RWI in den Medien

Verbraucher spüren Ölpreis-Sturz verzögert

Autofahrer können billiger tanken. Aber nicht unbedingt in dem Ausmaß, in dem der
Rohölpreis an den Weltmärkten gefallen ist.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21.04.2020

Die ersten Läden in Deutschland öffnen wieder, das erste Zeichen für die Rückkehr des öffentlichen Lebens. Der eine oder andere Autofahrer wird jetzt auch mal wieder tanken müssen. Zumindest im Augenblick kann man sich dabei über sensationell niedrige Spritpreise freuen – auch wenn das je nach Tankstelle deutlich variieren kann. Am Sonntag beispielsweise zahlte man in Südhessen an einer Tankstelle immer noch stolze 1,40 Euro je Liter Super E10 – allerdings an der Autobahn. Nicht weit davon, abseits der Autobahn im Ort, konnte man dieselbe Kraftstoffmenge schon für lediglich 1,10 Euro bekommen, also außergewöhnlich günstig. Im bundesweiten Durchschnitt liegt Super E10 nach Zahlen des Internetportals Clever Tanken derzeit bei 1,16 Euro, Diesel bei 1,08 Euro je Liter.

Aber bilden die Tankstellen-Preise wirklich schon die desaströse Lage am Weltmarkt für Rohöl ab? Schließlich fällt der Ölpreis immer weiter in lange nicht für möglich gehaltene Tiefen. Die Nordseesorte Brent notierte am Montag zeitweise bei 27 Dollar je Barrel (Fass zu 159 Liter). Die amerikanische Ölsorte West Texas Intermediate (WTI) traf es noch härter: Der Kontrakt, der eine physische Öllieferung im Mai vorsieht, notierte erstmals in seiner Geschichte negativ.

Die Mineralölkonzerne geben die Preissenkungen beim Rohöl aber nicht sofort und nicht vollständig an die Autofahrer weiter: Das jedenfalls legt eine Studie nahe, die das Forschungsinstitut RWI in Essen erstellt hat und die der F.A.Z. exklusiv vorab vorlag. Die Preise für Rohöl hätten nicht zuletzt infolge der Corona-Pandemie die tiefsten Werte seit Jahrzehnten erreicht, schreiben die Autoren dieser Studie. Die Preise für Kraftstoffe seien seither jedoch nicht im selben Maße gefallen, und zwar insbesondere die Dieselpreise.

Für die Studie hat das Forschungsinstitut große Mengen an Kraftstoff- und Rohölpreisdaten aus dem laufenden Jahr ausgewertet, die Arbeit erfolgte im Rahmen des Projekts RWI-Benzinpreisspiegel. In der Regel folgten die Kraftstoffpreise den Preisen für Rohöl mit einer gewissen Verzögerung, berichten die Energiefachleute. „Diese Verzögerung dauert bei Diesel ohne erkennbaren Grund immer noch an“, kritisiert die Studie. An den globalen Märkten für Rohöl sei ein „doppelter Schock“ zu beobachten gewesen, berichten die Ölfachleute. Nach den Anfang März gescheiterten Verhandlungen zwischen den Ölstaaten über eine Drosselung der Fördermenge, die das vorübergehende Zusammenbrechen der Opec-plus-Übereinkunft der Organisation erdölexportierender Staaten (Opec) mit Russland über Produktionseinschränkungen bedeuteten, habe es den stärksten Einbruch der Ölpreise seit fast 30 Jahren gegeben. Verstärkt worden sei dieser durch die gescheiterte Drosselung bedingte Preiseinbruch durch den negativen Nachfrageschock am Ölmarkt infolge der Corona-Krise.

„Trotz einer mittlerweile erfolgten Einigung der Opec mit Russland über massive Förderkürzungen haben sich die Ölpreise kaum erholt und liegen nur wenig über den kürzlich erreichten Tiefstständen“, heißt es in der Studie weiter. Die spektakuläre Einigung der Ölstaaten wurde am Rohölmarkt weitgehend ignoriert. Die Preise an den Tankstellen hätten sich stärker gehalten. Der Abstand zwischen den Diesel- und Rohölpreisen habe noch immer nicht das frühere Niveau erreicht. Tatsächlich hätten sich die Diesel- und Rohölpreise seit Anfang März auseinanderentwickelt. Betrug die Lücke Anfang März noch rund 0,8 Euro je Liter, habe sie sich bis zum 13. April auf knapp 1 Euro je Liter vergrößert (siehe Grafik). Das zeige die Auswertung der Daten empirisch; ein Grund für diese verzögerte Preisanpassung sei nicht erkennbar.

Die Analyse der Öl- und Benzindaten habe auch ergeben, dass die Differenz zwischen den E10-Benzinpreisen und den Rohölpreisen je Liter ebenfalls seit Anfang März gestiegen sei, sich nun aber wieder nahezu normalisiert habe. Mit rund vier Wochen erscheine die Verzögerung bei der Preisanpassung zwischen Benzin- und Rohölpreisen allerdings auch hier recht lang. Zur voraussichtlichen künftigen Entwicklung der Rohöl- und Kraftstoffpreise sagte Manuel Frondel, Energiefachmann und Leiter des entsprechenden Kompetenzzentrums am RWI: „Mit deutlich steigenden Ölpreisen und infolgedessen anziehenden Kraftstoffpreisen ist wohl erst wieder zu rechnen, wenn es Anzeichen für eine Überwindung der Corona-Pandemie gibt.“

Ähnlich hatte sich der Autoklub ADAC zuletzt geäußert. Mitten im Stillstand sei es für die Mineralölgesellschaften schwer, Preiserhöhungen für Kraftstoffe durchzusetzen. Jeder sei froh, der das Öl „vom Hof“ bekomme. Der Mineralölwirtschaftsverband weist darauf hin, dass ein Teil des Ölpreises von der nur mengenabhängigen Steuer bestimmt wird. Auch habe es seit Jahresbeginn enorme Preissenkungen für Diesel und Super E5 im Gefolge des scharfen Ölpreisrückgangs um jeweils ungefähr 25 Cent gegeben.

Hoch