RWI in den Medien

Verzichten für den Klimaschutz?

Wer CO2 verursacht, soll dafür bezahlen, sagt der Chef der Wirtschaftsweisen. Die Politik spricht von drohenden sozialen Härten. Und wozu sind wir bereit?

Main Post – Würzburger Neueste Nachrichten vom 11.06.2019

Kurze Flüge, viel Fleisch und Wurst, mit dem Auto durch die Innenstadt: Für den Kampf gegen den Klimawandel ist eine Mehrheit der Deutschen gewillt, darauf zu verzichten – zumindest auf dem Papier. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov sind drei von vier Erwachsenen (74 Prozent) bereit, auf Kurzstreckenflüge zu verzichten. Fast zwei Drittel (63 Prozent) würden „deutlich“ weniger Fleisch essen, immerhin noch 56 Prozent auf das Autofahren in Innenstädten verzichten.

Im Flug- und im Straßenverkehr sowie in der Tierhaltung entstehen viele Treibhausgase, vor allem Kohlendioxid (CO2) und Methan. Im Herbst will die Koalition aus Union und SPD Grundsatzentscheidungen treffen, die Deutschland beim Klimaschutz wieder auf Kurs bringen sollen – diese könnten den CO2-Ausstoß teurer machen, etwa als Aufschlag auf Benzin- und Heizölkosten.

Einen CO2-Preis hält der Chef der Wirtschaftsweisen für die kostengünstigste Methode beim Klimaschutz. „Die Chance, dieses Preissignal nun in die Tat umzusetzen, war noch nie so groß wie jetzt“, sagt Christoph Schmidt, Wirtschaftsprofessor an der Universität Bochum. Schmidt ist von der Bundesregierung beauftragt, eine Studie dazu auszuarbeiten. Mit Blick auf die einzelnen Bürger sagt er aber auch: „Klimaschutz gibt es nicht zum Nulltarif.“

Beim Geld hört allerdings für viele der Spaß auf. Immerhin die Hälfte der Deutschen findet es der Umfrage zufolge noch akzeptabel, wenn Tickets für Flugreisen deutlich mehr kosten. Bei den Spritpreisen sieht das aber nur gut jeder Vierte (27 Prozent) so. Deutlich höhere Preise für Fleisch findet jeder Zweite (52 Prozent) in Ordnung, wenn es den Klimawandel eindämmt und einer nachhaltigen Agrarpolitik dient. Besonders wenig Toleranz zeigen die Bürger bei Strompreisen: Deutlich mehr Geld für Ökostrom würden der Umfrage zufolge nur 20 Prozent zahlen.

Die Befürworter so eines CO2-Preises wollen, dass das Geld den Bürgern wieder zugute kommt – etwa als Rückzahlung oder über Entlastungen an anderer Stelle. „Es wäre unehrlich zu sagen, dass von den Maßnahmen zum Klimaschutz niemand etwas spüren wird“, sagte CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer der „Bild am Sonntag“. Ganz ohne Umstellung des Lebensstils werde es nicht gehen. Die Belastungen müssten aber „sozial ausgewogen“ sein. Auch Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus stellt klar, den Klimawandel bekämpfen könne man nicht ohne „soziale Härten“ – etwa „ohne dass Industriearbeitsplätze verloren gehen“. SPD-Politiker äußern sich ähnlich. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) etwa sagte der „Welt am Sonntag“, der notwendige „große Umbau einer Industriegesellschaft“ müsse so organisiert werden, „dass die Folgen für die direkt Betroffenen erträglich bleiben“. Klimaschutz brauche auch Zustimmung. Wie groß diese wäre, lässt sich anhand von Umfragen nur bedingt voraussehen. Denn es ist ein bekanntes Phänomen, dass Befragte tendenziell „sozial erwünscht“ antworten. Aber handeln sie auch danach?

Die Statistik des Agrarministeriums etwa zeigt, dass der Fleischkonsum in den vergangenen Jahren nur leicht rückläufig war und zuletzt sogar etwas stieg: Der geschätzte Pro- Kopf-Verzehr lag 2018 bei 60,1 Kilo. Der Anteil der Inlandsflüge sinkt – allerdings vor allem statistisch, weil die Gesamtzahl aller Flüge wächst und wächst. Und der Pkw-Verkehr hat laut Umweltbundesamt zwischen 1995 und 2017 um knapp 18 Prozent zugenommen.

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