RWI Schriften 82

Der Lissabon-Prozess: Anspruch und Realität – Forschung und Entwicklung in Nordrhein-Westfalen

von Bernhard Lageman, Christoph M. Schmidt, Dirk Engel und Michael Rothgang

Berlin: RWI, 02/2008, 197 S./p., 72 Euro, ISBN 978-3-428-12706-1

Zusammenfassung

Die Strukturpolitik des Landes Nordrhein-Westfalen hat sich über Jahrzehnte hinweg darauf konzentriert, den Strukturwandel der Montanindustrie in der ehemals größten Industrieagglomeration Mitteleuropas, dem Ruhrgebiet, zu bewältigen. Eine Vielzahl neuer Hochschulen entstand, große Infrastrukturinvestitionen wurden getätigt, um alte Industrieflächen zu sanieren, in den rasch wachsenden Dienstleistungssektoren wurde überall im Land eine Fülle neuer Arbeitsplätze geschaffen. Zugleich verlief der Strukturwandel im altindustriellen Ruhrgebiet aber eher schleppend, genährt durch die Erhaltungssubventionen im Steinkohlebergbau. Das absehbare Ende des subventionierten Kohlebergbaus stellt dabei eine Zäsur dar, der vor allem symbolische Bedeutung beizumessen ist. Es gilt nun, alle Kräfte in die Schaffung von wirtschaftlichen Strukturen zu investieren, die geeignet sind, NRW insgesamt und die ¿Metropole Ruhr¿ im Besonderen im Standortwettbewerb der europäischen Regionen zu stärken und die Zukunft in der wissensbasierten Ökonomie des 21. Jahrhunderts zu sichern. Die meisten europäischen Länder und Regionen stehen vor ähnlichen Problemen. Deshalb ist es für NRW von besonderem Interesse, wie die Europäische Union auf die Herausforderungen von Globalisierung, demographischem und technischem Wandel reagiert.
Die Europäische Union hat sich im Zuge des Lissabon-Prozesses große Ziele gesetzt. Europa, so das ursprünglich auf der EU-Ratstagung 2000 in Lissabon formulierte Ziel, soll bis zum Jahr 2010 zur dynamischsten und innovativsten Wirtschaftsregion der Welt werden. Inzwischen scheint klar, dass dieses überaus ehrgeizige Ziel zum angestrebten Zeitpunkt wohl nicht erreicht werden kann. Die bisherige Bilanz fällt sehr gemischt aus, an der technologischen Führerschaft der Vereinigten Staaten hat sich nichts geändert. Im Hinblick auf das Barcelona-Ziel, die gesamtwirtschaftliche Forschungsintensität bis 2010 auf 3% des Bruttoinlandsprodukts zu erhöhen, tritt Europa noch auf der Stelle, die vorgesehenen Reformen wurden in den meisten Mitgliedsländern nur zögerlich in Angriff genommen. Trotzdem hat der Lissabon-Prozess unbestreitbare Verdienste. Rat und Kommission haben auf reale Defizite der europäischen Wirtschaften hingewiesen und für die Politik Handlungsbedarfe definiert. Auch ist in den Mitgliedsländern und auf europäischer Ebene einiges in Bewegung gekommen, was die Position Europas im weltweiten Innovationswettlauf auf lange Sicht stärken dürfte: Eine weit über den Rahmen einer eng verstandenen Technologiepolitik hinausgreifende Innovationspolitik gewinnt Konturen, die Unternehmensforschung wird verstärkt gefördert, die Bildungssysteme werden im Lichte der Pisa-Ergebnisse reformiert und die nationalen Strukturen der Hochschulausbildung einander angeglichen.

Hoch