RWI in den Medien

Rezession verliert ihren Tabu-Status

Der Rat der Sachverständigen korrigiert seine Vorhersage der wirtschaftlichen Entwicklung auf 0,8 Prozent. Hauptrisiken sind der Brexit und der Konflikt zwischen USA und China.

DIE WELT vom 20.03.2019

Gerade einmal vier Monate ist die jüngste Prognosekorrektur der Wirtschaftsweisen her. In ihrem Jahresgutachten vom November hatten die fünf Ökonomen ihre Vorhersagen für Deutschland und Europa bereits deutlich korrigiert. Doch nun hat sich herausgestellt: die schwachen Zahlen waren noch längst nicht niedrig genug.

Folglich haben die Wirtschaftsweisen ihre Prognosen für Deutschland in diesem Jahr noch einmal drastisch reduziert. Das geht aus der jetzt vorgelegten aktualisierten Prognose hervor. Demnach wird die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr nur noch um 0,8 Prozent wachsen. Bisher hatten die Ökonomen ein Plus von 1,5 Prozent erwartet - nachdem sie ihre ursprüngliche Prognose von 2,3 Prozent bereits im November gesenkt hatten.

Sogar das berühmte R-Wort, das Schreckgespenst einer Rezession, ist nicht mehr länger tabu. Zwar ist ein solches Minuswachstum auch weiterhin nicht die Hauptannahme der Weisen: "Die Hochkonjunktur der deutschen Wirtschaft ist vorerst vorüber. Eine Rezession ist angesichts der robusten Binnenkonjunktur aber aktuell nicht zu erwarten", sagte der Präsident des Essener RWI und zugleich Vorsitzende des Gremiums, Christoph Schmidt.

Allerdings findet sich in der Kurzanalyse der fünf Ökonomen durchaus ein ernst zu nehmender Warnhinweis. Demnach hätte angesichts der bereits nachlassenden weltwirtschaftlichen Dynamik "eine Spirale aus protektionistischen Maßnahmen das Potenzial, die deutsche Wirtschaft in eine Rezession abgleiten zu lassen", heißt es darin. Es ist eine Warnung, die sich so und ähnlich auch in vielen anderen gekappten Konjunktur-Vorhersagen findet. So hatte die Pariser Denkschmiede OECD kürzlich ihre Wachstumsprognose für Deutschland mehr als halbiert und in einer Simulation durchgespielt, was es für den Rest der Welt bedeuten könnte, wenn sich das Wachstum insbesondere in China deutlich verlangsamen sollte. Für Deutschland hatten die Experten wegen der engen weltweiten Handelsverflechtungen der Exportnation dabei ebenfalls ein mögliches Abgleiten in die Rezession vorhergesagt.

Für einen erheblichen Dämpfer sorgten zuletzt bereits die anhaltenden Probleme in der deutschen Automobilindustrie, aber auch das Niedrigwasser im Rhein, das insbesondere die chemische Industrie im vergangenen Jahr einiges an Wachstum gekostet hat. Beide Effekte zusammen dürften das BIP-Niveau im zweiten Halbjahr um etwa einen halben Prozentpunkt gesenkt haben, heißt es in der Analyse der Wirtschaftsweisen. Im dritten Quartal seien die Exporte immerhin so stark gesunken wie seit dem Jahr 2012 nicht mehr. Die "außergewöhnlich große Abwärtskorrektur" der Prognose sei daher zum einen dem schwächeren Ausblick für die Weltwirtschaft geschuldet, habe zum anderen aber auch rein statistische Gründe: "Die deutliche Korrektur der Prognose geht teilweise auf einen statistischen Effekt zurück. Da in Wachstumsprognosen Jahresdurchschnitte betrachtet werden, überträgt sich das schwache zweite Halbjahr teilweise auf das laufende Jahr. Die Abschwächung ist daher weniger dramatisch, als die Zahlen suggerieren", sagte die Bonner Wirtschaftsweise Isabel Schnabel gegenüber WELT. Unterm Strich seien die Risiken für die Konjunktur aber weiterhin hoch. "Neben der Unsicherheit über den Brexit ist dies vor allem die Gefahr einer Eskalation des Handelskonflikts", sagte Schnabel.

Trotz der deutlich gesenkten Vorhersagen sollte die Regierung aus Sicht der fünf Sachverständigen aber nicht in hektischen Aktionismus verfallen, um die Wirtschaft kurzfristig anzukurbeln. "Ein Konjunkturprogramm ist nicht angezeigt", konstatierte Schmidt. Vielmehr müsse es langfristige Weichenstellungen für Deutschland geben, etwa eine Reform der Unternehmenssteuern. Der Essener Ökonom und sein Freiburger Kollege Lars Feld plädierten zudem erneut für die Komplett-Abschaffung des Soli. Und das neue Gremiumsmitglied Achim Truger, der eher als gewerkschaftsnah gilt, schlug vor, Firmen künftig gezielt zu entlasten - etwa über verstärkte Forschungsförderung. Bei einem stärkeren Abschwung sollten auch Abschreibungsmöglichkeiten vereinfacht werden, so sein Vorschlag.

Doch nicht nur die Wirtschaftsweisen blicken skeptischer in die Zukunft. Wegen der anhaltenden Handelskonflikte mit den USA und angesichts der Unsicherheit über den EU-Austritt Großbritanniens haben viele Forscher ihre Wachstumsprognosen für Deutschland ebenfalls bereits nach unten korrigiert. Die Bundesregierung erwartet für das laufende Jahr nur noch ein Prozent Wachstum, nach 1,4 Prozent im Vorjahr. Das IWH-Institut aus Halle rechnet sogar damit, dass die Konjunktur nur noch um 0,5 Prozent zulegen wird.

Auch die Prognosen für die übrige Euro- Zone haben die Weisen mittlerweile deutlich gesenkt. Für Frankreich erwarten sie in diesem Jahr nur noch ein Wachstum von 1,1 Prozent statt bisher 1,6 Prozent. Für die Niederlande werden 1,6 Prozent statt bisher 2,2 Prozent prognostiziert. Einzig für Spanien sind die Weisen mittlerweile etwas zuversichtlicher als noch im Herbst. Die BIPPrognose für das Land wurde um 0,3 Prozentpunkte auf 2,3 Prozent nach oben korrigiert.

Ein regelrechtes Tal der Tränen erwarten die Ökonomen hingegen für Italien: statt eines Wachstums von plus 0,9 Prozent sagen die Wissenschaftler jetzt mit minus 0,2 Prozent sogar ein weiteres Abdriften in die Rezession voraus. Für kein anderes Euro-Land sind die Ökonomen im laufenden Jahr derart pessimistisch. Italien war bereits Ende 2018 mit zwei Minusquartalen in Folge in eine sogenannte technische Rezession abgerutscht.

Ein wichtiger Belastungsfaktor sei der anhaltende Renditeanstieg in Italien im Zuge der Haushaltspolitik der italienischen Regierung, kritisieren die Weisen. Belastet durch die schwächere Entwicklung in Deutschland, Frankreich und Italien dürfte auch die Euro-Zone insgesamt in diesem Jahr mit 1,2 Prozent deutlich langsamer wachsen als bisher erwartet.

Zumal sich die große Unbekannte im Ausblick weiterhin kaum beziffern lässt: die Frage nämlich, ob, wann und auf welche Weise Großbritannien aus der EU ausscheiden wird, und welche wirtschaftlichen Verwerfungen der Brexit in Europa insgesamt haben wird. "Welche weiteren wirtschaftlichen Effekte sich zukünftig ergeben, ist aktuell kaum abschätzbar", schreiben die Wirtschaftsweisen. "Für die Prognose geht der Sachverständigenrat von der technischen Annahme aus, dass rechtzeitig eine Lösung gefunden wird, die für den Prognosezeitraum den Status quo der Handelsbeziehungen mit der EU aufrechterhält", heißt es in der Analyse. In diesem optimistischen Szenario sei weiter von moderat positiven Wachstumsraten auszugehen. "Im Fall eines harten ungeordneten Brexit sind deutlich negativere Entwicklungen nicht auszuschließen." Mit anderen Worten: sollte dieser Fall tatsächlich eintreten, dürfte die nächste drastische Prognosekorrektur wohl nicht sehr lange auf sich warten lassen.

Hoch