RWI in den Medien

Energielabel verfehlt sein Ziel

Informationen schaffen laut einer Studie keinen Anreiz für den Kauf energieeffizienter Geräte.

DIE WELT vom 18.03.2019

Man findet sie an Kühlschränken und Backöfen, auf Dunstabzugshauben und Staubsaugern, an Lampen und Fernsehern: die Etiketten mit bunten Balken und den Kennzeichnungen von A+++ bis D. Diese EU-Energielabel geben Auskunft darüber, wie effizient die Energieverwendung des jeweiligen Geräts ist - von "sehr gut" bis "ganz schlecht".

"So sollen Verbrauchern die Auswahl und der Kauf energieeffizienter Geräte erleichtert werden", betont die Deutsche Energie-Agentur (Dena). Letztlich geht es dabei um den Klimaschutz. Die bessere Auswahl der Verbraucher mithilfe des Energielabels soll dazu beitragen, das Einsparziel von jährlich 175 Millionen Tonnen Öleinheiten bis 2020 zu erreichen. Doch eine Studie des Essener RWI-Instituts für Wirtschaftsforschung weckt schwere Zweifel an der Wirksamkeit der EU-weit verpflichtenden Kennzeichnung. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass das EU-Energielabel die Nachfrage nach energieeffizienten Produkten nicht erhöht", heißt es in der Studie, die WELT vorliegt. Dagegen stieg die Kaufbereitschaft in dem Versuch deutlich, sobald Informationen über die tatsächlich eingesparten Stromkosten hinzukamen.

Um die Wirksamkeit der Etiketten zu testen, führten die Forscher ein Experiment mit mehr als 700 Haushalten durch, die sie in drei Gruppen einteilten. Als Stromverbraucher pickten sich die Wissenschaftler Leuchtmittel heraus, weil die in Privathaushalten regelmäßig ersetzt werden müssen. Zudem stehen mit den "Energiesparlampen" und den neueren LED-Lampen zwei Technologien mit unterschiedlicher, klar abgrenzbarer Wirksamkeit zur Verfügung. Unter den Teilnehmern erhielt eine Kontrollgruppe keine näheren Informationen zum Thema Effizienz. Eine zweite Gruppe wurde über Funktion und Systematik des EU-Labels aufgeklärt, die dritte wurde mit konkreten Fakten über Kostenunterschiede versorgt: Eine Energiesparlampe verbraucht danach 68 Euro, um 15.000 Stunden lang zu brennen, eine ebenso lichtstarke LED derweil nur 39 Euro.

Das Ergebnis, so die Autoren Mark Andor, Andreas Gerster und Lorenz Götte, sei eindeutig: Mit den Kosteninformationen über die gesamte Lebensdauer im Hinterkopf stieg die Bereitschaft, die höheren Anschaffungskosten der effizienteren LED-Technologie in Kauf zu nehmen, um 45 Prozent. Der vom EU-Energielabel signalisierte Effizienzunterschied bot dagegen keinen messbaren Kaufanreiz. Hier werden die "Energiesparlampen", also kompakte Leuchtstoffröhren, mit der Effizienzklasse "A" bewertet, LEDs mit "A+". Käufer, die nur über diese Einordnung verfügten, ließen sich durch den niedrigeren Kaufpreis der weniger wirksamen Technik in demselben Ausmaß locken wie die Käufer aus der Kontrollgruppe. Die Ergebnisse stünden im diametralen Widerspruch zu den EU-Erwartungen, wonach das Label die Einsparziele näher rücke, so die Studienautoren. "Das Energielabel könnte leicht verbessert werden, indem man Schätzungen über die Betriebskosten des Geräts hinzufügt", schlagen sie vor.

Als Hauptgrund für die geringe Wirksamkeit der geltenden Kennzeichnung vermuten sie, dass Effizienzunterschiede für die Konsumenten kaum erkennbar werden. Bei den Lampen erscheint der Abstand zwischen der Einordnung "A" und A+" fast vernachlässigbar - trotz der beträchtlichen faktischen Kostenunterschiede im Gebrauch. Das Energielabel könnte nach Einschätzung der RWI-Wissenschaftler besser funktionieren, wenn es die Bandbreite der Einordnung voll ausschöpfen würde. Doch das wird teilweise durch eine andere Brüsseler Verordnung verhindert, die Ökodesign-Richtlinie. Danach dürfen beispielsweise Kühlschränke, Waschmaschinen und Geschirrspüler mit einer Einordnung unterhalb von A+ gar nicht mehr verkauft werden.

Nicht gerade zur Übersichtlichkeit trägt auch bei, dass die Skalen nicht für alle Gerätetypen gleich sind. So reicht die Einordnung bei Fernsehern von A+ bis F, soll aber bis 2020 bis zu einem A mit Dreifach-Plus erweitert werden. Ab Ende des laufenden Jahres soll zudem eine einheitliche Skala von A bis G eingeführt werden.

Die Label waren in ihrer Aussagekraft schon immer umstritten. So kritisiert der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv), dass die Label etwa bei Waschmaschinen nur auf Grundlage der Energiesparprogramme vergeben würden - eine Versuchung für die Hersteller, diese Programme besonders sparsam auszulegen, um die verkaufsfördernde Note zu erhalten, während die übrigen Programme auf gute Waschleistung hin optimiert werden könnten. Zudem gehe der Konsumtrend beispielsweise bei Kühlschränken zu Großgeräten, die per se mehr Strom verbrauchten - was sich auf dem Label aber nicht widerspiegele. Generell empfehlen die Verbraucherschützer, neben dem EU-Energielabel auf andere Kennzeichnungen zu achten. So wird etwa für Computer, Drucker oder Solaranlagen der "Blaue Engel" vergeben.

Kürzlich hat die britische Firma Dyson sogar dafür gesorgt, dass die EU-Kennzeichnung von Staubsaugern ganz verschwunden ist. Dyson fühlte sich von dem Testverfahren benachteiligt, prozessierte und gewann. Weil die EU-Kommission auf Rechtsmittel verzichtete, dürfen die bunten Balkendiagramme seit Januar nicht mehr auf neu verkauften Staubsaugern kleben.

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