RWI in den Medien

Ein Abschwung macht noch keine Krise

Das Wirtschaftswachstum schwächt sich ab, doch von einer Rezession kann noch keine Rede sein, zeigt der monatliche F.A.Z.-Konjunkturbericht.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 02.03.2019

Man sollte eine Rezession nicht herbeireden, denn noch befindet sich die deutsche Wirtschaft das nunmehr zehnte Jahr in Folge auf Wachstumskurs. Doch können selbst die größten Optimisten nicht leugnen, dass allmählich graue Wolken am Konjunkturhimmel aufziehen. Dafür sprechen die nackten Zahlen eine zu deutliche Sprache. Schon seit rund einem Jahr befinden sich Produktion und Auftragseingänge der Industrie im Abwärtstrend, und auch die Ausfuhr wuchs 2018 mit 3 Prozent nur noch halb so stark wie im Vorjahr.

Nicht nur in der Industrie, auch im Dienstleistungsgewerbe wirft das Ende der goldenen Jahre immer deutlicher seine Schatten voraus. Merklich eingetrübt hat sich im Februar der Geschäftsklimaindex des Münchener Ifo-Instituts, und zwar in beiden Sektoren. Dass er auf den tiefsten Stand seit Ende 2014 fallen würde, hatten Ökonomen im Vorfeld nicht erwartet. Allenthalben werden die Wachstumserwartungen nun nach unten korrigiert. Nach minus 0,2 und 0,0 Prozent im dritten und vierten Quartal 2018 erwartet die Bundesregierung 1 Prozent für das laufende Jahr. Andere sind noch ein bisschen pessimistischer, darunter die KfW, die ihre Ursprungsprognose auf 0,8 Prozent glatt halbierte. Auch das Essener RWI gibt an, die zu Weihnachten noch erwarteten 1,4 Prozent wohl kaum mehr halten zu können.

Sprunghaft hochgeschnellte Rezessionswahrscheinlichkeiten ließen nicht lange auf sich warten. Von einem "scharfen Anstieg" auf 24 Prozent für das zweite Quartal 2019 berichtet Commerzbank- Chefvolkswirt Jörg Krämer. Das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung erwartet mit 34 Prozent noch ein wenig mehr und sieht die Ampel im Frühwarnsystem von "Grün-Gelb" auf "Gelb-Rot" umspringen. Ifo-Forscher Timo Wollmershäuser beziffert die Rezessionswahrscheinlichkeit im zweiten Quartal gar auf mehr als 50 Prozent, weil sämtliche der zuletzt vermeldeten Indikatoren enttäuscht hätten, besonders die anhaltend schwache Industrieproduktion.

Anderen Konjunkturforschern geht das Krisengerede deutlich zu weit. Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) verweist auf die unverändert weit überdurchschnittliche Kapazitätsauslastung. Ja, es gebe eine "insgesamt auf Abkühlung gestimmte Grundtendenz". Von einer Rezession sei man aber "noch meilenweit entfernt". Allen voran das Baugewerbe habe pralle Auftragsbücher und profitiere von weiter steigenden Baupreisen, sagt Kooths der F.A.Z; hier könne man schon von einer Überhitzung sprechen. "Das konjunkturelle Bild ist nicht so trüb, wie es zuletzt häufig gezeichnet wurde", sagt Claus Michelsen vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Die Zeiten der Hochkonjunktur seien vorbei, künftig werde sich die Wirtschaft etwas gemächlicher entwickeln, aber eine nahende Rezession sieht man in Berlin ebenso wenig wie in Kiel. Auch die Bundesbank wollte diese Woche nur von einer "Wachstumsdelle" sprechen. Tatsächlich steht nicht zuletzt der Arbeitsmarkt nach wie vor prächtig da, wenngleich sich der Beschäftigungsaufbau etwas verlangsamt.

Aber was genau heißt das für die kommenden Wochen? Wegen allerlei außenpolitischer Unwägbarkeiten vermag das derzeit niemand so recht zu beurteilen. Einen völlig chaotischen Brexit ohne Austrittsabkommen könne man sich bei bestem Willen nicht vorstellen, heißt es unter Ökonomen unisono. Doch ausgeschlossen sei nichts. Die synchron zu Deutschland ohnehin schon erlahmende Konjunktur im Euroraum träfe ein solcher Schock ins Mark. Vor allem in Frankreich ist das Geschäftsklima "regelrecht abgestürzt", schreiben die Autoren des neuesten Ifo-Barometers. Hinzu kommen die abgeschwächte Wachstumsdynamik in China und der ungelöste Handelsstreit zwischen Amerika und der EU sowie zwischen Amerika und China, selbst wenn Letzterer, schenkt man Präsident Donald Trump Glauben, kurz vor der Beilegung steht. Amerikanische Zölle auf deutsche Autos dagegen stehen noch im Raum. Eine Verhängung durch das Weiße Haus würde sofort jede Prognose über den Haufen werfen.

Bleiben Zölle vorerst aus, spricht im ersten Quartal alles für ein ordentliches Wachstum infolge kräftiger Nachholeffekte. Denn noch bis Jahresende kämpften die Autohersteller mit der Umstellung auf das neue Abgasmessverfahren WLTP, zugleich litten die Pharma- und Chemiebranche unter dem dürrebedingten Niedrigwasser. Die Industrieproduktion geriet deshalb im zweiten Halbjahr 2018 noch stärker ins Straucheln als wegen der rückgängigen Aufträge ohnehin schon. Nun rechnen die Fachleute mit nachträglichen Produktions- und Absatzschüben, die den grundlegenden Abwärtstrend bis ins zweite Quartal hinein überdecken könnten. Die nachholbedingten guten Wachstumszahlen darf man auf keinen Fall als Anzeichen einer konjunkturellen Trendwende missverstehen, betonen die Fachleute.

Sollte die Politik deshalb schon konjunkturstabilisierende Maßnahmen vorbereiten? Oliver Holtemöller vom Leibniz- Institut für Wirtschaftsforschung in Halle warnt eindringlich davor. "Eine Feinsteuerung ist nicht möglich, und wenn jetzt etwas angestoßen wird, kommt es zu spät und wirkt nachher prozyklisch", sagt er. Laut Commerzbank- Chefvolkswirt Krämer müsse man sich von der "Machbarkeitsillusion" verabschieden. "Konjunkturzyklen hat es immer gegeben", sagt er, und wenn Bereiche wie die Bauwirtschaft dank stark expansiver Geldpolitik durch die EZB längst an ihrer Kapazitätsgrenze angekommen sind, seien der Politik ohnehin die Hände gebunden.

Hoch