RWI in den Medien

Ein pluraler Wirtschaftsweiser

Der Berliner Ökonom Achim Truger ersetzt Peter Bofinger im Sachverständigenrat. Mit seinen Ansichten eckt er bei den Kollegen an.

DER TAGESSPIEGEL vom 20.03.2019

Wenn die Kollegen einen mit einem Shitstorm im Netz begrüßen, dann ist das nicht der leichteste Jobeinstieg. Doch Achim Truger nimmt es gelassen. „Ich bin nicht nachtragend“, sagt er. Seit diesem Dienstag ist der 49- Jährige offiziell einer der fünf Wirtschaftsweisen. Zusammen beraten sie die Bundesregierung in Wirtschaftsfragen.

Vorgeschlagen worden ist Truger für den Sachverständigenrat von den Gewerkschaften. Sie dürfen stets einen Ökonomen für das Gremium empfehlen. Bis vor Kurzem war es Peter Bofinger, der mit Gewerkschaftsticket im Sachverständigenrat saß. Bofinger eckte bei seinen Kollegen an, vertrat oft eine andere Meinung als die vier übrigen Weisen. Doch die respektierten das. Umso mehr verwundern die Reaktionen, die Trugers Einzug in den Sachverständigenrat hervorgerufen haben.

Als „wissenschaftliches Leichtgewicht“ hat Ökonom Justus Haucap ihn abgetan. Wirtschaftsweise Isabel Schnabel sah bereits den „Qualitätsanspruch“ des Sachverständigenrats in Gefahr. Ihr Kollege Lars P. Feld stellte Trugers Wissenschaftlichkeit „direkt in Frage“. Sie stören sich daran, dass Truger wenige Publikationen in namhaften akademischen Journalen vorzuweisen hat. Und dass er statt an einer Universität an einer Fachhochschule lehrt, der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) in Berlin.

Truger könnte sich durchaus rechtfertigen. Er forscht seit Jahrzehnten zur Schuldenbremse, zu öffentlichen Haushalten, zur Steuerpolitik. Seine Liste mit Publikationen füllt 40 Seiten. Gerade erst hat er einen Ruf als Professor an die Universität Duisburg angenommen. Und doch sitzt er die Diskussion über seine Person einfach aus, äußert sich monatelang gar nicht. Das passt zu dem Ökonomen, der leise spricht, seine Worte bewusst wählt. Dem es geradezu unangenehm zu sein scheint, in der Öffentlichkeit zu stehen.

Wenige Tage vor seinem Amtsantritt sitzt Truger in einem Schöneberger Cafe, vor sich Cappuccino, Croissant und eine Masterarbeit, die er noch korrigieren muss. Dann erzählt er, was er sich vorgenommen hat als Wirtschaftsweiser. Truger will auf die Lücken in der Ökonomie hinweisen. Auf die Fälle, in denen man aus der Theorie keine klare Empfehlung ableiten kann. Er sagt: „Wir müssen uns als Ökonomen eingestehen, wenn wir etwas nicht genau wissen.“

Bemerkenswert ist das, weil es eigentlich der Job der Wirtschaftsweisen ist, Empfehlungen abzugeben. Sie raten zu einem höheren oder niedrigeren Renteneintrittsalter. Sie beziehen Stellung zu Mietpreisbremse oder Arbeitszeitgesetz. Und dann kommt Truger, der im Zweifel lieber sagen will: Das weiß ich nicht. Doch er meint, dass auch solch eine Aussage hilfreich ist. Warum erklärt er anhand des Mindestlohns. Zu dem gebe es viele gegensätzliche Studien. „Da ist es doch nur fair, einzugestehen: Wir können nicht genau sagen, wie der Mindestlohn wirkt“, sagt Truger. Für die Politik leitet er daraus die Empfehlung ab: „Den Mindestlohn vorsichtig einzusetzen und schrittweise zu erhöhen.“ So wie die Politik es getan hat.

Das klingt extrem diplomatisch. Erst recht für einen Ökonomen, der lange bei den gewerkschaftsnahen Forschungsinstituten WSI und IMK gearbeitet hat. Stärker als seine Zeit dort scheint Truger dann aber auch etwas anderes geprägt zu haben: sein Studium in Köln. Truger erzählt, wie er damals bewusst auch Vorlesungen jenseits der Volkswirtschaftslehre besucht hat; vor allem Philosophie und Sprachen von Spanisch bis Portugiesisch haben ihn interessiert. Womöglich auch deshalb ist Truger heute einer der Ökonomen, die man als plural oder heterodox bezeichnet: Sie eint, dass sie sich mit der neoklassischen Theorie nicht mehr zufrieden geben wollen. Dass sie stärker rechts und links von ihrem Fachgebiet schauen. Dass sie Studierenden etwa sehr viel mehr über Wirtschaftsgeschichte beibringen wollen.

Bis heute sind plurale Ökonomen an den Hochschulen in der Minderheit, auch wenn sie ihre Ansichten seit der Finanzkrise stärker verbreitet haben. Deshalb halten manche Truger auch genau für die richtige Wahl: „Die Berufung eines heterodoxen Ökonomen in den Sachverständigenrat ist ein überfälliges Signal“, schreibt Arne Heise, Finanzwissenschaftler an der Universität Hamburg. Aufgrund seiner etwas anderen Grundeinstellung wird Truger sich unter den Wirtschaftsweisen aber erst noch behaupten müssen. Dass er damit kein Problem hat, bewies er am Dienstag. Denn es gibt durchaus Themen, wie Staatsverschuldung und Steuern, bei denen er eine klare Linie vertritt. Seine Kollegen Lars P. Feld und Christoph M. Schmidt argumentierten bei der Vorstellung der neuen Konjunkturprognose etwa, es sei Zeit für sinkende Unternehmenssteuern. Das würde die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts stärken, so Schmidt. Truger sieht das anders. Eine solche Steuersenkung reduziere die Staatseinnahmen gerade im Abschwung würde dieses Geld dann für wichtige Investitionen fehlen, sagt er.

Reibungspunkte gibt es auch beim Solidaritätsbeitrag. Der Sachverständigenrat hat sich dafür ausgesprochen, ihn komplett abzuschaffen. Truger aber hält das für falsch: „Davon würden vor allem die Reichsten profitieren.“ Er würde den Beitrag, der ursprünglich für die Finanzierung der deutschen Einheit eingeführt worden ist, lieber umwidmen. „Man könnte daraus die soziale und ökologische Transformation der Wirtschaft bezahlen und regionale Ungleichheiten bekämpfen“, meint er. Eine Idee, für die Truger als Wirtschaftsweiser eintreten will.

Mut zur Lücke. Achim Truger will als neuer Wirtschaftsweiser auf die Fälle hinweisen, in denen die ökonomische Theorie kein klares Ergebnis liefert. Er sagt: „Wir müssen uns als Ökonomen eingestehen, wenn wir etwas nicht genau wissen.“

Hoch