RWI in den Medien

Klinik-Reform: Krankenhäuser befürchten Kahlschlag

Die Sorge: 350 Standorte könnten durch eine straffere Planung bedroht sein. Das Gesundheitsministerium widerspricht.

Westdeutsche Allgemeine WAZ Essen-Rüttenscheid vom 06.07.2019

Klinikdirektoren und Krankenhausverbände laufen Sturm gegen die neue Krankenhausplanung in NRW. Die Befürchtung ist, dass drei Viertel aller Standorte an Rhein und Ruhr bedroht sein könnten. Hintergrund ist ein Gutachten zur Analyse der Versorgungssituation, das im Auftrag des Gesundheitsministeriums erarbeitet wird.

Für das Gutachten wurde Professor Reinhard Busse von der TU Berlin beauftragt. Busse hält 300 bis 400 Kliniken in Deutschland für ausreichend und sieht einen Bedarf von einer Klinik pro 250.000 Einwohner. Das wäre ein Krankenhaus für eine Stadt wie Gelsenkirchen. Wolfgang Mueller, Chef des Verbandes der Krankenhausdirektoren Deutschlands (VKD) in NRW, kritisiert diesen rechnerischen Ansatz als „zu schlicht“. Man könne nicht einfach ein Förmchen über NRW legen, ohne regionale Besonderheiten zu beachten.

Maud Beste vom Landesvorstand ergänzt: Man dürfe Patienten und Mitarbeiter zudem nicht durch eine „unnötige Strukturbereinigungs-Diskussion“ verunsichern. Der VKD stellte sich damit hinter ein jüngst vorgestelltes Grundsatzpapier der Krankenhausgesellschaft NRW (KGNW) zur Krankenhausplanung. „Die Wahlfreiheit des Krankenhauses für die Bürger muss auch zukünftig gegeben sein“, forderte KGNW-Präsident Jochen Brink.

Das NRW-Gesundheitsministerium erklärte auf Anfrage, man könne die Befürchtungen nicht nachvollziehen. „Gerade in Anbetracht begrenzter finanzieller Ressourcen und des Fachkräftemangels sind ressourcenschonende Strukturen notwendig“, so eine Sprecherin. Deswegen seien „Zentralisierung und Spezialisierung“ nötig. Der VKD befürchtet, dass man kleinen Häusern durch diese Strategie die Grundlage entzieht. „Wenn sich nur noch der spezialisieren darf, der eine bestimmte Größe hat, nimmt man kleinen Häusern ihre Möglichkeiten“, so Wolfgang Mueller. Studienautor Reinhard Busse zeigte sich verwundert über die Kritik an dem Gutachten, das erst im Laufe des Sommers vorgestellt werden soll. „Wir haben uns die Entwicklung jedes Krankenhauses in NRW genau angesehen“, so Busse auf Anfrage. Ein vergleichbares Gutachten für Niedersachsen und Bayern habe er, anders als vom VKD behauptet, nie verfasst.

Dass das Land NRW Busses Gutachten zum Anlass nimmt, um Massenschließungen in Gang zu setzen, hält Gesundheitsexperte Boris Augurzky vom Essener RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung für unrealistisch. „Es wird künftig eher Richtung Detailplanung gehen“, also darum, ob man eine Abteilung von einem Krankenhaus in ein anderes verlagern könne. Gleichzeitig gehe die Zentralisierung in NRW aktuell ohnehin voran – auch ohne neue Krankenhausplanung. Als Beispiel nannte er die radikalen Umbrüche im Essener Norden. Dort soll ein großes Krankenhaus entstehen, zwei andere Häuser in der Umgebung sollen zu „ambulanten Versorgungszentren“ umgebaut werden.

Der VKD wirft der Landesregierung auch vor, seinen Investitionsverpflichtungen seit Jahren nicht nachzukommen. Das Ministerium sieht hier vor allem ein Versäumnis der rot-grünen Vorgängerregierung. 2020 seien insgesamt 865 Millionen Euro für die Verbesserung der Strukturen in der Versorgung vorgesehen, so eine Sprecherin.

Hoch