RWI in den Medien

Es ruckelt schon

Der Maschinenbau ist Deutschlands wichtigste Industrie – und steht vor einer Krise. Das liegt nicht an der Wirtschaft, sondern an der Politik.

DIE ZEIT vom 18.07.2019

Stellt man sich die deutsche Wirtschaft als Kreuzfahrtschiff vor, sieht die Lage etwa so aus: Im Maschinenraum qualmt es bedrohlich, doch auf dem Sonnendeck herrscht prima Stimmung. Niemand spürt dort, in den Restaurants oder im Spa-Bereich irgendein Problem. Für die meisten Menschen auf diesem Schiff fühlt sich alles ganz normal an. Erst wenn man Leute trifft, die sehr spezielle Maschinen herstellen, bekommt man ein Gefühl dafür, dass auf diesem Schiff etwas nicht in Ordnung ist. Leute wie Carl Martin Welcker, 58, den Präsidenten des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Er sieht mit großer Sorge, wie sich die Auftragslage in seiner Branche immer mehr verschlechtert. Das betrifft auch sein eigenes Unternehmen, die Alfred H. Schütte GmbH in Köln.

Die 1880 von Welckers Urgroßvater gegründete Firma baut sogenannte Mehrspindeldrehautomaten, das sind Maschinen, mit denen man Bauteile für Fensterheber, Airbags, Kugellager oder Zündkerzen in millionenfacher Stückzahl herstellen kann. Auf der einen Seite der Maschine schiebt man eine Metallstange hinein, auf der anderen kommen in rasendem Tempo Metallkörper für Zündkerzen heraus. Von den etwa eine Milliarde Zündkerzen, die auf der Welt pro Jahr benötigt würden, entstünden mehr als 80 Prozent auf seinen Maschinen, erzählt Welcker stolz.

Die Erfolgsgeschichte hat nur einen Haken: Sie spiegelt die Vergangenheit. Die Gegenwart sieht weniger glänzend aus. Denn viele seiner Kunden wollen Welckers Maschinen plötzlich nicht mehr haben. Sie stornieren Aufträge und bestellen keine neue Ware mehr. Wie stark der Rückgang ist, will der Unternehmer nicht verraten, aber ein Teil seiner 600 Mitarbeiter in Köln ist schon seit Mai in Kurzarbeit. Es fehlt schlicht an neuen Aufträgen.

Damit steht die Alfred H. Schütte GmbH nicht allein da. Quer durch den Maschinenbau brechen vielen Firmen plötzlich die Aufträge weg. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres schrumpfte der Wert der neuen Bestellungen in der Branche um neun Prozent, berichtet Welcker. Der Rückgang ist so rasant, dass sein Verband die Prognose für das laufende Jahr zweimal nacheinander senken musste – das gab es zuletzt während der Finanzkrise. Inzwischen erwartet der VDMA für dieses Jahr einen Produktionsrückgang von zwei Prozent. Es qualmt also schon heftig in dieser Branche. Das ist ein Alarmzeichen für die deutsche Volkswirtschaft, auch wenn auf den oberen Decks noch niemand den Rauch riecht.

Die meisten Maschinenbau-Unternehmen sind kaum bekannt. Sie produzieren keine Konsumartikel, keine Autos, kein Bier und keine Teppiche – sondern die Maschinen, mit denen man Autos, Bier oder Teppiche herstellen kann. Genau darin ist Deutschland aber Weltspitze: im Bau hochkomplexer Anlagen und Maschinen. Das macht den Kern der deutschen Industrie aus. Kein anderer Industriezweig beschäftigt mehr Mitarbeiter als der Maschinenbau, nicht die Autoindustrie und nicht die Chemie. Rund 1,1 Millionen Arbeitnehmer verdienen ihr Geld mit der Produktion von Produktionsanlagen. Und keine Branche verkörpert so sehr das typisch deutsche Erfolgsmodell: Mittelständler, nicht Konzerne, bedienen mit hochspeziellen Produkten den Weltmarkt. Die rund 6500 kleinen und mittelgroßen Firmen im Maschinenbau erwirtschaften etwa 80 Prozent ihres Umsatzes im Export – wenn alles gut läuft.

Die Unternehmen stecken zwischen Donald Trump und Greta Thunberg in der Klemme

Doch die Krisensignale in dieser Schlüsselbranche mehren sich. VDMA-Präsident Welcker warnt seine Kollegen: »Da ist ein Sturm im Anmarsch, und ihr müsst die Luken dicht machen!« Wie auch immer man es beschreibt, als Qualm im Maschinenraum oder heraufziehendes Unwetter: Die Aussichten für die beschäftigungsstärkste Industrie des Landes verschlechtern sich in beunruhigendem Tempo.

Der Grund dafür liegt nicht in der Wirtschaft selbst. Das ist anders als in den beiden letzten großen Krisen. Im Jahr 2000 waren zuerst die Börsenkurse abgestürzt, im Jahr 2007 brach der USHäusermarkt zusammen, beide Male reagierte darauf die Politik. Diesmal ist es andersherum, diesmal steht die Politik am Anfang der Probleme, und die Wirtschaft reagiert.

Der bekannteste Auslöser der wirtschaftlichen Störungen ist US-Präsident Donald Trump, der einen Handelskrieg mit China angezettelt hat. Die von seiner Regierung verhängten Strafzölle und die Vergeltungsmaßnahmen der Chinesen belasten den Welthandel zunehmend. Und kein anderes großes Industrieland ist so empfindlich für Schwankungen der Weltwirtschaft wie Deutschland. Vor allem betroffen: der Maschinenbau.

Hinzu kommt die Umwelt- und Klimapolitik. Bei der letzten Bundestagswahl spielte sie noch keine große Rolle, die Grünen erhielten bloß 8,9 Prozent der Stimmen und rangierten damit im Parteienvergleich an sechster Stelle. Doch spätestens seit Greta Thunberg und den »Fridays for Future«-Demos ist das Thema auf der politischen Tagesordnung ganz nach oben gerückt. Nun soll sich auf einmal ganz viel bewegen. Was genau, ist aber noch unklar. Kommt eine nationale CO-Abgabe für den Verkehr, und wie hoch wird sie sein? Drohen weitere Fahrverbote in den Innenstädten? Stehen die Verbrennungsmotoren schon bald vor dem Aus, oder haben sie noch eine Zukunft in den nächsten 20 Jahren? Wie schnell wird die Infrastruktur ausgebaut, die für E-Autos nötig ist? »Weil das alles niemand weiß, herrscht in der Autoindustrie extreme Unsicherheit«, sagt VDMA-Präsident Welcker. »Und solange diese Fragen nicht geklärt sind, investiert niemand in neue Maschinen.« Man könnte sagen: Der Maschinenbau steckt zwischen Trump und Greta in der Klemme.

Hinzu kommen weitere politische Themen. Eines davon vermiest der Krones AG das Ergebnis. Krones, 16.700 Mitarbeiter, 3,8 Milliarden Euro Umsatz im vergangenen Jahr, ist eine der wenigen börsennotierten Firmen im Maschinenbau. Das Unternehmen mit Sitz in Neutraubling bei Regensburg stellt Anlagen für die Getränkeindustrie her, von der Etikettiermaschine bis zur kompletten Fabrik. Vor einer Woche gab Krones überraschend bekannt, dass das Konzernergebnis vor Steuern in diesem Jahr nur halb so hoch ausfallen werde wie erwartet – der Aktienkurs sackte daraufhin um 20 Prozent ab.

Ein wesentlicher Grund für die schlechteren Geschäfte: Krones hat bisher viel Geld mit Maschinen verdient, mit denen sich Plastikflaschen blasen und formen lassen. Doch binnen Kurzem hat sich die Stimmung verändert – Kunststoff ist in Verruf geraten wie noch nie, viele Produkte aus Plastik werden geradezu geächtet. Jüngst hat die EU ein Verbot für Trinkhalme aus Plastik beschlossen. Nun fragen sich viele Kunststoffproduzenten, was als Nächstes folgt – und warten lieber ab, bevor sie eine neue Anlage in Auftrag geben.

Solche Investitionen lassen sich nur tätigen, wenn man eine klare Vorstellung von der Zukunft hat. Wer heute eine Plastikflasche kauft, kann sich morgen wieder anders entscheiden, wer aber eine ganze Fabrik für Plastikflaschen kauft, will wissen, ob er sie auch in 20 Jahren noch betreiben kann. Die Verunsicherung in der Kunststoffindustrie sei »extrem«, sagen Branchenexperten. Für Krones heißt das: Vorerst gilt ein Einstellungsstopp, weitere Sparmaßnahmen sollen folgen.

Ob Handelsstreit, Klima, Plastik oder der ebenfalls noch ungelöste Brexit – die meisten Unternehmen könnten sich wohl mit neuen Bedingungen arrangieren. Wenn nur endlich klar wäre, wie die aussehen. Nichts verhindert Investitionen so wirkungsvoll wie anhaltende Unsicherheit.

Solange unklar bleibt, wohin der Handelsstreit noch führen wird, und solange wichtige Entscheidungen in anderen Politikfeldern weiter aufgeschoben werden, bleibt den Firmen nur, sich für eine weitere Verschlechterung zu wappnen. Wie zum Beispiel der Firma Trumpf. Das Unternehmen mit Sitz in Ditzingen bei Stuttgart produziert Werkzeugmaschinen und Laser, mit denen man schneiden, schweißen und Material beschriften kann. Knapp 14.000 Beschäftigte arbeiten weltweit für Trumpf, die Hälfte davon in Deutschland. Der Umsatz lag im vergangenen Jahr bei 3,6 Milliarden Euro. Als Lehre aus der Finanzkrise hat das Unternehmen schon im Jahr 2017 ein Team geschaffen, das Pläne für den Notfall vorbereiten soll. »Koyer« heißt das Projekt, benannt nach den Arbeitern, die früher Deiche bauten. Trumpf will sich also – jeder benutzt seine eigene Krisenmetapher – vor einer Flut schützen.

Weiten Teilen der Wirtschaft geht es noch sehr gut – doch das könnte sich ändern

Auch der Laserspezialist bekommt die verschlechterte Konjunktur bereits zu spüren. In den Büchern landen seit Monaten immer weniger neue Aufträge. Vor allem Kunden aus der Autoindustrie und aus China zögern, neue Anlagen zu bestellen. »Ob sich die derzeitige Eintrübung der Wirtschaft zur Krise ausweitet, kann aber niemand sagen«, sagt Trumpf-Finanzchef Lars Grünert vorsichtig. Noch hat das Koyer-Team auch nicht den Notfall ausgerufen. Erste Sparmaßnahmen sind aber in Kraft. Man sei jetzt beim Einstellen neuer Mitarbeiter »zurückhaltend«, berichtet Grünert. Außerdem würden Projekte genauer geprüft und im Einzelfall verschoben. Zum Krisen-Instrumentarium bei Trumpf gehören außerdem Arbeitszeitkonten. Im vergangenen Jahr wurden die Mitarbeiter aufgefordert, zusätzliche Stunden zu arbeiten und so ihre Konten aufzufüllen. So sollte eine Art »Zeitspeck« entstehen, also ein Puffer für Phasen, in denen es an Arbeit mangelt. Inzwischen sind die Konten voll. Wenn die Konjunktur weiter nachlässt, könnten die darauf gebuchten Stunden abgebaut werden – bevor Kurzarbeit oder gar Entlassungen nötig wären. Bei Trumpf fühlt man sich deshalb für eine Krise gut gerüstet.

Kommt eine neue Krise? Oder bleibt es nur bei einem bisschen Qualm im Maschinenraum? Klar ist, dass es weiten Teilen der deutschen Wirtschaft noch immer sehr gut geht, das gilt etwa für den Bau, viele Dienstleistungsbranchen und selbst für einige Fachbereiche des Maschinenbaus. Ebenso klar ist aber, dass die größten Industriezweige einen deutlichen Rückgang spüren. Neben dem Maschinenbau betrifft das die Chemie- und Pharmaindustrie mit einem Produktionsminus im ersten Halbjahr von 6,5 Prozent und die Automobilhersteller mit minus zwölf Prozent. »Die Industrie ist bereits in einer Rezession«, sagt Roland Döhrn, Konjunkturforscher am RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung. Unklar sei nur, wie weit sich diese verschärfe und ob sie auf die gesamte Wirtschaft übergreife.

Man kann abwarten und hoffen, dass alles nicht so schlimm kommen wird. Vielleicht bleibt es ja bei einem Abschwung und wächst sich nicht zu einer echten Krise aus. Aber die Politik könnte etwas tun, um den Qualm im Maschinenraum zu bekämpfen. Nötig wäre diesmal nicht das übliche Konjunkturprogramm. Gefordert wären vor allem Entscheidungen, die das Investieren erleichtern.

Donald Trump wird wohl unberechenbar bleiben. Neue Handelsabkommen, wie der Mercosur-Vertrag mit mehreren südamerikanischen Staaten, könnten ein Ausweg sein. Sie geben zumindest für den Warenaustausch mit anderen Ländern ein Stück Sicherheit. Dazu müsste das Abkommen aber auch bald ratifiziert werden.

Bei der Klimapolitik ist das Problem lange bekannt, die erste UN-Klimakonferenz fand 1995 in Berlin statt. Oft wird aus ökologischen Gründen gefordert, endlich zu entscheiden, wie die Klimaziele konkret erreicht werden sollen – etwa mit einer CO-Steuer. Nun zeigt sich: Auch aus wirtschaftlichen Gründen sind Entscheidungen überfällig.

Hoch