RWI in den Medien

Grüner Blackout

Der Umbau des deutschen Energiesystems droht zu scheitern. Es fehlen Kraftwerke, Netze und Speicher, der Staat hat Milliardensummen vergeudet, die Bürger opponieren. Das Generationenprojekt braucht einen Neustart.

DER SPIEGEL vom 04.05.2019

Es ist eine fantastische Idee, die Idee einer Energiewelt von morgen. 675 Bedienstete der Bundesrepublik Deutschland arbeiten täglich an ihrem Gelingen, in Bundesministerien und nachgeordneten Behörden, in Gremien und Referaten, in Ausschüssen und Unterausschüssen. Sie arbeiten an einer Welt, die in all ihrer Schönheit an einem Tag nicht nur Idee geblieben, sondern bereits Wirklichkeit geworden ist. Bei uns, in Deutschland. Es war der 22. April, der Ostermontag.

An diesem Tag schien die Sonne von morgens bis abends, der Wind trieb die Windmühlen im gesamten Land zur vollen Leistung, und als die Sonne unterging, waren, ohne dass dazu auch nur ein Wölkchen giftiger Gase aufsteigen musste, die erneuerbaren Energien auf 56 Gigawatt gekommen, was fast den gesamten Bedarf der viertgrößten Industrienation der Welt deckte. Es war ein Zauber, das perfekte Zusammenspiel aus Natur und moderner Technik. Leider hielt er nur für diesen einen Tag. Die Wirklichkeit der vielen anderen Tage ist schmutzig und grau. Ein Großteil des Stroms, der in Deutschland benötigt wird, entsteht weiterhin durch das Verfeuern von Kohle. Öl- und Gasbrenner bollern millionenfach in deutschen Heizungskellern. Deutschlands Straßen gehören den Autos von gestern, angetrieben von schweren, benzin- und dieselgetriebenen Motoren.

Die Idee zu jener fantastischen Welt von morgen wurde vor acht Jahren geboren, am 11. März 2011. In Japan hatte ein Tsunami das Kernkraftwerk in Fukushima beschädigt. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihr Kabinett beschlossen, aus der Atomkraft auszusteigen. Ein historisches Ereignis und ein historischer Schritt.

Und dabei ist es geblieben.

Was einmal groß gedacht wurde, verläppert im Kleinklein der deutschen Wirklichkeit. Die Energiewende, das größte politische Projekt seit der Wiedervereinigung, droht zu scheitern, der Traum von einer kohlenstoffarmen Zukunft zerplatzt. In den acht Jahren seit Fukushima hat sich niemand in Berlin des Projekts wirklich angenommen, vor allem die Kanzlerin nicht. Die Politik produziert zwar Gesetze, Verordnungen, Richtlinien, aber keiner ist da, der die Energiewende koordiniert oder gar beschleunigt. Und alle fürchten nichts mehr als den Widerstand der Bürger, wenn irgendwo ein Windrad aufgestellt oder eine Stromtrasse verlegt werden soll.

Seit 2012 verfolgen die Unternehmensberater von McKinsey, wie es um die Energiewende steht, der jüngste Zwischenstand raubt jede Illusion. Deutschland sei »weit entfernt von den selbst gesteckten Zielen«, so ihr Urteil.

Noch schärfer benennt der Bundesrechnungshof das Versagen. Die Energiewende habe in den vergangenen fünf Jahren mindestens 160 Milliarden Euro gekostet. Der Aufwand stehe »im krassen Missverhältnis zum bisher dürftigen Ertrag«, sagte der Präsident Kay Scheller schon im vorigen Herbst. Seine Kritik verhallte weitgehend folgenlos im politischen Raum. Scheller sieht sogar die Gefahr, dass die Bürger wegen dieses Pfuschs von höchster Stelle bald das Vertrauen ins Regierungshandeln verlieren könnten.

Umfragen belegen, wie die große Idee der Energiewende in einem noch größeren Frust mündet. Bei aller Sympathie für das Projekt betrachten die Bürger es heute als teuer, chaotisch, ungerecht.

Eine echte Hypothek. Denn daran hängt die Zukunft des ganzen Landes: ökologisch, wirtschaftlich und technologisch sowieso. Aber auch gesellschaftlich. Anders als der Berliner Flughafen lässt sich das Jahrhundertprojekt nicht mehr als peinliche, aber auch irgendwie rührende Regionalposse abtun. Hier geht es darum, wie die Bürger künftig leben und arbeiten werden, wie die Industrie wirtschaftet, wie das Zusammenleben funktionieren soll.

Von nationaler Bedeutung wird in der Politik rasch gesprochen. Diesmal trifft die Vokabel zu. Vor allem weil es zum Selbstbild der Deutschen gehört, in dieser Frage weltweit Vorreiter zu sein. Die Deutschen waren in ihrer Mehrheit mal stolz auf dieses Projekt, und die Politik hätte dieses Gefühl nutzen können. Nun aber ist der Systemumbau mitten auf dem Weg stecken geblieben. Der Ausbau von Windparks und Solaranlagen kommt nicht voran. Es fehlt an allem: an Netzen, Speichern, vor allem aber an politischem Willen und fähigem Management. Die Bundesregierung vertändelt sich in Raum und Zeit.

Allein im Wirtschaftsministerium sind 287 Beamte mit dem Thema befasst. Sie verteilen sich auf vier Abteilungen und 34 Referate. Daneben existieren noch mindestens 45 Gremien in Bund und Ländern mit Leuten, die sich ebenfalls alle einbringen wollen. Sie sammeln Unmengen Daten, erfinden komplizierte Fördermechanismen, der Aufwand ist ungeheuer, das Ergebnis bescheiden.

Das Förderprogramm »Step up!« soll Firmen helfen, effizienter mit Strom umzugehen. Ziel war es, 1000 Anträge im Jahr 2017 zu bewilligen – im ersten Dreivierteljahr waren es 7. Oder das Gesetz zur steuerlichen Förderung von Elektromobilität: Vom Entwurf bis zur Verkündung vergingen sechs Monate. Das Gesetz war als »besonders eilbedürftig « eingestuft worden.

Die Fachleute verlieren sich im Detail, sie produzieren Papiere – aber keine Strategie. Monatelang war der wichtige Posten des Energiestaatssekretärs vakant, na und? Niemand fühlt sich zuständig, keiner legt fest, welche Aufgabe mit welcher Priorität zu erledigen ist. Wie auch: Solange es kein eigenes Energieministerium gibt, vagabundiert das Thema zwischen den Ressorts. Und die Kanzlerin verweigert ihre Richtlinienkompetenz, ausgerechnet in dieser Frage.

Im Dezember 2015 unterschrieb Angela Merkel den Pariser Klimaschutzvertrag, Deutschland verpflichtete sich, seinen Beitrag zu leisten, um die Erderwärmung zu bremsen. Seitdem sind mehr als drei Jahre verstrichen, weitgehend ungenutzt. Mit der Migrationsdebatte und dem Aufstieg der AfD geriet der Klimawandel zu einem Randthema. Beim G-8-Gipfel 2007 in Heiligendamm sympathisierte Merkel mit der Vorstellung, es sei gerecht, wenn jeder Erdenbewohner gleich viel CO² ausstoßen dürfe. Eine revolutionäre Idee. Mehr aber wurde nicht daraus.

Noch früher, im März 1997, bekannte die damalige Bundesumweltministerin Merkel im SPIEGEL: »Was die CO²- Reduzierung angeht, stellt der Verkehr das größte Problem dar.« Genauso könnte sie es heute formulieren.

Merkels wohl größtes Scheitern, so die Bilanz zum Ende ihrer Kanzlerschaft, besteht darin, dass sie klimapolitisch wenig bewegt hat, obwohl sie persönlich das Thema so früh umtrieb, ein typisch deutsches Thema, immerhin wurde die Energiewende in Deutschland erfunden. 1980 tauchte der Begriff auf einem Buchtitel auf. Er ist in den Wortschatz der Welt eingegangen, so wie »Götterdämmerung« oder »Kindergarten «. Erfolgreich umgesetzt indes wird die Idee jetzt anderswo.

In den Niederlanden zum Beispiel, bislang größter Erdgaslieferant der EU: Die Nachbarn haben beschlossen, innerhalb eines Jahrzehnts aus der Produktion des Fossilstoffs auszusteigen, komplett, die Leitungen wollen sie künftig auch für Gas nutzen, das aus Windkraft hergestellt wird. Oder in Norwegen: Dort wird in sechs Jahren kein Auto mehr mit Verbrennungsmotor zugelassen.

Und in Schweden, das laut Internationaler Energie-Agentur Weltmeister in Sachen Energiewende ist, treibt eine hohe CO²-Steuer, knapp 120 Euro pro Tonne, Bürger und Wirtschaft an, klimaneutral zu heizen, zu fahren und zu produzieren. 1991 wurde sie dort eingeführt. In Deutschland hat die Debatte darum gerade erst begonnen ().

Selbst die USA sind auf dem Weg der Besserung. Statt Kohle verbrennen die Amerikaner zunehmend Erdgas, um Strom zu erzeugen. Das ist zwar nur eine weniger schmutzige Variante, aber immerhin: Der CO²-Ausstoß ist tendenziell rückläufig. Fortschritte allerorten, nur nicht im Pionierland der Energiewende. Die CO²- Emissionen haben sich in diesem Jahrzehnt nur unwesentlich verringert. Eberhard Umbach ist Direktoriumsmitglied der Wissenschaftsinitiative »Energiesysteme der Zukunft« (ESYS), eines groß angelegten Projekts mit eigener Geschäftsstelle. Umbach beobachtet, wie sich der Blick auf die Energiewende verändert hat. Vor einigen Jahren noch hätten ausländische Kollegen kopfschüttelnd, aber auch mit Bewunderung verfolgt, mit welchem Elan sich die Deutschen ins Zeug gelegt hätten. Und jetzt? »Mittlerweile hat sich das völlig umgedreht«, sagte der Wissenschaftler auf einer Konferenz im Februar. »Jetzt sind andere viel schneller als wir.«

Dabei war das, was bisher geschah, noch der leichte Teil der Übung: die Stromwende, mit Milliardensummen teuer erkauft. Die anderen Sektoren dagegen hat die Politik unterschlagen: die Industrie, die Gebäude, vor allem den Verkehr. Sie einzubeziehen und daraus ein Konzept zu formen, das ist der schwierige Part, der jetzt ansteht. Daran entscheidet sich, ob Deutschland wieder zum Modell für nachhaltiges Wirtschaften wird – oder ob das ganze Experiment misslingt. Vom Überschwang zum Überdruss: Warum bloß ist diese fabelhafte Idee zu einem derart fulminanten Flop geworden?

Warum Deutschland mit der Energiewende scheitern könnte Es gibt einen zentralen Fehler, den die Bundesregierung beging, als sie vor acht Jahren in Deutschland das Ende des nuklearen Zeitalter beschloss: Sie entschied sich für den Ausstieg aus der Atomkraft – aber sie versäumte es, zugleich auch den Abschied von der Kohle einzuleiten.

Es wurden Windräder und Solarpaneele errichtet, und die Kohlemeiler liefen fröhlich weiter. Die Regierung stellte neben das schmutzige ein sauberes System. Warum? Um bloß niemandem wehzutun, keinem Unternehmen, keinem Bürger.

Eine Energiewende aus einem Guss, durchdacht konzipiert und gemanagt, so etwas hat es in Deutschland nie gegeben. Vielmehr existierten immer zwei verschiedene Vorstellungen von der Energiewende, im Grunde schon seit rot-grüner Zeit.

Politiker wie der grüne Umweltminister Jürgen Trittin oder der spätere Staatssekretär Rainer Baake verfochten den radikalen Umstieg, Kosten spielten keine Rolle. Dagegen standen Leute wie der SPD-Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel oder sein Nachfolger Peter Altmaier (CDU), die mehr Rücksicht auf Industrie und Arbeitsplätze nahmen. Beide Seiten trauten sich nicht über den Weg, sie hielten sich gegenseitig in Schach. Und nichts ging voran.

So wird verständlich, warum keine Regierung es wagte, ein gestaltungsstarkes Energieministerium zu formen, sondern die Kompetenzen gedrittelt hat: verteilt auf das Kanzleramt, das Umwelt- und das Wirtschaftsministerium. In dieser unheiligen Dreifaltigkeit spielt sich immer das gleiche Handlungsmuster ab. Das Umweltministerium prescht mit Maximalforderungen vor. Das Wirtschaftsministerium warnt vor dramatischen Jobverlusten. Und das Kanzleramt drückt sich vor Entscheidungen.

Am folgenschwersten wirkt sich die Hasenfüßigkeit der Politik auf den Ausbau der Stromnetze aus. Vor über zehn Jahren beschloss die Bundesregierung, die Trassen schnell zu errichten, rund 7700 Kilometer werden mittlerweile als notwendig erachtet. Davon existieren bis jetzt 950 Kilometer. 2017 wurden bundesweit 30 Kilometer fertiggestellt. In Berlin geht folgender Spott um: 30 Kilometer, das sei ungefähr die Strecke, die eine Weinbergschnecke innerhalb eines Jahres zurücklege.

Statt zu erklären, warum Höchstleistungstrassen vom windreichen Norden in den industriestarken Süden notwendig sind, fürchten die Politiker den Widerstand der Bürger gegen die Masten. Denn fast überall, wo eine neue Trasse oder ein großes Windrad gebaut werden soll, stoßen die Behörden auf Widerstand. Die Regierenden beschlossen, einen Großteil der Verbindungen unterirdisch zu verlegen, was ein Vielfaches teurer ist und Jahre länger dauert. Vor neun Jahren begann Rainer Spies, Ortsbürgermeister der Hunsrückgemeinde Reinsfeld, damit, einen Windpark zu planen. 15 Anlagen wollte er gemeinsam mit dem Energieversorger EnBW in einem Waldstück nahe der Autobahn zwischen Trier und Saarbrücken bauen. »Alles schien perfekt«, sagt Spies. Dann begann das Genehmigungsverfahren.

Der Bürgermeister und EnBW reichten die Anträge ein, mehrere Hundert Seiten dick, dazu jede Menge Umweltstudien. Die Kreisverwaltung forderte immer wieder nach: Gutachten zum Artenschutz, Vogelflug, zur Lärmemission, zum Schattenwurf und, nicht zu vergessen, zur Gefährdung der Mopsfledermaus, inklusive detailgenauer Erfassung ihres örtlichen Bestands. Im vergangenen Jahr endlich, im vierten Anlauf, genehmigte die Behörde den Flächennutzungsplan.

Eigentlich sollte darauf die Kreisverwaltung gleich die Baugenehmigung erteilen. Doch da entdeckte jemand auf einer Fichte wenige Hundert Meter von einem Teil des geplanten Windparks entfernt den Horst eines Roten Milans. Es hätte kaum schlimmer kommen können.

Der Greifvogel, ein eleganter Segler mit gegabeltem Schwanz, genießt besonderen Schutz in Deutschland. Er frisst Mäuse und Maulwürfe, zu seinen Feinden gehören Uhus, Baummarder – und Windräder. Fatalerweise jagt er gern auf den Brachflächen unter den Anlagen, weil dort die Beute leicht zu erspähen ist.

Rote Milane sind meist Zugvögel, im Frühjahr kommen sie aus dem Süden zurück, aber nicht verlässlich jedes Jahr. Deshalb wäre der Bürgermeister sogar froh darüber, wenn der Vogel bald auftauchen würde. Dann könnte er das Flugverhalten des Vogels untersuchen lassen und gegebenenfalls den Windpark neu ausrichten. Ein teures Unterfangen, aber man könnte endlich loslegen.

Kehrt der Milan nicht zurück, liegt die Planung erst mal still. Mindestens fünf Jahre müsste Spies warten, ob das Federvieh sein Nest nicht doch noch bezieht. Dann könnte er 2024 die Windräder errichten – zwölf Jahre nach dem Projektstart.

Der Reinsfelder Fall ist ohne Frage ein Extrembeispiel, er liefert aber eine wichtige Erklärung dafür, warum aus dem Energiewendeland ein Nachzügler geworden ist. Regelmäßig rufen Pläne zum Bau von Windkraftanlagen Konflikte hervor, mit den Behörden, vor allem mit Anwohnern. Es geht kaum ein Vorhaben mehr an den Start, das nicht bekämpft und beklagt wird.

Früher vergingen vom Abschluss eines Pachtvertrags bis zur Inbetriebnahme weniger als 40 Monate. Heute rechnen die Betreiber mit 60 Monaten. Mindestens.

Wie sehr dies die Investitionsfreude vermiest, wird am Verlauf der Auktionen erkennbar, in denen die Bundesnetzagentur Lizenzen für den Windparkbau versteigert. Dort nehmen mittlerweile weniger Bewerber teil, als Kontingente angeboten werden, die logische Folge: Es gibt keinen Wettbewerb mehr. »Das ganze System ist ein Stück weit aus den Fugen geraten«, sagt EnBW-Chef Frank Mastiaux, »es muss dringend überarbeitet werden.«

Bundesweit ist die Zahl der Neubauprojekte eingebrochen, 743 Windräder gingen im vergangenen Jahr ans Netz, gut 1000 weniger als im Jahr davor. 2018 wurden in ganz Bayern 8 Anlagen installiert. Der Windkraftboom ist vorerst vorbei, die Hersteller leiden. Enercon und Nordex bauen Hunderte Arbeitsplätze ab. Senvion, bis 2014 als »Repower Systems« bekannt, hat Insolvenz angemeldet. Die Branche bangt, dass ein Abstieg bevorsteht, wie ihn die deutsche Solarindustrie zuvor schon erlitten hat.

Auch bei der Expansion der Meereswindparks verfehlt Deutschland die ursprünglichen Ziele. Im vorigen Jahr kamen in Nord- und Ostsee Kapazitäten von nicht mal einem Gigawatt Leistung hinzu, 23 Prozent weniger als im Jahr davor. Kanzlerin Merkel weihte Mitte April den Windpark »Arkona« vor der Insel Rügen ein. Die hübschen Bilder von Menschen, die bei der Feier in bunte Spielzeugwindräder pusteten, können nicht darüber hinwegtäuschen: Auch Offshore ist keine echte Wachstumsbranche mehr.

Das Problem liegt im System: Windparkbetrieb und Netzanschluss befinden sich in Deutschland in verschiedenen Händen, anders als etwa in Großbritannien. Es hakt bei der Abstimmung, die Kosten sind hoch, Potenziale bleiben ungenutzt. Kein Wunder: Niemand will auf hoher See Strom produzieren, dessen Abnahme an Land nicht gesichert ist, weil die Leitungen in Richtung Süden fehlen.

Schon der Anschluss eines normalen Solarparks kann zum Geduldspiel werden. In Spanien wird mit der Baugenehmigung zugleich die Netzverbindung garantiert. In Deutschland sei dies »oft ein unkalkulierbares Risiko«, sagt Dierk Paskert, Chef von Encavis, des größten unabhängigen Solarparkbetreibers in Deutschland. Selbst wenn der Netzbetreiber mitspiele, passiere es oft, dass sich Planungsbehörden, Kommunen oder auch einzelne Bürger querstellten. »Planungssicherheit sieht anders aus«, sagt Paskert.

Verschärft wird die Grünstromkrise dadurch, dass 20 Jahre nach Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) im kommenden Jahr die ersten Windräder, Fotovoltaik- oder Biogasanlagen aus der Förderung fallen. Wer damals eine Solaranlage installierte, oft Landwirte und Hauseigentümer, kassiert zum Teil bis heute 50 Cent pro eingespeister Kilowattstunde, heute sind es bei größeren Anlagen nur noch 5 Cent.

Der Staat hat gigantische Summen umverteilt. Mehr als 25 Milliarden Euro im Jahr bekommen die Betreiber über das EEG für den regenerativ erzeugten Strom. Ohne das Geld wird sich in Zukunft der Betrieb von Windrädern oder Solarparks für viele Eigentümer kaum mehr rechnen. Es ist wie so oft bei Subventionen: Sie erzeugen einen künstlichen Aufschwung, ein Strohfeuer, das schnell verbrennt und nur Asche hinterlässt.

Der Energiestandort ist gefangen in einem Dilemma. Deutschland hat sich daran gewöhnt, zwei Systeme parallel laufen zu lassen: ein fossiles, von dem die Gesellschaft nicht so leicht loskommt, und ein regeneratives, das nicht in Fahrt kommt. Je länger aber der Übergang von einem System zum anderen dauert, desto kostspieliger und unwägbarer wird das Projekt.

In knapp vier Jahren schalten die Versorger voraussichtlich das letzte Atomkraftwerk ab, Neckarwestheim 2. Bis dahin werden die ersten Kohlemeiler stillgelegt. Gleichzeitig dürfte der Strombedarf weiter anwachsen.

Wenn also die grüne Kraftwerks-Infrastruktur nicht zügig ausgebaut wird, könnte sich demnächst eine Versorgungslücke auftun. Es braucht vielleicht im Januar des Jahres 2023 nur eine Weile eiskalt und grau zu sein, keine Sonne, kein Wind. Zieht sich diese sogenannte Dunkelflaute über Tage hin, könnte es eng werden und das System an seine Grenzen stoßen. Mitte Januar 2017 trat zuletzt eine solche Konstellation ein.

In solchen kritischen Perioden fehlen bald Reserven, die bislang Kohle- und Gaskraftwerke lieferten, um das Netz stabil zu halten. Es braucht Lösungen, sehr schnell, um Zeiten der Dunkelflaute zu beherrschen. Die Einsicht sickert langsam in Berlin durch. So wirkte es jedenfalls, als im April bei einer Tagung in der Berliner Erlöserkirche eine Art Jamaika-Bündnis der Klimapolitik auf dem Podium saß. Die Diskutanten versicherten sich gegenseitig den Willen, der Energiewende neuen Schwung zu geben, jeder auf seine Weise.

Der Grünenabgeordnete Cem Özdemir, Wahlkreis in Stuttgart, der Heimat von Daimler und Porsche, beschwor den baldigen Abschied vom Verbrennungsmotor (»Die Messe für das Auto ist gelesen «). FDP-Chef Christian Lindner drang auf einen schnelleren Ausbau der Stromtrassen, nicht ohne die Weinbergschnecken- Pointe anzubringen.

Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp- Karrenbauer räumte ein, dass Klimaschutz früher in ihrer Partei einen höheren Stellenwert eingenommen habe, und erinnerte an den einstigen Bundesumweltminister Klaus Töpfer. »Wir arbeiten daran, diesen Rückstand wieder aufzuholen «, versprach sie. Klima, so die Parteichefin, werde »das beherrschende Thema dieses Jahres« sein.

Das ist gut möglich. Anteil daran haben die Schülerproteste »Fridays for Future«, die auch bei Eltern und Großeltern zunehmend verfangen. Mobilisiert hat die Politik zudem die Aussicht, dass das Verfehlen von Klimazielen künftig spürbare Sanktionen nach sich zieht, auch das ist neu. Von kommendem Jahr an muss die Regierung Strafen zahlen für jede Tonne CO², die das Land mehr ausstößt als mit Europas Nachbarn vereinbart. Da Deutschland die Zielwerte wohl reißen wird, plant der Bundesfinanzminister vorsorglich für die kommenden Jahre mit Zusatzausgaben von 300 Millionen Euro.

Mit dieser Perspektive heißt es jetzt in der Regierung: Lieber Geld in Klimaschutz investieren als Strafzahlungen ins Ausland überweisen. Doch auch in der Regierung hat man mittlerweile mitbekommen, dass die Energiewende beim Wähler schwer in Verruf geraten ist. Der Mann, der der Energiewende Schwung und Akzeptanz geben soll, heißt Andreas Feicht. Seit Februar ist er Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium. Wie schwierig seine Aufgabe wird, bekam er gleich an einem der ersten Tage im Amt zu spüren. Sein Chef, der Wirtschaftsminister, nahm ihn mit auf Reisen, um sich vor Ort ein Bild vom Netzausbau zu machen.

Es ging nach Niedernhausen, eine hessische Gemeinde nördlich von Wiesbaden. Zu Feichts Glück richteten sich die Objektive auf Altmaier, als dieser aus dem schwarzen Bus mit den getönten Scheiben ausstieg und durch ein Spalier wütender Bürger lief, viele in gelbe Westen gehüllt. »Keine Experimente über unseren Köpfen« stand auf einem der Plakate.

Die Niedernhausener sind von Infrastruktur jeder Art regelrecht umzingelt. In Sichtweite verlaufen eine Autobahn, mehrere Bahnlinien, darunter die ICE-Strecke Frankfurt–Köln, und eben die Stromtrasse, sie geht direkt über die Häuser. An den bestehenden Masten will der Netzbetreiber Amprion zusätzlich Höchstspannungsleitungen anbringen.

Ultranet heißt diese Leitung, 340 Kilometer lang, sie ist Teil der Verbindung, die den Strom von der Küste in die Industriezentren in der Mitte und im Süden Deutschlands transportieren soll; südlich der Main-Linie befinden sich nur 15 Prozent der deutschen Windkraftanlagen. Bei Suedlink, einer Trasse, die weiter östlich verläuft, sollen die Kabel unterirdisch verlegt werden, was allerdings beträchtlich teurer ist.

»Peter, gib uns ein E«, hieß es auf einem Plakat in Niedernhausen, »E« für »Erdverkabelung«. Der Vorsitzende der örtlichen Bürgerinitiative stürmte auf Altmaier zu. Das Vorhaben sei ein Menschenversuch, die magnetische Strahlung eines solchen Kabels unzureichend erforscht. Altmaier versprach: »Ich werde mir den Verlauf der Trasse genau zeigen lassen.« Dann stiegen er und der Staatssekretär zurück in den Bus.

Feicht ist Praktiker, er kennt sich bestens aus in der Energiewirtschaft, allerdings auf regionaler Ebene: Er war zuvor Chef der Wuppertaler Stadtwerke. Seine Ambitionen klingen bescheiden, wenn er über die Energiewende sagt: »Wir müssen ein Stück weit vorankommen.«

Tatsächlich muss Feicht gelingen, was sein Chef Altmaier nicht gepackt hat: aus lauter Versatzstücken ein neues, stabiles Gesamtsystem zu modellieren. Denn auch wenn derzeit wenig zusammenpasst: Ein paar funktionierende Einzelteile gibt es, aus denen sich eine vernünftige Energiepolitik zimmern ließe. Die EEG-Subventionen haben immerhin bewirkt, dass heute in Deutschland rund 1,7 Millionen Fotovoltaikanlagen installiert sind. Knapp 30 000 Windkraftanlagen an Land und 1305 in Nord- und Ostsee speisen Strom ins Netz. Die Anlagen erzeugen ihn teilweise zu Kosten von unter vier Cent pro Kilowattstunde, günstiger als Kohle- oder Atomstrom.

Deutschland gewinnt 35 Prozent der benötigten Elektrizität aus Wind, Sonne, Biomasse oder Wasser. Erneuerbare Energien haben voriges Jahr erstmals mit der Kohle als wichtigste Stromquelle gleichgezogen. Und doch ist dies alles nicht mehr als ein Anfang. Aus der Stromwende muss eine echte Energiewende werden, die alle Sektoren einbezieht: Gebäude, Industrie und Verkehr. Rund 19 Millionen Wohngebäude gibt es in Deutschland, nur gut vier Millionen davon sind energetisch saniert. Viele Heizungen sind veraltet, in rund einem Viertel der Häuser läuft im Keller noch der Ölbrenner. Nur allmählich wechseln die Eigentümer die Anlagen aus, jedes Jahr wird allenfalls ein Prozent des Hausbestands in Deutschland grundlegend modernisiert. Geht es in diesem Tempo weiter, werden 2050 ungefähr zehn Millionen Gebäude erneuert sein, kaum mehr als die Hälfte also. Seit Jahren schreibt jede Bundesregierung in den Koalitionsvertrag, die Gebäudesanierung steuerlich zu fördern, doch aus der Absicht ist nie ein Gesetz geworden – dafür spendiert die Große Koalition 2,7 Milliarden Euro für Baukindergeld bis Ende 2021;

Für die Industrie ist Energie – trotz Digitalisierung – weiter ein zentraler Kostenfaktor, Unternehmen des produzierenden Gewerbes bemühen sich daher, ihre Fabriken auf Effizienz zu trimmen. Die Erfolge relativieren sich indes, da die Wirtschaft stetig wächst. Unterm Strich blieb der Energieverbrauch in der Industrie in zwei Jahrzehnten fast unverändert;

Der Verkehr hängt von allen Sektoren am weitesten hinterher, Mobilität basiert nach wie vor fast vollständig auf Benzin- und Dieselkraftstoff. Die Emissionen von Autos und Lkw liegen auf ähnlich hohem Niveau wie 1990. Das angepeilte Ziel, sie bis 2030 auf knapp 40 Prozent zu senken, liegt in weiter Ferne. Wie lang der Weg ist, zeigt eine einfache Rechnung: In Deutschland sind rund 47 Millionen Pkw zugelassen, jährlich werden rund 3,4 Millionen neu verkauft. Selbst wenn von diesen Neuwagen die Hälfte mit einem Elektroantrieb ausgestattet wäre – was unrealistisch ist –, kämen Ende der Zwanzigerjahre noch immer kaum mehr als rund 15 Millionen alternativ angetriebene Pkw zusammen.

Es kann also nicht genügen, nur auf immer mehr Grünstrom zu setzen. Das wird nicht ausreichen, um den Traum von einer kohlenstoffarmen Zukunft zu verwirklichen. Die Energiewende, Version 2.0, muss neu gedacht werden, viel breiter, universeller. Sie muss alle Sektoren, Technologien und Märkte integrieren. Am Ende muss ein System stehen, hochgradig vernetzt, das viel mehr ist als nur eine gigantische Maschine, die Strom aus Wind und Sonne erzeugt und verteilt.

Ein wichtiger Bestandteil dieser neuen Energiewelt wird Wasserstoff sein. Wasserstoff ist ein Energieträger, der keine giftigen Emissionen verursacht und in unendlicher Menge verfügbar ist. Die Potenziale des Moleküls sind bekannt, vor Jahren schon wurde die Wasserstoffrevolution ausgerufen. Zu früh, wie man heute weiß. Jetzt aber sollte die Zeit reif sein.

Wie die Energiewende doch noch gelingen könnte »Head of Hydrogen« lautet der spektakuläre Titel von René Schoof, er ist der Herr des Wasserstoffs beim Energieversorger Uniper. Das Unternehmen produziert in Pritzwalk nahe dem Müritzsee grünen Wasserstoff. Schoof spaziert an silbrig glänzenden Kesseln vorbei, in deren Innerem spalten wabenförmige Kompressoren Wasser in seine Bestandteile auf.

Die Anlage, 2012 eröffnet, ist weltweit eine der ersten und größten ihrer Art. Sie demonstriert, dass sich grüner Strom problemlos in synthetische Energieträger verwandeln lässt: in Wasserstoff oder Methan, in Benzin, Diesel oder Kerosin. Die Technologie ist ausgereift. Und dennoch macht Manager Schoof das Pritzwalker Projekt nicht froh. Momentan würde es ihm schon reichen, sagt er, wenn es »nicht irgendwann ungenutzt in der Landschaft steht«, sagt er.

Betriebswirtschaftlich rechnet sich das Ganze nicht. Ein Großteil der eingesetzten Energie geht verloren, der Wirkungsgrad liegt unterhalb von 40 Prozent, wenn Wind erst in Strom und Strom in Wasserstoff und Wasserstoff in Methan verwandelt wird. Daraus lässt sich bislang kein tragfähiges Geschäftsmodell entwickeln.

Manches spricht gegen das Verfahren – ein entscheidender Gedanke indes dafür: Wenn die Zahl der Windräder weiter zunimmt, kommt es immer häufiger vor, dass die Betreiber die Anlagen abregeln müssen, weil das Netz überversorgt ist. Für den Ausfall bekommen sie eine Entschädigung. 2017 fiel eine Summe von mehr als einer halben Milliarde Euro an. Bevor so viel Geld verschwendet wird, könnten die Versorger ebenso gut die überschüssige Leistung nutzen und speichern. Dann könnten sie Methan und Wasserstoff produzieren, das sie ins Erdgasnetz einspeisen, 500 000 Kilometer sind die Leitungen lang. Es ist eine Art Riesenbatterie, die auch als Puffer gegen Dunkelflauten dienen könnte.

Eine andere Möglichkeit wäre es, den Windstrom in Methan oder Wasserstoff und dann in Kraftstoff zu verwandeln, in sogenannte E-Fuels. Hier könnte man sich ebenfalls die ohnehin bestehende Infrastruktur zunutze machen: die Treibstofflager, Pipelines oder Tankstellen der Mineralölwirtschaft.

Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft und Frontier Economics bescheinigt E-Fuels erstaunliche Potenziale, die globale Nachfrage könnte Mitte des Jahrhunderts so groß sein wie heute der halbe Weltmarkt für Rohöl. Profitieren würden davon insbesondere Maschinenbauer, die Elektrolyseure herstellen. Deutsche Unternehmen sind hier die Weltmarktführer. Sie beherrschen fast ein Fünftel des globalen Geschäfts. Darunter sind Siemens, ThyssenKrupp oder MAN: die alte Industrieelite.

Doch auch jungen Firmen bieten sich Chancen. In der nordfriesischen Provinz baut das Gründerduo von GP Joule, zwei Agraringenieure, eine komplette Wasserstoff-Prozesskette auf. »EFarm« heißt das Projekt: Windräder versorgen die Region mit Strom. Neben ihnen stehen Elektrolyse-Anlagen, die den Windstrom in Wasserstoff verwandeln und deren Abwärme die Häuser heizt. Der erzeugte Wasserstoff wird zu Tankstellen in Husum und Niebüll transportiert, so der Plan, zwei Brennstoffzellen- Busse werden dann im Nahverkehr eingesetzt. So kommt der Nordseewind in den Fahrzeugtank.

Das Projekt an der Küste soll demonstrieren, dass auch nach dem Auslaufen der EEG-Förderung Windräder rentabel zu betreiben sind. Es zeigt, wie variabel und vernetzt das Energiesystem von morgen sein muss. Und um wie viel komplexer die Aufgabe sein wird, grünen Strom so verlässlich verfügbar zu machen.

Heute wird von allen Seiten erneuerbare Energie ins Netz gedrückt, die Mengen schwanken je nach Wind und Wetter. Immer droht die Gefahr, dass das System die Balance verliert. Dagegen hilft nur, es so intelligent wie möglich zu steuern.

In Hagen, am »Platz der Impulse«, steht in letzter Zeit häufig ein weißer Nissan Leaf an einer Elektroladesäule. Dort, am Hauptsitz des Energieversorgers Enervie, zieht er sich Strom für seine Batterie. Was man dem Auto nicht ansieht: Es ist auch in der Lage, seine Energie zum passenden Zeitpunkt wieder abzugeben, es kann sich wahlweise be- und entladen. So etwas vermag kaum ein anderes Elektroauto in Deutschland. So trägt das Fahrzeug seinen kleinen Teil dazu bei, das System zu stabilisieren. Wenn der Versorger Enervie gerade Energie benötigt, speist der Wagen binnen drei Sekunden Strom ins Netz ein. Die schnelle Hilfe bekommt der E-Auto- Besitzer vergütet. In einer Testwoche kamen für den Betreiber 20 Euro zusammen, im Idealfall wären dies rund tausend Euro im Jahr. Ein Fahrzeug, das Geld verdient.

Im Prinzip könnte so aus jedem Autofahrer ein Energieanbieter werden, so wie die Betreiber von Windrädern, Sonnenkollektoren, Biogasanlagen, Kellerspeichern oder Wärmepumpen ebenfalls Energie ins Netz einspeisen können. Zusammengeschlossen ergeben sie eine Art virtuelles Kraftwerk. Dem Versorger kommt in diesem Verbund die Aufgabe zu, das Zusammenspiel aufeinander abzustimmen, er agiert wie der Dirigent eines riesigen Orchesters.

Klar, dass sich hier Fragen ergeben: was, wenn die Bürger relativ zeitgleich nach Feierabend ihr E-Auto an den Stecker hängen? Dann könnte der Versorger sie locken, zu später Stunde zu einem günstigeren Tarif die Batterie zu laden. Software und Algorithmen dafür gibt es.

In einigen Gemeinden entwickeln die örtlichen Stadtwerke längst solche intelligenten Versorgungskonzepte, sie nehmen die Energiewende gewissermaßen selbst in die Hand, auch aus Frustration über den Stillstand in Berlin.

In Bordesholm, einer 7500-Einwohner- Gemeinde nahe Kiel, haben die Stadtwerke vergangene Woche einen Batteriespeicher eingeweiht, ein schwarzes, fensterloses Gebäude, so groß wie zwei Bungalows. Darin reihen sich Regale, die mit 48 048 Modulen bestückt sind. Die Lüftung summt, bei 17 bis 23 Grad funktionieren die Batterien am besten. Hier speichert der kommunale Versorgungsbetrieb Strom, der in einer benachbarten Biogasanlage erzeugt wird. Die Batterie versorgt die Bürger mit Elektrizität, wenn nötig, kann sie aber auch innerhalb von 0,2 Sekunden Leistung ans überregionale Netz abgeben, um es stabil zu halten, ähnlich wie der Nissan Leaf in Hagen. Der Versorger Tennet belohnt die Hilfe mit einer Vergütung. »Damit verdienen wir unser Geld«, sagt Frank Günther, der Geschäftsführer der Versorgungsbetriebe Bordesholm.

Intelligente Systeme sind wichtig. Noch wichtiger aber sind Anreize, damit Bürger und Unternehmer klimafreundlich handeln. Und da kommt der Preis ins Spiel. Je teurer die Produktion von CO², desto eher lohnt es sich, in klimafreundliche Technologien zu investieren.

Der europäische Emissionshandel, 2005 gestartet, hat sich für diesen Zweck bislang als untauglich erwiesen. Die EU hat zu viele Verschmutzungsrechte ausgegeben, so sind die Preise lange Zeit sehr niedrig geblieben, ihr weiterer Verlauf ist kaum absehbar. Zudem deckt der Zertifikatehandel nur knapp die Hälfte der Emissionen ab; Verkehr, Gebäude, Handel oder Landwirtschaft werden nicht erfasst.

Eine Klimasteuer wäre eine elegante Lösung, sämtliche Sektoren einzubeziehen und zu einem System zu verzahnen. Mehr als 3500 Ökonomen haben einen Aufruf für eine stetig steigende, global einheitliche Abgabe unterschrieben. Auch in der Großen Koalition gewinnt die Idee einer CO²-Steuer Sympathien. Die Frage ist bloß, wie hoch sie ausfallen darf.

Wieder sind alle vorsichtig. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) verwies auf den Chef der Wirtschaftsweisen Christoph Schmidt, der 20 Euro pro Tonne in Spiel gebracht hatte. Auf einem solchen Niveau wäre der Effekt kaum spürbar, der Liter Benzin würde sich dann nur um wenige Cent verteuern.

Den »Fridays for Future«-Aktivisten schweben andere Dimensionen vor. Sie halten einen Preis von 180 Euro für angemessen. Dann würde der Liter Benzin etwa 43 Cent teurer, Heizöl 58 Cent, ein Flug von Deutschland nach Neuseeland und zurück kostete gut 2000 Euro mehr.

Klar ist: Je höher die Politik den Preis schraubt, desto mehr Bürger werden sich als Verlierer empfinden: die Jobpendler, die Altbaubewohner, die Vielflieger. Auf der ESYS-Tagung im Februar beschrieb Thomas Herdan, Abteilungsleiter »Energiepolitik« im Wirtschaftsministerium, das Dilemma, in dem sich die Regierung befindet. Viele drängten nun auf höhere CO²- Preise, aber wenn man dann wirklich etwas verändern wolle, heiße es: »Um Gottes willen, lasst bloß die Finger davon, sonst ziehe ich eine gelbe Weste an.«

In Frankreich wurden die landesweiten Proteste vergangenes Jahr durch die Ankündigung höherer Steuern für Kraftstoffe ausgelöst. Deshalb wird in Berlin ein Modell wie in der Schweiz favorisiert, in dem ein großer Teil der Einnahmen aus der CO²-Steuer Bürgern und Unternehmen rückvergütet wird, als Ausgleich dafür, dass klimaneutrales Handeln unbequem sein kann und Opfer verlangt. Das ist die zentrale Lehre aus mehr als zwei Jahrzehnten Energiewende: Die Politik muss die Bürger mitnehmen. Die Bürger müssen eine Vorstellung davon gewinnen, was der Umbau kostet, und auch verstehen, dass es nötig ist, Verhalten zu ändern. Ohne einen gewissen Verzicht wird es nicht gehen. Mit dem zweiten, dem schwierigeren Teil der Energiewende, der intelligenten Vernetzung der Sektoren, rückt die Energiewende nun viel näher an die Bürger heran. Sie beeinflusst, wie die Menschen leben, wie sie wohnen, wie sie sich fortbewegen.

Technologisch ist es möglich, das Energiesystem bis 2050 von fossilen Quellen zu befreien, besonders am Hightechstandort Deutschland. Es steht alles bereit: die Studien, die Strategien, die Anlagen. Der Wissenschaftlerverbund ESYS hat Empfehlungen formuliert, wie Politik, Wirtschaft und Gesellschaft das Ziel erreichen können.

Deutschland müsse nach ESYS-Rechnung die Kapazitäten von Solar- und Windanlagen verfünf- bis -siebenfachen, die synthetischen Kraftstoffe zu einem Pfeiler des Energiesystems machen, einen CO²-Preis über alle Sektoren einführen. Ein solcher Systemumbau kostet laut ESYS-Prognose jährlich zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Derzeit wären dies rund 70 Milliarden Euro.

Bis 2050 summieren sich die Ausgaben, je nach Szenario, auf 2 bis 3,4 Billionen Euro; andere Prognosen schwanken zwischen 500 Millionen und gut 2 Billionen Euro. So oder so, der zweite Teil der Energiewende wird teuer und anstrengend, ein Projekt, ähnlich aufwendig wie die Wiedervereinigung.

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