RWI in den Medien

Es braucht mehr engagierte Väter

Männer in Elternzeit: Positive Auswirkungen auf die Bindung zum Kind und den Familienfrieden.

Hannoversche Allgemeine Zeitung vom Sonnabend/Sonntag, 2./3. Februar 2019

Windeln wechseln, füttern, ins Bett bringen – immer mehr Väter nehmen Elternzeit, um näher an ihren Schützlingen zu sein. Diese Auszeit aus dem Beruf zahlt sich in familiärer Hinsicht aus – und zwar vor allem auf zwischenmenschlicher Ebene. Zu diesem Ergebnis ist der Wirtschaftswissenschaftler Marcus Tamm gekommen. In einer aktuellen Studie des RWI-Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung hat er festgestellt, dass Väter, die sich eine Auszeit fürs Kind nehmen, auch später mehr Zeit mit ihrem Kind verbringen werden. Außerdem helfen sie mehr im Haushalt.

Der Chef war für die Auszeit offen

Wilson ist einer dieser Väter. 2013 stand die Geburt seines ersten Sohnes Tayo bevor. Sein Chef war sehr offen für die väterliche Auszeit. Also blieb Wilson direkt nach der Geburt für zwei Monate mit Frau und Kind daheim. Zweieinhalb Jahre später kam der zweite Sohn zur Welt. Wieder beantragte Wilson Elternzeit, dieses Mal allerdings für vier Monate, denn seine Frau wollte früher in den Beruf zurückkehren. Bei der zweiten Elternzeit war es dann deutlich aufwendiger: „Es war eine spannende Erfahrung für mich, was es bedeutet, wenn man wirklich mal den Alltag und beide Kinder hat.“

Grundsätzlich wurde das Elterngeld in Deutschland schon 2007 eingeführt. Es soll Eltern finanziell unterstützen, die nach der Geburt intensiver für ihr Kind da sein wollen und deshalb beruflich pausieren. Den Eltern stehen gemeinsam 14 Monate zu, die sie frei untereinander aufteilen können. Ein Elternteil kann dabei mindestens zwei und höchstens zwölf Monate Elterngeld in Anspruch nehmen. Alleinerziehenden stehen die vollen 14 Monate zu. Wie viel gezahlt wird, hängt vom monatlichen Nettoeinkommen des betreuenden Elternteils ab und liegt bei etwa 65 Prozent davon. Parallel zur Einführung des Elterngeldes hat das Bundesfamilienministerium eine Studie in Auftrag gegeben. Ein Ergebnis: Nahmen vor 2007 gerade einmal 3 Prozent der Väter eine berufliche Auszeit, geht heute ein Drittel aller Väter in Elternzeit.

Es findet ein Rollenwandel statt

Auch die langfristigen Auswirkungen sind für Wirtschaftswissenschaftler Tamm erstaunlich: „Insgesamt zeigt die Studie, dass bei Vätern, die mindestens zwei Monate oder mehr Elternzeit genommen haben, ein Rollenwandel stattzufinden scheint und dass auch nach Auslaufen des Elterngeldes diese Väter sich mehr in die Kinderbetreuung und auch mehr in die Familie miteinbringen.“ Nach ihrer Elternzeit seien die Väter deutlich aktiver, wenn es um den gemeinsamen Haushalt gehe.

Dass diese Väter per se motivierter sind, wenn es um familiäres Engagement geht, kann Tamm ausschließen. Anhand seiner Studie konnte er belegen, dass es Väter gibt, die vor 2007 ein Kind bekommen hatten und nicht pausiert haben. Dann – nach Einführung des neuen Elterngeldes – haben dieselben Väter bei weiteren Kindern die Auszeit genutzt. Wieder ließ sich ein deutlicher Anstieg bei der Einbindung in die Familie nachweisen, der – laut Tamm – bei Vätern ohne Elternzeit beim zweiten oder dritten Kind nicht besteht: „Das ist ein Indiz für mich, dass es durchaus auf die Elternzeit zurückzuführen ist.“

Auch vor 2007 gab es eine finanzielle Förderung für Eltern in Form des sogenannten Erziehungsgeldes, das über zwei Jahre gezahlt wurde. Nach einem Jahr konnten die Eltern tauschen. Aber ein gesamtes Jahr musste von einem Elternteil allein getragen werden. Beim heutigen Elterngeld können beide Partner die Monate flexibler aufteilen und sogar zeitgleich Elternzeit nehmen. Das macht das Angebot für die Väter deutlich attraktiver. „Dadurch, dass die Politik sagt, zwei Monate sind explizit für die Männer reserviert, ist das für die Väter gegenüber ihren Arbeitgebern ein wichtiges Argument zu sagen, dass es gesellschaftlich gewünscht ist“, betont der Wirtschaftswissenschaftler.

Kleinkind braucht Erfahrung mit Vater

Aus psychologischer Sicht findet Ulrich Schmitz die Entwicklung nur positiv. Entscheidend ist für den Kölner Therapeuten, „dass die Bindungsvertiefung viel früher und dadurch auch intensiver stattfinden kann“. Der Mann sei durch die Elternzeit in das ganze Haushalts- und Bindungsgeflecht eingebunden. „Ansonsten kommt er abends nach der Arbeit nach Hause und fühlt sich irgendwie nur angedockt.“ Dem kann Psychologe Wolfgang Krüger aus Berlin nur zustimmen. In den ersten zwei Jahren entstünde beim Kind das Urvertrauen, erklärt er: „Gerade dann braucht ein Säugling die Erfahrung mit dem Vater, in der das Kind ja sehr existenziell auf Hilfe angewiesen ist. Das ist die Zeit, in der ein Kind spürt, wie sehr es jemandem vertrauen kann.“

Außerdem wirkt sich Elternzeit auch positiv auf die Partnerschaft aus. Viele Mütter macht es besonders unglücklich, wenn Väter sich bei den Kindern und im Haushalt nicht engagieren. Aus skandinavischen Ländern ist bekannt, dass die Ehen deutlich besser laufen, wenn es ein gerechtes Miteinander gibt – zu Hause und auf Berufsebene.

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