RWI in den Medien

„Es ist wichtig für uns, dass nicht alles hoffnungslos ist“

Ragna Diederichs, 18, Organisatorin des „Fridays for Future“-Kongresses, übers Programm und das, was unerwünscht ist: aggressives Reden zum Beispiel.

Süddeutsche Zeitung vom 01.08.2019

SZ: Frau Diederichs, für den ersten Kongress von „Fridays for Future“ in Dortmund haben sich 1400 Aktivisten aus ganz Deutschland angemeldet. Wie bewältigen Sie diesen Ansturm?

Ragna Diederichs: Wir sind hier im Revierpark Wischlingen mit 200 Helfenden. Sie haben tagelang 40 Großzelte aufgebaut, da können 800 Menschen übernachten. Dann gibt es noch einen Platz für Privatzelte und zwei Turnhallen für unter 16-Jährige, die von zertifizierten Jugendleitern betreut werden. Es ist ziemlich beeindruckend, die Leute sind total motiviert.

Was bieten Sie den Kongressbesuchern?

Zuerst treffen wir uns an diesem Donnerstag alle vor unserer großen Bühne, es gibt einen Film über die Bewegung und ein paar Überraschungen. Nachmittags starten die Workshops, insgesamt 140 bis Samstag. Das geht von „Mein TShirt und schmelzende Polkappen“ über „StorytellingForFuture, oder: Wie rocke ich Interviews, Podien und Talkshowsofas?“ bis „Who’sForFuture, oder: Wer sind unsere Verbündeten im Kampf um die Zukunft?“. Die Beispiele zeigen, was der Kongress bezweckt: Wir wollen inhaltlich und methodisch dazulernen und uns besser vernetzen.

Wer wird die Workshops geben?

Leute aus unserer Bewegung und Spezialisten. Die Wasserexpertin Petra Döll, die am jüngsten Bericht des Weltklimarats mitgeschrieben hat, etwa wird über den globalen Wasserkreislauf informieren. Das Coole ist, dass der IPCCBericht ja auch sagt: Es ist noch möglich, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Es ist wichtig für uns, dass nicht alles hoffnungslos ist.

Sie bitten auch aufs Podium. Ihr Stargast?

Mehrere. Ich persönlich bin gespannt auf Christoph Schmidt, den Vorsitzenden der Wirtschaftsweisen, die die Bundesregierung beraten. Schmidt ist ein Top-Ökonom, der sich mit energiepolitischen Fragen auseinandersetzt und eine CO-Steuer fordert.

Wissenshierarchien und aggressives Redeverhalten sind unerwünscht, erfahren Teilnehmer auf Ihrer Website. Wer hat die Regeln für das Miteinander aufgestellt?

Den Verhaltenskodex hat eine 20-jährige Aktivistin entworfen, die Psychologie studiert. Das wurde im Organisationsteam besprochen, noch ein bisschen justiert und verabschiedet.

Gibt es auch ökologische Verhaltensregeln, etwa für die Anreise?

Nein, das versteht sich von selbst. Es gibt das günstige Sommerticket der Bahn, und wer sich das nicht leisten kann, wird von uns unterstützt. Dortmund ist gut angebunden, und durchs Ruhrgebiet will eh keiner mit dem Auto gurken. Die Gefahr ist übrigens gering, da die meisten von uns noch gar kein Auto fahren können. Das Durchschnittsalter der Kongressteilnehmer liegt bei etwa 17 Jahren.

Und der Müll, der zwischen Anreise am Mittwoch und Abreise am Sonntag bei so vielen Menschen anfällt?

Kein Problem, weil wir sehr wenig Müll verursachen. Im Sonderzug zu unserer Großdemo in Aachen im Juni hat sich der Lokführer am Ende über Lautsprecher bedankt, weil im ganzen Zug eine einzige Tüte Müll angefallen ist.

Der „Spiegel“ berichtete, ein früherer Mitstreiter könnte auf Kosten für diesen und andere Sonderzüge sitzen bleiben – wegen unklarer Verantwortlichkeiten. Wird sich FFF auf dem Kongress mit den eigenen Strukturen auseinandersetzen?

ch war da nicht involviert, weiß aber, dass unsere Finanz-AG ihn auf das Risiko, in die Logistik zu investieren, hingewiesen hat. Und ja, selbstverständlich befassen wir uns auf dem Kongress mit unseren Strukturen und Prozessen. Viele der mehr als 20 Arbeitsgruppen, auch die Finanz-AG, werden über Verfahrensweisen sprechen. Wir wollen ja immer besser werden.

Manche Juristen raten der Bewegung, sich eine rechtliche Struktur zu geben, am besten als Verein. Ist das eine Option?

Meines Wissens derzeit nicht. Wir haben über unsere Organisationsform immer wieder als Einzelpersonen, aber noch nicht deutschlandweit gesprochen. Der Kongress ist dafür auch nicht da, in Dortmund werden keine Entscheidungen getroffen.

Wie finanzieren Sie den Kongress?

Wir rechnen mit Kosten von unter 200 000 Euro. Die decken wir zu 80 Prozent durch Teilnahmegebühren, Einzelspenden und Crowdfunding und zu 20 Prozent durch NGOs und Stiftungen.

Wie hoch ist die Teilnahmegebühr?

Wir bräuchten 100 Euro, nehmen aber nur 40 Euro, von Leuten mit wenig Geld auch weniger oder gar nichts. Den Rest schießen wir aus der Kongresskasse zu.

Die Organisatoren sind vor einer Woche in den Park gezogen. Wo waren Sie zuvor?

Uns war klar, dass wir einen Kongress von diesem Ausmaß nicht über Telefonkonferenzen und Whatsapp-Gruppen organisieren können. Wir haben mit 20 und zeitweise auch mehr Leuten umsonst in einer riesigen Wohnung der Stadt Dortmund gewohnt, elf bis zwölf Stunden alle in einem Raum gearbeitet und jede Frage sofort geklärt. Diese direkte Kommunikation war für uns sehr, sehr gewinnbringend.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder von der CSU fordert auf einmal, den Klimaschutz ins Grundgesetz aufzunehmen. Plötzlich grün – freut Sie das?

Das liegt auf jeden Fall an uns. FFF hat dafür gesorgt, dass das Klima jetzt ein Thema ist, zu dem die Politik Stellung beziehen muss. Aber ehrlich: Schöne Worte nützen nichts. Nur konkrete Maßnahmen für das 1,5-Grad-Ziel bringen uns weiter.

Auch für viele andere in der Gesellschaft geht eine große Überzeugungskraft von Ihrer Bewegung aus. Aber Sie müssen das Thema in die Parlamente kriegen, nur dort können die großen Weichen gestellt werden. Wie wollen Sie das schaffen?

Unser nächstes Druckmittel ist der 20. September. Wenn in Berlin das Klimakabinett tagt, gehen wir mit allen Unterstützern, egal wie alt, auf die Straße. Es ist der Auftakt zu einer globalen Aktionswoche. Das Krasse ist doch: Eigentlich hat sich die Politik auf das 1,5- Grad-Ziel geeinigt. Wir werden dafür sorgen, dass sie es auch umsetzt.

INTERVIEW: SUSANNE KLEIN „Schöne Worte nützen nichts. Nur konkrete Maßnahmen für das 1,5- Grad-Ziel bringen uns weiter.“

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