RWI in den Medien

"Deutschland hat ein Autoproblem"

Auftragsminus beschleunigt Talfahrt der Industriekonjunktur / Strukturwandel in der Autoindustrie trägt dazu bei.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 06.07.2019

Der Abschwung der deutschen Industrie setzt sich fort. Nachdem sich ihr Auftragseingang zuletzt stabilisiert hatte, folgt mit den im Vergleich zum Vormonat saisonbereinigt um rund 2 Prozent geschrumpften Bestellungen nun ein weiterer Tiefschlag. Dass vor allem die Aufträge aus dem Nichteuroraum kräftig zurückgegangen sind, ist aus Sicht von Ökonomen der abflauenden Weltkonjunktur geschuldet. Zudem bleibt die globale Unsicherheit hoch, der Handelskonflikt mit Amerika etwa weiter ungelöst. Das alles belastet vor allem die stark exportorientierten Industriebereiche wie den Maschinenbau. Am Dienstag korrigierte der Branchenverband VDMA seine Wachstumsaussichten für dieses Jahr nach unten.

Die Verbände der chemischen Industrie und der Automobilindustrie taten es ihm gleich. Die Autohersteller plagt zudem der Strukturwandel hin zur Elektromobilität. "Eindeutig hat Deutschland derzeit ein Autoproblem", sagte Roland Döhrn, Konjunkturchef am Essener RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, der F.A.Z. Die Autoindustrie sei in Deutschland noch immer ein Schlüsselsektor, dessen Strukturwandel auf viele Bereiche ausstrahle, etwa auf Lack- und Kunststoffhersteller oder die Stahlindustrie. Die Trennung zwischen Konjunktur und Strukturwandel sei deshalb auch nicht hilfreich. "Wenn die Autohersteller strukturelle Probleme haben und weniger investieren, dann kommt das beim Maschinenbau als konjunkturelles Phänomen an", meint Döhrn. Zudem würden strukturelle Anpassungsprozesse üblicherweise dann vollzogen, wenn die Unternehmen aus konjunkturellen Gründen unter Druck geraten. Alles in allem verheißen die Auftragszahlen aus RWI-Sicht für das zweite Halbjahr für die gesamte Industrie nichts Gutes.

Auch unter anderen Ökonomen mehren sich die Zweifel an einer baldigen konjunkturellen Kehrtwende. "Die Hoffnungen auf eine spürbare Besserung im dritten Quartal schwinden", sagte Commerzbank- Ökonom Ralph Solveen. Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der INGBank, sprach von einer Woche des Vergessens für die deutsche Wirtschaft. Zuletzt haben viele Forscher ihre Prognose für 2019 gesenkt. Das Münchener Ifo-Institut und das Institut für Weltwirtschaft in Kiel erwarten nunmehr ein Wachstum von 0,6 Prozent. Das RWI ist mit 0,8 Prozent eine Spur optimistischer. Dass die Auslandsnachfrage nach Vorleistungsgütern wie deutschen Maschinen so schwach läuft, sei allerdings "ein Warnsignal, weil sie vorne in der Produktionskette stehen", so RWI-Ökonom Döhrn.

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