RWI in den Medien

Strom ist in Ostdeutschland noch teurer als im Westen

Statt 1183 Euro zahlt ein Haushalt im Osten im Schnitt 1192 Euro im Jahr - obwohl die Leute dort weniger verdienen. Dahinter stecken höhere Netzentgelte. Aber der Abstand schrumpft.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 29.05.2019

Der Preis, den Verbraucher in Deutschland für Strom zahlen müssen, gehört mit zu den höchsten in Europa - aber auch innerhalb Deutschlands gibt es Unterschiede. So zahlen Haushalte in Ostdeutschland im Durchschnitt mehr für den Strom als im Westen, wie aus weitgehend übereinstimmenden Erhebungen der Internetportale Verivox und Check 24 hervorgeht. Ein durchschnittlicher Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 4000 Kilowattstunden zahlt demnach in den alten Bundesländern Stand Mai im Schnitt 1183 Euro im Jahr für Strom, rund 7,4 Prozent mehr als im Vorjahr. In den neuen Bundesländern aber sind es 1192 Euro, das sind rund 0,8 Prozent mehr als im Westen und rund 1,2 Prozent mehr als im Vorjahr.

Berücksichtige man auch noch die unterschiedliche Kaufkraft, sei das eine "spürbare Differenz" in der Belastung der Haushalte in Ost und West durch die jährlichen Stromkosten, sagte ein Verivox-Sprecher. Woran liegt das? Ist der Wettbewerb zwischen den Stromanbietern in Ostdeutschland geringer - oder sind einfach die Kosten für Stromerzeugung und Stromtransport dort höher?

Zumindest der Hauptgrund seien "definitiv" die sogenannten Netzentgelte, sagt Manuel Frondel, Energieökonom und Stromfachmann am Forschungsinstitut RWI in Essen. "Die Netzentgelte belasten ostdeutsche Verbraucher deutlich stärker als westdeutsche", meint auch Oliver Bohr, Geschäftsführer "Energie" bei der Internetplattform Check 24. Diese Entgelte für die Nutzung des Stromnetzes an die Netzbetreiber sind in Ost und West unterschiedlich, nähern sich aber an. Die Strompreise für Verbraucher sind deshalb im Osten traditionell höher als im Westen, der Abstand verringert sich aber. "Die Ost-West-Schere schließt sich", formuliert es Lundquist Neubauer von Verivox. Die Ost-West-Differenz bei den Strompreisen liege bei 9 Euro. Das sei ein Rückgang der Differenz um knapp 80 Prozent im Vergleich zum Jahr 2014, als der Abstand noch 42 Euro betragen hatte.

Ein Grund für die Verringerung des Abstands sei, dass die Netzentgelte in den neuen Bundesländern im Vergleich zum Jahr 2014 annähernd konstant geblieben seien - während sie in den alten Bundesländern im selben Zeitraum um rund 12 Prozent gestiegen seien. Die Günstigeren haben sich den Teureren also angenähert.

Dass die Netzentgelte im Osten und Westen unterschiedlich sind, hat mehrere Gründe. Die Netzbetreiber erwähnen auf der einen Seite die Investitionen in das Strom- und Gasnetz in der ehemaligen DDR nach der Wende. Auf der anderen Seite spiele es eine Rolle, dass zumindest Teile der neuen Bundesländer dünner besiedelt seien und die Anbindung einzelner Dörfer einen höheren finanziellen Aufwand bedeute als die Stromversorgung in Ballungsräumen. Zudem gebe es in manchen Teilen Ostdeutschlands eine hohe Dichte an Anlagen der Erneuerbaren Energien, für deren Anschluss in den vergangenen Jahren Kosten anfielen, wie der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft ausführt. In der Vergangenheit hatte auch die Anbindung von Meereswindparks, die regional unterschiedlich über die vier Netzgebiete in Deutschland abgerechnet wurde, die Netzentgelte im Norden und Osten tendenziell stärker belastet als im Westen.

Allerdings gibt es politische Bestrebungen, das alles zu ändern. Politische Vorschläge aus dem Osten, einfach umgehend bundesweit einheitliche Netzentgelte einzuführen, ähnlich wie bei der Ökostrom-Umlage EEG, sollen am Widerstand der alten Bundesländer gescheitert sein, so heißt es. Die Bundesregierung hat allerdings 2017 ein Gesetz auf den Weg gebracht, das vorsieht, von 2019 an die Übertragungsnetzentgelte schrittweise anzugleichen. Das sogenannte Netzentgeltmodernisierungsgesetz sieht vor, dass bestimmte Kosten aus der "Integration dezentraler Anlagen zur Erzeugung aus erneuerbaren Energiequellen" - das sind vor allem die Offshore-Windparks - auf ganz Deutschland umgelegt werden können, in der eigens dafür geschaffenen Offshore- Netzumlage. Bislang wurden diese Kosten in regional unterschiedlicher Höhe über die Netzentgelte abgerechnet - jetzt werden sie also in ganz Deutschland einheitlich umgelegt. Diese Umlage mache an der Jahresstromrechnung eines durchschnittlichen Haushalts rund 17 Euro netto aus, rechnet Verivox vor. Entsprechend konnte beispielsweise der große ostdeutsche Übertragungsnetzbetreiber 50 Hertz seine Netzentgelte deutlich senken. Zusätzlich sollten nun bis zum Jahr 2023 schrittweise die Übertragungsnetzentgelte angeglichen werden.

Ob dadurch die Strompreise für die Verbraucher sinken, hängt von vielen Umständen ab. Bislang ist davon wenig zu spüren. Allerdings spricht viel dafür, dass die Unterschiede zwischen Ost und West sich dadurch weiter angleichen. Besonders hohe Abschläge bei den Netzentgelten gibt es im Zuge der Angleichung da, wo die Kosten bislang besonders hoch waren - nämlich im Norden und Osten.

Was die Preisunterschiede bei Strom und Gas zwischen Ost und West für einen Single-Haushalt ausmachen, wenn man auch die unterschiedliche Kaufkraft berücksichtigt, hat das Internetportal Check 24 ausgerechnet. Die Kaufkraft sei im Osten im Schnitt um etwa 15 Prozent geringer als im Westen. Entsprechend müsse ein ostdeutscher Single- Haushalt im Durchschnitt 5,3 Prozent seiner verfügbaren Einkünfte für Energie aufwenden, ein westdeutscher nur 4,3 Prozent.

Am höchsten sei diese "Energiekostenquote" in Mecklenburg-Vorpommern mit 5,6 Prozent. Im Bundesdurchschnitt seien es nur 4,5 Prozent. In Bayern und Baden-Württemberg betrage der Anteil der Energiekosten am verfügbaren Einkommen sogar nur 4,1 Prozent. Und in Hamburg lägen die Energiekosten zwar über dem Bundesdurchschnitt. Die Einkommen seien dort aber auch hoch, so das man auf einen Anteil der Energiekosten am verfügbaren Einkommen von 4,2 Prozent komme - deutlich weniger als im Osten also.

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