RWI in den Medien

Das Geschäft mit der Kälte

Bei Temperaturen weit über 30 Grad und sengender Hitze versprechen Klimaanlagen Abkühlung. Immer mehr Privatleute lassen die Technik in ihre Wohnungen einbauen - und die Fachfirmen können die Nachfrage kaum bewältigen.

Hannoversche Allgemeine Zeitung Stadtausgabe vom 27.07.2019

Michael Stritzl kann wieder gut schlafen. Im Sommer vergangenen Jahres hat er in seinem Schlafzimmer bei Temperaturen um bis zu 30 Grad geschwitzt. „Das Zimmer liegt zur Südseite, da war eine Abkühlung auch nachts kaum möglich“, berichtet der Industriekaufmann aus Vahrenheide. In diesem Sommer ist das anders. Die Außentemperaturen sind zwar wieder tropisch, doch Stritzl kann sich bei angenehmen 21 Grad zur Nachtruhe begeben. Vor drei Wochen hat er in seinem Reihenmittelhaus aus den Sechzigerjahren für rund 2300 Euro eine fest installierte Klimaanlage einbauen lassen. „Ich kann jetzt schon sagen: Die Investition hat sich gelohnt.“ Stritzl hatte vorgesorgt und bereits vor mehr als drei Monaten einen Termin mit dem Kältetechniker vereinbart, der die Anlage jetzt eingebaut hat. Wer sich dieser Tage wegen der Hitze spontan entscheidet, seine Wohnung auf gleiche Weise klimatisieren zu lassen, muss mit großer Sicherheit damit rechnen, enttäuscht zu werden. Die Fachfirmen sind am Limit. „Wir sind völlig ausgebucht und haben schon Termine bis in den Oktober und November vereinbart“, sagt Eckhard Giesemann, Geschäftsführer der Langenhagener Firma Kältech, die sich seit zwölf Jahren auf Klimaanlagen spezialisiert hat.

Sechs Termine am Tag arbeiteten seine Mitarbeiter im Stadtgebiet von Hannover und im Umland zurzeit ab - vom Beratungsgespräch über den Einbau der Anlage bis zur Wartung. 30 bis 40 neue Klimaanlagen würden im Laufe dieses Sommers jeden Monat installiert - „zu 90 Prozent bei Privatleuten“. Den gesamten Jahresumsatz von 2018 habe man in diesem Jahr bereits im Juli erreicht, sagt der Unternehmer.

Heftige Hitzeperioden, Temperaturen weit über 30 Grad und die Aussicht, dass dies auch künftig eher die Regel als die Ausnahme sein wird - da boomt das Geschäft mit der Kälte. Auch die Branche bundesweit zeigt sich zufrieden. In einer Umfrage des Verbandes Deutscher Kälte-Klima-Fachbetriebe (VDKF) bewerten fast 60 Prozent der Unternehmen ihre aktuelle Geschäftslage als gut; rund 70 Prozent machten im vergangenen Jahr einen Umsatz bis zu 2 Millionen Euro, ein Drittel der Betriebe erwirtschaftete mehr. Dabei ist noch viel Luft nach oben. Dem Essener Wirtschaftsforschungsinstitut RWI zufolge sind derzeit nur 4 Prozent der deutschen Haushalte mit eingebauten Klimageräten ausgestattet. Bis zum Jahr 2030 könnten es laut Schätzungen schon 13 Prozent sein.

Dass immer mehr Privatpersonen sich bei steigenden Außentemperaturen in den eigenen vier Wänden kontinuierlich Kühlung verschaffen möchten, kann Giesemann bestätigen. Machten zuvor Firmen oder öffentliche Einrichtungen den Großteil seiner Kunden aus, habe sich das in den vergangenen drei bis vier Jahren zunehmend geändert. „Mit dem extrem heißen Sommer 2018 kam dann noch mal ein richtiger Kick. Schließlich haben die Leute im Auto eine Klimaanlage und meist auch im Büro. Da fragen sie sich, warum sie zu Hause schwitzen sollen.“ Der weit überwiegende Teil der Aufträge seien Nachrüstungen in bestehenden Gebäuden, vor allem in Ein- und Zweifamilienhäusern, sagt Giesemann. Es sei noch die Ausnahme, dass in Neubaugebieten von vornherein Klimaanlagen von den Architekten eingeplant würden.

Trotz der guten Geschäftslage hat Giesemann ein Problem. Er findet nicht genug Fachkräfte. 30 Angestellte arbeiten derzeit in dem Langenhagener Betrieb, 18 von ihnen kümmern sich allein um Klimaanlagen. Zwar hat der Unternehmer sein Team binnen drei Jahren schon verdreifacht. „Aber wir könnten noch deutlich mehr einstellen.“ Nun muss er seine Kunden mit einer Wartezeit von 14 bis 17 Wochen vertrösten.

Die Wülfeler Firma Köthe wäre froh, überhaupt erst einmal eine auf Kältetechnik spezialisierte Fachkraft einstellen zu können. Der Heizungs- und Sanitärbetrieb wollte in diesem Jahr mit einem neuen Geschäftsfeld durchstarten und auch den Einbau von Klimaanlagen anbieten. Den Internetauftritt hatte man bereits entsprechend geändert. Doch dann stellte sich heraus, dass kein Personal verfügbar ist. Auch Arbeitsamt und Jobcenter hätten nicht helfen können, sagt Mitarbeiterin Kristina Kordas. „Derzeit haben wir täglich fünf bis sechs Anfragen von Kunden, die eine Klimaanlage haben wollen. Aber die muss ich alle enttäuschen.“

Michael Stritzl fühlt sich wohl in seinem klimatisierten Schlafzimmer. Nach einem Versuch mit einer mobilen Anlage aus dem Baumarkt für immerhin 300 Euro ist er sicher, nun die deutlich bessere Lösung gefunden zu haben. „Die war laut und sah alles andere als schön aus. Außerdem musste ich die warme Luft mit einem Schlauch aus dem geöffneten Fenster ableiten - das hat alles nicht richtig funktioniert.“ Zudem sei der Stromverbrauch mit der fest installierten Variante, die vergleichsweise dezent an der Wand hängt, geringer. Die nächsten heißen Sommer können kommen: Der Hersteller hat eine Lebensdauer von 15 Jahren versprochen.

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