RWI in den Medien

Hat Greta Thunberg den Friedensnobelpreis verdient?

Chancen der Klimaaktivistin auf die Auszeichnung steigen weiter. Viele Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in Deutschland begrüßen das. Union und FDP äußern sich reserviert.

Die Welt online vom 14.08.2019

Greta Thunberg ist klare Favoritin auf den Friedensnobelpreis in diesem Jahr. Das jedenfalls deuten die Wettquoten der Londoner Buchmacher an: Bei allen sieben Firmen, die Wetten auf den Nobelpreis anbieten, liegt die schwedische Klimaaktivistin weit vorn – und der Abstand wächst.

Marktführer Ladbrokes taxierte Thunbergs Gewinnchance Anfang Juni bereits auf 33 Prozent. Aktuell dagegen bekommt man bei Ladbrokes für ein Pfund Einsatz im Gewinnfall zwei Pfund zurück – woraus sich ableiten lässt, dass die Kundschaft die Aussichten der 16-Jährigen auf 50 Prozent veranschlagt.

Die Aussichten aller anderen Topkandidaten dagegen sind in den vergangenen zwei Monaten schlechter geworden. Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern etwa, die nach dem Anschlag auf zwei muslimische Moscheen im März in Christchurch für ihr besonnenes Auftreten international Anerkennung erhielt, kam Anfang Juni bei Ladbrokes noch auf eine Gewinnchance von 17 Prozent – nun sind es nur noch 14 Prozent.

Die Chancen des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) wiederum sanken in dieser Zeit von elf auf neun Prozent. Reporter ohne Grenzen verschlechterten sich leicht von neun auf acht Prozent. Und Alexis Tsipras und Zoran Zaev, die als Regierungschefs Griechenland und Mazedonien aussöhnten, liegen jetzt noch bei sechs Prozent, nach acht Prozent im Juni.

Viele Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in Deutschland würden die Vergabe des Friedensnobelpreises an Thunberg begrüßen. „Indem sie die junge Generation für das Thema begeistert hat, hat Greta Thunberg einen großen Beitrag dazu geleistet, dass die Klimapolitik in der westlichen Welt nun schon seit vielen Monaten ganz weit oben auf der Agenda der öffentlichen Diskussion steht“, sagt zum Beispiel Christoph Schmidt, der Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, gegenüber WELT. „Diese Leistung verdient Anerkennung.“ Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) glaubt, dass Thunberg „den Friedensnobelpreis hochverdient“ hat: „Sie trägt dazu bei, dass Klimaschutz in den politischen Entscheidungen einen hohen Stellenwert bekommt.“

Vertreter von Union und FDP äußerten sich zurückhaltend, die AfD ablehnend. Dietmar Bartsch, der Chef der Linksfraktion im Bundestag, dagegen zählt zu den Befürwortern: „Greta Thunberg gebührt großer Respekt, den entscheidend von Menschen verursachten Klimawandel oben auf die politische Agenda gesetzt zu haben.“ Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), nennt Thunberg nicht namentlich – aber er lobt das Klimaengagement der Jugend: „Jüngere Generationen sollen und müssen ihre Stimme erheben und sich einmischen. Solange man miteinander im Gespräch bleibt, lassen sich auch große Herausforderungen bewältigen.“ Der Preis wird am 11. Oktober vergeben. Nominiert sind 223 Einzelpersonen und 78 Organisationen.

Einen Preis hat Thunberg jetzt schon sicher: Wie am Dienstag bekannt wurde, bekommt sie von der britischen Ausgabe von „GQ“ den Titel Game Changer Of The Year verliehen. In der Oktoberausgabe ziert sie das Cover der Männerzeitschrift – mit schwarzem Anzug und warnend erhobenem Zeigefinger.

Hoch