RWI in den Medien

Wenn der Ruhestand die Sterblichkeit erhöht

Gutverdiener leiden oft nach dem Ende der Berufstätigkeit. Bei Schwerarbeitern ist das anders, sie sollten früh aufhören.

Süddeutsche Zeitung vom 05.08.2019

Wenn jemand in Ruhestand geht, verändert sich sein Leben drastisch. Bei manchem fallen vor allem der Stress und die körperliche Schufterei weg. Für andere bedeutet die Rente eher den Verlust sozialer Kontakte und einer Tätigkeit, mit der sie sich stark identifizieren. Welche Effekte überwiegen, entscheidet mit über Leben und Tod, fand ein Forscher nun heraus. Bei Mittel- und Gutverdienern beispielsweise erhöht der Ruhestand oft die Sterblichkeit.

Arbeitnehmer unterscheiden sich stark. Mancher fühlt sich aufgebraucht und möchte früh aufhören. Wer dagegen am Beruf hängt und nicht körperlich schuftet, möchte zunehmend länger tätig bleiben – und ärgert sich, dass der Vertrag in der Firma automatisch mit dem Rentenalter endet. Aus Daten der Rentenversicherung ermittelte Matthias Giesecke vom RWI-Institut für Wirtschaftsforschung nun: Je nachdem, welcher Arbeitnehmergruppe man angehört, wirkt sich das Rentenalter signifikant aufs Überleben aus. Das geht aus einer unveröffentlichten Studie hervor, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt.

Bei Männern, die schon mit 63 aus dem Beruf ausscheiden, sinkt die Sterblichkeit in den ersten zwölf Monaten um ein bis drei Prozent. Am größten ist der Effekt für Arbeitslose, wohl weil sie als Rentner das gesellschaftliche Stigma abschütteln, keinen Job zu haben. Dominiert wird die Gruppe der Rentner mit 63 aber von jenen, die vorher manuelle Routinejobs ausübten. Diese Arbeit ist häufig körperlich anstrengend, stressig und risikoreich, etwa auf dem Bau, beim Transport oder in der Reinigung. Hören diese Arbeitnehmer auf, ist das gut für ihre Gesundheit. Auch, weil die meist unterdurchschnittlich Bezahlten die zusätzliche Freizeit besonders hoch schätzen und ihren Beruf weniger als Selbstbestätigung empfinden. Bei Wenigverdienern fällt der positive Effekt reduzierter Sterblichkeit 40 Prozent stärker aus als bei Rentnern mit 63 insgesamt.

Diese Ergebnisse zeigen, dass die Bundesregierung körperlich Schuftenden einen Gefallen tat, als sie die umstrittene Rente mit 63 nach 45 Berufsjahren einführte. Der Effekt frühen Ruhestands auf die Sterblichkeit ist zwar gering, verglichen mit dem Einfluss des Rauchens und größeren Alkoholkonsums, aber vorhanden. Andere Studien belegen allerdings, dass das Ausscheiden aus einem körperlich zehrenden Beruf nicht mit Inaktivität verwechselt werden sollte. Wer nur noch vor dem Fernseher sitzt, schadet seiner Gesundheit. Sport, ein Ehrenamt oder ein nicht so anstrengender Nebenjob beeinflussen körperliche und geistige Fähigkeiten positiv. Anders sieht es bei der besser bezahlten Hälfte der Beschäftigten aus. Sie verdienen mehr als 30 000 Euro im Jahr, arbeiten überdurchschnittlich oft beim Staat, und dominieren die Gruppe derer, die mit 65 in Rente gehen. Scheiden sie in diesem Alter aus, nimmt ihre Sterblichkeit bei Männern um fast drei und bei Frauen um viereinhalb Prozent zu. Warum? Das Ausscheiden bedeutet für diese Arbeitnehmer oft einen Prestigeverlust. Die Mortalitätsrate steigt auch dadurch, dass soziale Kontakte wegfallen. Die politisch ebenfalls umstrittene Erhöhung des allgemeinen Rentenalters auf 67 bis 2030 tut diesen Arbeitnehmern wahrscheinlich einen Gefallen. Positiv wirke es sich für viele von ihnen auch aus, wenn sie in irgendeiner Form nach dem üblichen Ruhestand weiterarbeiten, zum Beispiel in Teilzeit. So ließe sich dem Verlust der beruflichen Identifikation und der sozialen Isolation entgegenwirken, die die Sterblichkeit erhöhen. Das Ideal vom möglichst frühen Ruhestand, das sich in der Bundesrepublik über Jahrzehnte herausgebildet hat: Es passt nicht für alle.

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