RWI in den Medien

Der Klima-Umsturz

Der Streit zwischen Klimakriegern und Hardlinern aus der Industrie gefährdet die Zukunftsfähigkeit des Standorts. Dabei gibt es ordnungspolitisch saubere Konzepte für marktwirtschaftlich organisierten Klimaschutz: Wer schmutzt, der zahlt.

WirtschaftsWoche vom 01.03.2019

Stolze Kohletraditionalisten in sanierter Industriepracht treffen auf eine selbstbewusste Politikerin mit großem Umgestaltungswillen - mehr Symbolik geht kaum, als Svenja Schulze am Montag auf die Bühne der Turbinenhalle im Düsseldorfer Viertel Flingern steigt. "Verbindlich muss Klimaschutz sein", ruft die Bundesumweltministerin mit fester Stimme: "Erreichen wir unsere Klimaziele nicht, dann wird das richtig teuer für uns." Schulze hat gerade ihren Entwurf für ein Klimaschutzgesetz vorgelegt. Und ihn flugs zur Begutachtung bei der Kanzlerin eingereicht. Eigentlich ist das hier ein Heimspiel für die SPD-Politikerin. Schulze ist Rheinländerin, geboren in Düsseldorf, war hier Landespolitikerin, Landesministerin. Man kennt sich, man sieht sich - hier und heute beim Verein KlimaDiskurs NRW mit seinen knapp 100 Mitgliedern, in der Mehrzahl kommunale Unternehmen. Sie haben sich auf die Fahnen geschrieben, den Klimaschutz an Rhein und Ruhr zu fördern und dabei zugleich die Industrie zu stärken. Bei denen hat Schulze einen schweren Stand.

Gerade die Wirtschaft engagiere sich doch schon sehr für die Umwelt, moniert Thomas Müller-Kirschbaum, Forschungsleiter beim Konsumgüterhersteller Henkel. Bis 2030 wolle der Konzern sich komplett mit Ökostrom versorgen. Zu gerne würde Henkel auf seinem Firmengelände in Düsseldorf ein Windrad aufstellen. Doch das gehe nicht, weil man sich an Abstandsregeln von Windrädern zu Wohngebäuden halten müsse. Ute Müller-Eisen, Leiterin NRW-Politik beim Leverkusener Werkstoffhersteller Covestro, sagt: "Klimaziele, die uns knebeln, bringen uns überhaupt nicht weiter." Und Christian Kullmann, Vorstandschef des Chemiekonzerns Evonik, wird noch deutlicher: Der Klimaschutzplan der Umweltministerin "beeinträchtigt die Investitions- und Planungssicherheit des Industriestandorts". Er könnte auch sagen: Verschont uns bitte mit eurer Ökoplanwirtschaft!

MITTENDRIN STATT NUR DABEI

Was für einen Unterschied ein einziges Gesetz machen kann. Bislang galt Svenja Schulze nicht gerade als Aktivposten in der Bundesregierung. Sie fiel auf, wenn überhaupt, weil sie zum Thema Tempolimit nichts zu sagen wusste. Oder weil sie zum Klimagipfel im polnischen Kattowitz ohne Kohleausstiegsplan, also mit leeren Händen, anreisen musste.

Nun steht die SPD-Ministerin im Zentrum des wichtigsten wirtschaftspolitischen Projekts in diesem Jahr. Ihr 65- seitiger Entwurf für ein "Bundes-Klimaschutzgesetz" bringt die Wirtschaft in Wallung und das Kabinett in Stellung - für oder gegen sie. CDU-Wirtschaftsminister Peter Altmaier unterstellt ihr schlicht Profilierungssucht. Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus poltert gegen ein dekretierendes "Mach mal"-Gesetz. Und SPD-Finanzminister Olaf Scholz meint, seiner Parteifreundin im Stile eines Staatsmannes beispringen zu müssen: Das Gesetz sei gut für Deutschland. Punkt.

Tatsächlich ist Schulzes Klimaschutzgesetz nicht weniger als ein dreifacher Testfall: für die Marktwirtschaft, für die Koalition - und für die internationale Glaubwürdigkeit Deutschlands. Hält die Bundesregierung ihre nationalen und internationalen Klimaschutzverpflichtungen ein - oder nimmt sie es mit dem Thema nicht mehr so genau? Nutzt sie intelligente Instrumente, um ihre Ziele zu erreichen? Oder solche, die die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen gefährden? Schulze will, dass jedes Ministerium Verantwortung für seinen Sektor übernimmt und seine verbindlichen Ziele einhält: Wer dafür sorgt, dass Deutschland seine Treibhausgas-Einsparziele reißt, soll identifizierbar sein - soll politisch und finanziell haften, wenn die Bundesregierung von anderen EU-Ländern zusätzliche Verschmutzungsrechte kaufen muss.

Daran ist zunächst einmal nichts auszusetzen: Konkretisierung ist der erste Schritt zur Versachlichung einer Debatte, die quasi-religiös aufgeladen ist. Die Ökojünger wollen Kohleausstieg, Umweltschutz und Energiewende ultimativ durchsetzen, koste es an Subventionen, was es wolle; ihre aktuelle Schutzheilige heißt Greta Thunberg, eine schwedische Schüleraktivistin, die im Dienst einer grünen Apokalyptik steht: "Wenn wir jetzt nicht handeln, dann ..."

Und auf der anderen Seite stehen die Leugner und Zweifler, die Dieselfreunde, Standortverteidiger und Trivialliberalen, die mit der Keule der Planwirtschaft und des "Klimanationalismus" auf die Besorgten losgehen, als sei die Erde ihnen ewig untertan - als hätten sie noch nie was von Ressourcenmangel, Artenschwund und Temperaturanstieg gehört.

RAUS AUS DEN WOLKEN

Schulzes Gesetz müsste den Bekenntnisstreit beenden und die Klimafrage auf den Boden der politischen Tatsachen holen. Wenn ihr Entwurf Transparenz herstellte, Deutschlands Versäumnisse verdeutlichte - und wenn er den Streit um das Ob des Klimaschutzes beenden würde, zugunsten eines Ideenwettbewerbs, der um die Frage des Wie kreist: Wie bleibt die Bundesrepublik ein konkurrenzfähiger Industriestandort, der ökologische Innovation und ökonomische Vernunft mustergültig in Einklang bringt? Ambitionierte Reformmodelle, wie das gelingen könnte, gibt es. Sie umzusetzen erforderte Mut, Führungswillen und Reformlust. Ob die große Koalition mit einer Bundeskanzlerin im Farewell-Modus dazu bereit ist?

An Ehrgeiz mangelt es nicht. Im Gegenteil: Deutschland werde seine Treibhausgasemissionen bis 2050 um "mindestens 95 Prozent" reduzieren, so steht es in Schulzes Papier - dabei würden 80 Prozent gegenüber 1990 laut internationalen Verpflichtungen reichen. Die Bundesumweltministerin hat offenbar genug davon, dass ihre CDU CSU-Kabinettskollegen Andreas Scheuer (Verkehr), Horst Seehofer (Bau), Julia Klöckner (Landwirtschaft) und Peter Altmaier (Energie) immer auf sie zurück zeigen, sobald sie öffentlich mehr Klimaschutz anmahnt.

Auch SPD-Fraktionsgeschäftsführer Carsten Schneider findet: Um die Ziele zu erreichen, seien jetzt "die zuständigen Minister gefordert". Und Kanzlerin Angela Merkel. Sie möge "ihre Minister zur Arbeit anhalten", sollte sie sich immer noch als Klimakanzlerin verstehen.

CSU-Umweltpolitiker und Unionsfraktionsvize Georg Nüßlein hält Schulzes Vorgehen dagegen für überhebliche Kraftmeierei. Die Ministerin versuche, "ein Klima-Grundgesetz" durchzusetzen, "den Klimaschutz über alles" zu stellen. Dabei seien "andere Ziele wie bezahlbares Wohnen oder uneingeschränkte, saubere Mobilität" genauso wichtig. Siege die Ideologie, orakelt Nüßlein, "bekommen wir französische Verhältnisse" und "Gelbwesten-Proteste". Seine Agenda: den Kohleausstieg umsetzen ("Eine große Aufgabe."). Das Dämmen und Sanieren von Gebäuden steuerlich fördern ("Scholz muss endlich liefern."). Und was den Verkehrsbereich anbelangt: Das Kind bloß nicht mit dem Bade ausschütten ("Die Industrie wird Angebote machen.").

Das also ist der Stand der Dinge in Berlin: Koalitionsschelte hier, Prinzip Hoffnung dort - dabei weiß jeder: So kann es nicht weitergehen. Aus dem stolzen Ökopionier Deutschland ist längst ein Nachzügler geworden. Grüne Rhetorik und graue Statistik passen nicht mehr zueinander. Die Freunde der Wirtschaft stehen wie Innovationsfeinde da. Die Freunde der Umwelt wie Wohlstandsverwöhnte mit Luxusproblemen. Was es daher braucht, ist eine Art Säkularisation der Klimafrage: weniger Leidenschaft, mehr Interessen, weniger Ideologie, mehr Nützlichkeitskalkül, weniger Glaubenskrieg, mehr Lösungseifer.

Beispiel Energiewende: Sie schreitet voran, ist bisher aber vor allem eine Stromproduktionswende. Diese kostet Wirtschaft und Verbraucher über EEG-Umlage und Netzentgelte 40, 50 Milliarden Euro pro Jahr, hat Deutschland die höchsten Energiekosten in Europa beschert. Der Atomausstieg führte zu einer Renaissance der Kohlekraft, die wiederum für 40 bis 80 Milliarden Euro bis 2038 abgeregelt werden soll. Und zu allem Problemüberfluss kommt der für den weiteren Ökostromausbau nötige Netzausbau nicht voran, weil die Bürger an der Urne zwar mehrheitlich für die Energiewende votieren, Leitungen vor Ort aber blockieren.

POLITISCHER GROßAKTIONISMUS

Die Energiebilanz des deutschen Sonderwegs? Miserabel. Trotz des finanziellen und politischen Großaktionismus verfehlt die Bundesregierung das für 2020 ausgegebene CO 2 - Einsparziel von 40 Prozent gegenüber 1990 krachend (siehe Grafik). Und für die 2030er-Marke (minus 55 Prozent) sieht die Perspektive noch düsterer aus. Anders gesagt: Ohne Verkehrs- und Wärmewende, da hat Schulze recht, wird es auch nichts mit der Energiewende, bleibt Klimaschutz ein leeres Versprechen. So viele Windräder und Solarpaneele kann Deutschland gar nicht aufstellen, um all die SUVs, Lastwagen und Ölheizungen zu kompensieren.

Beispiel Verkehr: Noch immer machen dieselben alten Vorschläge zur Reduzierung der CO 2 - Emissionen die Runde, zuletzt unter Experten der von der Regierung eingesetzten Nationalen Plattform "Zukunft der Mobilität": Kfz- Steuer, Tempolimit, bessere Ladeinfrastruktur. Dabei wären Innovationen dringender denn je. Der Verkehrsbereich verfehlt die Klimaziele der Regierung nicht nur, er konterkariert sie geradezu. Während in allen anderen Sektoren die CO 2 - Emissionen seit 1990 mal stärker, mal weniger stark zurückgingen, stiegen sie bei Pkws seit 1995 um 0,5 Prozent - und bei Lkws um 20 Prozent. Theoretisch müsste dieser Trend in den kommenden Jahren gedreht werden, denn der Verkehrssektor soll seine Emissionen bis 2030 um rund 40 Prozent reduzieren. Praktisch gilt das als nahezu unmöglich. Der Straßenverkehr dürfte weiter zunehmen. Und für radikale Lösungen fehlt politischer Mut: Eine Elektroautoquote für Neuwagen? Bloß nicht! Eine spürbare Verlagerung von Verkehr auf die Schiene? Dirigismus! Statt eine Strategie zu formulieren, faltet man lieber fromm die Hände: Möge sich der Abschied vom Verbrennungsmotor bis 2030 irgendwie vollziehen. Am besten von selbst.

WANDEL, IRGENDWIE

Beispiel Bau: Im Vergleich zu 1990 verursacht der Sektor inzwischen 38 Prozent weniger Emissionen - vor allem, weil alte Kohleöfen und Ölheizungen umgerüstet wurden. Allerdings ist der Schadstoffausstoß seit 2014 wieder leicht gestiegen. 35 Prozent des Energieverbrauchs in Deutschland rühren immer noch daher, dass Menschen ihre Wohnungen heizen und warmes Wasser verbrauchen.

Es ist ein Leichtes, sich vorzustellen, wie E-Autoflotten oder effiziente Maschinenparks einmal die Umwelt schonen werden. Ein Wohnblock aus der Jahrhundertwende oder ein Einfamilienhaus aus den Sechzigerjahren dagegen können im Grunde nur gedämmt und effizient beheizt werden, nichts weiter. Trotzdem glänzt der Gebäudesektor bislang nicht. Schon lange soll die energetische Modernisierung von Gebäuden steuerlich begünstigt werden. Die Idee ist jedoch stets am Widerstand der Länder gescheitert. Eine Gebäudekommission, die Vorschläge entwickeln sollte, wie CO 2 einzusparen sei, wurde von der Bundesregierung gar nicht erst eingesetzt. Auch das Gebäudeenergiegesetz, das bisherige Regeln zusammenbringen soll, kommt nicht voran. Stattdessen bezuschusst die Förderbank KfW noch immer Ölheizungen.

Beispiel Energieerzeugung: Windräder in der Ost- und Nordsee, an den Küsten, in der Eifel und im Hunsrück, Solaranlagen auf Dächern in Brandenburg und Bayern - kein europäisches Land erzeugt so viel Strom aus grünen Quellen wie Deutschland. Gut 36 Prozent der Bruttostromerzeugung stammt aus erneuerbaren Energien.

Trotzdem ist die Energiewirtschaft der größte Klimakiller. Mehr als ein Drittel aller Emissionen in Deutschland (insgesamt 905 Millionen Tonnen Kohlendioxid) kommen aus der Energiewirtschaft, also aus der Strom- und Wärmeerzeugung. Nur um rund vier Prozent gingen die Emissionen in der Energiewirtschaft 2017 im Vergleich zum Vorjahr zurück. Noch immer pusten allein Stein- und Braunkohlekraftwerke 235 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Luft. Keine Frage also: Will Deutschland seine Klimaziele erreichen, muss der Kohleausstieg vollzogen werden. Viel wichtiger aber noch: Der Ausbau von Wind- und Sonnenstrom müsste jährlich etwa 50 Prozent höher ausfallen als bisher.

Beispiel Industrie: Mehr als 20 Prozent aller Kohlendioxidemissionen in Deutschland entfallen auf die Industrie. Energieintensive Industrieanlagen wie etwa Stahlwerke, Chemie- oder Papierfabriken, müssen für jede Tonne CO 2, die sie ausstoßen, ein Emissionszertifikat erwerben. Das soll sie dazu zwingen, ihre Treibhausgasemissionen zu verringern. Doch in 2017 sind die CO 2 - Emissionen der deutschen Industrie im Vergleich zum Vorjahr um 2,5 Prozent auf rund 193 Millionen Tonnen gestiegen. Der Grund: Die gute Konjunktur hat die Produktion angekurbelt. Die Klimaziele der Umweltministerin sind eine gewaltige Herausforderung für die Branche.

Bis 2050 sollen Raffinerien, Zement-, Chemieanlagen und Stahlwerke weitgehend ohne Kohlendioxid auskommen. Ohne eine erhebliche finanzielle Belastung für die deutsche Wirtschaft sei dieses Ziel nicht zu erreichen, warnt der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Man brauche mehr Zeit, um neue chemische Verfahren zu entwickeln, wie man mit weniger Kohlendioxid auskommen kann, heißt es in der Branche.

PLAN STATT PLANWIRTSCHAFT

Immerhin: BASF, Bayer, Linde, Clariant, Akzo Nobel und Evonik arbeiten gemeinsam mit Stahlproduzent Thyssenkrupp an einem Zukunftsprojekt. Das Ziel: Die bei der Stahlerzeugung anfallenden Hüttengase sollen unter Vermeidung von CO 2 - Emissionen in chemische Produkte gewandelt werden. Die Bundesregierung fördert das Projekt. Eine Demonstrationsanlage ist gebaut. Es ist also nicht so, dass die Wirtschaft gegen mehr Klimaschutz wäre. Mitnichten. Das ist auch die Botschaft der Stiftung 2 Grad, in der sich große Firmen wie Telekom, Deutsche Bahn, EnBW und Aldi für den ökologischen Fortschritt engagieren. Stiftungs-Vorstand Sabine Nallinger unterstützt die Umweltministerin: "Ein Klimaschutzgesetz schafft Planbarkeit, nicht Planwirtschaft", und: "Unternehmer brauchen Verbindlichkeit, wenn sie Investitionen anschieben, die über Jahre reichen." Unternehmen in Deutschland profitierten, wenn sich Maßnahmen gegen die Erderwärmung ökonomisch lohnten. "Das Gesetz bereitet den Boden, dass Klimaschutz zum Geschäftsmodell in diesem Jahrhundert wird. Es ist ein wichtiger Schritt, um Deutschland als Standort zukunftssicher zu machen."

Solange die Politik nicht konkret werde, bleibe Unternehmern nur die Möglichkeit, abzuwarten. "Wir haben einen regelrechten Investitionsstau", berichtet Nallinger von ihren Gesprächen mit Wirtschaftsvertretern. Niemand ersetze zum Beispiel in der Stahlindustrie einen alten Hochofen, solange er nicht wisse, welche Regeln demnächst gelten würden. "Unternehmer empfinden es teils als Beleidigung seitens der Politik, dass so lange nichts geschehen ist." Zurzeit herrsche "große Verunsicherung" in der Wirtschaft. "Viele haben Pläne für Innovationen in der Schublade, die aber erst mit einem solchen Gesetz marktfähig werden."

FÜR EINE KLIMAAGENDA 2030

Wenn nicht alles täuscht, ist die Wirtschaft schon weiter als die Regierung - und wartet nur darauf, dass den Klimaschutzappellen eine Politik folgt, die einen ordnungspolitischen Rahmen setzt, die aus einem Guss und auf der Höhe der Zeit ist. Und auch die Wissenschaft marschiert ideenoffen voran. Wann immer etwa Ökonom Christoph Schmidt in den vergangenen Wochen seine Ideen mit Regierungsvertretern oder Parlamentariern besprach, bekam er eine Menge Zuspruch, solange es im Allgemeinen verblieb. Und hörte, wann immer er konkret wurde, zwei Einwände: Das stehe so nicht im Koalitionsvertrag. Oder das sei zu radikal, um mehrheitsfähig zu sein. "Überzeugend finde ich beides nicht", sagt Schmidt. Der Chef der Wirtschaftsweisen hat gemeinsam mit dem Umweltexperten Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung vor wenigen Wochen "Eckpunkte einer CO 2 - Preisreform" vorgelegt. Die beiden Forscher schlagen mit ihrem Konzept eine Brücke zwischen Ökologie und Ökonomie. Beide eint das (politisch verbriefte) Ziel: mehr Klimaschutz und sinkende Treibhausgase. Und beide wollen es mit marktwirtschaftlichen Mitteln erreichen. "Alle für den Klimaschutz relevanten Marktteilnehmer bekämen dasselbe Preissignal", sagt Schmidt. "CO 2 würde eingespart, wo es am schnellsten, einfachsten und effizientesten möglich ist." Kurzum: "Da, wo es sich am meisten lohnt."

EXTERNE KOSTEN INTERNALISIEREN

Schmidt und Edenhofer befinden sich mit ihrem Vorschlag in bester fachlicher Gesellschaft: Der Schweizer Ökonom Ernst Fehr hat gerade erst für eine Kohlenstoffabgabe plädiert, der BDI kann sich erwärmen, die Weltbank und die Chefin des Internationalen Währungsfonds Christine Lagarde sind dafür, sogar manche Energiekonzerne, und in den USA setzen sich mittlerweile mehr als 3400 Ökonomen, darunter die Nobelpreisträger George Akerlof, Robert Solow, Robert Shiller und die ehemaligen Notenbanker Alan Greenspan, Ben Bernanke und Janet Yellen für eine "carbon tax", eine Klimasteuer, ein. Mehr öko-ökonomische Globalwelle geht eigentlich nicht.

Und Berlin? Schulze ist bislang die einzige offene Sympathisantin einer Steuer auf CO 2 in der Bundesregierung. Obwohl die "Internalisierung externer Kosten" ein Klassiker der Wirtschaftstheorie ist. Obwohl eine Klimasteuer als Musterbeispiel einer liberalen Ordnungstaxe durchgeht, die für private Wettbewerber ein "level playing field" herstellt.

Auch im Ressort von Wirtschaftsminister Peter Altmaier gibt es Planspiele für derartige Modelle, doch aus dem Fenster lehnen will man sich hier lieber nicht. Das sei ein "komplexes Thema", sagt Altmaier, wenn man ihn fragt. Es gebe dazu in seinem Haus "keine Denkverbote oder Maulkörbe". Aber, so schiebt er hinterher: Es stehe auch "nicht auf der Tagesordnung". Das ist nicht verwunderlich, wenn man nur die unmittelbaren Folgen einer solchen Reform im Blick hat: Würde der Ausstoß von CO 2 mit einem Preisschild versehen, käme Umweltverschmutzung die Deutschen erst einmal deutlich teurer zu stehen: das Heizen mit Öl etwa, das Autofahren mit Benzin, die Verstromung von Kohle. Bei einem Einstiegspreis von 20 Euro je Tonne CO 2 - Emissionen müsste man mit einem Aufschlag von 4,6 Cent auf den Liter Benzin rechnen, so Schmidt. Und ja: Die Aufschläge träfen, ähnlich wie die Mehrwertsteuer, vor allem Geringverdiener, die relativ mehr Geld für höhere Sprit- und Heizkosten aufwenden müssen.

WO EIN WILLE, DA EIN PREIS

Was jedoch alle übersehen, die mit alarmistischem Blick auf die Gelbwesten- Bewegung in Frankreich vor einer allzu ambitionierten Klimaagenda warnen: Mit den Einnahmen einer CO 2 - Steuer könnten belastete Bürger an anderer Stelle entlastet werden. Die US-Ökonomen zum Beispiel fordern eine Klimadividende ein: Was der Staat an Klimasteuern einnimmt, soll er auch wieder ausschütten. Und weil Reichere das Klima im Schnitt mehr schädigen als Ärmere - mehr Flugreisen, größere Häuser und Autos -, solle eine Klimasteuer bei ihnen auch stärker zugreifen. Und was ist mit der heimischen Wirtschaft? Die würde laut den Plänen der US-Ökonomen von einem "Grenzsteuerausgleich" profitieren: von einer Abgabe auf Importware, in die der CO 2 - Fußabdruck eingepreist sei. Eine Art Schutzzoll? Wohl eher eine Art internationale Klimaordnungspolitik.

Auch der Schmidt-Edenhofer-Plan sieht Transfers der Klimasteuereinnahmen explizit vor, um den Umweltschutz nicht zulasten der Schwachen oder auch auf Kosten von Industriejobs zu organisieren. Im Nachbarland Schweiz, das bereits seit 2008 eine Kohlendioxidabgabe erhebt, werden rund zwei Drittel der Erträge zurückverteilt. Auch skandinavische Länder, Kanada und Großbritannien sind schon forsch vorangeschritten - und haben mit der CO 2 - Steuer schnelle, erstaunliche Erfolge erzielt (siehe Text rechts).

Die Nachbarn zeigen: Die Revolution ist machbar. Auch in Deutschland. Wer das bestätigt bekommen möchte, sollte den Bericht von Angela Merkels Expertenkommission für Forschung und Innovation lesen. Die dringt darauf, eine CO 2 - Steuer einzuführen, da nur so "die vielen schon existierenden innovativen Techniken und Geschäftsmodelle für eine Energiewende auch ihre Wirkung entfalten" könnten.

Oder den kundigen, unaufgeregten Sachstandsbericht über die real existierenden Modelle einiger europäischer Nachbarländer, den schon vor einigen Monaten der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages formulierte. Die vermeintliche Ökoutopie - im Netz ist sie nur ein paar Klicks entfernt.

Klimakiller: Energie

Im Grunde ist die deutsche Energiewende nur eine Stromwende. Und Fotovoltaikanlagen und Windräder sind, was den Klimaschutz angeht, nicht eben effizient. In anderen Sektoren hätte man mit dem investierten Geld der Stromkunden und Steuerzahler ungleich größere CO 2 - Einsparungen erreichen können. Immerhin sind die Fördergelder am Ende sukzessive gesenkt worden - und auch hier gibt es technologischen Fortschritt.

Klimakiller: Wohnen

Immobilien sind der Schlüssel für besseren Klimaschutz. Fast zwei Drittel der 19 Millionen Gebäude wurden vor Ende der Siebzigerjahre gebaut, vor der ersten Wärmeschutzverordnung - und sind nicht oder zu wenig gedämmt. Beim Neubau sind die Standards über Jahre gestiegen. Da wenig neu gebaut wird, ist der Effekt auf die CO 2 - Emissionen aber gering.

Klimakiller: Industrie

Gerade die energieintensive Industrie erreicht Grenzen, jenseits der weitere Einsparungen kaum mehr möglich sind. Experten sprechen von 60 Millionen Tonnen CO 2 - Emissionen jährlich, die prozessbedingt entstehen - und die man schwer vermeiden könne, da das physikalisch- technisch Machbare erreicht sei. Eine Lösung? Die unterirdische Speicherung von Kohlendioxid vielleicht. Die Bundesländer allerdings sind nicht sehr aufgeschlossen.

Klimakiller: Verkehr

Zwar hat die Effizienz bei Motoren zugenommen. Aber dafür sind im Straßenverkehr die Fahrzeuge größer und schwerer geworden. 60 Prozent aller Emissionen des Verkehrssektors entfallen darauf. Experten sagen daher, dass es ohne staatliche Eingriffe nicht gehen wird. Wie wär's mit einer CO 2 - Steuer? Einer höheren Lkw-, vielleicht auch einer Pkw-Maut?

ZITATE FAKTEN MEINUNGEN

"Klimaschutz sollte da stattfinden, wo er sich am meisten lohnt" Christoph Schmidt Vorsitzender der Wirtschaftsweisen

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