RWI in den Medien

»Eine Rezession ist nicht ausgeschlossen«

Christoph Schmidt, 56, leitet das RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und ist Vorsitzender des Sachverständigenrats der Bundesregierung.

Spiegel vom 10.08.2019

SPIEGEL: Herr Professor Schmidt, rutscht Deutschland in die Rezession?

Schmidt: Der Sachverständigenrat ist bei seiner jüngsten Prognose noch von einem Wachstum von knapp einem Prozent für dieses Jahr ausgegangen. Inzwischen deutet einiges darauf hin, dass die Steigerungsrate geringer ausfällt. Eine anhaltende Schrumpfung der Wirtschaft ist nach wie vor unwahrscheinlich, solange sich die Handelskonflikte in der Welt nicht weiter zuspitzen. Sollte es aber dazu kommen, ist auch eine Rezession nicht ausgeschlossen.

SPIEGEL: Manche Ökonomen halten in diesem Fall ein Konjunkturprogramm in Deutschland für erforderlich. Sehen Sie das auch so?

Schmidt: Nein. Deutschland hat einen zehnjährigen Aufschwung mit überdurchschnittlichem Wachstum hinter sich. Wenn die vorübergehenden Steigerungsraten nun etwas geringer ausfallen, ist das allein noch kein Grund zu übertriebener Besorgnis. Und wenn es zu einem Abschwung kommt, stützen sinkende Steuerlasten und steigende Sozialausgaben automatisch die Konjunktur. Ein richtiges Konjunkturprogramm wäre nur zu erwägen, wenn es zu einem so außergewöhnlich starken Einbruch kommen würde wie nach der Finanzkrise 2008. Davon kann aber derzeit keine Rede sein.

SPIEGEL: Einige Ihrer Kollegen fordern, auch unabhängig von der Konjunktur, dass der Staat zusätzliche Schulden machen sollte, um mehr zu investieren. Was halten Sie davon?

Schmidt: Der Staat sollte in der Tat mehr investieren, etwa in die Ausstattung von Bildungseinrichtungen oder die Infrastruktur für den Klimaschutz. Dazu muss er aber nicht unbedingt neue Kredite aufnehmen, er könnte auch seine Konsumausgaben zurückfahren.

SPIEGEL: Derzeit sind die Zinsen extrem niedrig; aktuell verdient der Staat sogar Geld, wenn er Kredite aufnimmt. Was spricht dagegen, die Gelegenheit zu ergreifen?

Schmidt: Dagegen spricht die Erfahrung: In der Krise Schulden zu machen, fällt dem Staat nicht schwer. Sie im Aufschwung wieder zurückzufahren, ist ihm oft weniger gut gelungen.

SPIEGEL: Sollte die Regierung an der Schuldenbremse und der schwarzen Null festhalten?

Schmidt: An der im Grundgesetz verankerten Schuldenbremse unbedingt; denn sie führt zu einer disziplinierten Haushaltspolitik, die wir im Interesse künftiger Generationen fortsetzen sollten. Bei der schwarzen Null hingegen handelt es sich nur um eine politische Richtschnur für die Haushaltspolitik. Diese hat sich im letzten Aufschwung bewährt und für eine solidere Haushaltsführung gesorgt. In einem ausgeprägten Abschwung wäre sie jedoch als Richtschnur nicht geeignet.

Hoch