RWI in den Medien

Die Energiekonzerne spielen die Idee eines grünen Kanzlers durch

Nach dem starken Abschneiden der Grünen bei der Europawahl werden die Regierenden in Berlin ihre Klimaschutz-Bemühungen zeitnah intensivieren. Von der Energiebranche wird die Politik einen Spagat verlangen, der physikalisch unmöglich ist.

Welt.de vom 28.05.2019

Es war ein lockerer Spruch mit Langzeitwirkung. Solarstrom in Deutschland zu erzeugen sei etwa so zielführend wie „Ananas züchten in Alaska“, befand der frühere RWE-Chef Jürgen Großmann einmal auf einer Tagung in Berlin. Jeder verstand: Diese Technologie sei nicht sehr sinnvoll für hiesige Breiten. 2012 war das.

Sieben Jahre später versichert sein Nachfolger Rolf Martin Schmitz vor den Aktionären: „Wir sind im Aufbruch.“ 2019 werde das Jahr, in dem der Konzern „ein neues Kapitel“ aufschlagen und wieder in die Produktion von Öko-Strom einsteigen werde, und zwar in der ganzen Breite: Wind, Wasser – und selbstverständlich auch Sonnenstrom.

Doch das Image der großen deutschen Energieversorger als Bremser der Energiewende festigte Großmann mit seinem Spruch, und das wirkt bis heute nach. „Entgegen des jahrzehntelangen Widerstands der großen fossilen Energiekonzerne, wurde die Energiewende dezentral geboren“, lautet – grammatikalisch zweifelhaft, aber inhaltlich klar – der Leitsatz eines Antrags der grünen Bundestagsfraktion zur „Bürgernahen Energiewende“ von Anfang Mai. Die Feindbilder sind intakt. Und die Ergebnisse der Europawahl haben klar gemacht, dass die Energiekonzerne mit einem weiter steigenden Anpassungstempo rechnen müssen.

Zahl der strategischen Optionen wird immer kleiner

Die Grünen sind mit 20,5 Prozent zweitstärkste Kraft in Deutschland vor den Sozialdemokraten geworden, und der Abstand von acht Prozentpunkten zu den Christdemokraten scheint nicht unüberwindbar. Ein Grüner als Kanzler – Strategen der Energiewirtschaft werden diese Szenarien nun wohl durchspielen. Denn die erfolgreiche Partei wird ihr Kernthema „Energiewende“ absehbar vorantreiben. Die Stromerzeugung spielt – neben Verkehr und Wohnungsenergie – dabei eine zentrale Rolle.

Das Wahlergebnis lässt den Energieversorgern schon jetzt keine Wahl, als die Ausrichtung auf erneuerbare Energiequellen voranzutreiben, meinen Branchenkenner. „Weiterhin gilt für die Energieversorger die Maxime, in Erneuerbare zu investieren“, sagte Manuel Frondel vom Essener RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung WELT.

„Die Zahl der strategischen Optionen wird für die Energieversorger dabei durch die politischen Entscheidungen immer kleiner, nicht zuletzt durch den geplanten Kohleausstieg“, so Frondel. Ähnlich sieht diesen Punkt Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): „Das Erstarken der Grünen wird die Energieversorger zu einem konsequenten Umsteuern hin zu mehr erneuerbaren Energien und Wärme-/Verkehrswende zwingen.“

Der Chef des Branchenverbandes BDEW, Stefan Kapferer, begrüßte, dass die Energie- und Klimapolitik nun wieder ins Zentrum der politischen Debatte in Deutschland gerückt sei. „Es ist klar, dass der Handlungsdruck für die Politik jetzt größer wird“, sagte er WELT.

Mehr Tempo sei dringend notwendig. Der Netzausbau müsse entscheidend vorangebracht werden, damit mehr Strom aus regenerativen Energiequellen nutzbar werde und der angestrebte Anteil von 65 Prozent erneuerbarer Energien bis 2030 erreicht werden könne. „Es bleibt zu hoffen, dass in der Energie- und Klimapolitik jetzt mindestens einen Gang höher geschaltet wird“, sagte Kapferer.

Unternehmen geben sich offiziell gelassen

In den Konzernen ist der Kurswechsel sieben Jahre nach dem „Ananas“-Spruch in vollem Gange. RWE, unter Umweltaktivisten nicht zuletzt durch seine Reaktion auf die Proteste am Hambacher Forst als Hardcore-Klimaschutzverweigerer verschrien, will laut Schmitz aus der Kohle aussteigen – bloß eben nicht sofort.

„Wir werden nicht mehr in neue Kohlekraftwerke investieren“, versicherte er kürzlich bei der Hauptversammlung, während draußen vor der Essener Grugahalle die „Fridays for Future“-Proteste liefen und eine Aktivistin auch drinnen am Rednerpult viele kritische Fragen stellte. Keine zwei Wochen später versprach E.on-Chef Johannes Teyssen am selben Ort, sein Konzern

Die beiden Unternehmen, die einst mit ihren Kohle- und Kernkraftwerken die Stromerzeugung in Deutschland dominierten, sind dabei, sich in der dezentralen Energiewelt neu zu orientieren. Kritiker sagen: reichlich spät. Nun soll ein Umbau der Unternehmenslandschaft den Riesen den Weg in die Energiezukunft ebnen – mit der Aufspaltung des einst zu RWE gehörenden und dann teilweise verselbstständigten Ökostromerzeugers Innogy im Mittelpunkt.

Hoch