RWI in den Medien

Gut gerüstet in die Krise

Höhere Profitabilität, mehr Eigenkapital: Deutschlands Unternehmen stehen vor der nächsten Krise besser da als vor der schweren Rezession 2009. Das belegen mehrere Hunderttausend Firmenbilanzen.

Handelsblatt vom 20.09.2019

Niemand soll später behaupten, die Krise träfe Deutschland unvorbereitet: Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat für den Herbst ein Gesetz angekündigt, das für kriselnde Unternehmen die Zugangsbedingungen zum staatlich finanzierten Kurzarbeitergeld lockern soll, um schnelle Entlassungen zu vermeiden. Ähnlich praktizierte es die damalige Regierung bereits in der schweren Rezession vor einem Jahrzehnt. Die abermalige Vorsorge scheint auch berechtigt. So hat der Automatisierungsspezialist Pilz für die Hälfte seiner 1 100 Mitarbeiter in Deutschland vorsorglich Kurzarbeit beantragt. Das schwäbische Familienunternehmen folgt damit anderen Automobilzulieferern wie Schaeffler. Der Dettlinger Zulieferer Elring-Klinger lässt seine Angestellten vorerst noch die gefüllten Arbeitszeitkonten abbauen - "dank der guten Jahre, die hinter uns liegen", wie Vorstandschef Stefan Wolf hervorhob. Setze sich die schwache Nachfrage fort, könnte aber auch hier schon bald Kurzarbeit notwendig sein.

Solche Meldungen häufen sich in den letzten Wochen. Ob aus Überstundenabbau oder Kurzarbeit am Ende Entlassungen folgen, hängt entscheidend davon ab, wie gut Deutschlands Firmen auf eine sich merklich abkühlende Wirtschaft vorbereitet sind. Wer finanzielle Polster hat, vermag Auftragsflauten besser und vor allem länger zu überstehen als Unternehmen mit wenig Rücklagen. Die jetzt vollständig für das abgelaufene Geschäftsjahr vorliegenden Bilanzen zeigen, dass Deutschlands Unternehmen gut gerüstet sind und vor einer möglichen Krise besser dastehen als noch 2008 - also dem Jahr, bevor Deutschland in seine schwerste Rezession der Nachkriegsgeschichte rutschte. Das belegen dem Handelsblatt vorliegende Berechnungen des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV). Diese basieren auf Auswertungen von Daten aus mehreren Hunderttausend Firmenbilanzen, die insgesamt 50 Prozent der Unternehmensumsätze in Deutschland abbilden und damit gesamtwirtschaftliche Aussagekraft haben. Als Marktführer im Mittelstand unterhalten die Sparkassen zu drei von vier deutschen Firmen Geschäftsbeziehungen und haben damit auch Einblick in ihre bilanzrelevanten Kennzahlen.

Gewinne stiegen stärker als Umsätze

Das Ergebnis: Branchenübergreifend erhöhten Deutschlands Unternehmen ihre Umsätze seit dem Krisenjahr 2009 um gut 50 Prozent. Die Gewinne haben sich angesichts des starken Produktionswachstums und der hohen Nachfrage, weshalb viele Unternehmen jahrelang höhere Preise durchsetzen konnten, mehr als verdoppelt. Sie stiegen um 110 Prozent. Weil die Gewinne sehr viel stärker als die Umsätze zulegten, wirtschafteten die Firmen profitabler: Im operativen Geschäft (vor Steuern und nach Zinsen) verblieb ihnen 2018 eine Gewinnmarge von 6,1 Prozent. Das sind 6,1 Cent Gewinn aus jedem erwirtschafteten Euro. Im Vorkrisenjahr 2008 waren es nur 4,6 Prozent.

Zu dem Aufschwung trugen alle Branchen bei: die exportstarken Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes, aber auch der Einzelhandel, das Dienstleistungsgewerbe und der Bau (siehe Grafik). Die Unternehmen nutzten die hohen Gewinne in den vergangenen Jahren, um ihre finanziellen Polster aufzubessern. Beleg dafür ist die Eigenkapitalquote, die mit durchschnittlich knapp 39 Prozent auf Rekordniveau liegt. Im Vorkrisenjahr 2008 waren es gut vier Prozentpunkte weniger. "Nach Jahren des Aufschwungs sind die Unternehmen in vielen Bereichen wie Eigenkapitalausstattung und Profitabilität gut aufgestellt", urteilt DSGV-Präsident Helmut Schleweis, "das belegen die hohe Finanzkraft mit rekordhohen Eigenkapitalquoten und die starke Ertragsentwicklung in den vergangenen Jahren. Die Bilanzen zeigen, dass die von uns untersuchten Unternehmen in ihrer Gesamtheit besser auf einen möglichen Abschwung vorbereitet sind als 2008." So wie Elring-Klinger: Der Zulieferer nutzte die guten Jahre, um seine Eigenkapitalquote von 36 Prozent im Vorkrisenjahr 2008 auf 41 Prozent im abgelaufenen Geschäftsjahr zu erhöhen. Das verschafft mehr Luft in der aktuellen Krise der Automobilindustrie und des Unternehmens auf der Schwäbischen Alb.

Der familiengeführte Produzent von Schmierstoffen Fuchs Petrolub steigerte sein ohnehin schon hohes Eigenkapital noch einmal kräftig: Die Quote stieg von 45 auf 77 Prozent. Binnen zehn Jahren stieg der operative Gewinn vor Steuern und nach Zinsen um 135 Prozent auf 382 Millionen Euro. Die Verschuldung sank von 124 auf nur noch vier Millionen Euro.

Auffällig ist, dass damals wie heute die Krise von außen kommt: Die Binnenwirtschaft mit Branchen wie Bau, Einzelhandel und Immobilien ist nach wie vor intakt. Doch die Gesamtkonjunktur schwächelt. Sie könnte schon 2019 in eine sogenannte technische Rezession rutschen, sollte nach dem zweiten auch im dritten Quartal das Bruttoinlandsprodukt sinken, wonach es derzeit aussieht. "Ausschlaggebend hierfür ist der Abschwung in der Industrie, die unter dem schleppenden Export leidet", warnt die Deutsche Bundesbank.

Die schwächere Weltwirtschaft trifft vor allem die vielen auslandsstarken Firmen. "Die Rezession ist da", heißt es nach zwei schrumpfenden Quartalen in Folge in der Metall- und Elektroindustrie. Besserung ist erst einmal nicht in Sicht. Für das Gesamtjahr 2019 erwarten die meisten Forschungsinstitute wie etwa das Kieler Institut für Weltwirtschaft und das Essener RWI-Leibniz- Institut nur noch ein minimales Wachstum des Bruttoinlandsprodukts um 0,4 Prozent. 2018 war die deutsche Wirtschaft um 1,5 Prozent gewachsen.

Besonders stark trifft es auch diesmal wieder, wie schon 2009, den Maschinenbau und die breit gefächerte Fahrzeugindustrie. Seit eineinhalb Jahren sinken im verarbeitenden Gewerbe die Neuaufträge. Fast zwei Drittel ihrer Umsätze erzielen die großen und vielen kleineren Firmen im Durchschnitt im Ausland. Jeweils zehn Prozent der Maschinenexporte gehen in die USA und nach China. "Damit stellen ausgerechnet die beiden Länder, die sich im Mittelpunkt des Handelsstreits befinden, die wichtigsten Zielregionen für deutsche Maschinen dar", urteilt DZ-Bank- Volkswirt Claus Niegsch.

Die Firmenbilanzen belegen, wie sehr dieser Branche auch schon die Krise vor einem Jahrzehnt zugesetzt hatte. Um durchschnittlich fast ein Viertel sanken 2009 die Umsätze gegenüber 2008. Die Gewinne brachen ein, und die Firmen wirtschafteten weniger profitabel: Vor Steuern und nach Zinsen verblieb eine operative Marge von durchschnittlich nur noch 2,4 Prozent. Im Jahr davor waren es mit 5,5 Prozent mehr als doppelt so viel. Weil damals viele Unternehmen ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit schickten - branchenübergreifend vorübergehend 1,5 Millionen in Deutschland -, aber weitgehend auf Entlassungen verzichteten, schnellten die Lohnkosten in die Höhe: Die Personalaufwandsquote erhöhte sich auf fast 30 Prozent.

Maschinenbau ist gewappnet

Zehn Jahre später sind in dieser großen Industriebranche die Umsätze drastisch um knapp 80 Prozent gestiegen. Dank sprudelnder Gewinne, die die Unternehmen nicht nur ausschütteten, sondern auch im Unternehmen hielten, schnellte die Eigenkapitalquote auf 37,1 Prozent nach oben - nach 32,6 Prozent im Vorkrisenjahr 2008. Rechtzeitig vor dem neuerlichen Abschwung, der die Maschinenbauer mit ihrer hohen Abhängigkeit von ausländischen Kunden und der schwächelnden Automobilbranche auch diesmal wieder besonders hart trifft, haben die meisten Unternehmen zwischen dem Vorkrisenjahr 2008 und 2018 ihre Eigenkapitalquoten erhöht: Der Verkehrstechnikspezialist Schaltbau steigerte sie von mageren vier auf zuletzt 16 Prozent und der Gelsenkirchener Hersteller von Hightech- Schlauchsystemen Masterflex von 14 auf 54 Prozent. Nicht noch einmal soll es Zeiten wie 2009 geben, als bei Masterflex das Eigenkapital bis auf einen Restbetrag von nur noch 800 000 Euro zusammengeschmolzen war.

Auch in der wichtigen Chemie- und Pharmabranche erholten sich die Unternehmen nach der damaligen Krise rasant. Die 2009 im Schnitt um knapp sechs Prozent gesunkenen Umsätze stiegen bis 2018 um 73,9 Prozent. Noch bemerkenswerter ist die hohe Profitabilität: Mit einer Umsatzrendite von 7,9 Prozent wirtschafteten die Chemie- und Pharmaunternehmen 2018 fast doppelt so profitabel wie im Vorkrisenjahr 2008. Ihre starken Bilanzen lassen die Unternehmen in allen Branchen zuversichtlich nach vorn blicken, investitionsfreudig und ohne Zukunftsangst. Beleg dafür ist der unverändert hohe Finanzbedarf. "Die starke Kreditvergabe der Sparkassen im Firmenkundengeschäft im ersten Halbjahr 2019 zeigt, dass die Unternehmen entsprechendes Potenzial in ihrem Geschäft sehen, auch aktuell", urteilt DSGV-Präsident Schleweis.

Das Lohnniveau gilt als Gefahr

Im ersten Halbjahr 2019 sagten die 379 deutschen Sparkassen den Unternehmen und Selbstständigen gut 44 Milliarden Euro an neuen Krediten zu, davon 31 Milliarden Euro für Investitionen. Das ist ein Zuwachs von rund zwei Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die gesamten Kreditbestände bei den Investitionskrediten wuchsen um 8,5 Milliarden Euro auf 297,4 Milliarden Euro.

Allerdings trübt ein wichtiger Posten schließlich doch die insgesamt gute Gesamtbilanz. Jahrelang hohe Auftragszahlen, der Fachkräftemangel und höhere Tarifabschlüsse in den vergangenen Jahren haben die Begehrlichkeiten erhöht: Die Löhne sind gestiegen. Das spiegelt sich in immer höheren Kosten wider: Der Personalaufwand - das sind Löhne und Gehälter, Sozialabgaben und Altersvorsorge für die Mitarbeiter - stieg zuletzt auf fast ein Viertel des Umsatzes (24,2 Prozent). Das sind gut zwei Prozentpunkte mehr als vor einem Jahrzehnt.

Sobald die Auftragszahlen sinken, dürfte der Aufwand fürs Personal, gemessen an den dann zurückgehenden Umsätzen, kräftig nach oben schnellen. Der Grund: Löhne und Gehälter lassen sich im Gegensatz zu Materialkosten nur langsam senken und belasten so das Unternehmen in der Krise überdurchschnittlich stark.

Die Folgen zeigen sich in der jetzt heraufziehenden Krise. Der Oberpfälzer Abfüll- und Verpackungsanlagenbauer Krones kündigte in dieser Woche an, wegen schlecht laufender Geschäfte zwischen 300 und 400 Stellen abzubauen. Die hohen Personal- und Materialkosten beeinträchtigten die Wettbewerbsfähigkeit, teilte der Konzern mit, "ein Einstellungsstopp allein genügt nicht". Die vergangenen Geschäftsberichte zeigen ein eindeutiges Bild: Binnen zehn Jahren hat sich bei Krones der Personalaufwand fast verdoppelt und ist im abgelaufenen Jahr auf 1,1 Milliarden Euro gestiegen.

Ob der Pumpenhersteller und Maschinenbauer Pfeiffer Vacuum, der Softwarespezialist Isra, der Bauchemieproduzent Uzin Utz oder der Autozulieferer Paragaon: In allen Branchen sind zwar die Umsätze kräftig gestiegen, doch gemessen daran erhöhte sich der Aufwand für das Personal seit dem Vorkrisenjahr 2008 noch stärker.

Was sich bei den Unternehmen jetzt allerdings als höherer Aufwand und mehr Kosten darstellt, hat in der heraufziehenden Krise gesamtwirtschaftlich einen positiven Effekt: Gestiegene Löhne und Gehälter führen zu mehr Konsum und einem stärkeren Binnenmarkt. Seine Kraft ist größer als vor einem Jahrzehnt, und er mildert so die exportgetriebene Krise ein wenig ab.

Hoch