RWI in den Medien

Wie viel kostet es mich, das Klima zu retten?

Die Freitags-Demonstranten fordern eine hohe CO2-Steuer. Das würde das Leben teuer machen. Wir haben mal nachgerechnet.

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 14.04.2019

Daran werden sich die Schüler von heute auf ihren Freitagsdemos gewiss nicht mehr erinnern. Wie auch? Damals waren die wenigsten von ihnen geboren, als die Grünen vor 21 Jahren den Beschluss fassten, den Benzinpreis schrittweise auf fünf Mark je Liter anzuheben. Schon da ging es darum, die Menschen in Busse und Bahnen zu lenken und dadurch Treibhausgasemissionen zu senken. Das will die Jugend von heute ja auch - nur auf einen anderen Weg: Die Schülerproteste "Fridays for future" schlagen dafür jetzt eine Steuer auf Kohlendioxid (CO2) vor.

Erstmals nennt ein Teil der Demonstranten konkrete Forderungen. In einem Positionspapier beziehen sich die Schüler zur Höhe der Abgabe auf das Umweltbundesamt, das 180 Euro für den Verbrauch einer Tonne CO2 und anderer Treibhausgase vorsieht. Das ist happig und liegt weit über anderen Vorschlägen. Ottmar Edenhofer, Chefökonom am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, und Christoph Schmidt, Vorsitzender des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und Präsident des RWI in Essen, plädieren für einen Mindestpreis von 20 Euro für eine Tonne CO2. Dieser soll dann bis 2030 auf 35 Euro ansteigen. Eine solche Abgabe erhöht nicht nur den Preis für einzelne, verpönte Energieformen wie die Autofahrt durch teureres Benzin, sondern verteuert alle Lebensbereiche je nach Ausstoß von Treibhausgasen gleichmäßig. Dann kosten Fahrten mit Bus, Bahn und Auto mehr und ebenso Fliegen, Heizen und Essen. Insgesamt verursacht eine Person in Deutschland im Durchschnitt laut Umweltbundesamt Treibhausgase von 11,61 Tonnen im Jahr. Kommt eine CO2-Steuer von 180 Euro je Tonne, müsste jeder im Durchschnitt 2090 Euro zahlen. Der Vorschlag von Edenhofer und Schmidt kommt anfangs auf 232 Euro - die Belastung wäre hier also viel geringer.

Was wird teurer durch eine solche Abgabe, wie sie die Schülerdemonstranten vorschlagen? Jeder zweite Haushalt heizt mit Erdgas und wird durch eine CO2-Abgabe deutlich mehr ausgeben. Für eine 70 Quadratmeter große Wohnung in einem Mehrfamilienhaus fallen im Durchschnitt 10 710 Kilowattstunden Erdgas im Jahr an, was etwa 2,4 Tonnen CO2 und Kosten von 436 Euro ausmacht. Für den Verbrauch von 18 260 Kilowattstunden im 110-Quadratmeter- Einfamilienhaus liegt die CO2- Steuer bei 743 Euro. Damit werden die Heizkosten etwa um die Hälfte teurer. Mit Fernwärme sind die Ausgaben noch etwas höher. Und je Liter Heizöl fallen 58 Cent als CO2-Steuer an.

Zu den Treibhausgasen zählen neben CO2 auch Methan und Lachgas. Alle klimawirksamen Stoffe rechnen Umweltbundesamt und Bundesumweltministerium nach Produkt in CO2-Äquivalenten um. Kühe stoßen Methan aus, weswegen mehr als ein Drittel der weltweit emittierten Menge aus der Viehhaltung stammt. Eine CO2-Steuer verteuert ein Kilogramm Butter um 4,29 Euro, ein Kilogramm Käse um 1,53 Euro und einen Liter Milch um 17 Cent. Ein Kilogramm trockene Kartoffeln wird um 68 Cent teurer und dieselbe Menge an tiefgefrorenen Pommes frites um 1,03 Euro. Fleisch kostet dann ebenfalls mehr: Mit dem Kauf eines Kilogramms Rindfleisch aus konventioneller Landwirtschaft im Handel fallen 13,3 Kilogramm CO2-Äquivalente an - das kostet 2,40 Euro zusätzlich. Für ein Kilogramm Schweinefleisch sind es 59 Cent und für ein Kilogramm Geflügel 63 Cent. Die Abgabe ist für Tiefkühl- Fleisch etwa ein Zehntel höher und für Produkte aus ökologischer Landwirtschaft geringer.

Wer Ökostrom hat, ist hier fein raus. Alle anderen nicht: Ein Haushalt mit vier Personen braucht im Jahr durchschnittlich 5500 Kilowattstunden Strom inklusive elektrisch erwärmtem Wasser. Gemessen am deutschen Strommix sind das 2,9 Tonnen CO2. Das führt zu einer Klima-Abgabe von 518 Euro. Sinkt der Verbrauch, sinkt auch die CO2-Steuer: 4500 Kilowattstunden (Durchschnitt eines Drei-Personen-Haushalts) kosten 425 Euro, 3400 Kilowattstunden (2 Personen) 320 Euro und 2200 Kilowattstunden (1 Person) 207 Euro.

Mehr zahlt, wen es in die Ferne zieht. Für den Flug von Frankfurt nach New York und zurück kommt eine Klima- Abgabe auf 677 Euro und für die Strecke von Frankfurt nach Sydney mit Halt in Dubai und zurück sind es 1865 Euro. Eine CO2-Steuer für den Flug von Hamburg nach München und zurück beträgt 57,60 Euro. Da fährt die Bahn billiger: Der CO2-Zuschlag für die innerdeutsche Fahrt beträgt im ICE etwa 12 Euro und im Auto ungefähr 40 Euro. Die Berechnungen der CO2-Steuer basieren auf Annahmen, die variieren können. So kommt es etwa für die Autofahrt auf das Fahrzeug und die Geschwindigkeit an.

Die Tendenz ist in jedem Fall klar: Die Klimaabgabe verteuert das Leben gehörig. Das wollen deren Anhänger auch. Wird das Verursachen von Treibhausgasen teurer, könnte das den Verbrauch drücken - weil die Menschen so viel nicht ausgeben wollen oder können und weil Alternativen nun günstiger sind. Offen bleibt die soziale Frage: Während Vermögende die Zusatzlast leicht stemmen, sind für Geringverdiener höhere Lebensmittelpreise mit Einschnitten verbunden. Daher rät mancher dazu, dass ein Teil der Einnahmen aus der Steuer wieder zurück an ärmere Menschen fließen soll.

Einen sektorübergreifenden, weltweiten CO2-Preis sehen Wirtschaftswissenschaftler meist als das effektivste Instrument für den Klimaschutz. Ökonomen um Joseph Stiglitz and Nicholas Stern schätzen eine globale CO2-Steuer von 35 bis 70 Euro bis 2020 und von 44 bis 88 Euro bis 2030, damit das Ziel, die Erderwärmung auf maximal zwei Grad zu begrenzen, gelingt. Das Emissionshandelssystem in Europa, das Lizenzen zum CO2-Ausstoß in energieintensiven Branchen handelt, liegt mit einem Preis von rund 24 Euro darunter. Da empfiehlt sich ein Blick nach Schweden: Dem Klimaschutz hilft es, dass das Land mit 120 Euro die höchste CO2- Steuer der Welt hat. Die Internationale Energieagentur lobt Schweden als das Land, das im Umbau zu einer CO2- armen Wirtschaft am weitesten vorn liegt.

Auch an den Tankstellen wird eine Klima-Abgabe für steigende Preise sorgen: Mit einer CO2-Steuer von 180 Euro kostet ein Liter Benzin 43 Cent mehr und ein Liter Diesel 47 Cent. Der Preis für einen Liter dürfte noch unter zwei Euro bleiben. Da ist der grüne Traum von Fünf-Mark-Benzinpreisen gar nicht mehr so weit.

Hoch