RWI in den Medien

Frühstart mit Hindernissen

Kaum etwas beschäftigt Eltern von Grundschulkindern so sehr wie das richtige Einschulungsalter. Eine aktuelle Studie zeigt, dass jüngere Kinder tatsächlich Nachteile haben. Doch das muss nicht so bleiben.

DIE WELT vom 16.02.2019

Bunte Schultüten bekommt man in Ebsdorfergrund nahe Marburg deutlich öfter zu sehen als im Rest Deutschlands: In der kleinen Gemeinde wird nicht nur einmal, sondern gleich zweimal im Jahr der Schulanfang gefeiert. In der örtlichen Regenbogenschule können Kinder neben dem hessenweiten Starttermin im August auch zum Halbjahreswechsel im Februar eingeschult werden. Unterrichtet wird in altersgemischten Klassen.

Was vor 18 Jahren als Pilotversuch startete, hat sich in der winzigen staatlichen Schule mit ihren derzeit nur 69 Schülern längst zum Dauerbrenner entwickelt. "Unser Vorteil ist, dass wir die Kinder auf diese Weise sehr individuell fördern können", sagt Schulleiterin Bente Weber. "Bei den meisten Eltern kommt dieses Modell gut an." Das dürfte auch daran liegen, dass die Regenbogenschule den Eltern damit in einer ziemlich schwierigen Frage entgegenkommt. Nämlich danach, wann der richtige Zeitpunkt für die Einschulung des eigenen Kindes erreicht ist.

In den meisten Bundesländern beginnt der neue Lebensabschnitt Schule für die Erstklässler jedes Jahr nach den Sommerferien im August. Schulpflichtig sind alle Kinder, die zum Stichtag - je nach Bundesland zwischen dem 30. Juni und 30. September - sechs Jahre alt und schulreif sind. Doch auch jüngere Kinder eines Jahrgangs, die erst nach dem Stichtag sechs werden, also im Herbst oder Winter Geburtstag haben, können als sogenannte Kann-Kinder eingeschult werden. Vorausgesetzt, sie bestehen den Schuleignungstest. Bei ihnen stehen die Eltern häufig vor der kniffeligen Frage, ob ihr Kind die Schulzeit anschließend als einer der Klassenjüngsten oder - im Fall einer Einschulung erst im Folgejahr - lieber als einer der Klassenältesten durchlaufen soll.

Die Frage nach dem Einschulungsalter beschäftigt auch die Wissenschaft schon lange. Doch die Erkenntnisse sind keineswegs eindeutig. Vor allem über die langfristigen Folgen ist wenig bekannt. In einer aktuellen Studie haben Forscher des Essener RWI und der Freien Universität Berlin deshalb noch einmal genauer untersucht, was es bedeutet, als Jüngster einer Klasse eingeschult worden zu sein - und dabei vor allem die Zeit nach der Schulzeit in den Blick genommen.

Das Ergebnis klingt zunächst beruhigend: "Das Alter bei der Einschulung hat im späteren Leben keinen Einfluss auf die Kompetenzen in Mathematik oder das Textverständnis", heißt es in dem Bericht. Auch die Auswirkungen auf den späteren Arbeitsmarkterfolg seien eher gering. "Die schulischen Nachteile, die ein junges Einschulungsalter zunächst tatsächlich mit sich bringt, spielen keine Rolle mehr, wenn die Kinder älter und reifer werden. Auf den späteren beruflichen Erfolg hat es also keinen Einfluss, ob jemand zu den Jüngsten in der Klasse gehörte", sagt Katja Görlitz, Juniorprofessorin an der FU Berlin.

Für ihre Untersuchung griffen die Wissenschaftler auf Daten des Nationalen Bildungspanels von mehreren Tausend Erwachsenen zurück. Die Befragten mussten Testaufgaben in Mathematik sowie zum Leseverständnis und Wortschatz lösen. "Unsere Ergebnisse legen nahe, dass sich Eltern bei normalem Entwicklungsstand ihres Kindes unbesorgt für eine reguläre Einschulung entscheiden können, auch wenn ihr Kind damit zu den Jüngsten in der Klasse gehört", sagt Görlitz.

Ganz frei von Nebenwirkungen ist das allerdings nicht. Gerade beim Wortschatz ergaben sich durchaus Unterschiede, die eben doch jahrzehntelang nachwirken können. So fanden die Forscher heraus: Wer im Klassenzimmer zu den Jüngsten gehörte, hatte auch im Erwachsenenalter im Schnitt einen kleineren Wortschatz. Zudem gehen die jüngeren Kinder einer Klasse im Durchschnitt seltener auf ein Gymnasium. "Dies könnte auch eine Erklärung für den geringeren Wortschatz sein", schreiben die Autoren. Während die Basiskompetenzen in Mathematik und im Leseverständnis in allen Schulformen der Sekundarstufe gleichermaßen vermittelt würden, werde der Wortschatz im Gymnasium vermutlich stärker trainiert.

Trotz der unterschiedlichen Schullaufbahn wirke sich das Einschulungsalter aber nicht auf spätere Bildungsabschlüsse aus. So machten jünger Eingeschulte zwar tendenziell seltener Abitur, aber studierten später genauso wie ihre älteren Mitschüler. Expertin Görlitz erklärt das damit, dass einerseits die jüngeren Kinder die Unterschiede durchaus wettmachen und sich später den Zugang zum Studium über den zweiten Bildungsweg erschließen und andererseits die älteren Kinder, denen die ersten Schuljahre tendenziell zunächst deutlich leichter fielen, in höheren Klassen diesen Vorteil eben nicht mehr hätten und sich dann teilweise auch beruflich anders orientierten.

"Unterm Strich kann man sagen: Jünger Eingeschulte haben es gerade in den ersten Jahren der Schulzeit tatsächlich schwerer als ihre älteren Klassenkameraden. Über die Zeit gleichen sich die Unterschiede aber an", sagt Görlitz. "Eltern können zudem bewusst gegensteuern und mit ihren Kindern etwa viel lesen und unbekannte Wörter in Texten erklären, um mögliche Lücken beim Wortschatz gar nicht erst entstehen zu lassen."

Wie sich darüber hinaus eine vorzeitige Einschulung auswirkt, bei der die Kinder also noch deutlich jünger sein können als die klassischen Kann-Kinder eines Jahrgangs, lässt sich anhand der Forschungsergebnisse bisher nicht sagen. Und auch auf die Frage, was eigentlich das minimale Einschulungsalter sein sollte, hat die Wissenschaft bislang noch keine eindeutige Antwort gefunden.

Wie sehr die Entscheidung für die Einschulung mit fünf, sechs oder sieben Jahren dabei auch gewissen pädagogischen Trends unterliegt, zeigt der Blick in die Einschulungsstatistik. Im Zeitreihenvergleich ab 1992 wird deutlich, dass vorzeitige Einschulungen bis Mitte der 90er-Jahre eher selten vorkamen. Nur 2,6 Prozent aller Erstklässler wurden damals vorzeitig eingeschult. Die Wende kam nach der Jahrtausendwende: Nach dem Pisa-Schock, bei dem deutsche Schüler denkbar schlecht abschnitten, stieg die Zahl der vorzeitigen Einschulungen rasant. Im internationalen Vergleich zu alt und dann auch noch schlecht ausgebildet - angesichts solcher Sorgen entschieden sich damals deutlich mehr Eltern als zuvor, ihr Kind vorzeitig an der Grundschule anzumelden. Im Jahr 2003 waren es schon mehr als neun Prozent des damaligen Einschulungsjahrgangs, die vorzeitig in ihre Schullaufbahn starteten.

In den vergangenen Jahren hat sich der Trend allerdings erneut gedreht. Im Jahr 2017 - aktuellere Daten sind noch nicht verfügbar - sank die Quote der vorzeitig Eingeschulten auf 2,4 Prozent. Parallel dazu stieg die Zahl der Kinder, bei denen die Eltern den Schulbesuch um ein Jahr zurückstellten. Dahinter dürfte auch die Sorge vieler Eltern stecken, ihr Kind durch eine zu frühe Einschulung womöglich dauerhaft zu überfordern und ihnen einen Teil ihrer unbeschwerten Kindergartenzeit zu nehmen.

Für Bente Weber, die Schulleiterin an der Regenbogenschule, lässt sich die Frage nach dem richtigen Einschulungsalter ohnehin nicht verallgemeinern. "Es gibt Kinder, die sind mit fünf Jahren schon extrem fit, und Kinder, die ganz regulär mit sechs oder sechseinhalb eingeschult werden und dann trotzdem noch etwas mehr Zeit brauchen. Wichtig, ist, dass die Eltern, Lehrer und Erzieher das für jedes Kind ganz individuell herausfinden", sagt sie. Ein flexibles Einschulungsdatum erleichtert diese Entscheidung. Als Blaupause für ein mögliches bundesweites Modell sieht die Pädagogin ihre Schule trotzdem nicht. "Wir wollen nun wirklich niemandem unser Modell überstülpen. Zumal man so ein Konzept dann ja auch mit Leben füllen muss."

Auch in Ebsdorfergrund gelingt das keineswegs immer, was durchaus auch demografische Gründe hat. Zum Halbjahreswechsel im Februar jedenfalls gab es diesmal keine Einschulungsfeier: Es hatte sich schlicht kein Herbst- oder Winterkind aus dem Einzugsgebiet angemeldet

Hoch