RWI in den Medien

Risikofaktor Schule

Schüler nehmen sich in den Ferien seltener das Leben, sind aber in den Tagen danach besonders gefährdet. Ein Grund: Die Rückkehr in den Alltag ist für viele die Rückkehr zu sozialem Stress.

Süddeutsche Zeitung vom 30.09.2019

Ein Zwölfjähriger aus Ostwestfalen, eine Sechzehnjährige aus Berlin, ein Sechzehnjähriger aus Bayern. Es finden sich nur wenige Berichte über Schüler, die sich das Leben nehmen ,die Medien halten sich zurück, sie wollen keinen Anreiz für Nachahmung geben. Aber manchmal, wenn die Umstände besondere Aufmerksamkeit erfahren, berichten sie doch. So auch in dem Fall der elfjährigen Berliner Grundschülerin, die Ende Januar an den Folgen eines Suizidversuchs gestorben sein soll. Ihr Tod schockierte viele Menschen und löste eine Debatte aus: Welchen Anteil hatte die Schule an dem tragischen Entschluss des Mädchens? War es dort gemobbt worden?

Fast immer, wenn der Suizid eines Schülers oder einer Schülerin bekanntwird, stehen solche Fragen im Raum. Die meisten Menschen wissen, dass eine Selbsttötung in der Regel mehrere Ursachen hat, dennoch führen die Erklärungsversuche stets wieder in die Schule. Auch Pädagogen und Psychologen diskutieren dann über die Risiken des Lernorts – über Schulstress in Form von Leistungsdruck oder Mobbing.

In den ersten beiden Schultagen steigt die Suizidrate bei Kindern und Jugendlichen um 33 Prozent

Eine Studie liefert nun neue Indizien dafür, dass die Schule bei Selbsttötungen tatsächlich eine signifikante Rolle spielt. Gesundheitsökonomen vom RWI – Leibniz- Institut für Wirtschaftsforschung in Essen haben errechnet, dass die Wahrscheinlichkeit eines Suizids bei Kindern und Jugendlichen in den Schulferienumknapp20 Prozent sinkt. Am Ferienende nehmen Selbsttötungen wieder zu, und in den beiden ersten Schultagen steigt die Suizidrate sogar um 33 Prozent. Das geht aus der Analyse „The perils of returning to school – new insights into the seasonality of youth suicides“ hervor, die das Institut an diesem Montag veröffentlicht und zuvor der Süddeutschen Zeitung vorgelegt hat.

Fünfzehn Jahre, von 2001 bis 2015, haben die Wissenschaftler auf Basis der Todesursachenstatistik betrachtet.3308 Kinder und Jugendliche haben sich demnach in diesem Zeitraum das Leben genommen, durchschnittlich 221 im Jahr. Fast jeder achte Todesfall in der Altersgruppe von sechs bis neunzehn Jahren geht damit auf Selbsttötung zurück. Statistisch gesehen komme es deutschlandweit in acht Ferientagen zu einem Suizidfall weniger als in acht Schultagen, heißt es in der Studie. Mögliche Wettereffekte auf das Gemüt wurden mit Kontrollvariablen herausgerechnet. Erschreckend sind die besagten 33 Prozent: Just, wenn die Schule wieder anfängt, sind Schüler besonders gefährdet. „Dabei sind das Durchschnittswerte aus dem ganzen Jahr“, erklärt Studienautorin Christiane Wuckel. „Würden wir nur die Sommerferien betrachten, wäre der statistische Effekt noch deutlich größer“.

Michael Kaess findet es „sehr gut“, dass die Frage nach Risikozeitpunkten systematisch untersuchtworden ist. Überrascht ist er von dem Ergebnis aber nicht. „Die Belastung durch psychische Probleme unterliegt einem Zyklus, der mit Schule und Ferienkorreliert“, sagt der Professor und ärztliche Direktor der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in Bern. „Wir wissen, dass während der Schulzeiten die seelische Belastung ansteigt und in der Regel in den Sommerferien stark abfällt, um sich dann im nächsten Schuljahr wiederaufzubauen.“ Seine Klinik kalkuliere das in ihre Planungen längst ein, auch niedergelassene Therapeuten wüssten, dass Kinder in der Schulzeit häufiger Hilfe brauchen als sonst. „Und das liegt eben nicht nur daran, dass die Familien in den Ferienwegfahren, sondern ganz wesentlich an dem unterschiedlichen Belastungsgrad“, sagt der Mediziner, der einen Forschungsbereich an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Heidelberg leitet. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Trauma, Stress, Selbstverletzung und Suizidgefährdung bei Jugendlichen.

Schule belastet, das lässt sich aus den Studiendaten und Expertenaussagen klar herauslesen. Sie fordert Kinder und Jugendliche anders heraus als das Zuhause, mit speziellen Lernzielen und einem oft schwierigen sozialen Gemenge. „Leistungsstress unter Schülern ist häufig, aber für Selbstverletzung und Suizidalität sind Konflikte in der Peergroup und Mobbing die Hauptrisikofaktoren“, sagt Michael Kaess. Zudem würden Leistungsstress und sozialer Stressmeist zusammenhängen: Sei ein Kind in der Schule sozial gestresst, kämen relativ bald Leistungsprobleme hinzu. Die Konzentrationsfähigkeit nehme ab, die psychische Problematik nehme zu, „und am Ende hat man ein ganzes Konglomerat von Stressoren, die alle mit der Schule in Verbindung stehen“, so Kaess. Zwar gebe es auch Risikofaktoren in der Familie, aber selbst die Eltern-Kind-Konflikte seien meist schulisch beeinflusst: „In den Ferien sinkt das Konfliktpotenzial, man kann ausschlafen, es gibt keine Arbeiten und Noten, alles ist etwas einfacher. Insofern hängen schulische und familiäre Stressoren zusammen“, erklärt der Wissenschaftler.

Dass Probleme mit Mitschülern bei Suiziden eine große Rolle spielen, legen auch Zahlen des Statistischen Bundesamts nah. Solange die seelische Gesundheit hauptsächlich vom Bezugssystem der Familie abhängt abhängt, was in der Regel bis zur Pubertät der Fall ist, sind Selbsttötungen von Kindern äußerst selten. Die Suizidstatistik von 2017 zeigt unter zehn Jahren keinen einzigen Fall. Mit der Pubertät aber steigt die Todesrate dramatisch an(siehe Grafik). „In dieser Phase geht die Orientierung weg von den Eltern hin zur Peergroup“, sagt Michael Kaess. Für die Identitätsausbildung sei dann vor allem die Akzeptanz der Gruppe wichtig: „Daten aus der Jugendpsychiatrieweisen darauf hin, dass schweres Mobbing psychische Krankheiten und Suizidalität sogar stärker begünstigt als eine frühkindliche Traumatisierung.“

1,8 Millionen Kinder und Jugendliche sind laut Gesundheitsmonitoring des Robert- Koch-Instituts „psychisch auffällig“. Sie haben Probleme mit sich oder anderen, fügen sich schwer ein oder sind hyperaktiv. Das heißt nicht, dass sie krank sind, es erhöht aber ihr Risiko, als „anders“ wahrgenommen zu werden. „Anderssein ist der Hauptrisikofaktor für Mobbing“, sagt Michael Kaess. Das DAK-Präventionsradar zur Kinder- und Jugendgesundheit im Schuljahr 2017/18 ergibt, dass sieben Prozent aller Fünft- bis Zehntklässler mindestens einmal in der Woche oder im Monat ausgegrenzt, acht Prozent mindestens einmal körperlich angegriffen und 21 Prozent mindestens einmal verbal attackiert werden. Und wiederholtes Mobbing kann Kinder nachweislich depressiv machen. Die Kaufmännische Krankenkasse errechnete 2018 für 1,1 Millionen Sechs- bis Achtzehnjährige „depressive Anzeichen“.

„Jugendliche tendieren viel mehr zu impulsiven Suizidversuchen als Ältere“, sagt Michael Kaess

Vor allem Jungen sind betroffen. Zwar kämen Suizidgedanken und -versuche bei Mädchen öfter vor, aber sie überlebten ihre Versuche auch viel öfter, erklärt Psychiater Kaess. „Sie neigen stärker zu selbstverletzenden oder suizidalen Handlungen, die expressiv hilfesuchend sind. “Dadurch werde Mädchen eher geholfen, bevor sie einen Suizid vollziehen. Jungen würden dagegen „alles mit sich selber ausmachen, und wenn sie dann nichtmehrkönnen, machen sie Schluss“. Auch die Forscher des Leibniz- Instituts betonen das Risiko: „Der Trend zu Suiziden an den ersten beiden Schultagen geht fast nur auf Jungen zurück, bei Mädchen haben wir diesen Effekt kaum gefunden“, sagt Studienautorin Wuckel.

„Wir wollen die Aufmerksamkeit auf den kritischen Zeitpunkt lenken“, so die Gesundheitsökonomin. Eltern und Lehrer müssten wissen, dass Schüler am Anfang des Schuljahrs gefährdeter seien als sonst. Michael Kaess erklärt das so: In den Ferien ließen sich angsteinflößende Erfahrungen zwar leichter vermeiden, aber bei dieser „Pseudoentlastung“ sinke auch die Fähigkeit, mit ihnen umzugehen. Wird ein Schüler dann im Klassenzimmer oder im Whatsapp- Chat plötzlich wieder ausgegrenzt und gedemütigt, kann es zur Kurzschlussreaktion kommen. „Jugendliche tendieren viel häufiger zu impulsiven Suizidversuchen als ältere Menschen, die vorher oft sehr überlegt Bilanz ziehen“, so Kaess.

Den Zeitpunkt vorhersehen könne man aber nicht. Umso wichtiger sei es, Warnsignale immer im Blick zu haben. Selbstverletzungen etwa gelten als dringende Anzeichen, lange Ärmel im Hochsommerweisen womöglich darauf hin. Auch der Rückzug aus der Gruppe sollte alarmieren. „Mobbingopfer halten sich in den Pausensignifikant häufiger bei Lehrern auf, weil sie deren Nähe als Schutz suchen“, sagt Kaess. Lehrer, die das bemerken, sollten „neugierig und fürsorglich nachfragen“, rät der Experte. Der Glaube, nach Selbstmordgedanken zu fragen, würde die Lebensmüdigkeit erhöhen, sei längst widerlegt. „Jeder Lehrer sollte wissen, wohlmeinende Fragen helfen fast immer.“ Danach müsse die Schule aber auch Hilfsangebote vermitteln können. Wenn beides gelänge, die erhöhte Wahrnehmung und die Unterstützung, „dann ist die Schule nicht nur ein Risikofaktor, sondern auch ein Ort der Prävention.“

Hoch