RWI in den Medien

Feiner Staub, gewaltige Zahlen

Luftschadstoffe sollen in Deutschland zu enorm vielen "vorzeitigen Todesfällen" führen. Aber was sagt das eigentlich aus?

DIE WELT vom 01.03.2019

Die Zahl klingt beängstigend: 43.000 vorzeitige Todesfälle soll es in Deutschland im Jahr 2015 gegeben haben, weil zu viel Feinstaub und Ozon aus Auspuffabgasen in der Luft waren. Eine Umweltorganisation hat diese Zahl gerade veröffentlicht. Aber was bedeutet diese Zahl eigentlich genau? Der Psychologe Gerd Gigerenzer beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, wie man Menschen zu einem besseren Verständnis von Daten, Wahrscheinlichkeiten und Statistiken verhelfen kann. Er schult unter anderem Ärzte im Umgang mit Risiken und Unsicherheiten, gibt mit zwei Kollegen die "Unstatistik des Monats" heraus und schreibt Sachbücher. Gigerenzer leitet das Harding-Zentrum für Risikokompetenz am Max- Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Ein Gespräch über vorzeitige Todesfälle, verlorene Lebensjahre und die Fähigkeit, Zahlen zu verstehen.

WELT: Wie geht es Ihnen, wenn Sie die Debatte über die Grenzwerte für Luftschadstoffe verfolgen?

Ich bin ein wenig verwundert. Die Werte für Feinstaub und andere Schadstoffe in der Luft gehen in Deutschland seit Jahren nach unten, und die Projektionen vom Umweltbundesamt für 2030 zeigen, dass diese bei Kraftfahrzeugen noch weiter nach unten gehen werden. Es ist erstaunlich, dass wir diese Diskussion jetzt so vehement führen - und sie nicht früher geführt haben.

In Berichten von Umweltschützern klingt die Lage gerade jetzt dramatisch. In dieser Woche erschien eine Analyse einer Organisation aus den USA, die alle Schäden zusammenfasste, die Abgase aus dem Verkehr auf der Welt anrichten: Allein im Jahr 2015 soll die Menschheit 7,8 Millionen Lebensjahre durch das Einatmen dieser Abgase verloren haben.

Das klingt in der Tat dramatisch. Aber was bedeutet diese Zahl eigentlich? Verständlicher wäre es, wenn man die 7,8Millionen Jahre durch die Anzahl der Weltbevölkerung teilen würde - was etwa ein verlorenes Jahr pro 1000 Menschen ergibt. Also im Schnitt etwa acht Stunden pro Person.

Dem Bericht zufolge sollen Abgase aus dem Verkehr den Menschen in europäischen Großstädten sogar mehr gesundheitlichen Schaden zufügen als in Megacitys wie Peking, Mexiko-Stadt oder Neu-Delhi. In diesen Städten käme viel mehr Feinstaub aus anderen Quellen, heißt es zur Erklärung, der Anteil der Abgase aus dem Verkehr sei geringer. Ist diese Rechnung nicht widersinnig - wo die Luft insgesamt besser ist, steigt der Anteil der Toten durch Abgase?

Das haben Sie richtig erkannt. Ich habe mir den Bericht angesehen. Die Autoren rechnen den Anteil der Auspuffabgase aus der Gesamt-Luftverschmutzung heraus, sie nennen diesen Anteil "TAF", transportation-attributable fraction. Die laut Bericht hohen TAF-Werte in Berlin bedeuten nicht, dass hier mehr Feinstaub oder Ozon produziert wird als in Neu-Delhi, sondern dass in Berlin der Anteil der Auspuffabgase an der Gesamt-Luftverschmutzung höher ist. Wenn der Berliner Senat also Maßnahmen ergreift, um die anderen Quellen der Luftverschmutzung zu reduzieren, wird die TAF in Berlin weiter nach oben gehen - und wir kommen noch an die Weltspitze.

In dem Bericht steht noch eine weitere Zahl: Feinstaub und Ozon sollen pro Jahr etwa 43.000 vorzeitige Todesfälle in Deutschland verursachen. Die Angabe "vorzeitige Todesfälle" ist wirklich problematisch. In der Debatte über Luftschadstoffe wird ständig mit diesen "vorzeitigen Todesfällen" argumentiert. Auch in Studien zu anderen Themen findet man sie.

Ja, aber diese Angabe sagt wenig aus darüber, wie groß der Schaden ist, der angerichtet wird. Denn es kommt ja darauf an, wie vorzeitig man stirbt. Lassen Sie mich das an einer Studie erklären, die das Umweltbundesamt im letzten Jahr veröffentlicht hat. Durch die Belastung mit Stickoxiden seien in einem Jahr 6000 Menschen in Deutschland vorzeitig an Herz-Kreislauf-Krankheiten gestorben, hieß es da. Aber wie vorzeitig denn? Sind sie ein Jahr früher gestorben oder nur eine Woche? In der Wissenschaft gibt es seit Langem Debatten darüber, wie sinnvoll es ist, vorzeitige Todesfälle zu berechnen.

Oft ist auch von "verlorenen Lebensjahren" durch die Schadstoffbelastung die Rede.

Das ist vernünftiger, denn damit kann man erfassen, ob die 6000 Herzkranken nun eine Woche früher gestorben sind oder ein Jahr. Nehmen wir ein Beispiel: Sie haben jetzt zwei Gruppen von Personen. Die eine ist vielen Schadstoffen ausgesetzt, die andere lebt in besserer Luft. Die erste Gruppe lebt im Schnitt bis zu einem Alter von 80, die zweite im Schnitt nur bis 79. Dann hätte man durchschnittlich ein verlorenes Lebensjahr. Es kommt aber noch eine Sache hinzu, die solche Angaben kompliziert macht, wenn es um die Gesundheitsschäden durch Luftschadstoffe geht.

Und das wäre?

Man kann vorzeitige Todesfälle und auch die durchschnittlich verlorene Lebenszeit durch Feinstaub oder Stickstoff nicht direkt beobachten. Anders als bei Verkehrsunfällen oder bei Krebserkrankungen. Man braucht Modellrechnungen, die auf Annahmen beruhen. Ob diese der Wirklichkeit entsprechen, wird jedoch selten gefragt.

Welche Angabe würde uns helfen, das Gesundheitsrisiko durch Abgase besser zu begreifen?

Ich würde angeben, wie viel Lebenszeit im Schnitt pro Person verloren geht. Wenn man erfährt, dass Menschen, die einer bestimmten Menge von Schadstoffen ausgesetzt sind, im Schnitt soundso viele Stunden oder Tage verlieren, dann könnte man das Risiko besser verstehen. Aber wir leben in einer Gesellschaft, in der man dazu tendiert, Gefahren zu dramatisieren, statt sie zu erklären. Erinnern Sie sich an die Nachricht, dass mit jeden 50 Gramm Wurst, die Sie täglich essen, Ihr Risiko, Darmkrebs zu bekommen, um 18 Prozent steigt? Einige meiner Freunde haben aufgehört Wurst zu essen.

Ihre Freunde dachten, sicher ist sicher.

Einige meinten, dass von je 100 Wurstessern dann 18 mehr an Krebs erkranken. Nein. Ohne Wurst lag das lebenslange Risiko von Darmkrebs bei 5 Prozent, mit Wurst stieg es auf 5,9 Prozent. Diesen Unterschied kann man als einen absoluten Anstieg von 0,9 Prozentpunkten oder aber als relativen Anstieg von 18 Prozent berichten. Den Unterschied zwischen absolutem und relativen Risiko sollte eigentlich jeder verstehen - aber es gelingt immer wieder, mit relativen Risiken unnötige Angst zu erzeugen.

Wie kann ich nun verstehen, wie gefährlich Stickoxid und Feinstaub sind?

Erstens, die verlorene Lebenszeit - wie acht Stunden im Schnitt durch Feinstaub und Ozon - ist informativer und verständlicher als die Anzahl vorzeitiger Todesfälle. Zweitens, weder verlorene Lebenszeit noch Todesfälle kann man direkt beobachten, sondern diese müssen mithilfe von Modellen abgeschätzt werden. Daher ist eine Zahl wie 6000 vorzeitige Todesfälle nicht genau. In der erwähnten Studie des Umweltbundesamtes war übrigens auch nicht von genau 6000 vorzeitigen Todesfällen die Rede - sondern von etwa 2000 bis 9900 vorzeitigen Todesfällen. Wissenschaftliche Studien geben dieses Intervall auch an. Nur die Pressemitteilung hat es weggelassen. Pressemitteilungen möchten oft Aufmerksamkeit erzeugen. Bei diesem neuen Bluttest gegen Brustkrebs gab es ein ähnliches Problem.

Heidelberger Forscher haben letzte Woche eine angebliche Weltsensation verkündet: Einen Bluttest, der mit einer Genauigkeit von 75 Prozent erkennt, ob eine Frau Brustkrebs hat. Der Test soll auch sehr frühe Vorstufen der Erkrankung erkennen. Ist das nicht ein großer Fortschritt?

Das kann man mit dieser Zahl alleine nicht beurteilen. Sie besagt lediglich, dass der Bluttest den Brustkrebs bei 25Prozent der Frauen übersehen hat. Um zu beurteilen, wie gut ein Test ist, muss man noch etwas ganz anderes wissen.

Was denn?

Man muss die Falschalarmrate kennen. Die wurde von den Forschern aber nicht angegeben.

Warum ist die so wichtig?

Das kann man an einem Beispiel verstehen: Jeder kann einen Test entwickeln, der Krebs zu 100 Prozent erkennt. Das ginge sogar ganz einfach: Der Test ergibt einfach bei jedem Patienten einen Verdacht auf Krebs. Damit würde wirklich kein Fall übersehen! Aber der Test hätte auch eine Falschalarmrate von 100Prozent.

Weil alle Patienten ohne Krebs auch einen verdächtigen Befund erhalten?

Genau. Das Beispiel zeigt, dass man beides wissen muss - Trefferrate und Falschalarmrate. Selbst 100 Prozent Trefferrate sind nicht gut und nicht schlecht. Mit einer hohen Falschalarmrate wäre der Test überhaupt nicht gut. Mit einer Falschalarmrate von einem Prozent wäre es jedoch ein guter Test. Es ist schon verwunderlich, warum diese wesentliche Information den Frauen vorenthalten wird. Dieser Bluttest soll ja Brustkrebs ganz früh erkennen, früher als die Mammografie. Das heißt, wenn eine Frau durch den Test eine solche Diagnose bekäme - Verdacht auf Brustkrebs, in der Mammografie sieht man noch nichts -, dann müsste sie mit diesem Verdacht vielleicht Jahre leben, bevor klar ist, ob sie wirklich Krebs hat.

Eine bedrückende Vorstellung.

Wir alle sollten mehr selbst mitdenken, um informiert und entspannt mit Risiken umzugehen. Jeder sollte wissen, dass es bei der Früherkennung häufig sogenannte falsch-positive Befunde gibt. Je seltener eine Krankheit ist, desto mehr Fehlalarme gibt es übrigens. Man kann sich die Zahlen geben lassen und man kann sie auch verstehen, man muss sich nur ein bisschen Mühe geben. Jeder, der Soduku lernen kann, kann lernen mit Risiken umzugehen.

Hoch