RWI in den Medien

Trump beherrscht die Weltkonjunktur

Die US-Wirtschaft profitiert in diesem Jahr enorm von den Steuersenkungen. Aber die Handelspolitik droht den Erfolg zunichtezumachen.

Handelsblatt vom 28.09.2018

Der Aufschwung verliert an Fahrt. Mit diesem Satz haben die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute ihre neue Gemeinschaftsprognose betitelt. Für die meisten Industrie- und Schwellenländer erwarten die deutschen Ökonomen, genauso wie der IWF und die OECD, schwächere Wachstumsraten.

Die Ausnahme: Die USA erleben einen Boom wie seit Jahren nicht mehr. Um 2,9 Prozent wird die Wirtschaft dort in diesem Jahr zunehmen. "America first": Das Versprechen von US-Präsident Donald Trump, die US-Wirtschaft zugunsten der Amerikaner zu beflügeln, ist erfüllt, sagt Trumps Wirtschaftsberater Kevin Hassett: "Das ist die blühendste Wirtschaft, die ich in meinem Leben gesehen habe. Nur wir fördern genau die Art von nachhaltigem Wachstum, die Ökonomen lieben."

In den USA ist allerdings ein Deutungskrieg darüber ausgebrochen, wie nachhaltig das Wachstum tatsächlich ist. Trumps Steuerreform, gepaart mit massiver Deregulierung, habe nur ein "Sugar High", einen kurzfristigen Boom, ausgelöst, sagen viele Ökonomen. Jason Furman, Chefökonom unter Barack Obama, argumentiert - ähnlich wie JP Morgan, Moody's und andere Agenturen - , dass der Aufschwung nicht langfristig von Trumps Impulsen genährt werden könne.

Der IWF, die OECD und auch die deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute: Sie alle erwarten, dass sich das US-Wachstum 2019 und 2020 verlangsamen wird. Der Boom sei "eine Momentaufnahme, nicht unbedingt ein längerfristiger Trend", so die Denkfabrik Tax Policy Center.

"Die größten Boom-Effekte der US-Steuerreform sind in diesem Jahr. Danach wird sich die Wachstumsrate abschwächen", sagt Carla Krolage, die für das Ifo-Institut die US-Wirtschaft analysiert. Die Einkommensteuersenkungen würden nicht dauerhaft gelten, das Staatsdefizit werde enorm ansteigen und die Wachstumskräfte lähmen. Torsten Schmidt, Konjunkturexperte beim RWI ist überzeugt: "Kurzfristig stimulieren die Trumponomics die Wirtschaft, langfristig dürfte sich das Wachstum wieder abschwächen."

Die Kurzfristigkeit des Booms zeigt sich nach den Beobachtungen der Ökonomen bereits jetzt bei den Investitionen. Die USA seien durch die deutlich gesenkten Unternehmensteuern zwar als Standort attraktiver geworden. "Aber der Anreiz, dort zu investieren, scheint überlagert zu werden von der Unsicherheit, die Trump mit den Handelskonflikten ausgelöst hat", sagte Schmidt.

Die ausländischen Direktinvestitionen in den USA schwächelten bereits im zweiten Quartal, teilte die Organisation für internationale Investitionen (OFII) diese Woche mit. "Nach einem relativ starken ersten Quartal sind sie um 8,2 Milliarden US-Dollar zurückgegangen", heißt es im Bericht. "Das kann teilweise auf Importzölle und andere Handelsschranken zurückgeführt werden. Internationale Unternehmen drücken den Pausenknopf für Investitionen."

US-Firmen fürchten einen ähnlichen Effekt im Inland. Der Business Roundtable, ein Zusammenschluss führender CEOs, warnte diese Woche, Trumps Handelsschranken würden sich negativ auf Investitionsentscheidungen in den kommenden sechs Monaten auswirken. Im Rest der Welt drückt Trumps Handelspolitik die Wachstumserwartungen. Die WTO senkte am Donnerstag ihre Prognose für das Wachstum des Welthandels für dieses Jahr von 4,4 auf 3,9 Prozent. "Es besteht die Gefahr, dass die Hürden im Welthandel höher werden und das multilaterale Handelssystem ernsthaft beschädigen", heißt es in der deutschen Gemeinschaftsdiagnose. Und: "Für die deutsche Wirtschaft mit ihrem ausgeprägten industriellen Exportsektor stellt dies eine erhebliche Gefahr dar."

Die Zölle auf Stahl und Aluminium belasteten die Wirtschaft hierzulande zwar kaum. Sollte Trump aber irgendwann seine Drohung, Strafzölle auf Autos aus der EU zu erheben, wahr machen, sähe das Bild komplett anders aus. Und sollte er gar alle EU-Importe mit einem Zoll von 25 Prozent belegen, würde die EU, und damit auch Deutschland, in eine schwere Rezession stürzen. Das jedenfalls haben die Forscher mit Modell-Simulationen errechnet.

Die USA würden in diesem Szenario anfangs profitieren. Sobald die EU aber ihrerseits Zölle erheben würde, geriete auch die US-Wirtschaft in die Rezession, so die Forscher. Allerdings haben diese Modellrechnungen eine große Schwäche: Sie können nicht berücksichtigen, wie sich Lieferketten und Warenströme ändern, wenn der Handelsstreit eskaliert.

In den USA jedenfalls prägt aktuell der Aufschwung die Stimmung. Sogar in der Industrie und im Bergbau ist er angekommen, was Experten lange für unwahrscheinlich gehalten hatten. Allein im Juli wuchs die Zahl der Industrie- und Handwerksarbeitsplätze um 3,3 Prozent, ein Anstieg, wie es ihn seit 1984 nicht mehr gegeben hat. Einer Auswertung der Denkfabrik Brookings Institution zufolge profitiert von der Entwicklung vor allem die Bevölkerung in ländlichen Regionen und Kleinstädten. Also genau dort, wo Trump mit seinem "America first"-Versprechen 2016 Überraschungssiege einfuhr, wie im Rust Belt und im Mittleren Westen. Das produzierende Gewerbe wachse derzeit schneller als die weitaus größere Dienstleistungswirtschaft, heißt es in der Studie.

In den vergangenen zwölf Monaten entstanden so 656 000 Jobs für Industriearbeiter. "Viele Gemeinden spüren, dass sich die Dinge endlich in die richtige Richtung bewegen", so die Studie. Allerdings führt die Denkfabrik die Entwicklung nicht allein auf Trumps Wirtschaftspolitik zurück. Der Beschäftigungsboom im Bergbau etwa hänge vor allem mit dem globalen Anstieg des Ölpreises zusammen. Auch der Wiederaufbau nach Naturkatastrophen wie den Hurrikans Irma und Harvey treibe das Wachstum. Auch Brookings warnt: Trumps Protektionismus dürfte den Aufschwung rasch wieder abwürgen. Unter anderem, weil Strafzölle auf Stahl und Aluminium den Bau von Pipelines und anderer Infrastruktur verteuerten.

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