RWI in den Medien

Fuest versus Fratzscher

Politikberater werden in Lagern wahrgenommen. Von Tobias Thomas, Wolfgang Schwarzbauer und Gert G.Wagner.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20.04.2019

Wissenschaftliche Politikberatung sollte nicht mit Meinungen und Werturteilen operieren, sondern unvoreingenommen evidenzbasierte Erkenntnisse der Politik und der Öffentlichkeit vermitteln. Das ist aber nicht leicht, da zum einen Politiker und Medien Interesse daran haben können, dass bestimmte Erkenntnisse von den Wissenschaftlern selbst positiv oder negativ bewertet werden. Und auch Wissenschaftler versuchen immer wieder, ihre eigene Meinung zu transportieren. Selbst wenn sie mit reinen Meinungsäußerungen zurückhaltend sind, beruhen ihre Aussagen schlussendlich auf Werturteilen. Sie müssen in ihren Modellen theoretische Annahmen treffen, und auch die Auswahl von Forschungsfragen beruht notwendigerweise auf vorwissenschaftlichen Werturteilen. Deswegen ist es nicht erstaunlich, dass Wissenschaftler von der Politik unterschiedlich gerne gesehen und gehört werden.

Linke Politiker, so wird behauptet, berufen sich gerne auf Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, die Verteilungsfragen bearbeiten, und liberal-konservative Politiker beriefen sich gerne auf marktliberal oder ordnungspolitisch orientierte Ökonomen und Juristen. Empirisch gezeigt wurde das allerdings bislang nicht systematisch - nicht zuletzt, weil die Wissenschaftscommunity kaum Interesse daran hat, sich den Spiegel vorzuhalten und zu erkennen, welchen weltanschaulichen Lagern einzelne Wissenschaftler zugeordnet werden.

Um zu sehen, ob aus Sicht der Politik bestimmte Lager von Wissenschaftlern eine Rolle spielen, haben wir analysiert, welche Namen Ministerialbeamte und Abgeordnete nennen, die im Rahmen des F.A.Z.-Ökonomenrankings seit 2014 gefragt werden, welche Ökonomen und weitere Wissenschaftler sie "am meisten für ihre Arbeit schätzen". Jeder Befragte durfte jeweils fünf Namen nennen. Um die Auskunftsbereitschaft nicht zu gefährden, wurden die Beamten und Politiker bewusst nicht nach ihrer politischen Ausrichtung gefragt. Auf Basis einer "empirischen Netzwerkanalyse" haben wir berechnet, welche Namen häufig gemeinsam genannt werden und wer im Zentrum verschiedener Namens- Cluster liegt.

Die Daten zeigen lediglich zwei größere Cluster von Ökonomen, die wirklich oft genannt werden. An der Spitze des Clusters, das Ökonomen enthält, die besonders oft genannt werden und auch die stärksten Verbindungen zu anderen Clustern haben, stehen der aktuelle und der vormalige Präsident des Ifo-Instituts in München, Clemens Fuest und Hans-Werner Sinn, sowie Ökonomen wie Lars P. Feld (Freiburg), Michael Hüther (IW) und Christoph M. Schmidt (RWI). Dieses Netzwerk von Ökonomen, auf das nicht nur entsprechend ausgerichtete Ministerialbeamte und Politiker, sondern auch andere Entscheidungsträger gerne hören, wird häufig als marktliberal oder ordnungspolitisch angesehen.

Das zweite Cluster wird von DIW-Präsident Marcel Fratzscher angeführt, gefolgt von Peter Bofinger, Gustav A. Horn, Claudia Kemfert und Heiner Flassbeck. Hier dominieren Verteilungsfragen. Vier der fünf Genannten sind oder waren mit dem DIW Berlin verbunden (Flassbeck, Fratzscher, Horn und Kemfert). Interessant mag sein, dass ein fünfter Mitarbeiter des DIW und zugleich einer der Autoren des vorliegenden Beitrags, Gert G. Wagner, nicht zu diesem Cluster gehört, sondern ein "eigenes" Mini-Cluster anführt, dem aus Sicht der Politik weitere dezidiert empirisch ausgerichtete Ökonomen wie Holger Bonin oder Ludger Wößmann angehören. Dieses Cluster wird im Vergleich zu den beiden Spitzenclustern aber ungleich seltener genannt.

Dass die beiden Spitzen-Cluster für unterschiedliche politische Interessen vereinnahmt werden, kann man noch besser erkennen, wenn man die Nichtökonomen betrachtet, die im Zusammenhang mit diesen Clustern genannt werden. Zusammen mit dem Cluster "Fuest" werden an erster Stelle Staatsrechtler und Politikwissenschaftler wie etwa die früheren Verfassungsrichter Udo di Fabio und Paul Kirchhof sowie der Politologe Herfried Münkler genannt, während das Cluster "Fratzscher" stärker zusammen mit Politikwissenschaftlern und Soziologen wie etwa dem Armutsforscher Christoph Butterwegge oder der empirisch arbeitenden Soziologin Jutta Allmendinger genannt wird. Allmendinger ist im Übrigen die einzige Nichtökonomin, die in beiden Clustern "Fuest" und "Fratzscher" eine Rolle spielt.

Wichtig bleibt an dieser Stelle zu betonen, dass die Ergebnisse lediglich aussagen, wie die genannten Wissenschaftler von Ministerialbeamten und Parlamentariern wahrgenommen werden und nicht, wie die Wissenschaftler sich selbst einordnen würden. Manche von ihnen mögen sich ihrer zugewiesenen Rolle bewusst sein, andere weniger oder diese gar ablehnen. Gerade aufgrund der recht eindeutigen Zuordnung aus Sicht der Politik erscheint es jedoch wichtig, dass sich Wissenschaftler bewusst sind, dass ihre Aussagen politisch vereinnahmt werden können. Dies sollten sie in der Kommunikation ihrer Forschungsergebnisse berücksichtigen und in der Forschung selbst den Prinzipien folgen, wie sie zum Beispiel der Verein für Socialpolitik in seinem Ethikkodex festgeschrieben hat. Hierzu gehört die transparente Offenlegung der zugrundeliegenden Annahmen.

Die dargestellten Ergebnisse beziehen sich auf die Umfragen, die in den Jahren 2014 bis 2018 im Zusammenhang mit dem F.A.Z.-Ökonomenranking durchgeführt wurden. Die netzwerkanalytische Auswertung ist ausführlich im aktuellen Heft 4/2019 der Zeitschrift "Wirtschaftsdienst" dargestellt. Tobias Thomas ist Direktor des Wirtschaftsforschungsinstituts EcoAustria in Wien. Wolfgang Schwarzbauer ist Forschungsbereichsleiter dort. Gert G. Wagner ist Senior Research Fellow am DIW Berlin.

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