RWI in den Medien

Erfüllter Lebensabend

Tillmann Prüfer denkt über die Rente nach und fragt sich, warum manche Beschäftigte sich ausgerechnet nach dem Arbeitsleben nochmals neu erfinden wollen.

Handelsblatt vom 09.08.2019

Ich komme nun langsam in das Alter, in dem man an die Rente denkt. Jahrzehntelang hat man in der Vorstellung gelebt, dass man irgendwie das Größte noch vor sich hat: Beförderungen, vielleicht auch einen ganz anderen Job. Nun lebe ich mit der Vorstellung, dass ich noch knapp so viel Arbeitsleben vor mir habe wie hinter mir. Und bald habe ich das meiste hinter mir.

Ich kenne viele Kollegen, die davon sprechen, man müsse sich genau jetzt "neu erfinden". Gleich "neu" erfinden? Ich habe ja nicht einmal die alte Version von mir erfunden. Sie war einfach da. Ich denke übrigens, dass es den allermeisten so geht. Sosehr sie versuchen, die beste Version ihres Selbst zu sein, kommt doch nur etwas dabei heraus, was ungefähr so ist wie der Kram, den es schon gibt.

Allerdings reicht das ja auch meistens. Man kommt auch ohne eine Vision durch das Arbeitsleben. Ich fand eigentlich immer die Leute ganz gut, die Jobs machten, ohne sich dabei ständig neu zu erfinden, einen aufregenden Plan zu haben oder ein leuchtendes Ziel. Wenn man etwa Schreiner ist oder Steinmetz, dann hat man eine Existenz zu bestreiten, vielleicht ein kleines Unternehmen zu tragen und damit etliches zu tun.

Man muss sich nicht die Frage stellen, ob das, was man tut, einen wirklich erfüllt und ob man sich mit dem, was man so anstellt, tatsächlich verwirklicht. Und vor allen Dingen: Wer Steine haut, kann sich gut vorstellen, damit irgendwann einmal aufzuhören.

Ich habe wenig gehört von Handwerkern, die nicht "loslassen" können. Oder zu Hause nach Feierabend verspannt herumsitzen, weil sie viel lieber Dübel in die Wand kloppen würden. Vielleicht liegt das daran, dass sie wirklich eine Arbeit verrichten, die sich von dem, was sie in ihrer Freizeit tun, signifikant unterscheidet.

Bei Menschen, die den ganzen Tag am Computer E-Mails schreiben und in Telefone sprechen, ist das vielleicht anders. Solche Leute schlafen nachts mit ihrem Smartphone auf der Brust ein, weil sie eben noch einen Tweet abgesetzt und Mails gecheckt haben. Aber ich habe noch von keinem Elektroinstallateur gelesen, der seine Bohrmaschine auf dem Nachttisch liegen hat.

Das RWI-Institut für Wirtschaftsforschung hat nun errechnet, dass sich die Verrentung auf die Sterblichkeit auswirkt - und zwar durchaus unterschiedlich. Bei Geringverdienern wirkt sie lebensverlängernd. Ihr Sterberisiko sinkt nach dem Renteneintritt. Besserverdienende dagegen bringt frühe Rente früher ins Grab.

Das liegt offenbar daran, dass etwa Führungskräfte, wenn sie aus dem Beruf ausscheiden, ihr Ansehen und ihre sozialen Kontakte verlieren. Wer zuvor hingegen einen wirklich zehrenden Job hatte, blüht nach der Verrentung auf, weil er endlich Zeit hat für die eigentlich schönen Dinge des Lebens.

Es wird daher empfohlen, Gutverdienern nach dem Ausscheiden aus dem Betriebsleben weiterhin Möglichkeiten zu geben, am Arbeitsleben teilzuhaben. Man kann ehemaligen Chefs etwa einen Schreibtisch auf dem Gang geben, an dem sie weiter E-Mails tippen können. Das dürfte genügen für einen erfüllten Lebensabend.

Hoch