RWI in den Medien

Jugendliche in der Grünphase

Wie die Aktivisten von Fridays for Future über zivilen Ungehorsam und Argumente aus der realen Welt streiten.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 05.08.2019

Der Klimastreik der Fridays-for-Future-Bewegung in Dortmund hatte ganz geordnet angefangen. Die Demonstration war relativ klein - ein paar hundert Teilnehmer -, es mussten kaum Straßen gesperrt werden. Zwanzig Aktivisten durften für exakt drei Grünphasen eine Ampel blockieren, genau ein Auto hupte, weil Polizisten und Demonstranten zwischen den Wagen entlangliefen und den Fahrern erklärten, dass hier gerade für Klimaschutz demonstriert werde. Nach den drei Grünphasen rief ein Aktivist: "Leute, es wird Zeit" - und die anderen erhoben sich brav.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Jugendlichen alle Aktionen abgesprochen und gemeinsam geplant - am Tag zuvor während des Friday-for-Future- Sommerkongresses am Rande der Stadt. Die Klimabewegung ist strikt basisdemokratisch organisiert, über jede Entscheidung wird abgestimmt. Das führt dazu, dass es keinen Versammlungsleiter, kein offizielles Gesicht von Fridays for Future gibt. Wie kompliziert es mit der Basisdemokratie wird, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, zeigt sich nach der Ampelblockade. Etwa hundert Demonstranten besetzen den Eingang des schwarz verspiegelten Hochhauses von RWE. Sie drapieren ein Herz aus Pflanzen auf den Asphalt vor dem Energieversorger- Gebäude und schreiben "Erde" darüber. Das mit den Pflanzen war geplant, das mit der Besetzung nicht.

Die Organisatoren des Sommerkongresses und bekannten Köpfe der Bewegung, Jakob Blasel und Carla Reemtsma, schauen mit skeptischen Mienen zu. Sie wissen nicht genau, was sie tun sollen. Eine Blockade passt eigentlich nicht zu Fridays for Future, die Bewegung will auch Protesteinsteiger mit offenen Armen empfangen. Zu viel ziviler Ungehorsam könnte abschrecken, Fridays for Future könnte sein freundliches Gesicht verlieren. Die Polizisten reden immer eindringlicher auf die Blockierer ein, Blasel ist nun sichtlich genervt. Der Sommerkongress sollte eigentlich schon längst weitergehen, Dutzende Workshops sind geplant. Auf dem offiziellen Twitteraccount des Kongresses distanzieren sich die Organisatoren von den Blockierern: Diese Demonstranten würden nicht im Namen von Fridays for Future protestieren, diese Form des Widerstandes werde nicht unterstützt. Später wird der Tweet wieder gelöscht. Als ein Aktivist vor die Blockierer tritt, von "Gruppenzwang" spricht und erklärt: "Viele Leute haben jetzt schon gesagt, dass sie sich mit dieser Protestform unwohl fühlen", löst sich die Blockade langsam auf.

Zurück auf dem Kongress, zu dem rund 1700 Aktivisten angereist sind, gibt der Sechzehnjährige Linus Dolder passenderweise einen Workshop zu zivilem Ungehorsam. Der Schweizer steht barfuß in Batikshirt und Sporthose in einem völlig überfüllten Klassenraum und fächert sich Luft zu. Dolder hat im Dezember, als die Fridays-for-Future- Proteste begannen, mit Sitzblockaden und Tagebaubesetzungen angefangen. Diese Art von zivilem Ungehorsam sei effektiver als die anderen Protestformen, findet er. So denken mittlerweile viele bei Fridays for Future. Seit acht Monaten streiken die Jugendlichen, und ihrer Meinung nach hat sich beim Klimaschutz so gut wie nichts getan. Es sei nur verständlich, dass viele frustriert seien und sich in extremeren Protestformen üben würden, meint Dolder. "Ich glaube, ziviler Ungehorsam wird an Relevanz für Fridays for Future gewinnen, weil uns die Zeit davonrennt."

Man tut Fridays for Future unrecht, wenn man ihren Sommerkongress mit einem Feriencamp vergleicht. Natürlich läuft ein Viertel der Leute barfuß herum, es gibt "Chill-out Areas", gebaut aus Bio-Limonaden-Kästen, und irgendwo trägt immer jemand eine Lautsprecherbox herum. Aber hier halten auch Vierzehnjährige dem Vorsitzenden der Wirtschaftsweisen Vorträge über Methangas und CO2-Besteuerung, Sechzehnjährige wie Dolder geben Rhetorik-, Protest- und Rechtsworkshops, die sich sehen lassen können, und egal, wo man ist: Überall wird diskutiert. Über zivilen Ungehorsam, Feminismus, Seenotrettung, Söder und sein plötzlich aufgekeimter Klimaschutz-Enthusiasmus. Dabei ist die Idee für den Kongress erst zweieinhalb Monate alt. Jakob Blasel und Ragna Diederichs haben sie damals in der wöchentlichen Telefonkonferenz von Fridays for Future vorgestellt. Danach hat ein Team aus rund 15 Jugendlichen die Vorbereitungen übernommen. Ursprünglich sollten 3000 Jugendliche zu dem Kongress kommen, aber das Organisationsteam merkte irgendwann, dass sie das nicht schaffen würden. Zu viele Sicherheitsauflagen, zu wenig Zeit.

In den vergangenen Ferienwochen ist Fridays for Future leiser geworden, die Zahl der demonstrierenden Schüler ist zurückgegangen. Ob die Bewegung an Zulauf verliere, wurden Blasel, Reemtsma und die anderen gefragt. Die 21 Jahre alte Reemtsma sagt: "Auf die Zahlen der Demonstranten kommt es schon lange nicht mehr an." Vielmehr gehe es darum, kontinuierlichen Druck aufzubauen, überall präsent zu sein. Fridays for Future schätzt, dass sich momentan rund 5000 Jugendliche in Deutschland aktiv für die Bewegung engagieren.

Die nächste große Demonstration ist am 20. September geplant. Das erste Mal ruft Fridays for Future auch die arbeitende Bevölkerung zum Streik auf. Für den weltweiten Aktionstag haben die Aktivisten ein Flugblatt in "Bild"-Zeitungsoptik designt. "Wie Politik und Wirtschaft unsere Kinder beklauen und mit welchen Tricks wir etwas dagegen tun können!" titeln sie in Großbuchstaben. Reemtsma erklärt, sie wollten mit dem schwarz-roten Design mal andere Menschen ansprechen. Dass der überwiegende Teil der Demonstranten aus dem gutbürgerlichen Milieu kommt, ist den Fridays-for-Future-Köpfen bewusst, auch wenn sie - abgesehen vom Flugblatt - wenig tun, um ein heterogeneres Protestpublikum zu gewinnen.

Wie sehr die Demonstranten dadurch ihre eigene Blase verfestigen, versuchen ihnen am Samstag ein Verdi-Vertreter und der Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, Christoph Schmidt, klarzumachen. Alle Hoffnungen, dass eine CO2-Steuer nicht auf die Bürger abgewälzt werden würde, müssten die Aktivisten begraben, sagt Schmidt, der sich auf der Bühne sichtlich bemüht, auf Augenhöhe mit den Jugendlichen zu sprechen. Sein Altersgenosse von Verdi fordert eine niedrige Einstiegsteuer, um Menschen, die wenig haben, nicht sofort zu Gegnern der Klimaschutzpolitik zu machen. Die Aktivisten gehen nicht darauf ein. Stattdessen streitet sich Reemtsma so lange mit Schmidt, bis dieser entnervt sagt: "Meine Argumentation ist nicht wirr, das ist halt die reale Welt!" Vom Publikum erntet er nur ablehnende Zwischenrufe und empörte Blicke.

Hoch