RWI in den Medien

„In fünf Jahren wird es noch viel dramatischer“

Gesundheitsexperte Augurzky über die Fehler im Kliniksystem.

Rhein-Zeitung Koblenz vom 01.02.2019

Der Insolvenzantrag der Katharina-Kasper-ViaSalus-Gesellschaft in Dernbach (Westerwaldkreis) ist ein Schock. Sind die Probleme des Trägers mehrerer Kliniken und Seniorenzentren exemplarisch für die Lage im Land? Im Gespräch mit Prof. Boris Augurzky, Gesundheitsexperte des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen, wirft unsere Zeitung einen Blick auf ein kränkelndes System.

Im Westerwald geht ein Träger mehrerer Kliniken in Insolvenz, im Kreis Altenkirchen stehen Hunderte Patienten ohne Arzt da, in Kusel will das Westpfalz- Klinikum Betten abbauen. Herr Augurzky, liegt das rheinland-pfälzische Gesundheitssystem auf der Intensivstation?

Nicht nur in Rheinland-Pfalz. Im Kern geht es um die Frage: Haben wir genug Personal für die Versorgung? Das ist ein generelles Problem. Aber ja, es trifft ländliche Räume wie in Rheinland-Pfalz – oder in den neuen Bundesländern – härter. Letztendlich ist das, was Sie schildern, nur der Vorbote für das, was uns in den kommenden zehn Jahren so richtig blüht.

Was schätzen Sie: Wie viele Kliniken im Land sind krank?

Laut unseren Daten aus dem Jahr 2016 dürften etwa 10 Prozent der Kliniken von einer Insolvenz bedroht sein. Seitdem hat sich die Situation verschlechtert. Es könnten also mittlerweile mehr sein.

Ein erschreckender Befund.

Nicht unbedingt – es kommt drauf an, wo es Kliniken trifft. Wenn in Städten wie Frankfurt oder Düsseldorf Kliniken wegfallen, ist das für die Bevölkerung nicht so relevant. Im Gegenteil: 10 Prozent weniger würde in Ballungszentren sogar helfen, die wirtschaftliche Situation der anderen zu verbessern. Sorgen muss man sich in Fällen wie aktuell beim Mittelmosel-Klinikum in Zell machen. Dort gibt es einen Sicherstellungszuschlag, weil es drum herum offenbar keine Alternativen gibt. Im Zweifel muss man über diesen Zuschlag neu verhandeln. Aber nicht nur. Es muss auch überlegt werden, wie man solche Häuser besser mit anderen vernetzt. Und der ambulante Bereich muss für den täglichen kleinen Notfall ausgebaut werden. Im Übrigen: Dass, wie bei ViaSalus, nun ein Träger mit vor allem kleineren Häusern betroffen ist, überrascht mich nicht.

Weil die weniger robust sind?

Kleinere Kliniken auf dem Land oder kleinere Kliniken in Städten, die sich nicht spezialisieren, haben Probleme. In den Ballungsgebieten ist der Wettbewerb extrem hart, auf dem Land finden Sie keinen Nachwuchs. Dass sich das bei ViaSalus 2018 so verschlechtert hat, deckt sich mit den Erwartungen. Wir haben festgestellt, dass 2017 die Patientenzahlen in Deutschland gesunken sind. So wie es in Zell wohl der Fall war. So bekommen Sie Kostensteigerungen beispielsweise beim Personal nicht abgedeckt.

Krankt es auch am Patienten? Viele gehen in große Kliniken statt in die kleine am Ort.

Ja, in Teilen schon. Manchmal geht die Hälfte der Menschen, die ins örtliche Krankenhaus gehen könnte, lieber woanders hin. Was aber auch wahr ist: Manche Angebote gibt es auf dem Land nicht – und bisweilen ist es eine Qualitätsfrage, gerade bei nicht so alltäglichen Erkrankungen.

Blickt man auf den Fall ViaSalus, dann fallen drei Symptome auf: fehlendes Personal, fehlende Patienten, fehlendes Geld für Investitionen. Ist das ein bekanntes Krankheitsbild?

Ja, diese Probleme treffen fast alle Kliniken ähnlich. Aber die Auswirkungen sind unterschiedlich. Prinzipiell müssen sie Gewinne anstreben, auch als gemeinnütziger Träger. Sonst können sie ihre nötigen Investitionen nicht finanzieren. Die Besonderheit im Gegensatz zum kommunalen Träger ist aber, dass bei konfessionellen keine Kommune helfend einspringt.

Sind die konfessionellen Träger anfälliger?

In unseren Analysen ist es so, dass die im Gegensatz zu den kommunalen sogar besser wirtschaften. Aber die kommunalen Träger in reichen Landkreisen bekommen gegebenenfalls Hilfe von ihrem Kreis, die frei-gemeinnützigen Träger nicht. Das verdeckt die Probleme bei den kommunalen Trägern mitunter – obgleich es ihnen im Durchschnitt schlechter geht.

Das Krankheitsbild haben wir ausführlich beschrieben. Und wie kurieren wir das Ganze nun?

Das ist leider nicht so einfach. Es gibt nicht das eine Mittel, das alles heilt. Bleiben wir beim Beispiel ViaSalus. Die Verbundbildung, die dort betrieben wurde, ist eine gute Sache. Das Problem in dem speziellen Fall scheint mir nur zu sein, dass die Einrichtungen so weit voneinander entfernt sind. Eine Zusammenarbeit von Kliniken in Zell und Düsseldorf im medizinischen Bereich ist halt sehr schwierig. Aber generell: Einige Träger setzen auf die Verknüpfung von Pflege und Klinken, das ist sinnvoll. Da verteilt sich das Risiko. Manchmal finanziert die Pflege Verluste der Kliniken oder umgekehrt.

Kann die Telemedizin lindern?

Sie kann helfen, aber nur als einer von vielen Bausteinen. Dafür bräuchten wir unter anderem einen vernünftigen Breitbandausbau auf dem Land – und damit sind wir dann beim nächsten Problem.

Wie lässt sich das Problem sonst noch behandeln?

Das größte Problem ist und bleibt die Knappheit an Personal. Sie finden einfach nicht genug. Und das fängt jetzt erst an. Das wird in fünf Jahren noch viel dramatischer.

Wäre da nicht mehr Geld aus der Politik die beste Medizin?

Nicht unbedingt. Nehmen wir das Beispiel der Ärzte. Früher ging ein Chefarzt irgendwo hin, sein Ehepartner ging mit. Das ist heute anders, heute wollen oder müssen beide arbeiten. Da wird es für den ländlichen Raum mit weniger passenden Arbeitsangeboten schwierig. Und ein ganzes Gehalt kann der Staat nun nicht ausgleichen, das funktioniert nicht. Dasselbe gilt für kulturelle Angebote. Nur weil in einem Krankenhaus auf dem Land Stellen besetzt werden müssen, kann der Staat nicht überall neue kulturelle Einrichtungen finanzieren.

Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler will die Grenzen zwischen stationärer und ambulanter Versorgung einreißen. Hilft das?

Das würde helfen, andere Länder wie Dänemark oder Spanien machen das. Da sind die Sektoren nicht getrennt. In Dänemark gibt es rund 30 Prozent weniger Krankenhausfälle pro Einwohner, weil dort mehr ambulant gemacht und besser gesteuert wird. Die Kernfrage ist: Kriegen wir es hin, die Bevölkerung genauso gut zu versorgen, aber mit weniger Aufwand? Was könnten wir alles ambulant erbringen? Wo hilft Prävention?

Hoch