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Deutschland braucht Zuwanderer als Fachkräfte – doch es gibt ärgerliche Hürden

Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz ist ein kleiner Schritt – aber ein längst überfälliger. Doch politischer Gegenwind und bürokratische Hürden behindern weiterhin die Einstellung von ausländischen Arbeitskräften in Deutschland.

Focus online vom 02.06.2019

Wenn Sie an Deutschland und die Migration denken, dann denken Sie vermutlich an Flüchtlinge. Aber deutsche Arbeitgeber, die verzweifelt auf der Suche nach Mitarbeitern sind, haben andere Zuwanderer im Blick.

Nach einem Jahrzehnt des Wirtschaftswachstums ist die Arbeitslosigkeit so niedrig, und die Zahl der freien Stellen so hoch wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Beinahe zwei Drittel der Unternehmen beschweren sich über einen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Also hat Deutschland damit begonnen, sich anderswo umzuschauen.

"Wenn Du eine Anzeige in der Zeitung schaltest, bekommst Du niemanden!", beschwert sich Peter Kaufmann, der in Oberstadion – einer Stadt nahe Ulm – ein Hausbauunternehmen leitet. Er schätzt, dass er sein Personal von 100 auf 150 aufstocken könnte, wenn er nur mehr Maurer und Zimmerleute fände.

In Dienstleistungsbranchen wie der Altenpflege und dem Tourismus sucht man händeringend nach Mitarbeitern. Laut der Landesministerin für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau in Baden-Württemberg, Nicole Hoffmeister-Kraut, schade der Arbeitskräftemangel dem Wirtschaftswachstum. Und Deutschlands ergrauende Belegschaft macht dies zu einem Problem für die nachfolgenden Generationen.

Reform der Erwerbszuwanderung

Infolgedessen diskutieren die Parlamentarier in Deutschland darüber, zum ersten Mal in der Landesgeschichte den Versuch zu starten, die Einwanderung von angelernten Arbeitskräften, die von außerhalb der Europäischen Union kommen, zu regulieren.

Wenn es durchgeht, wird das Fachkräfteeinwanderungsgesetz ab 2020 ausgeweitet und gilt dann nicht mehr nur für ausländische Akademiker, sondern auch für beruflich ausgebildete Arbeitnehmer. Dadurch müssten Unternehmen nicht mehr länger EU-Bürgern für solche Jobs den Vorzug geben.

Das bedeutet, dass sie Einwanderer, die nicht aus der EU stammen, einstellen können, solange diese angemessen gut Deutsch sprechen und nach deutschem Standard ausgebildet wurden. Die Beschränkung für die Zuwanderung, auf Berufsfelder, bei denen ein "Engpass" besteht, wäre damit aufgehoben.

Einige Ausländer wären in der Lage, für sechs Monate nach Deutschland zu kommen, um sich eine Arbeit oder eine Ausbildungsstelle zu suchen – obgleich unter bestimmten Bedingungen.

Nachweis von Fähigkeiten

Nur dank eines hart umkämpften Kompromisses, den die große Koalition geschlossen hat, kam es zu dem Gesetz. Arbeitsminister Hubertus Heil nennt es einen "Meilenstein" in der deutschen Geschichte. So, wie es jedoch abgefasst ist, trägt es wenig dazu bei, die Misere der Arbeitgeber zu lindern.

Für Ausländer ist es äußerst schwierig nachzuweisen, dass sie Fähigkeiten erlernt haben, die vergleichbar mit dem sind, was man in Deutschland beigebracht bekommt. Im Rahmen des "dualen Ausbildungssystems" in Deutschland wird zirka die Hälfte der Schulabgänger auf einen Beruf vorbereitet.

Rund 330 reglementierte Berufe stehen zur Auswahl, von der Buchbinderei bis hin zur Herstellung von Thermometern. Dieses System, das tief in der deutschen Geschichte verwurzelt ist, ist mit nichts vergleichbar, was es außerhalb von Europa gibt. Syrische Flüchtlinge, die als erfahrene Bäcker oder Lkw-Fahrer nach Deutschland gekommen sind, haben das am eigenen Leib erfahren.

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