RWI in den Medien

Deutsche Umweltpolitik ist ein "Totalausfall"

Ökonomen reagieren auf alarmierenden Bericht zum Artensterben.

DIE WELT vom 07.05.2019

Es ist eine Art Öko-Inventur der Erde, unserer Natur, unserer Lebensgrundlagen. 150 Wissenschaftler aus 50 Ländern haben im Anschluss an die Vollversammlung des Weltbiodiversitätsrats (IPBES) in Paris die Ergebnisse einer Studie über Artenvielfalt vorgestellt - und diese sind alarmierend. Unisono fordern Wissenschaftler, Politiker und Ökonomen, es müsse etwas getan werden. Die Frage scheint allerdings, was das sein soll.

Für Ökonomen, die sich seit Jahren mit dem Thema befassen, ist das jedoch gar nicht die Frage. Sie verweisen darauf, dass entsprechende Vorschläge seit Jahren auf dem Tisch liegen. Diskussionen gibt es allenfalls um Details, etwa darum, welche Rolle der Markt und welche der Staat bei einem Umbau der Wirtschaft einnehmen sollte.

Einig sind sich Ökonomen wiederum bei ihrer Einschätzung der Bundesregierung unter Kanzlerin Angela Merkel auf diesem Gebiet: Diese sei bislang ein Totalausfall, und dies zeige sich gerade in jüngster Zeit eindrücklich.

Der Zustandsbericht des IPBES stellt fest, dass inzwischen mehr als 25 Prozent der untersuchten Tier- und Pflanzengruppen aufgrund von Eingriffen der Menschen bedroht seien. Die Wissenschaftler glauben, dass daher innerhalb weniger Jahrzehnte etwa eine Million Arten auf der Welt verschwinden könnten. Als Treiber dieser Entwicklung sehen sie das massive Eingreifen des Menschen in die globalen Ökosysteme in den vergangenen fünf Jahrzehnten, insbesondere durch die Intensivierung der Landwirtschaft, die Abholzung der Wälder und den Ressourcenabbau.

Der WWF fordert als Konsequenz daraus ein beherztes Handeln der Politik. "Das Paradigma vom ewigen und alternativlosen weltweiten Wirtschaftswachstum ohne Rücksicht auf die Leistungsfähigkeit der Natur führt in die ökologische Sackgasse", sagt dessen geschäftsführender Vorstand in Deutschland, Eberhard Brandes. Er fordert daher, dass unser Finanz- und Wirtschaftssystem zügig auf Nachhaltigkeit umgestellt wird. "Am verheerendsten für Natur und biologische Vielfalt wäre aber ein ,business as usual' mit anhaltendem Wirtschaftswachstum."

Auch Nils aus dem Moore, Leiter der Forschungsgruppe Nachhaltigkeit und Governance beim RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, sieht dringenden Handlungsbedarf. "Unser Wohlergehen als Menschheit, nicht zuletzt auch in der materiellen Dimension, hängt ganz unmittelbar davon ab, dass das bereits erheblich ausgefranste Netz des Lebens nicht noch weiter einreißt", sagt er. Aber er fügt auch hinzu: "Unsere Defizite liegen nicht im konzeptionellen Bereich, sondern in der praktischen Umsetzung der als notwendig erkannten Veränderungen."

Der große Vorteil unserer Marktwirtschaft sei, dass diese im Prinzip über das perfekte Steuerungsinstrument verfüge: den Preis.

Die Preise werden bislang jedoch durch staatliche Eingriffe zuungunsten der Natur verzerrt. So zeigt der IPBES-Bericht, dass fossile Kraftstoffe weltweit jährlich mit 345 Milliarden Dollar subventioniert werden. Ähnliche Fehlanreize fänden sich in anderen Wirtschaftsbereichen, etwa bei kapazitätsbezogenen Subventionen in der Fischerei oder der Landwirtschaft, ergänzt aus dem Moore. "Werden diese zentralen Fehlsteuerungen nicht korrigiert, dann sind andere Maßnahmen nur ein Tropfen auf den heißen Stein."

Auch Andreas Löschel, Universität Münster, hält diesen Weg für entscheidend. Die negativen Auswirkungen des Wirtschaftens auf die Umwelt müssten stärker in den Marktpreisen zum Ausdruck kommen. "Die Bepreisung von Umweltschäden und der Verzicht von umweltschädlichen Subventionen geben der unsichtbaren Hand des Marktes einen grünen Daumen", sagt er.

Das beste Beispiel dafür wäre für ihn eine Bepreisung des CO2-Verbrauchs, wie sie in Form einer Steuer diskutiert wird. "Diese wäre notwendig, um nachhaltiges Verhalten auch wirtschaftlich attraktiv zu machen", so Löschel. Leider werde vor allem darüber diskutiert, was es koste und welche Auswirkungen dies auf die soziale Gerechtigkeit hätte. "Bei diesen Abwägungen zieht die Umwelt oftmals den Kürzeren."

Für aus dem Moore wäre die CO2- Bepreisung ebenfalls ein wichtiger Hebel, um den Umbau der Wirtschaft zu einer nachhaltigeren Entwicklung zu befördern. Das Zögern der Bundesregierung dabei, insbesondere aufseiten der Union, ist für ihn aber vor allem ein Beispiel dafür, dass die Kanzlerin und ihr Kabinett nicht bereit sind, entschlossen zu reagieren und vorhandene Konzepte aufzugreifen.

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