RWI in den Medien

Alle wollen mehr Klimaschutz - aber nicht dafür zahlen

Umfrage zeigt Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit / Grüne wollen Amazon verbieten, Retouren wegzuwerfen.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11.06.2019

Im Kampf gegen die Erderwärmung empfiehlt der Vorsitzende des Gremiums der Wirtschaftsweisen der Politik, den Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) mit einem Preis zu versehen. Dies sei die kostengünstigste Methode, sagte der Leiter des Essener RWI-Leibniz-Instituts, Christoph Schmidt, am Montag. Insgesamt werde es mehrere Billionen Euro kosten, bis die Wirtschaft keine CO2-Emissionen mehr aus fossilen Energieträgern wie Kohle und Öl ausstoße. "Auch mit Blick auf den einzelnen Bürger muss man ehrlich sagen: Klimaschutz kostet etwas, er ist nicht umsonst zu haben", sagte Schmidt.

Die Bundesregierung hat bei Schmidt und dem Potsdamer Klimaforscher Ottmar Edenhofer ein Gutachten in Auftrag gegeben. Die CDU/CSU-Fraktion kündigte am Wochenende an, dass sie bis September ein Modell für eine CO2- Bepreisung entwickeln will. Der Termin sei notwendig, damit das Konzept in die Regierungsberatungen zum Klimaschutzgesetz einfließen könne, sagte Fraktionsvize Andreas Jung (CDU) der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Er betonte, es gehe "nicht um neue Belastungen, sondern um mehr Effizienz". Eine Ausweitung des Emissionshandels auf die Bereiche Wärme und Verkehr komme dabei genauso in Frage wie steuerliche Anreize.

Dass die Wahl der Mittel ein sensibles Thema ist, zeigt eine neue Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov. So bekunden 74 Prozent der Erwachsenen, dass sie für den Klimaschutz auf Kurzstreckenflüge verzichten wollen. Fast zwei Drittel (63 Prozent) zeigen sich auch willens, weniger Fleisch zu essen. 56 Prozent wollen das Auto in Innenstädten stehen lassen. Doch auch wenn die Mehrheit der Befragten es in Ordnung findet, wenn Flugtickets und Fleisch künftig teurer würden - in anderen Bereichen ist die Toleranz nicht so groß. Höhere Spritpreise findet nur jeder Vierte in Ordnung (27 Prozent). Mehr Geld für Ökostrom wollen nur 20 Prozent der Befragten zahlen.

Besonders im Flugverkehr zeigt sich die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit. So hat jeder Bürger schon heute die Möglichkeit, seine CO2-Emissionen finanziell zu kompensieren und durch eine Ausgleichszahlung Klimaschutzprojekte in aller Welt zu fördern. Auf Internetplattformen wie Atmosfair oder MyClimate werden etwa für einen Hin- und Rückflug von Frankfurt nach New York je nach Berechnung zwischen 50 und 70 Euro fällig. Eine Autofahrt von 500 Kilometern schlägt mit rund 3 Euro CO2-Ausgleich zu Buche. Doch auch wenn die Plattformen mit hohen Zuwachsraten werben: Insgesamt ist die Zahlungsbereitschaft sehr überschaubar. Im vergangenen Jahr kompensierten etwa die Kunden der Lufthansa nicht einmal 1 Prozent ihrer CO2-Emissionen, wie die "Welt am Sonntag" berichtete. Nun soll die Möglichkeit für CO2-Ausgleichszahlungen ins Buchungsformular integriert werden, um die Zahlungsbereitschaft anzukurbeln. Der TUI-Deutschlandchef Marek Andryszak sagte vor kurzem der F.A.Z., dass die Nachfrage nach Flugreisen keineswegs abnehme. Für die Sommerferien arbeiten die Fluggesellschaften fieberhaft daran, dass es nicht wieder zu so langen Warteschlangen wie im vergangenen Jahr kommt, als viele Reisende ihre Flüge verpassten.

In Kiel blockierten am Sonntag rund 50 Aktivisten fast sechs Stunden lang ein Kreuzfahrtschiff in Richtung Kopenhagen. Sie fordern ein Ende der gesamten Kreuzfahrtbranche. Einen anderen vermeintlichen Beitrag zum Klimaschutz haben sich die Grünen überlegt: Sie wollen Online-Versandhändlern wie Amazon verbieten, von den Kunden zurückgeschickte Waren zu vernichten. Von einer "Perversion der Wegwerfgesellschaft" sprach Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt gegenüber den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. "Da ist der Staat gefordert." Was nicht mehr verkauft werden könne, sollten die Unternehmen verschenken. Allerdings handelt es sich bei den vernichteten Retouren Forschern der Universität Bamberg zufolge nur um ein Randphänomen. Laut ihrer Studie wird zwar jeder achte online bestellte Artikel wieder zurückgeschickt. In 79 Prozent der Fälle gehen die Retouren aber wieder als A-Ware zurück auf die Internetseite. Vernichtet werden nur 4 Prozent der Retouren. "Die Darstellung einer ,massenhaften' Vernichtung von Retouren deckt sich nicht mit unseren Daten", so das Fazit der Forscher.

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