RWI in den Medien

Erst die Rente – und dann?

Vom Glück und von den Risiken des Ruhestands. Besserverdienende haben es nicht immer besser.

Neue Osnabrücker Zeitung West vom 08.08.2019

Endlich Rentner, endlich mehr Zeit für Familie, Freunde, Reisen und Hobbys: Viele Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen sehnen den Ruhestand herbei, umso mehr, als die Lebenserwartung in Deutschland deutlich gestiegen ist. Individuell und je nach Lebenslauf sind die Zukunftsaussichten allerdings höchst unterschiedlich. Wer im Berufsleben hohen Belastungen ausgesetzt war, stirbt meist früher als andere. Und auch der Ruhestand selbst hat dann noch einmal höchst unterschiedliche Auswirkungen – je nach dem, was man vorher gemacht hat. Zwei aktuelle Studien gewähren interessante Ein- und Ausblicke.

Wie alt werden wir?

Die Lebenserwartung ist in den letzten Jahrzehnten in Deutschland deutlich gestiegen. Die Hälfte der 1960 Geborenen wird, sofern sie die 65 überschritten hat, voraussichtlich 86 Jahre (Männer) beziehungsweise 90 Jahre (Frauen) alt werden. Die Generation der 1920 Geborenen konnte von einer solchen „ferneren Lebenserwartung“ nur träumen. Sie hatte lediglich die Aussicht, 80 beziehungsweise 85 Jahre alt zu werden, so das Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg Essen.

Wovon hängt die Lebenserwartung nach dem Renteneintritt ab?

Laut IAQ spielen nicht nur Jahrgang und Geschlecht eine Rolle. Einfluss haben darüber hinaus auch Einkommensposition und Bildungsniveau. Zudem weisen Personen, die ihre Gesundheit schlecht einschätzen oder eine Behinderung haben, erwartungsgemäß ein erhöhtes Sterberisiko auf. Ein Beispiel: 65-jährige Männer in durchschnittlicher Einkommensposition können laut den Untersuchungen der Duisburger Forscher im Schnitt mit 12 weiteren Lebensjahren rechnen. Bei besonders gut Verdienenden (über 150 Prozent der Durchschnittsbezüge) sind es sogar 16 Jahre. Die Wissenschaftler erklären dies damit, dass höhere Einkommen ebenso wie höhere Bildung in der Regel auch verträglichere Arbeitsbedingungen bedeuten. Ganz anders sieht es am anderen Ende der Skala aus: „Männer mit stark unterdurchschnittlicher Einkommensposition (unter 60 Prozent des Durchschnitts) weisen demgegenüber eine fernere Lebenserwartung von nur etwa zehn Jahren auf.“

Welche weiteren Faktoren gibt es neben dem Einkommen?

Die Forscher nennen unter anderem das Elternhaus, ökonomische Sicherheit, Freizeit/Netzwerke, Gesundheit, den beruflichen Status und natürlich auch die individuelle Belastung in den unterschiedlichen Jobs. Gestaffelt nach Berufsklassen, ist die fernere Lebenserwartung im Bergbau mit durchschnittlich nicht einmal 12 Jahren am niedrigsten und in den technischen Berufen mit etwa 17 Jahren bei den Männern und fast 20 Jahren bei den Frauen am höchsten.

Welche Schlussfolgerungen ziehen Experten?

Das Fazit der Forscher ist eindeutig: „Die Arbeitsbelastung beeinflusst nicht nur das unmittelbare Wohlbefinden, sondern scheint sich auch über die Erwerbsphase hinaus auszuwirken. Damit bleiben die Reduzierung von Arbeitsbelastungen und die Förderung menschengerechter Arbeit ein vordringliches Ziel.“ DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach warnt mit Blick auf die Untersuchung vor einer pauschalen Anhebung des Rentenalters. Wer dies fordere, nehme neue Ungerechtigkeiten in Kauf, denn wer früher sterbe, bekomme auch eine kürzere Zeit Rente. „Damit wäre gerade für diejenigen, die in ihrem Arbeitsleben eine hohe Belastung zu verkraften hatten, ein höheres Rentenalter nichts anderes als ein Rentenkürzungsprogramm“, so die Gewerkschafterin. Das Alter, in dem Menschen ohne Abschläge in Rente gehen können, wird seit 2012 schrittweise angehoben. Derzeit liegt die Regelaltersgrenze bei etwas mehr als 65 Jahren. Für Menschen, die ab 1964 geboren wurden, gilt die Rente mit 67, die sie 2031 erreichen. Hintergrund ist die generell längere Lebenserwartung. Es gibt aber Ausnahmen, etwa für Menschen, die besonders lange Rentenbeiträge gezahlt haben. Sie können auch schon mit 63 Jahren ohne Abschläge in Rente gehen.

Was fordern die Gewerkschaften?

Der DGB plädiert dafür, den Übergang in die Rente flexibel zu gestalten. Buntenbach: „Wer es gesundheitsbedingt nicht bis zum Rentenalter schafft, muss vorher ausscheiden können – ohne Rentenabschläge.“ Jedes Jahr scheiden laut Buntenbach gut 200 000 Versicherte vor dem 65. Lebensjahr aus dem Erwerbsleben aus, wegen Krankheit oder gar Tod. Chancen zur Verbesserung des Arbeitsschutzes sieht die Gewerkschafterin unter anderem in der Digitalisierung, die schwere Arbeiten erleichtern könne.

Und wie wirkt sich der Renteneintritt selbst aus?

Auch hier gibt es nach einer aktuellen Studie erhebliche Unterschiede. Und wieder spielen die verschiedenen Einkommen und Tätigkeiten eine entscheidende Rolle. So sinkt bei Männern aus der unteren Hälfte der Einkommensverteilung, die mit 63 Jahren ihr Berufsleben beenden, die Sterblichkeit kurz nach der Verrentung um gut ein Prozent. „Bei Männern und Frauen aus der oberen Hälfte der Einkommensverteilung, die mit 65 Jahren in Rente gehen, steigt die Sterblichkeit hingegen um zwei bis drei Prozent“, so das Ergebnis einer Untersuchung des RWI Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung.

Was macht den Ruhestand entspannend und was belastet ihn eher?

Ausschlaggebend für den entweder positiven oder negativen Effekt des Renteneintritts ist den Forschern zufolge die Erwerbsbiografie vor der Rente. Männer, die mit 63 Jahren in Rente gehen, kommen demnach überwiegend aus Berufen mit manuellen Routinetätigkeiten und relativ geringem Verdienst. „Viele dieser Jobs sind körperlich anstrengend oder mit Gefährdungen am Arbeitsplatz verbunden. Weniger Stress und Gefahren sowie ein relativ hoher Freizeitwert senken bei dieser Gruppe nach dem Renteneintritt die Sterblichkeit.“ Frühere Gutverdiener sind der Studie zufolge dagegen größeren Gesundheitsrisiken ausgesetzt, wenn sie in Rente gehen. „Bei ihnen steht wahrscheinlich die soziale Isolation im Rentenalter im Vordergrund, weil sie mit der Berufstätigkeit auch Berufsprestige und soziale Netzwerke verlieren“, erläutert der Studienautor Matthias Giesecke.

Und was ist mit vorher Arbeitslosen?

Bei ihnen sind die Effekte des Renteneintritts der Studie zufolge besonders positiv. Die Erwerbslosen in der untersuchten Gruppe (63-Jährige) profitiert demnach davon, dann nicht mehr dem Stigma der Arbeitslosigkeit ausgesetzt zu sein.

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