RWI in den Medien

Die Wall Street der schmutzigen Wertpapiere

Um die Klimaziele zu erreichen, will die Regierung einen nationalen Handel mit CO2-Zertifikaten starten. Doch wie genau soll das funktionieren? Besuch bei der Energiebörse EEX in Leipzig.

Focus vom 28.09.2019

Wenn Nico Wölfer aus seinem Büro im 23. Stock des Leipziger City-Hochhauses gen Norden blickt, sieht er zunächst ein Wahrzeichen der Stadt: das Wintergartenhochhaus. Dahinter erheben sich Symbole der Klimadebatte: der Kopfbahnhof mit seinen 23 Gleisen, das BMW-Werk und vier gewaltige Windräder mit einer Nabenhöhe von jeweils 140 Metern.

Fast auf Augenhöhe mit den Rotoren der Windräder sitzt Wölfer mit seinem sechsköpfigen Team der Strom- und Emissionsbörse EEX (European Energy Exchange). Wölfer ist Betriebswirt und leitet den Emissionshandel an der EEX. In Raum 108 setzt er mit seinen Kollegen seit Jahren eine Kernforderung von Ökonomen und Umweltschützern um: Das Team wickelt den Handel mit Verschmutzungsrechten ab, sogenannten CO2-Zertifikaten. Das Prinzip folgt also nicht grünen Verbotsfantasien, sondern der guten alten Marktwirtschaft: Wer die Umwelt belastet, soll zahlen.

Noch gibt es solche Zertifikate nur auf europäischer Ebene und nur für Industrie- Unternehmen, Energie-Erzeuger und die Luftfahrtbranche. Doch das soll sich nach dem Willen der Bundesregierung bald ändern. Union und SPD haben in ihrem Klimapaket beschlossen, dass CO2 ab 2021 einen Preis bekommt. Damit will die große Koalition sicherstellen, dass Deutschland seine Klimaziele einhält und den Schadstoffausstoß bis 2030 um 55 Prozent unter den Wert von 1990 drückt.

Künftig sollen also auch Autofahrer, Hausbesitzer und Mieter für Luftverschmutzung bezahlen. Und der Preis für CO2 soll sich mittelfristig an der Börse bilden – über den Handel mit Zertifikaten. Wie an der EEX in Leipzig.

Mit dem Emissionshandel lasse sich der CO2-Ausstoß schrittweise reduzieren, betont Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Es sei richtig, dass der Handel mit CO2-Zertifikaten im Vordergrund stehe, sagt der Chef der Wirtschaftsweisen, Christoph Schmidt. Doch wie genau wird dieser Handel funktionieren? Wölfer und sein Team haben jahrelange Erfahrung. 2005 initiierte die EU den europäischen Handel mit Verschmutzungsrechten zunächst für die Industrie und dann für die Luftfahrt. Heute wickeln alle EU-Staaten außer Großbritannien den Zertifikatehandel über die EEX ab.

Das Geschäft mit den Verschmutzungsrechten spielt sich auf zwei Märkten ab, die beide in Leipzig gesteuert werden. Auf dem Primärmarkt bietet die EU den potenziellen Luftverschmutzern Zertifikate an. Zu diesen Luftverschmutzern zählen europaweit derzeit rund 11000 sogenannte stationäre Anlagen, etwa Kraft- oder Stahlwerke. 1870 dieser Anlagen stehen in Deutschland. Sie gehören zu Konzernen wie Thyssenkrupp oder Energieriesen wie RWE, hinzu kommen noch die Flugzeuge von 72 Fluglinien.

Der CO2-Preis hat sich verfünffacht

Die Unternehmen dürfen nun entsprechend der Anzahl der Zertifikate, die sie besitzen, CO2 verursachen. Aber was, wenn eine Firma mehr CO2 verursacht, als ihr Zertifikate gehören?

Für diese Fälle gibt es an der EEX einen zweiten Markt (Sekundärmarkt). Dort handeln die Firmen untereinander mit den Zertifikaten. Wer beispielsweise mehr CO2 ausstößt als geplant, muss Zertifikate von Firmen kaufen, die weniger Schadstoffe als geplant verursachen – beispielsweise weil sie weniger Waren herstellen als erwartet oder schadstoffärmer produzieren.

16 Arbeitsplätze mit jeweils vier Bildschirmen stehen im Handelsraum der EEX. „Market Operations“ nennen sie das hier. Der blaue Teppichboden schluckt die wenigen Sätze, die die Mitarbeiter miteinander wechseln. Die Telefone klingeln leise, das Tippen auf den Computertastaturen verschwimmt zu einem metallischen Surren. An der Wand hängt ein Flachbildschirm. Der Ton ist abgedreht. Nachrichtensender sollen den Börsenbetreibern den kurzen Moment der Vorbereitung ermöglichen, falls gravierende Ereignisse den Energiemarkt durcheinanderwirbeln.

Der Preis für gehandelte Zertifikate wird täglich ermittelt. Er hängt von Angebot und Nachfrage ab – und von der Anzahl der Zertifikate insgesamt. Die EU zieht jedes Jahr 1,74 Prozent der Verschmutzungsrechte aus dem Markt. Das soll die Firmen animieren, weniger CO2 zu verursachen.

Jahrelang dümpelte der Preis für die Tonne CO2 um den Wert von fünf Euro. Seit Mitte 2017 zieht er jedoch merklich an und hat sich auf rund 26 Euro mehr als verfünffacht. „Weil die Nachfrage gestiegen ist“, sagt Börsenfachmann Wölfer.

Der Emissionshandel rechnet sich – jedenfalls für die Politik. Insgesamt 14 Milliarden Euro nahm die EU mit der Zuteilung der Verschmutzungsrechte 2018 ein. Rund 2,5 Milliarden Euro davon entfielen auf Deutschland. Der Betrag floss in den Energie- und Klimafonds der Bundesregierung, mit dem der Kauf von E-Autos und Heizungssanierungen gefördert werden.

Aber auch der Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxids geht zurück. In den Branchen, die am Emissionshandel teilnehmen, sank der CO2-Ausstoß seit 2005 um fast ein Drittel. „Das zeigt, dass der Handel funktioniert“, sagt Daniel Wragge, Cheflobbyist der EEX. Wragge und der EEX- Vorstand würden am liebsten schon morgen die Pläne der Regierung für einen nationalen Zertifikatehandel umgesetzt sehen. Kurz vor der Einigung auf das Klimakonzept hatten sie Merkel und sieben Ministern in einem Schreiben die Vorzüge handelbarer Verschmutzungsrechte aufgelistet. Mit Hintergedanken. EEX will auch den nationalen Handelsplatz betreiben.

Hoch