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Zu wenig Personal: Müssen Frühchenstationen schließen?

Strengere Kriterien bedrohen die Versorgung von Frühgeborenen: Nur wenige Zentren erfüllen die neuen Vorgaben. Nun soll die Testphase verlängert werden.

Hannoversche Allgemeine Zeitung Stadtausgabe vom 22.06.2019

Zu ehrgeizige Personalvorgaben gefährden die Versorgung von Frühgeborenen, wie die Niedersächsische Krankenhausgesellschaft in Hannover warnt. Fast keines der 19 niedersächsischen Zentren für Früh- und Neugeborene kann die strengen neuen Anforderungen erfüllen - und dürfte damit spätestens ab 2021 keine Frühchen mehr versorgen. Auch das Kinderkrankenhaus Auf der Bult in Hannover verfehlt die Zielvorgaben - trotz seiner anerkannt guten Leistungen.

1:1-Schlüssel für Behandlung

Nach den Personalvorgaben des Gemeinsamen Bundesausschusses, die seit 2017 getestet werden, muss auf ein behandlungsbedürftiges Extrem-Frühchen eine Intensivpflegekraft kommen, die sich ausschließlich um das Frühgeborene kümmert. Bei Frühchen, die nur überwacht werden müssen, dürfen zwei Kinder auf eine Fachkraft kommen. Die Regelung gilt für extrem Frühgeborene, die bei der Geburt weniger als 1500 Gramm wiegen. 842 dieser Kinder wurden 2018 in Niedersachsen geboren, bundesweit gibt es rund 9000 sogenannte Extremfrühchen pro Jahr.

Das Problem: Die Bundesvorgaben verlangen, dass die Schichten in den Frühgeborenenzentren übers Jahr quasi durchgängig so gut besetzt sind, dass die neuen Vorgaben erfüllt werden. „Geburten sind aber nicht planbar. Wir müssten eine Vielzahl von zusätzlichen Fachkräften beschäftigen“, sagt Prof. Florian Guthmann, Chefarzt Neonatologie im Kinderkrankenhaus Auf der Bult. Auch angesichts des Personalmangels in der Pflege sei dies aktuell nicht möglich. Die Richtlinien, für die bisher Übergangsregelungen gelten, sollten zum 1. Januar 2020 in Kraft treten. Verfehlen Krankenhäuser die Vorgaben dauerhaft, müssten sie ihre Perinatalabteilungen im Folgejahr schließen. Ein Zusammenbruch der Versorgung wäre die Folge.

Riskante Transporte drohen

„Viele der 19 niedersächsischen Zentren für Früh- und Neugeborene dürften bereits ab 1. Januar 2020 keine Frühgeborenen mehr versorgen“, warnt Helge Engelke, Verbandsdirektor der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft. Die kurzfristige Folge, wenn Stationen sich abmelden müssen: Frühgeborene müssten möglicherweise unter lebensbedrohlichen Risiken in andere Krankenhäuser verlegt werden. „Ein Transport ist für diese Kinder mit teils nur 500 Gramm Gewicht aber eine Riesengefährdung. Wir fühlen uns dem Wohl der Kinder verpflichtet und nicht der Einhaltung einer Richtlinie“, betont Guthmann.

Im Detail geht es um zwei Vorschriften: Der vorgegebene Personalschlüssel muss in 95 Prozent der Schichten erfüllt werden. Außerdem darf er nicht in mehr als zwei aufeinanderfolgenden Schichten verletzt werden. „Die zweite Vorschrift ist eigentlich ein Knock-out-Kriterium“, sagt Prof. Boris Augurzky vom RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, der die Daten von acht niedersächsischen Perinatalzentren untersucht hat. Selbst die bestversorgte Klinik kann dies nicht durchgängig gewährleisten. Der Experte bezeichnet diese Vorgabe als unwirtschaftlich, weil dafür ein extremer Personalaufbau erforderlich wäre. „Die Mitarbeiter hätten auch viel Leerlauf.“ An anderer Stelle sei Pflegepersonal aber dringend gefragt.

Das Kinderkrankenhaus Auf der Bult kann knapp 92 Prozent der Schichten in seinem Perinatalzentrum wie gefordert besetzen. „Um auf 95 Prozent zu kommen, müssten wir 20 Vollzeitkräfte mehr einstellen. Das schaffen wir nicht“, sagt der Ärztliche Direktor Thomas Beushausen. Bisher kann den geforderten Schlüssel nur eines der 19 Perinatalzentren in Niedersachsen gewährleisten. Beushausen geht davon aus, dass seine Klinik bis 2024 genügend Fachkräfte zur Verfügung hat, wenn die Ausbildungskurse weiter gut gefüllt sind. „Der Mitarbeiteraufbau ist sinnvoll. Es ist aber falsch, Zentren zu schließen, wenn das nicht bis nächstes Jahr klappt.“ In Hannover verfügt außerdem die Medizinische Hochschule über ein Perinatalzentrum. Beide Kliniken kommen zusammen auf knapp 200 extrem Frühgeborene pro Jahr.

Festgelegt hat die Richtlinie über Maßnahmen zur Qualitätssicherung der Versorgung von Früh- und Reifgeborenen der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA), das oberste Beschlussgremium von Ärzten, Krankenhäusern und Krankenkassen. Der G-BA ist nun zurückgerudert. Das Gremium kündigte an, dass die Übergangsregelung zur Erfüllung der Personalvorgaben über den 31. Dezember 2019 hinaus verlängert werden muss.

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