RWI in den Medien

Vom Motto zur Marke

Greta Thunberg nutzte im Herbst 2018 zum ersten Mal einen Hashtag namens #FridaysforFuture – unter der Bezeichnung gibt es nun allein in Deutschland etwa 500 Ortsgruppen.

Süddeutsche Zeitung vom 29.07.2019

Greta Thunberg war sich anfangs selbst nicht sicher, ob „Fridays for Future“ Bestand haben würde. „Natürlich mache ich mir Sorgen, dass die Bewegung bald nachlassen wird“, sagte die Klimaaktivistin in einem Interview mit der SZ im Januar in Stockholm.

Rückblickend war diese Sorge unbegründet. In den vergangenen Monaten ist die von Schülern und Studenten getragene Bewegung „Fridays for Future“ kräftig gewachsen, vor allem in Deutschland. Die ersten Streiks hierzulande fanden im Dezember statt, zunächst in Bad Segeberg, kurz darauf mal mit 50 Schülern in Köln, mal mit 150 in Berlin. Am 24. Mai gingen bundesweit mehr als 300 000 Demonstranten auf die Straße, Ende Juni bei einer Aktion in Aachen gegen Braunkohle waren es 20 000 Teilnehmer. Von Mittwoch an treffen sich mehr als tausend Aktivisten der Bewegung zu einem fünftägigen Kongress in Dortmund, zu Workshops und Debatten. Wie ist aus Spontanprotesten eine Bewegung entstanden, die große Streiks und nun einen Kongress organisiert?

Wichtig waren anfangs vor allem die Symbolfigur Thunberg und das Internet. Im August 2018, als die Klimakrise in den Medien und im Alltag immer präsenter wurde, begann die damals 15-jährige Schwedin alleine ihren Schulstreik und berichtete davon auf Twitter. Im September nutzte sie erstmals den Hashtag #FridaysforFuture, bald wurde er von einem Motto zu einer Marke. Während Thunberg viel beachtete Reden bei der UN-Klimakonferenz in Kattowitz und dem Weltwirtschaftsforum in Davos hielt, versammelten sich weltweit immer mehr Schüler unter dem mittlerweile bekannt gewordenen Label. Selbst wer nur zu dritt auf die Straße ging, konnte über den Hashtag Teil des großen Ganzen werden und weitere Teilnehmer motivieren. Das funktionierte auch deshalb so gut, weil das Thema als solches sehr konsensfähig ist: Die Klimakrise betrifft schließlich alle.

In Deutschland sind aus den Streiks bis heute um die 500 Ortsgruppen entstanden. „Am Anfang herrschte das Chaosprinzip: Alle haben einfach mal gemacht, wie sie gedacht haben“, sagt Carla Reemtsma, 21, die Pressearbeit für die Bewegung macht. „Seitdem hat sich viel verändert, und Strukturen wurden geschaffen.“ Die Aktivisten diskutieren in Whatsapp-Gruppen und stimmen sich in Telefonkonferenzen ab. Delegierte vertreten dabei die Beschlüsse der Ortsgruppen. Zudem gibt es bundesweite Arbeitsgruppen zu Themen wie „Kampagnen“ oder „Internationalismus“.

Die „AG Struktur“ hat vor Kurzem ein 21-seitiges Organisationspapier erstellt, in dem sich die Bewegung auf basisdemokratische Prinzipien beruft, um eine Graswurzelbewegung ohne Anführer bleiben zu können. Eine „deutsche Greta Thunberg“ wollen sie nicht. Dass die Studentin Luisa Neubauer zum Gesicht der Bewegung wurde, hat bei vielen Aktivisten Unmut ausgelöst. Im April entstand aus Abstimmungsprozessen heraus eine Forderungsliste an die deutsche Politik: Einhaltung des Pariser Abkommens und des 1,5°-Grad-Celsius- Ziels, Kohleausstieg bis 2030, 100 Prozent erneuerbare Energien bis 2035. Darauf können sich alle berufen, egal, ob sie in Reutlingen oder Kiel auf die Straße gehen.

„Die Bewegung hat sich auf jeden Fall professionalisiert“, sagt Moritz Sommer vom Berliner Institut für Protest- und Bewegungsforschung, der „Fridays for Future“ als „große Erfolgsgeschichte“ bezeichnet: „Sie macht clevere Medienarbeit und sieht von außen sehr organisiert aus.“ Mit dem führenden Protestforscher Dieter Rucht hat Sommer gerade eine Zwischenbilanz zu den Schülerstreiks vorgelegt. Sie nennen auch die Schule selbst als Faktor für die Mobilisierung – dort sind die Jugendlichen täglich und ohne Einfluss von außen im Austausch.

Eine Studie des Instituts ergab, dass mehr als die Hälfte der Aktivisten Abitur hat oder anstrebt. 70 Prozent fühlen sich der Mittelschicht zugehörig, fast 80 Prozent sehen sich als politisch links. Bei diesem soziokulturellen Hintergrund ist anzunehmen, dass viele den Rückhalt ihrer Eltern haben, um freitags demonstrieren statt lernen zu gehen. Wie es nach den ersten Sommerferien für die Bewegung weitergeht, soll auch beim Kongress in Dortmund diskutiert werden. Er wird ehrenamtlich organisiert, von jungen Menschen, die das zum ersten Mal machen. Der Spiegel berichtet von Problemen bei der Finanzierung des Protests im Juni in Aachen: Ein Aktivist könnte auf einem Teil der von ihm investierten 73 000 Euro für einen Sonderzug sitzen bleiben.

Beim fünftägigen Kongress werden der Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, ein Bereichsleiter der Gewerkschaft Verdi und der Kabarettist Marc-Uwe Kling erwartet. In Workshops können die Teilnehmer etwas über die physikalischen Grundlagen des Klimawandels, zivilen Ungehorsam oder Talkshowauftritte lernen, und bei Vernetzungstreffen wollen sich Aktivisten, die sich bisher nur über Whatsapp und vom Telefon kennen, endlich persönlich treffen. Ziel des Kongresses ist es, sich weiterzubilden und auf den Herbst vorzubereiten: Für den 20. September ist der dritte weltweite Streik geplant. Diesmal sollen auch die Erwachsenen dabei sein.

Hoch