RWI in den Medien

Immer mehr Kliniken werden zahlungsunfähig

Studie: Die Erträge der Krankenhäuser sinken, auch weil weniger Patienten stationär behandelt werden. Neue Vergütungsmodelle sind gefragt.

Handelsblatt vom 23.05.2019

Paracelsus, DRK-Kliniken Thüringen- Brandenburg, ViaSalus - die deutsche Krankenhausbranche hat in den vergangenen Monaten einige Insolvenzen erlebt. Und es wird wahrscheinlicher, dass weitere Kliniken zahlungsunfähig werden, denn die wirtschaftliche Lage der Kliniken verschlechtert sich. Das zeigt der aktuelle "Krankenhaus Rating Report", der die Jahresabschlüsse von 877 Krankenhäusern analysiert hat. Danach verbuchen rund 28 Prozent der Kliniken einen Jahresverlust, zwölf Prozent der Häuser sind in erhöhter Insolvenzgefahr, doppelt so viele wie im Vorjahr.

Branchenweit sind die Erträge der Kliniken gesunken, auch weil die Zahl der stationären Fälle zurückgegangen ist. "Das Gesundheitssystem steht vor einem echten Wendepunkt", sagt Studien- Mitautor Sebastian Krolop, Vorstandsmitglied bei der gemeinnützigen amerikanischen Organisation HIMSS, die sich der Verbesserung der Gesundheitsversorgung widmet. "Aufgrund der demografischen Entwicklung werden wir in den kommenden Jahren noch einen leichten Anstieg der Patientenzahlen erleben, dem steht aber eine zunehmende Ambulantisierung und Digitalisierung der Gesundheitswirtschaft entgegen", so Krolop.

Wird der Status quo fortgeschrieben, sollen bis 2025 etwa 18 Prozent der Kliniken stark insolvenzgefährdet sein. Wenn es für die Branche schlechter läuft, sollten also die Fallzahlen weniger wachsen und die Löhne steigen, könnten sogar 40 Prozent der Kliniken in den roten Bereich der erhöhten Insolvenzgefährdung geraten, so die Prognose.

Die Entwicklung, die der Krankenhaus Rating Report aufzeigt, kann Rechtsanwalt und Insolvenzverwalter Rainer Eckert aus seiner praktischen Arbeit nur bestätigen: "Die Zahl der Insolvenzen nimmt quer über alle Trägergruppen zu", sagt er im Gespräch mit dem Handelsblatt (siehe Interview).

Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Der Markt hat in vielen Regionen Überkapazitäten, die Möglichkeiten, durch eine Steigerung der Behandlungen zu wachsen, werden durch staatliche Regulierung begrenzt. Die Länder, die eigentlich die Investitionen der Kliniken tragen sollen, kommen dieser Verpflichtung nicht in ausreichendem Maße nach. Zudem sind die Strukturen in vielen Regionen ungünstig. Es gibt immer noch viele kleine Einheiten und eine geringe Spezialisierung der Kliniken - Faktoren, die die Insolvenzgefahr begünstigen.

Der Krankenhaus Rating Report analysiert zum 15. Mal in Folge die Lage der Branche auf Basis der Jahresabschlüsse von 877 Krankenhäusern, die für rund 70 Prozent der Umsätze im Krankenhausmarkt stehen. Er wurde gemeinsam vom RWI - Leibniz Institut für Wirtschaftsforschung, dem Institute for Healthcare Business (hcb) und der HIMSS in Kooperation mit Deloitte erstellt. Die Analyse bezieht sich auf Abschlüsse der Jahre 2016 und 2017. An der grundsätzlichen Lage der Branche hat sich 2018 nichts geändert, die stationären Patientenzahlen sind weiter rückläufig, so die Einschätzung von Thomas Lemke, Sana-Chef und Vizepräsident im Vorstand der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Nur weil mehr schwere und damit höher vergütete Fälle behandelt wurden, dürfte der Umsatz der Branche 2018 insgesamt um knapp zwei Prozent gestiegen sein, sagte er dem Handelsblatt. Die deutsche Krankenhausbranche steht laut Statistischem Bundesamt für einen Umsatz von rund 95 Milliarden Euro. Es gibt rund 1 940 Kliniken, etwa 150 weniger als noch vor zehn Jahren.

Erstmals hat der Report das ambulante Geschehen an Krankenhäusern untersucht. Etwa 70 Prozent der 69 Millionen Krankenhausfälle pro Jahr sind ambulante Fälle. Viele Krankenhäuser unterhalten Privat-, Notfallambulanzen sowie Abteilungen für die vor- und nachstationäre Versorgung. Die im Krankenhausmarkt nach wie vor bestehende Trennung von stationärer und ambulanter Versorgung wird dem sich verändernden Bedarf nicht mehr gerecht, zeigen die Autoren des Rating- Reports auf: "Wir brauchen neue sektorenübergreifende Vergütungsmodelle", sagt RWI-Gesundheitsexperte Boris Augurzky. Auch neue regionale Konzepte sind gefragt. So schlägt der Experte vor, dass sich Krankenhäuser hin zu Gesundheitsunternehmen entwickeln, die die Gesamtverantwortung für die Gesundheit der Bevölkerung in ihren Regionen übernehmen.

Einige Klinikträger haben diese strategischen Optionen bereits erkannt und wollen sich entsprechend regional auch durch Zukäufe positionieren. Rechtsanwalt Eckert beobachtet jedenfalls ein hohes Übernahmeinteresse an den Insolvenzen, die er verwaltet. HIMMS-Manager Sebastian Krolop geht zudem davon aus, dass sich die Branche auch durch kreative Disruption verändern wird: "Eine individualisierte, personalisierte und digitalisierte Medizin mit den Patienten und deren Gesundheit im Mittelpunkt wird heutige Strukturen aufbrechen und teilweise obsolet machen", erwartet er. Allgemeine, stationäre Einrichtungen würden an Bedeutung verlieren und durch hochspezialisierte Einrichtungen ersetzt werden.

Hoch