RWI in den Medien

Warum die Glücks-Lücke sich nicht schließt

Der Wohlstand ist in Deutschland seit 1991 deutlich gestiegen - in West wie Ost. Doch bei der Lebensqualität gibt es Unterschiede.

DIE WELT vom 24.09.2019

Die Lebenszufriedenheit steigt mit dem Wohlstand, wie die Wissenschaft längst belegt hat. Aber kein Ökonom würde so weit gehen zu behaupten, dass Glück schlicht eine Ableitung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ist. Daher versuchen sie inzwischen, auch Faktoren einzubeziehen, die sich nicht direkt als Produktion von Gütern und Dienstleistungen messen lassen. Manche nennen das "Glücks-BIP". Spannend ist eine solche Betrachtung nicht zuletzt mit Blick auf die Entwicklung in Ost und West.

Denn obwohl Ostdeutschland bei vielen ökonomischen Faktoren gut abschneidet, ist die Stimmung längst nicht überall gut. "30 Jahre nach dem Mauerfall hat sich der materielle Wohlstand der Bevölkerung in Deutschland insgesamt positiv entwickelt, dagegen zeichnet die Entwicklung der Lebensqualität und der Nachhaltigkeit in Deutschland ein gemischtes Bild", schreiben die Ökonomen des Sachverständigenrates, auch Wirtschaftsweise genannt.

Rein ökonomisch hat Ostdeutschland in den letzten Jahrzehnten mächtig aufgeholt. Insgesamt hat das preisbereinigte BIP je Einwohner in der Bundesrepublik seit dem Jahr 1991 um 41 Produzent zugenommen. Auf dem Gebiet der früheren DDR war der Anstieg mit 102 Prozent mehr als doppelt so stark - allerdings ausgehend von niedrigerem Niveau. Inzwischen entspricht der Wert der Güter und Dienste, die die Ostdeutschen herstellen dem EU-weiten Schnitt - liegt aber weiterhin klar unterhalb des westdeutschen Niveaus.

Bemerkenswert positiv ist die Entwicklung der Erwerbstätigkeit. Der Anteil der Menschen in Lohn und Brot war im Osten zwischenzeitlich eingebrochen. Inzwischen präsentiert sich die Quote aber in beiden Teilen des Landes gleich hoch, nämlich bei 76 Prozent. Maßgeblich zu diesem für europäische Verhältnisse hohen Wert beigetragen hat die stärkere Frauenerwerbstätigkeit.

"Bei den meisten Indikatoren zum materiellen Wohlstand ist der Anstieg in Ostdeutschland stärker ausgefallen als in Westdeutschland", erklärt Christoph M. Schmidt, der Vorsitzende des Sachverständigenrates. Zudem bleibe Ostdeutschland bei vielen Indikatoren zurück. Auch andere Experten sehen Defizite: "30 Jahre nach dem Mauerfall haben wir noch keine volle Konvergenz der Wirtschaftsleistung und der Lebensverhältnisse zwischen Ost- und Westdeutschland erreicht", sagt Gunther Schnabl, Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Leipzig. Beträchtlich sind die Unterschiede beim Vermögen und beim unternehmerischen Engagement. "Trotz einiger Wanderungsbewegungen bleibt das Unternehmertum und damit das Eigentum an Unternehmen im Westen stärker etabliert", betont Schnabl. Da der Besitz an Firmen die Hauptquelle für Wohlstand ist, überrascht es nicht, dass die durchschnittliche Familie im Osten weniger Vermögenswerte besitzt als ihr Pendant in den alten Ländern. So lag das Nettogeldvermögen pro Haushalt 2018 im Westen bei 60.100 Euro, im Osten einschließlich Berlins aber nur bei 37.400 Euro, wie aus Daten des Statistischen Bundesamts hervorgeht. Im Westen wird das Immobilienvermögen pro Haushalt auf durchschnittlich 154.400 Euro geschätzt, im Osten einschließlich der Boomstadt Berlin auf 65.800 Euro. So wundert es nicht, dass die Haushaltseinkommen aus Vermögen im Osten bei etwas unter der Hälfte des West-Niveaus liegen.

Diese Lücke ließe sich nur dann schließen, wenn die Ostdeutschen bei der Produktivität und der Kapitalbildung gegenüber dem Westen an Dynamik gewinnen. Ansätze dazu gibt es zwar. So ist die Produktivität in Ostdeutschland seit dem Jahr 2000 mit 33 Prozent deutlich schneller gestiegen als in Westdeutschland mit 17 Prozent. Doch das Erbe der Geschichte wirkt schwer. Die vom Sozialismus vertriebenen Unternehmen und Unternehmer sind heute im Westen zu Hause. So identifizieren viele Experten das Fehlen großer Firmen als Grund dafür, warum Ostdeutschland längst nicht so reich ist wie der Westen. "Von den 30 Dax-Konzernen hat keiner seinen Hauptsitz in den ostdeutschen Flächenländern, und von den Top-500- Unternehmen in Deutschland sitzen nur 36 im Osten", rechnen Schnabl und Kollegen vor.

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