RWI in den Medien

Sommerkinder, Winterkinder

Welche langfristigen Folgen hat das Einschulungsalter?

Die Zeit vom 07.02.2019

Wie essenziell das Geburtsdatum eines Kindes sein kann, erschließt sich einem erst, wenn man selbst Vater oder Mutter ist. Und zwar nicht etwa, wenn man den Kindergeburtstag des Winterkindes jedes Jahr aufs Neue drinnen absolvieren muss. Sondern insbesondere dann, wenn beim Sommerkind die Entscheidung ansteht: Ist es schon schulreif, obwohl es kurz nach dem Stichtag für die Einschulung geboren ist? Wird es sich langweilen als Kita-Ältester? Oder wird es als Klassenküken in der Schule überfordert sein?

Die bisherige Forschung legt in vielen Studien nahe, dass man einem Kind kaum etwas Schlimmeres antun kann, als es zu früh einzuschulen. Jüngere Schüler sind ihren älteren Klassenkameraden unterlegen in Mathe, beim Schreiben und Lesen - über die ersten Klassen hinaus. Sie werden häufiger gemobbt und sind unglücklicher. Die Erkenntnis, dass die Jüngeren es gerade zu Beginn im Schnitt schwerer haben, kommt für Eltern offenbar nicht völlig überraschend: Während Politiker und Bildungsökonomen in den vergangenen Jahren daran arbeiteten, das Einschulungsalter zu senken, reagierten Mütter und Väter darauf, indem sie ihre Kinder vermehrt haben zurückstellen lassen. Wer möchte seinem Nachwuchs schon einen Startnachteil bescheren?

Druck aus der Entscheidung scheint nun eine aktuelle Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung zu nehmen, die der ZEIT vorab vorlag. Wissenschaftler haben dafür Daten von Erwachsenen im Alter zwischen 23 und 71 Jahren ausgewertet. Sie konnten nachweisen, dass das Alter bei der Einschulung keinen langfristigen Einfluss auf die Kompetenzen in Mathematik oder auf das Textverständnis hat. Einzig der Wortschatz bleibt auch im Erwachsenenalter geringer. Das könnte, so die Wissenschaftler, daran liegen, dass die jünger Eingeschulten seltener aufs Gymnasium wechseln, wo der Wortschatz vermutlich stärker trainiert werde als in den anderen Schulformen. Auf die späteren Bildungsabschlüsse wirkt sich das Einschulungsalter jedoch nicht aus - schlussendlich studieren die Jüngeren genauso häufig wie ihre älteren Mitschüler. »Eltern können sich unbesorgt für eine reguläre Einschulung entscheiden, wenn ihr Kind normal entwickelt ist«, schließt daraus Katja Görlitz, Co-Autorin der Studie und Juniorprofessorin für Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, »auch wenn es zu den Jüngsten in der Klasse gehört.«

Das klingt beruhigend, hilft Familien im nervenaufreibenden Schulalltag aber kaum weiter. Wen interessiert, dass das Kind später kein Lohngefälle zu seiner älteren Mitschülerin zu befürchten hat, wenn noch weitere zermürbende Schuljahre vor ihm liegen?

Dass im Erwachsenenalter keine gravierenden Nachteile für die jünger Eingeschulten mehr messbar sind, entbindet Bildungspolitiker und Schulentwickler nicht von der Pflicht, den Schulstart für alle Kinder eines Jahrgangs sinn­ voll und gerecht zu gestalten. Und zwar über willkürlich hin- und hergeschobene Stichtage hinaus, die sich auch noch von Bundesland zu Bundesland un­terscheiden. Sommer- und Winterkinder wird es aller Voraussicht nach ja im­mer geben.

Hoch