RWI in den Medien

Die Daten-Detektivin

Nicola Fuchs-Schündeln ist der Shootingstar der Ökonomenszene. Im kommenden Jahr könnte die neue Chefin des Vereins für Socialpolitik in den Sachverständigenrat einziehen. Nahaufnahme einer eigenwilligen Wissenschaftlerin.

WirtschaftsWoche vom 22.03.2019

Ein Bücherregal darf in ihrem Büro natürlich nicht fehlen, aber schaut Nicola Fuchs-Schündeln überhaupt regelmäßig in die Standardwerke der Volkswirtschaftslehre? "Nee", sagt die 46-Jährige, einen unverzichtbaren Klassiker habe sie nicht. Einen Lieblingsökonomen, der ihre Forschung und Lehre prägt? "Nee." Eine Denkschule, aus der sie ihre Sicht auf die Welt ableitet? "Nee."

Lieber schaut Nicola Fuchs-Schündeln in die Daten, ihre Welt ist die der Graphen und Tabellen. Die Ökonomie, sagt sie, arbeite mittlerweile "regelrecht detektivisch". Mitunter fährt sie zum Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung nach Nürnberg oder zum Statistischen Bundesamt, um vertrauliche Daten auf einem USB-Stick abzuholen. In Harvard kletterte sie einst in den Bibliothekskeller, um Daten aus verstaubten Jahrbüchern zu klauben. Die Frage, ob Wirtschaftswissenschaftler ordnungspolitisch oder keynesianisch gepolt seien, hält sie denn auch für irrelevant: "Junge Ökonomen gehen offener an Fragen heran - und lassen zuerst die Daten sprechen."

VON HARVARD NACH FRANKFURT

Fuchs-Schündeln ist Protagonistin einer immer stärker empirischen Volkswirtschaftslehre, die auf normative Urteile keinen gesteigerten Wert legt. Und sie ist so etwas wie der Shootingstar der deutschen Ökonomenszene. Die Co- Herausgeberin renommierter Fachzeitschriften ("Review of Economic Studies", "Journal of the European Economic Association") hat im Januar den Vorsitz des Vereins für Socialpolitik (VfS) übernommen, der größten wissenschaftlichen Ökonomenvereinigung im deutschsprachigen Raum. In der über 140-jährigen Geschichte des Vereins ist die gebürtige Kölnerin erst die zweite Frau, die es an die Spitze geschafft hat. "Nicola Fuchs-Schündeln ist eine beeindruckende Wissenschaftlerin und hat bedeutende empirische Beiträge zur Politischen Ökonomik, zur Entwicklungsökonomik und der Ökonomik von Haushaltsentscheidungen geleistet", lobt Vorgänger Achim Wambach, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung.

 Fuchs-Schündeln, die von 2004 bis 2009 als Assistant Professor in Harvard arbeitete, hat mit ihren Arbeiten gewonnen, was es zu gewinnen gibt in der hiesigen Forschungslandschaft. 2016 zeichnete der VfS sie mit dem Hermann-Heinrich- Gossen-Preis aus, dem bedeutendsten Preis für Jungökonomen in Deutschland. Vor einem Jahr folgte der Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die höchste fächerübergreifende Auszeichnung für Wissenschaftler hierzulande. Es war der Lohn dafür, "den Blick in der Ökonomie auf eher ungewöhnliche Fragestellungen zu richten", so Birgitta Wolff, die Präsidentin der Goethe-Universität Frankfurt, in ihrer Laudatio.

Ihr Augenmerk richtet die Ökonomin vor allem auf das Spar- und Konsumverhalten und die Herausbildung individueller Präferenzen. Nach der klassischen Lehre vom Homo oeconomicus sind die Präferenzen exogen bestimmt. Fuchs- Schündeln wies hingegen nach, dass Präferenzen politisch und gesellschaftlich formbar sind - mithin vom politischen und wirtschaftlichen System beeinflusst werden. Die Unterstützung der Demokratie zum Beispiel ist demnach kein Automatismus, vielmehr gewöhnen sich Menschen an Staatsformen - und befürworten eine umso stärker, je länger sie in ihr leben. Eine Gemeinschaftsarbeit mit Alberto Alesina, dem früheren Dekan an der Harvard-Universität, machte sie 2007 international bekannt. Die Volkswirtin, nach dem Studium in Köln in Yale promoviert, nutzte die Wiedervereinigung als natürliches Experiment und zeigte: Auch nach der Wiedervereinigung bevorzugten Ostdeutsche einen starken Staat. "Good Bye Lenin (Or Not?)" ist bis heute ihr meistzitiertes Papier.

Alesina nannte seine Kollegin "außergewöhnlich schlau". Trotzdem zog es Fuchs-Schündeln 2009 zurück in die Heimat. Von Harvard nach Frankfurt: Manch einer mag das für einen Abstieg halten. Die Ökonomin spricht von "einer persönlichen Entscheidung, wo man den Rest seines Lebens verbringen will". Heute ist ihr Arbeitsplatz das von der Bankenbranche alimentierte House of Finance, wo ihr Blick auf die Frankfurter Skyline mit den Bankentürmen fällt, die Vorlesungssäle "lecture room" heißen und auf den Fluren Englisch gesprochen wird. Insbesondere in jenem Flügel, in dem Fuchs-Schündeln und ihr international besetztes Team sitzen: ein Japaner mit Promotion in den USA, eine Pakistanerin mit Doktortitel aus Belgien und eine Italienerin, die in ihrer Heimat promovierte. Hinweise auf Meriten von Fuchs-Schündeln suchen Gäste vergeblich. Wände und Regale schmückt lediglich ein Pokal auf schwarzem Sockel in der Größe einer Gewürzdose. "Vor Urzeiten" habe sie den gewonnen, bei einem Quiz auf einer Weihnachtsfeier.

Derweil bahnt sich der nächste Karrieresprung an: Fuchs-Schündeln gilt als heiße Kandidatin für einen Sitz im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR). 2020 endet die Amtszeit von Christoph Schmidt, dem Chef der Wirtschaftsweisen. Theoretisch könnte er zwar noch einmal antreten, doch es werde "voraussichtlich nicht zu einer Wiederbestellung kommen", so der Ökonom gegenüber der WirtschaftsWoche. Der Grund: Die Regierung will den frei werdenden Platz unbedingt mit einer Frau besetzen. Das federführende Bundeswirtschaftsministerium hat Fuchs-Schündeln auf der Liste und will ihre wissenschaftliche Leistung in diesem Jahr genau beobachten.

In dem einflussreichen Beratergremium wäre sie die zweite Frau neben der Bonner Professorin Isabel Schnabel. Und anders als der jüngste Neuzugang im SVR, der gewerkschaftsnahe und intern als "Leichtgewicht" abqualifizierte Achim Truger, würde die Frankfurterin wohl mit offenen Armen empfangen. "Nicola Fuchs-Schündeln wäre eine perfekte Wahl", sagt ein SVR-Mitglied.

Die Kandidatin selbst sagt zum möglichen nächsten Karriereschritt: kein Wort. Auch sonst ist sie zurückhaltend, gilt als medienscheu. In öffentlichen Debatten ist sie noch kaum präsent. Auch bei der jüngsten Jahrestagung des VfS, zu der im September rund 800 Ökonomen kamen, war die designierte neue Chefin wegen eines Forschungsaufenthalts in Australien nicht dabei, was manche Mitglieder irritierte.

SCHWERPUNKT GENDER ECONOMICS

Umso klarer ist ihre Agenda als VfS-Vorsitzende: "Meine Hauptmotivation ist die Frauenförderung." Fuchs-Schündeln will den unter 20 Prozent liegenden Frauenanteil im Verein erhöhen; die Jahrestagung 2020 wird sich auf ihr Betreiben dem Kernthema "Gender Economics" widmen. Auch in ihrer Forschung greift sie das Thema auf. In einem neuen Projekt will sie herausfinden, wie sich Mutterschutz und Elternzeit auf den Arbeitsmarkterfolg auswirken. Ihre These: Diese politischen Maßnahmen können "unerwünschte Effekte für Frauen im geburtsfähigen Alter haben, obwohl sie als frauenfreundlich dargestellt werden". Für diese und ähnliche Arbeiten zum Verhalten und Erfolg auf dem Arbeitsmarkt hat sie vom Europäischen Forschungsrat jüngst ein Forschungsstipendium erhalten; bis 2024 fließen 1,6 Millionen Euro.

Dass sich Kinder und Karriere nicht ausschließen, hat Fuchs-Schündeln, verheiratet mit dem Entwicklungsökonomen Matthias Schündeln, selbst bewiesen. Das Paar hat drei Kinder - und wechselte in der Vergangenheit stets zusammen den Job.

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