>Ihr Ansprechpartner dazu:<br> Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-3125</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Fri, 31 Jan 2014 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Olivenöl verhindert Diabetes</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/olivenoel-verhindert-diabetes
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats Januar ist die Meldung, eine mediterrane Diät verringere das Risiko, an Diabetes Typ 2 zu erkranken, um 30% - ohne Diät und Sport. Über diese Wirkung der Diät, zu der viel Früchte und Gemüse, etwas Fisch und Wein und kaum rotes Fleisch oder Süßigkeiten gehören, berichtete neben anderen Medien unter der Überschrift „Olivenöl, Nüsse, Gemüse: Mittelmeer-Diät senkt das Diabetes-Risiko“ auch „Spiegel online“ am 8. Januar 2014. 
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats Januar ist die Meldung, eine mediterrane Diät verringere das Risiko, an Diabetes Typ 2 zu erkranken, um 30% - ohne Diät und Sport. Über diese Wirkung der Diät, zu der viel Früchte und Gemüse, etwas Fisch und Wein und kaum rotes Fleisch oder Süßigkeiten gehören, berichtete neben anderen Medien unter der Überschrift <a href="http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/diabetes-mediterrane-ernaehrung-kann-risiko-senken-a-941699.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Olivenöl, Nüsse, Gemüse: Mittelmeer-Diät senkt das Diabetes-Risiko“ </a>auch „Spiegel online“ am 8. Januar 2014.</p>
<p>Was bedeutet 30%? Die Zahl stammt aus einer Untersuchung von 3541 älteren Spaniern mit hohem Risiko für Herzkrankheiten (<a href="http://annals.org/article.aspx?articleid=1811025" target="_blank" rel="noreferrer">Salas-Salvadó et al., Annals of Internal Medicine 2014</a>). Diese wurden zufällig drei Gruppen zugeordnet: mediterrane Diät mit extra-nativem Olivenöl (1l/Woche), mit Nüssen (210g/Woche), oder einer Kontrollgruppe. Nach etwa 4 Jahren erkrankten 8,8% (101) Teilnehmer in der Kontrollgruppe an Diabetes, verglichen mit 7,4% (92) in der Nüsse-Gruppe und 6,9% (80) in der Olivenöl-Gruppe. Der Effekt trat also in der Olivenöl-Gruppe auf, mit einer absoluten Risiko-Reduktion von 1,9 Prozentpunkten (von 8,8 auf 6,9%). Wie kommt man von 1,9% auf 30%?</p>
<p>Hier wurde ein immer wieder erfolgreicher Kommunikations-Trick angewendet. Man stellt den Nutzen als relative Risiko-Reduktion<em> </em>dar: 1,9% dividiert durch 8,8% ergibt 21,3%, und mit ein paar Korrekturen, wie bezüglich Alter und Geschlecht, und gemittelt über Olivenöl und Nüsse, kommt man dann auf 30%. Relative Risiken sind große Zahlen und beeindruckend, absolute dagegen klein und wenig bemerkenswert.</p>
<p>Was diese Meldung zur „Unstatistik“ macht, ist nicht, dass die „30%“ falsch sind und mediterrane Kost nicht gesund wäre. Es geht darum, wie diese Information kommuniziert wird. Denn die Zahl bedeutet eben nicht, dass von je 100 Menschen, die mediterrane Kost essen, 30 weniger an Diabetes erkranken. Wie Studien gezeigt haben, führt die Angabe einer solchen relativen Risiko-Reduktion viele Menschen in die Irre, da diese mit absoluten Werten verwechselt werden. Selbst Ärzte verstehen den Unterschied nicht immer. Klartext kann man mit absoluten Risiken sprechen – doch dann sind die Zahlen nicht mehr so eindrucksvoll. Eine Reduktion von 1,9 Prozentpunkten käme wohl kaum in die Schlagzeilen.</p>
<p>Darüber hinaus enthält die Darstellung einen interessanten Nebenaspekt: Die Zahl „30%“ selbst wurde aus einer signifikanten Reduktion von 40% in der Olivenöl-Gruppe und einer nicht-signifikanten Reduktion von 18% in der Nuss-Gruppe gemittelt. Das steht bereits so im Originalartikel und erweckt bei flüchtigem Lesen den Anschein, Nüsse hätten genauso gut wie Olivenöl gewirkt. Könnte diese Großzügigkeit damit zusammenhängen, dass einige der Autoren von der Nuss-Industrie finanzielle Zuwendungen erhielten, wie der California Walnut Commission, die auch die Nüsse für die Studie gespendet hat?</p>
<p>-----------</p>
<p>Ihr Ansprechpartner dazu:<br> Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Tel.:&nbsp;(030) 82406-430</p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2014</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Thu, 30 Jan 2014 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Die armen Millionäre</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/die-armen-millionaere
                                            
                                    
                            
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                        <description>Bald besitzen die reichsten ein Prozent aller Menschen genauso viel wie restlichen 99 Prozent zusammen. Diese Statistik des internationalen Oxfam-Verbundes zur Reduktion der Armut auf der Welt war im Januar Thema in vielen Medien der Republik. So berichtete beispielsweise die Online-Ausgabe der „Zeit“ darüber am 19. Januar unter dem Titel „Ein Prozent der Weltbevölkerung hat mehr als alle anderen“, die Online-Ausgabe der FAZ titelte „Das reichste Prozent hat so viel wie der Rest der Welt“ und „Spiegel online“ schrieb „Armutsstudie von Oxfam: Das reichste Prozent besitzt mehr als alle anderen zusammen“. 
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Bald besitzen die reichsten ein Prozent aller Menschen genauso viel wie restlichen 99 Prozent zusammen. Diese Statistik des internationalen Oxfam-Verbundes zur Reduktion der Armut auf der Welt war im Januar Thema in vielen Medien der Republik. So berichtete beispielsweise die Online-Ausgabe der „Zeit“ darüber am 19. Januar unter dem Titel <a href="http://www.zeit.de/wirtschaft/2015-01/oxfam-armutsbericht-ein-prozent-der-weltbevoelkerung-reicher-als-der-rest" target="_blank" rel="noreferrer">„Ein Prozent der Weltbevölkerung hat mehr als alle anderen“</a>, die Online-Ausgabe der FAZ titelte <a href="http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/oxfam-ds-reichste-prozent-hat-mehr-als-der-rest-der-welt-13378231.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Das reichste Prozent hat so viel wie der Rest der Welt“</a> und „Spiegel online“ schrieb <a href="http://www.spiegel.de/wirtschaft/ungleichheit-superreiche-besitzen-mehr-als-die-anderen-99-prozent-a-1013655.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Armutsstudie von Oxfam: Das reichste Prozent besitzt mehr als alle anderen zusammen“</a>.</p>
<p>Grundlage dieser Aussage ist der <a href="https://publications.credit-suisse.com/tasks/render/file/?fileID=60931FDE-A2D2-F568-B041B58C5EA591A4" target="_blank" rel="noreferrer">Global Wealth Report</a> der Schweizer Großbank Credit Suisse. Der Global Wealth Report führt aber aus verschiedenen Gründen in die Irre; ein ähnlicher Bericht der Allianz ist auch in der Vergangenheit schon als Quelle einer Unstatistik aufgefallen (siehe „Schweizer auf Platz 1 des Reichen-Rankings“ vom 30. September 2013). Im aktuellen Kontext ist es die Definition von Vermögen, welche diesen Report als Zeugen für die weltweite Vermögensverteilung unglaubwürdig macht. Denn Vermögen ist hier definiert als Bruttovermögen minus Schulden, und damit für rund ein Zehntel der Weltbevölkerung negativ. Zu diesem „ärmsten“ Zehntel gehören auch Währungsspekulanten, die sich verzockt haben, gescheiterte Immobilienhaie oder ganz allgemein: Millionen Reiche, die es sich leisten können, hohe Schulden zu machen. Der am Existenzminimum dahindarbende Tagelöhner in Indien oder Indonesien dagegen gehört aus Sicht der Credit Suisse, sofern er nur seine eigene Hütte und ein paar Ziegen besitzt, schon zur reicheren Hälfte der Menschen auf der Welt.</p>
<p>Die ungleiche Verteilung von Reichtum und Vermögen auf der Welt ist sicherlich ein Problem. Mit ungeeigneten Statistiken trägt man zu dessen Lösung jedoch wenig bei. &nbsp;</p>
<p>-------------</p>
<p>Ansprechpartnerin: Katharina Schüller (STAT-UP), Tel.: (089) 34077-447</p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2015</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Tue, 17 Dec 2013 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Positive PISA-Studie – mehr Glück als Verstand?</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/positive-pisa-studie-mehr-glueck-als-verstand
                                            
                                    
                            
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                        <description></description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats Dezember ist die aktuelle PISA-Studie der OECD. Über sie und auch über das im Vergleich zu früheren Studien bessere Abschneiden deutscher Schüler haben fast alle deutschen Medien ausführlich berichtet. So titelte beispielsweise „Spiegel online“ am 3. Dezember <a href="http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/pisa-ergebnisse-deutsche-schueler-holen-in-mathe-auf-a-936736.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Neue Pisa-Studie: Deutsche Schüler holen auf“</a>.</p>
<p>Dabei wurde insbesondere darauf hingewiesen, dass Deutschlands Schüler signifikant besser abschneiden als die durchschnittlichen Schüler in der OECD und dass Deutschland eines der wenigen Länder ist, in denen sich die Leistungen der Schüler in der Mathematik stetig verbessert haben. Darauf wies auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung in seiner Pressemitteilung <a href="http://www.bmbf.de/press/3534.php" target="_blank" rel="noreferrer">„PISA 2012: Schulische Bildung in Deutschland besser und gerechter“</a> vom 3. Dezember hin.</p>
<p>Dennoch muss man aus mehreren Gründen vor einer Überinterpretation dieser Zahlen warnen. Zum einen kann man sich grundsätzlich darüber streiten, welche Kompetenzen im Rahmen der PISA-Studie gemessen werden und ob die im Rahmen der Studie durchgeführten Tests bestimmte Lernformen bevorzugen. Zudem ist nur eine kleine Stichprobe deutscher Schüler getestet worden, bei einer anderen Stichprobe wäre etwas anderes herausgekommen. So erreichten die Schüler in der deutschen Stichprobe im Jahr 2012 in der Mathematik 514 Punkte, 11 Punkte mehr als in der letzten Studie 2003. Unter insgesamt 65 untersuchten Ländern belegen sie damit Rang 16. Aber aufgrund des Stichprobenfehlers hätten es auch 508 (Rang 18) oder 520 Punkte (Rang 12) werden können.</p>
<p>Zur Unstatistik des Monats wird die PISA-Studie jedoch, weil in der öffentlichen Diskussion weitgehend ignoriert wird, welchen Einfluss die Zusammensetzung der Stichprobe auf die Ergebnisse der Studie hat. Richtig ist, dass – in der Stichprobe – die Schüler in Deutschland in Mathematik besser abschneiden als der durchschnittliche Schüler in der OECD und dass sich die Mathematikergebnisse im Vergleich zu den Schülern in der Stichprobe des Jahres 2003 verbessert haben. Dabei wird aber außer Acht gelassen, dass sich über die Jahre hinweg die Zusammensetzung der Stichprobe verändert hat. Berücksichtigt man die Unterschiede der befragten Schüler in den verschiedenen Stichproben hinsichtlich beispielsweise des Alters, des Geschlechts, des sozio-ökonomischen Hintergrunds und des Migrationshintergrunds, haben sich die Leistungen der Schüler in Deutschland seit 2003 nicht signifikant verändert (siehe <a href="http://www.keepeek.com/Digital-Asset-Management/oecd/education/pisa-2012-ergebnisse-was-schulerinnen-und-schuler-wissen-und-konnen-band-i_9789264207479-de#page66" target="_blank" rel="noreferrer">Abbildung I.2.19 des PISA-Berichts</a>). Es kann also durchaus sein, dass die in Deutschland gemessenen Verbesserungen nicht auf Verbesserungen im Schulsystem, sondern auf eine veränderte Struktur der befragten Schüler zurückzuführen sind.</p><div class="well"><p>Ihr Ansprechpartner dazu:<br> Prof. Dr. Thomas K. Bauer, Tel.: (0201) 8149-264</p></div><p><em>Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter </em><a href="http://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.unstatistik.de</em></a><em> und unter dem Twitter-Account </em><a href="https://twitter.com/unstatistik" target="_blank" rel="noreferrer"><em>@unstatistik</em></a><em>.</em><em> Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt. Die Charta ist unter</em><a href="http://www.data-literacy-charta.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>www.data-literacy-charta.de</em></a><em> abrufbar.</em></p>
<p><em>Bei Weiterverbreitung von Texten aus der Reihe "Unstatistik des Monats" muss klar erkennbar sein, dass es sich um die Übernahme eines fremden Textes handelt. Zudem ist die Quelle </em><a href="https://www.unstatistik.de" target="_blank" rel="noreferrer"><em>https://www.unstatistik.de</em></a><em> zu nennen. Bitte informieren Sie die Pressestelle des RWI über die Verwendung des Textes unter </em><a href="mailto:presse@rwi-essen.de"><em>presse@rwi-essen.de</em></a>.<em> Das Urheberrecht bleibt bestehen.</em></p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Tue, 03 Dec 2013 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Mangelhaft für Mangelhaft</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/mangelhaft-fuer-mangelhaft
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats November ist die Note 5 (=mangelhaft). So bewertete die Stiftung Warentest die Vollmilch-Nuss Schokolade der Firma Ritter Sport. Zahlreiche Medien berichteten über dieses Testergebnis, so titelte die „Süddeutsche Zeitung“ in ihrer Online-Ausgabe am 22. November „Mangelhaft für Ritter Sport“. 
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats November ist die Note 5 (=mangelhaft). So bewertete die Stiftung Warentest die Vollmilch-Nuss Schokolade der Firma Ritter Sport. Zahlreiche Medien berichteten über dieses Testergebnis, so titelte die „Süddeutsche Zeitung“ in ihrer Online-Ausgabe am 22. November „Mangelhaft für Ritter Sport“.&nbsp;</p>
<p>Diese Bewertung ist jedoch aus zwei Gründen irreführend: Zum einen&nbsp; wird – wie so oft im Warentestgewerbe – die reine Existenz eines (vermeintlichen) Schadstoffs zum Kriterium des Urteils gemacht. Zum zweiten wird das negative Urteil vor allem damit begründet, dass der in der Schokolade gefundene Aromastoff Piperonal nicht wie auf der Verpackung angegeben natürlich, sondern künstlich sei.</p>
<p>Abgesehen davon, dass Piperonal durchaus auch in der Natur vorkommt, führt dieses Argument aber noch aus einem viel wichtigeren Grund in die Irre. Denn es sind vor allem natürliche, nicht künstliche Schadstoffe, die unsere Ernährung gefährden. Nach einer vielzitierten Studie des führenden amerikanischen Biochemikers Bruce Ames sind 99,9 Prozent aller Pestizide und Gifte in der menschlichen Ernährung von Natur aus darin enthalten. Mit ihrem Insistieren auf den restlichen 0,1 Prozent lenken die Warentester damit systematisch von den eigentlichen Gefahren unseres Essens ab.</p>
<p>Die Stiftung Warentest stand bereits im Dezember 2012 im Fokus der „Unstatistik des Monats“. Seinerzeit hatte sie vor Mineralölrückständen in Adventskalendern gewarnt, obwohl diese nach Auskunft des Bundesinstituts für Risikobewertung nur&nbsp; in etwa dem entsprachen, was Kinder und Erwachsene ohnehin über die sonstige Ernährung gewohnheitsmäßig zu sich nehmen.</p>
<p>Auch die Unstatistik des Monats September 2012 zieht weitere Kreise. Da ging es um krebserregenden genmodifizierten Mais, angeblich nachgewiesen von einem Wissenschaftlerteam um den Franzosen <em>Gilles-Eric Séralini.</em><em> Jetzt meldet </em>die „Süddeutsche Zeitung“ vom 29. November 2013<em>, dass </em>die Fachzeitschrift „Food and Chemical Toxicology“, in deren Online-Ausgabe Séralinis Studie im September 2012 veröffentlicht worden war, diese Publikation als wissenschaftlich unhaltbar zurückgezogen hat.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>----------</p>
<p>Ihr Ansprechpartner dazu:<br> Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-3125</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Mon, 04 Nov 2013 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Fehlende Informationen zu Nutzen und Schaden des Brustkrebs-Screenings</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/fehlende-informationen-zu-nutzen-und-schaden-des-brustkrebs-screenings
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des „Brustkrebsmonats“ Oktober ist anders als üblich: es geht dieses Mal um Statistiken, die nicht berichtet wurden. Berichtet wurde, von Nord bis Süd, über Kampagnen zur „Brustkrebsvorsorge.“ So berichtete die Bild-Zeitung am 22. Oktober „Die Alster leuchtet pink – Kampagne gegen Brustkrebs“ und die Österreichische Krebshilfe bot „Pink Ribbon Toaster“ zum Verkauf an. Vom Nordkurier bis zur Krebshilfe sprachen viele irreführend von „Vorsorge“, obgleich es sich um Früherkennung handelt. Vorsorge verringert die Wahrscheinlichkeit an Krebs zu erkranken, Früherkennung nicht. Früherkennung setzt voraus, dass der Krebs schon da ist.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des „Brustkrebsmonats“ Oktober ist anders als üblich: es geht dieses Mal um Statistiken, die nicht berichtet wurden. Berichtet wurde, von Nord bis Süd, über Kampagnen zur „Brustkrebsvorsorge.“ So berichtete die Bild-Zeitung am 22. Oktober <a href="http://www.bild.de/regional/hamburg/hamburg-regional/die-alster-leuchtet-pink--kampagne-gegen-26829604.bild.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Die Alster leuchtet pink – Kampagne gegen Brustkrebs“ </a>und die Österreichische Krebshilfe bot „Pink Ribbon Toaster“ zum Verkauf an. Vom Nordkurier bis zur Krebshilfe sprachen viele irreführend von „Vorsorge“, obgleich es sich um Früherkennung handelt. Vorsorge verringert die Wahrscheinlichkeit an Krebs zu erkranken, Früherkennung nicht. Früherkennung setzt voraus, dass der Krebs schon da ist.</p>
<p>Im Brustkrebsmonat wurde über viele Statistiken berichtet, wie beispielsweise der Anteil der Frauen, die am Screening teilnehmen. Nur über jene Statistiken, welche Frauen eine informierte Entscheidung über die Teilnahme am Screening ermöglichen würden, wurde vom Nordkurier über Emma bis zur Österreichischen Krebshilfe nicht berichtet: Nutzen und Schaden. Obwohl diese aus randomisierten Studien mit etwa 500 000 Frauen bestens bekannt sind.</p>
<p>Von je 1 000 Frauen im Alter 50+, die am Screening teilnehmen, sterben innerhalb von 10 Jahren etwa 4 an Brustkrebs; bei Frauen, die nicht teilnehmen, sind es 5. In anderen Worten, 1000 Frauen müssen 10 Jahre lang am Screening teilnehmen, damit eine weniger an Brustkrebs stirbt. In den wenigen Fällen, wo Frauen quantitative Information über den Nutzen überhaupt erhalten, wird ihnen dieser meist als „20-prozentige Reduktion“ dargestellt (von 5 auf 4), da eine relative Risikoreduktion (20%) beeindruckender als eine absolute Risikoreduktion (1 in 1 000) klingt. Die zuverlässigere Information wäre allerdings die Gesamtkrebssterblichkeit (einschließlich Brustkrebs): hier hat man keinen Unterschied durch die Teilnahme von Frauen an der Früherkennung gefunden. Diese Statistik wird aber an Frauen kaum je weitergegeben.</p>
<p>Zudem sollte man Frauen auch über den möglichen Schaden informieren: Etwa 100 von je 1 000 Frauen, die 10 Jahre zum Screening gehen, erhalten falsch-positive Testergebnisse und Biopsien (Gewebeentnahmen) – obgleich sie keinen Brustkrebs haben. Diese falschen verdächtigen Befunde verängstigen viele Frauen, insbesondere wenn ihnen vorher nichts dazu erklärt wird. Und etwa 5 von je 1 000 Frauen unterziehen sich unnötigen Eingriffen wie einer teilweisen oder ganzen Entfernung der Brust – unnötig, da diese Frauen eine nicht-progressive Form von Brustkrebs haben, die ihnen während ihres weiteren Lebens keine Probleme bereitet hätte. In Kenntnis dieser Statistiken könnte jede Frau selbst informiert entscheiden, ob sie am Screening teilnehmen möchte oder nicht.</p>
<p>Auch und gerade im „Brustkrebsmonat“ verdienten Frauen ehrliche und transparente Statistiken über Nutzen und Schaden des Screenings. Die Zeit des Paternalismus, in der man Frauen sagt, was sie tun sollen, sollte eigentlich längst Geschichte sein. Emma und die Krebshilfe sollten darüber nachdenken, zum Pink ausgewogenere Informationen zu liefern.</p>
<p>-----------</p>
<p>Ihr Ansprechpartner dazu:<br> Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Tel.:&nbsp;(030) 82406-430</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Mon, 30 Sep 2013 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Schweizer auf Platz 1 des Reichen-Rankings</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/schweizer-auf-platz-1-des-reichen-rankings
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats September 2013 ist das von einigen Medien auf Basis des Global Wealth Reports  der Allianz vorgenommene „Reichen-Ranking“. So titelte die Bild am 25. September: „Deutsche sind Europas Sparmeister – Schweizer auf Platz 1 im Reichen-Ranking“.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats September 2013 ist das von einigen Medien auf Basis des Global Wealth Reports&nbsp; der Allianz vorgenommene „Reichen-Ranking“. So titelte die Bild am 25. September: <a href="http://www.bild.de/geld/wirtschaft/reichste-menschen-der-welt/so-steht-es-um-das-geld-in-der-welt-global-wealth-report-32537196.bild.html%20" target="_blank" rel="noreferrer">„Deutsche sind Europas Sparmeister – Schweizer auf Platz 1 im Reichen-Ranking“</a>.</p>
<p>Grundlage des Global Wealth Reports ist jedoch ein recht begrenzter Vermögensbegriff, denn er umfasst lediglich Abschätzungen des Geldvermögens privater Haushalte in verschiedenen Ländern. Darunter fällt Vermögen in Form von Aktien, Bankeinlagen, Bargeld oder Ansprüchen gegenüber Versicherungen. Nicht in diesem Vermögensbegriff enthalten sind jedoch andere Vermögensgegenstände, wie beispielsweise&nbsp; Immobilien, Kraftfahrzeuge oder auch Schmuck.&nbsp;</p>
<p>Die Zusammensetzung des Vermögens der Haushalte eines Landes wird jedoch von vielen verschiedenen Faktoren beeinflusst. So werden Haushalte in Ländern, in denen Kapitaleinkommen vergleichsweise hoch besteuert wird, tendenziell weniger Geldvermögen halten. Die staatliche Förderung von Immobilienbesitz wird sich ebenfalls in der Höhe des Geldvermögens niederschlagen. Ein weiterer bedeutender Grund für das über die Länder variierende Geldvermögen ist im Rentensystem zu finden: So ist es kaum verwunderlich, dass unter den im „Reichen-Ranking“ führenden Ländern insbesondere die Länder zu finden sind, die auf ein kapitalgedecktes Rentenversicherungssystem setzen. Für Deutschland und andere Länder, die die Altersvorsorge mittels Umlageverfahren finanzieren, müsste man für eine bessere Vergleichbarkeit aber die mit den Rentenversicherungsabgaben erworbenen zukünftigen Rentenansprüche der Haushalte gegenrechnen.</p>
<p>Es ist unbestritten, dass der Global Wealth Report der Allianz interessante und wirtschaftspolitisch hoch relevante Einblicke vermittelt, insbesondere wenn man die zeitliche Veränderung des Geldvermögens betrachtet. Für ein „Reichen-Ranking“ zu einem Stichtag ist der Report aufgrund seines begrenzten Vermögensbegriffs jedoch nur sehr bedingt geeignet. Diese Interpretation in einigen Medien macht ihn zur „Unstatistik“, nicht die in ihm enthaltenen Zahlen und Aussagen.&nbsp;</p>
<p>-----------</p>
<p>Ihr Ansprechpartner dazu:<br> Prof. Dr. Thomas K. Bauer, Tel.: (0201) 8149-264</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Wed, 28 Aug 2013 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Frühstück beugt Herztod vor</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/fruehstueck-beugt-herztod-vor
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats August ist eine Meldung, wonach Menschen, die das Frühstück ausfallen lassen, ein erhöhtes Herzinfarktrisiko haben. „Verzicht auf Frühstück erhöht das koronare Risiko signifikant“ meldete etwa die Ärzte Zeitung online am 2. August. „Den Tag sollte man mit einem guten Frühstück beginnen. Denn: Wer nicht frühstückt, weist ein um 27 Prozent erhöhtes Risiko für Herzinfarkt oder Herztod auf, hat eine aktuelle US-Studie ergeben.“
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats August ist eine Meldung, wonach Menschen, die das Frühstück ausfallen lassen, ein erhöhtes Herzinfarktrisiko haben. „Verzicht auf Frühstück erhöht das koronare Risiko signifikant“ meldete etwa die Ärzte Zeitung online am 2. August. „Den Tag sollte man mit einem guten Frühstück beginnen. Denn: Wer nicht frühstückt, weist ein um 27 Prozent erhöhtes Risiko für Herzinfarkt oder Herztod auf, hat eine aktuelle US-Studie ergeben.“</p>
<p>In Wahrheit hat die hier zitierte US-Studie nur ergeben, dass ein Verzicht auf das Frühstück und ein möglicher Herzinfarkt häufiger zusammen auftreten, als man das bei Unabhängigkeit dieser Ereignisse erwarten sollte. Eine mögliche Kausalbeziehung, ob also das ausgefallene Frühstück tatsächlich die Ursache für das gesteigerte Infarktrisiko ist, lässt sich aber nicht herleiten. Besonders auffällig war der Zusammenhang bei ledigen Männern mittleren Alters.&nbsp; Vielleicht erleiden diese aber auch deshalb überproportional häufig einen Herzinfarkt, weil sie privat und beruflich mehr Stress ausgesetzt sind als ältere Männer (bei denen findet man den Zusammenhang nämlich nicht) und deshalb auch oft das Frühstück ausfallen lassen?</p>
<p>Zwar unternehmen die Autoren der Studie ihr Bestes, solche weiteren Faktoren auszuschalten. Das ist aber bei Ernährungsstudien, in denen man nicht wie bei klassischen klinischen Studien mit Versuchs- und Kontrollgruppe arbeiten kann, niemals ganz möglich und erfordert zumeist zusätzliche Annahmen. So kann man auch mit den in der Studie verwendeten Methoden nicht ausschließen, dass der Zusammenhang zwischen Frühstück und Herzinfarkt auf einen Faktor zurückgeht, den man bei dieser Untersuchung nicht beachtet hatte. Wie fast immer in seriösen Studien weisen die Autoren auch auf diese Grenzen hin. Und wie fast immer in der medialen Aufarbeitung wird dieser Hinweis ignoriert.</p>
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<p>Ihr Ansprechpartner dazu:<br> Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-3125</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Mon, 22 Jul 2013 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Statistiken zur Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa führen in die Irre</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/statistiken-zur-jugendarbeitslosigkeit-in-suedeuropa-fuehren-in-die-irre
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats Juli ist die von vielen Medien und Politikern jeglicher Couleur bemühte hohe Jugendarbeitslosigkeit in den von der Staatsschuldenkrise gebeutelten Ländern der EU, wie beispielsweise die Meldung „Griechenland, trauriges Beispiel der Eurozone - 60 Prozent Jugendarbeitslosigkeit“ des Nachrichtensenders n-tv vom 1. Juli. So erreichten nach Angaben von Eurostat im ersten Quartal dieses Jahres die Arbeitslosenquoten der 15- bis 24-Jährigen in Griechenland 60%, in Spanien 57% und in Italien und Portugal jeweils 42%. 
</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats Juli ist die von vielen Medien und Politikern jeglicher Couleur bemühte hohe Jugendarbeitslosigkeit in den von der Staatsschuldenkrise gebeutelten Ländern der EU, wie beispielsweise die Meldung <a href="http://www.n-tv.de/wirtschaft/60-Prozent-Jugendarbeitslosigkeit-article10914281.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Griechenland, trauriges Beispiel der Eurozone - 60 Prozent Jugendarbeitslosigkeit“</a> des Nachrichtensenders n-tv vom 1. Juli. So erreichten nach Angaben von Eurostat im ersten Quartal dieses Jahres die Arbeitslosenquoten der 15- bis 24-Jährigen in Griechenland 60%, in Spanien 57% und in Italien und Portugal jeweils 42%. Zum Vergleich: in Deutschland lag die Arbeitslosenquote dieser Altersgruppe bei knapp 8%.</p>
<p>Die von Eurostat ausgewiesenen Arbeitslosenquoten sind jedoch für die Beschreibung der Arbeitsmarktprobleme von Jugendlichen nur bedingt hilfreich. Denn sie lassen die hohe Anzahl an Jugendlichen außen vor, die sich in der Ausbildung oder im Studium befinden. Dies liegt im Konzept der Arbeitsmarktstatistik begründet, das Eurostat selbst in einer <a href="http://epp.eurostat.ec.europa.eu/cache/ITY_PUBLIC/3-12072013-BP/DE/3-12072013-BP-DE.PDF" target="_blank" rel="noreferrer">Pressemitteilung vom 12. Juli </a>erläutert.</p>
<p>Unter den Begriff Erwerbspersonen fallen dort alle Personen, die einer Erwerbstätigkeit nachgehen können. Dies sind sowohl Erwerbstätige als auch Erwerbslose. Die von Eurostat ausgewiesene Arbeitslosenquote berechnet sich als der Anteil der Erwerbslosen an den Erwerbspersonen. Erwerbspersonen sind alle Personen ab 15 Jahren, die zu einem Zeitpunkt als Arbeitnehmer, Selbständiger oder mithelfender Familienangehöriger gearbeitet haben. Als erwerbslos wird man bezeichnet, wenn man zu einem Zeitpunkt ohne Arbeit ist, für die Aufnahme einer Arbeit zur Verfügung steht und in den vergangenen vier Wochen aktiv nach Arbeit gesucht hat. Nicht-Erwerbspersonen hingegen sind alle Personen, die zu einem Zeitpunkt dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen oder keine Arbeit suchen. Darunter fallen beispielsweise Hausfrauen und -männer, aber auch alle Personen einer Bevölkerungsgruppe, die sich noch in einer Ausbildung befinden. Die Gruppe der Nicht-Erwerbspersonen wird bei der Berechnung der Arbeitslosenquote nicht berücksichtigt – weshalb die Arbeitslosenquote nur eine unzureichende Aussagekraft für die Arbeitsmarktsituation von Jugendlichen hat.</p>
<p>Hierzu ein Beispiel: Wenn in einem Land mit 100 Jugendlichen alle mit 15 Jahren die Ausbildung abgeschlossen haben und dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, aber nur 80 von diesen Jugendlichen einer Arbeit nachgehen, liegt die Arbeitslosenquote bei 20%. Gehen jedoch 50 der 100 Jugendlichen auf eine weiterführende Schule und sind 20 der verbleibenden 50 Jugendlichen arbeitslos, liegt die Arbeitslosenquote bei 40%, da die Jugendlichen auf der weiterführenden Schule nicht in die Berechnung der Arbeitslosenquote eingehen.</p>
<p><strong>Viele Jugendliche in Krisenländern weichen auf Ausbildung oder Studium aus</strong></p>
<p>Wie kann man nun eine aussagekräftige Statistik der Arbeitsmarktsituation von Jugendlichen erhalten? Zum einen könnte man den Anteil der erwerbslosen Jugendlichen an allen Jugendlichen berechnen. Führt man dies mit den Daten von Eurostat durch, erhält man für Griechenland eine alternative Arbeitslosenquote von 17% (statt 60%), eine von 21% für Spanien (statt 57%), für Italien 12% und für Portugal 15% (statt jeweils 42%). In Deutschland läge die so berechnete Jugendarbeitslosenquote bei 4%. Darüber hinaus hat sich der Anteil der Nicht-Erwerbspersonen an allen Jugendlichen in allen Krisenländern erhöht. Vom ersten Quartal 2006 bis zum ersten Quartal 2013 stieg dieser Anteil in Griechenland von 66% auf 71%, in Spanien von 53% auf 63%, in Italien von 66% auf 72% und in Portugal von 58% auf 64%. In Deutschland hingegen blieb er im selben Zeitraum konstant bei 50%. Offensichtlich führt die angespannte Arbeitsmarktlage in den Krisenländern dazu, dass besonders viele Jugendliche eine Ausbildung machen oder studieren.</p>
<p>Der Fokus auf die Jugendarbeitslosigkeit und der auf der Basis der „dramatischen“ Statistiken zu beobachtende Aktionismus der Politik ist nicht nur irreführend, sondern kann sogar schädlich sein: Zum ersten wird der Blick auf die wahren Probleme des Arbeitsmarkts in nahezu allen Ländern verschleiert. Denn das Problem ist meist nicht das Alter der Arbeitslosen, sondern deren mangelnde Qualifikationen. Zum zweiten wird durch die gestarteten Programme der Anpassungsdruck für notwendige Arbeitsmarktreformen genommen. Hier können die Krisenländer durchaus von Deutschland lernen, wobei eine Reform der Arbeitsmarktinstitutionen mit Reformen des Sozialversicherungssystems kombiniert werden sollte.</p>
<p>----------</p>
<p>Ihr Ansprechpartner dazu:<br> Prof. Dr. Thomas K. Bauer, Tel.: (0201) 8149-264</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Fri, 21 Jun 2013 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Vergifteter Urin</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/vergifteter-urin
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats Juni ist die Meldung des Südwestrundfunks „Bei 70 Prozent aller deutschen Großstädter konnte das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat im Urin nachgewiesen werden“ (SWR Landesschau aktuell, 13. Juni 2013). Diese Zahl resultiert aus einer Untersuchung des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und seines europäischen Dachverbands Friends of the Earth (FOE) an 182 Stadtbewohnern aus 18 Ländern, davon 10 aus Deutschland.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats Juni ist die <a href="http://www.swr.de/landesschau-aktuell/glyphosat-studie/-/id=396/nid=396/did=11575514/z7a09g/index.html" target="_blank" rel="noreferrer">Meldung des Südwestrundfunks</a> „Bei 70 Prozent aller deutschen Großstädter konnte das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat im Urin nachgewiesen werden“ (SWR Landesschau aktuell, 13. Juni 2013). Diese Zahl resultiert aus einer <a href="https://www.bund.net/fileadmin/bundnet/pdfs/gentechnik/130612_gentechnik_bund_glyphosat_urin_analyse.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">Untersuchung</a> des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und seines europäischen Dachverbands Friends of the Earth (FOE) an 182 Stadtbewohnern aus 18 Ländern, davon 10 aus Deutschland (<a href="http://www.bund.net/nc/presse/pressemitteilungen/detail/artikel/glyphosat-im-urin-von-grossstaedtern-aus-18-europaeischen-staaten-nachgewiesen-70-prozent-aller-pro/" target="_blank" rel="noreferrer">Pressemitteilung des BUND</a>).</p>
<p>Sie wurde auch von anderen Medien übernommen und ist aus mindestens zwei Gründen als grober statistischer Unfug einzuordnen: Zum einen ist es schlicht unmöglich, aus einer Stichprobe von zehn Personen auf die gesamte deutsche Großstadtbevölkerung rückzuschließen. Zum anderen sagt allein die Existenz eines Schadstoffs noch nichts über dessen Gefahrenpotenzial aus.</p>
<p>Speziell letzteres wird in der Medienberichterstattung über Umweltgifte in aller Regel ignoriert und zur Verunsicherung und Panikmache genutzt. Wie der „Spiegel“ einmal treffend formulierte („Die Angst vor der Endzeit“, Nr. 39/1995), sind diese Giftfunde in erster Linie ein Artefakt von immer präziseren Analysemethoden: „Das Aufspüren kleinster Schadstoffmengen hat zur Folge, dass überall alles gefunden wird.“</p>
<p>Wie der weltweit angesehene Nahrungsmittelchemiker Bruce Ames in mehreren Untersuchungen nachgewiesen hat, sind chemische Umweltgifte im Vergleich zu natürlichen Schadstoffen quantitativ weitgehend unerheblich. Mehr als 99% aller Pestizide, welche Menschen essen, werden von den Pflanzen selbst erzeugt, in der Regel zum Schutz vor Schädlingen, weniger als 1% sind synthetisch. Und nahezu alle diese Gifte und sonstigen krebserregenden Substanzen, ob natürlich oder synthetisch, sind in Spuren in so gut wie allem enthalten, was wir im Supermarkt kaufen. Etwa die Hälfte aller Krebserkrankungen sind hingegen verhaltensbedingt und werden durch Rauchen, Fettleibigkeit, zuviel Alkohol und ungesunde Ernährung verursacht.</p>
<p>-------------</p>
<p>Ihr Ansprechpartner dazu:<br> Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-3125</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Tue, 14 May 2013 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Frankfurt und der Vatikan als Horte des Verbrechens</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/frankfurt-und-der-vatikan-als-horte-des-verbrechens
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats Mai 2013 ist die Aussage „Frankfurt/Main deutsche Hauptstadt des Verbrechens“, die am 12. Mai 2013 von der Online-Ausgabe der „Welt“ verbreitet und von vielen anderen Medien übernommen wurde. Grundlage dieser Meldung ist die „Polizeiliche Kriminalstatistik 2012“, die am 15. Mai vom Bundesminister des Innern, Dr. Hans-Peter Friedrich, in Berlin vorgestellt wird.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats Mai 2013 ist die Aussage „Frankfurt/Main deutsche Hauptstadt des Verbrechens“, die am 12. Mai 2013 von der <a href="http://www.welt.de/politik/deutschland/article116100401/Frankfurt-Main-deutsche-Hauptstadt-des-Verbrechens.html" target="_blank" rel="noreferrer">Online-Ausgabe der „Welt“ </a>verbreitet und von vielen anderen Medien übernommen wurde. Grundlage dieser Meldung ist die „Polizeiliche Kriminalstatistik 2012“, die am 15. Mai vom Bundesminister des Innern, Dr. Hans-Peter Friedrich, in Berlin vorgestellt wird. Diese Kriminalstatistik fasst die in den verschiedenen Städten und Gemeinden Deutschlands polizeilich erfassten Straftaten zusammen und ist als solche nicht zu beanstanden.</p>
<p>Bei der Interpretation dieser Statistik wird jedoch häufig übersehen, dass zum Beispiel in einigen Städten Rauschgiftdelikte oder Schwarzfahrer aggressiver verfolgt und angezeigt werden als in anderen. Dies führt bei identischer „wahrer“ Kriminalität zu einer höheren Kriminalität in der offiziellen Statistik. Am bedenklichsten aus statistischer Sicht ist jedoch die Ermittlung von Rangfolgen durch Bezug der gemeldeten Fälle auf jeweils 100 000 Einwohner. Nach der so ermittelten aktuellen Statistik liegen Frankfurt am Main, Düsseldorf und Köln auf den drei ersten Plätzen, Augsburg und München auf den letzten.</p>
<p>Eine seriöse Rangfolge müsste aber nicht nur die reinen Einwohnerzahlen, sondern <em>alle</em> Menschen berücksichtigen, die in der jeweiligen Stadt Opfer wie auch Verursacher einer Straftat werden könnten. Dazu zählen auch Einpendler, Messebesucher, umsteigende Reisende am Hauptbahnhof oder Fluggäste. Die Stadt Frankfurt hat beispielsweise fast so viele Einpendler wie Einwohner, am Flughafen Frankfurt fliegen jedes Jahr rund 30 Millionen Menschen ab. Und genauso viele kommen an. Jede dort verübte Straftat – in der Regel Diebstähle – fällt statistisch der Stadt Frankfurt zur Last. Ähnliches gilt für Düsseldorf, mit ebenfalls überdurchschnittlich vielen Einpendlern, Messebesuchern und Fluggästen. Würde man die Zahl der verübten Straftaten durch die Zahl sämtlicher potenzieller Opfer und Täter teilen, käme vermutlich eine ganz andere und weitaus realistischere Rangliste heraus.</p>
<p>Zu welch absurden Ergebnissen die Kriminalstatistik auf Basis von Einwohnerzahlen führen kann, zeigt der Vatikanstaat. Er ist demnach das kriminellste Land der Erde. <a href="http://de.radiovaticana.va/storico/2012/01/15/or:_vatikan-justiz_arbeitet_schneller_und_effizienter/ted-554833" target="_blank" rel="noreferrer">Wie „Radio Vatikan“ berichtet</a>, gab es dort im Jahr 2011 insgesamt 640 Zivil- und 226 Strafverfahren – deutlich mehr als eines je Vatikanbürger (492). Aber in 99 Prozent der Fälle waren nicht diese, sondern einer der rund 18 Millionen Besucher jährlich als Opfer oder Täter involviert. Deshalb sollte man versuchen, auch für die deutschen Städte Zahlen der potenziell Betroffenen zu ermitteln.</p>
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<p>Ihr Ansprechpartner dazu:<br> Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-3125</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                    </item>
                
                    <item>
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                        <pubDate>Fri, 26 Apr 2013 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Stress in der Lehre?</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/stress-in-der-lehre
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats April 2013 ist die Aussage „Jeder vierte Azubi schmeißt seine Ausbildung hin“. Das meldete beispielsweise „Spiegel Online“ am 15. April. Auch in vielen anderen deutschen Leitmedien, Zeitungen und Zeitschriften war im Zusammenhang mit dem deutschen System der dualen Berufsausbildung vom „Stress in der Lehre“ zu lesen. Quelle der Information ist der Entwurf des Berufsbildungsberichts 2013 des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB).
</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats April 2013 ist die Aussage „Jeder vierte Azubi schmeißt seine Ausbildung hin“. Das meldete beispielsweise „Spiegel Online“ am 15. April. Auch in vielen anderen deutschen Leitmedien, Zeitungen und Zeitschriften war im Zusammenhang mit dem deutschen System der dualen Berufsausbildung vom „Stress in der Lehre“ zu lesen. Quelle der Information ist der <a href="http://www.bibb.de/de/63684.htm" target="_blank" rel="noreferrer">Entwurf des Berufsbildungsberichts 2013 </a>des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB).</p>
<p>In Wahrheit schmeißt längst nicht jeder vierte Lehrling seine Ausbildung hin. Wahr ist: jedes vierte Ausbildungsverhältnis wird vorzeitig aufgelöst. Laut einer <a href="http://www.bibb.de/de/1726.htm" target="_blank" rel="noreferrer">BIBB-Befragung aus dem Jahr 2002</a> verbleiben jedoch mehr als 60% dieser Lehrlinge im Bildungssystem, sie nehmen beispielsweise eine andere Lehrstelle an, beginnen eine neue Ausbildung oder nehmen ein Studium auf. Von den 25% Auszubildenden, deren Ausbildungsvertrag vorzeitig gelöst wurde, wird noch nicht einmal jeder fünfte arbeitslos. Insgesamt wirft also nur etwa jeder zwanzigste Azubi seine Ausbildung hin in dem Sinne, dass er oder sie arbeitslos wird. Auch wenn die Befragung des BIBB aus dem Jahr 2002 stammt, ist nicht davon auszugehen, dass sich die Situation für Auszubildende, deren Vertrag vorzeitig gelöst wurde, bis heute bedeutend verändert hat.</p>
<p>Das deutsche System der dualen Berufsausbildung gilt weltweit als vorbildlich und wird vielfach als einer der wichtigsten Gründe für die vergleichsweise geringe deutsche Jugendarbeitslosigkeit angesehen. Mit derzeit 7,7% ist diese die niedrigste der ganzen EU..</p>
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<p>Ihr Ansprechpartner dazu:<br> Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-3125</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Wed, 03 Apr 2013 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Die Strahlentoten von Fukushima</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/die-strahlentoten-von-fukushima
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats März ist die Zahl 16 000. Sie tritt in der folgenden Meldung der ARD-Tagesschau vom 11. März auf: „Japan gedenkt heute der Opfer der verheerenden Erdbeben- und Tsunamikatastrophe vor zwei Jahren. Ein Erdbeben der Stärke neun hatte damals den Nordosten des Landes erschüttert und eine bis zu 20 Meter hohe Tsunamiwelle ausgelöst. In der Folge kam es zu einem Reaktorunfall im Kernkraftwerk Fukushima. Dabei kamen ungefähr 16.000 Menschen ums Leben. Tausende gelten immer noch als vermisst.“
</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats März ist die Zahl 16 000. Sie tritt in der folgenden <a href="http://livingscoop.com/v/2726/" target="_blank" rel="noreferrer">Meldung der ARD-Tagesschau vom 11. März </a>auf: „Japan gedenkt heute der Opfer der verheerenden Erdbeben- und Tsunamikatastrophe vor zwei Jahren. Ein Erdbeben der Stärke neun hatte damals den Nordosten des Landes erschüttert und eine bis zu 20 Meter hohe Tsunamiwelle ausgelöst. In der Folge kam es zu einem Reaktorunfall im Kernkraftwerk Fukushima. Dabei kamen ungefähr 16.000 Menschen ums Leben. Tausende gelten immer noch als vermisst.“</p>
<p>Diese Meldung suggeriert, dass durch den Reaktorunfall 16 000 Menschen ums Leben gekommen sind. In Wahrheit sind durch den Reaktorunfall bisher zwei Menschen ums Leben gekommen. Und das auch nicht durch die Strahlenbelastung: Die beiden Mitarbeiter starben zwar auf dem Gelände der Atomanlage, offenbar wurden aber auch sie bereits durch das Beben oder den Tsunami getötet (Quelle: <a href="http://www.focus.de/panorama/welt/tsunami-in-japan/japan-zwei-tote-im-akw-fukushima-gefunden_aid_614683.html" target="_blank" rel="noreferrer">focus.de</a>).</p>
<p>-------------</p>
<p>Ihr Ansprechpartner dazu:<br> Prof. Dr. Thomas K. Bauer, Tel.: (0201) 8149-264</p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2013</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Thu, 28 Feb 2013 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Ausmaß der Armutseinwanderung kleiner als berichtet</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/ausmass-der-armutseinwanderung-kleiner-als-berichtet
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats Februar ist die Berichterstattung über das Ausmaß der Armutseinwanderung aus Bulgarien und Rumänien. So berichtete neben anderen großen Tageszeitungen beispielsweise die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ am 15. Februar unter der Überschrift „Städtetag besorgt über Armutseinwanderung“: „Die jährliche Zahl der Armutseinwanderer aus Rumänien und Bulgarien hat sich in den vergangenen vier Jahren von 64 000 auf rund 147 000 mehr als verdoppelt; im ersten Halbjahr 2012 stieg die Zahl im Vergleich zum Vorjahr noch einmal um 24 Prozent.“ 
</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats Februar ist die Berichterstattung über das Ausmaß der Armutseinwanderung aus Bulgarien und Rumänien. So berichtete neben anderen großen Tageszeitungen beispielsweise die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ am 15. Februar unter der Überschrift <a href="http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/appell-an-bund-laender-und-eu-staedtetag-besorgt-ueber-armutseinwanderung-12080995.html" target="_blank" rel="noreferrer">„Städtetag besorgt über Armutseinwanderung“</a>: „Die jährliche Zahl der Armutseinwanderer aus Rumänien und Bulgarien hat sich in den vergangenen vier Jahren von 64 000 auf rund 147 000 mehr als verdoppelt; im ersten Halbjahr 2012 stieg die Zahl im Vergleich zum Vorjahr noch einmal um 24 Prozent.“ Sie nahm dabei Bezug auf auf ein „Positionspapier des Deutschen Städtetages zu den Fragen der Zuwanderung aus Rumänien und Bulgarien“. Während dort jedoch lediglich die Einwandererzahlen genannt wurden, wurden in der Berichterstattung alle Zuwanderer aus diesen beiden Ländern als Armutsmigranten klassifiziert.</p>
<p>Diese Darstellung vermittelt allerdings ein falsches Bild der Zuwanderung aus Bulgarien und Rumänien nach Deutschland. Daten des Mikrozensus zeigen, dass 80% der Menschen, die seit Beginn der EU-Mitgliedschaft im Jahr 2007 aus diesen beiden Ländern nach Deutschland gekommen sind, einer Erwerbsarbeit nachgehen.* Von diesen sind 22% hochqualifiziert und 46% qualifiziert. Bei diesen Zuwanderern handelt es sich häufig um Menschen mit Berufen, die wir in Deutschland dringend benötigen.</p>
<p>Sicherlich findet auch Zuwanderung von Migranten ohne Schule und Berufsausbildung statt, die hier in prekären und teilweise menschenunwürdigen Verhältnissen leben und auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Die Freizügigkeit innerhalb der EU kann neben vielen Vorteilen eben auch dazu führen, dass arme Menschen nach Deutschland kommen, die das deutsche Sozialsystem belasten. Gerade in einer solchen Situation sollte man sich jedoch die Struktur der Zuwanderung aus den neuen EU-Mitgliedstaaten genau ansehen, um daraus eine für alle Beteiligten akzeptable Lösung zu entwickeln. Eine pauschale Klassifizierung aller Zuwanderer aus diesen Ländern als Armutsmigranten, die das Problem der Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme übertreibt, schadet da nur.</p>
<p>--------------</p>
<p>Ihr Ansprechpartner dazu:<br> Prof. Dr. Thomas K. Bauer, Tel.: (0201) 8149-264</p>
<p>* Corrigendum vom 11. April 2013: Statt „einer Erwerbsarbeit nachgehen“ muss es heißen „Erwerbsbeteiligte sind“.</p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2013</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Tue, 29 Jan 2013 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Die Medien übertreiben bei der Lebensmittelverschwendung</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/die-medien-uebertreiben-bei-der-lebensmittelverschwendung
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats Januar sind die regelmäßigen Schreckensmeldungen über weggeworfene Lebensmittel in Deutschland. Zuletzt hatten die beiden christlichen Kirchen beim ökumenischen Landkirchentag auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin die Verschwendung von Lebensmitteln angeklagt. Jeder deutsche Verbraucher werfe im Durchschnitt jedes Jahr 83 Kilogramm Lebensmittel auf den Müll.
</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats Januar sind die regelmäßigen Schreckensmeldungen über weggeworfene Lebensmittel in Deutschland. Zuletzt hatten die beiden christlichen Kirchen beim ökumenischen Landkirchentag auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin die Verschwendung von Lebensmitteln angeklagt. Jeder deutsche Verbraucher werfe im Durchschnitt jedes Jahr 83 Kilogramm Lebensmittel auf den Müll <a href="http://www.bmelv.de/SharedDocs/Downloads/Ernaehrung/WvL/Studie_Lebensmittelabfaelle_Kurzfassung.pdf?__blob=publicationFile" target="_blank" rel="noreferrer">(zur Studie)</a>.</p>
<p>Im „Spiegel“ 50/2012 wurde ähnlich alarmierend berichtet, weniger als die Hälfte des in Europa angebauten Obstes und Gemüses würde tatsächlich auch gegessen. Dieser Rechnung <a href="http://www.fao.org/docrep/014/mb060e/mb060e00.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">(auf Grundlage dieser Studie) </a>lag jedoch ein populärer Denkfehler zu Grunde: Wenn 50% von irgendetwas verlorengeht, und vom Rest dann nochmals 50%, so sind das insgesamt nicht 100%, sondern 75%. Der Spiegel hatte aber die Verlustraten auf den verschiedenen Stufen vom Anbau bis in den Verbrauchermagen einfach aufaddiert und kam bei Obst und Gemüse auf insgesamt 56%, bei Wurzeln und Knollen sogar auf 68% der Ausgangsmenge. In Wahrheit sind es aber nur 46% bzw. 52% - immer noch viel, aber nicht ganz so alarmierend.</p>
<p>Bei näherem Hinsehen entpuppt sich aber auch ein großer Teil dieser verbleibenden Prozentsätze wie auch der von den Kirchen beklagten weggeworfenen 83 Kilogramm als unvermeidbarer oder teilweise unvermeidbarer Abfall wie beispielsweise Brotrinden oder Apfelschalen. So schätzt die Studie, auf die sich die Meldungen der Kirchen beziehen, dass nur 38 Kilogramm der von den Verbrauchern weggeworfenen Lebensmittel definitiv vermeidbar waren.</p>
<p>Als beklagenswert verbleiben die nur wegen angeblicher Schönheitsfehler weggeworfenen Lebensmittel, hier wäre sicher ein Umdenken ökologisch wie auch ethisch angebracht. Fast noch bedenklicher aus ethischer Warte erscheint aber der kaum beklagte Umstand, dass allein in Deutschland jedes Jahr über 4 Millionen Tonnen Lebensmittel zu Kfz-Treibstoff verarbeitet werden.</p>
<p>-----------</p>
<p>Ihr Ansprechpartner dazu:<br> Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-31 25</p>]]></content:encoded>
                        
                            
                                <category>2013</category>
                            
                        
                        
                            
                        
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                        <pubDate>Wed, 12 Dec 2012 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Mineralöl in Adventskalendern</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/mineraloel-in-adventskalendern
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats Dezember sind Mineralölrückstände in Adventskalendern. Davon hatte die Stiftung Warentest Ende November in gewissen Produkten mehr als 10 Milligramm pro Kilogramm Schokolade festgestellt. In der Folge mussten mehrere Firmen ihre Produkte aus den Regalen nehmen, mit Schäden für die jeweiligen Hersteller von mehreren 100.000 Euro. Inzwischen haben die betroffenen Firmen Klage angedroht.
</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats Dezember sind Mineralölrückstände in Adventskalendern. Davon hatte die <a href="http://www.test.de/Adventskalender-mit-Schokoladenfuellung-Mineraloel-in-der-Schokolade-4471436-0/" target="_blank" rel="noreferrer">Stiftung Warentest Ende November </a>in gewissen Produkten mehr als 10 Milligramm pro Kilogramm Schokolade festgestellt. In der Folge mussten mehrere Firmen ihre Produkte aus den Regalen nehmen, mit Schäden für die jeweiligen Hersteller von mehreren 100.000 Euro. Inzwischen haben die betroffenen Firmen Klage angedroht.</p>
<p>Denn nach Auskunft des Bundesinstituts für Risikobewertung gehen von diesen Mineralölrückständen keine zusätzlichen Gesundheitsgefahren aus; sie entsprechen in etwa dem, was Kinder und Erwachsene ohnehin über die sonstige Ernährung gewohnheitsmäßig zu sich nehmen. Auch die beunruhigende Zusatzinfo der Stiftung Warentest, diese Stoffe stünden im Verdacht, Krebs zu erzeugen, erhöht eher die Desinformation. Denn mit dem Argument dieses Verdachts wären auch viele andere Nahrungsmittel in den Mülleimer zu werfen, bei denen dies nicht im Geringsten zur Debatte steht.</p>
<p>Eher illusorisch scheint auch die Forderung, "Substanzen, die unter Krebsverdacht stehen, haben nach Einschätzung der Stiftung Warentest nichts in Lebensmitteln zu suchen". Hier offenbart sich ein bedenkliches Kenntnisdefizit. Denn Substanzen, die unter Krebsverdacht stehen, sind in sämtlichen Lebensmitteln vorhanden. Allerdings in so minimalen Mengen, dass sie für die Gesundheit völlig unbedenklich sind. So steht schon in den inzwischen 500 Jahre alten Schriften des berühmten Arztes Paracelsus, die im übrigen einzige naturwissenschaftliche Theorie, die auch 500 Jahre nach ihrem Entstehen genauso unwidersprochen gültig ist wie seinerzeit: "Was das nit Gift ist? Alle Ding sind Gift und nichts ist ohn Gift. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist!"</p>
<p>Viele der in Deutschland so populären regelmäßigen Meldungen über Giftfunde aller Art fallen daher eher in die Kategorie „kontraproduktive Panikmache“. Denn die stetige Verfeinerung der Analysemethoden führe dazu, wie es der „Spiegel“ einmal schrieb, dass "alles in allem gefunden wird". In einem solchen Fall aber sollten solche Funde keine Zeitungsmeldung wert sein.</p>
<p>----------</p>
<p>Ihr Ansprechpartner dazu:<br> Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-31 25</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Wed, 28 Nov 2012 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>„Polen sind fleissiger als Deutsche“</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/polen-sind-fleissiger-als-deutsche
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats ist die Aussage „Polen sind fleißiger als Deutsche“, geäußert von Bundespräsident Joachim Gauck anlässlich eines Treffens mit den Staatsoberhäuptern Italiens und Polens am 19. November in Neapel. Das mag als Kompliment hingehen, nicht aber als aussagekräftige Statistik.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats ist die Aussage „Polen sind fleißiger als Deutsche“, geäußert von Bundespräsident Joachim Gauck anlässlich eines Treffens mit den Staatsoberhäuptern Italiens und Polens am 19. November in Neapel.</p>
<p>Das mag als Kompliment hingehen, nicht aber als aussagekräftige Statistik. Verwendet man die jährliche Arbeitszeit je Erwerbstätigen, wie sie beispielsweise <a href="http://stats.oecd.org/Index.aspx?DataSetCode=ANHRS" target="_blank" rel="noreferrer">von der OECD ausgewiesen wird</a>, ist Herr Gauck insofern korrekt, als die in dieser Erhebung erfaßten Polen und Polinnen pro Jahr im Durchschnitt 1.937 Stunden arbeiten, die in dieser Statistik erfaßten Deutschen dagegen nur 1.413 Stunden. Abgesehen von potenziell erheblichen Messfehlern (viele Überstunden und ein großer Teil der Arbeit aller Selbständigen fallen etwa aus dieser Statistik heraus) betreffen diese Zahlen aber nur Personen, die tatsächlich einer Erwerbsarbeit nachgehen. Das waren 2011 <a href="http://epp.eurostat.ec.europa.eu/tgm/refreshTableAction.do?tab=table&amp;plugin=1&amp;pcode=tsdec420&amp;language=de" target="_blank" rel="noreferrer">nach Eurostat</a> in Deutschland 76%, in Polen nur 65% aller Bürger im Alter zwischen 20 und 64 Jahren. Insbesondere gehen in Deutschland viel mehr Menschen als in Polen einer Teilzeitarbeit nach, bringen also nur wenige Stunden in diese Statistik ein. Würde man also die geleisteten Arbeitsstunden durch alle Bürger im erwerbsfähigen Alter teilen, ergäbe sich ein völlig neues Bild.</p>
<p>Noch größer ist der Abstand beim durchschnittlichen Geldvermögen pro Bürger: Es beträgt in Deutschland 60.000 Euro, in Polen knapp über 7.000 Euro. Dabei sind in beiden Ländern auch jene Menschen mitgezählt, die überhaupt kein Vermögen besitzen oder sogar Schulden haben. Für Letztere ist das Vermögen negativ. Kein Mensch käme auf die Idee, in diesen Durchschnitt nur solche Menschen aufzunehmen, die tatsächlich Vermögen besitzen. Genau das wurde aber von Herrn Gauck bei seinem Vergleich der durchschnittlichen Arbeitsstunden getan.</p>
<p>Völlig außer Acht bleiben bei diesem Vergleich auch die private Kinderbetreuungs-, Haus- und Gartenarbeit sowie der Wert der Güter bzw. Dienstleistungen, die tatsächlich während der Arbeitszeit produziert worden sind. Hier erzeugte im Jahr 2011 <a href="http://stats.oecd.org/Index.aspx?DataSetCode=LEVEL" target="_blank" rel="noreferrer">laut OECD</a> ein polnischer Arbeitnehmer im Durchschnitt in einer Stunde Waren und Dienstleistungen im Wert von 26,20 Euro, ein deutscher Arbeitnehmer im Wert von 55,30 Euro.</p>
<p>----------</p>
<p>Ihr Ansprechpartner dazu:<br> Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-31 25</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Tue, 23 Oct 2012 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Armut ist nicht Ungleichheit</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/armut-ist-nicht-ungleichheit
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats Oktober heißt 15,8% und kommt vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden: „15,8 % der Bevölkerung waren 2010 armutsgefährdet“ meldeten die Amtsstatistiker am 17. Oktober 2012. Die Zahl ist korrekt, nicht aber deren Interpretation.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats Oktober heißt 15,8% und kommt vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden: „15,8 % der Bevölkerung waren 2010 armutsgefährdet“ meldeten die Amtsstatistiker am 17. Oktober 2012 (<a href="https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2012/10/PD12_362_634.html" target="_blank" rel="noreferrer">zur Pressemitteilung</a>).</p>
<p>Die Zahl ist korrekt, nicht aber deren Interpretation. Als "armutsgefährdet" gilt, wer jährlich netto weniger als 11.426 Euro zur Verfügung hat. Der Hauptkritikpunkt ist die Berechnung dieser Armutsgrenze. Dazu nimmt man europaweit 60 % des Durchschnittseinkommens. Wenn sich also alle Einkommen verdoppeln, verdoppelt sich auch die Armutsgrenze, und der Anteil der Armen ist der gleiche wie vorher.</p>
<p>Ferner ist in armen Ländern die Armutsgrenze kleiner als in reichen. Zieht also ein Gastarbeiter aus Portugal, der hier im Jahr nur 11.000 Euro zur Verfügung hat, in seine Heimat zurück, nimmt die kollektive Armut in Deutschland und Portugal gleichermaßen ab. Denn in Deutschland ist man mit 11.000 Euro jährlich arm, in Portugal dagegen nicht. Selbst wenn besagter Portugiese zuhause nur 7.000 Euro jährlich hätte, wäre er dort statistisch-offiziell nicht arm.</p>
<p>Jeder am Durchschnittseinkommen festgezurrte Armutsbegriff misst daher nicht die Armut (wie beispielsweise die Definition der Weltbank, die alle Menschen als arm einstuft, die von weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag leben müssen), sondern die Ungleichheit. Deshalb ließe sich auch die in den deutschen Medien aufgrund der obigen Statistik oftmals beklagte Armut sehr leicht dadurch beheben, dass man beispielsweise allen Menschen in Deutschland die über die derzeitige Armutsgrenze hinausgehenden Einkommen wegnähme und nach Peking an die chinesische Staatsbank überwiese. Dann wären die Einkommen hierzulande gleichmäßiger verteilt, die neue Armutsgrenze läge sehr viel niedriger, und die Armut wäre nahezu vollständig verschwunden.</p>
<p>----------</p>
<p>Ihr Ansprechpartner dazu:<br> Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-31 25</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Fri, 28 Sep 2012 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Gen-Mais tötet</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/gen-mais-toetet
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats September ist die Meldung, dass genmodifizierter Mais Krebs erzeugen soll. Ein Wissenschaftlerteam um den Franzosen Gilles-Eric Séralini hatte berichtet, dass bei Ratten, die über einen längeren Zeitraum mit genmodifiziertem Mais gefüttert worden waren, schwere gesundheitliche Schäden aufgetreten sind. Insbesondere starben diese Ratten häufiger als andere an Krebs. Damit sei die genetische Modifikation des Futters als Verursacher von Krebs identifiziert 
</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats September ist die Meldung, dass genmodifizierter Mais Krebs erzeugen soll. Ein Wissenschaftlerteam um den Franzosen <em>Gilles-Eric Séralini</em> hatte berichtet, dass bei Ratten, die über einen längeren Zeitraum mit genmodifiziertem Mais gefüttert worden waren, schwere gesundheitliche Schäden aufgetreten sind. Insbesondere starben diese Ratten häufiger als andere an Krebs. Damit sei die genetische Modifikation des Futters als Verursacher von Krebs identifiziert <a href="http://research.sustainablefoodtrust.org/wp-content/uploads/2012/09/Final-Paper.pdf" target="_blank" rel="noreferrer">(zur Studie)</a>.</p>
<p>Diese Meldung wurde recht unkritisch als „alarmierend“ in vielen deutschen Medien verbreitet, und drei französische Minister forderten die EU angeblich zum Handeln auf. Die Meldung ist aber aus Sicht der Statistik nur als Unfug zu bezeichnen. Denn die Anzahl von Ratten, die binnen eines gegebenen Zeitraums an Krebs versterben, schwankt sehr stark. Und die französische Forschergruppe hatte nur zehn Tiere in der Kontrollgruppe der nicht mit Genmais gefütterten Tiere untersucht. Wegen dieser sehr geringen Zahlen können Unterschiede in der Krebsmortalität sehr leicht allein durch Zufall auftreten. Sie sind im Sinne der mathematischen Statistik „nicht signifikant“, also nicht aussagekräftig genug, um auf einen ursächlichen Zusammenhang schließen zu können. Das lässt sich anhand statistischer Tests nachweisen; aber das kann auch jeder daran erkennen, dass die Gruppe von Ratten, welche mit dem höchsten Anteil an Gen-Mais gefüttert wurden, tatsächlich die höchste (!) Überlebensrate hatte.</p>
<p>Eine Analogie kann dies verdeutlichen: Drei von zehn Bundesbürgern sterben derzeit an Krebs. Greift man beliebig zehn Bundesbürger heraus, sterben aber nur selten genau drei davon an Krebs. Die tatsächliche Zahl der Krebsfälle schwankt dabei zwischen null und zehn. Wenn man wissen möchte, ob das Essen von Bonbons die Krebssterblichkeit erhöht, aber nur zehn Bürger untersucht, die keine Bonbons essen, dann kann es leicht sein, dass von diesen zehn nur zwei an Krebs sterben. Daraus kann man aber nicht schließen, dass Bonbons die Sterblichkeit um 50 Prozent (von zwei auf drei) erhöhen. Genau dieser Fehler wurde aber bei der Gen-Mais Studie gemacht.</p>
<p>---------</p>
<p>Ihre Ansprechpartner dazu:<br> Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Tel.:&nbsp;(030) 82406-430<br> Prof. Dr. Walter Krämer, &nbsp;Tel.: (0231) 755-31 25</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Fri, 31 Aug 2012 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Dick macht doof und depressiv</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/dick-macht-doof-und-depressiv
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats August sind Meldungen in deutschen Medien zu ursächlichen Zusammenhängen von Essgewohnheiten, Depressionen, Intelligenz, Körpergewicht und Schulbesuch. So meldete die „Apotheken-Umschau“ Anfang des Monats, der übermäßige Konsum von Fast-Food löse Depressionen aus. Dabei fasste sie eine spanische Studie zusammen, die zwischen dem Verzehr von Industriebackwaren und Fast Food auf der einen und der Häufigkeit von Depressionen auf der anderen Seite einen positiven Zusammenhang festgestellt hatte. 
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats August sind Meldungen in deutschen Medien zu ursächlichen Zusammenhängen von Essgewohnheiten, Depressionen, Intelligenz, Körpergewicht und Schulbesuch. So meldete die „Apotheken-Umschau“ Anfang des Monats, der übermäßige Konsum von Fast-Food löse Depressionen aus. Dabei fasste sie eine <a href="http://journals.cambridge.org/action/displayAbstract?fromPage=online&amp;aid=8480071" target="_blank" rel="noreferrer">spanische Studie</a> zusammen, die zwischen dem Verzehr von Industriebackwaren und Fast Food auf der einen und der Häufigkeit von Depressionen auf der anderen Seite einen positiven Zusammenhang festgestellt hatte. Besonders gefährdet seien Singles, die mehr als 45 Stunden die Woche arbeiteten, ansonsten aber wenig aktiv seien und sich insgesamt ungesund ernährten.</p>
<p>Einige Zeitungen ergänzten das Ende des Monats mit Meldungen wie „Dick macht dumm“ (z.B. Ärzte Zeitung), basierend wiederum auf einer <a href="http://www.neurology.org/content/79/8/755" target="_blank" rel="noreferrer">Beobachtungsstudie</a>, die einen negativen Zusammenhang zwischen Übergewicht und den Ergebnissen von Intelligenztest aufzeigt. Und dick wiederum wird man unter anderem durch die Schule, wenn man anderen Zeitungsmeldungen des Monats August glauben darf: „Schule macht dick“. Hintergrund war diesmal eine <a href="http://www.nature.com/oby/journal/vaop/ncurrent/full/oby2012172a.html" target="_blank" rel="noreferrer">Studie von Wissenschaftlern der Universität Mainz</a>, derzufolge Kinder gerade in dem Alter, in dem sie üblicherweise eingeschult werden, besonders an Gewicht zulegen.</p>
<p>In all diesen Meldungen wird wieder einmal der Trugschluss von Korrelation auf Kausalität gemacht oder in den von den Zeitungen gewählten Überschriften zumindest suggeriert. Während eine Korrelation lediglich eine Beziehung zwischen Merkmalen beschreibt, handelt es sich bei der Kausalität um einen ursächlichen Zusammenhang, also Ursache und Wirkung. Dieser Fehler wurde in der „Unstatistik des Monats“ bereits in der Vergangenheit thematisiert. So ist es beispielsweise bei Fast Food mindestens ebenso plausibel, dass Depressionen zu Essstörungen führten und damit die Kausalität in die umgekehrte Richtung verläuft. Ganz allgemein können aus Beobachtungsstudien, die all diesen Meldungen zugrunde liegen, nur unter erheblichen Zusatzinformationen und häufig sehr unrealistischen Annahmen Schlüsse auf Kausalbeziehungen abgeleitet werden. Darauf wird auch in allen Studien, auf die sich diese Meldungen beziehen, mehr oder weniger deutlich hingewiesen. Aber leider bleiben diese Einschränkungen in den Medienberichten in aller Regel unerwähnt. Jedenfalls müssen nach aktueller Faktenlage keine Eltern fürchten, dass ihre Kinder durch die Schule erst einmal dick und dann auch noch dümmer werden.</p>
<p>-------------</p>
<p>Ihr Ansprechpartner dazu:<br> Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-31 25</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Fri, 27 Jul 2012 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Keine Angst vor Cholera</title>
                        <link>
                            
                                
                                        
                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/keine-angst-vor-cholera
                                            
                                    
                            
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                        <description>Horrormeldungen wie „Cholera kann über Ostsee nach Deutschland kommen“ (Die Welt) „Gefährliche Keime in der Ostsee“ (Frankfurter Rundschau) oder „Klimawandel: Gefährliche Keime breiten sich in Ostsee aus“ (Hamburger Abendblatt) haben Ende des Monats deutsche Zeitungsleser erschreckt. Eine Studie in einer medizinischen Fachzeitschrift hat einen positiven Zusammenhang zwischen der Erwärmung der Ostsee und dem Vorkommen des Bakteriums Vibrio gefunden, das unter anderem auch Cholera erzeugt. Wie die Autoren selbst anmerken, kann diese Korrelation auf einer Vielzahl anderer Ursachen beruhen, wie z.B. einem verbesserten Meldesystem für Cholera.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Horrormeldungen wie „Cholera kann über Ostsee nach Deutschland kommen“ (Die Welt) „Gefährliche Keime in der Ostsee“ (Frankfurter Rundschau) oder „Klimawandel: Gefährliche Keime breiten sich in Ostsee aus“ (Hamburger Abendblatt) haben Ende des Monats deutsche Zeitungsleser erschreckt. Eine Studie in einer <a href="http://www.nature.com/nclimate/journal/vaop/ncurrent/full/nclimate1628.html" target="_blank" rel="noreferrer">medizinischen Fachzeitschrift </a>hat einen positiven Zusammenhang zwischen der Erwärmung der Ostsee und dem Vorkommen des Bakteriums Vibrio gefunden, das unter anderem auch Cholera erzeugt. Wie die Autoren selbst anmerken, kann diese Korrelation auf einer Vielzahl anderer Ursachen beruhen, wie z.B. einem verbesserten Meldesystem für Cholera.</p>
<p>Vielleicht trifft dieser Zusammenhang aber auch tatsächlich zu. Selbst dann ist jedoch kein Grund zur Beunruhigung vorhanden. Denn nach Angaben des Berliner Robert Koch Instituts wurden von 2001 bis 2010 lediglich 15 Cholerafälle gemeldet. Sollte sich diese Zahl, wie die Autoren der Studie befürchten, in den nächsten Jahrzehnten verdoppeln, ergäbe das im Durchschnitt künftig drei Cholerafälle pro Jahr. Damit ist die Wahrscheinlichkeit eines Cholerafalls in Deutschland immer noch weniger als ein Fünftel derjenigen, vom Blitz erschlagen zu werden. Obwohl sich die Zahl der Cholerafälle relativ gesehen verdoppelt hätte, bliebe ihre absolute Häufigkeit verschwindend gering. Also wie so oft viel Lärm um (praktisch) nichts. Man kann weiterhin beruhigt in der Ostsee baden.</p>
<p>---------</p>
<p>Ihr Ansprechpartner dazu:<br> Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-31 25</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Fri, 29 Jun 2012 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>VCD-„Städtecheck“ liefert falsche Zahlen zur Verkehrssicherheit</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/vcd-staedtecheck-liefert-falsche-zahlen-zur-verkehrssicherheit
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats Juni ist der „Städtecheck 2012“ des Verkehrsclubs Deutschland (VCD). Hier teilt der VCD 76 deutsche Großstädte je nach der Verkehrssicherheit für Kinder und Jugendliche in unterschiedliche Gefährdungsklassen ein. Dazu werden die Veränderungsraten der Verkehrsunfälle der vergangenen fünf Jahre arithmetisch gemittelt. Diese Vorgehensweise ist irreführend und wissenschaftlich nicht zulässig.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats Juni ist der „Städtecheck 2012“ des Verkehrsclubs Deutschland (VCD). Hier teilt der VCD 76 deutsche Großstädte je nach der Verkehrssicherheit für Kinder und Jugendliche in unterschiedliche Gefährdungsklassen ein. Dazu werden die Veränderungsraten der Verkehrsunfälle der vergangenen fünf Jahre arithmetisch gemittelt. Diese Vorgehensweise ist irreführend und wissenschaftlich nicht zulässig.</p>
<p>Angenommen, in einer Stadt gibt es erst 10, dann 16, dann 8 Verkehrsunfälle pro 1000 Kinder und Jahr. Dem entsprechen jährliche Veränderungsraten von +60% und –50 %, im Mittel also +5 %. In Wahrheit hat aber die Zahl der Verkehrsunfälle abgenommen. In Deutschland hat sich die Zahl der im Straßenverkehr getöteten Kinder in den vergangenen Jahren mehr als halbiert.</p>
<p>Deshalb geht auch die ausführliche Medienberichterstattung über diesen Städtecheck an den wahren Tatsachen vorbei. So titelte die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) am 18. Juni: „Im Ruhrgebiet verunglücken mehr Kinder auf den Straßen“. In Wahrheit ist das Gegenteil der Fall. So verunfallten nach Angaben des VCD bundesweit, also unter Einbezug der ländlichen Gebiete, im Jahr 2010 260 von 100.000 Kindern. Dabei lagen nur 8 der untersuchten 76 Städte am oder unter diesem Bundesdurchschnitt, darunter Bochum, Hagen und Herne. Betrachtet man nur Städte, waren 320 von 100.000 Kindern an Unfällen beteiligt. Mit Ausnahme von Moers, Recklinghausen und Krefeld lagen alle Ruhrgebietsstädte unter diesem Wert. Im Vergleich zu anderen deutschen Städten leben Kinder im Ruhrgebiet also vergleichsweise sicher.</p>
<p>Auch die vom VCD angeführten internationalen Vergleiche hinken. Demnach verunglückten in Deutschland im Jahr 2009 277 von 100.000 Kindern im Straßenverkehr, in den Niederlanden dagegen nur 52. Das ist zum großen Teil auf eine andere Definition zurückzuführen: in den Niederlanden werden – anders als in Deutschland – geringfügige Verkehrsunfälle mit Beteiligung von Kindern statistisch nicht erfasst. Nur Kinder, die wegen eines Unfalls ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen, gehen in die Statistik ein. In Deutschland dagegen wird jedes Kind gezählt, auch wenn es sich bei einem Verkehrsunfall beispielsweise lediglich das Knie aufgeschürft hat und direkt nach Hause gehen kann.</p>
<p>---------</p>
<p>Ihr Ansprechpartner dazu:<br> Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-31 25</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Fri, 01 Jun 2012 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Die verlorenen Mädchen von Gorleben</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/die-verlorenen-maedchen-von-gorleben
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats Mai sind die „verlorenen Mädchen von Gorleben“. Anfang des Monats haben vermeintliche Defizite von Mädchengeburten rund um deutsche Atomanlagen die Medien bewegt. Besonders in der Nähe des Atomzwischenlagers Gorleben sei das Jungen-Mädchen-Verhältnis mit 109 zu 100 deutlich gestört. Eine Arbeitsgruppe um den Münchner Epidemiologen Hagen Scherb behauptet, daran sei die von diesen Atomanlagen ausgehende Strahlenbelastung schuld. Diese Behauptung wird durch die Fakten nicht belegt.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats Mai sind die „verlorenen Mädchen von Gorleben“. Anfang des Monats haben vermeintliche Defizite von Mädchengeburten rund um deutsche Atomanlagen die Medien bewegt. Besonders in der Nähe des Atomzwischenlagers Gorleben sei das Jungen-Mädchen-Verhältnis mit 109 zu 100 deutlich gestört. Eine Arbeitsgruppe um den Münchner Epidemiologen Hagen Scherb behauptet, daran sei die von diesen Atomanlagen ausgehende Strahlenbelastung schuld. Diese Behauptung wird durch die Fakten nicht belegt.</p>
<p>Auf 100 geborene Mädchen kommen weltweit zwischen 102 und 109 Jungengeburten (von gewissen ostasiatischen Ländern abgesehen, wo Mädchen offensichtlich systematisch abgetrieben werden und der Jungenanteil nochmals höher ist). In den meisten Ländern schwankt diese Zahl zwischen 104 und 106. Für diese minimalen Veränderungen gibt es Dutzende bekannter Faktoren. So steigt etwa der Jungenanteil leicht mit dem Einkommen der Eltern oder dem Körpergewicht der Mutter. Dagegen nimmt die Wahrscheinlichkeit einer Jungengeburt mit dem Alter der Mutter, der Zahl der Geschwister oder einer Umweltbelastung durch Pestizide ab. Daneben gibt es zahlreiche weitere Theorien, die mit den geringfügigen Schwankungen der Jungenquote gut vereinbar sind. In den Ländern Europas etwa korreliert der Jungenanteil positiv mit der Nähe zum Mittelmeer. In den meisten Fällen dürfte aber eine Variation der Jungenquote ein Produkt des Zufalls sein.</p>
<p>Allen systematischen Erklärungsversuchen ist gemeinsam, dass sie sich durch die vorliegenden Daten nie beweisen lassen. Bestenfalls lässt sich die Möglichkeit, dass all die genannten Faktoren einen Einfluss auf das Jungen-Mädchen-Verhältnis haben, nicht widerlegen. Die Theorie der Strahlenbelastung als Ursache erscheint aber besonders unplausibel, da die Strahlenbelastung aus natürlichen oder medizinischen Quellen diejenige aus Atomanlagen bei weitem übersteigt.</p>
<p>-----------</p>
<p>Ihr Ansprechpartner dazu:<br> Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-31 25</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Tue, 03 Apr 2012 00:00:00 +0200</pubDate>
                        <title>Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern?</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/lohnunterschiede-zwischen-frauen-und-maennern
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats März heißt 23%. So hoch ist der durchschnittliche Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern, der im Umfeld des Equal Pay Day eine hohe mediale Aufmerksamkeit erfahren hat und selbst im Bundestag Gegenstand einer Debatte war. Dieses durchschnittliche Lohndifferential enthält jedoch keinerlei Information darüber, ob bei der Entlohnung Frauen und Männer wirklich ungleich behandelt werden. Dies liegt darin begründet, dass mit dem durchschnittlichen Lohndifferential „Äpfel mit Birnen“ verglichen werden.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats März heißt 23%. So hoch ist der durchschnittliche Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern, der im Umfeld des <em>Equal Pay Day </em>eine hohe mediale Aufmerksamkeit erfahren hat und selbst im Bundestag Gegenstand einer Debatte war. Dieses durchschnittliche Lohndifferential enthält jedoch keinerlei Information darüber, ob bei der Entlohnung Frauen und Männer wirklich ungleich behandelt werden. Dies liegt darin begründet, dass mit dem durchschnittlichen Lohndifferential „Äpfel mit Birnen“ verglichen werden.</p>
<p>Die in Deutschland beschäftigten Frauen und Männer unterscheiden sich unter anderem hinsichtlich ihrer durchschnittlichen Ausbildung, Berufserfahrung und Arbeitszeit. Darüber hinaus sind Frauen und Männer weiterhin überwiegend in unterschiedlichen Berufen und Industrien tätig. Werden im Rahmen einer Regressionsanalyse diese Unterschiede zwischen Frauen und Männern berücksichtigt, reduziert sich das durchschnittliche Lohndifferential auf 12%. Das ist immer noch nicht gleich, aber deutlich weniger ungleich. Doch auch eine derartige Korrektur des Lohndifferentials ist nicht hinreichend, um einen gesicherten Eindruck über eine mögliche Ungleichbehandlung von Frauen und Männern zu gewinnen. Vielmehr müssten Frauen und Männer miteinander verglichen werden, die über die gleichen arbeitsmarktrelevanten Charakteristika verfügen und in denselben Unternehmen die gleiche Tätigkeit ausüben.</p>
<p>Würden wirklich vergleichbare weibliche und männliche Beschäftigte miteinander verglichen, wäre es überraschend, wenn ein nennenswertes Lohndifferential festzustellen wäre. Wäre dies der Fall, würden nicht nur eine Vielzahl von Unternehmen gegen geltendes Recht – das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) – verstoßen, sondern auch die Betriebsräte und Gewerkschaften bei einer ihrer wichtigsten Kontrollaufgaben weitgehend versagen.</p>
<p>Schließlich ist zu befürchten, dass der Fokus auf das obige Lohndifferential die wahren Gleichstellungsprobleme verschleiert. Anstatt der Konzentration auf medienwirksame Lohnunterschiede sollte sich die Politik fragen, warum überwiegend Frauen in Teilzeit arbeiten, Kinder betreuen und Familienangehörige pflegen. Auch sollte die Frage gestellt werden, warum Frauen andere Berufe als Männer wählen, was nicht zuletzt die Absolventenstatistik der Universitäten verdeutlicht. Diesen Unterschieden sollte sich die Politik zuwenden, wenn sie ernsthafte Gleichstellungspolitik betreiben möchte. So dürften bspw. Maßnahmen zur verbesserten Vereinbarkeit von Familie und Beruf die beste Gleichstellungspolitik sein, während andere Maßnahmen, wie das Betreuungsgeld, eher kontraproduktiv sind.</p>
<p>--------</p>
<p>Ihre Ansprechpartner dazu:<br> Prof. Dr. Thomas K. Bauer, Tel.: (0201) 81 49-264,<br> Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-31 25</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Mon, 05 Mar 2012 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Schokolade macht dünn</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/schokolade-macht-duenn
                                            
                                    
                            
                        </link>
                        <description>Die Unstatistik des Monats April ist die Meldung „Schokolade macht dünn“. So oder ähnlich überschrieben verschiedene deutsche Tageszeitungen und Wochenmagazine zur Monatswende Berichte über eine einschlägige Studie der Universität von Kalifornien in San Diego/USA. Darin hatten Forscher eine negative Korrelation zwischen der Häufigkeit des Schokoladenkonsums und dem sogenanten Body-Mass-Index (BMI) entdeckt.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats April ist die Meldung „Schokolade macht dünn“. So oder ähnlich überschrieben verschiedene deutsche Tageszeitungen und Wochenmagazine zur Monatswende Berichte über eine einschlägige Studie der Universität von Kalifornien in San Diego/USA. Darin hatten Forscher eine negative Korrelation zwischen der Häufigkeit des Schokoladenkonsums und dem sogenanten Body-Mass-Index (BMI) entdeckt.</p>
<p>Nun bedeutet aber Korrelation nicht das Gleiche wie Kausalität: Während eine Korrelation lediglich eine Beziehung zwischen Merkmalen beschreibt, handelt es sich bei der Kausalität um einen ursächlichen Zusammenhang, also Ursache und Wirkung. Zwei Merkmale heißen dabei „positiv korreliert“, wenn sie sich mehr oder weniger systematisch in die gleiche Richtung bewegen: Wenn die eine steigt, steigt in der Regel auch die andere, wenn die eine fällt, fällt auch die andere. Ein Beispiel ist das Verhältnis von Körpergröße und Gewicht. Große Menschen wiegen im Allgemeinen mehr als kleine; nicht unbedingt in jedem Einzelfall, aber im großen und ganzen schon. Von negativer Korrelation spricht man dagegen immer dann, wenn hohe Werte des einen Merkmals mit niedrigen des anderen zusammengehen und umgekehrt. So gibt es etwa bei Männern eine hohe negative Korrelation zwischen dem Einkommen und der Zahl der Haare auf dem Kopf: Je weniger Haare, desto mehr Geld.</p>
<p>Daraus folgt aber nicht, dass Männer durch Haarausfall ihr Einkommen erhöhen können, also ein kausaler Zusammenhang besteht. Diese negative Korrelation kommt dadurch zustande, dass bei Männern mit wachsendem Alter das Einkommen steigt und die Haare ausfallen. Mit anderen Worten, eine dritte Variable im Hintergrund, das Lebensalter, wirkt ursächlich auf Einkommen und Haare ein. Zwischen den beiden Ausgangsvariablen selbst dagegen ist keinerlei Kausalbezug vorhanden.</p>
<p>Ähnlich verhält es sich wohl auch mit Häufigkeit des Schokoladenkonsums und dem Gewicht. Vielleicht belohnen sich manche Menschen für einen Verzicht auf eine Currywurst oder fette Schweinesteaks mit einem kleinen Bissen Schokolade? Auf diese und ähnliche Hintergrundvariablen, die eine solche negative Korrelation erzeugen könnten, weisen die Autoren der Studie durchaus hin. Aber wie bei so vielen wissenschaftlichen Untersuchungen werden diese Zusatzinformationen in der medialen Aufarbeitung unterdrückt.</p>
<p>Sollte es tatsächlich eine Kausalbeziehung geben, wäre die eher in umgekehrter Richtung zu vermuten: dicke Menschen versuchen, Kalorien da zu sparen, wo es ihnen eher leicht fällt, und essen deshalb weniger Schokolade.</p>
<p>-----------</p>
<p>Ihre Ansprechpartner dazu:<br> Prof. Dr. Thomas K. Bauer, Tel.: (0201) 81 49-264,<br> Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-31 25</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Sun, 04 Mar 2012 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Pünktliche Bahn?</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/puenktliche-bahn
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats Februar sind die Pünktlichkeitszahlen der Deutschen Bahn AG. Diese hat im Rahmen einer „Transparenzoffensive“ in ihrem Internetportal für den Monat Januar 2012 ein Pünktlichkeitsmaß von 96,5% publiziert.
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                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats Februar sind die Pünktlichkeitszahlen der Deutschen Bahn AG. Diese hat im Rahmen einer „Transparenzoffensive“ in ihrem Internetportal für den Monat Januar 2012 ein Pünktlichkeitsmaß von 96,5% publiziert.</p>
<p>Diese Zahl bedarf einer Interpretation. Richtig ist: 96,5% aller Haltepunkte des Nah- und Fernverkehrs inklusive S-Bahnen wurden mit einer Verspätung von weniger als 6 Minuten erreicht. Dies ist angesichts der gewählten Berechnungsmethode aber nicht weiter verwunderlich. Einen Wert von 96% erreicht man bereits, wenn beispielsweise die Züge der Bahn durchschnittlich 25 Haltestellen anfahren und alle diese Züge am Zielbahnhof um mehr als 6 Minuten verspätet ankämen, unterwegs aber immer knapp unter dieser Grenze blieben. Nur bei einem von 25 Haltepunkten, also 4%, würde nach den Kriterien der DB Verspätung angezeigt.</p>
<p>Der Prozentsatz der Züge, die pünktlich (d.h. mit einer Verspätung von weniger als 6 Minuten) ihren Zielbahnhof erreichten, wird von der Bahn nicht angegeben. Darüber hinaus werden Totalausfälle nicht als verspätet mitgezählt. Ferner sagt diese Statistik nichts über die Zahl der Fahrgäste, die pünktlich ihr Ziel erreichten, und über deren durchschnittliche Verspätung. Bei verpassten Anschlüssen addiert sich zu den Zugverspätungen hier noch die Wartezeit hinzu.</p>
<p>Auch die 6 Minuten-Grenze versteht sich nicht von selbst. In der Schweiz gilt ein Zug bereits ab 3 Minuten als verspätet, in Japan sogar schon ab 2. Würde man diese Kriterien auf Deutschland übertragen, sähe die Statistik der Deutschen Bahn wohl längst nicht mehr so freundlich aus.</p>
<p>Die Schweizer Bahn ist darüber hinaus ein Vorbild hinsichtlich der Transparenz. Sie legt nicht nur im Vergleich zur Deutschen Bahn härtere Kriterien an, sie weist auch die Anteile der pünktlich angekommenen Züge und Reisenden sowie die jährlichen Verspätungsminuten aller Reisenden aus.</p>
<p>------------</p>
<p>Ihre Ansprechpartner dazu:<br> Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-31 25,<br> Prof. Dr. Thomas Bauer, Tel.: (0201) 81 49-264</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Thu, 09 Feb 2012 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Missverständliche Zahlen bei der Hähnchenmast</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/missverstaendliche-zahlen-bei-der-haehnchenmast
                                            
                                    
                            
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                        <description>Die Unstatistik des Monats Januar ist 96,4%. Diese Zahl verbreitete das Umweltministerium NRW am 20. Januar 2012 in einer Pressemitteilung; so viele Hähnchen der untersuchten Mäster aus NRW sollen nach Angaben von NRW-Umweltminister Remmel mit Antibiotika behandelt werden oder worden sein.
</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Die Unstatistik des Monats Januar ist 96,4%.</p>
<p>Diese Zahl verbreitete das Umweltministerium NRW am 20. Januar 2012 in einer Pressemitteilung; so viele Hähnchen der untersuchten Mäster aus NRW sollen nach Angaben von NRW-Umweltminister Remmel mit Antibiotika behandelt werden oder worden sein.</p>
<p>Hier ist Umweltminister Remmel und mit ihm viele andere, die diese Zahl seit ihrem ersten Auftauchen verbreitet haben, ohne sie zu hinterfragen, einem Irrtum aufgesessen. Dieser Irrtum liegt darin, dass „Betriebe“ mit „Hähnchen“ verwechselt werden. Wahr ist vermutlich, dass nur 3,6% der Hähnchen in Betrieben aufgezogen werden, die grundsätzlich auf Antibiotika verzichten. Es gibt aber viele Mastbetriebe, die einmal bei einem Mastdurchgang Antibiotika brauchten und beim nächsten Durchgang nicht. Alle Personen, die die Zahl 96,4% verbreitet haben, haben fälschlicherweise alle gemästeten Hähnchen dieser Betriebe als durch Antibiotika kontaminiert klassifiziert. Daher ist der Prozentsatz der mit Antibiotika behandelten Masthähnchen wahrscheinlich kleiner als 96,4%.</p>
<p>Eine genauere Betrachtung der dieser Zahl zugrunde liegenden Studie zeigt, dass bei 83% der untersuchten Mastdurchgänge mindestens eine Arzneimittelbehandlung vorgenommen wurde, während bei 17% der Durchgänge keine Behandlung stattfand. Aber auch diese Zahl liefert keinen Hinweis, wie viele Hähnchen tatsächlich mit Arzneimitteln behandelt wurden, da sich die Anzahl der Hähnchen je Mastdurchgang stark unterscheidet. Mehr Aufschluss liefert eine repräsentative Untersuchung des Niedersächsischen Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz und Landesentwicklung, die die tatsächliche Anzahl der behandelten Masthühner ausweist. Nach dieser Studie wurden 76% der Masthühnchen in Niedersachsen mit Antibiotika behandelt.</p>
<p>-------------</p>
<p>Ihre Ansprechpartner dazu:<br> Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (02 31) 7 55-31 25,<br> Prof. Dr. Thomas Bauer, Tel.: (02 01) 81 49-264</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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                        <pubDate>Mon, 23 Jan 2012 00:00:00 +0100</pubDate>
                        <title>Das Ruhrgebiet als Armenhaus</title>
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                                                https://www.rwi-essen.de/presse/wissenschaftskommunikation/unstatistik/detail/das-ruhrgebiet-als-armenhaus
                                            
                                    
                            
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                        <description>Der erste Stein des Anstoßes der neu gegründeten Aktion ist der im Dezember vorgestellte „Armutsbericht 2011“ des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Daraufhin wurde in vielen deutschen Medien das Ruhrgebiet als neues Armenhaus der Republik identifiziert. So wäre z.B. die Armutsgefährdungsquote in Dortmund zwischen 2005 und 2010 von 18,6 auf 23 Prozent angestiegen, verglichen mit 14,5 Prozent in Gesamtdeutschland. Aber auch landesweit ginge der wirtschaftliche Aufschwung an den Armen vorbei.</description>
                        <content:encoded><![CDATA[<p>Der erste Stein des Anstoßes der neu gegründeten Aktion ist der im Dezember vorgestellte „Armutsbericht 2011“ des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Daraufhin wurde in vielen deutschen Medien das Ruhrgebiet als neues Armenhaus der Republik identifiziert. So wäre z.B. die Armutsgefährdungsquote in Dortmund zwischen 2005 und 2010 von 18,6 auf 23 Prozent angestiegen, verglichen mit 14,5 Prozent in Gesamtdeutschland. Aber auch landesweit ginge der wirtschaftliche Aufschwung an den Armen vorbei.</p>
<p>Beide Aussagen sind irreführend. Als armutsgefährdet gilt hier, wer weniger als 60% des Medianeinkommes zur Verfügung hat. Für die Bestimmung der Armut ist die so definierte Armutsgefährdungsquote jedoch irrelevant, da sie nicht die Armut, sondern lediglich die Ungleichheit misst. Auch ging der wirtschaftliche Aufschwung an den Armen nicht vorbei. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts ist das monatliche Medianeinkommen eines Haushalts mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren zwischen 2005 und 2010 von 2.575 auf 2.892 Euro gestiegen. Entsprechend ist das Einkommen, ab dem ein Haushalt als armutsgefährdet bezeichnet wird, in diesem Zeitraum von 1.545 auf 1.735 Euro gestiegen. Die Armutsgefährdungsquote verringerte sich jedoch im gleichen Zeitraum leicht von 14,7 Prozent auf 14,5 Prozent, d.h. alle Haushalte haben im gleichen Maße vom wirtschaftlichen Aufschwung profitiert, die „Armen“ sogar leicht überproportional.</p>
<p>Entscheidend ist der Vergleichsmaßstab. Für die Armut im Ruhrgebiet verwendet der Paritätische Wohlfahrtsverband das (leicht gestiegene) Medianeinkommen der Bundesrepublik Deutschland als Berechnungsgrundlage. Wird dagegen das Medianeinkommen der jeweiligen Großstadt als Berechnungsgröße verwendet, hatte Dortmund in 2010 eine geringere Armutsgefährdungsquote als Düsseldorf, Hannover, München oder Stuttgart. Duisburg hatte mit 13,9% sogar die geringste Armutsgefährdungsquote aller ausgewiesenen Großstädte überhaupt.</p>
<p>Ungleichheit ist aber nicht dasselbe wie Armut. In Dortmund und Duisburg gibt es nicht mehr Ungleichheit unter den Menschen in der Stadt, sondern nur relativ zum Median für Deutschland.</p>
<p>---------------</p>
<p>Ihre Ansprechpartner dazu:<br> Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-31 25,<br> Prof. Dr. Thomas Bauer, Tel.: (0201) 81 49-264</p>]]></content:encoded>
                        
                            
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