RWI in den Medien

Das teure Benzin hat die Deutschen kaum gebremst

Eine Bilanz der Monate mit besonders hohen Benzinpreisen zeigt: Der Kraftstoffabsatz fiel niedriger als im Vorjahr aus. Aber viele Autofahrer mussten hohe Preise wohl einfach schlucken.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24.01.2019

Benzin ist an Deutschlands Tankstellen wieder deutlich günstiger geworden. Ein Liter Diesel kostet im Schnitt 1,234 Euro je Liter, das sind 0,5 Cent weniger als in der Vorwoche. Und ein Liter Super E10 kostet 1,314 Euro, das sind 2,1 Cent weniger als vor einer Woche. "Seit Mitte November sind sowohl Benzin als auch Diesel um rund 22 Cent je Liter billiger geworden", berichtet der Autoclub ADAC. Damals hatten die Kraftstoffpreise den höchsten Stand seit mehreren Jahren erreicht.

Eine spannende Frage bleibt dabei, wie stark der Benzinpreis eigentlich auf das Fahrverhalten der Deutschen wirkt: Sind die Autofahrer in den Monaten, in denen das Benzin so ungewöhnlich teuer war, womöglich weniger gefahren? Das ist auch deshalb interessant, weil es derzeit wieder eine Debatte darüber gibt, ob Benzin aus Umweltgründen viel teurer werden müsste. Immerhin hat eine Regierungskommission vorgeschlagen, die Steuersätze auf Diesel und Benzin anzugleichen und anzuheben. Der Preis für einen Liter Sprit könnte sich so bis zum Jahr 2030 um 52 Cent erhöhen. Schon in den neunziger Jahren hatten die Grünen gefordert, Benzin müsse fünf Mark je Liter kosten - bei umgerechnet rund drei Mark für Super E10 waren Deutschlands Tankstellen im Oktober und November 2018 angekommen.

Wenn man sich die amtlichen Mineralöl- Daten des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle betrachtet, die immer mit zeitlicher Verzögerung veröffentlicht werden, dann wurde im Oktober und November 2018 in Deutschland durchaus weniger Kraftstoff verkauft als in denselben Monaten des Vorjahres. So wurden im Oktober 1,53 Millionen Tonnen Benzin verkauft und 3,28 Millionen Tonnen Diesel. Im Vorjahresmonat waren es 1,54 Millionen Tonnen Benzin und 3,31 Millionen Tonnen Diesel gewesen, also etwas mehr.

Allerdings: Der Mineralölwirtschaftsverband (MWV), der die Ölunternehmen vertritt, gibt zu bedenken, dass der Verkauf von Sprit in Deutschland mehr oder minder das ganze Jahr 2018 über niedriger gewesen sei als im Vorjahr - nicht nur in der Phase, als das Benzin besonders teuer war. Das könnte dafür sprechen, dass die geringere Benzinnachfrage eher mit anderen Entwicklungen zusammenhängen könnte als unmittelbar mit dem Preis, beispielsweise mit dem geringeren Verbrauch von Fahrzeugen aufgrund technischen Fortschritts. Zwischen den Monaten September und Oktober, als die extrem hohen Preise an Deutschlands Tankstellen einsetzten, ist der Kraftstoffabsatz jedenfalls nicht gefallen, sondern sogar leicht gestiegen. Stark gesunken ist hingegen der Absatz von Diesel im Dezember, allerdings war der Kraftstoff da schon zumindest nicht mehr durchgängig so teuer.

Die Variable, mit der Ökonomen die Reaktionen von Verbrauchern auf höhere Öl- und Benzinpreise beschreiben, ist die sogenannte Preiselastizität der Nachfrage. Sie gibt an, um wie viel sich auf eine Preisänderung von Öl und Benzin die nachgefragte Menge ändert. Die Internationale Energieagentur (IEA) hat versucht, solche Elastizitäten zu ermitteln: Für die globale Ölnachfrage liege diese Elastizität bei minus 0,04. Das bedeutet, bei einer Ölnachfrage von knapp 100 Millionen Barrel (Fass zu 159 Liter) je Tag führt ein Preisanstieg um 10 Prozent bei sonst gleichen Bedingungen zu einer Verringerung der Ölnachfrage um 0,4 Prozent oder 400 000 Barrel am Tag. In Deutschland hingegen liege die Preiselastizität der Nachfrage nach Benzin bei etwa minus 0,4, meint Manuel Frondel vom Wirtschaftsforschungsinstitut RWI in Essen. Bei einer Benzinpreiserhöhung um 10 Prozent sinke die Kraftstoffnachfrage um etwa 4 Prozent. Dieser Wert gelte aber "eher langfristig".

Auch andere Benzinfachleute, etwa vom ADAC, sagen aus den Erfahrungen der Vergangenheit, dass der Benzinverbrauch kurzfristig eher wenig auf den Preis reagiert, längerfristig aber schon. Man kann sich das so vorstellen: Viele Leute brauchen ihr Auto, weil sie damit zur Arbeit fahren oder etwa die Kinder in die Schule bringen. Eine Wahlmöglichkeit haben sie vor allem, wenn ein neues Auto angeschafft wird, oder wenn sie die Entscheidung treffen, ob sie tägliche Wege mit dem Auto oder dem öffentlichen Nahverkehr zurücklegen. Auch die Entscheidung über das für den Urlaub gewählte Verkehrsmittel kann preisabhängig sein.

Für Unternehmen dagegen bedeuten höhere Kraftstoffpreise höhere Kosten für ihre Produktion oder Dienstleistung - hier lässt sich beispielsweise in wirtschaftlichen Krisen beobachten, dass weniger Diesel-Kraftstoff verbraucht wird. Zwar reagieren die Unternehmen auch auf höhere Kraftstoffpreise, das hängt aber offenbar sehr davon ab, um wie viel teurer der Kraftstoff wird und wie lange eine solche Hochpreisphase anhält. In den Ölkrisen der siebziger Jahre beispielsweise waren durchaus erhebliche Reaktionen von Unternehmen auf das teure Öl zu beobachten - jetzt weniger. Denn der Preisanstieg fiel diesmal auch nicht so stark aus, und die Konjunktur zeigte sich relativ robust. Gleichwohl hieß es zum Beispiel vom Paketdienst DHL, dass die Fahrer häufiger tanken und Benzin bunkern sollten, weil zeitweise nicht alle Tankstellen alle Kraftstoffsorten anboten. Auch sonst sind sie angehalten, keinen Kraftstoff zu verschwenden - von Anweisungen, wegen des teuren Benzins grundsätzlich weniger zu fahren, war aber nichts zu hören.

Hoch